Jenny Mieh – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 17 Jul 2025 09:53:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Im Gefüge von Kunst, Kommerz und Politik https://www.tiefgang.net/im-gefuege-von-kunst-kommerz-und-politik/ Fri, 18 Jul 2025 22:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12142 [...]]]> Das fünfzehnjährige Bestehen der Hamburg Kreativ Gesellschaft ist ein Jubiläum, kann und sollte vielleicht aber auch ein Moment der Reflexion über die strategische Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft in der urbanen Ökonomie und Gesellschaft sein.

Denn seit ihrer Gründung vor anderthalb Jahrzehnten hat sich die Hamburg Kreativ Gesellschaft als eine zentrale Säule der Kulturinfrastruktur der Hansestadt etabliert und ist, wie es der Kulturpolitik zuweilen eigen ist, zu einem Referenzmodell über die Landesgrenzen hinaus avanciert. Doch jenseits der offiziellen Feierlichkeiten lohnt sich die fundamentalen Transformationen dieser Institution im Gefüge von Kunst, Kommerz und Politik zu betrachten: was hat die Kreativgesellschaft tatsächlich bewirkt und welche Herausforderungen hält die Zukunft bereit?

Die Einrichtung der Hamburg Kreativ Gesellschaft als hundertprozentige Tochter der Freien und Hansestadt Hamburg im Jahr 2010 markierte ein frühes kulturpolitisches Bekenntnis zur wirtschaftlichen Potenz der Kreativbranche. Senator Dr. Carsten Brosda betont, dass „Hamburg früh erkannt (hat), welche Bedeutung die Kreativwirtschaft für den Wirtschaftsstandort, aber auch für die Lebensqualität in der Stadt hat. Dieser wachsende Wirtschaftszweig hat häufig ganz eigene Bedürfnisse und Bedarfe.“ Die Kreativ Gesellschaft fungiert dabei als „Motor, mit dem wir die Kreativen in der Stadt auf ihrem Weg von der Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell unterstützen.“ Diese Mittlerfunktion, wie sie Geschäftsführer Egbert Rühl beschreibt – eine Einrichtung, die „zudem eine wichtige Funktion als Mittlerin und Übersetzerin zwischen den jeweils sehr besonderen Milieus der Kreativen und den Anforderungen der Verwaltung, der Finanzsphäre, der Immobilienakteure, der Politik und der Kammern ein(nimmt)“ – ist in ihrer Komplexität nicht zu unterschätzen. Der Anspruch, bundesweit als Vorbild für Cross-Innovation-Programme, kreative Immobilienstrategien und Strukturförderung zu dienen, zeugt von einem strategischen Selbstverständnis, das über rein lokale Effekte hinausweist. Rühl ist da auch selbstkritisch: „Entscheidend bleibt jedoch, dass die Akteurinnen und Akteure der Hamburger Kreativwirtschaft unsere Angebote nutzen, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Aufgabe ist es, diese Entwicklung stets neu zu ermöglichen – mit den richtigen Formaten, zur richtigen Zeit, an den richtigen Orten und immer im engen Austausch mit den Kreativen dieser Stadt.“

Wirtschaftsfaktor Kreativwirtschaft

Die Fakten der Geschäftsberichte unterstreichen die Relevanz der Kreativwirtschaft: Mit rund zwei Millionen Erwerbstätigen und 204,6 Milliarden Euro Umsatz bundesweit im Jahr 2023, sowie einer Bruttowertschöpfung, die 2022 mit klassischen Industriezweigen wie dem Maschinenbau konkurrierte, ist der Sektor ein signifikanter Wirtschaftsfaktor. In Hamburg selbst tragen über 100.000 Erwerbstätige und 11,4 Milliarden Euro Jahresumsatz zur gesamtstädtischen Wirtschaft bei. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft hat diese Entwicklung durch rund 3.000 Einzelberatungen, über 600 Coachings und etwa 2.000 Veranstaltungen mit mehr als 100.000 Teilnehmenden maßgeblich begleitet. Die Integration von Initiativen wie nextMedia.Hamburg, Gamecity Hamburg und designxport (heute Design Zentrum Hamburg) seit 2018 zeugt von einer konsequenten Konsolidierung der Förderlandschaft, die Effizienz und Reichweite steigern soll. Brosdas Resümee: „Die Hamburg Kreativ Gesellschaft hat in den letzten 15 Jahren eine großartige Erfolgsgeschichte in und für Hamburg geschrieben.“

Das operative Wirken der Gesellschaft, aufgeteilt in acht Bereiche von Beratung & Weiterbildung bis hin zu Immobilien & Stadtentwicklung, manifestiert sich in einer beeindruckenden Zahl an Aktivitäten. Allein im Jahr 2024 wurden 339 Veranstaltungen mit über 13.500 Teilnehmenden sowie zahlreiche Beratungen und Coachings realisiert. Diese quantitativen Erfolge sind jedoch stets im Kontext der qualitativen Wirkung zu bewerten: Gelingt es, die kreativen Ökosysteme nachhaltig zu stärken und Innovationen nicht nur anzustoßen, sondern auch zu verankern?

Ein Blick auf die Innovationsfelder der Hamburg Kreativ Gesellschaft zeigt eine ambitionierte Agenda. Drei spezialisierte Inkubatoren – Media Lift, Games Lift und Music WorX – zielen darauf ab, Startups gezielt zu fördern, indem sie Mentoring, Workshops und finanzielle Unterstützung mit Branchennetzwerken verknüpfen. Das Weiterbildungs- und Netzwerkprogramm Creative Business Academy 2025–2028 bildet die nachhaltige Entwicklung von Geschäftsmodellen ab. Besonders hervorzuheben ist etwa der SPACE, der Innovationsraum von nextMedia.Hamburg, der auf 630 Quadratmetern in der Speicherstadt einen interdisziplinären Arbeitsort für die Medien- und Digitalbranche schafft. Solche physischen Räume sind zuweilen entscheidend für das Entstehen von Communities und die Förderung von Experimentierfreude – elementare Voraussetzungen für genuin kreative Prozesse.

Der 2016 initiierte Cross Innovation Hub positioniert Hamburg bundesweit als Vorreiter in der branchenübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Kreativwirtschaft und klassischen Industriezweigen. Egbert Rühl betont: „Unsere größten Erfolge zeigen sich dort, wo unsere Arbeit Wirkung weit über Hamburg hinaus entfaltet – wenn wir bundesweit als Vorbild dienen: mit Cross-Innovation-Programmen, kreativen Immobilienstrategien und der Strukturförderung für Teilmärkte. Dass andere unsere Modelle übernehmen, ist die beste Bestätigung für unsere Arbeit.“ Die Transferleistung kreativen Potenzials in Sektoren wie Luftfahrt, Mobilität oder Gesundheitswesen, gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), ist ein Indikator für das Verständnis der Kreativwirtschaft als Treiber für breit angelegte Transformationsprozesse. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Kultur- und Wirtschaftsförderung auf fruchtbare Weise, und der Wert der Kreativität wird jenseits ästhetischer Kategorien als Innovationskompetenz begriffen.

Alte Schule in der Seilerstraße

Auch im Bereich der Stadtentwicklung setzt die Kreativ Gesellschaft entscheidende Impulse. Jüngstes Beispiel hierfür ist die Anmietung der historischen Alten Schule in der Seilerstraße 41/43 auf St. Pauli. Dieses um 1888 entstandene, denkmalgeschützte Backstein-Bauwerk, das mit seinen getrennten Eingängen für „Mädchen“ und „Knaben“ und dem geschützten Innenhof eine frühere Bildungsphilosophie widerspiegelt, wird seit dem 16. Juli 2025 zu einem lebendigen Zentrum kreativen Schaffens. „Mit der jetzt geschlossenen Vereinbarung haben wir eine starke Perspektive für das Objekt im Herzen von St. Pauli gefunden“, so Finanzsenator und Sprinkenhof Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Andreas Dressel. Dr. Carsten Brosda ergänzt: „Mit der alten Schule in der Seilerstraße können wir dringend benötigten Raum anbieten, um den Kreativen in der Stadt den Platz zu geben, um ihre Ideen erfolgreich umzusetzen – dazu gehören auch Akteure aus den Sparten Bildende und Darstellende Künste sowie Musik.“ Das sei auch ein „wichtiges Signal für die Entwicklung St. Paulis“, das den Stadtteilcharakter bewahrt und die kreativen Szenen stärkt, um „einen Ort zu schaffen, der durch den gemeinsamen Austausch zu einem neuen Maschinenraum der Kreativwirtschaft werden kann.“

