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Bau ist nicht gleich Bau

Es erscheint Jahr für Jahr und wird nicht langweilig. Eben deswegen nicht. Das Jahrbuch der Hamburger Architektur.

Da liegt es nun, ein echtes Schwergewicht für den Nachttisch und den Kopf. Am 8. Dezember 2025 ist es im Junius Verlag gelandet: Architektur in Hamburg, das Jahrbuch 2025/26. Für 48 Euro bekommt man 216 Seiten geballte Baukultur, brillant bebildert und scharfzüngig analysiert. Es ist die Art von Buch, die man aufschlägt, wenn man wissen will, wie Hamburg wirklich tickt – jenseits der Hochglanzprospekte der Projektentwickler*innen.

Die Herausgeber Claas Gefroi und Ullrich Schwarz haben mal wieder ganze Arbeit geleistet. Gefroi, der als Referent der Architektenkammer und Architekturkritiker genau weiß, wo der Putz bröckelt, und der erfahrene Dr. Ullrich Schwarz führen uns durch ein Panorama, das von der Elbe bis in die City Nord reicht. Das aktuelle Porträt widmet sich dem Büro LRW Architekten, während der historische Blick den Architekten und scharfzüngigen Kritiker Hermann Funke ehrt. Ein toller Kontrast, der zeigt, dass Hamburgs Baukultur schon immer von klugen Köpfen und kritischen Geistern begleitet wurde.

Besonders spannend für alle, die nach frischem Wind suchen: In der Rubrik Positionen junger Büros stellt das Team die Arbeiten von KOSMO vor. Das macht Hoffnung, denn neben den großen Mammutprojekten braucht die Stadt genau diese neugierige, unverbrauchte Perspektive.

Das Jahrbuch legt den Finger genau in die Wunde, die auch das Opernprojekt von Klaus-Michael Kühne aufreißt. Die Kritik am Westfield Hamburg Überseequartier im Buch liest sich wie ein prophetisches Echo auf die Bedenken gegenüber der neuen Oper am Baakenhöft. Wenn im Jahrbuch konstatiert wird, dass das Überseequartier eher dem Markt als den Menschen dient, stellt das für uns alle die Frage: Vergeben wir mit der neuen Oper eine historische Chance?

Das Hamburger Feuilleton im Buch geht genau hier in die Tiefe. Es verknüpft Hafenentwicklung mit Stadtplanung und fragt nach dem Stand der Wettbewerbskultur. Ist ein Geschenk wie das von Kühne, das mit einem fertigen Architekturentwurf von BIG daherkommt, überhaupt noch ein echter Wettbewerb? Oder opfern wir die städtebauliche Heterogenität, die das Jahrbuch so wortstark verteidigt, dem Prestige eines einzelnen Mäzens?

Auch ohnedies geht ein Beitrag von Matthias Gretzschel um das Thema, dass es immer seltener offene Wettbewerbe in Hamburgs Architekturbranche zu vermelden gibt. Auch wenn es teils aufwendiger sein mag, so ist doch auch spürbar, dass es aktuell an Ideen, ganz anderen Sicht- und folglich Bauweisen mangelt. Dass der Süden Hamburgs gar nicht erst im Buch vertreten ist, es aber auch schon Bauten außerhalb Hamburgs bedarf, um ungewöhnliche Architekturen zu besprechen, mag ein und dieselbe Medaille darstellen, die hoffnungsweise an Glanz nicht verlieren wird.

Aber das Buch feiert eben auch die kleinen Siege der Baukunst. Es führt uns zur Parabel, dem neuen Kunstzentrum in der ehemaligen Nikodemuskirche – ein genialer Schachzug von WRS Architekten. Wir entdecken das Fischerhaus in Blankenese und die Scheune am Jenischpark, die zeigen, wie behutsam und liebevoll Denkmalschutz sein kann. Und wer hätte gedacht, dass eine Erweiterung der Bibliothek an der HfbK oder der Eingangspavillon der Energiewerke so viel ästhetische Kraft entfalten können? Sogar der Gigant aus der City Nord, das Signal Iduna Haus Kap5 (wegen des Kapstadtrings, an dem der Bau liegt), bekommt seinen Platz.

Das Jahrbuch 2025/26 ist ein Weckruf an alle Hamburger*innen. Es erinnert uns daran, dass wir die Gestaltung unserer Stadt nicht allein dem Markt überlassen dürfen. Wir brauchen eine Architektur, die Geschichten erzählt und die Geschichte des Ortes respektiert – so wie es das Projekt in Kirchwerder vormacht. Wenn wir über die neue Oper diskutieren, sollten wir dieses Buch als Kompass nutzen. Es ist eine Einladung, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, auch von einem milliardenschweren Geschenk mehr zu verlangen als nur eine hübsch begrünte Fassade. Es geht um unsere Identität, und die ist unbezahlbar.

Architektur in HamburgJahrbuch 2025/26, 216 S., ISBN 978-3-96060-599-7; Preis: 48,00 €

www.junius-verlag.de [1]

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