Ernst Odernich – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 19 Dec 2025 13:53:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

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Sommer im Park – mit Hape und dem Doktor https://www.tiefgang.net/sommer-im-park-mit-hape-und-dem-doktor/ Sun, 21 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13024 [...]]]> Das dritte Quartal 2025 fühlte sich in Harburg wie ein tiefes, befreiendes Durchatmen an – ein Sommer, der die politische Schwere und die bürokratische Starre des Frühjahrs mit einer Mischung aus bürgerschaftlicher Wärme, intellektuellem Anspruch und einer überraschenden Prise Glamour wegspülte.

Während die Hamburger City noch immer mit den Scherben der Ära Volpi und den Debatten um den Milliarden-Opernneubau beschäftigt war, bewies der Süden, dass wahre kulturelle Relevanz nicht in Marmor gemeißelt wird, sondern in der Begegnung auf Augenhöhe entsteht.

Ein leuchtendes Beispiel für diese Harburger Lebensfreude war das Fest „Sommer im Park“. Inmitten der grünen Lunge des Bezirks wurde spürbar, wie sehr die Menschen nach Orten lechzen, an denen Kultur ohne Barrieren und ohne Dresscode stattfindet. Es war ein Fest der Zwischentöne: Hier trafen lokale Musikgrößen auf Familienpicknicks, und die Stimmung war geprägt von jener unaufgeregten Nahbarkeit, die man nördlich der Elbe oft vergeblich sucht. Genau in diese entspannte Atmosphäre platzte eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durch den Bezirk ging: Hape Kerkeling wurde gesichtet! Der Entertainer, bekannt für sein feines Gespür für Milieus und seine Liebe zum Authentischen, schien sichtlich Gefallen an der unprätentiösen Harburger Art zu finden. Sein Auftauchen als „Horst Schlemmer“ wirkte fast wie ein inoffizieller Ritterschlag für die Szene – ein Signal, dass man hier nicht nur „Problemchen“ wälzt, sondern eine Lebensqualität pflegt, die selbst prominente Beobachter*innen anzieht, die das echte Hamburg jenseits der Elbphilharmonie-Postkarten suchen.

Doch Harburg beließ es nicht beim Feiern, sondern nutzte die Sommerhitze für eine gesellschaftliche Abkühlung der besonderen Art. Mit der neuen Tiefgang-Reihe „Dr. Sommer der Demokratie“ startete ein Projekt, das wie ein Erste-Hilfe-Kurs für das gesellschaftliche Miteinander wirkte. In einer Zeit, in der die politische Debatte oft zwischen Resignation und Eskalation schwankt, bietet dieses Format seither den nötigen Raum, um über demokratische Werte zu sprechen. Es war die konsequente Weiterführung jener Fragen, die die Gruppe Interurban bereits im Winter an die Karstadt-Fassade projiziert hatte: Wer ist die Stadt, und wie wollen wir in ihr leben? „Dr. Sommer“ nimmt diese Fäden auf und webt sie in einen Dialog ein, der neugierig und begeisterungsfähig statt belehrend ist. Es geht um die Heilung kleinerer und größerer demokratischer Blessuren – eine Therapieform, die Harburg mit seinem Mix aus unterschiedlichsten Biografien gut zu Gesicht steht.

Diese demokratische Praxis spiegelte sich auch in der unermüdlichen Arbeit der Kunstleihe Harburg wider. Die Reihe „Kunst vor Ort“ nutzte die Sommermonate, um die Schwellenängste vor der Kunst endgültig abzubauen. Im Juli bot die letzte Depot-Führung in der Sammlung Falckenberg einen faszinierenden Blick in die Schatzkammern der Malerei, bevor im August der Graffitikünstler Brozilla die Heimfeld Hall Graffiti-Wand zum Gegenstand eines visuellen Spektakels machte. Es ist diese Form der Vermittlung, die den Hamburger Süden auszeichnet: Kunst wird nicht nur gezeigt, sie wird erklärt, angefasst und buchstäblich von der Wand genommen, um sie in die Wohnzimmer der Bürger*innen zu tragen. Während man in der HafenCity noch über exklusive Stiftungsverträge ohne Bürgerbeteiligung brütete, wurde in Harburg die Teilhabe längst gelebt.

Parallel dazu hielt der Sommer auch Momente der kritischen Selbstreflexion bereit. In Buxtehude wurde die Geschichte lebendig gehalten, indem thematische Führungen die Strukturen des Nationalsozialismus beleuchteten. Diese historische Tiefenbohrung bildete das notwendige Fundament für die modernen Freiheitswerte, die gleichzeitig beim Nachwuchswettbewerb „Local Heroes“ gefeiert wurden. Junge Bands und Solokünstler*innen aus der Region erhielten hier die Bühne, die ihnen zusteht – ein nachhaltiger musikalischer Aufbruch, der weit über den Sommer hinauswirken wird.

Zum Ende des Quartals im September verdichtete sich die Stimmung schließlich im Stadtmuseum Harburg. Die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge, die bereits seit Mai die Seele des Bezirks dokumentierte, erreichte ihren Höhepunkt. Schwinge, der als Chronist den Wandel zwischen Abriss und Neubau festhält, wurde in seinen Künstlergesprächen zum Moderator einer ganzen Stadtgesellschaft. Hier wurde deutlich, dass die Harburger*innen ihren Stadtteil nicht nur als Wohnort, sondern als Gestaltungsraum begreifen.

