Ernst Odernich https://www.tiefgang.net Mon, 18 May 2026 13:50:58 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Das Drehbuch zur patriotischen Wende https://www.tiefgang.net/das-drehbuch-zur-patriotischen-wende/ Thu, 14 May 2026 22:03:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13857 [...]]]> 41 Prozent. Die AfD liegt in der Wählergunst nicht nur in Sachsen-Anhalt vorn und bastelt – vor allem im Kultursektor – an einem Drehbuch für eine patriotische Wende.

41 Prozent. Man muss sich diese Zahl wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen, während man durch die herrlich morbiden Gassen von Quedlinburg spaziert oder die strengen Linien des Bauhauses in Dessau bewundert.

In Sachsen-Anhalt ist das, was lange als Schreckgespenst an die Wand gemalt wurde, zur statistischen Realität geworden. Die AfD liegt in der Wählergunst weit vorn, und wer glaubt, das sei nur ein regionales Gewitter im Osten, der übersieht den kulturellen Klimawandel, der sich gerade bundesweit festsetzt.

In Magdeburg bastelt man bereits am Drehbuch für eine patriotische Wende. Das Regierungs-(nicht Wahl-!)Programm der AfD liest sich nicht wie ein politisches Dokument, sondern wie eine klinische Diagnose mit anschließendem Therapieplan. Unter Punkt III. Kultur und Integration ist die Rede von einem „manischen Zwang, sich selbst zu schaden“. Diese vermeintliche Malaise, ein angeblicher „Nationalmasochismus“, könne laut Programm nur durch „gezielte Arbeit an den kulturellen Voraussetzungen geheilt werden“. Kultur wird hier nicht als freier Raum für Experimente verstanden, sondern als Medizin für eine Identitätsstörung.

Man hat erkannt, dass das Thema Kultur leicht zu bespielen ist, findet es sich ja nicht ohne Grund in anderen Wahlprogrammen meist weit hinten. Während üblicherweise Kultur als „Gedöns“ betrachtet wird, hat die AfD erkannt: Kultur bewegt.

Jürgen Kaube hat dies in der F.A.Z. schon treffend seziert: In seinem Artikel Von nun an soll wieder deutsch gedacht werden (27.04.2026) entlarvt er die Vorhaben der AfD als politischen Kitsch, der die Freiheit der Kunst schlichtweg nicht begreift. Es ist eine Identitätspolitik von rechts, die das Spiegelbild dessen ist, was sie eigentlich bekämpft. Kunst soll wieder nützlich sein, sie soll erbauen, sie soll eine „unverkrampfte und auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität“ fördern. Dass Kunst oft gerade dann am stärksten ist, wenn sie sich jeder Nationalität entzieht, passt nicht in dieses Weltbild.

Klar, dass sich im Sprachgebrauch dieser ordnungspolitische Zugriff besonders deutlich niederschlägt. Die AfD erteilt dem Gendern eine „klare Absage“ und möchte „vernünftiges Deutsch durchsetzen“, indem sie Gendersprache im amtlichen Gebrauch untersagt. In der Sprache schlage sich die „Identität“ nieder; daher müsse man sich gegen eine vermeintliche „feministische Ideologie“ wehren.

Beim Thema Religion zeigt sich eine kühle Zweckmäßigkeit. Während man die Staatsleistungen an die großen Kirchen streichen will, da die „Geschäftsgrundlage mehrfach weggefallen“ sei, wird das Christentum als „wesentlicher Teil unserer Europäischen Kultur“ instrumentalisiert. Man möchte vor allem „kleine Kirchen fördern“, sofern diese einen „wertvollen Beitrag zu unserem Gemeinwesen“ leisten. Gleichzeitig wird jede Sichtbarkeit des Islam – etwa durch Muezzinrufe oder Minarette – abgelehnt, da dieser die Kultur „nicht geprägt“ habe und man den Einfluss dieser „kulturfremden Religion“ beschränken wolle. Es ist ein Weltbild, das Religion nur dort akzeptiert, wo sie als folkloristisches Bindemittel einer nationalen Einheit dient.

Zwischen Traditionskitsch und Kontrollwahn

Betrachtet man diese Forderungen im Licht der aktuellen Debatten, offenbart sich erst recht die radikale Abkehr vom gewachsenen Verständnis selbst von der Baukultur, erst recht aber von gelebter geschichtlicher Reflexion. Während moderne Baukultur Architektur als einen lebendigen Dialog zwischen Mensch, Lebensraum und Geschichte versteht, reduziert die AfD das Bauen auf ein rein ideologisches Repräsentationsinstrument. Die Forderung unter dem nett klingenden Punkt „Schöner bauen!“, dass öffentliche Gebäude eine „anerkannte Bautradition“ aufgreifen müssen und „traditionslose Konstruktionen“ – womit meist die klassische Moderne gemeint ist – zu vermeiden sind, würde in der realen Umsetzung die architektonische Freiheit faktisch beenden. In der Praxis hieße das nämlich: Ein innovatives, lichtdurchflutetes Gemeindezentrum oder eine moderne Bibliothek, die soziale Begegnung durch Transparenz fördert, müsste zugunsten von historisierenden Fassaden weichen, die eine Identität vorgaukeln, die es so oft gar nicht mehr gibt.

In der Geschichtspolitik würde der geforderte Stopp der Provenienzforschung unter Punkt 2 einen wissenschaftlichen und moralischen Rückschritt bedeuten. Museen wie das Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg dürften dann nicht mehr eigenständig nach NS-Raubgut oder kolonialen Objekten suchen, solange kein Erbe explizit klagt. Die Praxis der Aufarbeitung, die Deutschland international Renommee eingebracht hat, würde durch einen verordneten „Schlussstrich“ ersetzt. Anstatt geraubte Kunst aktiv zurückzugeben, würde der Staat das Schweigen über dunkle Kapitel der eigenen Geschichte subventionieren.