Mit rund 2.282 m² Bürofläche, einer 282 m² großen Turnhalle und zusätzlichen Kellerflächen bietet die Alte Schule Raum für mehr als 50 Kreative aus vielfältigen Disziplinen. Design- und Illustrationsbüros, Modeateliers, Schmuck- und Keramikwerkstätten, Fotostudios, Einzelateliers für bildende Künstler*innen, Proberäume für darstellende Künste sowie Akteur*innen aus dem Musikbereich wie Tonstudios und Labels werden hier ein neues Zuhause finden. Egbert Rühl hebt hervor, dass dies das „16. Objekt ist, das die Hamburg Kreativ Gesellschaft aktuell im gesamten Stadtgebiet betreibt, um Arbeitsorte für die Kreativwirtschaft zu schaffen.“ Die Beendigung eines Leerstandes in zentraler Kiezlage sei „ein weiterer Beleg dafür, dass sich diese Nutzungen für alle Seiten lohnen.“ Jan Zunke, Geschäftsführer der Sprinkenhof GmbH, sieht, dass „das gesamte Areal mit seiner lebendigen Nachbarschaft nachhaltig gestärkt, indem die historische Bausubstanz kulturell belebt und weiterentwickelt wird – ein kreativer Ort, der den Stadtteil bereichern wird.“ Projekte wie „Frei_Fläche“ und die größte kreativwirtschaftliche Zwischennutzung Deutschlands, „Jupiter“ mit über 8.000 Quadratmetern, demonstrieren, wie kreative Zwischennutzungen urbane Räume beleben und neu definieren können. Der Pop-up Raum „Satellit“ und das 2024 eröffnete „Fabric – Future Fashion Lab“ in der Galleria-Passage veranschaulichen die konkrete Bereicherung des Stadtbildes und die Förderung nachhaltiger urbaner Produktion. Die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Erdgeschosszonen, ehemalige Einzelhandelsflächen und die aktive Beteiligung an Quartiersentwicklungen (neben der Seilerstraße auch Diebsteich, Paloma Viertel, Oberhafenquartier) zeigt, dass die Kreativwirtschaft zunehmend als integraler Bestandteil einer vorausschauenden Stadtplanung verstanden wird.

Bilanzielle Leerstelle Harburg

Doch gerade die Fokussierung auf derartige Leuchtturmprojekte und die wohlklingenden Worte der Senator*innen und der Geschäftsführung verstellen gerne auch den Blick auf die ungleichmäßige Verteilung der Kreativgesellschaft-Aktivitäten im Stadtgebiet. So bleibt der Hamburger Süden, insbesondere Harburg, von nennenswerten, sichtbar durch die Kreativgesellschaft initiierten Projekten weitgehend unberührt. Die Sprinkenhof GmbH, die nun die Alte Schule in St. Pauli einer kreativen Nutzung zuführt, ist beispielsweise auch für das seit zwei Jahren leerstehende und zentral gelegene Karstadt-Gebäude in Harburg verantwortlich. Obwohl im Kontext dieses prominenten Leerstands immer wieder die Möglichkeit einer kulturellen Zwischennutzung diskutiert wurde, prägt nach wie vor primär der Leerstand das Stadtbild Harburgs – eine Leerstelle in der ansonsten so positiv gezeichneten Bilanz der Raumentwicklung. Die dargelegten Erfolgsgeschichten und Zukunftsvisionen der Akteur*innen lassen demnach wesentliche Bereiche der Stadt abseits des Zentrums und etablierter Kulturquartiere unbeachtet.

Der Blick nach vorn ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Schlüsseltechnologien und der strategischen Allianzbildung. Die kommende AI MEDIA LEADERS Konferenz am 27. November 2025 ist ein Indiz dafür, dass die Hamburg Kreativ Gesellschaft die Herausforderungen und Potenziale Künstlicher Intelligenz in der Branche proaktiv adressiert. Die Fortsetzung des German Creative Economy Summit 2026 unterstreicht zudem den Anspruch, Hamburg als nationalen Knotenpunkt für den Diskurs und die Vernetzung der Kreativwirtschaft zu etablieren.

Insgesamt zeigt das 15-jährige Bestehen der Hamburg Kreativ Gesellschaft also durchaus eine beeindruckende Entwicklung von einer jungen Fördereinrichtung zu einem etablierten Akteur, der maßgeblich zur Positionierung Hamburgs als Kreativstandort beiträgt. Die Herausforderung für die Zukunft wird darin liegen, die Balance zwischen wirtschaftlicher Effizienz, künstlerischer Freiheit und gesellschaftlicher Wirkung kontinuierlich zu justieren, um die Vitalität dieses dynamischen Sektors nachhaltig zu sichern. Das Engagement für „Stakeholder-Engagement“, eine robuste „Kulturinfrastruktur“ und ein lebendiger „öffentlicher Diskurs“ bleiben dabei die unentbehrlichen Koordinaten ihres Handelns, wobei die Frage nach einer gerechteren spatialen Verteilung der kreativen Impulse in der gesamten Stadt eine kritische Konstante bleiben muss.

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Kunst als Anker der Erinnerung https://www.tiefgang.net/kunst-als-anker-der-erinnerung/ Fri, 11 Jul 2025 22:08:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12103 [...]]]> Inmitten der dynamischen Debatte um die Funktion kultureller Institutionen im 21. Jahrhundert positioniert sich das Kunsthaus Stade mit einer bemerkenswerten Initiative, die exemplarisch die Brücke zwischen kunsttheoretischem Diskurs und konkreter gesellschaftlicher Praxis schlägt.

Unter dem Slogan „Das ist doch der Adenauer!“ bietet das Haus eine speziell konzipierte Führung für Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen an, die die Beschäftigung mit Kunst und Demenz nicht nur konzeptionell reflektiert, sondern unmittelbar in die Realität des Ausstellungsbesuchs überführt.

Diese innovative Herangehensweise ermöglicht es, die aktuelle Ausstellung des stilprägenden Fotojournalisten Robert Lebeck (1929–2014) in einem eigens adaptierten Rahmen zu erleben. Lebecks meisterhafte Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Romy Schneider und Elvis Presley fungieren hier nicht primär als Objekte der kritischen Kunstbetrachtung, sondern vielmehr als potentielle Schlüssel zu vergangenen Epochen und persönlichen Reminiszenzen. Die dialogische Struktur der Führung, die sich konsequent an den Bedürfnissen und Eindrücken der Teilnehmenden orientiert, zeugt von einem tiefgreifenden Verständnis für die Komplexität kognitiver Prozesse und die evokative Kraft visueller Narrative. Dies transformiert den traditionellen Museumsbesuch von einer rezeptiven Erfahrung in einen aktiven Prozess der gemeinsamen Erinnerungsarbeit und des sozialen Austauschs.

Aus kulturpolitischer Perspektive ist ein solches Angebot von immenser Relevanz. Es adressiert die dringende Notwendigkeit, kulturelle Teilhabe über alle gesellschaftlichen Segmente hinweg zu gewährleisten und etablierte Kulturinfrastrukturen für bislang unterrepräsentierte Gruppen zu öffnen. Die Berücksichtigung eines ruhigen Tempos und das Einräumen von Raum für individuelle Assoziationen sind methodische Adaptionen, die den Grundsatz der Inklusion konkret fassbar machen. Hier offenbart sich eine gelebte Verantwortung, die über das rein ästhetische Erleben hinausgeht und Kunst als Instrument der Lebensqualität begreift. Kritisch anzumerken bleibt jedoch der weiterhin bestehende, strukturelle Mangel der fehlenden Barrierefreiheit des Kunsthauses. Obwohl Sitzgelegenheiten auf den einzelnen Etagen zur Verfügung gestellt werden, illustriert dieser Umstand die fortbestehenden Herausforderungen im Ausbau einer umfassend inklusiven Kulturlandschaft, die das „Stakeholder-Engagement“ auf allen Ebenen fordert.

Für Interessierte bieten sich zwei öffentliche Termine an: am Mittwoch, den 16. Juli, und am Samstag, den 16. August, jeweils um 16 Uhr. Die Teilnahmegebühr beträgt 15 € pro Person (ermäßigt 10,50 €), inklusive Eintritt. Angesichts der sensitiven Natur des Angebots ist eine Anmeldung unter Tel. 0 4141 – 79 773 50 oder per E-Mail an buchung@museen-stade.de obligatorisch, um eine optimale Betreuung gewährleisten zu können.

Die Führung im Kunsthaus Stade, Wasser West 7, 21682 Stade, repräsentiert somit mehr als nur eine spezielle Ausstellungsführung. Sie ist ein paradigmatischer Fall für die Evolution der Kunstvermittlung, die sich den gesellschaftlichen Realitäten stellt und das Potenzial von Kunst als Werkzeug für soziale Inklusion und menschliche Würde auf einzigartige Weise zur Entfaltung bringt. Ein notwendiger Schritt im öffentlichen Diskurs über die Rolle der Kultur in einer alternden und diversifizierten Gesellschaft.

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Kontinuität und neue Impulse https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-neue-impulse/ Fri, 04 Jul 2025 22:33:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12080 [...]]]> Die Kulturszene Hamburgs erlebt in diesen Tagen einen bemerkenswerten Staffelwechsel an einigen entscheidenden Schaltstellen. Und nein, Kultursenator Brosda, der auf dem Bundesparteitag der SPD auch höhere Ämter anstrebte, ist damit nicht gemeint.

