Carsten Leufelt-Schultz https://www.tiefgang.net Mon, 15 Jun 2026 15:46:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 St. Paulis Beton-Ikone erneuert ihre Haut https://www.tiefgang.net/st-paulis-beton-ikone-erneuert-ihre-haut/ Tue, 16 Jun 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14020 [...]]]> Es gibt Orte in Hamburg, an denen die Fassade mehr erzählt als das, was sich dahinter abspielt. Das Gruenspan an der Großen Freiheit ist so ein Ort.

Seit 1969 fungiert das rund 600 Quadratmeter große Wandbild von Dieter Glasmacher und Werner Nöfer als visuelles Manifest eines Stadtteils, der sich dem Stillstand verweigert. Nun steht das Gebäude vor einer Zäsur: Sanierung, Erweiterung, Neuanfang. Und mit ihm das Kunstwerk, das längst zur DNA des Kiezes gehört.

Lange Zeit glich die Frage nach dem Umgang mit dem Wandbild in der Großen Freiheit einem ideologischen Grabenkrieg. Auf der einen Seite die Denkmalschützer, die jede Nuance des Originals für die Nachwelt konservieren wollten. Auf der anderen Seite die Künstler selbst: Glasmacher und Nöfer. Sie wehrten sich gegen eine museale Starre. Ihr Argument war stets: „Kunst für alle“ war 1969 der Aufbruch, nicht die Einbalsamierung.

Dass nun – 56 Jahre später – eine Lösung gefunden wurde, die beide Wege beschreitet, ist bemerkenswert. Das historische Wandbild wird unter einer neuen Fassadenstruktur gesichert; auf der Erweiterungsfläche entsteht jedoch eine Neufassung. Die Künstler greifen nach über fünf Jahrzehnten erneut zum Pinsel. Es ist eine künstlerische Fortschreibung, die den Dialog zwischen dem rebellischen Geist der 60er Jahre und der heutigen Ästhetik von St. Pauli sucht.

Martin Sowinski von der Sprinkenhof GmbH bezeichnet das Gruenspan-Wandbild als eines der größten Street-Art-Objekte Europas. Das ist keine Übertreibung, sondern eine Einordnung, die den kunsthistorischen Rang unterstreicht. Das Original, dessen Entwürfe im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle lagern, war ein Fanal gegen den grauen Beton der Nachkriegszeit.

Die neue Fassade muss nun leisten, was die alte seit Jahrzehnten tut: den Kontrast zwischen Werner Nöfers geometrisch-abstrakter, politischer Strenge und Dieter Glasmachers spielerisch-poetischer Figürlichkeit auszuhalten. Die rote Haarpracht der ikonischen Figur, der warnende Blitz – diese Elemente sind in den Stadtraum eingeschrieben. Durch die Erweiterung um die neuen Anbauflächen wird das Gruenspan zu einem monumentalen Palimpsest, auf dem die Schichten der Zeit lesbar bleiben.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda spricht treffend von einem „lebendigen Denkmal“. Die Sanierung des Gruenspan ist kein bloßes Bauprojekt; sie ist ein Bekenntnis. In einer Stadt, die oft dazu neigt, ihr Erbe unter Glas zu legen, setzen Glasmacher und Nöfer ein Zeichen der Kontinuität durch Veränderung.

Wenn die Künstler heute – gealtert, aber in ihrer Handschrift ungebrochen – ihre Arbeit fortsetzen, dann ist das weit mehr als nur ein „Nachbessern“. Es ist der Beweis, dass St. Pauli seinen Freiheitsdrang nicht eingebüßt hat. Das neue, erweiterte Wandbild wird zeigen, ob der Geist von 1969 auch in den 2020er Jahren noch Biss hat. Das Gruenspan bleibt damit, was es immer war: ein lautstarker Widerspruch gegen den architektonischen Gleichschritt.


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Wenn der Backstein swingt https://www.tiefgang.net/wenn-der-backstein-swingt/ Fri, 29 May 2026 22:25:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13944 [...]]]> Es gibt Tage, an denen die Hamburger Speicherstadt mehr ist als nur eine beeindruckende Kulisse für Smartphone-Bilder. Wenn die Kontorhäuser ihre Geschichte nicht nur in Stein meißeln, sondern im Takt von Lindy Hop mitschwingen, dann ist wieder UNESCO-Welterbetag.

von Carsten Leufelt-Schulz

Am 7. Juni 2026 lädt Hamburg dazu ein, das, was wir täglich als selbstverständlich zwischen Fleet und Klinker wahrnehmen, neu zu entdecken – unter dem Motto „Gemeinsam für Frieden und Verständigung“.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist das Kesselhaus am Sandtorkai. Wo einst Dampfmaschinen das Herz der Speicherstadt antrieben, schlägt am 7. Juni das kulturelle Herz der Stadt. Von 11 bis 19 Uhr verwandelt sich der Industriebau in einen Resonanzraum für Geschichte, Musik und Dialog.

Musikalisch wird es dabei alles andere als museal. Güneş und Marcus von HappyFeet Swing bringen den Geist der 1920er und 30er Jahre zurück auf das Pflaster der Speicherstadt. Wer den Rhythmus spüren will, ist um 15 Uhr beim Einführungskurs für Einsteiger*innen bestens aufgehoben. Wenn ab 16 Uhr „The Savoy Stompers“ gemeinsam mit der kalifornischen Sängerin Tiffany die Tanzparty eröffnen, trifft die Schwere der historischen Speicher-Architektur auf die Leichtigkeit des Swing – ein Kontrast, der Hamburgs weltoffene Identität perfekt widerspiegelt.

Wer die architektonischen Schätze der Stadt tiefergehend verstehen möchte, findet im Führungsprogramm fundierte Einblicke. Experten beleuchten ab 11, 13 und 15 Uhr die Welterbe-Kriterien der Speicherstadt und führen durch die Kontorhaus-Giganten wie das Chilehaus oder den Sprinkenhof.

Auch für das jüngere Publikum ist gesorgt: Während Familien bei speziellen Führungen (11 und 15 Uhr) erfahren, warum Wände in der Speicherstadt so dick sind und was Architektur mit Gewürzen zu tun hat, präsentiert das Allee Theater um 14 Uhr einen Ausschnitt aus der „Kleinen Zauberflöte“. Eine spielerische Hommage an die Hochkultur, die zeigt, dass Oper keine elitäre Angelegenheit ist.

Ein besonderer Clou des Tages ist der Blick über den Hamburger Tellerrand hinaus. Das Weltnaturerbe Wattenmeer ist zwar gut 100 Kilometer entfernt, doch am Welterbetag rückt es in die Speicherstadt. Auf einer geführten Wanderung durch die Innenstadt ziehen Experten Parallelen zwischen den Hamburger Brutvogelarten und dem artenreichen Wattenmeer. Es ist ein kluger Kniff, der daran erinnert, dass unser städtisches Welterbe – Speicherstadt und Kontorhausviertel – untrennbar mit dem ökologischen Erbe der Nordsee verbunden ist.

Das UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen ergänzt das Programm im Kesselhaus um eine globale Perspektive. Mit spielerischen Einblicken in die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wird das Welterbe zum Lernort für eine Welt von morgen.

Der UNESCO-Welterbetag zeigt, dass Denkmalpflege weit mehr ist als nur der Erhalt von Fassaden. Es ist ein Forum für Begegnung. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es empfiehlt sich lediglich, rechtzeitig vor Ort zu sein, um die Führungen in Ruhe zu genießen. Ein Tag, der dazu einlädt, das „gemeinsame Erbe“ nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu erleben.