Rückblickend war das dritte Quartal 2025 der Beweis dafür, dass Harburg keine goldenen Opernhäuser braucht, um kulturell zu strahlen. Die Mischung aus dem „Sommer im Park“, der klugen Provokation von „Dr. Sommer der Demokratie“ und der unverhofften Prise Prominenz durch Hape Kerkeling hat gezeigt: Der Hamburger Süden ist ein Ort, an dem Kultur atmet, Fragen stellt und vor allem die Menschen zusammenbringt. Während Hamburg-Mitte noch über das monumentale Erbe der Vergangenheit rätselte, tanzte Harburg bereits in die Zukunft – locker, nahbar und mit einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Dialogs.

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Ein Sommer der Kunst https://www.tiefgang.net/ein-sommer-der-kunst/ Sat, 20 Dec 2025 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13020 [...]]]> Der Übergang vom Frühling in den Sommer 2025 markierte in der Hamburger Kulturlandschaft eine Phase, in der die Fassaden der Hochglanzprojekte Risse bekamen, während im Süden der Elbe mit bemerkenswerter Resilienz gegen den drohenden Stillstand angearbeitet wurde.

Es war ein Quartal, das uns schmerzhaft vor Augen führte, dass kulturelle Teilhabe kein Selbstläufer ist. Vielmehr ist es ein permanentes Aushandeln zwischen politischem Willen und bürgerschaftlichem Engagement.

Es begann im April mit einer fast schon gespenstischen Stille im Harburger Zentrum, wo die sogenannten Karstadt-Geister umgingen. Während in der HafenCity die Verträge für einen prunkvollen Opern-Neubau ohne jede Bürgerbeteiligung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis zur Unterschriftsreife gebracht wurden, kämpfte man in Harburg mit einer Mauer aus Schweigen. Die Fraktion der Linken hatte versucht, Licht in das Dunkel der Betriebskosten für das ehemalige Karstadt-Gebäude zu bringen, doch die Antworten der Finanzbehörde blieben vage und nebelhaft. Es ist die bittere Ironie einer Stadtentwicklung, die im Norden Milliarden für neue „Leuchttürme“ mobilisiert, während im Süden eine bereits existierende Immobilie, die als „Planet Harburg“ ein pulsierendes Zentrum für Theater, Kino und Literatur werden könnte, durch bürokratische Intransparenz blockiert wird. Der kalte Wind, der den Harburger Visionär*innen hier entgegenschlug, war weit mehr als nur eine Verwaltungsglosse; er war ein Symptom für die Vernachlässigung der kulturellen Basisarbeit zugunsten von Prestigeprojekten.

Doch Harburg antwortete auf diese eiskalte Schulter der Verwaltung im Mai mit einer beeindruckenden Rückbesinnung auf seine eigene Identität. Im Stadtmuseum Harburg wurde die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge zum emotionalen Ankerpunkt. Schwinge, der als Chronist mit Skizzenblock und wachem Auge durch die Straßen zieht, dokumentiert nicht nur den Abriss und Neubau, sondern vor allem die Menschen, die diesen Bezirk prägen. In seinen rund 150 Werken wurde deutlich, dass die Seele eines Stadtteils nicht in gläsernen Opernhäusern wohnt, sondern auf dem geschäftigen Wochenmarkt und in den alltäglichen Momenten der Nachbarschaft. Diese Authentizität bildete den wohltuenden Gegenpol zum zeitgleichen Beben in der Hamburger Staatsoper. Dort war der Hoffnungsträger Demis Volpi nach nur einem halben Jahr als Ballettchef zurückgetreten. Sein jäher Abschied legte die Wunden offen, die das gigantische Erbe John Neumeiers hinterlassen hatte. Die Debatte um Volpis Abgang drehte sich um weit mehr als nur künstlerische Differenzen; sie stellte die Frage nach sozialer Kompetenz und moderner Menschenführung in erstarrten Institutionen – eine Diskussion, die in Harburg, wo man aufgrund mangelnder Mittel ohnehin auf engste Kooperation angewiesen ist, fast wie aus einer anderen Welt wirkte.

Während die Staatsoper versuchte, ihre Scherben aufzusammeln, weitete der Süden seinen Blick und bewies im Juni eine beeindruckende intellektuelle Tiefe. In Stade forderte die Ausstellung AMANI im Schwedenspeicher die Besucher*innen dazu auf, die koloniale Vergangenheit radikal neu zu bewerten. Die Aufarbeitung der Sammlung des Botanikers Karl Braun, der hunderte Kulturgüter aus Tansania nach Stade gebracht hatte, wurde zum Lehrstück über kulturelle Aneignung und notwendige Restitution. Hier wurde Weltgeschichte im Lokalen verhandelt – ein Anspruch, den Harburg auch mit der Einbeziehung des Kurzfilm Festivals Hamburg im Planet Harburg unterstrich. Unter dem Motto „Provokation der Liebe“ wurde das ehemalige Kaufhaus für kurze Zeit zum Tempel des experimentellen Kinos, was einmal mehr das enorme Potenzial dieses Ortes bewies, wenn man ihn denn ließe.