In der vergangenen Woche kulminierten mehrere Personalentscheidungen und Würdigungen, die nicht nur individuelle Biografien ehren, sondern auch tiefgreifende Implikationen für die zukünftige Ausrichtung und gesellschaftliche Wirkung der Kunst- und Musikinstitutionen der Hansestadt bergen. Die Stadt verabschiedet sich von prägenden Persönlichkeiten, während gleichzeitig neue Führungskräfte in Position gebracht werden, die das Erbe fortführen und zugleich innovative Akzente setzen sollen.

Im Zentrum des Interesses: die Verabschiedung von Kent Nagano und Georges Delnon von der Spitze der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters. Über ein Jahrzehnt hinweg, seit August 2015, prägten Generalmusikdirektor Nagano und Intendant Delnon maßgeblich das künstlerische Profil dieser Institutionen und damit auch die Musikstadt Hamburg als Ganzes. Ihr Wirken war gekennzeichnet von einer dezidierten spartenübergreifenden Denkweise und dem Bestreben, die Musik in die Stadtgesellschaft zu öffnen. Dies manifestierte sich in zahlreichen Premieren und Uraufführungen, die internationale Beachtung fanden und Oper stets als „politischen Spiegel unserer Zeit“ verstanden. Senator Dr. Carsten Brosda würdigte die „außergewöhnliche Kreativität“ dieses Leitungsteams, das selbst die erheblichen Hindernisse der pandemischen Phase mit künstlerischer Exzellenz meistern konnte und das Haus für Neues und Innovatives öffnete: „Trotz der erheblichen Hindernisse während der von Corona geprägten Phase hat sich die künstlerische Kreativität unter diesem Team vielseitig entwickelt.“ Die Wertschätzung der Stadt wurde durch Senatsfrühstücke für beide Persönlichkeiten unterstrichen. Kent Nagano selbst reflektierte seine Amtszeit humorvoll mit den Worten: „Die Amtszeit eines Generalmusikdirektors ist im Vergleich zur fast 350-jährigen Geschichte unserer Institution nur ein kurzer Augenblick, und es ist ein außergewöhnliches Privileg, in den Dienst dieser großen Tradition zu treten.“ Georges Delnon zeigte sich dankbar: „Zu allererst bin ich dankbar dafür, dass ich hier in Hamburg so vieles von dem realisieren konnte, was ich mir vorgenommen hatte.“ Sein Abschied erfolgte mit der letzten Opernvorstellung „Le Nozze di Figaro“ am 3. Juli 2025, während Nagano sich mit einer letzten Uraufführung am 30. Juni 2025 in der Elbphilharmonie verabschiedete. Ihr Abschied markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern eröffnet auch den Raum für die kommende Spielzeit unter Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber.

Parallel dazu vollzieht sich ein bedeutsamer Wechsel in der Intendanz des Thalia Theaters. Nach 16 Jahren einer prägenden Leitung durch Joachim Lux tritt mit Sonja Anders eine neue Intendantin ihr Amt an. Die Kontinuität in der Geschäftsführung wird jedoch durch die Vertragsverlängerung von Tom Till um weitere fünf Jahre gesichert. Till, seit August 2016 Geschäftsführer, hat das Thalia Theater erfolgreich durch die pandemiebedingten Herausforderungen geführt und die Modernisierung sowie Öffnung des Hauses maßgeblich vorangetrieben. Senator Brosda betont, dass diese Kontinuität eine „feste Basis“ für den Neustart unter der neuen Intendanz bildet: „Die Kontinuität in der Leitung des Hauses verleiht dem Neustart eine feste Basis und wir freuen uns, dass Tom Till die positive Entwicklung des Thalia Theaters weiter so verlässlich voranbringen wird.“ Sonja Anders selbst äußert sich erfreut über die weitere Zusammenarbeit mit Till: „Tom Till hat ein feines Gespür für Prozesse und die dahinterstehenden Menschen.“ Diese Kooperation verspricht eine spannende Transformation in Repertoire und Ensemble sowie die Adressierung von Zukunftsthemen wie Digitalität, Diversität und Nachhaltigkeit. Tom Till blickt gespannt voraus: „Nach neun aufregenden und ereignisreichen Jahren, in denen ich Joachim Lux und sein herausragendes Ensemble begleiten durfte, wird mit Sonja Anders nun alles anders am Thalia.“

Eine weitere Schlüsselposition im Bildungsbereich der Hamburger Kultur wurde ebenfalls neu besetzt: Am Hamburger Konservatorium verabschiedete sich Markus Menke nach 24 erfolgreichen Jahren in den Ruhestand. Unter seiner Führung entwickelte sich ein vielfältiges Bildungsangebot, das soziokulturelle, inklusive und spitzenmusikalische Förderung umfasste. Ein herausragender Erfolg seiner Amtszeit war der Bau der Musik.Werk.Stadt, die seit November 2024 Musikschule, Akademie und eine Kita mit musikalischem Schwerpunkt unter einem barrierefreien Dach vereint. Senator Brosda würdigte Menkes „Weitsicht und leidenschaftliches Engagement“, das die innovative Kraft einer traditionsreichen Institution entfesselte. Markus Menke selbst sprach von einem „großen Privileg“, die Geschicke des Konservatoriums über einen so langen Zeitraum leiten zu können. Menkes Nachfolge tritt Anke Nickel an, die gemeinsam mit Michael Petermann die Leitung übernehmen wird. Nickel bringt Erfahrungen in Musikpädagogik und Kulturmanagement mit und plant, Bewährtes fortzuführen sowie neue Impulse zu setzen. Sie betont die bundesweit einzigartige Struktur des Konservatoriums: „Das Hamburger Konservatorium mit seinem Dreiklang Musik-Kita, Musikschule und Akademie ist bundesweit einzigartig.“ Sie sieht die zukünftige Aufgabe darin, die Attraktivität des Hauses für Musikbegeisterte und Lehrkräfte zu sichern und städtisches sowie bürgerschaftliches Engagement weiter zusammenzuführen. Michael Petermann, der langjährige Weggefährte, hob die Bedeutung der Teamarbeit hervor: „Direktion als Teamwork zu verstehen war und ist unser Leitgedanke.“

Diese Bündelung von Personalwechseln innerhalb weniger Tage in den Top-Ebenen der Hamburger Kulturinstitutionen ist mehr als eine reine Verwaltungsmaßnahme. Sie spiegelt eine bewusste Strategie der Kulturpolitik wider, die sowohl auf Kontinuität und Wertschätzung des Erreichten setzt als auch auf die Notwendigkeit, neue Narrative zu etablieren und die Institutionen zukunftsfähig zu gestalten. Das „Stakeholder-Engagement“ – sei es das Publikum, die Politik oder die Künstler*innen selbst – zieht sich durch fast alle Abschiedsworte und Antrittsbekundungen betont. Die Herausforderung für die neuen Führungspersönlichkeiten wird darin bestehen, die etablierten Stärken zu bewahren und gleichzeitig die kulturelle Infrastruktur Hamburgs mit frischen Impulsen zu versehen, um den sich wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Man darf gespannt bleiben.

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Ein Leben für die Fläche https://www.tiefgang.net/ein-leben-fuer-die-flaeche/ Fri, 27 Jun 2025 22:35:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12031 [...]]]>

Der Mann, der die Stadt zum Sprechen brachte: Holger Matthies und die Kunst der Haltung.

Er lebt für die Plakatkunst – und sein Vermächtnis reicht weit über die Leinwand hinaus: Holger Matthies.

In einer Zeit, in der visuelle Reize im Sekundentakt auf uns einprasseln, verliert sich die Haltung oft im Rauschen. Nicht so bei Holger Matthies. Der international renommierte Plakatkünstler, der anlässlich seines 85. Geburtstags vom Hamburger Senat mit der Medaille für Kunst und Wissenschaft gewürdigt wurde, hat mit seinem Werk den öffentlichen Raum jahrzehntelang nicht nur bereichert, sondern auch kritisch befragt. Wie treffend formulierte Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, bei der Übergabe der Auszeichnung: „Holger Matthies‘ Plakate fallen auf, zeigen Haltung und bleiben im Gedächtnis.“

Matthies, 1940 in Hamburg geboren, ist ein Kind dieser Stadt und ihrer kreativen Energie. Sein Studium an der Werkkunstschule Hamburg (heute HAW) und der Hochschule für Bildende Künste Hamburg legte den Grundstein für eine Karriere, die ihn ab 1966 als freischaffenden Künstler zu einem der prägendsten Plakatgestalter weltweit machte. Seine Werke, vielfach in Polen, Japan, Mexiko und China ausgezeichnet, sind in renommierten Museen wie dem Museum of Modern Art in New York, dem Stedelijk Museum Amsterdam oder dem Deutschen Plakatmuseum in Essen vertreten.