Besonders drastisch wären aber gerade in Sachsen-Anhalt die Folgen für die soziokulturelle Teilhabe. Da Programme wie der Girls und Boys Day durch einen „Zukunftstag“ ersetzt werden sollen, bei dem Geschlechterunterschiede ignoriert werden, fiele ein wichtiges Instrument zur Aufbrechung verkrusteter Rollenbilder weg. Die Streichung von Mitteln für Projekte gegen Rassismus oder für sexuelle Vielfalt würde ganze Netzwerke der Zivilgesellschaft zerschlagen. Wo heute lebendige Diskursorte sind, die sich für eine offene Gesellschaft engagieren, bliebe künftig nur noch Platz für Brauchtumspflege und Schützenvereine, die mit den pauschalen „5 Euro pro Einwohner“ unter Punkt 8 alimentiert werden sollen. Es ist die Vision einer erstarrten Gesellschaft, in der Kultur nicht mehr stört, nicht mehr hinterfragt, sondern nur noch die bestehende Ordnung – und ein sehr eng gefasstes Deutschsein – feiert.

Identität zwischen Assimilation und Ausschluss

Wer dann die Programmpunkte 13 bis 17 zum Verhältnis „deutsch – ausländisch“ liest, erkennt schnell, dass hier ein sehr exklusives und starres Bild davon gezeichnet wird, wer Teil der deutschen Gesellschaft sein darf. Und wer eben nicht. Die AfD postuliert eine „Identitätsstörung“ des aktuellen Deutschlands, die sie durch eine „neue, patriotische Kulturpolitik heilen“ will. In diesem klinischen Weltbild wird der Mensch mit Migrationshintergrund damit primär als Problemfaktor oder als Objekt einer Erziehungsmaßnahme wahrgenommen. Menschen mit Migrationshintergrund erscheinen im Programm entweder als Bedrohung der „Selbstbehauptungskräfte“ oder als bedauernswerte Wesen, denen man eine „verkorkste und unattraktive Identität“ der Altparteien nicht zumuten könne. Es wird so auch nur rhetorisch die Frage gestellt, welcher „vernünftige und stabile Türke oder Syrer“ ein „zerknirschter Regenbogen-Deutscher“ werden wolle. Damit wird Menschen mit Migrationshintergrund aber grundlegend abgesprochen, sich überhaupt in einer liberalen, vielfältigen Gesellschaft wiederzufinden. Zugehörigkeit beginnt laut AfD-Programm erst dort, wo man sich den „guten Seiten der deutschen Geschichte“ verschreibt und ein „unverkrampftes“ Nationalbewusstsein annimmt. „Deutsch“ ist hier kein rechtlicher Status oder ein gelebtes Miteinander, sondern ein ideologisches Bekenntnis.

Menschen mit Migrationshintergrund können sich in diesem Programm also kaum als gleichberechtigte Bürger*innen wiederfinden. Vielmehr wird ihnen eine attraktive deutsche Identität „vorgelebt“, der sie sich unterzuordnen haben. Wer eine andere kulturelle Prägung mitbringt oder die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte für wichtig hält, fällt aus dem Raster. Die Grenze dessen, was als „deutsch“ gilt, wird extrem eng gezogen: Sie endet dort, wo Vielfalt beginnt, und fängt dort an, wo die Unterordnung unter ein nationalstolzes Narrativ zur Bedingung für Akzeptanz wird. Es ist ein Weltbild, das Integration nicht als Dialog, sondern als bedingungslose Anpassung an ein idealisiertes Bild der Vergangenheit versteht.

Klar, dass die Antwort der Basis auf solches Säbelrasseln mehr ist als ein SOS-Signal. In ihrer Stellungnahme Demokratie und Vielfalt verteidigen (16.04.2026) warnt „Die Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren im Land Sachsen-Anhalt e. V.“, kurz LASSA, gemeinsam mit zahlreichen Institutionen vor diesem Frontalangriff auf die Autonomie. Für die Akteur*innen vor Ort ist klar: Wenn Ideologie den Diskurs ersetzt, stirbt die Vielfalt. Es ist ein Aufschrei gegen die drohende Zerstörung gewachsener Strukturen, die Orte der Begegnung schaffen, die weit über das hinausgehen, was ein nationalistisches Narrativ jemals bieten könnte.

Doch der wahre Schauer überkommt einen nicht erst beim Lesen dieser regionalen Manifeste. Das Phänomen ist längst im Großen angekommen, im Berliner Regierungsviertel, im Amt des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer. Was wir in Sachsen-Anhalt als lautstarke Drohung hören, schleicht sich bundesweit als leise neue Ordnung ein. Wenn Weimer das Haber-Verfahren reaktiviert und Buchhandlungen durch den Verfassungsschutz sieben lässt, dann ist das die bürokratische Antwort auf dieselbe Sehnsucht nach Kontrolle. Es ist dieselbe Logik der Exklusion, nur in feineres Tuch gewandet.

Es findet bundesweit und nicht nur in Sachsen-Anhalt ein schleichender aber enormer Rechtsruck statt, der die Koordinaten dessen verschiebt, was wir unter kultureller Freiheit verstehen oder bisher verstanden haben. Während an der Basis die Mittel für Teilhabe zusammengestrichen werden, wächst unter Kulturstaatsminister Weimer (parteilos) bereits das Budget für nationale Prachtprojekte. „Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden und müssen historische Identität widerspiegeln.“ (AfD-Programm) Die Architektur einer neuen Kälte: Oben glänzt der nationale Leuchtturm, unten wird das Licht ausgeschaltet, wenn man nicht ins Raster passt.

Wir müssen wachsam sein, wie wir diesen Raum der Freiheit verteidigen können. Denn wenn das Echo aus dem Osten erst einmal in Berlin zum Dauergeräusch wird, ist es für das Pfeifkonzert vielleicht schon zu spät.



