Besprechungen https://www.tiefgang.net Fri, 11 Sep 2026 09:32:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 DDR-Stahl entert Oper https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/ https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/#respond Sun, 13 Sep 2026 22:18:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14525 [...]]]> Ein verrosteter DDR-Fischfrachter macht demnächst genau dort fest, wo Hamburg für hunderte Millionen seine neue Staatsoper baut. Wie viel wilde Subkultur verträgt die durchgestylte HafenCity?

Hamburg schmückt sich gerne mit schwimmendem Stahl – solange er glänzt, Geschichte atmet und brav am Pier liegt. Die städtischen Millionen fließen verlässlich in polierte Postkartenmotive: Die elegante Cap San Diego von 1961 erinnert an das Wirtschaftswunder an der Überseebrücke, die Rickmer Rickmers von 1896 liefert den Landungsbrücken ihr historisches Panorama, und für die Rückholaktion und Restaurierung des Legendären Vier-Mast-Seglers Peking (Baujahr 1911) ließ der Staat rund 30 Millionen Euro springen. Sie sind ruhmreiche Wahrzeichen, museale Denkmäler und visuelle Visitenkarten für den Tourismus.

Und dann ist da die MS Stubnitz. 80 Meter dunkler, unpolierter Stahl. Gebaut 1964 in Stralsund als Kühl- und Gefrierschiff (SAS 501) der DDR-Fischfangflotte. Ein Koloss, der nicht nach Elbchaussee riecht, sondern nach Diesel, Maschinenschmiere, Schweiß und Bass. Die Stubnitz ist kein Museum, in dem alte Zeiten konserviert werden, sondern ein hochaktiver, roher Nährboden für Gegenkultur, Avantgarde und Experimentelles. Und im Gegensatz zu ihren adligen Geschwistern im Hafen muss sie seit Jahrzehnten um ihre schiere Existenz und einen festen Liegeplatz kämpfen.

Seit dem Verfall der DDR-Fischerei 1992 von einer engagierten Künstler*innen-Initiative vor dem Abwracken gerettet, zog die Stubnitz als Kulturschiff-Nomadin durch Europa – von Rostock über Rotterdam, Newcastle und London bis nach Hamburg. 2013 machte sie an den Elbbrücken fest. Doch in der hochglanzpolierten HafenCity rückte die Bebauung immer näher. Es folgte das vertraute Hamburger Spiel: Subkultur als Pioniernutzung feiern, aber Verträge auslaufen lassen, wenn die ersten Eigentumswohnungen stehen.

Industrie-Charme im Bauch der MS Stubnitz. (Quelle MS Stubnitz)

Jetzt steht die nächste Reise an: Unter dem Titel „EXIT Elbbrücken“ packt das Schiff im Herbst seine Kisten. Die Stadt schiebt den Koloss weiter – ausgerechnet an das Baakenhöft (das ehemalige Cruise Center). Und hier erreicht die stadtentwicklungspolitische Posse einen weiteren Höhepunkt: Das Baakenhöft ist exakt jenes Areal, auf dem ab etwa 2028 der imposante Neubau der neuen Hamburger Staatsoper entstehen soll. Ab Oktober macht das rohe Subkultur-Schiff also den Platzhalter für den gläsernen Tempel der Hochkultur.

Zwischen Ruderschaden und Instagram

Dass die Stubnitz kein gewöhnlicher Musikclub ist, zeigt ein Blick in die aktuellen Stellenausschreibungen und den Zustand der Crew. Während andere Clubs nach Tresenkräften oder DJs suchen, braucht die Stubnitz Verstärkung im Maschinenraum: Gesucht werden derzeit etwa Mechaniker*innen, die die historischen Schiffsdiesel und die Hydraulik in Schuss halten. Der Schiffs-TÜV steht an, ein Ruderschaden fordert ungeplante Werftaufenthalte in Kiel. Hier entscheidet nicht nur das Booking über die Partynacht, sondern das Kurbelgehäuse. Selbst die BFD-Stelle für Social Media und Öffentlichkeitsarbeit verlangt mehr als nur schöne Fotos: Verlangt werden UNIX-Kenntnisse, Markdown und HTML-Verständnis – eine reizvolle Mischung aus technischem Know-how und Do-It-Yourself-Ethos.

Im Bauch des Schiffs läuft derweil das gewohnt kompromisslose Programm weiter: Von experimentellen Improvisations-Sessions über Noise-Fraktionen bis hin zu Filmpremieren (Vom Traum, unsinkbar zu sein).

Die Ankunft der MS Stubnitz am Baakenhöft bis voraussichtlich zum ersten Quartal 2028 ist eine der typischen Ironien der Hamburger Kulturpolitik. Ein verrosteter DDR-Gefrierfrachter hält die Stellung für die Hochkultur. Doch was passiert, wenn die Bagger für die Oper anrollen? Die Stubnitz erinnert Hamburg daran, dass eine Kulturstadt nicht nur geschmückte Museumsschiffe und schicke Opernsäle braucht, sondern auch Räume, die stören, anecken und nach Diesel riechen.

Programm-Highlights auf der MS Stubnitz

  • Kino & Talk: Vom Traum, unsinkbar zu sein (Doku-Filmabend & Gespräch über DDR-Fischereischiffe) | Genre: Dokumentarfilm & Zeitgeschichte |Do., 17. Sept. | Uhrzeit: 19.30 Uhr
  • Konzert: Horse Lords (Minimalistischer Avantgarde-Rock / Math-Rock mit mikrotonaler Stimmlage) | Genre: Experimental Rock |Fr., 25. Sept. | Uhrzeit: 20.00 Uhr
  • Clubnacht: Subkultur-Revival: Industrial & Heavy Electro (Nachtveranstaltung in den tiefen Laderäumen) | Genre: Electro / Industrial / Dark Wave | Sa., 3. Okt. | Uhrzeit: 23.00 Uhr
  • Performance & Jazz: Pavel Milyakov & Guests (Improvisierte Klangräume zwischen Ambient und Free Jazz) | Genre: Avantgarde / Jazz-Performance | Fr., 16. Okt. | Uhrzeit: 20.30 Uhr

Aktueller Liegeplatz (bis Ende September 2026): Kirchenpauerkai 26, 20457 Hamburg (Östliche HafenCity / Elbbrücken)

