Besprechungen https://www.tiefgang.net Sat, 25 Jul 2026 12:53:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Sharing-Geist ohne Kunst? https://www.tiefgang.net/sharing-geist-ohne-kunst/ https://www.tiefgang.net/sharing-geist-ohne-kunst/#comments Sat, 25 Jul 2026 11:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14268 [...]]]> Das wahre Kunstabenteuer beginnt dort, wo der Rahmen nicht an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Yasmin Delaneuve macht sich in einer vierteiligen Serie auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …

Da steht man im Hamburger Ernst Barlach Haus, umgeben von der edlen Stille des weihevollen White Cube, und bewundert die meisterhaften, holzgeschnitzten Tiere und feinen Grafiken von Ewald Mataré. Die Retrospektive „Nichts ohne Natur“ (noch bis 11. Okt.) feiert den 1887 geborenen Bildhauer und Grafiker als einen der Großen der Klassischen Moderne – eine Ausstellung von Rang, für die Kulturbegeisterte gerne Eintritt zahlen und die in den Feuilletons gefeiert wird. Man schaut auf diese skulpturalen Meisterwerke, lässt den Blick über die Formen gleiten und ertappt sich unwillkürlich bei einem ganz alltäglichen, fast ketzerischen Gedanken: Wie würde sich dieses Tier aus Holz oder dieser feine Holzschnitt eigentlich im eigenen Wohnzimmer machen? Über dem Sofa? Im schlichten Flur, wo das Morgenlicht auf die Maserung fällt?

Im normalen Museumsbetrieb bleibt dieser Wunsch eine edle Illusion. Kunst gehört hier hinter Glas, auf Sockel, an die staatsmännisch beleuchtete Wand – konserviert, geschützt und für den alltäglichen Berührungskontakt tabu. Doch wer in Hamburg den Blick ein klein wenig weitet und sich aus den Hochglanzhallen der großen Institutionen in den Süden der Stadt wagt, dürfte überrascht sein. Denn nur ein paar S-Bahn-Stationen und eine Elbquerung weiter, versteckt in einer unscheinbaren Altbau-Ladenwohnung die Kunstleihe Harburg.

Hier schließt sich ein Kreis, den die offizielle Hamburger Kulturpolitik seit Jahrzehnten schlicht ignoriert. Wer dort seinen Blick über die vollbehangenen Wände streifen lässt oder direkt vor den Regalen blättert, traut seinen Augen kaum: Zwischen gut vierhundert Arbeiten meist lokaler Kunstschaffender tauchen plötzlich sie auf – zwei originale, authentische Kleinodien von ebenjenem Ewald Mataré: „Liegende Kuh nach rechts I“ (Holzschnitt, 1958) und „Kälbchen“ (Holzschnitt, 1934).

Kein millionenschwerer Museumsankauf, der im Tresor verschwindet, sondern handfeste, erlebbare Kultur. „Kunst auf Zeit, Zeit für Kunst“, so lautet das einfache, aber für die Kaufmannsstadt Hamburg revolutionäre Credo der Macher*innen vor Ort. Hier, in einer engen Ladenwohnung in einem durchaus inspirierenden Altbauviertel in Hamburg-Heimfeld, kann man sich genau diese Kunst für eine Handvoll Euro Leihgebühr einpacken, unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen.

Der Kontrast könnte schärfer nicht sein. Während die Hamburger Kulturbehörde zigtausende Euro in den internationalen Kunstmarkt pumpt – man denke an die jüngste Erwerbung in Höhe von 2,4 Millionen Euro eines René Magrittes Le Palais de Rideaux der Hamburger Kunsthalle für den musealen Hochpreissektor –, geht die lebendige, lokale Basis leer aus. Aus dem zentralen Ankaufsetat werden Hamburger Künstler*innen kaum gezielt gefördert; wie der Senat auf eine Kleine Anfrage der Hamburger Bürgerschaft (Drs. 23/912 vom Juli 2025) einräumten musste, wird die Herkunft der Kreativen im Ankaufsetat „nicht gesondert statistisch auswertbar erfasst“.

Zwischen gut 400 leihbaren Kunstwerken findet sich wie selbstverständlich auch Ewald Matarés „Kuh rechts liegend“ (Foto: Y. Delaneuve)

Die Behörde für Kultur und Medien (BKM) ließ in der Vergangenheit auch so keinen Zweifel daran, was sie von einem städtisch gestützten Verleihmodellen hält: Man winkte ab und tat das Konzept intern als „nicht mehr zeitgemäß“ ab, nachzulesen in einer Anfrage (Drs. 20-2843.01) des Bezirks Harburg von 2017. Eine bemerkenswerte intellektuelle Volte in einer Stadt, die sich ansonsten gerne als hippe Metropole des modernen Sharing-Geistes inszeniert. Wenn Hamburg den Verleih von E-Rollern, Autos und Lastenrädern als zukunftsweisend feiert und die städtischen Bücherhallen längst eine florierende „Bibliothek der Dinge“ betreiben, in der vom Akkuschrauber bis zur Nähmaschine alles geteilt wird, was das Herz begehrt, soll ausgerechnet das Originalkunstwerk nicht in diesen Zeitgeist passen?