Zum Abschluss des Quartals kehrte die Energie dorthin zurück, wo sie in Harburg am stärksten ist: in die Räume der freien Szene und der privaten Initiativen. In den Phoenix-Hallen feierte die Sammlung Falckenberg mit der Ausstellung How’s My Painting? das Erbe der Counter Culture. Von der Punk-Attitüde der 80er Jahre bis hin zu modernen Dekonstruktionen wurde Malerei hier als Akt der Freiheit zelebriert, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt. Dass Projekte wie Kunst vor Ort der Harburger Kunstleihe zeitgleich Führungen zu Graffiti-Wänden und in versteckte Depots anboten, schloss den Kreis. Es war die finale Bestätigung einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Quartal zog: Während die Hamburger City im Großen über Prestige und glanzvolle Namen debattierte und dabei oft über die eigenen Beine stolperte, pflegte Harburg im Kleinen die Nahbarkeit. Es ist eine Kultur der kurzen Wege und der klaren Worte, die sich ihren Raum nimmt – egal, ob dieser Raum ein ausgebranntes Theater, ein blockiertes Kaufhaus oder eine graue Betonwand in Heimfeld ist. Das zweite Quartal hat gezeigt, dass Harburgs wahre Stärke in der Hartnäckigkeit seiner Akteur*innen liegt, die sich vom Glanz der City nicht blenden und vom Nebel der Bürokratie nicht aufhalten lassen.

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Planeten, Theater, Literatur https://www.tiefgang.net/planeten-theater-literatur/ Fri, 19 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13017 [...]]]> Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

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Der Preis der „Inneren Größe“ https://www.tiefgang.net/der-preis-der-inneren-groesse/ Fri, 21 Nov 2025 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12870 [...]]]> Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat in den letzten Wochen ein vielschichtiges, wenn auch zynisch geschlossenes Weltbild der Kulturnation präsentiert. Er regiert mit der Wucht der Zahlen und der Perfektion der politischen Inszenierung.

Es waren gleich drei bemerkenswerte Meldungen, die zum Kulturstattsminister dieser Tage über den Ticker liefen. „Bund investiert 21,8 Millionen Euro in Dachau und Flossenbürg“ war die eine Pressemitteilung aus dem Amt der Bundesregierung, „Bundeskulturetat 2026 mit 2,57 Milliarden Euro beschlossen“, die andere. Und dann berichtete die Frankfurter Allgmeine (18.11.2025) noch über den jährlichen „von der Weimer Media Group ausgerichteten Ludwig-Erhard-Gipfel, bei dem Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Medien miteinander ins Gespräch kommen.“

Betrachtet man die Summe seiner Entscheidungen – von Rekord-Etats über symbolische Ein-Euro-Männer bis hin zu 80.000-Euro-Netzwerk-Partys (die Summe ist der Netto-Preis für die Teilnahme, nicht für die Ausrichtung des Treffens!) – wird klar: Weimer betreibt eine Zwei-Klassen-Kulturpolitik, die Prestige und politische Selbstversicherung über die unglamouröse Basis stellt.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Art von Gesellschaft will man uns hier vermitteln?

Der Moralschild aus Millionen

An der Spitze seiner Agenda steht die Verkündung des Bundeskulturetats für 2026: 2,57 Milliarden Euro – eine Summe, die die „innere Größe unserer Kulturnation“ zementieren soll. Diese Grandezza wird sofort mit einem rhetorischen Schutzschild untermauert: Parallel sichert Weimer 21,8 Millionen Euro für die Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg und liefert den Slogan: „Erinnerung ist unsere stärkste Antwort auf Extremismus.“

Das ist kein Zufall, sondern politisches Kalkül. Man investiert in Projekte, deren moralischer Wert unantastbar ist. Die Geschichte wird zur idealen politischen Waffe instrumentalisiert; die Investition in das historisch Notwendige macht jede Kritik am Rest des Budgets beinahe unmöglich. Wer so großzügig die Erinnerung pflegt, kann sich moralische Immunität erkaufen.

Auch die vertiefte Kulturkooperation mit der Ukraine wird in diese geopolitische Geste eingebettet. Sie ist nicht nur militärischer oder politischer, sondern eben auch „kultureller Natur“ und erhebt das ganze Handeln auf eine Ebene, die keinen Zweifel zulässt: Weimer ist der Verteidiger der Freiheit und des „Bollwerks gegen autoritäre Ideologie“. Die Kultur wird so zur Folie für die Außenpolitik und zur glänzendsten PR-Fassade.

Der Ein-Euro-Mann und die Sparopfer

Die wahre politische Kultur zeigt sich jedoch in den Kontrasten. Auf der einen Seite steht Kanzler Merz, der den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zum Persönlichen Beauftragten für Investitionen ernennt. Sein Gehalt: symbolisch ein „one dollar man“ oder „Ein-Euro-Mann“, der dem Land „ein bisschen zurückgeben“ will. Der Investment-Profi wird zum Ehrenamtler erklärt, während Millionen von Bürger*innen für 12,82 Euro die Stunde – den Mindestlohn – arbeiten. Die Botschaft: Die Eliten arbeiten aus reiner Verbundenheit, die Wichtigen sind unbezahlbar, die Basis muss ihre Existenz mit harter Arbeit verteidigen. Blessing soll nebenbei die Germany Trade and Invest (GTAI), die „ein Schattendasein führt“, auf Kurs bringen.

Auf der anderen Seite, in der unglamourösen Basis der Kulturnation, wird das Ehrenamt aktiv bestraft: Der Allgemeine Cäcilienverband (ACV) verliert 50.000 Euro an jährlicher Förderung, was 40 Prozent seiner Einnahmen ausmacht. Die Folge: Der Verband, der 274.000 Musiker*innen und Sänger*innen organisiert, steht vor dem Ende seiner hauptamtlichen Strukturen. Man ist bereit, das Fundament der historisch gewachsenen Musikkultur verhungern zu lassen, weil 50.000 Euro angeblich das Haushaltsdefizit der Bischofskonferenz retten müssen.