Doch es ist nicht nur die internationale Anerkennung, die Matthies’ Werk so besonders macht. Es ist die Haltung, die aus jedem seiner Entwürfe spricht. Plakatgestalter seien, so Matthies selbst, „von der Mission, den öffentlichen Raum, die Stadtlandschaft mit ihren visuellen Botschaften zu bereichern, beseelt.“ Für ihn waren und sind Plakate, sofern sie eine relevante Aussage haben, „Meinungsbildner für den öffentlichen Diskurs“. Sie schreien, flüstern oder plaudern – von Hauswänden, Anschlagtafeln oder -säulen. Sie sind die „Kinder der Straße“ und kommunizieren mit jedermann.

Das Theater als Bühne für Haltung und Provokation

Besonders im Kulturbetrieb, allen voran für das Theater, fand Matthies eine „exzellente Plattform, sich einzumischen“. Seine Plakate für das Thalia Theater, das Deutsche Schauspielhaus oder das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sind Legende. Sie sind oft provokant, manchmal humorvoll, immer aber intelligent und prägnant. Man denke etwa an das ikonische Plakat für das Thalia Theater mit dem brennenden Streichholz, das die Zündkraft der Bühne visuell übersetzt. Oder an jene Entwürfe, die mit subtiler Ironie gesellschaftliche Missstände aufspießen.

Matthies nutzte die Plakatfläche, um gegen Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Korruption, Rassismus und Ausbeutung zu Felde zu ziehen. Seine Kunst war und ist somit immer auch eine Form des aktivistischen Engagements. Er versteht es meisterhaft, komplexe Themen auf eine elementare visuelle Form zu reduzieren, die sofort ins Auge springt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Seine Handschrift ist unverkennbar: die Reduktion auf das Wesentliche, oft eine pointierte Typografie kombiniert mit einem überraschenden Bildelement, das eine Geschichte erzählt oder eine Frage aufwirft.

Als Professor für Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin hat Holger Matthies zudem Generationen von Gestalter*innen geprägt. Seine Mitgliedschaften in der Alliance Graphique Internationale und der Freien Akademie der Künste Hamburg unterstreichen seine herausragende Stellung in der internationalen Designszene. Doch trotz seiner globalen Reichweite blieb Hamburg stets ein zentraler Bezugspunkt seines Schaffens. Das zeigt sich nicht nur in seinen Auftragsarbeiten für Hamburger Institutionen, sondern auch in der tiefen Verwurzelung seines Stils, der die norddeutsche Nüchternheit mit einer kraftvollen Ästhetik verbindet.

Die Medaille für Kunst und Wissenschaft, die seit 1956 vom Hamburger Senat an herausragende Persönlichkeiten aus Forschung, Wissenschaft und Kunst verliehen wird, ist nun eine späte, aber hochverdiente Anerkennung für sein außergewöhnliches Lebenswerk. Bereits 1981 wurde er mit dem Edwin-Scharff-Preis geehrt, doch die aktuelle Würdigung durch den Senat setzt einen Glanzpunkt auf eine Karriere, die die visuelle Kultur Deutschlands und darüber hinaus entscheidend mitgeprägt hat.

Holger Matthies ist mehr als ein Plakatkünstler. Er ist ein visueller Denker, ein Botschafter der Gestaltung und ein Mahner für Haltung in unserer zunehmend reizüberfluteten Welt. Seine Plakate sind keine bloßen Werbemittel, sondern Kunstwerke, die uns zum Innehalten, zum Schmunzeln und vor allem zum Nachdenken bringen. Hamburg verneigt sich vor einem Künstler, dessen Schaffen uns lehrt, dass die stärksten Botschaften oft in der klaren, prägnanten Form liegen – und dass auch auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern große Ideen und starke Haltungen ihren Platz finden. Danke.

 

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Wieder nichts gelernt? https://www.tiefgang.net/wieder-nichts-gelernt/ Fri, 27 Jun 2025 22:24:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12028 [...]]]>

Die neue Oper: Hamburgs Kulturlandschaft ist einmal mehr im Umbruch begriffen, und das mit einem Paukenschlag, der weitaus mehr erhält erzeugt als nur Applaus.

Die Kühne-Stiftung als treibende Kraft hinter dem Vorhaben eines neuen Opernhauses für die Hamburgische Staatsoper verkündete bereits auf ihrem eigenen Nachrichtenportal (kuehne-stiftung.org) den Startschuss für das architektonische Qualifizierungsverfahren. Nun bestätigt auch die Kulturbehörde Hamburgs in ihrem Newsletter diese Weichenstellung, was dem Vorhaben einen weiteren Stempel der amtlichen Legitimation verleiht.

Fünf „international renommierte Architekturbüros“ – darunter Bjarke Ingels Group (BIG) aus Kopenhagen, Snøhetta aus Oslo und Sou Fujimoto aus Tokio/Paris – wurden eingeladen, Entwürfe für das Opernhaus am Baakenhöft zu entwickeln. Eine Entscheidung über den Siegerentwurf wird Ende 2025 erwartet. Kultursenator Carsten Brosda betont auch hier die Vision eines „einladenden und öffentlichen Ortes für alle mit einer Architektur von Weltrang“, der der Hamburgischen Staatsoper „optimale Bedingungen“ bieten und einen „herausragenden Platz an der Elbe“ schaffen soll. Er dankt allen Beteiligten dafür, dass diese „Chance für die Kulturstadt Hamburg mit großer Leidenschaft gemeinsam“ angegangen wird. Bestätigt wird auch, dass das Projekt gemeinsam von der Kühne-Stiftung und der Stadt Hamburg realisiert wird, aber die Stiftung nach Abschluss der Planungen und einer Kostenschätzung die endgültige Entscheidung über die Umsetzung trifft. Der Senat redet zwar mit, entschieden tut aber Kühne. Dafür bereitet der Hamburger Senat eine Drucksache vor, um die Zustimmung der Bürgerschaft zum Vertrag einzuholen. Ist das Partizipation?

Ein solch euphorisches Bild, wie es von den Akteur*innen selbst gezeichnet und nun auch von offizieller Seite der Stadt bestätigt wird, klingt verlockend und verspricht eine glänzende Zukunft für die Kulturstadt Hamburg. Doch gerade die Einseitigkeit dieser Darstellung, die auf dem Newsroom der Kühne-Stiftung und in den Verlautbarungen der Kulturbehörde präsentiert wird, lässt die Skepsis wachsen. Denn was in diesen frohen Botschaften gänzlich unerwähnt bleibt, sind die Schattenseiten einer Diskussion, die Hamburg seit Monaten bewegt – detailreich beleuchtet unter anderem vom kritischen Portal Ballett-Journal.de.

„Offene Bühne“ für die Debatte?

Das vorherrschende Narrativ der Kühne-Stiftung und der Kulturbehörde umschifft geschickt jede Klippe der Kontroverse, die sich um dieses ambitionierte Projekt rankt. Die Kritik, die sich vielerorts formierte und die das Ballett-Journal.de präzise aufgreift, wird ausgeblendet: Die fehlende öffentliche Debatte über die Notwendigkeit und den Standort eines Neubaus, die historischen Bedenken bezüglich des Baakenhöfts – einst ein Ort des kolonialen Erbes –, oder die nicht unerheblichen Kosten, die trotz Mäzenatentum auf die Stadt zukommen könnten. Die Bestätigung der „Abstimmung mit der Freien und Hansestadt Hamburg“ und des gemeinsamen Vorgehens der Stiftung und der Stadt durch die Kulturbehörde vermag zwar eine Einigkeit zu suggerieren, doch die Stimmen der Hamburger Bürger*innen, die sich eine solche „Abstimmung“ auch im Vorfeld und in breiterer Form gewünscht hätten, finden hier keine Erwähnung.

Gisela Sonnenburg vom Ballett-Journal.de hebt hervor, dass die altehrwürdige Hamburgische Staatsoper, seit 1678 ein Herzstück der Stadtkultur, durch ihre zentrale Lage, ihre Zugänglichkeit zwischen Binnenalster, Dammtor-Bahnhof und Gänsemarkt, und ihre über Jahre gewachsene Seele, besticht. Sie sei ein Ort, der für viele Hamburger*innen mehr ist als nur eine Spielstätte – sie ist ein Stück Identität. Die Sorge, dass ein Neubau in der HafenCity primär touristischen Interessen dienen und das besondere Flair sowie die etablierte Anbindung an das städtische Leben verlieren könnte, wird von den Befürworter*innen bewusst ignoriert. Stattdessen wird die Vision eines „spektakulären Ortes“ in den Vordergrund gerückt, dessen „einmalige Aufgabe“ von „prominenten Planer*innen“ gelöst werden soll.

Sonnenburg äußert zurecht Bedenken hinsichtlich einer möglichen Einflussnahme, die mit solch großzügigem Mäzenatentum einhergehen könnten – etwa die Befürchtung, dass eine Neuausrichtung hin zu „populistischeren und massentauglicheren Produktionen“ stattfinde. Auch die internen Unruhen beim Hamburg Ballett unter dem nun geschassten Intendanten Demis Volpi, finden in den offiziellen Verlautbarungen der Stiftung und der Kulturbehörde keinerlei Erwähnung, sind aber ein wichtiger Aspekt, der von kritischen Stimmen aufgegriffen wird.