Die Kunstleihe Harburg zeigt seit nunmehr sieben Jahren und jeden Tag aufs Neue, dass das Modell mehr als aktuell ist. Sie zeigt, wie nah Kunst am Menschen sein kann, wenn man sie nur von der Kette lässt. Während also in den großen Museen die Mataré-Ausstellung bestaunt wird, beweist die kleine Ladenwohnung im Süden: Das wahre Kunstabenteuer beginnt eigentlich erst dort, wo der Rahmen nicht mehr an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Und damit sind sie keine Wegbereiter. Denn der Verleih von Kunst ist anderswo lange schon Alltag und kulturelles Selbstverständnis mancher Städte und Kommunen. In einer vierteiligen Serie mache ich mich daher auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …

Nächste Woche Teil 2: Die Ästhetik des Teilens


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Die Natur zieht in die City https://www.tiefgang.net/die-natur-zieht-in-die-city/ https://www.tiefgang.net/die-natur-zieht-in-die-city/#respond Fri, 24 Jul 2026 16:09:34 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14260 [...]]]> Es ist ein wunderbarer Kontrast, der den Alltag im Herzen Harburgs für einen Moment zum Stillstehen bringt. Wo sonst das geschäftige Treiben zwischen Lüneburger Straße und Harburger Ring den Takt vorgibt, zieht plötzlich eine tiefe, organische Ruhe ein.

Die Kunstleihe Harburg schickt ihr gefeiertes und erfolgreiches einjähriges Ausstellungsformat der „Kunstpassage“ in der City Galerie in die finale Runde. Nach den großen Erfolgen von Frank Vaders, Thomas Behrens und Yvonne Lautenschläger übernimmt nun keine Geringere als die in Moorburg verwurzelte Künstlerin Antje Gerdts die prominenten Glasvitrinen. Bis Ende September 2026 verwandelt sich der urbane Durchgang in eine grüne Oase, die Passanten dazu einlädt, innezuhalten und die Natur aus einer völlig neuen, künstlerischen Perspektive zu betrachten.

Wer Antje Gerdts begegnet, spürt sofort, dass diese Kunst keine bloße Atelierarbeit ist, sondern aus einer lebenslangen Verbundenheit wächst. Schon als Kind streifte sie durch Wiesen und Wälder, entdeckte jedes vierblättrige Kleeblatt und nahm die feinsten Details am Wegesrand wahr. Was vor fast vierzig Jahren mit Malerei auf historischen Kaffeesäcken aus dem Hamburger Freihafen begann – getragen von der Faszination für den pflanzlichen Malgrund und dessen ganz eigener Geschichte –, hat sich über die Jahrzehnte zu einer tiefgreifenden, eigenständigen Ausdrucksform entwickelt.

Seit mittlerweile zehn Jahren arbeitet die Künstlerin auf Leinwänden direkt mit echten Pflanzen. Dabei geht es ihr nie um eine simple, botanische Abbildung. Es ist ein schöpferischer Austausch, eine echte Begegnung im Malprozess. Die Technik entwickelt sich dabei organisch mit der jeweiligen Pflanze, um deren ureigene Kraft und Ausstrahlung für den Betrachter spürbar zu machen. Die aktuellen Vitrinen-Ansichten in der City Galerie zeugen von dieser intensiven Zwiesprache: Sie zeigen eine beeindruckende Bandbreite von filigranen Strukturen und skulpturalen Elementen bis hin zu großflächigen, naturinspirierten Farbkompositionen.

Die Ausstellung von Antje Gerdts markiert den vierten und vorerst letzten Teil der diesjährigen Kunstpassage. Die von der Eigentümergemeinschaft unterstützte Aktion hat sich im Viertel als echter Publikumsmagnet erwiesen und eindrucksvoll bewiesen, wie ungenutzter Leerstand im öffentlichen Raum mit Leben, Sinn und Ästhetik gefüllt werden kann.

Wie bei allen Stationen schlägt auch dieses Finale eine Brücke zum Kernanliegen des Vereins: Die Kunstleihe Hamburg e. V. setzt sich seit 2019 unermüdlich dafür ein, zeitgenössische lokale Kunst durch den echten Verleih, kuratierte Führungen wie „Kunst vor Ort“ oder Großprojekte wie die SuedArt für alle zugänglich zu machen und den Hamburger Süden nachhaltig zu bereichern.