So., 7. Juni 2026, 11 – 19 Uhr, zentraler Ort: Kesselhaus, Am Sandtorkai 30

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei

Weitere Infos: www.welterbe.hamburg


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Träume aus und in Beton https://www.tiefgang.net/traeume-aus-und-in-beton/ Thu, 30 Apr 2026 09:49:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13751 [...]]]> Endlich geht es los! Am 4. Mai verwandelt sich unsere Stadt wieder in ein riesiges Labor für Ideen, Träume und Beton. Auf Kampnagel fällt der Startschuss für den 11. Hamburger Architektur Sommer, und eines ist jetzt schon klar: Langweilig wird es nicht.

In den nächsten drei Monaten erwarten uns rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 Orten. Von der HafenCity bis nach Harburg, von Ausstellungen bis zu tanzenden Paraden – die ganze Stadt wird zur Bühne für Baukultur.

Was diesen Sommer so besonders macht? Er ist für alle da. Christoph Winkler vom Vorstand des Architektur Sommers betont, dass das Festival als bewusst nicht kuratierte Plattform eine demokratische Annäherung ermöglicht. Hier bestimmen die Akteur*innen selbst, was wichtig ist. Es ist ein offener Diskursraum, der die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Oder wie Senatorin Karen Pein es formuliert: Das Festival trägt dazu bei, Architektur und Stadtentwicklung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Heilen statt Abreißen

Ein zentraler Schwerpunkt des diesjährigen Programms liegt auf der „Transformation und dem Erhalt von Bestandsimmobilien“. Die beteiligten Planer*innen und Architekt*innen thematisieren dabei die Notwendigkeit, das Bauen im Bestand als ökologische und soziale Aufgabe zu begreifen. Die Ausstellung „Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand“ im Urbaneo illustriert diesen Ansatz durch die Präsentation von Methoden des zirkulären Bauens. Als konkrete Beispiele für eine gelungene Transformation führt das Programm Projekte wie das Gängeviertel oder den Gröninger Hof an. Ziel der Fachleute ist es aufzuzeigen, wie durch den Erhalt der baulichen Substanz auch die Identität städtischer Quartiere gesichert werden kann.

Die Stadt von morgen gehört den Jungen

Die Einbindung der nachfolgenden Generationen stellt einen weiteren Schwerpunkt dar. Unter dem Titel „Junger Hamburger Architektur Sommer“ werden etwa 30 Programmpunkte angeboten, die speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind. Zentraler Anlaufpunkt für dieses Segment ist das Mitmach-Architekturzentrum Urbaneo am Strandkai. Das Ziel besteht darin, jungen Planer*innen baukulturelle Zusammenhänge spielerisch zu vermitteln und sie zur Entwicklung eigener städtebaulicher Visionen anzuregen. Damit soll die Grundlage für eine aktive Teilhabe an künftigen Gestaltungsprozessen der Stadt gelegt werden.

Leben am und auf dem Wasser

Die Auseinandersetzung mit den Wasserflächen als Bestandteil der Hamburger Stadtentwicklung bildet ein weiteres zentrales Motiv. Die Planer*innen richten ihren Blick dabei auf die Wechselwirkungen zwischen der bebauten Stadt und den angrenzenden Gewässern. Ein programmatischer Höhepunkt ist die für September angekündigte internationale Konferenz „WATER_CITY“. Im Rahmen dieser Fachveranstaltung setzen sich Expertinnen mit städtebaulichen Visionen sowie der künftigen Nutzung der Hamburger Wasserlagen auseinander.

Bereits im Vorfeld bietet das Programm Formate an, um die Stadt gezielt vom Wasser aus zu erfahren. Unter dem Titel „Rauf aufs Wasser!“ werden verschiedene Aktionen und Exkursionen zusammengefasst, die neue Perspektiven auf die urbanen Wasserflächen eröffnen sollen. Im Fokus stehen dabei neben ästhetischen Fragestellungen auch ökologische Aspekte und die soziale Zugänglichkeit der städtischen Uferzonen.

Rahmenbedingungen und Umfang des Festivals

Der 11. Hamburger Architektur Sommer beginnt am 4. Mai mit einer Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel. Über einen Zeitraum von drei Monaten finden im gesamten Stadtgebiet rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 unterschiedlichen Orten statt. Die Geografie der Events erstreckt sich dabei von der HafenCity bis nach Harburg. Christoph Winkler, Vorstandsmitglied des Architektur Sommers, charakterisiert das Format als eine bewusst nicht kuratierte Plattform. Dieser Aufbau ermöglicht es den teilnehmenden Akteur*innen, ihre Themen eigenständig zu setzen und so die baukulturelle Vielfalt der Stadt abzubilden.

Senatorin Karen Pein unterstreicht die Funktion des Festivals als Brücke zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit. Das Programm soll dazu dienen, komplexe Themen der Stadtentwicklung für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich und diskutierbar zu machen.

Service und Information:

Zentraler Anlaufpunkt für Besucher*innen ist der Info Pavillon am Strandkai, der vom Kollektiv Studio Frugal Bauen entworfen wurde. Es handelt sich um eine nachhaltige Holzkonstruktion, deren Fassade mit Birkenrinde verkleidet ist. Der Pavillon ist während der dreimonatigen Laufzeit täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Dort ist auch das vollständige Programmheft erhältlich, das zudem online über die offizielle Webseite des Architektur Sommers eingesehen werden kann: https://www.architektursommer.de/.



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Hamburgs steinernes Gedächtnis https://www.tiefgang.net/hamburgs-steinernes-gedaechtnis/ Sun, 05 Apr 2026 22:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13579 [...]]]> Wer durch Hamburg spaziert, sieht oft nur Fassaden, Fenster und Dächer. Doch für den Denkmalverein Hamburg sind diese Mauern lebendige Erzählungen.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Steine zu bewahren, sondern die Geschichten und die Identität unserer Stadt zu schützen. In einer Zeit, in der Abrissbirnen oft schneller schwingen als der Denkmalschutz greifen kann, fungiert der Verein als wachsame Stimme und leidenschaftlicher Fürsprecher für das baukulturelle Erbe. Das Ziel ist klar: Hamburg soll seine Geschichte nicht unter Glasvitrinen verstecken, sondern sie als aktiven Teil der modernen Stadtentwicklung begreifen.

Denkmalschutz als Mitmach-Projekt

Das aktuelle Programm des Vereins zeigt eindrucksvoll, dass Denkmalschutz alles andere als staubig ist. Er ist eine Einladung zum Entdecken, Mitdiskutieren und sogar zum Mitradeln. Besonders im Rahmen des 11. Hamburger Architektur Sommers entfaltet der Verein ein Programm, das die Vielfalt der Hamburger Baukultur feiert – von der düsteren Geschichte ehemaliger Gefängnisse bis hin zum greifbaren Stolz auf unsere wissenschaftlichen Kathedralen.

Ein Highlight im Kalender ist die Auseinandersetzung mit der Hamburger Sternwarte in Bergedorf. Hier stellt sich die spannende Frage: Ist dieses Observatorium von 1912 eigentlich reif für das Weltkulturerbe? Es geht dabei nicht nur um Teleskope, sondern um die Frage, wie wir mit Orten umgehen, die seit über einem Jahrhundert unseren Blick in die Unendlichkeit prägen.

Zwischen Mahnung und Moderne

Dass Denkmalschutz auch harte gesellschaftliche Arbeit bedeutet, zeigt die Vorstellung des Bauhefts 50 über das Hüttengefängnis. Hier wird Architektur zum Mahnmal für die Brüche der NS-Zeit. Der Verein scheut sich nicht davor, auch die unbequemen Orte der Stadt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Gleichzeitig blickt er mutig nach vorn: Das Projekt Photovoltaik für die ehemalige Viktoria-Kaserne beweist, dass historische Bausubstanz und modernster Klimaschutz kein Widerspruch sein müssen. Es ist genau diese Neugier und Begeisterungsfähigkeit, die den Verein auszeichnet: Er bewahrt das Alte, um das Neue besser zu machen.