Neuer Liegeplatz (ab 5. Oktober 2026): Baakenhöft / Versmannstraße, 20457 Hamburg (Künftiges Baufeld der neuen Hamburgischen Staatsoper)

Webseite & Tickets: stubnitz.com


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Coltrane und Chorallen https://www.tiefgang.net/coltrane-und-chorallen/ https://www.tiefgang.net/coltrane-und-chorallen/#respond Fri, 11 Sep 2026 22:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14507 [...]]]> Ein zaghafter Takt auf der Tischkante, das spontane Mitsingen im Radio, die Aufregung beim ersten Live-Konzert: Der Spaß an der Musik ist tief in uns allen verwurzelt. Und der Hamburger Landesmusikrat kümmert sich um ihn …

Forscher*innen wiesen sogar nach, dass harmonische Schallwellen das Zellwachstum von Pflanzen wie Korallen stimulieren können. Wenn schon Grünpflanzen auf Wohlklang reagieren, wie tief muss die Musik dann erst im menschlichen Wesen verankert sein? Sie ist kein flüchtiger Luxus, sondern ein grundlegendes Lebensbedürfnis – biologisch, emotional und gesellschaftlich.

Wer in Hamburg verstehen will, wie aus diesem ureigenen Impuls eine nachhaltige Kulturpraxis wird, trifft schnell auf den Landesmusikrat Hamburg e.V. (LMR HH). Als Dachverband vertritt der LMR HH die Interessen professioneller Musiker*innen ebenso wie die der weitverzweigten Amateurmusikszene. Er agiert als kulturpolitisches Sprachrohr, fördert den Nachwuchs in Spitzenensembles und stößt bundesweite Initiativen wie das jährliche „Instrument des Jahres“ an. Wie lebendig dieser Auftrag gestaltet wird, beweisen zwei aktuelle Projekte, die in den kommenden Wochen und Monaten das musikalische Leben der Hansestadt maßgeblich prägen.

John Coltrane trifft Nachwuchspower

Was hat die Urgewalt eines John-Coltrane-Saxosolo eigentlich mit der Lebensrealität heutiger Jugendlicher zu tun? Sehr viel – vorausgesetzt, man betrachtet Jazz nicht als Museumsstück, sondern als lebendigen Resonanzraum. Am 23. September 2026 wäre der Gigant der Jazzgeschichte 100 Jahre alt geworden. Das Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH) in der Trägerschaft des LMR HH nimmt dieses Jahrhundertjubiläum zum Anlass, der Legende ein ganz besonderes musikalisches Denkmal zu setzen.

Unter dem Titel „New York – Rio – Hamburg: John Coltrane meets Emiliano Sampaio“ bringt das Ensemble die zeitlose Strahlkraft Coltranes in die Gegenwart. Als Gast und Dirigent konnte der brasilianische Komponist und Multiinstrumentalist Emiliano Sampaio gewonnen werden. Im Gepäck hat er ein ganz besonderes Präsent: die Uraufführung einer Hommage an Coltrane, die Sampaio extra für diesen Abend komponiert hat.

„Mit im Gepäck als ganz besonderes Geschenk haben wir die Uraufführung einer Hommage an Coltrane – Good vibes only!“, verspricht das Ensemble voller Vorfreude auf ein Konzert voller Energie. Das Jubiläumskonzert steigt punktgenau am Geburtstag des Meisters, am Mittwoch, den 23. September 2026 um 19:30 Uhr in der JazzHall an der HfMT Hamburg. Tickets sind für 19,00 Euro (ermäßigt 12,00 Euro) direkt über die JazzHall erhältlich.

Gleichzeitig markiert das Projekt eine Phase des Umbruchs: Das LJJO HH bietet jungen Nachwuchstalenten bis 25 Jahren laufend die Möglichkeit, sich für vakante Positionen an Posaune oder Trompete zu bewerben, während für 2027 die künstlerische Leitung neu ausgeschrieben wird.

CHORALLE 2026 – Festival der Stimme

Noch imposanter wird es im Spätherbst, wenn am 07. und 08. November 2026 rund 2.000 Sänger*innen in der Hansestadt zusammenkommen. Unter dem Namen CHORALLE 2026 – passend zur eingangs erwähnten musikalischen Wirkung auf ähnlich klingenden Riffpflanzen – richten der LMR HH und der Landesmusikrat Schleswig-Holstein das gemeinsame Festival der Stimme aus, das zugleich als Landeschorwettbewerb beider Bundesländer fungiert.


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Der Schulchor der Fridtjof Nansen Schule Hamburg (Foto: Sabine Vinar)

Rund um den Hamburger Mittelweg verwandelt sich das Viertel in ein riesiges Vokal-Mekka. Von klassischen Knaben- und Frauenchören über Kammerensembles bis hin zu modernen Pop- und Jazz-Vokalformationen treten rund 100 Amateurchöre an, um sich fachliches Feedback einzuholen und sich für den Deutschen Chorwettbewerb 2027 in Leipzig zu qualifizieren.

„Die CHORALLE ist der zentrale Ort für die Chorszene Norddeutschlands. Im Mittelpunkt stehen die Präsentation der musikalischen Arbeit, der fachliche Austausch sowie die Begegnung und Vernetzung innerhalb der regionalen Chorszene“, betont das Organisationsteam des LMR HH.

Das Besondere für Musikbegeisterte: Sämtliche Wertungssingen und Festkonzerte sind öffentlich zugänglich und kostenfrei. Ein detaillierter Zeitplan mit allen Auftrittszeiten wird im Herbst online unter www.choralle.org veröffentlicht. Das abschließende Preisträgerkonzert steigt am 25. April 2027 in der Pauluskirche in Kiel.

Ob die Verneigung vor John Coltrane im modernen Bigband-Gewand oder das kraftvolle Zusammentreffen Tausender Stimmen beim Chorfestival – beide Initiativen verdeutlichen die Kernphilosophie des LMR HH: Musik ist ein aktiver Prozess, der Raum, Verankerung und verlässliche Strukturen braucht. Der LMR HH sorgt mit seinen Projekten dafür, dass der Impuls zum gemeinsamen Musizieren in der Stadt keineswegs leiser wird.