Wer sich verzaubern lassen möchte, kann die „Pflanzenkunst“ von Antje Gerdts noch bis Ende September 2026 kostenfrei und rund um die Uhr im Durchgang der City Galerie besichtigen. Weitere Einblicke in das Schaffen der Künstlerin bietet ihre Website antje-gerdts.de.

Und wer die ehrenamtliche Arbeit der Kunstleihe unterstützen möchte, findet alle Informationen sowie die Möglichkeit zur Beteiligung direkt unter kunstleihe-harburg.de. Offenbar wird bislang nicht an eine Fortführung des Projektes gedacht …


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Ökologie, Porzellan und Projektile https://www.tiefgang.net/oekologie-porzellan-und-projektile/ https://www.tiefgang.net/oekologie-porzellan-und-projektile/#respond Wed, 22 Jul 2026 14:32:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14253 [...]]]> Wenn zeitgenössische Kunst den harten Boden wissenschaftlicher Realität berührt, entstehen oft jene unbequemen, eindringlichen Resonanzräume, die den Status quo unserer Gegenwart befragen. Nun stellt Swaantje Güntzel ihren „Stand der Dinge“ vor …

Schloss Agathenburg, das traditionsreiche Mehrspartenhaus im nördlichen Niedersachsen, bietet mit der umfassenden Einzelausstellung Stand der Dinge der Hamburger Konzeptkünstlerin Swaantje Güntzel einen solchen Ort. Es ist die erste große institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin in Niedersachsen – und sie beginnt buchstäblich auf einem Scherbenhaufen.

Bereits im Vorfeld der Eröffnung sorgte nämlich eine radikale Kunstaktion für Aufsehen: Güntzel zerschoss mit einem Luftgewehr historische Grönland-Sammelteller aus blau-weißem Porzellan. Die filigranen Teller, versehen mit idyllischen Motiven der arktischen Insel, stehen symbolisch für eine Region, die wie keine andere unter den verheerenden Folgen der globalen Erderwärmung leidet. Indem die Künstlerin sie mit Projektilen zerstört und die Videodokumentation samt der Scherben in den Ausstellungsräumen versammelt, führt sie die physische Zerstörung der Natur unmittelbar vor Augen. Es ist ein Akt der ästhetischen Gewalt, der die fragile Balance zwischen menschlichem Konsum und ökologischem Kollaps unmissverständlich greifbar macht.

Swaantje Güntzel setzt sich seit über zwanzig Jahren intensiv mit den Krisenfeldern des Anthropozäns auseinander: Klimawandel, Umweltverschmutzung und das anhaltende Artensterben bilden die thematischen Koordinaten ihres Schaffens. Ihre Installationen, Fotografien, Performances und Videos entstehen dabei selten im isolierten Studio. Stattdessen arbeitet sie eng mit renommierten wissenschaftlichen Institutionen wie dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven oder der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zusammen.

In Stand der Dinge verdichten sich diese Kooperationen nun zu einer raumgreifenden, episodisch strukturierten Erzählung. Güntzel überführt wissenschaftliche Daten, historische Postkarten und materielle Fundstücke aus dem Polarmeer – wie Plastikrückstände – in poetische und zugleich drastische Bildkonstellationen. Neu ist dabei eine tiefgreifende persönliche Dimension: Erstmals verarbeitet die Künstlerin in ihren Arbeiten auch Erfahrungen mit öffentlicher Ablehnung und Bedrohungen, womit sie die Ausstellung um eine sensible Reflexion über die prekären Bedingungen künstlerischer Freiheit in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft erweitert.

Getreu ihrem interdisziplinären Ansatz ist die Ausstellung auf Schloss Agathenburg auch in ein vielschichtiges Rahmenprogramm eingebettet, das den Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit sucht. So diskutiert die Konzeptkünstlerin am 02.08. mit der Nachhaltigkeitsforscherin Dr. Anne Chahine vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam über unterschiedliche Zugänge zu gesellschaftlichen und ökologischen Krisen. Moderiert wird das Gespräch von der Kuratorin der Ausstellung, Claudia Rasztar. Am 14.08. ist Frei-Tag: An diesem Tag ist der Eintritt für Schloss und Ausstellung bei verlängerten Öffnungszeiten (14 bis 20 Uhr) kostenfrei. Zur Tandem-Führung lädt das Schloß am 21.08: Güntzel führt gemeinsam mit der bekannten Polar- und Tiefseeforscherin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut durch die Schau. Und für Schulen gibt es eine Projektwoche vom 24. bis 27.08. Unter dem Titel Kunst trifft Klimarealität lädt das Schloss Schulklassen ab der 10. Jahrgangsstufe zu einem kostenfreien Vermittlungsangebot mit der Kunstvermittlerin Lola Barnickel ein.