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Minister für alternative Fakten https://www.tiefgang.net/minister-fuer-alternative-fakten/ Thu, 19 Mar 2026 23:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13537 [...]]]> Die Bühne im Leipziger Gewandhaus hätte eigentlich der Ort für große Worte über die Kraft des geschriebenen Wortes sein sollen. Doch als Wolfram Weimer am Mittwochabend ans Mikrofon trat, lieferte das Publikum die passende Begleitmusik.

Ein gellendes Pfeifkonzert und Buhrufe empfingen den Mann, der sich so gerne als oberster Diplomat der deutschen Geisteswelt inszeniert. Es war der lautstarke Offenbarungseid einer Branche, die sich von ihrem Minister nicht mehr nur missverstanden, sondern schlichtweg hintergangen fühlt.

Was als feierliche Eröffnung der Buchmesse geplant war, geriet zur Abrechnung mit einem System Weimer, das Transparenz offenbar als optionales Extra betrachtet. Der Skandal um den Deutschen Buchhandlungspreis hat eine Qualität erreicht, die über bloßes politisches Ungeschick weit hinausgeht. Wir erinnern uns: Drei Buchhandlungen wurden aussortiert, obwohl die Jury sie ausdrücklich empfohlen hatte. In den Absageschreiben wurde dreist behauptet, die Jury habe sie nicht ausgewählt. Ein „Bürofehler“, wie Weimer im Kulturausschuss kleinlaut zu Protokoll gab, als die Lüge längst durch die Decke gegangen war. Dass zwei dieser Läden sogar für den Hauptpreis vorgesehen waren, macht die Sache nur noch pikanter. Hier wurde nicht nur korrigiert, hier wurde aktiv manipuliert.

Die Verteidigungslinie des Ministers wirkt dabei so stabil wie ein Kartenhaus im Leipziger Märzwind. Er beruft sich auf das Haber-Verfahren, jene geheimnisvolle Abfrage beim Verfassungsschutz, deren Ergebnisse er nach eigener Aussage selbst nicht im Detail kennt. „Die Fachbeamten wissen schon, was sie tun“, lautete das bemerkenswert dünne Argument im Ausschuss. Es ist eine gefährliche Logik: Der Geheimdienst als Schatten-Juror, dessen Veto ausreicht, um unliebsame Stimmen von der staatlichen Förderung abzuschneiden, ohne dass Ross und Reiter genannt werden müssen. Die betroffenen Buchhändler*innen in Berlin, Bremen und Göttingen ziehen nun vor Gericht – ein Armutszeugnis für eine Kulturpolitik, die eigentlich den Diskurs schützen sollte.

Zwischen Goldglanz und Kürzungsfrust

Während Weimer in Leipzig nun demonstrativ den traditionellen Rundgang absagt – angeblich wegen dringender Termine in Berlin, faktisch wohl eher, um weiteren Konfrontationen aus dem Weg zu gehen –, zeigt sich das ganze Ausmaß seiner Prioritätensetzung. Es ist das Paradoxon einer Ära, die sich „Kultur für alle“ auf die Fahnen schreibt, aber dort die Axt ansetzt, wo sie am tiefsten verwurzelt ist. Während der Bundesetat für Kultur um zehn Prozent wächst, muss der Fonds Soziokultur empfindliche Kürzungen hinnehmen. Das Programm zur Stabilisierung kleinerer Kulturinitiativen wird gestrichen, während man gleichzeitig Millionendeals mit dem Haus Hohenzollern als „gewaltigen Erfolg“ feiert.

Man muss die Ironie fast bewundern: Ein Minister, der monatlich vor der „Verengung des Meinungskorridors“ warnt, baut sich gerade seinen eigenen, sehr schmalen Korridor aus Intransparenz und autoritären Gesten. Auch das Vorhaben, den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig aus Spargründen zu stoppen, musste er nach massivem Widerstand aus der Region eilig wieder einkassieren. Es entsteht das Bild eines Ministers, der Kultur eher als ein Geschäft versteht, das man nach den Regeln seines „Ludwig-Erhard-Gipfels“ führen kann: Exklusiver Zugang für die, die ins Konzept passen, und der Rest muss sehen, wie er mit den Brotkrumen der U25-Förderung überlebt.

Was bleibt nach dieser Woche in Leipzig? Ein beschädigtes Amt und eine zutiefst verunsicherte Szene. Wenn Künstler*innen und Buchhändler*innen künftig Post vom BKM bekommen, werden sie zuerst nach den „gelben Briefen“ des Verfassungsschutzes Ausschau halten müssen. Die begeisterungsfähige Neugier, die Weimer bei seinem Amtsantritt versprach, ist einem frostigen Misstrauen gewichen. Wer die Freiheit des Wortes predigt, aber die Unwahrheit als Standard-E-Mail verschickt, hat seinen Kredit verspielt. Leipzig hat das am Mittwochabend sehr deutlich artikuliert. Und dieses Mal konnte man es nicht einfach mit einem Klick löschen.

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Weimers Kahlschlag an der Basis https://www.tiefgang.net/weimers-kahlschlag-an-der-basis/ Tue, 27 Jan 2026 23:19:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13168 [...]]]> Man muss die Logik des Wolfram Weimer erst einmal verstehen: Während der Bundesetat für Kultur und Medien um satte zehn Prozent nach oben schraubt und die großen Flaggschiffe der Nation im Goldregen stehen, wird dort der Stecker gezogen, wo Kultur tatsächlich stattfindet – fernab der roten Teppiche.

Der Fonds Soziokultur, jenes mühsame Rückgrat der kulturellen Teilhabe in der Fläche, muss im Jahr 2026 mit rund einer Million Euro weniger auskommen als noch im Vorjahr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass ausgerechnet die Institutionen hungern müssen, die sich um die offene Gesellschaft in entlegenen Orten kümmern.