Der zynische Kern: Die „Leistungsträger“ der Wirtschaft arbeiten für einen Euro und erhalten dafür Macht und Prestige; die Leistungsträger der Kultur an der Basis verlieren ihre einzige professionelle Koordinationsstelle wegen einer Summe, die – pro Kopf der Engagierten – bei 0,18 Euro liegt.

Die Kultivierung der Exklusivität am Tegernsee

Die tatsächliche Weltordnung des Ministers kulminiert im Ludwig-Erhard-Gipfel, den Weimer und seine Frau mitorganisier(t)en. Bei diesem „Gipfel“ trifft sich das „Who’s who der deutschen Topentscheider“. Man ist gerne „unter sich“. Es ist kein Forum der Vielfalt, sondern ein Club der Eingeweihten.

Und dieser Club ist nicht kostenlos. Die Verkaufsunterlagen der Weimer Media Group versprechen „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“. Der Preis dafür ist stolz: Das Paket „Mont Blanc“ kostet eben 80.000 Euro netto für die Teilnahme an der „exklusiven Executive Night“.

Man darf vermuten: 80.000 Euro für Einfluss sind dem Minister offenbar wichtiger als 50.000 Euro für die Sicherung von 274.000 Laienchören.

Hinzu kommt die Staatsknete, die diese private Party mitfinanziert. Die staatliche Agentur Bayern Innovativ unterstützte den Gipfel mit 165.000 Euro. Obwohl Weimer die Geschäftsführung vor Amtsantritt niedergelegt hat, ist er weiterhin zu 50 Prozent beteiligt. Es ist eine juristische Finesse, bei der der Minister im Kabinett sitzt, während seine Veranstaltung mit staatlicher Förderung das Netzwerk der Mächtigen für teures Geld verkauft.

Die Wahrnehmung, die Weimer damit in der Gesellschaft verfestigt, ist die einer Kultur als Statussymbol und politischem Manövrierraum. Die „innere Größe“ wird zur Hülle eines Systems, in dem der politische Zugang monetarisiert wird und die Basis aus eigener Kraft singen oder eben verstummen soll. Das ist die eigentliche Botschaft, die hinter den Milliarden und den 80.000 Euro steckt.

Und natürlich muss man den Kontext größer fassen: Merz` Kabinett, zu dem auch Weimer zählt, ist ein Kabinett, das ganz unverhohlen Lobbyist*innen in Minister*innenämtern kleidet. Das macht die Rolle Weimers aber nicht besser. Eher anders herum.

Die Wahrnehmung von Kultur in Deutschland wird gerade nachhaltig verändert. Der AfD wird´s gefallen. Alle anderen werden sich wehren müssen.

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Die Posse vom Ein-Dollar-Mann https://www.tiefgang.net/die-posse-vom-ein-dollar-mann/ Fri, 26 Sep 2025 22:53:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12584 [...]]]> Bühne frei für das neueste Stück aus dem Polit-Feuilleton: „Der Wohlstand der Nation und sein Ein-Dollar-Mann“. Die Hauptrollen: Bundeskanzler Friedrich Merz, bekannt für seine Liebe zu schwarzen Anzügen und den Ruf nach mehr privatem Kapital, und Martin Blessing, der Ex-Commerzbank-Chef, der Deutschland nun für einen symbolischen Obolus auf die Beine helfen soll.

Der Regisseur dieser Posse? Die Bundesregierung selbst, die uns eine Lektion in politischer Kultur erteilen will.

Ein-Dollar, das ist das Gehalt. Oder besser: der „Ein-Euro-Mann“. Zehn Prozent mehr als der amerikanische Slogan, das ist wichtig für die Binnen-PR. Während Millionen von Menschen in Deutschland für 12,82 Euro die Stunde schuften – den Mindestlohn – gibt es jemanden, der aus Verbundenheit zum Land für einen Hauch von gar nichts antritt. Merz, der selbst die Höhen der Finanzwelt kennt, hat einen Brückenbauer und Vertrauensschaffenden ernannt. Ein Mann, der „Brücken zu Unternehmen, zu Investoren, zu unseren internationalen Partnern bauen“ soll. Aber was für eine Brücke baut man mit einem Euro? Eine Miniaturbrücke, vielleicht für die Gartenbahn?

Das ist die politische Botschaft: Der Staat braucht die Hilfe der Wirtschaft, weil er es allein nicht schafft. Und die Wirtschaft hilft. Aber nur ehrenamtlich. Denn wer wirklich etwas leistet, tut dies nicht für Geld, sondern aus purer Vaterlandsliebe.

„Deutschland hat mir in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel gegeben. Ich möchte ein bisschen zurückgeben,“ sagt Blessing. Es klingt wie ein Bekenntnis, aber in einer Posse kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass derjenige, der ohnehin schon im Überfluss lebt, uns erklärt, wie das System funktioniert. Die eigentliche Lektion lautet: Geld verdienen andere, die Wichtigen arbeiten umsonst.

Die Posse hat noch weitere Akte: die Germany Trade and Invest (GTAI), eine Gesellschaft, die ein „Schattendasein führt“ und „viel stärker sein könnte“. Blessing soll sie nun auf Kurs bringen. Und so wird der Ein-Euro-Mann auch zum Retter einer Bundesgesellschaft, die, wie Merz selbst zugibt, nicht richtig funktioniert.