SWAANTJE GÜNTZEL: STAND DER DINGE | noch bis 13. September 2026

Schloss Agathenburg, Hauptstraße 45, 21684 Agathenburg

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr; Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr; Eintritt: Regulär 6,00 Euro, ermäßigt 4,00 Euro; für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist der Eintritt frei; www.schlossagathenburg.de


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Sicherung künstlerischer Freiheiten https://www.tiefgang.net/sicherung-kuenstlerischer-freiheiten/ https://www.tiefgang.net/sicherung-kuenstlerischer-freiheiten/#respond Mon, 20 Jul 2026 13:24:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14207 [...]]]> Wenn der schnelle Rhythmus des globalen Kunstmarkts nach einer ständigen Taktung von Messen, Biennalen und digitaler Sichtbarkeit verlangt, droht kreatives Schaffen allzu leicht zur bloßen Ware zu verkommen, bevor es überhaupt reifen konnte. Umso wichtiger sind jene geschützten Anker im Gefüge der Hansestadt, die genau diesen Verwertungsdruck aushebeln.

Die Kunststipendien der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die in fortwährender Kooperation mit der Behörde für Kultur und Medien Hamburg vergeben werden, bilden einen solchen dringend benötigten Freiraum. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Unsicherheiten ist es essenziell, Räume für künstlerische Reflexion und kreative Freiheit zu schaffen, wie auch Jana Schiedek, Staatsrätin für Kultur und Medien, betont. Es geht darum, den Kunstschaffenden durch Zeit, Mittel und Vertrauen die Handlungsfähigkeit zu sichern, damit neue Arbeiten jenseits kurzfristiger Zwänge entstehen können, ergänzt Christine Neuhaus von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS.

Dass dieses Vertrauen auf ein hochkarätiges Fundament trifft, beweist die Auswahl des Jahrgangs 2026. Eine unabhängige Fachjury, bestehend aus Mela Dávila Freire, Janneke de Vries, Stefanie Jaschke-Lohse, Lene Markusen und Christoph Platz-Gallus, sichtete über 100 Bewerbungen und wählte ein aus sieben Positionen bestehendes Septett aus, dessen Arbeiten durch eine tiefe Reflexion politischer und gesellschaftlicher Realitäten bestechen. Zu den ausgezeichneten Stimmen gehört etwa Simone Karl, deren raumgreifende Skulpturen und feingespinnte Collagen Fragen von Körperlichkeit und Intimität verhandeln – Arbeiten, die Interessierte im Hamburger Raum teils sogar über die Kunstleihe Harburg entdecken und entleihen können. Ebenfalls vertreten ist Barbara Lüdde, die in ihren bildnerischen Welten tief in subkulturellen Kontexten verwurzelt ist und gesellschaftliche Rollenbilder seziert. Das Stipendium teilen sie sich mit Noémi Barbaglia, deren filigrane Objektserien aus Glasfaser und Epoxidharz zwischen Präsenz und visueller Auflösung oszillieren, sowie mit Mitko Mitkov, der in seiner visuellen Kraft die Bruchstellen von Biografie und Migration befragt. Komplettiert wird das Septett durch Franziska Nast, die mit konzeptuellen und partizipativen Anordnungen die bürokratischen Mechanismen des Kunstsystems unterwandert, Cristina Rüesch (Young Valley Soil) mit ihren ökologisch-geologischen Verknüpfungen von Mensch und Mitwelt sowie Krystsina Savutsina, die mit einem unerbittlichen und intimen Blick gesellschaftspolitische Machtstrukturen in filmischen Arbeiten festhält.

Mit jeweils 10.000 Euro dotiert, entziehen sich diese Mittel der direkten Marktorientierung und geben den Künstler*innen die nötige Luft zum Atmen. Wer diesen Positionen nacheifern möchte, muss den Blick bereits auf das kommende Jahr richten, denn die Bewerbungsphase für die Kunststipendien 2027 hat begonnen und läuft noch bis zum 9. September 2026. Für professionell arbeitende Bildende Künstler*innen und Kollektive aus Hamburg öffnet sich damit über die Bewerbungswebseite der Stadt Hamburg erneut das Tor zu jener Autonomie, die das Fundament einer lebendigen Kulturstadt bildet.


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Zwischen Blüten und Bildhauerei https://www.tiefgang.net/zwischen-blueten-und-bildhauerei/ https://www.tiefgang.net/zwischen-blueten-und-bildhauerei/#respond Sat, 18 Jul 2026 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14203 [...]]]> Wenn sich am So., 9. August, die Tore zu einem Garten in Kirchdorf öffnen, feiert ein besonderes Format ein stolzes Jubiläum: „Kunst im Garten“ begeht sein zehnjähriges Bestehen.