Es ist ein starkes Signal der Ignoranz. Während sich der Staatsminister gerne als Retter des ukrainischen Kulturerbes oder als Bewahrer preußischer Pracht inszeniert, schrumpft das Budget für die Soziokultur von 4,7 auf 3,6 Millionen Euro. Und das bei einem Bewerberansturm, der zeigt, wie groß der Hunger nach Teilhabe eigentlich ist: 685 Anträge mit einem Volumen von 12 Millionen Euro fluteten den Fonds – ein Plus von über 150 Anträgen im Vergleich zum Vorjahr. Die Antwort aus dem Hause Weimer? Ein zynisches Schulterzucken in Form einer Kürzung.

Die Folgen sind so konkret wie deprimierend. Das Programm „Profil: Soziokultur“, das eigentlich für die dringend benötigte Stabilisierung und langfristige Verlässlichkeit kleinerer Organisationen sorgen sollte, entfällt 2026 ersatzlos. Wer braucht schon Stabilität, wenn er auch im luftleeren Raum der „verantwortungsvollen Mittelverwendung“ schweben kann? Es ist die Demontage der mühsam aufgebauten Infrastruktur in jenen Winkeln Deutschlands, die vom etablierten Kulturbetrieb ohnehin nur auf der Landkarte wahrgenommen werden.

Ein Gnadenbrot für den Nachwuchs

Um die bittere Pille zu versüßen, streut Weimer eine Prise Beruhigungspulver unter das Volk: Einmalige 300.000 Euro Sondermittel werden für das Nachwuchsprogramm U25 bereitgestellt. Ein klassisches Manöver aus dem PR-Handbuch für Fortgeschrittene: Man nimmt der Szene eine Million Euro weg, gibt ihr einen Bruchteil davon unter dem Label „Nachwuchsförderung“ zurück und lässt sich dafür als visionärer Förderer feiern. Dass die jungen Initiativen ohne die stabilen Strukturen der erfahrenen Akteur*innen vor Ort im luftleeren Raum hängen, scheint in die glattgebügelte Weltanschauung des Staatsministers nicht hineinzupassen.

Dass der Fonds Soziokultur in seiner Mitteilung den Bundespolitiker*innen noch artig für die „grundsätzliche Unterstützung“ dankt, liest sich fast wie der verzweifelte Versuch, das letzte bisschen Wohlwollen nicht auch noch zu verspielen. Doch die Wahrheit ist unmusikalisch: Die Fördermittel erreichen tausende von Menschen jeden Alters, die sich für Mitwirkung und Demokratie engagieren. Wenn Weimer von der Ukraine als „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ spricht, sollte er vielleicht öfter mal in die entlegenen Orte im eigenen Land schauen. Denn dort, wo die Soziokultur stirbt, bröckelt das Fundament, auf dem seine prachtvollen Leuchttürme eigentlich stehen sollten. Ein Trauerspiel, das keine Applaus verdient.

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Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

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Sommer im Park – mit Hape und dem Doktor https://www.tiefgang.net/sommer-im-park-mit-hape-und-dem-doktor/ Sun, 21 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13024 [...]]]> Das dritte Quartal 2025 fühlte sich in Harburg wie ein tiefes, befreiendes Durchatmen an – ein Sommer, der die politische Schwere und die bürokratische Starre des Frühjahrs mit einer Mischung aus bürgerschaftlicher Wärme, intellektuellem Anspruch und einer überraschenden Prise Glamour wegspülte.

Während die Hamburger City noch immer mit den Scherben der Ära Volpi und den Debatten um den Milliarden-Opernneubau beschäftigt war, bewies der Süden, dass wahre kulturelle Relevanz nicht in Marmor gemeißelt wird, sondern in der Begegnung auf Augenhöhe entsteht.

Ein leuchtendes Beispiel für diese Harburger Lebensfreude war das Fest „Sommer im Park“. Inmitten der grünen Lunge des Bezirks wurde spürbar, wie sehr die Menschen nach Orten lechzen, an denen Kultur ohne Barrieren und ohne Dresscode stattfindet. Es war ein Fest der Zwischentöne: Hier trafen lokale Musikgrößen auf Familienpicknicks, und die Stimmung war geprägt von jener unaufgeregten Nahbarkeit, die man nördlich der Elbe oft vergeblich sucht. Genau in diese entspannte Atmosphäre platzte eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durch den Bezirk ging: Hape Kerkeling wurde gesichtet! Der Entertainer, bekannt für sein feines Gespür für Milieus und seine Liebe zum Authentischen, schien sichtlich Gefallen an der unprätentiösen Harburger Art zu finden. Sein Auftauchen als „Horst Schlemmer“ wirkte fast wie ein inoffizieller Ritterschlag für die Szene – ein Signal, dass man hier nicht nur „Problemchen“ wälzt, sondern eine Lebensqualität pflegt, die selbst prominente Beobachter*innen anzieht, die das echte Hamburg jenseits der Elbphilharmonie-Postkarten suchen.

Doch Harburg beließ es nicht beim Feiern, sondern nutzte die Sommerhitze für eine gesellschaftliche Abkühlung der besonderen Art. Mit der neuen Tiefgang-Reihe „Dr. Sommer der Demokratie“ startete ein Projekt, das wie ein Erste-Hilfe-Kurs für das gesellschaftliche Miteinander wirkte. In einer Zeit, in der die politische Debatte oft zwischen Resignation und Eskalation schwankt, bietet dieses Format seither den nötigen Raum, um über demokratische Werte zu sprechen. Es war die konsequente Weiterführung jener Fragen, die die Gruppe Interurban bereits im Winter an die Karstadt-Fassade projiziert hatte: Wer ist die Stadt, und wie wollen wir in ihr leben? „Dr. Sommer“ nimmt diese Fäden auf und webt sie in einen Dialog ein, der neugierig und begeisterungsfähig statt belehrend ist. Es geht um die Heilung kleinerer und größerer demokratischer Blessuren – eine Therapieform, die Harburg mit seinem Mix aus unterschiedlichsten Biografien gut zu Gesicht steht.