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Campusstart mit Clubnacht! https://www.tiefgang.net/campusstart-mit-clubnacht/ https://www.tiefgang.net/campusstart-mit-clubnacht/#respond Thu, 10 Sep 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14501 [...]]]> Das Semester und der Lernstress beginnen – was kann da Besseres passieren als eine Einladung zum Konzert?

Genau an diesem Punkt setzt die Clubstiftung Hamburg mit ihrem neuen Pilotprojekt „Welcome to the Club!“ an. Zum Start des Semesterbetriebs beschenkt die Stiftung knapp 700 Erstsemester-Studierende der HafenCity Universität Hamburg (HCU) mit Konzertgutscheinen im Wert von jeweils 25 Euro. Über ein Gesamtvolumen von rund 18.000 Euro, umgesetzt in Kooperation mit der HCU und dem Ticketanbieter TixforGigs, bekommen die Neuhamburger*innen den perfekten Anlass, um den Kopf freizubekommen und die Livemusikszene der Stadt für sich zu entdecken.

Die Aktion ist weit mehr als eine nette Geste zum Studienbeginn – sie geht ein reales, strukturelles Problem an. Geschäftsstellenleiter Antonio Stefaniak macht die Dringlichkeit der Lage deutlich: „Insbesondere während der Pandemie hat sich die Verbindung zwischen Musikclubs und dem jungen Publikum immer weiter abgeschwächt. In Zeiten von Social Media und dem Vormarsch der Streamingdienste bleiben vor allem die kleinen Musikclubs, die für Newcomer-Gigs und diverse Programmarbeit stehen, auf der Strecke.“ Hinzu kommt die finanzielle Hürde in einer teuren Stadt: „Die dadurch steigenden Preise im Ticketing führen wiederum dazu, dass junge Menschen sich den regelmäßigen Besuch von Musikclubs kaum noch leisten können.“

Gleichzeitig stehen die Betreiber*innen kleinerer Live-Clubs unter enormem Druck. Doch gerade Abseits der großen Hallen pocht das Herz der Szene: Orte wie das Hafenklang und das Molotow an der St. Pauli Hafenstraße und der Reeperbahn, das Stellwerk am Harburger Fernbahnhof, das Knust im Karoviertel oder Die Hebebühne in Altona zeichnen das echte, dezentrale Gesicht der Hamburger Musikmetropole. Spielstätten dieser Art sind die eigentlichen Keimzellen der Musikkultur, wo Newcomer-Acts ihre erste Chance bekommen und abseits des Mainstreams experimentiert wird.

Hier schlägt das Projekt die Brücke. Stiftungsvorstand Heiko Langanke hebt die Bedeutung dieser Räume hervor: „Wir ermöglichen wieder eine Beziehung zwischen jungem Publikum und angestammten Clubs aufzubauen. Und wir fördern die Willkommenskultur der Musikmetropole Hamburg, die mehr als Fischbrötchen und Schiffegucken ist.“ Für Langanke steht fest: „Musikclubs gehören zu Hamburgs ideeller Skyline und wir wollen Berührungen dazu schaffen.“

Trägerin des Projekts ist die Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen Hamburg (kurz: Clubstiftung). Sie wurde 2010 von der Kulturbehörde und dem Clubkombinat Hamburg e.V. ins Leben gerufen, um die Szene nachhaltig zu sichern. Neben Darlehen für Ton- und Lichttechnik oder Lärmschutz unterstützt die Stiftung Clubs mit Beratungsangeboten und Förderprogrammen für Nachwuchskonzerte.

Der Testlauf an der HCU soll erst der Anfang sein. Die Clubstiftung plant bereits weiter: Ziel ist es, das Modell schrittweise auszuweiten und künftig auch Studierende anderer Hochschulen sowie Auszubildende einzubinden.

Der Auftakt ist gemacht. Wer mehr über die Aktion erfahren möchte, findet alle Details und Informationen direkt auf der Projektseite unter stiftung-private-musikbuehnen-hamburg.de. Die Einladung an die Erstsemester steht: Hörsäle gegen die lebendigen Clubräume der Stadt tauschen und echte Live-Momente sammeln!


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Anschauliche Poesie des Verfalls https://www.tiefgang.net/anschauliche-poesie-des-verfalls/ https://www.tiefgang.net/anschauliche-poesie-des-verfalls/#respond Wed, 09 Sep 2026 22:51:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14494 [...]]]> Es gibt Orte, die aus der Zeit gefallen scheinen – leere Fabriken, verlassene Korridore und brachliegende Erinnerungen, in denen die Gegenwart für einen Moment den Atem anhält.

Die Faszination für solche „Lost Places“ bricht sich seit Jahren Bahn, und nachdem das Archäologische Museum in Harburg das Thema einst groß inszeniert hat, zieht nun der Kiez nach: Der umtriebige Verein „Alles wird schön“ in Hamburg-Heimfeld widmet sich ab dem 12. September 2026 genau dieser Ästhetik des Verlassenen. Unter dem Titel „Lost Places – Places Lost and Found“ laden Christian Baudy und Inge Förtsch zu einer Entdeckungsreise ein, die weit über den bloßen optischen Reiz des Morbiden hinausgeht.

Der Autor und experimentelle Maler Christian Baudy nähert sich den verlorenen Räumen auf ganz eigene, feinsinnige Weise. In seinen Arbeiten verschmelzen akribische Mini-Installationen mit Bildkompositionen, in denen Malerei und poetische Textfragmente – mal auf Deutsch, mal auf Englisch – eine spannungsreiche Symbiose eingehen. Baudy spielt visuell und intellektuell mit Schichten aus Mythologie, inneren Seelenlandschaften und aktuellen äußeren Szenarien. Seine Werke wirken wie poetische Chiffren für das, was einst war und im Verborgenen weiterwirkt.

Ganz haptisch und gesellschaftlich nähert sich hingegen die Künstlerin und Kunstpädagogin Inge Förtsch dem Phänomen. Sie erforscht die „Lost Places des Alltags“ und gießt das Thema in ein interaktives Gesellschaftsspiel. Im Zentrum steht dabei ein selbst gestaltbares „In-Character-Tagebuch“, das Besucherinnen und Besucher vor Ort nicht nur ausprobieren, sondern direkt erwerben können. Förtsch stellt Fragen nach dem Unerreichbaren, Unerfüllten und Unersetzbaren, die uns im Alltag unsichtbar begleiten.