Für alle, die Denkmalschutz lieber in Bewegung erleben, bietet die DenkMalNacht-RadTour die perfekte Gelegenheit. Auf dem Sattel geht es zu kreativen Freiräumen wie dem Gängeviertel – Orte, die ohne den Einsatz engagierter Bürger*innen längst verschwunden wären. Und wenn es brenzlig wird, wie beim geplanten Abriss der Wohnhäuser an der Alster 65-67, wird der Verein politisch und unterstützt Petitionen, um bezahlbaren Wohnraum und historische Substanz gleichermaßen zu retten.

Der Denkmalverein Hamburg ist somit weit mehr als ein Zusammenschluss von Expert*innen. Er ist ein Netzwerk für alle, die Hamburg lieben und die Stadt als ein gewachsenes Kunstwerk verstehen, das wir für die kommenden Generationen behutsam weiterbauen müssen.

Termine und Hintergründe

  • Buchvorstellung & Vortrag: Bauheft 50 „Hüttengefängnis“; Donnerstag, 23. April 2026, 18 Uhr | Teehaus Große Wallanlagen: Herbert Diercks spricht über Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses.Anmeldung: Über die Website des Vereins erforderlich.
  • Führung: Hamburger Sternwarte – Weltkulturerbe?; Donnerstag, 23. April 2026, 18.30 Uhr | Sternwarte Bergedorf: Astrophysiker Prof. Dr. Liske führt über das Gelände und diskutiert das Potenzial zum Weltkulturerbe.Anmeldung: Per E-Mail an peter.keller@kiwanis-hh.de.
  • DenkMalNacht-RadTour; Samstag, 2. Mai 2026, 18 bis 21.30 Uhr: Radtour zu Räumen für Kreative (u.a. Gängeviertel) mit Infos per Telefonkonferenz (Smartphone & Kopfhörer nötig).Anmeldung: Bis 25. April unter denkmalnacht@baukunstbildung.de.
  • Tempelruine Poolstraße: Ausstellung & Führungen | Mai bis Juli 2026 (Vernissage am 27. April um 18.30 Uhr)Inhalt: Freilichtausstellung jeden Mittwoch (17-19 Uhr); geführte Begehungen am 18. Mai, 15. Juni und 20. Juli. Anmeldung: Für Begehungen unter tempel-poolstrasse@steg-hamburg.de.
  • Vernissage: Hamburger Flachbauten | Donnerstag, 7. Mai 2026, 19 Uhr |FREELENS Galerie, Alter Steinweg 15: Künstlerische Fotografien von Peter Bruns und Claas Möller über die oft unterschätzten eingeschossigen Bauten der Stadt.
  • Engagement & Info :Petition gegen Alster-Abriss: Infos unter nein-zum-alster-abriss.de. Audio-Vortrag „Retro“: Der spannende Vortrag von Valentin Groebner steht als Mitschnitt auf der Website des Vereins bereit.
  • Weitere Infos und Mitgliedschaft: denkmalverein.de

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Baukultur als sanfte Medizin https://www.tiefgang.net/baukultur-als-sanfte-medizin/ Wed, 01 Apr 2026 22:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13573 [...]]]> Wenn Stadtplaner*innen heute von Baukultur sprechen, dann schwingt oft eine fast therapeutische Hoffnung mit. Lange Zeit wurde Architektur als eine Disziplin der Fassaden und der Effizienz begriffen – ein Wettrüsten der Glasfronten und eine Optimierung der Quadratmeterpreise. Doch in den Feuilletons des Jahres 2026 hat sich der Diskurs verschoben.

Healing Architecture: Die Vermessung des Wohlbefindens

Ein spannender Aspekt, der derzeit die Fachwelt elektrisiert, ist die Neuroarchitektur. Hier wird nicht länger geraten, ob ein Raum bedrückend wirkt; man misst es. Studien zur Healing Architecture, die aktuell durch Preise wie den Healing Architecture Award 2026 neue Aufmerksamkeit erhalten, zeigen deutlich: Die Art der Lichtführung, die Raumhöhe und sogar die Haptik von Materialien wie Holz oder Lehm können den Cortisolspiegel senken.

Wenn wir über Healing Architecture sprechen, verlassen wir das Feld der bloßen Dekoration und betreten das Labor der Psychologie. Es geht um die Erkenntnis, dass Gebäude nicht nur Schutzhüllen sind, sondern Wirkstoffe, die wie eine Medizin auf unser Nervensystem einwirken. Wer verstehen will, wie Räume den Blutdruck senken oder die Wundheilung beschleunigen können, findet heute eine fundierte wissenschaftliche Basis vor, die weit über subjektives Empfinden hinausgeht.

Der Urknall dieser Bewegung war die legendäre Studie von Roger Ulrich aus dem Jahr 1984. Er bewies statistisch, dass Patient*innen nach einer Gallenblasenoperation schneller gesundeten und weniger Schmerzmittel benötigten, wenn ihr Zimmer einen Ausblick auf Bäume statt auf eine triste Backsteinwand bot. Diese Erkenntnis legte den Grundstein für das Evidence-Based Design (EBD).

Wer heute tiefer graben möchte, sollte sich mit der Arbeit von Forscher*innen wie Prof. Dr. Tanja C. Vollmer und Prof. Dr. Christine Nickl-Weller an der TU Berlin beschäftigen. Ihre Konzepte zur Architekturpsychologie untersuchen, wie Stress im Krankenhaus durch räumliche Orientierung und atmosphärische Qualität minimiert werden kann.

Lektüre für Wissensdurstige

Für den Einstieg in die wissenschaftliche Begründung der Architekturpsychologie sind folgende Werke unverzichtbar. Sie verbinden architektonische Gestaltung mit medizinischer Evidenz.

  • Healing Architecture: Architektur | Herausgeber*innen: Christine Nickl-Weller und Hans Nickl Verlag: Braun Publishing ISBN: 978-3-03768-140-4

Dieses Buch gilt als eines der Standardwerke. Es analysiert, wie Krankenhäuser und Gesundheitsbauten durch Licht, Raum und Materialität den Heilungsprozess unterstützen können. Link zum Verlag: braun-publishing.ch

  • Architekturpsychologie: Eine Einführung | Autor*innen: Tanja C. Vollmer und Gemma Koppen Das Werk dieser Pionierinnen der Neuroarchitektur beschäftigt sich mit den „heilenden Sieben“ – also sieben Variablen wie Orientierung, Geruch oder Privatheit, die unsere Gesundheit im Raum beeinflussen. Tanja C. Vollmer publiziert regelmäßig über das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die TU Berlin.
  • Publikationen der Initiative Zukunft Bau: Hier finden sich oft aktuelle Forschungsberichte zu innovativen Materialien und deren Wirkung auf das Raumklima.
  • Baukulturbericht der Bundesstiftung: Dieser liefert regelmäßig Analysen dazu, wie die Qualität unserer gebauten Umwelt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Gesundheit beeinflusst.

