Aylin Şahin https://www.tiefgang.net Fri, 05 Jun 2026 13:25:37 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Die Unendlichkeit der Liebe https://www.tiefgang.net/die-unendlichkeit-der-liebe/ Fri, 05 Jun 2026 12:20:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13969 [...]]]> Elf Ausstellungen in acht Museen bilden das Fundament der 9. Triennale der Photographie in Hamburg, die unter der künstlerischen Leitung des Londoner Kurators Mark Sealy eröffnet wurde.

Vom 4. bis 14. Juni 2026 versammeln die Opening Days im Festivalzentrum der Deichtorhallen sowie an zahlreichen weiteren Orten 279 künstlerische Positionen aus aller Welt. Das Großereignis, das seit 1999 maßgeblich von der Behörde für Kultur und Medien getragen wird, versucht unter dem Leitmotiv „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ eine Bestandsaufnahme globaler Krisenherde und gesellschaftlicher Bruchlinien. Damit stellt sich die Frage nach der ökonomischen und politischen Relevanz des Mediums in einer durch digitale Bildströme hypergesättigten Aufmerksamkeitsökonomie.

Die schiere Skalierung des Festivals verdeutlicht den institutionellen Willen, Hamburg als führenden Knotenpunkt im internationalen Kunstmarkt zu verankern. Fotografie fungiert hierbei nicht mehr nur als rein ästhetisches Exponat, sondern als Seismograph globaler Machtverschiebungen. Die Kuratierung bricht bewusst mit westlich zentrierten Narrativen und inkludiert gezielt bisher übersehene Stimmen, was dem Festival eine neue inhaltliche Tiefe verleiht. Dr. Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, verweist auf die historische Kontinuität und Dimension des Projekts: „Seit mittlerweile 27 Jahren zählt die Triennale zu den bedeutendsten Fotofestivals Deutschlands – initiiert 1999 von F.C. Gundlach, dem 2021 verstorbenen visionären Fotografen, Sammler und Gründungsdirektor des Hauses der Photographie.“ Diese Tradition schlägt sich heute in den 11 Ausstellungen nieder, die versuchen, den inhärenten Wert des physischen Bildes gegen die inflationäre Entwertung in den sozialen Netzwerken zu verteidigen.

Das Paradoxon des Jahres 1948

Im Zentrum der konzeptionellen Ausrichtung steht ein historisches Paradoxon, das die Ambivalenz des Mediums Fotografie seit jeher prägt: die Gleichzeitigkeit von humanistischem Aufbruch und geopolitischer Verhärtung. Kurator Mark Sealy nutzt diese historische Bruchlinie als intellektuellen Kompass für die gesamte Triennale und bettet sie in einen größeren gesellschaftlichen Kontext ein: „Es gibt eine einfache, wunderschöne Zeile aus einem Lied, das viele vermutlich kennen – ‚Nature Boy‘, 1948 von eden ahbez geschrieben und durch Nat King Cole berühmt geworden: ‚The greatest thing you’ll ever learn is just to love – and be loved – in return.‘ “ Und ergänzt: Wenn man einmal kurz das Jahr bedenkt, in dem dieses Lied entstand – 1948: Das Jahr, in dem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurde. Aber auch das Jahr, in dem die Apartheid in Südafrika gesetzlich verankert wurde. Das Jahr der Berlin-Blockade schenke uns das Jahr 1948 sowohl Hoffnung als auch Leid. Es schenke uns ein Liebeslied – und eine Welt, die Mauern errichtet. „Und diese Spannung, dieses Paradoxon, liegt im Kern der Fotografie.“

Die hier sichtbare Dialektik zwischen Dokumentation und Instrumentalisierung zieht sich durch die Hauptausstellungen. Die gezeigten Arbeiten untersuchen, wie visuelle Repräsentation Identitäten konstruiert, aber auch wie dieselben Bilder als Werkzeuge der Überwachung oder Ausgrenzung dienen können.

Ein wichtiges Korrektiv zur musealen Institutionalisierung bildet die „Triennale Expanded“. Mit ihren 15 Projekten spiegelt sie die Dynamik der freien Foto- und Kunstszene Hamburgs wider. Während die großen Museen als Plattformen für etablierte Spitzenkunst agieren, zeigt sich in den dezentralen Projekten der Expanded-Schiene die unmittelbare Verhandlung urbaner Transformationen. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, betont den Netzwerkcharakter dieses Ansatzes: „Die 9. Triennale der Photographie wird erneut einen Sommer lang ein Netzwerk der Fotografie in Hamburg spannen. Sie soll unter der künstlerischen Leitung von Mark Sealy die Kraft der Vielfalt, das Potenzial unseres Zusammenhalts und die Wirksamkeit der Liebe als politischer Handlung erkunden.“

Dieser politische Anspruch muss sich jedoch an der Realität messen lassen: Inwieweit gelingt es den Bildern, über den Kreis eines ohnehin Bildungsbürger*innen-Milieus hinauszuwirken? Das dichte Begleitprogramm aus interdisziplinären Veranstaltungen mit der Stadtkuratorin Hamburg, der Tanztriennale und dem Kurzfilm Festival Hamburg unternimmt zumindest den strukturellen Versuch, die Grenzen der traditionellen Kunstvermittlung aufzubrechen.

Ob die Fotografie in einer Zeit der KI-generierten Hyperrealität ihre Funktion als verlässliches Dokument der Wirklichkeit behaupten kann oder ob sie sich endgültig in den Status einer nostalgischen Kunstform zurückzieht, bleibt die drängende Frage, die über diesen Hamburger Sommer hinausweist.