Am Ende dieser Farce bleibt die Frage, an wen sich die Geste richtet. An die Öffentlichkeit? Dann ist es ein Hohn. An die Investoren? Sie wissen, dass der symbolische Euro nichts über Blessings tatsächliche Macht und Vernetzung aussagt. Es ist eine Posse, in der die Rollen vertauscht werden: Der Kanzler ist der PR-Manager, der Investment-Profi der „one-dollar-man“, und die Bürger*innen sind das staunende Publikum, das sich fragt, ob es wirklich nur um 1 Euro geht.

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Kultur- oder Geopolitik? https://www.tiefgang.net/kultur-oder-geopolitik/ Fri, 29 Aug 2025 22:29:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12364 [...]]]> Wir helfen der Ukraine. Und auch der ukrainischen Kultur. Gut so. Aber Kulturstaatsminister Weimer hilft vor allem sich selbst.

„Unsere Solidarität mit der Ukraine ist nicht nur militärischer und politischer Natur, sondern auch kulturell.“ So Weimer in seiner Erklärung einer jüngst vereinbarten Kulturkooperation zwischen beiden Ländern, in der er die Kulturförderung aber zugleich auf eine geopolitische Ebene hebt. Einfache Hilfe wäre vielleicht angemessener. Die Ukraine wird zum „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ und zur Verteidigerin der Meinungsfreiheit, künstlerischen Freiheit und kulturellen Identität. Das ist bei Weimer nicht nur eine Beschreibung, sondern eine Haltung. Eine politische Haltung, die sich wie immer in einem glänzenden PR-Spiegelbild wiederfindet.

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, und seine ukrainische Amtskollegin Tetyana Berezhna haben gerade eine vertiefte Kulturkooperation zwischen beiden Ländern vereinbart. Doch hinter den feierlichen Worten über Solidarität verbirgt sich ein politischer Akt, der nicht nur Hilfe anbietet, sondern auch die eigene Rolle im besten Licht präsentiert. Denn Weimar steht in der Kritik, selbst eine überkommene Idee von deutscher Kultur wieder hoffähig machen zu wollen. Daher bleibt auch hier der Eindruck eines Kommunikationsakts, der sich in den Mantel der Solidarität hüllt, aber vor allem das eigene politische Handeln zur Schau stellt.

Die Liste der Heldentaten

Die Vereinbarung liest sich wie eine litaneiartige Aufzählung der eigenen Verdienste: man habe bereits 28,9 Millionen Euro Kulturhilfen bereitgestellt, ein genauer, fast schon pedantischer Betrag, der das finanzielle Engagement untermauern soll. Die Hilfen aber zu glatten 30 Millionen aufzustocken, blieb dann aus. Es ist Weimers Sprache der Erfolgsmeldungen: Man hat geholfen, man hilft weiterhin und man wird in Zukunft noch mehr helfen.

Das macht auch die Aufzählung der Projekte deutlich: Die neue Förderlinie „Fokus östliches Europa“ der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht die Kyiv Biennial 2026 im Exil. Ein starkes Zeichen, das aber auch die Frage aufwirft, wie lange die ukrainische Kulturszene denn noch in der Ferne bleiben muss. Die ukrainische Filmszene wird unterstützt – aber ehrlich gesagt mehr durch den Europäischen Solidaritätsfonds als Deutschland. Dann wird erstaunlicherweise auch noch die Rolle der Deutschen Welle im Kampf gegen Desinformation aufgeführt und die Ausstellung „Von Odesa nach Berlin“, eine Auswahl bedeutender Gemälde, die aus dem ukrainischen Museum nach Deutschland gebracht wurde.

All das sind zweifellos sinnvolle Projekte. Doch die Art der Präsentation vermischt vieles und lässt so kritische Fragen unweigerlich entstehen. Denn keine Informationen darüber, wie die Zusammenarbeit konkret gestaltet wird, wer die Akteur*innen sind oder welche Herausforderungen es im ukrainischen Kulturbetrieb gibt. Es ist eine glattgeschliffene, heroische Information, die suggeriert, dass die Hilfen reibungslos fließen.

Ein Krieg gegen Wahrheit, der auch in der Heimat tobt

„Putins Angriff ist ein Krieg gegen Wahrheit und Vielfalt – und die Ukraine hält stand.“  Mit dieser kraftvollen, aber auch simplifizierenden Aussage schließt Weimer seine Erklärung. Doch der Satz lässt sich vor allem auch auf die innerdeutsche Kulturdebatte anwenden. Das „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ könnte auch eine Anspielung auf eigene innenpolitische Debatten sein. Weimers Kommunikation ist weniger eine vertiefte Analyse oder gar praxisnahe Idee einer Kulturkooperation sondern vielmehr eine Inszenierung des eigenen politischen Weltbildes. Solidarität wird betont, finanzielle Hilfe beziffert und die eigenen Maßnahmen werden gefeiert.

Man darf zweifellos stolz sein auf die geleistete Hilfe, aber die Selbstbeweihräucherung Weimers schwingt nicht nur in jedem Satz mit, sondern lässt weiter an seiner kulturpolitischen Kompetenz zweifeln. Dennoch: wir drücken den Kulturschaffenden in der Ukraine die Daumen!

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Das letzte Hosanna für 50.000 Euro https://www.tiefgang.net/das-letzte-hosanna-fuer-50-000-euro/ Fri, 22 Aug 2025 22:33:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12356 [...]]]> Der Vorhang fällt, nicht auf einer Opernbühne, sondern in den stillen, geheiligten Korridoren der Bischofskonferenz. Das Stück heißt „Finanzielle Unumgänglichkeit“ und die Hauptrolle, die spielt die Sparschere.