Termine 2026

Für das Jahr 2026 gibt es einige markante Fixpunkte, an denen Expert*innen und Interessierte zusammenkommen, um die Zukunft des gesundheitsfördernden Bauens zu diskutieren:

  • The Healing Arts – Forging Alliances of Arts & Medicine |18. bis 20. Juni 2026, Berlin (martas Gästehäuser am Hauptbahnhof)

Ein internationaler Kongress, der die Schnittstelle zwischen Architektur, Kunst und Medizin beleuchtet. Besonders spannend ist hier der Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen. Tickets: Healing Arts Congress Berlin

  • Biennale Arte 2026 (Venedig) | 9. Mai bis 22. November 2026, Venedig (Giardini und Arsenale)

Auch wenn 2026 ein Kunst-Jahr ist, verschwimmen die Grenzen zur Architektur zusehends. Viele Pavillons widmen sich dem Thema des menschlichen Wohlbefindens in einer krisengebeutelten Welt. Ein Besuch lohnt sich, um die atmosphärische Wirkung von Räumen in extremen Installationen zu studieren. Tickets: La Biennale di Venezia

  • Ausstellung zum DAM Preis 2026; Aktuell laufend (Frühjahr 2026) | Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main

Hier werden die besten Bauten des Jahres in Deutschland präsentiert. Ein Schwerpunkt liegt 2026 auf dem „pragmatischen Weiterbauen“ und Projekten mit sozialem Mehrwert, wie etwa dem prämierten Umbau des ehemaligen Güterbahnhofs in Berlin-Moabit. Das DAM bietet oft Wechselausstellungen an, die die soziale Verantwortung der Architektur beleuchten. Ein Blick in das aktuelle Programm lohnt sich immer, um die theoretische Debatte visuell aufbereitet zu sehen. Infos: dam-online.de

Video

Gute Baukultur ist also demnach kein Luxus für Ästhet*innen, sondern eine Form der präventiven Gesundheitsfürsorge. Wenn Architektur uns die Luft abschnürt, dann oft deshalb, weil sie die menschliche Evolution ignoriert. Monotone Betonwüsten ohne visuelle Reize lösen in unserem Gehirn Stresssignale aus. Im Gegensatz dazu fördern organische Formen und die Integration von Natur – oft unter dem Schlagwort Biophilic Design zusammengefasst – die Konzentration und die mentale Erholung.

Wenn Architektur atmen soll, dann ist Biophilic Design wie die Lunge des Gebäudes. Lange Zeit hielten wir es für ausreichend, eine Topfpflanze in die Ecke eines fensterlosen Konferenzraums zu stellen und das Ganze als naturnah zu deklarieren. Doch echtes biophiles Design geht tiefer. Es basiert auf der Hypothese des Biologen E.O. Wilson, dass der Mensch eine angeborene Sehnsucht nach der Verbindung mit der Natur hat. In einer Welt, in der wir 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen verbringen, wird die Architektur zum entscheidenden Faktor für unser biologisches Gleichgewicht.

Die drei Säulen der Naturverbundenheit

Es geht beim biophilen Gestalten nicht nur um das Sichtbare. Es ist eine multisensorische Strategie, die Planer*innen in drei Kategorien unterteilen:

  1. Natur im Raum: Hierbei geht es um den direkten Kontakt. Das sind das Tageslicht, die Brise am offenen Fenster, das Rauschen von Wasser oder die Präsenz von echten Pflanzen. Es geht um die Unvorhersehbarkeit der Natur – das Spiel von Schatten, die sich mit dem Sonnenstand bewegen.
  2. Natur-Analogien: Wenn echte Natur nicht möglich ist, helfen Stellvertreter. Wir sprechen von organischen Formen, Fraktalen (sich wiederholende Muster, wie man sie bei Farnen oder Eiskristallen findet) und natürlichen Materialien wie Holz, Stein oder Leder. Unser Gehirn erkennt diese Muster und reagiert mit Entspannung.
  3. Natur des Raumes: Das beschreibt die psychologische Dimension. Wir brauchen Orte des Rückzugs (die Höhle), aber auch Orte mit Weitblick (die Savanne). Ein gut gestaltetes Atrium gibt uns das Gefühl von Freiheit, während eine gemütliche Nische Sicherheit vermittelt.

Neue Aspekte: Fraktale und die Jagd nach dem Cortisol

Ein besonders spannender Forschungszweig untersucht derzeit die Wirkung von Fraktalen. Studien zeigen, dass das Betrachten von Mustern mit einer bestimmten mathematischen Komplexität (wie sie etwa in Baumkronen vorkommen) die Stressreaktion des Gehirns innerhalb von Sekunden um bis zu 60 Prozent senken kann. Architekt*innen nutzen dieses Wissen heute, um Fassaden oder Teppichmuster zu entwerfen, die das Auge nicht ermüden, sondern regenerieren.

Ein weiterer Trend ist das Circadiane Licht. Hierbei wird die künstliche Beleuchtung im Gebäude exakt an den Rhythmus der Sonne angepasst – von kühlem Blau am Morgen bis zu warmem Rot am Abend. Das stabilisiert unseren Hormonhaushalt und verhindert das typische Nachmittagstief in gläsernen Bürotürmen.

Lektüre rund ums Biophilic Design

Wer wissenschaftliche Hintergründe schwarz auf weiß nachlesen möchte, dem empfehle ich diese Standardwerke:

  • Biophilic Design: The Theory, Science and Practice of Bringing Buildings to Life | Autoren: Stephen R. Kellert, Judith Heerwagen, Martin Mador Verlag: Wiley ISBN: 978-0-470-16374-0

Dieses Buch ist die Bibel der Bewegung. Es verbindet theoretische Grundlagen mit Fallstudien und zeigt, wie Nachhaltigkeit und Wohlbefinden zusammenhängen. Link: wiley.com

  • Nature by Design: The Practice of Biophilic Design | Autor: Stephen R. Kellert Verlag: Yale University Press ISBN: 978-0-300-21453-6

Kellert beschreibt hier sehr anschaulich, wie die Prinzipien in der Praxis umgesetzt werden können, ohne dass ein Gebäude wie ein Dschungel aussehen muss. Link: yalebooks.yale.edu

Termine und Messen 2026

Wer biophiles Design und moderne Baukultur live erleben möchte, sollte sich diese Termine im Kalender markieren:

  • Light + Building 2026 | 8. bis 13. März 2026 | Messe Frankfurt

Hier liegt ein starker Fokus auf dem circadianen Licht und der intelligenten Vernetzung von Gebäudetechnik mit menschlichen Bedürfnissen. Ein Muss für alle, die Licht als Baustoff verstehen wollen. Tickets & Info: light-building.messefrankfurt.com

  • GreenTech Amsterdam 2026 | 9. bis 11. Juni 2026 | RAI Amsterdam

Eigentlich eine Messe für Gartenbautechnologie, wird sie für Architekt*innen immer relevanter, da hier die neuesten Systeme für vertikale Gärten und Urban Farming präsentiert werden – die Hardware für das biophile Bauen. Info: greentech.nl

  • IFLA World Congress 2026 (International Federation of Landscape Architects) |28. bis 30. Oktober 2026 | Hongkong

Der weltweit wichtigste Kongress für Landschaftsarchitekt*innen. Hier werden die Konzepte der „Schwammstadt“ und der Integration von großflächiger Natur in urbane Ensembles diskutiert. Info: iflaworld.com

Biophiles Design ist kein Trend für ein paar Jahre, sondern eine Rückbesinnung auf das, was uns als biologische Wesen ausmacht. Es ist der Versuch, die Stadt nicht gegen die Natur, sondern als Teil von ihr zu begreifen.

Umbaukultur: Reparieren statt Abreißen

Ein weiterer zentraler Punkt im aktuellen Diskurs ist die sogenannte Umbaukultur. Die Bundesstiftung Baukultur, die 2026 ihr 20-jähriges Bestehen feiert, betont immer wieder: Das nachhaltigste Gebäude ist das, das bereits steht. Der Fokus verschiebt sich weg von der gläsernen Luxus-Fassade in Berlin-Mitte hin zum respektvollen Umgang mit dem Bestand.

Dabei geht es um mehr als nur Ökologie. Es geht um Identität. Ein Viertel, das radikal entkernt und durch gesichtslose Neubauten ersetzt wird, verliert seine Geschichte – und die Bewohner*innen verlieren ihre Verankerung. Umbaukultur bedeutet, den Charme des Alten zu bewahren und ihn funktional in die Zukunft zu führen. Das schenkt den Menschen ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit, was in einer immer volatileren Welt ein wichtiges Gegengift zur kollektiven Erschöpfung darstellt.