Ein Raum für kollektive Erinnerung

Das Besondere an dieser Ausstellung im Herzen Heimfelds ist jedoch ihr offener, partizipativer Charakter: Die Galerie fungiert nicht als hermetischer White Cube, sondern lädt das Publikum ein, selbst Teil der Schau zu werden. Wer mag, steuert eigene, thematisch passende Werke bei – seien es frühere Comic-Zeichnungen, Malereien, Fotografien oder persönliche Texte. So entsteht ein kollektives Mosaik der verlorenen Orte.

Ein Besuch in der Friedrich-Naumann-Straße verspricht somit keine nostalgische Grabesruhe, sondern einen lebendigen Dialog über das, was bleibt, wenn das Leben weiterzieht.

Ausstellung: Lost Places – Places Lost and Found

Galerie Alles wird schön e.V. in Hamburg-Heimfeld, Friedrich-Naumann-Straße 27, 21075 Hamburg

Vernissage am Samstag, 12. September 2026, ab 16 Uhr

Ausstellung vom 13. bis 16. September 2026, (Eintritt frei, bedingt barrierefrei)


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Neugrabens Buchladen ist spitze! https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/ https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/#respond Tue, 08 Sep 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14488 [...]]]> Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps: diese Kriterien des Neugrabener Buchladens waren preiswürdig!

An einem Spätsommerabend galt alle Aufmerksamkeit den literarischen Stätten der Hansestadt. Hamburg blickte dorthin, wo Kultur nicht nur verwaltet, sondern mit Leib und Seele gelebt wird. Als Höhepunkt der 13. Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus Hamburg wurden am vergangenen Samstagabend wieder drei besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis geehrt. Die Auszeichnung, die von der Behörde für Kultur und Medien seit 2014 alle zwei Jahre vergeben wird, ist mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro dotiert.

Staatsrätin für Kultur und Medien Jana Schiedek hob bei der Preisübergabe die unverzichtbare Rolle des unabhängigen Buchhandels hervor: „Der unabhängige Buchhandel öffnet uns mit Kreativität und Leidenschaft die Welt der Literatur. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler unserer Stadt laden uns ein, in ferne Welten abzutauchen und helfen uns, unsere eigene Welt besser zu verstehen.“ Oft zeigten sie dabei auch Haltung und eckten an – genau das mache sie für eine freie und offene Gesellschaft so wichtig.

Aus sieben Nominierungen wählte die hochkarätig besetzte Jury – bestehend aus Dr. Thomas Andre, Dr. Antje Flemming, Volker Petri, Frauke Untiedt und Bede Lüdemann – in diesem Jahr drei Preisträger aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Geist atmen:

  • Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben): Mitten in der Neugrabener Einkaufsmeile führt Bettina Meyer mit ihrem Team seit vielen Jahren einen Ort, der aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken ist. Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps zeichnen das Geschäft aus.
  • Frau Büchert (Eimsbüttel): Jana Büchert hat die einstige Kinder- und Jugendbuchhandlung (PÄKI) seit ihrer Übernahme 2018 zu einem breit aufgestellten Anlaufpunkt im Grindelviertel weiterentwickelt und im vergangenen Jahr sogar um wertvollen Raum für ein feines Non-Book-Sortiment ergänzt.
  • Schanzenbuchhandlung (Schanzenviertel): Das traditionsreiche Kollektiv prägt das Schanzenviertel seit den frühen 1990er-Jahren an zwei Standorten mit den Schwerpunkten Literatur und Politik im Schulterblatt sowie Kinderbuch und Pädagogik in der Schanzenstraße. Eine Buchhandlung mit klarer Kante und dezidierter Meinung, die sich im wandelnden Viertel unerschrocken behauptet.

Diese drei Buchhandlungen zeigen einmal mehr, dass der echte, unabhängige Buchhandel weit mehr ist als ein Ort des Verkaufs: Er ist die literarische Herzkammer der Stadt.


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Termeh Yaghoubi und das Häuten der Erinnerung https://www.tiefgang.net/termeh-yaghoubi-und-das-haeuten-der-erinnerung/ https://www.tiefgang.net/termeh-yaghoubi-und-das-haeuten-der-erinnerung/#respond Mon, 31 Aug 2026 22:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14471 [...]]]> Zwischen Teheran und Hamburg: Wenn man den Raum betritt, den Termeh Yaghoubi mit ihrer Kunst öffnet, spürt man sofort dieses feine, elektrische Knistern zwischen Ankommen und Verlorensein. Nun stellt sie in Harburg aus.

Die 1989 in Teheran geborene Künstlerin, die sich über ihre Malerei, Grafik und Lyrik eine neue Existenz erkämpft hat, malt keine gefälligen Landschaften. Sie kartiert die Geographie des Inneren. „Ich hinterfrage den Zustand der Identität auf individueller, kollektiver und biologischer Ebene“, beschreibt Yaghoubi den Kern ihrer Arbeit. Ihre Leinwände sind Schauplätze eines unerbittlichen Ringens: Überlieferte Zeichen ihrer iranischen Heimat verschmelzen mit den abrupten Brüchen des Exils zu einer visuellen Wucht, die niemanden unberührt lässt.

Unter dem programmatischen Titel Second Skin verdichtet sich Yaghoubis aktuelles Schaffen nun in einer abschließenden Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof zu einer eindringlichen Materialschlacht der Gefühle. Nach gefeierten Stationen – etwa im Frühjahr in der Kunstklinik Eppendorf, wo ihre mehrfachen Serien bereits das Publikum in den Bann zogen – zeigt sich im September im Hamburger Süden die ganze Reife dieses Prozesses. Ihre Bilder funktionieren wie eine epidermale Membran: Sie atmen, sie schmerzen, sie zeigen die Narben von Migration und politischer Repression. Es ist jene kompromisslose Ehrlichkeit, die den schnellen, energischen Stil der Künstlerin auszeichnet. Hier wird Malerei zur physischen Notwendigkeit, zu einer zweiten Haut, die den Schmerz des Verlassenseins aushält und in pure, widerständige Schönheit transformiert.