Diese demokratische Praxis spiegelte sich auch in der unermüdlichen Arbeit der Kunstleihe Harburg wider. Die Reihe „Kunst vor Ort“ nutzte die Sommermonate, um die Schwellenängste vor der Kunst endgültig abzubauen. Im Juli bot die letzte Depot-Führung in der Sammlung Falckenberg einen faszinierenden Blick in die Schatzkammern der Malerei, bevor im August der Graffitikünstler Brozilla die Heimfeld Hall Graffiti-Wand zum Gegenstand eines visuellen Spektakels machte. Es ist diese Form der Vermittlung, die den Hamburger Süden auszeichnet: Kunst wird nicht nur gezeigt, sie wird erklärt, angefasst und buchstäblich von der Wand genommen, um sie in die Wohnzimmer der Bürger*innen zu tragen. Während man in der HafenCity noch über exklusive Stiftungsverträge ohne Bürgerbeteiligung brütete, wurde in Harburg die Teilhabe längst gelebt.

Parallel dazu hielt der Sommer auch Momente der kritischen Selbstreflexion bereit. In Buxtehude wurde die Geschichte lebendig gehalten, indem thematische Führungen die Strukturen des Nationalsozialismus beleuchteten. Diese historische Tiefenbohrung bildete das notwendige Fundament für die modernen Freiheitswerte, die gleichzeitig beim Nachwuchswettbewerb „Local Heroes“ gefeiert wurden. Junge Bands und Solokünstler*innen aus der Region erhielten hier die Bühne, die ihnen zusteht – ein nachhaltiger musikalischer Aufbruch, der weit über den Sommer hinauswirken wird.

Zum Ende des Quartals im September verdichtete sich die Stimmung schließlich im Stadtmuseum Harburg. Die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge, die bereits seit Mai die Seele des Bezirks dokumentierte, erreichte ihren Höhepunkt. Schwinge, der als Chronist den Wandel zwischen Abriss und Neubau festhält, wurde in seinen Künstlergesprächen zum Moderator einer ganzen Stadtgesellschaft. Hier wurde deutlich, dass die Harburger*innen ihren Stadtteil nicht nur als Wohnort, sondern als Gestaltungsraum begreifen.

Rückblickend war das dritte Quartal 2025 der Beweis dafür, dass Harburg keine goldenen Opernhäuser braucht, um kulturell zu strahlen. Die Mischung aus dem „Sommer im Park“, der klugen Provokation von „Dr. Sommer der Demokratie“ und der unverhofften Prise Prominenz durch Hape Kerkeling hat gezeigt: Der Hamburger Süden ist ein Ort, an dem Kultur atmet, Fragen stellt und vor allem die Menschen zusammenbringt. Während Hamburg-Mitte noch über das monumentale Erbe der Vergangenheit rätselte, tanzte Harburg bereits in die Zukunft – locker, nahbar und mit einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Dialogs.

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Ein Sommer der Kunst https://www.tiefgang.net/ein-sommer-der-kunst/ Sat, 20 Dec 2025 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13020 [...]]]> Der Übergang vom Frühling in den Sommer 2025 markierte in der Hamburger Kulturlandschaft eine Phase, in der die Fassaden der Hochglanzprojekte Risse bekamen, während im Süden der Elbe mit bemerkenswerter Resilienz gegen den drohenden Stillstand angearbeitet wurde.

Es war ein Quartal, das uns schmerzhaft vor Augen führte, dass kulturelle Teilhabe kein Selbstläufer ist. Vielmehr ist es ein permanentes Aushandeln zwischen politischem Willen und bürgerschaftlichem Engagement.

Es begann im April mit einer fast schon gespenstischen Stille im Harburger Zentrum, wo die sogenannten Karstadt-Geister umgingen. Während in der HafenCity die Verträge für einen prunkvollen Opern-Neubau ohne jede Bürgerbeteiligung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis zur Unterschriftsreife gebracht wurden, kämpfte man in Harburg mit einer Mauer aus Schweigen. Die Fraktion der Linken hatte versucht, Licht in das Dunkel der Betriebskosten für das ehemalige Karstadt-Gebäude zu bringen, doch die Antworten der Finanzbehörde blieben vage und nebelhaft. Es ist die bittere Ironie einer Stadtentwicklung, die im Norden Milliarden für neue „Leuchttürme“ mobilisiert, während im Süden eine bereits existierende Immobilie, die als „Planet Harburg“ ein pulsierendes Zentrum für Theater, Kino und Literatur werden könnte, durch bürokratische Intransparenz blockiert wird. Der kalte Wind, der den Harburger Visionär*innen hier entgegenschlug, war weit mehr als nur eine Verwaltungsglosse; er war ein Symptom für die Vernachlässigung der kulturellen Basisarbeit zugunsten von Prestigeprojekten.

Doch Harburg antwortete auf diese eiskalte Schulter der Verwaltung im Mai mit einer beeindruckenden Rückbesinnung auf seine eigene Identität. Im Stadtmuseum Harburg wurde die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge zum emotionalen Ankerpunkt. Schwinge, der als Chronist mit Skizzenblock und wachem Auge durch die Straßen zieht, dokumentiert nicht nur den Abriss und Neubau, sondern vor allem die Menschen, die diesen Bezirk prägen. In seinen rund 150 Werken wurde deutlich, dass die Seele eines Stadtteils nicht in gläsernen Opernhäusern wohnt, sondern auf dem geschäftigen Wochenmarkt und in den alltäglichen Momenten der Nachbarschaft. Diese Authentizität bildete den wohltuenden Gegenpol zum zeitgleichen Beben in der Hamburger Staatsoper. Dort war der Hoffnungsträger Demis Volpi nach nur einem halben Jahr als Ballettchef zurückgetreten. Sein jäher Abschied legte die Wunden offen, die das gigantische Erbe John Neumeiers hinterlassen hatte. Die Debatte um Volpis Abgang drehte sich um weit mehr als nur künstlerische Differenzen; sie stellte die Frage nach sozialer Kompetenz und moderner Menschenführung in erstarrten Institutionen – eine Diskussion, die in Harburg, wo man aufgrund mangelnder Mittel ohnehin auf engste Kooperation angewiesen ist, fast wie aus einer anderen Welt wirkte.