Bestand ist das neue Gold

Umbaukultur ist also weit mehr als das Sanieren alter Mauern. Es ist die radikale Erkenntnis, dass die Zukunft unserer Städte bereits gebaut ist. Die Bundesstiftung Baukultur hat diesen Begriff geprägt, um den Fokus von der glitzernden Grundsteinlegung hin zur wertschätzenden Weiterentwicklung des Vorhandenen zu lenken.

Hinter dem Begriff der Umbaukultur steht die Forderung nach einem neuen Denken. Wir können es uns ökologisch und sozial nicht mehr leisten, Gebäude nach 40 Jahren abzureißen, nur weil sie funktional nicht mehr perfekt scheinen. Die Bundesstiftung Baukultur betont, dass in jedem Bestandsbau „graue Energie“ steckt – also die Energie, die bereits für Herstellung, Transport und Bau aufgewendet wurde. Wer umbaut, schützt das Klima und bewahrt gleichzeitig das Gesicht unserer Städte.

Für die Bundesstiftung Baukultur ist Umbaukultur ein politisches und kulturelles Projekt. Es geht darum, eine neue „Umbauästhetik“ zu entwickeln. Ein Gebäude muss nicht mehr nagelneu aussehen, um wertvoll zu sein. Brüche, Ergänzungen und das Sichtbarmachen verschiedener Zeitschichten werden zum Qualitätsmerkmal.

„Die Zukunft des Bauens liegt in einer neuen Umbaukultur. Wir müssen den Kreislauf von fortwährendem Abriss und Neubau unterbrechen.“ Diese Haltung bringt die Stiftung in die gläsernen Büros der Ministerien und auf die Marktplätze der Städte, um Prozesse zu vereinfachen – etwa durch die Forderung nach einer „Umbau-Odnung“, die das Bauen im Bestand rechtlich und finanziell attraktiver macht als den Neubau auf der grünen Wiese.

Lektüre zur Umbaukultur

Wenn Sie verstehen wollen, wie die Fachwelt den Umbau als neues Leitbild verankert, ist dieser Bericht die wichtigste Quelle:

  • Baukulturbericht 2022/23: „Neue Umbaukultur“ Herausgeber: Bundesstiftung Baukultur Umfang: Ca. 180 Seiten mit Analysen, Projekten und Handlungsempfehlungen. Link zum Download: bundesstiftung-baukultur.de/baukulturbericht-22-23 Dieser Bericht ist das Standardwerk, das den Begriff der Umbaukultur für Deutschland definiert hat.
  • hintergrund // februar 2026: Umbaukultur Herausgeber: Umweltbundesamt (UBA) Inhalt: Ein aktuelles Papier, das die ökologischen Argumente (Ressourcenschutz, Fläche) mit baukulturellen Aspekten verknüpft. Link: umweltbundesamt.de/publikationen/2026-02/UBA_Umbaukultur

Termine 2026: Baukultur vor Ort erleben

Das Jahr 2026 ist ein Schlüsseljahr für die Stiftung, da sie ihr 20-jähriges Bestehen feiert und den neuen Bericht vorstellt.

  • Konvent der Baukultur 2026 | 10. und 11. Juni 2026 |Kunst- und Kulturquartier Schiffbauergasse, Potsdam

Das zentrale Forum der Meinungsbildung in Deutschland. Hier wird der neue Baukulturbericht 2026/27 „Gestalten – Prozesse, Bauen, Gemeinwohl“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist die beste Gelegenheit, mit 1.000 Bauschaffenden und Expert*innen zu diskutieren. Info & Anmeldung: bundesstiftung-baukultur.de/konvent-2026

  • Lange Tafeln der Baukultur 2026 |19. Juni 2026 | Bundesweit in vielen Städten (z. B. Hamburg am Schnelsener Deckel, Berlin am Spreeufer, Wiesbaden)

Ein partizipatives Format, bei dem Bürger*innen und Planer*innen an langen Tafeln im öffentlichen Raum zusammenkommen, um über ihre Stadt zu sprechen. Weitere Informationen: bundesstiftung-baukultur.de/lange-tafeln

  • Tag der Baukultur Brandenburg |30. Mai 2026 | Ganz Brandenburg

Ein dezentraler Aktionstag mit Führungen durch Umbauprojekte und offene Denkmale. Info: baukultur-brandenburg.de

Die Umbaukultur ist keine nostalgische Rückschau, sondern eine Einladung, unsere gebaute Umwelt als wertvolle Ressource für die Zukunft zu begreifen.

Soziale Teilhabe im Neuen Europäischen Bauhaus

Architektur darf aber auch nicht länger als exklusives Produkt für eine zahlungskräftige Elite verstanden werden. Initiativen wie das Neue Europäische Bauhaus (NEB) setzen 2026 daher verstärkt auf Partizipation. Das bedeutet: Die Menschen, die in den Quartieren leben, werden zu Mitgestalter*innen ihrer Umwelt.

  • Inklusion: Barrierefreie Räume sind nicht nur für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wichtig, sondern schaffen eine offene Atmosphäre für alle Generationen.
  • Dritte Orte: Es braucht Räume zwischen Wohnung und Arbeit – Cafés, Bibliotheken oder begrünte Innenhöfe –, die keinen Konsumzwang haben und echte Begegnung ermöglichen.
  • Atmosphärische Dichte: Statt steriler Sauberkeit wird wieder mehr Wert auf eine lebendige, grüne Durchmischung gelegt, die das Mikroklima und die Stimmung verbessert.

Gute Baukultur ist letztlich das Versprechen, dass der Raum, den wir gemeinsam bewohnen, uns nicht klein macht, sondern uns Raum zur Entfaltung gibt. Es ist die Abkehr von der Architektur als reiner Investitionsmasse hin zur Architektur als Lebenselixier.

Termine und Fakten zur Baukultur 2026

  • 20 Jahre Bundesstiftung Baukultur: Im Laufe des Jahres 2026 finden bundesweit Jubiläumsveranstaltungen und Diskussionen zum neuen Baukulturbericht statt. Weitere Informationen:  www.bundesstiftung-baukultur.de/lange-tafeln
  • New European Bauhaus Festival: Vom 9. bis 13. Juni 2026 in Brüssel; Fokus auf demokratische Teilhabe und bezahlbaren, nachhaltigen Wohnraum.
  • Healing Architecture Award 2026: Auszeichnung für Projekte, die Gesundheit und Architektur wegweisend verknüpfen.
  • Mehr Infos: Aktuelle Debatten und Projekte finden sich auf den Portalen der Bundesstiftung Baukultur und bei Initiativen wie Baukultur NRW. www.bundestiftung-baukultur.de  

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Bau ist nicht gleich Bau https://www.tiefgang.net/bau-ist-nicht-gleich/ Fri, 19 Dec 2025 23:26:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13044 [...]]]> Es erscheint Jahr für Jahr und wird nicht langweilig. Eben deswegen nicht. Das Jahrbuch der Hamburger Architektur.

Da liegt es nun, ein echtes Schwergewicht für den Nachttisch und den Kopf. Am 8. Dezember 2025 ist es im Junius Verlag gelandet: Architektur in Hamburg, das Jahrbuch 2025/26. Für 48 Euro bekommt man 216 Seiten geballte Baukultur, brillant bebildert und scharfzüngig analysiert. Es ist die Art von Buch, die man aufschlägt, wenn man wissen will, wie Hamburg wirklich tickt – jenseits der Hochglanzprospekte der Projektentwickler*innen.