Dass Yaghoubi diese radikale künstlerische Handschrift in Hamburg ungehindert entfalten kann, ist keineswegs selbstverständlich, sondern das Resultat einer solidarischen Kulturpolitik. Getragen vom INTRO-Förderprogramm der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, haben vor allem der Verein Künstler zu Gast in Harburg und der Kunstverein Harburger Bahnhof einen geschützten Raum geschaffen. Sie beweisen, dass die Hansestadt mehr sein kann als nur ein administrativer Transitort: Sie wird zum echten Exil für die Kunst. Harburg etabliert sich damit einmal mehr als lebendiger Außenposten für internationale, widerständige Stimmen, die den globalen Diskurs bereichern.

Wenn sich vom 11.-20. September nun die Türen für das große Finale von Second Skin im Kunstverein Harburger Bahnhof (über Fernzuggleis 3+4) öffnen, schließt sich ein Kreis aus Residenz, Schmerz und kreativer Selbstermächtigung. Es ist eine der dringendsten Ausstellungen dieses Herbstes – nahbar, politisch und von einer elektrisierenden ästhetischen Dringlichkeit.

Termeh Yaghoubi – Second Skin (Finale Werkschau der Residenz)

Kunstverein Harburger Bahnhof, Im Fernbahnhof über Gleis 3/4, Hannoversche Straße 85, 21079 Hamburg

Die Ausstellung läuft vom 11.-20. September. Informationen zu Öffnungszeiten und Eintritt finden Sie direkt auf der Website des Kunstvereins unter www.kvhbf.de.

auf Tiefgang dazu auch: „Ein Exil für die Kunst“ (26.07.2025) und Wer werden wir? (10.02.2026)


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Frisches Geld für Visionen! https://www.tiefgang.net/frisches-geld-fuer-visionen/ https://www.tiefgang.net/frisches-geld-fuer-visionen/#respond Sun, 30 Aug 2026 22:43:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14468 [...]]]> Die Behörde für Kultur und Medien hat die Förderentscheidungen für den Elbkulturfonds 2027 bekanntgegeben. Insgesamt 500.000 Euro fließen in sechs herausragende Vorhaben der Freien Szene, die zeigen, wie lebendig, wandlungsfähig und mutig die Kunst in unserer Stadt pulsiert.

Der Elbkulturfonds wurde 2013 ins Leben gerufen, um freischaffenden Künstler*innen den nötigen Rückenwind für großformatige, spartenübergreifende Ideen zu geben.

Die Auswahl der Jury ist stark, gesellschaftlich am Puls der Zeit und voller energetischer Klang- und Erlebensräume:

  • „Unity in Diversity: A Pan-African Dialogue Across Time“ (M.Bassy e. V.): Mit 110.000 Euro gefördert. Ein gewaltiges Musiktheaterprojekt, das historische Reden panafrikanischer Vordenker*innen durch internationale Acts wie Dead Prez, Sammus und Somi in einen vibrierenden Dialog aus Konzert, Performance und Installation übersetzt.
  • „Educate The Scene“ (Gifty Lartey): Erhält 105.000 Euro. Ein achtmonatiges, barrierefreies Tanz- und Bildungsprogramm in der Villa Viva, das die politischen Wurzeln Schwarzer Tanzkulturen wie House, Voguing, Afrofusion und Dancehall feiert.
  • „Ecotron“ (Claudius Schulze): Erhält 90.000 Euro. Eine Hafenschute wird zum begehbaren, computergesteuerten Gewächshaus, das Starkregen und Hitzewellen simuliert – ein drängendes, kühnes Experiment an der Schnittstelle von Natur und Stadt.
  • „Der Hamburger Friedensgipfel – eine performative Friedensforschung“ (Fundus Theater): Gefördert mit 79.850 Euro. Kinder erarbeiten gemeinsam mit Wissenschaftler*innen ihre Visionen von Frieden und tragen diese in einer bunten Kinderfriedensparade durch Hamburg.
  • „Blumen für Otello“ (Ensemble Resonanz): Erhält 65.000 Euro. Auf Kampnagel verschmelzen traditionelle türkische Trauerlieder (Ağıt) mit zeitgenössischer Musik zu einem tief berührenden Konzertprojekt im Gedenken an das NSU-Opfer Süleyman Taşköprü.
  • „A WORLD OF VAST EMPTY SPACES“ (Daniel Dominguez Teruel): Mit 50.150 Euro gefördert. Eine klangstarke Performance-Installation im Kuppelsaal der Hamburger Kunsthalle, die das Publikum in eine vielstimmige Reflexion über Rituale und kollektive Identität einhüllt.

Ein Blick auf die Landkarte der Hamburger Kulturförderung regt jedoch auch zum Nachdenken an: Wer die Historie des Fonds durchgeht, entdeckt schnell, dass aus dem Bezirk Harburg es bisher erst ein einziges Projekt in die Elbkulturfonds-Förderung schaffte – 2015 ein avantgardistisches Kammermusikprojekt im Speicher am Kaufhauskanal. Das liegt aber offenbar weniger an den Jury-Entscheidungen als vielmehr an den Bewerbungen, die aus dem Süden gar nicht erst eingereicht werden. Kann Harburg Elbkultur nicht?

Dabei zeigt der Jahrgang 2027 eindrucksvoll, welch transformative Kraft im Zusammenspiel aus Musik, Performance und gesellschaftlichem Diskurs steckt. Es bleibt spannend zu beobachten, wie diese sechs neuen Welten Hamburg verändern werden – und wie künftig noch mehr Impulse aus allen Ecken der Stadt ihren Weg in diese große Bühne finden können.


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Lebendige Bauten https://www.tiefgang.net/lebendige-bauten/ https://www.tiefgang.net/lebendige-bauten/#respond Sat, 29 Aug 2026 22:59:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14457 [...]]]> Vom 11. bis 13. September 2026 lädt der Tag des offenen Denkmals wieder dazu ein, Hamburgs Denkmäler neu zu entdecken. Unter dem Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“ öffnen rund 175 Denkmalorte ihre Türen. Auch in Harburg.

Der Beton vibriert. Nicht jenes ohrenbetäubende Beben der Großbaustellen, sondern ein leises, fast sakrales Summen, das tief aus dem Untergrund heraufkriecht. Wir leben in einer Epoche, die dem Augenblick huldigt. Alles muss glatt sein, frisch gewienert, schnurlos und ohne Patina. Doch unter dem Pflaster, hinter den verrußten Backsteinfassaden und in den rostenden Adern unserer Städte pulsiert eine andere Zeitrechnung: die der Netzwerke.