Während die Staatsoper versuchte, ihre Scherben aufzusammeln, weitete der Süden seinen Blick und bewies im Juni eine beeindruckende intellektuelle Tiefe. In Stade forderte die Ausstellung AMANI im Schwedenspeicher die Besucher*innen dazu auf, die koloniale Vergangenheit radikal neu zu bewerten. Die Aufarbeitung der Sammlung des Botanikers Karl Braun, der hunderte Kulturgüter aus Tansania nach Stade gebracht hatte, wurde zum Lehrstück über kulturelle Aneignung und notwendige Restitution. Hier wurde Weltgeschichte im Lokalen verhandelt – ein Anspruch, den Harburg auch mit der Einbeziehung des Kurzfilm Festivals Hamburg im Planet Harburg unterstrich. Unter dem Motto „Provokation der Liebe“ wurde das ehemalige Kaufhaus für kurze Zeit zum Tempel des experimentellen Kinos, was einmal mehr das enorme Potenzial dieses Ortes bewies, wenn man ihn denn ließe.

Zum Abschluss des Quartals kehrte die Energie dorthin zurück, wo sie in Harburg am stärksten ist: in die Räume der freien Szene und der privaten Initiativen. In den Phoenix-Hallen feierte die Sammlung Falckenberg mit der Ausstellung How’s My Painting? das Erbe der Counter Culture. Von der Punk-Attitüde der 80er Jahre bis hin zu modernen Dekonstruktionen wurde Malerei hier als Akt der Freiheit zelebriert, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt. Dass Projekte wie Kunst vor Ort der Harburger Kunstleihe zeitgleich Führungen zu Graffiti-Wänden und in versteckte Depots anboten, schloss den Kreis. Es war die finale Bestätigung einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Quartal zog: Während die Hamburger City im Großen über Prestige und glanzvolle Namen debattierte und dabei oft über die eigenen Beine stolperte, pflegte Harburg im Kleinen die Nahbarkeit. Es ist eine Kultur der kurzen Wege und der klaren Worte, die sich ihren Raum nimmt – egal, ob dieser Raum ein ausgebranntes Theater, ein blockiertes Kaufhaus oder eine graue Betonwand in Heimfeld ist. Das zweite Quartal hat gezeigt, dass Harburgs wahre Stärke in der Hartnäckigkeit seiner Akteur*innen liegt, die sich vom Glanz der City nicht blenden und vom Nebel der Bürokratie nicht aufhalten lassen.

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Planeten, Theater, Literatur https://www.tiefgang.net/planeten-theater-literatur/ Fri, 19 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13017 [...]]]> Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

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Der Preis der „Inneren Größe“ https://www.tiefgang.net/der-preis-der-inneren-groesse/ Fri, 21 Nov 2025 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12870 [...]]]> Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat in den letzten Wochen ein vielschichtiges, wenn auch zynisch geschlossenes Weltbild der Kulturnation präsentiert. Er regiert mit der Wucht der Zahlen und der Perfektion der politischen Inszenierung.

Es waren gleich drei bemerkenswerte Meldungen, die zum Kulturstattsminister dieser Tage über den Ticker liefen. „Bund investiert 21,8 Millionen Euro in Dachau und Flossenbürg“ war die eine Pressemitteilung aus dem Amt der Bundesregierung, „Bundeskulturetat 2026 mit 2,57 Milliarden Euro beschlossen“, die andere. Und dann berichtete die Frankfurter Allgmeine (18.11.2025) noch über den jährlichen „von der Weimer Media Group ausgerichteten Ludwig-Erhard-Gipfel, bei dem Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Medien miteinander ins Gespräch kommen.“

Betrachtet man die Summe seiner Entscheidungen – von Rekord-Etats über symbolische Ein-Euro-Männer bis hin zu 80.000-Euro-Netzwerk-Partys (die Summe ist der Netto-Preis für die Teilnahme, nicht für die Ausrichtung des Treffens!) – wird klar: Weimer betreibt eine Zwei-Klassen-Kulturpolitik, die Prestige und politische Selbstversicherung über die unglamouröse Basis stellt.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Art von Gesellschaft will man uns hier vermitteln?

Der Moralschild aus Millionen

An der Spitze seiner Agenda steht die Verkündung des Bundeskulturetats für 2026: 2,57 Milliarden Euro – eine Summe, die die „innere Größe unserer Kulturnation“ zementieren soll. Diese Grandezza wird sofort mit einem rhetorischen Schutzschild untermauert: Parallel sichert Weimer 21,8 Millionen Euro für die Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg und liefert den Slogan: „Erinnerung ist unsere stärkste Antwort auf Extremismus.“

Das ist kein Zufall, sondern politisches Kalkül. Man investiert in Projekte, deren moralischer Wert unantastbar ist. Die Geschichte wird zur idealen politischen Waffe instrumentalisiert; die Investition in das historisch Notwendige macht jede Kritik am Rest des Budgets beinahe unmöglich. Wer so großzügig die Erinnerung pflegt, kann sich moralische Immunität erkaufen.

Auch die vertiefte Kulturkooperation mit der Ukraine wird in diese geopolitische Geste eingebettet. Sie ist nicht nur militärischer oder politischer, sondern eben auch „kultureller Natur“ und erhebt das ganze Handeln auf eine Ebene, die keinen Zweifel zulässt: Weimer ist der Verteidiger der Freiheit und des „Bollwerks gegen autoritäre Ideologie“. Die Kultur wird so zur Folie für die Außenpolitik und zur glänzendsten PR-Fassade.