Termine, Orte und Programmdetails:

Die Opening Days mit intensivem Diskurs- und Performanceprogramm finden vom 4. bis 14. Juni 2026 statt. Die Hauptausstellungen sind in den kommenden Monaten für das Publikum geöffnet. Zentraler Ort: Festivalzentrum in den Deichtorhallen Hamburg sowie acht beteiligte Hamburger Museen und Kunstinstitutionen im Rahmen des Eröffnungsparcours. 15 Projekte der „Triennale Expanded“ öffnen parallel in verschiedenen Hamburger Stadtteilen.


Tiefgang statt Bezahlschranke!

Dir ist dieser Artikel ein paar Euro wert?

Mit einer Spende du uns, weiterhin unabhängig über die Kulturszene zu berichten.

Konto Kulturspinnerei, GLS Bank, IBAN: DE42 4306 0967 1117 3871 00, Betreff: „Tiefgang“

]]>
10 Stipendien für das Hamburger Ökosystem https://www.tiefgang.net/10-stipendien-fuer-das-hamburger-oekosystem/ Tue, 28 Apr 2026 22:27:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13706 [...]]]> Die Hamburger Kreativ Gesellschaft startet über ihre Initiative nextMedia.Hamburg das neue Förderprogramm „Creator Lift“, um zehn ambitionierte Creator*innen gezielt mit der regionalen Medien- und Digitalbranche zu vernetzen.

Das Programm zielt darauf ab, die Arbeit der Teilnehmenden zu professionalisieren und sie in die bestehenden Wertschöpfungsketten zu integrieren. Damit reagiert der Standort Hamburg auf eine zentrale Schwachstelle der aktuellen Creator Economy: die Diskrepanz zwischen immenser Reichweite und oft volatiler unternehmerischer sowie journalistischer Substanz. In einem Marktumfeld, das durch algorithmische Volatilität und sinkende Grenzerträge gekennzeichnet ist, stellt diese Maßnahme eine gezielte Investition in die Humankapital-Infrastruktur dar.

Der Fokus liegt auf der Transformation von reiner Content-Produktion hin zu skalierbaren Geschäftsmodellen. Während die Einstiegshürden in soziale Netzwerke gegen Null tendieren, steigen die Kosten für die langfristige Etablierung einer Marke – die sogenannten Customer Acquisition Costs (CAC) – im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen rapide an. Das Programm setzt hier mit Modulen zu Entrepreneurship und Brandaufbau an. Die finanzielle Förderung von 1.500 Euro pro Teilnehmer*in ist dabei eher als symbolisches Startkapital denn als vollwertige Anschubfinanzierung zu werten; der wahre ökonomische Hebel liegt im Zugang zum Innovationsraum SPACE und den Netzwerkkontakten zu Branchengrößen wie Google, der Funke Mediengruppe oder OMR.

Bemerkenswert ist die strategische Verknüpfung von journalistischem Handwerk mit unternehmerischem Kalkül. In einer Zeit, in der herkömmliche Medienhäuser mit schwindenden Bindungsraten bei jüngeren Zielgruppen kämpfen, fungieren Creator*innen als effiziente Distributoren mit hoher Vertrauensrendite. Die Einbindung von Expert*innen wie Amelie Marie Weber von der „Tagesschau“ oder dem Top-Creator „Herr Anwalt“ in die Jury verdeutlicht die Absicht, regulatorische und ethische Standards des klassischen Journalismus auf die ökonomisch agilen Akteur*innen der neuen Medien zu übertragen. Es handelt sich um den Versuch, eine Qualitätssicherung zu etablieren, die in der unregulierten Plattformökonomie bisher Seltenheitswert besitzt.

Co-Creation als strategische Allianz

In der zweiten Phase des Programms, die von Juli bis Dezember 2026 läuft, wird die rein edukative Ebene verlassen und in die praktische Anwendung überführt. Die Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen wie Rocketbeans.TV oder der Pilot Agenturgruppe deutet auf ein Co-Creation-Modell hin, das beiden Seiten dient: Die Creator*innen erhalten Zugang zu professionellen Produktionsmitteln, während die etablierten Medienhäuser von der Innovationskraft und der Zielgruppennähe der Talente profitieren. Dieser Austausch minimiert das Risiko von Fehlinvestitionen in Formate, die am Markt vorbei produziert werden.

Letztlich bleibt abzuwarten, ob die Selektion von lediglich zehn Teilnehmenden ausreicht, um eine kritische Masse für den Standort Hamburg zu generieren. Die Initiative markiert jedoch den Punkt, an dem die Stadtverwaltung und die Privatwirtschaft anerkennen, dass die Creator Economy kein flüchtiges Phänomen der Aufmerksamkeitsökonomie mehr ist, sondern ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor, der nach institutioneller Rahmung verlangt. Die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit solcher Kleinst-Förderungen im globalen Wettbewerb der Plattformen bleibt die nächste große Unbekannte.


Bewerbung und Fristen:

Interessierte Creator*innen können ihre Bewerbung für den „Creator Lift“ bis zum 31. Mai 2026 über das offizielle Portal von nextMedia.Hamburg einreichen: www.nextmedia-hamburg.de/programme/creator-lift/



Tiefgang statt Bezahlschranke: Dir ist dieser Artikel ein paar Euro wert? Mit einer Spende via PayPal hilfst du uns, weiterhin unabhängig über die Kulturszene zu berichten.


]]>