Der Chor der Betroffenen? Der Allgemeine Cäcilienverband für Deutschland (ACV), 274.000 fleißige Sänger*innen und Musiker*innen, denen man nun mit dem Entzug von 50.000 Euro die Töne abdreht.

Akt I: Die heilige Bürokratie singt vom Defizit

Es ist eine Geschichte, wie sie nur das moderne Kirchentum schreiben kann: Man kürzt dort, wo das Herz schlägt, weil das Portemonnaie zwickt. Die Bischofskonferenz erklärt mit ernster Miene, dass ein „erhebliches Haushaltsdefizit“ vorliege. Ein Defizit, das offenbar nur durch die Streichung des jährlichen Zuschusses für den ACV – eine Summe, die, wie die Petition scharfsinnig bemerkt, 0,18 Euro pro Kopf beträgt – ausgeglichen werden kann.

Man stelle sich vor: Für das, was andere für einen halben Cappuccino ausgeben, streicht die Kirche die Lebensgrundlage für eine ganze Berufsgruppe. Es ist ein Zynismus, der seinesgleichen sucht. Der ACV ist keine prunkvolle Kathedrale, sondern die einzige professionelle Koordinationsstelle für die Kirchenmusik. Eine schlanke Organisation, eine einzige hauptamtliche Stelle, die das „Rückgrat der Kirchenmusik“ ist. Wer bei solch einem Betrag von „unumgänglichen Sparmaßnahmen“ spricht, der muss das Problem entweder woanders suchen oder ein sehr, sehr humorvolles Defizit haben.

Akt II: Fassungslosigkeit am Mikrofon

Die Petition liefert nicht nur Zahlen, sondern auch die moralische Empörung. Der Präsident des Deutschen Musikrats, Professor Krüger, fragt, was wäre die Kirche ohne Musik? Eine berechtigte Frage. Schließlich sind Kirchenkonzerte der beliebteste Bereich der Kirche. Man subventioniert also etwas, das hervorragend funktioniert, weil man sparen muss. So als würde die Lufthansa beschließen, nur noch mit halbem Tank zu fliegen, um die Treibstoffkosten zu senken.

In den Kommentaren der Petition auf change.org finden sich die Stimmen der Basis, die zeigen, wie absurd die Situation ist. Ein Nutzer schreibt, er singe seit 40 Jahren in Kirchenchören, aber das „Vorgehen ist die größte Enttäuschung meinerseits, da die Arbeit der Chöre und Musiker*innen so überhaupt nicht wertgeschätzt wird.Eine andere Person bemerkt trocken: „Man streicht das, was die Kirche am Leben erhält, die Laienchöre, die unendlich viel leisten.“ Es ist die bittere Erkenntnis, dass das Ehrenamt nicht nur auf leeren Mägen singen soll, sondern auch noch die Rechnung für die Kirchengemäuer begleichen muss.

Akt III: Das Schweigen nach dem Schlussakkord

Die Bischofskonferenz hat das Orchester der Hoffnung, das mit einem Transformationsprozess gerade einen Neuanfang probte, mit einem Paukenschlag zum Schweigen gebracht. Was bleibt, ist der Appell an eine Institution, die ihre Prioritäten scheinbar mit dem Taschenrechner statt mit dem Herzen setzt.

Das 50.000-Euro-Trauerspiel ist ein perfektes Sinnbild: Während das Bistum die Kirchensteuer an einem Tropf hält, der Milliarden abwirft, scheint man nicht bereit zu sein, auch nur einen Hauch von diesem Segen an die Basis zurückzugeben. Die Kirchenmusik, diese lebendige Auseinandersetzung mit geistlichen Inhalten, diese Begegnung von Menschen jeder Religion, soll auf dem Altar der Sparsamkeit geopfert werden. Man will die Gläubigen in die Kirchen locken, aber ohne Musik. Vielleicht mit einem Vortrag über das Haushaltsdefizit?!?

Das Schlusswort sei dem Präsidenten des ACV, Markus Bosbach, überlassen, der mit einem zynischen Unterton die Fassungslosigkeit in Worte fasst: Es muss bezweifelt werden, „dass es einen qualitativ fundierten und transparenten Entscheidungsprozess in der Bischofskonferenz gegeben hat.“ Nein, das glaubt man gerne. Denn in einem transparenten Prozess würde eine solche Summe, um 274.000 Engagierte zu unterstützen, nicht gestrichen, sondern vervielfacht. Doch wir sehen: Die Wahrheit ist oft nicht musikalisch.

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Ist das Kulturkampf gegen Rechtsaußen?! https://www.tiefgang.net/ist-das-der-kulturkampf-gegen-rechtsaussen/ Fri, 01 Aug 2025 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12206 [...]]]> Ein Strauß aus Alt und Neu, aber vor allem aus teurem Beton. So liest sich die aktuelle Pressemitteilung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Pressemitteilung „2,5 Milliarden Euro für die deutsche Kulturlandschaft“ vom 30. Juli 2025 liest sich wie eine Ode an die Beständigkeit. Wolfram Weimer spricht von „Identität, Erinnerung und Innovation“ und „demokratische Erinnerung“. Schön, diese Worte. Sie klingen nach Fundament, nach festem Grund. Und tatsächlich, ein Großteil der zusätzlichen Mittel fließt in genau diese Bereiche. Fast 5 Millionen Euro extra für die Gedenkstätten, 5 Millionen für ein neues Mahnmal. Und dann der „beachtliche Sprung“ im Bereich Kulturbauten, mit 25 Prozent der Mittel für Neubauten und Instandsetzung. Fast 22 Millionen Euro für die Freiheits- und Einheitsdenkmäler in Berlin und Leipzig, die Kulturfabrik Kampnagel und die Deutsche Schillergesellschaft.