Der Ein-Euro-Mann und die Sparopfer

Die wahre politische Kultur zeigt sich jedoch in den Kontrasten. Auf der einen Seite steht Kanzler Merz, der den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zum Persönlichen Beauftragten für Investitionen ernennt. Sein Gehalt: symbolisch ein „one dollar man“ oder „Ein-Euro-Mann“, der dem Land „ein bisschen zurückgeben“ will. Der Investment-Profi wird zum Ehrenamtler erklärt, während Millionen von Bürger*innen für 12,82 Euro die Stunde – den Mindestlohn – arbeiten. Die Botschaft: Die Eliten arbeiten aus reiner Verbundenheit, die Wichtigen sind unbezahlbar, die Basis muss ihre Existenz mit harter Arbeit verteidigen. Blessing soll nebenbei die Germany Trade and Invest (GTAI), die „ein Schattendasein führt“, auf Kurs bringen.

Auf der anderen Seite, in der unglamourösen Basis der Kulturnation, wird das Ehrenamt aktiv bestraft: Der Allgemeine Cäcilienverband (ACV) verliert 50.000 Euro an jährlicher Förderung, was 40 Prozent seiner Einnahmen ausmacht. Die Folge: Der Verband, der 274.000 Musiker*innen und Sänger*innen organisiert, steht vor dem Ende seiner hauptamtlichen Strukturen. Man ist bereit, das Fundament der historisch gewachsenen Musikkultur verhungern zu lassen, weil 50.000 Euro angeblich das Haushaltsdefizit der Bischofskonferenz retten müssen.

Der zynische Kern: Die „Leistungsträger“ der Wirtschaft arbeiten für einen Euro und erhalten dafür Macht und Prestige; die Leistungsträger der Kultur an der Basis verlieren ihre einzige professionelle Koordinationsstelle wegen einer Summe, die – pro Kopf der Engagierten – bei 0,18 Euro liegt.

Die Kultivierung der Exklusivität am Tegernsee

Die tatsächliche Weltordnung des Ministers kulminiert im Ludwig-Erhard-Gipfel, den Weimer und seine Frau mitorganisier(t)en. Bei diesem „Gipfel“ trifft sich das „Who’s who der deutschen Topentscheider“. Man ist gerne „unter sich“. Es ist kein Forum der Vielfalt, sondern ein Club der Eingeweihten.

Und dieser Club ist nicht kostenlos. Die Verkaufsunterlagen der Weimer Media Group versprechen „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“. Der Preis dafür ist stolz: Das Paket „Mont Blanc“ kostet eben 80.000 Euro netto für die Teilnahme an der „exklusiven Executive Night“.

Man darf vermuten: 80.000 Euro für Einfluss sind dem Minister offenbar wichtiger als 50.000 Euro für die Sicherung von 274.000 Laienchören.

Hinzu kommt die Staatsknete, die diese private Party mitfinanziert. Die staatliche Agentur Bayern Innovativ unterstützte den Gipfel mit 165.000 Euro. Obwohl Weimer die Geschäftsführung vor Amtsantritt niedergelegt hat, ist er weiterhin zu 50 Prozent beteiligt. Es ist eine juristische Finesse, bei der der Minister im Kabinett sitzt, während seine Veranstaltung mit staatlicher Förderung das Netzwerk der Mächtigen für teures Geld verkauft.

Die Wahrnehmung, die Weimer damit in der Gesellschaft verfestigt, ist die einer Kultur als Statussymbol und politischem Manövrierraum. Die „innere Größe“ wird zur Hülle eines Systems, in dem der politische Zugang monetarisiert wird und die Basis aus eigener Kraft singen oder eben verstummen soll. Das ist die eigentliche Botschaft, die hinter den Milliarden und den 80.000 Euro steckt.

Und natürlich muss man den Kontext größer fassen: Merz` Kabinett, zu dem auch Weimer zählt, ist ein Kabinett, das ganz unverhohlen Lobbyist*innen in Minister*innenämtern kleidet. Das macht die Rolle Weimers aber nicht besser. Eher anders herum.

Die Wahrnehmung von Kultur in Deutschland wird gerade nachhaltig verändert. Der AfD wird´s gefallen. Alle anderen werden sich wehren müssen.

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Die Posse vom Ein-Dollar-Mann https://www.tiefgang.net/die-posse-vom-ein-dollar-mann/ Fri, 26 Sep 2025 22:53:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12584 [...]]]> Bühne frei für das neueste Stück aus dem Polit-Feuilleton: „Der Wohlstand der Nation und sein Ein-Dollar-Mann“. Die Hauptrollen: Bundeskanzler Friedrich Merz, bekannt für seine Liebe zu schwarzen Anzügen und den Ruf nach mehr privatem Kapital, und Martin Blessing, der Ex-Commerzbank-Chef, der Deutschland nun für einen symbolischen Obolus auf die Beine helfen soll.

Der Regisseur dieser Posse? Die Bundesregierung selbst, die uns eine Lektion in politischer Kultur erteilen will.

Ein-Dollar, das ist das Gehalt. Oder besser: der „Ein-Euro-Mann“. Zehn Prozent mehr als der amerikanische Slogan, das ist wichtig für die Binnen-PR. Während Millionen von Menschen in Deutschland für 12,82 Euro die Stunde schuften – den Mindestlohn – gibt es jemanden, der aus Verbundenheit zum Land für einen Hauch von gar nichts antritt. Merz, der selbst die Höhen der Finanzwelt kennt, hat einen Brückenbauer und Vertrauensschaffenden ernannt. Ein Mann, der „Brücken zu Unternehmen, zu Investoren, zu unseren internationalen Partnern bauen“ soll. Aber was für eine Brücke baut man mit einem Euro? Eine Miniaturbrücke, vielleicht für die Gartenbahn?

Das ist die politische Botschaft: Der Staat braucht die Hilfe der Wirtschaft, weil er es allein nicht schafft. Und die Wirtschaft hilft. Aber nur ehrenamtlich. Denn wer wirklich etwas leistet, tut dies nicht für Geld, sondern aus purer Vaterlandsliebe.