Ob auf diesen Grundlagen ein nachhaltiges und später erfolgreiches Fundament eines neuen Opernhauses zu bauen ist?

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Wenn Blicke Bände sprechen https://www.tiefgang.net/promis-im-portrait/ Fri, 27 Jun 2025 22:13:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11474 [...]]]> Robert Lebeck – ein Name, der bei Kenner*innen der deutschen Fotografie einen besonderen Klang hat. Jetzt zu sehen in Stade. 

Stade.  Seine Bilder sind mehr als bloße Abbildungen; sie sind Seismografen einer Epoche, Spiegel menschlicher Befindlichkeiten und – nicht zuletzt – Zeugnisse eines außergewöhnlichen fotografischen Talents. Vom 5. Juli bis zum 21. September 2025 öffnet das Kunsthaus Stade seine Türen für eine Hommage an diesen Meister der Reportagefotografie: die Ausstellung „Robert Lebeck. Hierzulande“.

Man könnte ihn als einen Chronisten des Augenblicks bezeichnen, einen Beobachter, dessen Kamera immer dann zur Stelle war, wenn das Leben seine ungestelltesten und wahrhaftigsten Momente offenbarte. Lebeck ((1929–2014) war kein Mann der großen Inszenierungen, sondern des feinen Blicks, der die vermeintliche Normalität in ein aussagekräftiges Tableau verwandelte. Das, was andere vielleicht übersehen hätten, fing er ein: die gestohlene Geste, das unbewusste Detail, das flüchtige Gefühl. Seine Aufnahmen, oft für den „Stern“ entstanden, wurden zu Legenden, weil sie nicht nur informierten, sondern auch tief berührten.

Im Zentrum der Stader Ausstellung stehen Lebecks Porträts, und hier zeigt sich seine Meisterschaft in ihrer ganzen Bandbreite. Er begegnete den Giganten seiner Zeit – Willy Brandt, dessen Augen die Last der Geschichte trugen; Maria Callas, deren Ausdruck die Dramatik ihrer Kunst spiegelte; Alfred Hitchcock, dessen Kauzigkeit auf seinen Bildern eine ganz eigene Pointe erhielt; oder Romy Schneider, in Momenten ungeschminkter Authentizität. Lebeck schaffte es, diesen Berühmtheiten so nahe zu kommen, dass ihre Prominenz in den Hintergrund trat und der Mensch zum Vorschein kam. Er verstand es, ihre Aura einzufangen, ohne sie zu entmystifizieren, sondern sie vielmehr in ihrer Menschlichkeit zu erden.

Doch Lebecks Blick war niemals elitär. Er galt in gleichem Maße den sogenannten „einfachen“ Menschen, denen er mit derselben Neugier und demselben Respekt begegnete. Er fotografierte, wenn die Liebe sich in einem Kuss offenbarte, wenn das Leben ausgelassen gefeiert wurde – sei es beim Trinken oder Tanzen. Aber auch die Schattenseiten des Daseins hielt er fest, immer mit einer spürbaren Empathie: Kriegsheimkehrer aus russischer Gefangenschaft, deren Blicke von unermesslichem Leid zeugten; die raue, doch lebendige Szene von St. Pauli nachts um halb eins; oder die Gesichter von Karnevalsgästen und Straßenmusiker*innen, in denen sich Freude, Melancholie und die Geschichten eines ganzen Lebens spiegelten.

Was Lebecks Werk so einzigartig macht, ist die Verbindung aus tiefem Mitgefühl, unstillbarer Neugier und einem feinen, oft hintergründigen Humor. Seine Fotografien sind ein umfassendes Sittenporträt unserer Gesellschaft, ein visuelles Archiv menschlicher Interaktionen, das über die Jahrzehnte hinweg seine Relevanz behalten hat. Man blickt auf seine Bilder und erkennt: Dies ist das Leben, in all seinen Facetten, eingefangen mit einer Ehrlichkeit, die selten ist.

Dass das Werk Robert Lebecks nun im Kunsthaus Stade gewürdigt wird, ist eine besondere Gelegenheit für das Publikum in der Region. Bereits zu seinem 80. Geburtstag wurde sein Schaffen im renommierten Gropius Bau in Berlin gefeiert – ein Beweis für seine nationale und internationale Bedeutung. Die Stader Ausstellung, die in Kooperation mit dem Kunstarchiv der Sparkassenstiftung Lüneburg und dem Archiv Robert Lebeck entsteht, verspricht, die Besucher*innen tief in die menschliche Seele blicken zu lassen. Ein Muss für alle, die sich für Fotografie, Zeitgeschichte und die kleinen, großen Dramen des Lebens begeistern.

Ausstellung „Robert Lebeck. Hierzulande“ – 05. Juli bis 21. September 2025

Kunsthaus Stade, Wasser West 7, 21682 Stade

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Ein Schatz erwacht aus dem Dornröschenschlaf https://www.tiefgang.net/ein-schatz-erwacht-aus-dem-dornroeschenschlaf/ Fri, 20 Jun 2025 22:25:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12024 [...]]]>

Ein Mysterium, ein Versprechen, ein Sehnsuchtsort für Kunstliebhaber: Das Haus von Hanne Darboven in Hamburg-Harburg, am beschaulichen Burgberg, birgt seit Jahren ein einzigartiges Erbe.

Nun, endlich, gibt es konkrete Schritte, diesen verborgenen Schatz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – auch wenn es vorerst nur für ausgewählte Anlässe ist.

Am Samstag, 28. Juni 2025 ab 11 Uhr öffnet die ehemalige Villa der Familie Darboven ihre Pforten für ein Symposium und ein anschließendes Sommerfest. Der Kunstverein in Hamburg lädt in Kooperation mit der Hanne Darboven Stiftung zu einem Auftakt einer vielversprechenden Zusammenarbeit ein, die ab 2026 regelmäßige Ausstellungen im Dialog mit Darbovens Werk verspricht. Eine Nachricht, die in Harburg und der überregionalen Kunstszene für leises Aufatmen sorgen dürfte, denn seit Jahren warten viele auf eine dauerhafte Öffnung dieses besonderen Künstlerhauses.

Das Haus als „Archiv des Geistes“

Hanne Darboven (1941–2009) gilt als eine der bedeutendsten Konzeptkünstlerinnen ihrer Zeit, und ihr Werk, das sich oft durch systematische, kalendarische und zählende Notationen auszeichnet, ist von beeindruckender Dichte und Komplexität. Ihr Haus in Harburg war nicht nur Wohnort, sondern untrennbar mit ihrem Schaffen verbunden. Es war ihr Universum, in dem sich ihre einzigartige Denkweise materialisierte.

Das Symposium am 28. Juni beleuchtet diese untrennbare Verbindung. Referentinnen wie Kirsty Bell, die das Haus von Hanne Darboven als „Archiv des Geistes“ und „Schmelztiegel der Arbeit“ bezeichnet, werden die Grenzen zwischen Atelier, Wohnraum und Kunstwerk ausloten. Anders als ein reines Atelier, das auf Produktion ausgerichtet ist, ist ein Haus ein Ort der Unwägbarkeiten, ein lebendiger Organismus, der sich durch die Ansammlung von Objekten und Materialien zu einem erweiterten Zeitverständnis verdichtet. Ist es ein „Collagen-Gesamtkunstwerk“ oder ein „tagebuchartiges Gebilde“? Diese Fragen werden diskutiert und eröffnen neue Perspektiven auf Darbovens „kosmopolitisch globale“ Produktion, die das Häusliche auf ein Minimum reduzierte.

Die Ordnung der Dinge: Darbovens Schreibtisch und die Welt

Elke Bippus wird Darboven als „Schreiberin und Sammlerin“ beleuchten und ihr berühmtes Zitat „ich beschreibe nicht – ich schreibe“ in den Fokus rücken. Darbovens systematische Ordnung der Dinge, in der Biografisches und Persönliches mit Kulturgeschichtlichem und Politischem verschränkt wurden, boten in den 1960er Jahren ein verblüffendes Potenzial. Ihre materialisierten „System-Werk“ erzeugten eine affektive Kraft, die Körper und Welten berührte – eine Kunst, die nicht beschreibt, sondern erschreibt.

Esther Dörring gibt einen Einblick in das ambitionierte „digitale Catalogue Raisonné-Projekt“, das seit 2020 das Gesamtwerk der Künstlerin systematisch erfassen und weiterentwickeln soll. Dieses Projekt zielt darauf ab, eine digitale Plattform zu schaffen, die die Ergebnisse sichtbar macht und zukünftiges Wissen bündelt. Ein unverzichtbares Werkzeug, um Darbovens komplexes Werk für künftige Generationen zu erschließen.