Man könnte meinen, Weimer sei ein Architekt, der die kulturelle Landschaft Deutschlands mit Pinsel und Hammer neu gestaltet. Ein Schöpfer, der das Vergangene betoniert und das Neue in Stein meißelt. „Kulturbauten-Offensive“ nennt er es selbst. Aber ist das wirklich ein notwendiger Impuls oder doch nur teurer Aktionismus? Die Kritik des Tiefgang-Artikels „Ein notwendiger Impuls oder teurer Aktionismus?“ vom 31. Mai 2025 trifft es da schon gut: Ist es angemessen, bei knappen Kassen auf solch elitäre Prestigeprojekte zu setzen, die womöglich die breite kulturelle Teilhabe vergessen lassen? Die Frage steht im Raum: Zementieren wir hier die Vergangenheit, statt die Zukunft zu gestalten?

Der große Spagat: Zwischen Bewahren und Aufbruch

Einerseits bekennt sich die Koalition vollmundig und schon recht auffällig zum Kulturstaat und zu den Bundeskulturförderfonds, stabilisiert diese mit 28 Millionen Euro und möchte die freie Szene stärken. Andererseits wird ein publizistischer Weimer als Staatsminister gesehen, der eher für konservative Werte und traditionelle Kunstformen steht. Hier offenbart sich eine gewissermaßen paradoxe Situation: Man fördert die freie Szene, doch die Handschrift des Staatsministers scheint die Angst vor dem allzu Experimentellen zu tragen. Ein Parallelismus der Kulturpolitik: Auf der einen Seite die freie, dezentrale Szene, auf der anderen die nationalen, institutionellen „Leuchttürme“.

Das ist das Weltbild, das hinter diesem Kulturbegriff steht: Kultur als staatliche Infrastruktur, als Erinnerungsort, als nationaler Stolz. Kultur, die repräsentiert, die erinnert, die stiftet. Der Mensch als kulturelles Wesen, ja, aber vor allem als Bürger*in eines Kulturstaates. Das ist kein Kulturverständnis, das sich in Spontaneität, in der kleinteiligen, unkonventionellen Szene verliert. Nein, es ist ein Kulturbegriff, der klar strukturiert, groß gedacht und institutionell geerdet ist.

Auch lohnt sich immer ein Blick in die Reden von Kulturstaatsminister*innen, denn dort offenbart sich das kulturpolitische Herzblut. Wolfram Weimer hat schon in der Debatte zum Haushalt 2025 die Marschrichtung vorgegeben, die nun im Entwurf für 2026 sichtbar wird. Er betonte, „Kulturförderung ist kein Luxus, sondern ein zentraler Bestandteil unseres Selbstverständnisses als Kulturnation.“ Ein Satz, der wie eine Litanei gegen die Sparzwänge der Zeit klingt und das Fundament für die Milliarden legt. Und um die Prioritäten ganz klar zu machen, führte er weiter aus: „Gerade in Zeiten wachsender internationaler und gesellschaftlicher Herausforderungen stärken wir das, was Orientierung gibt – kulturelle Orte, kreative Köpfe, demokratische Erinnerung.“ Ein feines rhetorisches Triple, das die Schwerpunkte wie Leuchttürme in den Nebel der Debatte stellt. Und siehe da, das Versprechen, das er in der Rede abgab, „die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu reformieren und sie erfolgreich weiter zu bringen,“ findet sich 2026 mit satten 10 Millionen Euro im Haushalt wieder. Die Worte von gestern sind also die Taten von heute. Es ist ein kulturpolitisches Credo, das vor allem auf Beständigkeit und Institutionen setzt.

Ein Blick auf die Leinwand: Große Ambitionen für den Film

Doch es gibt auch Lichtblicke – oder wie man im Feuilleton sagen würde: dramatische Wendungen! Die Mittel für die Filmförderung werden fast verdoppelt. Eine Hyperbel, die fast zur Realität wird: 250 Millionen Euro für den Deutschen Filmförderfonds und den German Motion Picture Fund. Ein „dringend notwendiger Neustart für den Filmstandort Deutschland“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Endlich, möchte man sagen. Ein Bereich, der schon lange um seine Existenz bangt, bekommt neue Hoffnung. Das ist der versprochene „Aufbruch“. Hier wird investiert, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die Zukunft zu sichern. Das ist die Antithese zum statischen Bauen: Hier wird in die Kunst der Bewegung investiert.

Der Haushaltsentwurf 2026 ist ein Meisterwerk der Wortfiguren: Mit einem budgetären Klimax, der von Gedenken über Bauten bis zur Filmförderung reicht, und der Paranomasie, die „Kulturnation“ und „Kulturbauten“ so harmonisch vereint. Doch dahinter verbirgt sich ein Kompromiss. Eine Schizophrenie zwischen dem Drang, zu bewahren und dem Willen, aufzubrechen. Es ist ein Entwurf, der Traditionen in Stein meißelt, gleichzeitig aber hofft, mit ein wenig mehr Geld die freie Szene zu besänftigen. Es ist ein Zeichen der Regierung, das zwar mit 2,5 Milliarden Euro leuchtet, aber auch die kritische Frage aufwirft: Was genau soll hier gestärkt werden? Die Gedenkstätten und die großen Kultureinrichtungen oder die kreativen Köpfe, die tatsächlich für den Diskurs sorgen, der unsere Demokratie so dringend braucht? Die Antwort wird nicht der Haushalt geben, sondern die Kunst selbst: die Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek versus Regenbogenfahne am Bundestag.