Was einst als kleine Initiative begann, hat sich zu einem festen kulturellen Fixpunkt entwickelt, der Natur und Kunst auf einer 700 Quadratmeter großen Gartenfläche zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen lässt.

Von 11 bis 17 Uhr verwandelt sich das private Areal am Siedenfelder Weg 93 in Hamburg-Kirchdorf von Gastgeber Jürgen Weber in eine weitläufige Open-Air-Galerie. Die Gemeinschaftsausstellung bietet den Besucher*innen die Möglichkeit, zeitgenössische Kunst fernab von sterilen Museumsräumen zu erleben. Das Spektrum der gezeigten Werke ist beeindruckend breit gefächert und umfasst Fotografie in verschiedenen Ausprägungen, Malerei, Grafik, Bildhauerei, Skulptur sowie Design und einzigartige 3D-Collagen.

Persönlicher Austausch und musikalische Begleitung

Ein besonderes Merkmal dieser Ausstellung ist die Nähe zwischen Publikum und Kunstschaffenden. Die folgenden Künstler*innen werden anwesend sein, um ihre Arbeiten vorzustellen und in den Dialog zu treten: Jürgen Drygas, Viola Feldmann, Stefanie Franke-Fischer, Christopher Ponce Morales, Claus-Peter Rathjen, Ronald Sawatzki, Tatjana Jule Schenk, Jürgen Weber sowie Bernd Wucherpfennig. Musikalisch wird das Jubiläum von Renee de la Prade begleitet, die mit Akkordeon-Klängen für Blues- und Rock-Grooves in der Gartenkulisse sorgt.

Die Gemeinschaftsausstellung „10 Jahre Kunst im Garten“ findet am So., den 9. August von 11 bis 17 Uhr statt. Veranstaltungsort ist der Siedenfelder Weg 93, 21109 Hamburg-Kirchdorf. Der Eintritt ist frei!


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Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/#respond Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Ist es nun nachts um halb eins? https://www.tiefgang.net/ist-es-nun-nachts-um-halb-eins/ https://www.tiefgang.net/ist-es-nun-nachts-um-halb-eins/#respond Fri, 17 Jul 2026 10:26:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14192 [...]]]> Vom 16. bis 19. September 2026 verwandelt sich St. Pauli wieder in das pulsierende Zentrum der europäischen Musikwelt. Doch über den Vorbereitungen des Reeperbahn Festivals liegt ein tiefer, dunkler Schatten.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer plant eine drastische Halbierung der Bundesförderung. Ein kulturpolitischer Kahlschlag, der die Hamburger Clubszene ins Mark trifft. Doch hinter den Kulissen schwelt ohnehin ein historischer Verteilungskampf: Für viele Kiez-Clubs ist das Festival Freud und Leid zugleich.

Dabei ist es irgendwie ja auch eine Geschichte vom texanischen Traum zum globalen Kiez-Leuchtturm: Man schreibt das Jahr 2000, als ein junger Hamburger Musikmanager namens Alexander Schulz im texanischen Austin aus dem Flugzeug steigt. Er gerät mitten hinein in das vibrierende, laute Chaos der South by Southwest (SXSW). Dort, im drückenden Süden der USA, beobachtet er fasziniert, wie eine ganze Stadt für wenige Tage zur globalen Hauptschlagader der Musikindustrie wird. Aufstrebende Bands spielen in winzigen Kneipen, in Hinterhöfen, auf der Straße. Labels, Booker*innen und Tech-Pionier*innen feilschen an den Tresen um die Zukunft der Popmusik. Schulz hat eine Vision: Was im staubigen Texas funktioniert, muss doch auch im rauen, windgepeitschten Norden Deutschlands möglich sein.

Es dauert sechs Jahre, bis dieser Traum Wirklichkeit wird. Im September 2006 feiert das Reeperbahn Festival seine Premiere auf St. Pauli. Das Konzept ist so einfach wie genial: Die ohnehin dichte, historisch gewachsene Clubstruktur rund um die sündigste Meile der Welt wird zur Bühne für ein gigantisches Schaufenster der Popkultur – ein sogenanntes „Showcase-Festival“. Anstatt etablierte Megastars zu buchen, die ohnehin die Stadien füllen, wird das Festival zum Entdecker-Paradies. Hier treten die vielversprechendsten Newcomer*innen auf, oft noch bevor sie überhaupt einen Plattenvertrag in der Tasche haben.