Wenn sich im Spätsommer wieder die Pforten des Tag des Denkmals öffnen, feiern wir keine museale Leichenschau verstaubter Steine. Das diesjährige Motto – NetzWERKE: Denkmale und Infrastruktur – führt uns an den Ort zurück, an dem Geschichte nicht ausgestellt, sondern gemacht wurde. Es geht um die physischen Leitungen, die Rohre, die Schienen und die unsichtbaren Bänder, die das Gemeinwesen einst zusammenkneteten und bis heute im Verborgenen halten.

Denkmäler sind keine Denkmäler, weil sie alt sind. Sie sind es, weil sie stumme Zeugen davon sind, wie wir miteinander ins Geschäft kamen, wie Wasser floss, wie Energie fließend wurde und wie Mobilität die Enge des Raumes sprengte. Sie sind die seismografischen Spuren unserer Herkunft. Ein Plädoyer für den Blick in die zweite Reihe – dorthin, wo die Metropole ihre rauen, ehrlichen Kanten zeigt, wo der Schweiß der Arbeiter in den Mörtel drang und wo das urbane Nervensystem freiliegt. Wer bereit ist, genauer hinzusehen, entdeckt in diesen funktionalen Kathedralen der Technik eine eigene, fast schmerzhafte Poesie.

Doch um diese Poesie zu finden, müssen wir den Blick weiten und den gewohnten Horizont hinter uns lassen. Wer in Hamburg vom urbanen Kosmos spricht, meint meist die feine Kante der Alster, die gläsernen Kuben der Speicherstadt oder die piekfeinen Villenviertel im Nordwesten. Doch jenseits der großen Ströme, dort, wo die Elbe ihre Arme weit ausbreitet, liegt ein Territorium, das im kollektiven Bewusstsein allzu oft als blinder Fleck gehandelt wird: der Süden. Ein Sprung über die Elbbrücken ist immer auch ein Sprung in eine andere Dimension der HafenCity.

Harburg. Allein der Klang des Namens ruft bei manchen Großstädtern ein vages Schulterzucken hervor – verbunden mit der psychologischen Schranke des Südens, der vermeintlich hinter dem Strom im Schatten liegt. Ein Irrtum, der kaum größer sein könnte. Denn während an der Binnenalster flaniert und parliert wurde, goss man hier draußen das fundamentale Rückgrat des industriellen Aufstiegs.

Hier regiert eine ganz eigene Souveränität. Der Süden Hamburgs hat sich seine zupackende, zähleibige Identität bewahrt. Hier riecht die Luft noch nach Arbeit, nach Geschichte und nach dem Stolz einer eigenständigen Stadt, die ihre Eingemeindung in das große Hamburg zwar schlucken musste, aber ihren kernigen Charakter nie verloren hat. Wer sich auf den Weg über das Wasser macht, verlässt das postmoderne Hochglanzpapier und betritt das Archiv der harten Arbeit, wo Ziegelstein noch Bedeutung hat und der Wind von den Werften und Kaianlagen weht.

Konkrete Begegnungen im Süden

Wer sich auf Spurensuche im Harburger Terrain begibt, stolpert unweigerlich über Orte, die im Vorübergehen leicht übersehen werden, bei genauerem Hinsehen aber ganze Epochen offenbaren.

Da ist etwa der alte Wartesaal im Harburger Hauptbahnhof. Wo heute der Kunstverein Harburger Bahnhof residiert, wehte einst der Wind des Aufbruchs. Reisen in der Ersten Klasse bedeutete Genießen im feinen Salon, während auf der anderen Seite (heute Club Stellwerk) man auf harten Holzbänken, eingehüllt in Ruß, Dampf und die nervöse Erwartung des Nächsten wartete. Heute schlägt in diesen Hallen der Puls der Gegenwartskunst. Künstler*innen bespielen genau jenes Dazwischen, jenen Zustand des Übergangs, der Bahnhöfen seit jeher innewohnt. Es ist eine faszinierende Symbiose: Die historische Hülle atmet den Geist des Schienennetzes, während drinnen Fragen an unsere heutige Existenz gestellt werden.

Nur ein paar Schritte weiter tut sich ein noch gewaltigerer Schnitt auf. Das Phoenix-Viertel mit seinen imposanten Werksanlagen erinnert an jene Jahrzehnte, als hier Kautschuk verarbeitet wurde, als die Räder nie stillstanden und der Geruch von Gummi über den Straßenzügen lag. Inmitten dieses Industrieareals befindet sich die Sammlung Falckenberg. Der Wandel von der schweißtreibenden Produktionsstätte zum lichten Ausstellungsraum wirkt wie ein urbanes Wunder. Die Hallen haben ihre Narben nicht weggeschminkt; die stählernen Stützen und rau verputzten Wände erzählen vom Lebensalltag Tausender Arbeiter*innen. Wo einst Maschinen dröhnten, fordert die Kunst nun zum Innehalten heraus. Transformation gelingt hier nicht durch Glattbügeln, sondern durch das sichtbare Weiterleben der Vergangenheit.

Doch Harburg erschöpft sich keineswegs im Industriezeitalter. Wer tiefer gräbt und den Weg in das historische Herz rings um die Schlossstraße einschlägt, trifft auf das Kanzlerhaus (Neue Straße 59). Ein Bauwerk, das an jene Ära erinnert, als Harburg noch herzogliche Residenz und politisches Zentrum war. Die roten Backsteine künden von Macht, Verwaltung und den frühen handelsbezogenen Verflechtungen der Region. Es bildet den historischen Ankerpunkt in einem Viertel, das sich über die Jahrhunderte hinweg ständig neu erfunden hat.

Diese Orte zeigen eindrücklich: Infrastruktur ist nicht bloß graue Logistik. Sie ist das kulturelle Gedächtnis, das im Hamburger Süden besonders vielschichtig verankert ist.