Matilde Guidelli-Guidi widmet sich Hanne Darbovens „Six Books 1968“, einem Werk, in dem die Künstlerin die Jahreszahlen mittels mathematischer und informatischer Schemata in Formeln fasste. Die Vortragende wird die Beziehung zwischen der computergestützten Methodik und dem Management von Emotionen in Darbovens Werk untersuchen. Sam Lewitt schließlich, betrachtet Darbovens Haus als „Punkt an der Landkarte in Harburg“ und nimmt die administrativen, kalendarischen und Rastersysteme, die Darbovens Werk prägen, zum Ausgangspunkt, um ihre Formen als eine Art „DIN-normiertes Schreiben“ zu verstehen.

Ein Sommerfest als Zeichen der Öffnung

Der Symposiumstag mündet in ein Sommerfest ab 18 Uhr auf dem Gelände, mit Essen und Live-Musik. Eine schöne Geste, die die oft hermetische Welt der Konzeptkunst öffnet und einen informellen Rahmen für Begegnung und Austausch schafft. Dies ist ein wichtiger Schritt für ein Haus, dessen dauerhafte Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit seit Jahren diskutiert wird, aber bisher keine konkrete Umsetzung erfahren hat.

Die Initiative des Kunstvereins Hamburg und der Hanne Darboven Stiftung, die Villa ab 2026 für Ausstellungen im Dialog mit Darbovens Erbe zu nutzen, ist ein Versprechen, das hoffentlich bald eingelöst wird. Es wäre ein Gewinn für die Hamburger Kunstlandschaft und darüber hinaus, wenn Hanne Darbovens einzigartiges Universum, ihr „Archiv des Geistes“, endlich seine Türen für all jene öffnet, die sich von ihrer Kunst inspirieren und herausfordern lassen wollen. Bis dahin ist der 28. Juni eine seltene und wertvolle Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauern dieses besonderen Hauses zu werfen.

Hanne Darboven Stiftung / Dokumentationszentrum
Hamburg-Harburg, Rönneburg, Am Burgberg 26–28, 21079 Hamburg

Programm: kunstverein.de

 

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Der Klang der Zukunft https://www.tiefgang.net/der-klang-der-zukunft/ Fri, 20 Jun 2025 22:13:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12005 [...]]]>

Das TONALi Festival feiert 2025 ein bemerkenswertes 15-jähriges Bestehen – und tut dies nicht mit einem nostalgischen Rückblick, sondern mit einem forschen Blick nach vorn.

Vom 27. Juni bis 4. Juli verwandelt sich Hamburg in ein Klanglabor, in dem die klassische Musik nicht nur zelebriert, sondern radikal neu gedacht und mit den brennenden Fragen unserer Zeit verknüpft wird. Im Zentrum steht die ambitionierte „Soziale Symphonie“ – ein mutiges Unterfangen, das weit über konventionelle Konzertformate hinausgeht und das kreative Potenzial Hamburgs als „Kunstschutzgebiet“ entfaltet.

Jenseits des Konzertsaals: Risiko, Wurzeln und Rhythmen des Alltags

Schon die Eröffnung am 27. Juni in der Kulturkirche Altona unter dem Titel „Risiko“ gibt die Richtung vor. Gemeinsam mit „Rhapsody in School“ – ebenfalls ein Jubilar mit 20 Jahren – wird nicht nur auf lange Essenstafeln und Glückskekse gesetzt, sondern auf die Frage: Wie viel Wagemut braucht die Zukunft der Klassik? Hier treffen prominente Künstler*innen und Alumnis beider Initiativen aufeinander, um in einem intimen Rahmen von Klang und Haltung die Grenzen des Genres auszuloten. Es ist ein Auftakt, der verdeutlicht: TONALi will nicht nur unterhalten, sondern provozieren, verbinden und zum Nachdenken anregen.

Die musikalische Bandbreite des Festivals ist bemerkenswert und spiegelt die TONALi-Philosophie wider, Klassik aus ihrem Elfenbeinturm zu holen und in den Alltag der Menschen zu tragen. So präsentiert die performative Oper „Secret life of Roots – die unsichtbaren Verbindungen in Eimsbüttel“ am 28. Juni im Zeppelin Theater eine faszinierende Melange aus Barockmusik, zeitgenössischer Performance und Tanz. Hier werden die verborgenen Netzwerke eines Stadtteils durch Klänge ergründet, mit Mitwirkenden wie Viola, Klavier, Mezzosopran und Tanz – und vor allem mit Schüler*innen der Ida-Ehre-Schule. Es ist die Verankerung in der Nachbarschaft, die hier musikalisch greifbar wird.

Am selben Abend wagt das preisgekrönte Trio Echo im TONALi SAAL ein Latenight-Konzert, das die Ohren öffnet: Saxophon, Akkordeon und Kontrabass interpretieren Werke von José Manuel López López und Maja S. K. Ratkje. Ihre Musik, oft von gesellschaftlichen Themen inspiriert, wird in komplexen Klangstrukturen reflektiert und wirft die drängende Frage auf: „Wie klingt unsere Zeit?“ Ein mutiges Experimentierfeld für Hörer*innen, die bereit sind, sich auf unerwartete Klangwelten einzulassen.

Interaktive Klangwelten: Von Einkaufswagen bis zum Grindelviertel

Die Quartierskonzerte sind ein Markenzeichen von TONALi und demonstrieren die Idee des „Kunstschutzgebiets“ in ihrer reinsten Form. „Klingende Zeit – Stimmen aus dem Grindelviertel“ am 29. Juni im MARKK Museum verbindet Klassik und elektronische Musik, Tanz und gesprochenes Wort mit traditionellen jüdischen Melodien. Stimmen aus dem Viertel selbst fließen ein und schaffen eine interaktive Performance – eine Hommage an Geschichte und Vielfalt, die durch gemeinschaftliches Gestalten lebt.

Besonders innovativ klingt „Symphony of a Shopping Cart“ am 30. Juni im TONALi SAAL. Hier beeinflusst das Publikum durch das Bewegen von Einkaufswagen die Musik. Eine spielerische, aber tiefgründige Auseinandersetzung mit Barockmusik, elektronischen Klängen und alltäglichen Geschichten – ein Konzert, das die Grenzen zwischen Bühne und Zuhörerschaft aufhebt. Gleiches gilt für „GARDEN OF LUNGS — Bring your plant friend“ am 2. Juli im LICHTHOF Theater, wo Besucher*innen ihre Lieblingspflanzen mitbringen und eine Bühne gestalten, die klassische Musik, elektronische Klänge und vokale Improvisation in eine Atmosphäre zwischen Wohnzimmer und Gewächshaus verwandelt.

Tiefer gehen: Menschliche Geschichten und gesellschaftliche Impulse

TONALi scheut sich nicht, auch ernste und hochaktuelle Themen musikalisch zu beleuchten. Das Quartierskonzert „Alter(n)!“ am 30. Juni im Kreativhaus Eimsbüttel vereint Musik mit persönlichen Geschichten und Fragen zum Thema Alter. Sängerin Marlene Unterfenger, Pianist Georg Kjurdian, Schüler*innen der Helmuth Hübener Schule und Anwohnende gestalten gemeinsam ein berührendes Erlebnis, das Vielfalt und Gemeinschaft im Stadtteil feiert.

Ein weiteres Highlight ist „MORGEN – Ein Traum“ am 1. Juli im TONALi SAAL. Dieses immersive Konzert- und Filmformat verbindet Richard Strauss’ Liederzyklus Op. 27 mit atmosphärischen Filmbildern, Lyrik und einem offenen Dialog. Konzipiert von Charlotte Schetelich, schafft es ein tiefgehendes Erlebnis über Liebe, Leben und Zukunft – ein musikalisch-philosophischer Raum, der zum Nachsinnen einlädt.

Und mit „funky brain“ am 3. Juli im TONALi SAAL wird ein ganz besonderes, wichtiges Anliegen aufgegriffen: das Bewusstsein für ADHS zu schaffen. Dieses interdisziplinäre Konzertformat verbindet klassische Musik (Werke von Schumann, Debussy und Glass) mit der Lebensrealität von Menschen mit ADHS. Das Publikum ist aktiv beteiligt – sei es beim Bühnenaufbau, durch flexible Sitzmöglichkeiten oder sensorische Optionen wie Ohrstöpsel. Musik als Mittel zur Aufklärung und zum offenen Austausch – ein starkes Statement.

Die Zukunft der Klassik: Visionen und Partizipation

Das Festival bietet auch Denkwerkstätten und Zukunftsszenarien. „Klassik 2040“ am 30. Juni im TONALi Seminarraum lädt dazu ein, gemeinsam mit führenden Kulturakteur*innen langfristige Strategien für die Klassikbranche in Hamburg zu entwickeln. Diese Foresight-Prozesse sind essenziell, um die Klassik nicht nur zu bewahren, sondern zukunftsfähig zu gestalten.

Den Höhepunkt bildet die zweite „Soziale Symphonie“ am 4. Juli in der Elbphilharmonie – ein multimediales Erlebnis mit Musik, Tanz und intensiver Publikumsbeteiligung. Zwölf TONALi-Musiker*innen, der Hamburger Knabenchor, Jugendliche und Anwohnende vereinen sich zu einem lebendigen Klangbild Hamburgs. Kultursenator Dr. Carsten Brosda wird eine Festrede halten, und der TONALi Award „Mut zur Utopie“ wird an Franziska Ritter und Christian Siegmund von 1:1 CONCERTS verliehen – eine Würdigung für jene, die sich trauen, neue Wege zu gehen.