Über die Jahre entwickelt sich die Hamburger Veranstaltung rasant vom ambitionierten Kiez-Experiment zum unumstrittenen, unersetzlichen Seismografen und wichtigsten B2B-Marktplatz der europäischen Musikbranche. Es ist die vitale Lunge, durch die die heimische Musikwirtschaft atmet. Jedes Jahr im September treffen sich tausende internationale Fachbesucher*innen in den Hamburger Spielstätten, um auf hochkarätigen Konferenzen die Trends von morgen zu verhandeln. Und weil dieses Treffen längst keine rein lokale Angelegenheit mehr ist, sondern auch als nationaler, kulturpolitischer Leuchtturm strahlt, stieg auch der Bund massiv in die Finanzierung ein. Zuletzt trug die Bundesförderung das Festival zu über 70 Prozent – eine lebensnotwendige Partnerschaft, die nun jedoch vor einer Zerreißprobe steht.

Das Festival in nackten Zahlen

Wenn man nun verstehen will, warum in den Chefetagen der Hamburger Musikwirtschaft und hinter den Tresen der Kiez-Clubs derzeit blanke Existenzangst herrscht, muss man den Blick auf die nackten, eisigen Zahlen richten. Die finanzielle Lebensader des Festivals wird im Rekordtempo abgeschnürt. Noch im vergangenen Jahr feierte die Musikbranche einen historischen Höchststand. Mit 6,27 Millionen Euro (!) Bundesförderung im Rücken konnte das Reeperbahn Festival ein Programm auf die Beine stellen, das international Maßstäbe setzte. Aber schon für das laufende Jahr 2026 grätschte der Rotstift der Politik brutal dazwischen und das Budget wurde auf 4,5 Millionen Euro herabgestuft – ein schmerzhafter, aber gerade noch handhabbarer Schnitt. Der aktuelle Haushaltsentwurf von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer für das kommende Jahr aber sieht nun einen noch radikalen Kahlschlag vor. Nur noch 3 Millionen Euro sollen aus Berlin an die Elbe fließen. Faktisch ist das eine Halbierung der Bundesmittel innerhalb von 2 Jahren.

Kulturpolitik nach Gutsherrenart?

Dieser drastische Sparkurs ist aber kein isoliertes Phänomen. Er legt eine tiefe, fast schon ideologische Kluft in der aktuellen deutschen Kulturpolitik offen. Während Weimer bei der Popkultur, den Newcomer*innen und der Nachwuchsförderung mit eisiger Konsequenz streicht – auch die überlebenswichtige Initiative Musik soll um 22 Prozent auf 15 Millionen Euro gekürzt werden –, bleiben andere Töpfe unangetastet oder wachsen sogar. Ausgerechnet die Bayreuther Festspiele, das alljährliche Hochamt der klassischen Hochkultur, dürfen sich über eine Erhöhung der Bundesmittel freuen.

Es ist eine Schieflage, die in der Szene für fassungslose Wut sorgt. Hier wird nicht einfach nur gespart; hier werden kulturpolitisch gänzlich andere Prioritäten gesetzt. Die Botschaft, die aus Berlin gesendet wird, ist fatal: Die lebendige, diverse und wirtschaftlich so bedeutende Popkultur gilt in den Augen des Kulturstaatsministers offensichtlich als streichbares Freizeitvergnügen, während die elitäre Hochkultur als schützenswertes Heiligtum zementiert wird. Wer die Jugend und die Zukunft der Musik so systematisch im Regen stehen lässt, betreibt eine Kulturpolitik nach Gutsherrenart, die den Anschluss an die gesellschaftliche Realität längst verloren hat.

Wenn im September aber nun die Scheinwerfer wieder angehen und die internationale Musikwelt auf St. Pauli anstößt, waren auch so nie alle glücklich mit dem Festival. Für viele lokale Clubbetreiber*innen bedeutete das Festival jahrelang nämlich nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch einen harten Kampf um die eigene Existenz. Die Beziehung zwischen der Festivalleitung und der lokalen Clubszene ist ein hochsensibles, historisch gewachsenes Spannungsfeld, das hinter den Kulissen oft heftig knirschte.

Die Fesseln der „360-Grad-Verträge“

Das größte Konfliktfeld der vergangenen Jahre lässt sich wohl in dem Begriff „360-Grad-Vertrag“ zusammenfassen, der unter Kiez-Clubbetreiber*innen fast wie ein Schimpfwort benutzt wird: eine Exklusivitätsklausel. Wer als Band auf dem Reeperbahn Festival spielen wollte, musste oft sogenannte „360-Grad-Verträge“ unterschreiben. Die Bedingung: Die Künstler*innen verpflichteten sich, in einem Radius von teilweise bis zu 150 Kilometern und über einen Zeitraum von bis zu einem halben Jahr vor und nach dem Festival nicht eigenständig in Hamburg aufzutreten.