Der Tag des Denkmals ist mehr als ein bloßes Event für Nostalgiker. Er ist eine Einladung, den mentalen Autopilot des Alltags abzuschalten, die gewohnten Trampelpfade zu verlassen und den Blick für jene unsichtbaren Texturen zu schärfen, die unsere gebaute Umwelt durchziehen. Wer sich auf den Weg macht, begreift: Geschichte ist kein Museum, das hinter Glas verstaubt. Sie ist das Fundament, auf dem wir heute stehen, atmen und handeln. Der Süden Hamburgs zeigt uns, dass gerade dort, wo einst gearbeitet, geschwitzt und gerungen wurde, die packendsten Geschichten lauern – man muss sie nur lesen wollen.

Überblick

  • Das offizielle und vollständige Gesamtprogramm des Aktionstages mitsamt allen Detailzeiten und Anmeldemöglichkeiten für Führungen im Bezirk Harburg finden Sie direkt auf der Website der Hamburger Denkmalstiftung.
  • Spezifische geschichtliche Stadtteil-Rundgänge, thematische Führungen (wie zu Harburgs Industrie- und Kolonialgeschichte) sowie Anmeldungen organisiert die Geschichtswerkstatt Harburg.
  • Informationen zu Ausstellungen, Führungen und Öffnungszeiten der Sammlung Falckenberg sowie des Kunstverein Harburger Bahnhof sind über deren jeweilige institutionelle Webseiten abrufbar.

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Mord und Musik über den Dächern Harburgs https://www.tiefgang.net/mord-und-musik-ueber-den-daechern-harburgs/ https://www.tiefgang.net/mord-und-musik-ueber-den-daechern-harburgs/#respond Thu, 27 Aug 2026 15:07:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14461 [...]]]> Manchmal führt der Weg ins Verbrechen direkt über die Schienen des Harburger Bahnhofs und ein paar Meter weiter in die Hannoversche Straße. Doch wer das PHNX Coliving betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um temporäre Bleiben für Fernreisende oder Auswärtige.

Das Haus ist längst ein lebendiger, urbaner Ankerpunkt im Süden der Hansestadt geworden. Und das im wahrsten Sinne des Wortes erhebenswert, denn ein nostalgischer Paternoster transportiert die Gäste geradewegs hinauf in die Sky Lounge.

Über den Dächern Harburgs, wo exzellente Drinks und feine Snacks gereicht werden, entfaltet sich regelmäßig ein Kulturprogramm, das seinesgleichen sucht. Häufig geschieht dies in bewährter Kooperation mit dem lokalen Netzwerk SuedKultur – man denke nur an die atmosphärisch dichten Lesungen im Rahmen der SuedLese Literaturtage. Nun lädt Hotelmanager Frank Wesselhoefft bereits zum wiederholten Male zu einem echten Highlight ein: den Crime Days im PHNX. Und weil der Gastgeber selbst ein ausgewiesener Kenner der Materie ist, wird er es sich nicht nehmen lassen, im Rahmen der Tage auch höchstpersönlich spannende, aktuelle Neuerscheinungen zu präsentieren.

Vier Tage lang verwandelt sich die Sky Lounge in einen Tatort der guten Unterhaltung:

Den Auftakt machen am 15. September die Crime Ladies Regine Seemann und Carola Christiansen. Während Regine Seemann mit ihrem neuen Gmeiner-Kriminalroman Endstation Elbe (in dem die Kommissarinnen Stella Brandes und Banu Kurtoğlu von der Mordbereitschaft 5 einen vermeintlichen Selbstmord in Moorwerder aufrollen) tief in Hamburgs Vergangenheit eintaucht, entführt Carola Christiansen das Publikum mit ihren packenden Krimis in den rauen, nordatlantischen Kosmos der Färöer-Inseln.

Am 16. September übernimmt der Hamburger Krimi-Erfolgsautor Ben Westphal das Kommando. Als ehemaliger Rauschgiftfahnder weiß der gebürtige Hamburger genau, wovon er schreibt. Seine temporeichen, absolut authentischen Romane wie Der Bulle auf St. Pauli oder Der Bulle in der Hafencity gewähren ungeschönte Einblicke in die Hamburger Unterwelt, den Kiez und die Drogenkriminalität – knallhart, nah an der Realität und mit echtem Lokalkolorit.

Musikalisch wird es am 17. September: Ronja Hilbigs Southside Co. bricht mit der literarischen Stille und serviert handgemachte, stimmungsvolle Live-Musik. Ein perfekter, jazzig-grooviger Kontrapunkt über den Lichtern der Stadt, bevor die Crime Days am 18. September mit einer geselligen Crime Watch Party ausklingen, bei der sich treue Genre-Fans und Neugierige noch einmal über die besten Fälle austauschen können.

Übrigens: Wer nach dem literarischen Herbst noch mehr Kultur sucht, darf gespannt sein. Für den Herbst ist bereits eine Kooperation mit der Kunstleihe Harburg in Planung, die spannende Künstler*innen aus ihrem Netzwerk im PHNX vorstellen wird. Man darf sich also freuen – es wird noch einiges folgen.

Die Termine im Überblick:

  • 15. September: Crime Ladies (Regine Seemann & Carola Christiansen) – Beginn: 18.30 Uhr
  • 16. September: Hamburger Krimi-Erfolgsautor Ben WestphalBeginn: 18.30 Uhr
  • 17. September: Ronja Hilbigs Southside Co.Konzertbeginn: 20 Uhr
  • 18. September: Crime Watch PartyBeginn: 18.30 Uhr

Sky Lounge im PHNX Coliving, Hannoversche Straße 88a, 21079 Hamburg


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Der Bezirk wird wieder zur Bühne https://www.tiefgang.net/der-bezirk-wird-wieder-zur-buehne/ https://www.tiefgang.net/der-bezirk-wird-wieder-zur-buehne/#respond Tue, 25 Aug 2026 07:54:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14416 [...]]]> Es gibt diesen einen Abend im Herbst, an dem Harburg den Atem anhält, um im nächsten Moment in Tausenden verschiedenen Frequenzen zu vibrieren. Es naht wieder die SuedKultur Music-Night!

Menschen wandern mit bunten Armbändern in den Straßen und Gassen im Süden Hamburgs von Club zu Club, schmieden Pläne und lachen den kühlen Herbstwind einfach weg. Am Samstag, den 10. Oktober 2026, ist es wieder so weit: Das Netzwerk SuedKultur lädt zur 16. SuedKultur Music-Night. Ein einziges Ticket für schlanke 7,50 € öffnet die Türen zu weit über 40 Live-Acts an 16 Spielorten in Harburg, Heimfeld, Marmstorf und Neugraben. Es ist ein unschlagbares Angebot für eine Nacht, die sich längst in das kulturelle Gedächtnis der gesamten Metropolregion eingebrannt hat.