Die Herausgeber Claas Gefroi und Ullrich Schwarz haben mal wieder ganze Arbeit geleistet. Gefroi, der als Referent der Architektenkammer und Architekturkritiker genau weiß, wo der Putz bröckelt, und der erfahrene Dr. Ullrich Schwarz führen uns durch ein Panorama, das von der Elbe bis in die City Nord reicht. Das aktuelle Porträt widmet sich dem Büro LRW Architekten, während der historische Blick den Architekten und scharfzüngigen Kritiker Hermann Funke ehrt. Ein toller Kontrast, der zeigt, dass Hamburgs Baukultur schon immer von klugen Köpfen und kritischen Geistern begleitet wurde.

Besonders spannend für alle, die nach frischem Wind suchen: In der Rubrik Positionen junger Büros stellt das Team die Arbeiten von KOSMO vor. Das macht Hoffnung, denn neben den großen Mammutprojekten braucht die Stadt genau diese neugierige, unverbrauchte Perspektive.

Das Jahrbuch legt den Finger genau in die Wunde, die auch das Opernprojekt von Klaus-Michael Kühne aufreißt. Die Kritik am Westfield Hamburg Überseequartier im Buch liest sich wie ein prophetisches Echo auf die Bedenken gegenüber der neuen Oper am Baakenhöft. Wenn im Jahrbuch konstatiert wird, dass das Überseequartier eher dem Markt als den Menschen dient, stellt das für uns alle die Frage: Vergeben wir mit der neuen Oper eine historische Chance?

Das Hamburger Feuilleton im Buch geht genau hier in die Tiefe. Es verknüpft Hafenentwicklung mit Stadtplanung und fragt nach dem Stand der Wettbewerbskultur. Ist ein Geschenk wie das von Kühne, das mit einem fertigen Architekturentwurf von BIG daherkommt, überhaupt noch ein echter Wettbewerb? Oder opfern wir die städtebauliche Heterogenität, die das Jahrbuch so wortstark verteidigt, dem Prestige eines einzelnen Mäzens?

Auch ohnedies geht ein Beitrag von Matthias Gretzschel um das Thema, dass es immer seltener offene Wettbewerbe in Hamburgs Architekturbranche zu vermelden gibt. Auch wenn es teils aufwendiger sein mag, so ist doch auch spürbar, dass es aktuell an Ideen, ganz anderen Sicht- und folglich Bauweisen mangelt. Dass der Süden Hamburgs gar nicht erst im Buch vertreten ist, es aber auch schon Bauten außerhalb Hamburgs bedarf, um ungewöhnliche Architekturen zu besprechen, mag ein und dieselbe Medaille darstellen, die hoffnungsweise an Glanz nicht verlieren wird.

Aber das Buch feiert eben auch die kleinen Siege der Baukunst. Es führt uns zur Parabel, dem neuen Kunstzentrum in der ehemaligen Nikodemuskirche – ein genialer Schachzug von WRS Architekten. Wir entdecken das Fischerhaus in Blankenese und die Scheune am Jenischpark, die zeigen, wie behutsam und liebevoll Denkmalschutz sein kann. Und wer hätte gedacht, dass eine Erweiterung der Bibliothek an der HfbK oder der Eingangspavillon der Energiewerke so viel ästhetische Kraft entfalten können? Sogar der Gigant aus der City Nord, das Signal Iduna Haus Kap5 (wegen des Kapstadtrings, an dem der Bau liegt), bekommt seinen Platz.

Das Jahrbuch 2025/26 ist ein Weckruf an alle Hamburger*innen. Es erinnert uns daran, dass wir die Gestaltung unserer Stadt nicht allein dem Markt überlassen dürfen. Wir brauchen eine Architektur, die Geschichten erzählt und die Geschichte des Ortes respektiert – so wie es das Projekt in Kirchwerder vormacht. Wenn wir über die neue Oper diskutieren, sollten wir dieses Buch als Kompass nutzen. Es ist eine Einladung, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, auch von einem milliardenschweren Geschenk mehr zu verlangen als nur eine hübsch begrünte Fassade. Es geht um unsere Identität, und die ist unbezahlbar.

Architektur in HamburgJahrbuch 2025/26, 216 S., ISBN 978-3-96060-599-7; Preis: 48,00 €

www.junius-verlag.de

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Der die Nordsee zur Mordsee machte https://www.tiefgang.net/der-mann-der-die-nordsee-zur-mordsee-machte/ Fri, 21 Nov 2025 23:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12887 [...]]]> Hamburg hat einen seiner prägendsten Filmemacher*innen verloren. Hark Bohm, Regisseur, Autor, Produzent und leidenschaftlicher Hochschullehrer, ist im Alter von 86 Jahren in seiner Heimatstadt verstorben.

Sein Werk ist ein unüberhörbares Echo der deutschen Nachkriegsgesellschaft, ein Spiegel, der die Brüche und die unbequemen Wahrheiten der Jugend einfing.

Bohm war kein Salon-Intellektueller. Er war ein Filmpionier, der mit der Kamera in die Hochhaussiedlungen Hamburgs zog, dorthin, wo die Fassaden bröselten und die Kinder um ihren Platz in der Welt kämpften. Seine Filme waren unmittelbar, roh und von einer zupackenden, fast dokumentarischen Energie, die im damaligen deutschen Kino ihresgleichen suchte.

Sein Meisterstück bleibt unbestritten „Nordsee ist Mordsee“ (1976). Der Titel wurde zu einem geflügelten Wort, der Film zu einem Klassiker des sozialkritischen Coming-of-Age-Kinos. Er erzählte die Geschichte der ungleichen Freundschaft zwischen einem deutschen und einem zugewanderten Jungen in Wilhelmsburg – ein politisches Statement, das die Brutalität der Realität nicht scheute. Diese Spannung zwischen schonungsloser Härte und tief empfundener Sensibilität sollte Bohms Karriere definieren, von dem Jugenddrama „Moritz, lieber Moritz“ (1978) bis hin zum mit dem Bundesfilmpreis in Gold ausgezeichneten Film „Yasemin“ (1988).

Das Faszinierende an Bohms Ansatz war, wie er die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen ließ. In „Nordsee ist Mordsee“ besetzte er zwei seiner Adoptivsöhne in den Hauptrollen. Bohm war ein begeisterter Vater von vier Adoptivkindern und zwei Pflegekindern. Einer seiner Söhne, der Schauspieler Uwe Bohm (1962–2022), trat mit seinen Filmen selbst in die Fußstapfen des Vaters und war eine feste Größe in der deutschen Film- und Theaterlandschaft. Für Hark Bohm zählte die Familie ebenso wie der Film – beide boten ihm einen Ort des Zusammenhalts.

Hark Bohm war jedoch mehr als nur ein großer Geschichtenerzähler. Er war ein leidenschaftlicher Filmpolitiker. Er war Mitinitiator des „filmverlags der autoren“ (1971) und Mitbegründer des Hamburger Filmbüros und des Filmfests Hamburg (beides 1979). Als Professor gründete er 1993 das Filmstudium Hamburg an der Universität, das heute in die Hamburg Media School (HMS) integriert ist. Hier prägte er eine ganze Generation von Filmemacher*innen, unter ihnen seinen Meisterschüler Fatih Akin.

Diese enge Verbindung zum Schaffen der nächsten Generation manifestierte sich zuletzt in dem Film „Amrum“ von Fatih Akin, der auf Bohms autobiografisch inspiriertem Roman basierte. Erst kürzlich feierte der Film seine Premiere. Bohm selbst spielte eine kleine Rolle, ein letzter Auftritt, der ihn noch einmal an den Ort seiner Kindheit zurückführte.

Senator Dr. Carsten Brosda, die Hamburger Behörde für Kultur und Medien, würdigte Hark Bohms Vermächtnis mit klaren Worten: „Hark Bohm war ein Meister darin, im scheinbar Alltäglichen die wirklich großen Geschichten zu finden. (…) Für mich ist der deutsche Film der letzten Jahrzehnte ohne Hark Bohm nicht denkbar.“ Er habe mit „leidenschaftlicher Vernunft“ den Film als Möglichkeit gesehen, die soziale Gegenwart zu beleuchten, „um menschliche Zukunft denkbar zu machen.