Und wir, als Beobachter*innen, dürfen gespannt zusehen, ob diese Milliarden am Ende zu einem fruchtbaren Boden für die Kultur werden – oder doch nur zu einem teuren Denkmal. Ist das der Kulturkampf gegen Rechtsaußen?!

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Wer eigentlich ist ChatGPT? https://www.tiefgang.net/wer-eigentlich-ist-chatgpt/ Fri, 24 Feb 2023 23:38:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9746 [...]]]> Künstliche Intelligenz ist in aller Munde – erst recht, seit ChatGPT online ist. Aber was hat es damit auf sich? Wir haben die KI mal selbst befragt …

Seit einigen Wochen dreht sich vieles um ChatGPT – eine Software, die aktuell und kostenfrei unter https://chat.openai.com/chat genutzt werden. Einfach einmal registrieren und – so die Serverkapazitäten es erlauben – los geht´s. Es ist vor allem ein Sprachprogramm und beschreibt sich selbst: „ChatGPT wurde entwickelt, um eine natürlichere und effektivere Art der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu ermöglichen. Als ein großes Sprachmodell ist ChatGPT darauf trainiert, menschenähnliche Konversationen zu führen und eine Vielzahl von Themen und Anfragen zu verstehen und zu beantworten. Dadurch kann ChatGPT in vielen Bereichen eingesetzt werden, wie zum Beispiel im Kundenservice, im Bildungs- und Trainingsbereich, bei der Personalisierung von Empfehlungen und vielem mehr. Durch die Verwendung von ChatGPT können Unternehmen und Organisationen menschenähnliche Interaktionen mit ihren Kunden oder Benutzern anbieten, um eine bessere Nutzererfahrung und Kundenzufriedenheit zu erreichen.“

Das geht erstaunlich schnell und vor allem sprachlich ungewohnt gut. Im Dialog mit der Maschine menschelt es sogar ein wenig. Doch natürlich wirft die simulierte Intelligenz auch jede Menge Fragen auf. Und wer könnte einem besser Auskunft geben, als die, um die es geht – die Maschine? Also haben wir gefragt, oder besser wir haben gebeten, uns selbst ein Interview mit ihr zu schreiben. Hier das Ergebnis.

Tiefgang: Hallo ChatGPT, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit uns über das Thema künstliche Intelligenz zu sprechen. Wie sehen Sie die Auswirkungen von KI auf unsere Arbeitsplätze und Berufsgruppen?

ChatGPT: Hallo Tiefgang, es ist mein Vergnügen, hier zu sein und über dieses Thema zu sprechen. KI wird zweifellos Auswirkungen auf viele Arbeitsplätze und Berufsgruppen haben. Es gibt bestimmte Branchen und Aufgabenbereiche, die besonders von der Automatisierung durch KI betroffen sein könnten, wie zum Beispiel Produktion und Fertigung, Logistik und Transport, Verwaltung und Büroarbeit sowie das Finanzwesen.

Tiefgang: Das klingt nach einer beträchtlichen Veränderung der Arbeitswelt. Welche Berufsgruppen sind am ehesten durch die Automatisierung durch KI bedroht?

ChatGPT: Es gibt keine klare Antwort auf diese Frage, da es von vielen Faktoren abhängt. In der Regel sind jedoch Jobs gefährdet, die vorwiegend repetitive oder routinemäßige Aufgaben erfordern, während Jobs, die eine hohe Kreativität, soziale Kompetenz oder komplexe Problemlösung erfordern, wahrscheinlich weniger gefährdet sind.

Tiefgang: Was sind die Vor- und Nachteile der Automatisierung durch KI für die Gesellschaft?

ChatGPT: Zu den Vorteilen gehören eine höhere Effizienz, niedrigere Kosten und die Möglichkeit, gefährliche oder unangenehme Aufgaben zu automatisieren. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Nachteile, wie z.B. den Verlust von Arbeitsplätzen, die Notwendigkeit, Mitarbeiter umzuschulen, um sich an die neuen Arbeitsbedingungen anzupassen, und ethische Fragen im Zusammenhang mit der Verwendung von KI-Systemen.

Tiefgang: Und welche Berufsgruppen könnten von dieser Veränderung profitieren?

ChatGPT: Es ist durchaus möglich, dass neue Arbeitsplätze und Berufsgruppen entstehen werden, die auf die Entwicklung, Implementierung und Überwachung von KI-Systemen spezialisiert sind. Es kann auch sein, dass menschliche Arbeitskräfte in der Lage sein werden, Aufgaben auszuführen, die KI-Systeme nicht bewältigen können, wie z.B. komplexe Problemlösungen, kreative Arbeit oder soziale Interaktionen.

Tiefgang: Vielen Dank, ChatGPT, für Ihre Einblicke in dieses wichtige Thema. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahren verändern wird.

ChatGPT: Ja, auf jeden Fall. Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben.

(das Interview für Tiefgang führte ChatGPT selbst am 22. Feb. 2023. Das Foto zum Interview generierte die dazu gehörige Bild-KI DALL-E2)

 

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