Für die kleinen, inhabergeführten Live-Clubs war dies ein Desaster. Es schnitt ihnen das eigene, mühsam kuratierte Booking ab und entzog ihnen lukrative Konzerte im restlichen Jahr. Die Bands wurden künstlich verknappt, die Einnahmen der Hamburger Spielstätten drastisch beschnitten. Hinzu kam ein tiefes Gefühl der Fremdbestimmung. Viele renommierte Clubs dienten während der Festivaltage als bloße Hüllen – als reine „Venues“ für das vom Festivalbüro zentral gebuchte Programm. Eigenes Mitspracherecht beim Line-up? Fehlanzeige.

Während sich das mediale Scheinwerferlicht zudem fast ausschließlich auf die Reeperbahn und ihre direkten Nebenstraßen konzentrierte, blieben Clubs abseits der Partymeile oder Konzertorte, die in den Wochen vor und nach dem Trubel auf Publikum angewiesen waren, sprichwörtlich im Dunkeln stehen. Der gigantische Werbe-Hype des Festivals saugte die Aufmerksamkeit und die Kaufkraft der Musikfans wie ein schwarzes Loch auf.

Dass diese Spannungen nicht in einer offenen Revolte eskalierten, ist vermutlich der zähen Arbeit des Clubkombinats Hamburg zu verdanken. Der Verband der Hamburger Clubbetreiber*innen hat über Jahre hinweg als diplomatisches Schutzschild agiert. In harten, oft zähen Verhandlungen rangen sie der Festivalleitung und der Politik Zugeständnisse ab. Es wurden finanzielle Ausgleichszahlungen für entgangene Einnahmen vereinbart und strukturelle Förderungen erwirkt, um die Härten der Exklusivitätsklauseln für die Betreiber*innen abzufedern. Erst durch diesen mühsam erkämpften Kompromiss wurde das Festival für die Hamburger Clublandschaft überhaupt erst tragbar.

Stirbt nun die Solidarität im Sparkurs?

Mit den drastischen Kürzungsplänen aus Berlin gerät dieses mühsam austarierte, fragile Gleichgewicht auf St. Pauli nun ins Wanken. Denn die bittere Ironie der aktuellen Krise liegt auf der Hand: Wenn dem Festivalriesen die Millionen weggebaggert werden, droht die mühsam erkämpfte Solidarität mit der lokalen Basis als Erstes unter die Räder zu kommen. Ohne ausreichende Bundesförderung stehen vermutlich auch jene finanziellen Ausgleichszahlungen und strukturellen Hilfen zur Disposition, die das Clubkombinat Hamburg für die kleinen Spielstätten erstritten hat.

In dieser zugespitzten Lage prallen die Positionen der verschiedenen Akteur*innen mit unerbittlicher Härte aufeinander. Wolfram Weimer verteidigt seinen harten Sparkurs unbeirrt. Aus dem Umfeld des Kulturstaatsministers heißt es kühl, die Haushaltskonsolidierung des Bundes erfordere schmerzhafte Einschnitte in allen Bereichen. Dass dabei die zeitgenössische Popkultur die Zeche zahlt, während die klassische Hochkultur geschont wird, wird als notwendige Schwerpunktsetzung deklariert. Carsten Brosda, Hamburgs streitbarer Kultursenator, hält mit aller Kraft dagegen. Er warnt eindringlich vor einer „spürbaren und dauerhaften Schwächung des Musikstandorts Deutschland.“ Brosda lässt dabei auch keinen Zweifel daran, dass Hamburg dieses massive Defizit nicht einfach stillschweigend ausgleichen kann: Ein nationaler Leuchtturm, der als Schaufenster für die gesamte Bundesrepublik dient, darf nicht im Alleingang auf den Schultern der Hamburger Steuerzahler*innen abgeladen werden. Ob das Argument verfängt?!

Die Hamburger Clubszene wiederum steht währenddessen in einem quälenden Dilemma. Einerseits ist der Groll über die jahrelange Dominanz, die Knebelverträge und die gefühlte Arroganz der Festivalleitung bei vielen Betreiber*innen noch immer tief verwurzelt. Andererseits wissen die Kiez-Größen ganz genau: Ein unkontrolliert kollabierendes Reeperbahn Festival würde eine Schockwelle auslösen, die die ohnehin angeschlagene, lokale Club-Infrastruktur mit in den Abgrund reißen könnte.

Wenn der Gigant stürzt, kann er auch die kleinen Bühnen mit sich ziehen. Aus dem berechtigten, jahrelangen Verteilungskampf zwischen „Kiez gegen Festival“ ist im Angesicht der Berliner Kürzungspläne ein existenzieller Überlebenskampf geworden, den man vielleicht und letztlich nur gemeinsam gewinnen – oder krachend verlieren kann.