Ein großer und unbeugsamer Geist ist von der Leinwand abgetreten, dessen filmisches Erbe in Hamburg und weit darüber hinaus leuchten wird.

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Die Sache mit dem Stadtbild https://www.tiefgang.net/die-sache-mit-dem-stadtbild/ Fri, 14 Nov 2025 23:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12846 [...]]]> Die Architektur der neuen Ära sollte nicht nur auf Stahl und Beton fußen, sondern auf Offenheit und Zugänglichkeit. Genau diese Botschaft sendet der Siegerentwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) für den Hamburger Opernneubau.

Der Entwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) für Hamburgs neue Staatsoper ist ein architektonisches Versprechen: Leichtigkeit, Offenheit, Öffentlichkeit. Wo bis 2027 am Baakenhöft in der HafenCity ein dritter architektonischer Leuchtturm neben Elbphilharmonie und Elbtower entstehen soll, entfaltet sich die Vision einer „Spirale aus Dachgärten“. Die Fassade des Hauses wird zu einer Kaskade von begrünten, rundum begehbaren Balkonen, die den Opernbesuch zur Begegnung mit der Stadt, dem Hafen und der Elbe machen. Ein wohlüberlegtes Konzept, urteilt die Jury, das eine „gelungene Symbiose“ aus Opernhaus und spannendem Wahrzeichen schaffe.

Bjarke Ingels, Creative Director der Architekt*innen-Gruppe, beschreibt das Gebäude als einen Ort, der in die Stadt hineinwirkt: „The opera will appear like a landscape of concentric terraces – emanating like soundwaves from a central beating heart of music, expanding outward into the harbor like ripples in the surface of the sea.“

Die Architektur der neuen Oper ist damit ein Statement: Sie will Barrieren einreißen, Zugänglichkeit schaffen, Kultur für alle erlebbar machen. Doch das visionäre Bauwerk trägt einen kaum zu übersehenden Schatten in seinem Fundament.

Das neue Opernhaus ist ein Geschenk. Ein großzügiges Geschenk von Klaus-Michael Kühne, dem reichsten Mann Deutschlands, das die Stadtspitze mit dankbarer Erleichterung annimmt. Die Kühne-Stiftung ermöglicht ein Projekt, das die Stadt aus eigener Kraft kaum realisieren könnte (oder hätte wollen). Hier liegt die politische Brisanz: Wer bezahlt, diktiert. Die Stiftung behält sich laut Pressemitteilung vor, nach Vorlage einer belastbaren Kostenschätzung „abschließend über die Realisierung des Neubaus zu entscheiden.“

Dieses Machtverhältnis führt zu der viel diskutierten Zuschreibung des „milliardenschweren Zwangsbeglückers“ (WELT). Die Stadt wird mit einem Kulturbau von Weltgeltung beschenkt, doch die Regie über die Definition des öffentlichen Interesses liegt in privater Hand. Gleichzeitig wird der Spender selbst aus kulturpolitischen und ethischen Gründen kritisiert. Karl-Martin Hentschel rechnete in der taz vor, welche Dimension das Vermögen Kühnes annimmt: „Würde er Abgaben bezahlen wie jeder normale Arbeitnehmer, wären das 1,7 Milliarden Euro jährlich. Das wären also fünfeinhalb Opernhäuser – jedes Jahr!“

Die Diskrepanz zwischen dem in der Schweiz gezahlten Steuersatz und der öffentlichen Spende als Instrument der Einflussnahme ist im Feuilleton allgegenwärtig. Es entsteht ein Dilemma, wie es Niklas Maak in der FAZ beschreibt: Die Gefahr, dass die üppigen Sanierungs- und Neubauetats (man denke an die Elbphilharmonie) den kargen Mitteln für Betrieb, Bespielung und Bezahlung der Mitarbeiter*innen diametral gegenüberstehen. Das Geschenk finanziert das Spektakel, nicht zwangsläufig die nachhaltige Kulturarbeit.

Die tiefste und unumgänglichste Kritik betrifft jedoch den Standort selbst. Das Baakenhöft ist ein „historisch hochbrisanter Ort“, wie der Journalist Henning Bleyl in der taz betonte: „Die Oper soll an einen historisch hochbrisanten Ort kommen: dem Baakenhöft an der Elbe. Also dort, wo die Truppen eingeschifft wurden, die den Genozid an den Herero und Nama begingen, den ersten Völkermord durch deutsche Soldaten.“

Hinzu kommt die wenig aufgearbeitete Vergangenheit des Unternehmens Kühne + Nagel während der NS-Zeit. Das Hamburger Abendblatt berichtete über die Kritik, der Bau diene der Legitimierung des Umgangs mit der NS-Schuld der Firma. Die Debatte erinnert daran, dass das Unternehmen vom jüdischen Unternehmer Adolf Maass aufgebaut wurde, der 1933 „arisiert“ wurde und 1944 mit seiner Frau in Auschwitz ermordet wurde.

In diesem Kontext wird die neue Oper, so architektonisch leicht sie auch erscheinen mag, zum moralischen Zankapfel. Anstatt eines Ortes der umfassenden Aufarbeitung entsteht ein „Denkmal“ des Mäzen*innen-Tums, das droht, die unbequemen Schichten der Geschichte zu überdecken.

Hamburg steht damit vor einer komplexen kulturellen Entscheidung: Die Aussicht auf eine weltoffene, architektonische Ikone wird erkauft mit der Akzeptanz einer gewaltigen privaten Einflussnahme und der Gefahr, einen Ort der Schuld mit einem Gebäude zu überformen, dessen Leichtigkeit in krassem Kontrast zu der historischen Schwere des Bodens steht, auf dem es ruht. Es ist ein Spagat, bei dem die Stadt mehr als nur Geld, sondern auch einen Teil ihrer kritischen, historischen Verantwortung zu zahlen scheint. So schön die Kraft der Bilder auch strahlen mag …

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Der Backstein tanzt in der Nacht https://www.tiefgang.net/der-backstein-tanzt-in-der-nacht/ Fri, 05 Sep 2025 22:52:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12343 [...]]]> Zum 10. Geburtstag der Speicherstadt und des Kontorhausviertels verwandelt sich am 20. September wieder in eine leuchtende Bühne.

Es gibt Orte, die sind mehr als nur eine Ansammlung von Steinen und Mörtel. Sie sind das steinerne Gedächtnis einer Stadt, ein Spiegel ihrer Geschichte und ihrer Seele. In Hamburg sind das ohne Zweifel die Speicherstadt und das Kontorhausviertel. Am 20. September feiert die Hansestadt ein besonderes Jubiläum: Zehn Jahre, nachdem dieses einzigartige Ensemble aus Backstein in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde, verwandelt sich das Viertel in eine Bühne, die seine Geschichte in einem neuen, strahlenden Licht erzählt.

Die Entscheidung der UNESCO im Juli 2015 war mehr als eine bloße Auszeichnung. Sie war die Anerkennung eines gewaltigen urbanen Transformationsprozesses. Ende des 19. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Speicherstadt ein Wandel eingeleitet, der Hamburg von einem durchmischten Hafenviertel zu einer modernen Handelsmetropole formte. Das Welterbekomitee würdigte das Ensemble als „hervorragendes Beispiel“ für die Entwicklung von Hafenstädten. Wo einst Waren aus aller Welt lagerten, spürt man noch heute den Geist des globalen Handels.