Wie aus einer Provokation Kult wurde

Um die Faszination des Spektakels zu verstehen, lohnt es ein paar Kapitel in der Chronik des Hamburger Südens zurückblättern. Als sich 2006 engagierte Kulturschaffende, Clubbetreiber*innen und Initiative-Köpfe zusammenschlossen, geschah das auch aus einem Impuls der Selbstbehauptung heraus. Das gängige Vorurteil „Im Süden ist doch nix los!“ forderten die Macher*innen des Netzwerkes SuedKultur kurzerhand heraus. Schon das legendäre erste Motiv aus dem Jahr 2010 entkräftete mit feiner Ironie und einem träge auf dem Sofa sitzenden Paar die These der kulturellen Öde.

Daraus entstand auch recht zügig die mutige Idee einer dezentralen „Leistungsschau“ der lokalen Musikszene. Anders als bei überdimensionalen Events in Hamburg setzte SuedKultur von Anfang an auf die Stärken der Nachbarschaft: intime Räume, kurze Wege, lebendige Vielfalt und direkte Begegnungen. Über die Jahre wuchs das Festival, überstand Pandemie-Hürden mit neu gedachten Konzepten und feierte im vergangenen Jahr bereits ein fulminantes 15. Jubiläum. Die Music-Night ist geblieben, was sie immer war: ein ehrliches, spürbares Bekenntnis zum Bezirk.

Ein genresprengendes Sound-Kaleidoskop 2026

Wer am 10. Oktober durch die Straßen streift, begegnet einer musikalischen Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Das Programm im Vorfeld liest sich wie eine Entdeckungsreise durch Stile, Welten und Klangexperimente.

Für Liebhaber*innen avantgardistischer und grenzüberschreitender Kunst wird das ligeti zentrum im Harburger Hafen zum aufregenden Experimentierfeld. Unter dem Titel „Klang à la Carte!“ verschmelzen interaktive Installationen von Dai Jianhua, somomathematische Impuls-Noise-Improvisationen, der Avantgarde-Pop von Clarks Planet und facettenreicher Jazz zu einem multisensorischen Gesamtkunstwerk.

Rock-Enthusiast*innen ziehen eher weiter ins Marias Ballroom, wo die Wände verlässlich beben. Hier teilen sich Stoner-Rock von The Paintbox, die kompromisslose Energie von Sweet Cougar Dreams, melancholisch-psychedelische Klänge von Anemone und atmosphärischer Indierock von Asteroid Kane die Bühne.

Wer den urbanen Beat sucht, findet im Stellwerk Hamburg sein Zuhause: Die Incredible Soulfood Crew liefert Oldschool Funk & Soul, NoTvRaps bringt den rohen Underground-Sound des 90er-Jahre-US-Hip-Hop zurück, und DJ Marekuja treibt die Nacht mit mitreißenden Drum-&-Bass-Rhythmen voran.

Dass Kultur im Süden keine Schwellen kennt, beweisen die leiseren, aber nicht minder intensiven Orte. Im Treffpunkthaus Heimfeld (ContraZt e.V.) entfalten Bernd Janecke und Leonore Lilja feinsinnige Liedermacher-Kunst, Komorebi zeichnet atmosphärische Klangbilder, während Frederiksson und das Schusseltier das Chanson feiern und die Téry Kafo Band mit westafrikanischen Mbalach- und Reggae-Rhythmen zum Tanzen anregt.

Sogar sakrale Räume werden zu Klangkörpern voller Magie: Die St. Paulus-Kirche in Heimfeld verwandelt sich mit Frank Meiller & Kollegium sowie der Jazzkonferenz in eine stimmungsvoll erleuchtete Oase für Jazz, Swing und Bossa Nova. In der Auferstehungskirche Marmstorf trifft traditioneller Rockgottesdienst auf die ungefilterte Energie der Punkrocker von Senkrechtstarter. Der Kultur Palast Harburg wiederum lässt das Publikum mit dem Akustik-Duo Nervling tief in eine gefühlvolle Welt aus Pop, Soul, Reggae und Folk eintauchen.

Ob etablierte Größen in der Lämmertwiete wie The Old Dubliner, überraschende Live-Momente in der Harburg Info, im Weltladen, bei der Haspa am Sand, im Habibi Atelier des Integrationsrats, im JoLa Kulturhaus Süderelbe, in der Stumpfen Ecke eG oder im Kulturwohnzimmer im Gloria-Tunnel: An jeder Ecke wartet eine neue Entdeckung.

Ein Fest der Zusammengehörigkeit

Jan Schröder, Sprecher des Netzwerkes SuedKultur, fasst das Gefühl dieser besonderen Nacht zusammen: „Die SuedKultur Music-Night ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie lebendig, solidarisch und facettenreich das kulturelle Leben im Hamburger Süden ist. An diesem Abend zeigt sich Harburg von seiner besten Seite – offen, experimentierfreudig und musikalisch absolut erstklassig.“

Das Geheimnis der Music-Night liegt genau in dieser Verbundenheit. Künstler*innen, ehrenamtliche Initiativen, Gewerbetreffs und erfahrene Clubbetreiber*innen ziehen an einem Strang, um Kultur für alle zugänglich zu machen. Wer sich auf den Weg macht, entdeckt nicht nur neue Musik, sondern auch die Vielfalt der Nachbarschaft.

Dieser erste Einblick verrät nur einen Teil des monumentalen Programms. Das vollständige, feingliedrige Zeit- und Ablauf-Line-up mit allen exakten Auftrittszeiten wird Mitte September 2026 offiziell veröffentlicht. Doch der Termin steht fest: Der 10. Oktober gehört der Musik.

16. SuedKultur Music-Night: Sa., 10. Oktober 2026

Spielstätten in Harburg, Heimfeld, Marmstorf und Neugraben; Eintritt: 7,50 € (Eintrittsbändchen gilt für alle Locations); Detailliertes Programm & Infos bald auf: www.sued-kultur.de


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