Mit dem „Walk zur Elbphilharmonie“ im Vorfeld des Abschlusskonzerts, bei dem Teilnehmende ein Gratis-Ticket erhalten und gemeinsam mit Musiker*innen zur Elphi ziehen, wird die Idee der Partizipation und des gemeinsamen Erlebnisses bis zum letzten Moment gelebt.

TONALi 2025 ist mehr als nur ein Festival. Es ist eine Bewegung, die klassische Musik aus ihrem angestammten Kontext löst und in neue, oft überraschende Zusammenhänge stellt. Es ist ein Plädoyer für Mut, Vielfalt und Gemeinschaft. Für alle, die die transformative Kraft der Musik erleben möchten, jenseits starrer Konventionen und mit einem tiefen Blick in die gesellschaftliche Relevanz von Kunst, ist das TONALi Festival 2025 ein absolutes Muss. Es verspricht nicht nur klangliche Innovationen, sondern auch einen Blick auf das, wie Klassik in einer sich ständig wandelnden Welt relevant bleiben kann: indem sie Risiko eingeht, Fragen stellt und vor allem – Menschlichkeit und Gemeinschaft in den Mittelpunkt rückt.

Das gesamte Programm hier: www.tonali.de

 

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Volpis letzter Tanz https://www.tiefgang.net/volpis-letzter-tanz/ Fri, 13 Jun 2025 22:46:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11981 [...]]]> Es war ein Beben, das durch die ehrwürdigen Gänge der Hamburgischen Staatsoper ging – und doch, für jene, die den Herzschlag dieser kulturellen Institution seit Jahren verfolgen, kam es nicht ganz unerwartet.

Demis Volpi, der als großer Hoffnungsträger nach der Ära John Neumeier angetreten war, verlässt das Hamburg Ballett mit sofortiger Wirkung. Ein jähes Ende nach nur einem halben Jahr im Amt, das Fragen aufwirft, Wunden freilegt und die Debatte um die Zukunft einer der renommiertesten Ballettcompagnien der Welt neu entfacht.

Die Bürde eines großen Erbes

Die Erwartungen an John Neumeiers Nachfolge waren von Anfang an gigantisch. Ein halbes Jahrhundert lang hatte der amerikanische Choreograf das Hamburg Ballett geprägt, es zu Weltruhm geführt und zu einer unverwechselbaren Marke gemacht. Sein Abschied, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, wurde sogar um ein Jahr bis Sommer 2024 verlängert. Die Findungskommission, besetzt mit hochrangigen internationalen Expert*innen wie Ted Brandsen oder Brigitte Lefèvre, hatte im Oktober 2022 Demis Volpi als die ideale Wahl präsentiert. Kultursenator Dr. Carsten Brosda äußerte sich damals euphorisch: „Mit Demis Volpi kann die herausragende Geschichte des Hamburg Ballett weitergeschrieben und mit neuen Impulsen in die Zukunft geführt werden.“ Man sprach von einer Verbindung von Tradition und Innovation – Worte, die heute einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.

Volpi, der 1985 geboren und in Buenos Aires sowie Stuttgart ausgebildet wurde, kam mit dem Ruf eines international gefeierten Choreografen. Seit August 2020 war er Ballettdirektor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Dort hatte er für seine Arbeiten eine große Zahl internationaler Auszeichnungen erhalten, darunter den Konex Award, die Auszeichnung zum „Nachwuchskünstler des Jahres“ der Zeitschrift Opernwelt und den Deutschen Tanzpreis Zukunft. Choreografien wie „Salome“ für das Stuttgarter Ballett oder „Chacona“ zeugten von seinem künstlerischen Talent. Doch die Realität in Hamburg sollte sich als weitaus stürmischer erweisen.

Ein toxisches Klima und der rasche Fall

Schon seit Wochen brodelte es hinter den Kulissen. Gerüchte machten die Runde, Solist*innen kündigten, und es verdichteten sich die Anzeichen für ein „toxisches Arbeitsklima“. Was im Februar 2025 mit einem offenen Brief von 36 der 63 Staatsopern-Tänzer*innen an Kultursenator Brosda begann, mündete nun im Showdown. Die Vorwürfe waren massiv: ein „unfreundlicher, manipulativer und herabsetzender Stil Volpis“, häufige Abwesenheiten und sogar „künstlerische Mängel“. Der Frust saß tief, so tief, dass fünf der elf Ersten Solist*innen, die sonst das Herzstück der Compagnie bilden, zu den Unterzeichner*innen gehörten.

Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper und Demis Volpi einigten sich auf einen Auflösungsvertrag zum Ende der Spielzeit und eine sofortige Freistellung. Die Kulturbehörde sprach von „einvernehmlich“, doch die scharfen Worte aus der F.A.Z. – „Das Schiff verlässt den sinkenden Kapitän“ – spiegeln die Dramatik der Situation wider. So-Yeon Kim, eine ehemalige Düsseldorfer Ballerina und Mitverfasserin eines Düsseldorfer Solidaritätsschreibens, äußerte sich gegenüber der F.A.Z. erleichtert: „Manche waren der Ansicht, da Volpi nicht körperlich gewalttätig war, müsste man ihn nicht entlassen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Tänzerinnen und Theatermitarbeiterinnen unter Volpis Charaktermängeln und Inkompetenz nicht nur gelitten haben, sondern in der Konsequenz ihr Engagement und manche ihre Karriere verloren haben. Sein Verhalten hat das Leben von Tänzer*innen ruiniert.“ Dies zeigt, dass die Probleme nicht neu waren und die Entscheidung in Hamburg in der Ballettwelt genau beobachtet wurde.

Demis Volpis eigene Stellungnahme klingt fast resignativ: „Meine Vision – sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf eine zeitgemäße Struktur, die offene und verantwortungsvolle Zusammenarbeit innerhalb einer Ballettcompagnie ermöglicht – ließ sich trotz intensiver Bemühungen unter den aktuellen Rahmenbedingungen am Hamburg Ballett nicht weiter verwirklichen.“ Eine diplomatische Umschreibung für eine tiefe Zerrüttung, die offenbar Vision und Realität in dieser etablierten Compagnie kollidieren ließ.

Senator Brosdas Dilemma und die Zukunft

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der einst Volpi so hoffnungsvoll begrüßte, fand sich in einer prekären Lage wieder. Er bedauert, „dass es nicht gelungen ist, eine gemeinsame Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit im Hamburg Ballett zu schaffen.“ Eine gemeinsame Interimsleitung mit Lloyd Riggins, Nicolas Hartmann und Gigi Hyatt soll nun bis Ende der Spielzeit 2025/2026 die Lücke füllen. Die Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt, um die Weiterentwicklung „zwischen Tradition und Moderne“ fortzuführen. John Neumeier selbst, der die Vorgänge von außen verfolgte, äußerte gegenüber dem NDR die Hoffnung, dass „Ruhe eintritt im Ballett“ und die Tänzer*innen „jetzt gut arbeiten können“.

Doch die dringlichste Frage bleibt: Wie geht es weiter? Die Krise um Volpis Abgang offenbart strukturelle Herausforderungen, vielleicht auch eine verpasste Chance, frühzeitig auf die kritischen Stimmen aus dem Ensemble zu hören. Für Volpi gibt’s nach BILD-Informationen als Schmerzensgeld rund 1,1 Millionen Euro – das gesamte Salär für seinen Fünfjahresvertrag. Der Aufsichtsrat hat einen extern moderierten Prozess angekündigt, um „unter anderem Maßgaben für die künftige Zusammenarbeit in der Compagnie sowie die Anforderungen der Compagnie an eine künftige Ballettdirektion“ zu erarbeiten. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn das Wohl und die Zufriedenheit der Tänzer*innen sind das Herzstück jeder Compagnie.

Der Elefant im Raum

Und dann ist da noch der ständige Elefant im Raum: der seit Jahren diskutierte und heiß umstrittene geplante Neubau der Staatsoper auf dem Baakenhöft in der HafenCity. Bürgermeister Peter Tschentscher und Kultursenator Carsten Brosda verkündeten im Februar 2025 die Vertragsunterzeichnung mit der Kühne-Stiftung euphorisch als „Glücksfall für die Kultur und die Steuerzahler*innen“, da der Bau angeblich komplett finanziert werde. Doch die Hamburgische Architektenkammer (HAK) übte scharfe Kritik an diesem Vorgehen. In einem „Brandbrief“ unter dem Titel „Mehr Öffentlichkeit wagen“ forderte die HAK Transparenz, Wettbewerb und eine Stärkung der Innenstadt. Es wurde bemängelt, dass das Projekt „hinter verschlossenen Türen“ entwickelt wurde, ohne vorherige fachliche Expertise, öffentliche Information oder Diskussion. Die Grundfrage, ob Hamburg überhaupt ein neues Opernhaus in dieser Form und an diesem Standort benötigt, sei nie öffentlich diskutiert worden.