Dieses Erbe ist jedoch kein starres Denkmal, sondern eine pulsierende Adresse. Und genau das wird bei der „Langen Nacht des Welterbes“ spürbar. Abends, wenn das Tageslicht schwindet, erwachen die historischen Fassaden zu neuem Leben. Die ikonische Backsteinarchitektur wird zur Leinwand, wenn das „Festival of Light“ den Speicherblock P mit künstlerischen Videoprojektionen beleuchtet. Es ist eine faszinierende Verbindung aus Vergangenheit und Gegenwart, aus analoger und digitaler Kunst. Wie schon Senator Dr. Carsten Brosda sagte: „Der Welterbe-Status stellt Hamburgs Speicherstadt und Kontorhausviertel in eine Liga mit weltberühmten Bauwerken wie dem Eiffelturm oder der Alhambra.“

Das Programm lädt dazu ein, dieses Erbe mit allen Sinnen zu erleben. Hier geht es nicht nur um Architekturtheorie, sondern um das Gefühl, das diese Orte hervorrufen. Interessierte können bei abendlichen Führungen die Geschichte hinter den Mauern entdecken. Für die kreative Seele gibt es einen Poetry Slam in der Speicherstadt Kaffeerösterei, der zeigt, wie moderne Kultur in altehrwürdigen Gemäuern einen Platz findet.

Aber das Viertel wäre nichts ohne die Menschen, die es mit Leben füllen. Michael Fußner von HHLA Immobilien beschreibt es treffend: „Sie ist weit mehr als ein Denkmal: ein lebendiges Viertel voller Geschichten, Ideen und Begegnungen.“ Genau diese Lebendigkeit ist es, die die Speicherstadt so besonders macht. Das OPOLUM Escape Game ermöglicht es Besucher*innen, die Geheimnisse des Viertels auf spielerische Weise zu lüften, während die Sprachschule Institute 4 Language Führungen auf Englisch anbietet und die Internationalität des Ortes unterstreicht.

Die „Lange Nacht des Welterbes“ ist nicht nur ein Jubiläum, sondern eine Einladung. Sie fordert uns auf, unsere gebaute Umwelt bewusster wahrzunehmen und zu verstehen, dass Architektur niemals nur ein technischer Akt ist, sondern eine soziale und kulturelle Ausdrucksform. Sie ist ein lebendiges Buch, dessen Kapitel wir täglich weiter schreiben – und an diesem einen besonderen Abend im Jahr feiern wir gemeinsam. Ein Besuch, der lohnt.

Lange Nacht des Welterbes | Samstag, 20. September 2025

Speicherstadt und Kontorhausviertel, Hamburg: Abendliche Führungen, Lichtinstallationen, Musik, Poetry Slam, Escape Game und offene Türen bei verschiedenen Unternehmen und Museen.

Festival of Lights: Vom 18. bis 20. September, jeweils ab 20 Uhr, am Speicherblock P (Neuer Wandrahm 1–4). Das aktuelle Programm wird unter www.welterbenacht.hamburg laufend aktualisiert.

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Der Preis, den die Stadt wirklich zahlt https://www.tiefgang.net/der-preis-den-die-stadt-wirklich-zahlt/ Fri, 05 Sep 2025 22:03:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12376 [...]]]> Während der Hamburger Senat den Neubau einer Oper auf dem Baakenhöft als Schenkung feiert, enthüllt die Debatte um die Finanzierung, dass die Stadt weit mehr als angenommen für das „Geschenk“ zahlt. Wecken die verschleierten Kosten Erinnerungen an ein altes Drama?

Im Februar klang die Nachricht aus dem Rathaus wie ein musikalischer Paukenschlag: Klaus-Michael Kühne schenkt seiner Heimatstadt eine neue Oper. Das ausgewählte Grundstück, ein attraktives Fleckchen Erde am Wasser, stellt die Stadt. Dazu kommen 147,5 Millionen Euro, und dann ist Schluss. So lautet die frohe Botschaft, verbreitet durch Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher: „Auf dem Baakenhöft in der HafenCity soll ein neues Opernhaus von Weltrang entstehen. Der Senat hat dazu einen Vertrag mit der Kühne-Stiftung geschlossen… Mit der Zustimmung der Bürgerschaft werden seitens der Stadt alle wesentlichen Voraussetzungen für die Realisierung dieses besonderen Projekts erfüllt.“

Doch zwei unscheinbare Worte in der ursprünglichen Pressemitteilung sind bemerkenswert: „zusätzlich“ und „außerdem“. Worte, die nun, wo der Senat konkret werden muss, das gesamte finanzielle Bild verändert. Denn die 147,5 Millionen Euro sind „nur“ für die Oper selbst, nicht für vorbereitende Arbeiten vorgesehen – genauer gesagt, für die „standortspezifischen Mehrkosten“ wie den nötigen Flutschutz.

Hinzu kommen nämlich, so die neue, unmissverständliche Rechnung, mindestens weitere 104 Millionen Euro für die Erschließungsarbeiten, die Freiflächen um das Gebäude und die Promenade. Aus einem „Geschenk“, das nur ein wenig finanzielle Unterstützung verlangt, wird plötzlich ein Deal, bei dem die Stadt vermutlich mit einer Viertelmilliarde Euro mitbaut.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der das Projekt als Chance für Hamburg preist, sieht dennoch in der Oper einen Ort für alle: „Sie kann das Baakenhöft zu einem lebendigen Ort für alle machen.“ Oper und alle?!? Auch Finanzsenator Dr. Andreas Dressel betont, dass die Kooperation ein „finanziell verantwortungsvolles und zukunftsfähiges Arrangement“ sei.

Aber man kann die verschleierte Rhetorik auch anders lesen. Die schrittweise Veröffentlichung der Kosten ist keine unbekannte Taktik, die bei den Abgeordneten der Bürgerschaft Alarmglocken schrillen lassen sollte. Man darf durchaus fragen, ob und was Politik aus der Elbphilharmonie-Katastrophe gelernt hat. Projekte dieser Größenordnung können ohne volle Transparenz und Bürgerbeteiligung am Ende nicht nur finanziell explodieren, sondern auch das Vertrauen in die Verwaltung nachhaltig beschädigen.

Während renommierte Architekturbüros wie gmp international und Snøhetta nun ihre Entwürfe für das neue Opernhaus vorlegen und mit visuellen Entwürfen beeiundrucken, bleibt dennoch die zentrale Frage bestehen: Ist es wirklich ein Geschenk, wenn es so teuer ist? Oder ist es ein Deal, der in Hinterzimmern ausgehandelt wurde? Ein Deal, bei dem Klaus-Michael Kühne sein Denkmal und der Hamburger Senat finanzielle Hilfe bekommt. Am Ende ist das Projekt ein komplexes Mosaik aus Kultur, Politik und Finanzen. Ein Drama in vier Akten?

Übrigens: Der Senat hat sich mit der Kühne-Stiftung auf den Vertrag zum Bau eines neuen Opernhauses in der HafenCity geeinigt. Es wird beklagt, in der Stadt gäbe es keine öffentliche Debatte über die Pläne. Dem will die Patriotische Gesellschaft abhelfen.

Am 1. Oktober 2025 um 19 Uhr findet im Reimarus-Saal der Patriotischen Gesellschaft von 1765 ein Gespräch zwischen dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Opernstiftung Hamburg Berthold Brinkmann, Kultursenator Carsten Brosda, dem Sprecher des Arbeitskreises Denkmalschutz der Patriotischen Gesellschaft Christian Kottmeier und der Präsidentin der Architektenkammer Karin Loosen zu diesem Thema statt. Matthias Iken vom Hamburger Abendblatt wird die Diskussion moderieren. Aus dem Publikum wird es Gelegenheit geben, mitzudiskutieren.

Mi., 1. Oktober 2025, 19 Uhr | Reimarus-Saal im Haus der Patriotischen Gesellschaft, Trostbrücke 6, 20457 Hamburg, Eintritt frei. Bitte melden Sie sich hier an.

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