„Deutschland hat mir in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel gegeben. Ich möchte ein bisschen zurückgeben,“ sagt Blessing. Es klingt wie ein Bekenntnis, aber in einer Posse kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass derjenige, der ohnehin schon im Überfluss lebt, uns erklärt, wie das System funktioniert. Die eigentliche Lektion lautet: Geld verdienen andere, die Wichtigen arbeiten umsonst.

Die Posse hat noch weitere Akte: die Germany Trade and Invest (GTAI), eine Gesellschaft, die ein „Schattendasein führt“ und „viel stärker sein könnte“. Blessing soll sie nun auf Kurs bringen. Und so wird der Ein-Euro-Mann auch zum Retter einer Bundesgesellschaft, die, wie Merz selbst zugibt, nicht richtig funktioniert.

Am Ende dieser Farce bleibt die Frage, an wen sich die Geste richtet. An die Öffentlichkeit? Dann ist es ein Hohn. An die Investoren? Sie wissen, dass der symbolische Euro nichts über Blessings tatsächliche Macht und Vernetzung aussagt. Es ist eine Posse, in der die Rollen vertauscht werden: Der Kanzler ist der PR-Manager, der Investment-Profi der „one-dollar-man“, und die Bürger*innen sind das staunende Publikum, das sich fragt, ob es wirklich nur um 1 Euro geht.

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Kultur- oder Geopolitik? https://www.tiefgang.net/kultur-oder-geopolitik/ Fri, 29 Aug 2025 22:29:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12364 [...]]]> Wir helfen der Ukraine. Und auch der ukrainischen Kultur. Gut so. Aber Kulturstaatsminister Weimer hilft vor allem sich selbst.

„Unsere Solidarität mit der Ukraine ist nicht nur militärischer und politischer Natur, sondern auch kulturell.“ So Weimer in seiner Erklärung einer jüngst vereinbarten Kulturkooperation zwischen beiden Ländern, in der er die Kulturförderung aber zugleich auf eine geopolitische Ebene hebt. Einfache Hilfe wäre vielleicht angemessener. Die Ukraine wird zum „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ und zur Verteidigerin der Meinungsfreiheit, künstlerischen Freiheit und kulturellen Identität. Das ist bei Weimer nicht nur eine Beschreibung, sondern eine Haltung. Eine politische Haltung, die sich wie immer in einem glänzenden PR-Spiegelbild wiederfindet.

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, und seine ukrainische Amtskollegin Tetyana Berezhna haben gerade eine vertiefte Kulturkooperation zwischen beiden Ländern vereinbart. Doch hinter den feierlichen Worten über Solidarität verbirgt sich ein politischer Akt, der nicht nur Hilfe anbietet, sondern auch die eigene Rolle im besten Licht präsentiert. Denn Weimar steht in der Kritik, selbst eine überkommene Idee von deutscher Kultur wieder hoffähig machen zu wollen. Daher bleibt auch hier der Eindruck eines Kommunikationsakts, der sich in den Mantel der Solidarität hüllt, aber vor allem das eigene politische Handeln zur Schau stellt.

Die Liste der Heldentaten

Die Vereinbarung liest sich wie eine litaneiartige Aufzählung der eigenen Verdienste: man habe bereits 28,9 Millionen Euro Kulturhilfen bereitgestellt, ein genauer, fast schon pedantischer Betrag, der das finanzielle Engagement untermauern soll. Die Hilfen aber zu glatten 30 Millionen aufzustocken, blieb dann aus. Es ist Weimers Sprache der Erfolgsmeldungen: Man hat geholfen, man hilft weiterhin und man wird in Zukunft noch mehr helfen.

Das macht auch die Aufzählung der Projekte deutlich: Die neue Förderlinie „Fokus östliches Europa“ der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht die Kyiv Biennial 2026 im Exil. Ein starkes Zeichen, das aber auch die Frage aufwirft, wie lange die ukrainische Kulturszene denn noch in der Ferne bleiben muss. Die ukrainische Filmszene wird unterstützt – aber ehrlich gesagt mehr durch den Europäischen Solidaritätsfonds als Deutschland. Dann wird erstaunlicherweise auch noch die Rolle der Deutschen Welle im Kampf gegen Desinformation aufgeführt und die Ausstellung „Von Odesa nach Berlin“, eine Auswahl bedeutender Gemälde, die aus dem ukrainischen Museum nach Deutschland gebracht wurde.

All das sind zweifellos sinnvolle Projekte. Doch die Art der Präsentation vermischt vieles und lässt so kritische Fragen unweigerlich entstehen. Denn keine Informationen darüber, wie die Zusammenarbeit konkret gestaltet wird, wer die Akteur*innen sind oder welche Herausforderungen es im ukrainischen Kulturbetrieb gibt. Es ist eine glattgeschliffene, heroische Information, die suggeriert, dass die Hilfen reibungslos fließen.

Ein Krieg gegen Wahrheit, der auch in der Heimat tobt

„Putins Angriff ist ein Krieg gegen Wahrheit und Vielfalt – und die Ukraine hält stand.“  Mit dieser kraftvollen, aber auch simplifizierenden Aussage schließt Weimer seine Erklärung. Doch der Satz lässt sich vor allem auch auf die innerdeutsche Kulturdebatte anwenden. Das „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ könnte auch eine Anspielung auf eigene innenpolitische Debatten sein. Weimers Kommunikation ist weniger eine vertiefte Analyse oder gar praxisnahe Idee einer Kulturkooperation sondern vielmehr eine Inszenierung des eigenen politischen Weltbildes. Solidarität wird betont, finanzielle Hilfe beziffert und die eigenen Maßnahmen werden gefeiert.

Man darf zweifellos stolz sein auf die geleistete Hilfe, aber die Selbstbeweihräucherung Weimers schwingt nicht nur in jedem Satz mit, sondern lässt weiter an seiner kulturpolitischen Kompetenz zweifeln. Dennoch: wir drücken den Kulturschaffenden in der Ukraine die Daumen!

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