Die Architektenkammer wies zudem darauf hin, dass der Neubau keineswegs allein ein Mäzenatengeschenk sei. Die Stadt steuere ein „überaus wertvolles Grundstück in bester Lage“ bei, dazu 147 Millionen Euro für Gründung und Flutschutz sowie die Kosten für die Planung und Herstellung der öffentlichen Freiflächen. Massive Kritik wurde auch an der fehlenden Diskussion über die Nutzung dieses „letzten freien Grundstücks der HafenCity“ sowie die multifunktionale Ausrichtung des Neubaus geübt. Der Vertrag sehe vor, dass das Gebäude ausschließlich für den Betrieb der Staatsoper genutzt werden dürfe, wobei die Kühne-Stiftung jeder Nutzungsänderung zustimmen müsse – was als Einschränkung für breitere Bevölkerungsgruppen und die gesellschaftliche Einflussnahme auf ein solches Großprojekt verstanden wird. Das geplante „Qualifizierungsverfahren“ mit nur „mindestens fünf Planungsbüros“ und einem „deutlichen Missverhältnis von Nicht-Fachleuten und Fachleuten“ in der Jury entspreche zudem in keiner Weise den etablierten Regeln für Planungswettbewerbe. Auch das Vetorecht des Stifter-Ehepaars und die unklare Kostenkalkulation für den späteren Betrieb, der allein von der Stadt zu tragen ist, geben Anlass zur Besorgnis. Die HAK befürchtet kein „volles“, sondern ein „abgespecktes ,Opernhaus light‘“, dessen Funktionalität lediglich „mindestens dem Standard der Bestandsoper entspricht“.

Die Kulturbehörde reagierte auf die Kritik zurückhaltend und verwies auf eine mehrjährige Planungs- und Umsetzungsphase sowie die bevorstehende Befassung der Bürgerschaft. Gleichwohl trägt diese hochkomplexe und kontrovers geführte Bauprojektdebatte zu einem Umfeld bei, in dem die Führung der Staatsoper ohnehin schon unter immensem Druck steht. Auch wenn konkrete Details zu einem kürzlichen Interims-Leiter im kaufmännischen Bereich in den vorliegenden Dokumenten nicht explizit genannt werden, zeugen solche Veränderungen an verschiedenen Führungspositionen von einer Periode der Neuorientierung und Sensibilität innerhalb der Staatsoper insgesamt.

Hamburgs Ballett steht am Scheideweg

Der abrupte Abgang von Demis Volpi ist eine Zäsur, aber auch eine Chance. Die Findung einer neuen Leitung muss diesmal nicht nur künstlerische Vision, sondern auch soziale Kompetenz und die Fähigkeit zur Menschenführung in den Vordergrund stellen. Es gilt, die Wunden zu heilen, das Vertrauen wieder aufzubauen und eine Zukunft zu gestalten, die die herausragende Geschichte des Hamburg Ballett nicht nur weiterschreibt, sondern auch in ein modernes, gesundes Arbeitsumfeld überführt. Diese Episode wird zweifellos als eine kritische Zeit in die Annalen der Hamburger Kulturgeschichte eingehen und die Haltung des Kultursenators auf die Probe stellen, die notwenige Stabilität für die Zukunft dieses Leuchtturms zu gewährleisten – gerade auch angesichts der schwelenden Opernneubau-Debatte, die weit über das Ballett hinausreicht.

 

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Ulla Lohmanns Erinnerungen an eine prägende Jugend https://www.tiefgang.net/ulla-lohmanns-erinnerungen-an-eine-praegende-jugend/ Fri, 13 Jun 2025 22:30:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11953 [...]]]>

Es gibt Bücher, die leise daherkommen und doch eine immense Wucht entfalten. „Mein Weg hinaus“ von Ulla Lohmann ist so ein Buch.

Es ist kein lautes Plädoyer, keine anklagende Abrechnung, sondern ein zutiefst persönlicher und doch universeller Bericht über das Erwachsenwerden in der Nachkriegszeit. Ulla Lohmann, vielen in Hamburg-Harburg nicht zuletzt durch ihr langjähriges kulturelles Engagement und ihren nichtkommerziellen Ausstellungsraum C15 bekannt, legt hier ihre Kindheit und Jugend zwischen 1949 und 1969 im Rheinland offen – eine Zeit und ein Ort, die für viele eine ganze Generation geprägt haben.

Die Autorin, die seit 1969 in Hamburg lebt und arbeitet, hat sich über Jahrzehnte hinweg nicht nur den Naturwissenschaften und der Stadt- und Landschaftsplanung gewidmet, sondern auch intensiv kulturpolitisch engagiert. Ihre Sammlungen von Gegenwartskunst und ihre Gesprächsreihe „dialogKULTUR“ im Rahmen des C15 zeugen von einem tiefen Verständnis für die Mechanismen von Kunst und Gesellschaft. Mit „Mein Weg hinaus“ offenbart sie nun eine weitere Facette ihres Schaffens: die einer sensiblen Beobachterin ihrer eigenen Vergangenheit.

Ein nüchterner Blick auf ein enges Korsett

Ulla Lohmann nimmt uns mit in ein konservativ geprägtes Elternhaus an der niederländischen Grenze, in eine Welt, die von Bevormundung, überlieferten Kriegstraumata und einer spürbaren Lieblosigkeit durchzogen ist. Die Erzählung beginnt mit der detaillierten Beschreibung einer Kindheit und Jugend im Rheinland, nahe der niederländischen Grenze. Hier wird das Fundament für das Verständnis der späteren Entwicklung gelegt. Es wird ein Bild des ländlichen Lebens gezeichnet, das stark von katholischer Prägung, traditionellen Familienstrukturen und den unaufgearbeiteten Schatten des Zweiten Weltkriegs bestimmt ist.

Sie erzählt von Familienurlauben und -festen, von der Verwandtschaft, der Schule und der Kirche, vom Leben auf dem Dorf, Kommunion, Beichte und Prozessionen. Es sind präzise Beobachtungen, die uns ein Gefühl für die „engen Verhältnisse“ vermitteln, aus denen die junge Ulla schließlich auszubrechen versucht und zumindest nach dem Schulabschluss ihren Heimatort verlässt: „Niemals verspürte ich Sehnsucht, niemals bemerkte ich die geringste Spur von Heimweh. Doch wie oft bin ich in Gedanken, die Kindheitserinnerungen im Kopf, durch die bescheidenen Zimmer, den Garten und die Obstwiese gelaufen, habe renoviert, umgebaut und renaturiert.“

Der Aufbruch zum Studium in die Großstadt markiert den entscheidenden Wendepunkt und den Höhepunkt ihrer Erzählungen. Die Aufnahme des Studiums in Hamburg wird zugleich zum Symbol für den erfolgreichen Ausbruch und die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen. Es ist der konkrete Akt der Befreiung, der über die bloße Sehnsucht hinausgeht.

Dabei wählt Lohmann einen bemerkenswert klaren und nüchternen Ton. Es ist eine Prosa, die Distanz schafft, ohne kalt zu wirken. Sie vermeidet Vorwurf und Abrechnung, stattdessen beschreibt sie das Geschehen mit einer fast schon dokumentarischen Genauigkeit. Diese Zurückhaltung im Ausdruck macht die zugrunde liegende Thematik – die Suche nach Selbstbestimmung und die Befreiung aus einem Geflecht seelischer Armut – umso eindringlicher. Man spürt die innere Not, den wachsenden Wunsch nach Veränderung, der sich Seite für Seite durch das Buch zieht, ohne dass er je explizit ausformuliert werden müsste. Die Lücken, das Ungesagte, sprechen oft lauter als jede direkte Anklage.

Die gesellschaftliche Prägung einer Generation

Was „Mein Weg hinaus“ besonders wertvoll macht, ist seine Fähigkeit, über die individuelle Geschichte hinaus ein gesellschaftliches Umfeld lebendig werden zu lassen. Es ist die Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Weg gehen musste, wie so viele andere jener Zeit, die sich aus ähnlichen Verhältnissen befreien wollten. Das Buch wird damit zu einem Zeitdokument, das die Prägung einer ganzen Generation beleuchtet, die im Schatten des Krieges und in einem oft starren gesellschaftlichen Gefüge aufwuchs.

Ulla Lohmanns „Mein Weg hinaus“ ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, das leise Fragen stellt und doch tief in die menschliche Seele blickt. Es ist ein Plädoyer für die innere Stärke und den Mut, sich den eigenen Weg zu bahnen – selbst wenn dieser Weg aus engen Verhältnissen herausführt. Absolut lesenswert!

Ulla Lohmann – Mein Weg hinaus. Kindheit und Jugend in engen Verhältnissen

Dittrich Verlag (in der Velbrück GmbH Verlage), 2025 (Soeben erschienen)

ISBN: 978-3-910732-49-0

Umfang: 208 Seiten, Hardcover, Preis: 22,00 €

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