Am Ende wird es bei dieser Debatte also um weit mehr als um nackte Zahlen, Haushaltslöcher und politische Zuständigkeiten gehen. Es geht um die Frage, welchen Wert wir als Gesellschaft der lebendigen, ungezähmten Kultur beimessen. Wenn im Herbst 2026 die Abgeordneten im Bundestag über den finalen Haushaltsentwurf abstimmen, entscheiden sie auch darüber, ob Deutschland seine lauteste, bunteste und mutigste Stimme behält – oder ob wir sehenden Auges ein historisches, kulturelles Sterben einleiten.

Popkultur ist kein Luxusgut

Popkultur ist kein nettes, verzichtbares Beiwerk, das man in Krisenzeiten einfach wegzensieren oder wegbudgetieren kann. Sie ist der soziale Kitt, der Sauerstoff einer Gesellschaft. In den einst stickigen, verrauchten Kellern von St. Pauli wird verhandelt, wer wir sind, wer wir sein wollen und wie wir miteinander leben. Hier entstehen Utopien. Wer hier den Rotstift ansetzt, spart an unserer Identität. Das Reeperbahn Festival darf nicht zum Opfer eines politischen Trauerspiels werden. Es muss ein Ort bleiben, an dem der Bogen tanzt, an dem junge Künstler*innen ohne Knebelverträge eine faire Chance bekommen und an dem die lokalen Clubs als gleichberechtigte Partner*innen glänzen können, statt als bloße Kulissen missbraucht zu werden.

Die Politik in Berlin steht nun also in der Pflicht. Das parlamentarische Verfahren im Bundestag ist die letzte Reißleine. Es ist die Chance für die Abgeordneten, Weimers einseitige, rückwärtsgewandte Schwerpunktsetzung zu korrigieren. Sie müssen beweisen, dass ihnen die Zukunft der Musikwirtschaft und die Existenz der Clubs auf St. Pauli ebenso viel wert sind wie die Traditionen der klassischen Hochkultur.

Der Kiez darf nicht verstummen. Wenn im September 2026 die ersten Akkorde über die Reeperbahn schallen, sollte das kein wehmütiger Abgesang auf bessere Zeiten sein, sondern ein unüberhörbares, trotziges Lebenszeichen. Die Hamburger Livemusikfans sollten ihre lokalen Clubs unterstützen, auf Konzerte gehen, diesen Freiraum einfordern. Denn eine Stadt ohne laute, mutige Livemusik ist am Ende nur eines: unendlich arm.


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Neue ´Art Week` kommt https://www.tiefgang.net/neue-art-week-kommt/ https://www.tiefgang.net/neue-art-week-kommt/#respond Wed, 15 Jul 2026 14:01:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14179 [...]]]> Hamburg bekommt Zuwachs im Kulturkalender und die Erwartungen sind groß: Im September soll das neue Veranstaltungsformat „Hamburg Art Week“ die Kunstszene Hamburgs pushen.

Mit der ersten Hamburg Art Week, die vom 3. bis zum 6. September 2026 unter dem programmatischen Titel „Crossing Currents“ stattfindet, soll die Hansestadt endlich eine Plattform erhalten, die ihre vielfältige Kunstlandschaft medial bündelt und weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen lässt. Es ist ein längst überfälliges Unterfangen, denn die Zeit erfordert neue Formate, um in einer überfluteten Medienlandschaft überhaupt noch durchzudringen. Die Hamburg Art Week soll die Kraft der bildenden Kunst in der Stadt bündeln und für ein breites Publikum sichtbar machen.

Das Versprechen ist groß: Mit 18 Museen, über 44 Galerien und 42 Off-Spaces soll das Event zu einer „Founding Edition“ heranwachsen, die Hamburg als Ganzes begreift. Doch bei aller Begeisterung für das neue Format stellt sich eine entscheidende Frage: Wie sehr wird dieses „Crossing Currents“ seinem Namen gerecht werden, wenn es um die geografische Ausdehnung der Kunst geht?

Denn die Kunstszene Hamburgs endet keineswegs an den Elbbrücken. Gerade im Süden der Stadt blüht eine Szene, die schon seit Jahren mit dem Label „SuedArt“ erfolgreich einen Prototypen für gemeinschaftliche Sichtbarkeit etabliert hat. Von der renommierten Falckenberg-Sammlung in den Phoenix-Hallen über den experimentierfreudigen Kunstverein Harburger Bahnhof bis hin zum Informationszentrum Hanne Darboven – der Süden ist kein kultureller Randbezirk, sondern ein Zentrum für visionäre Kunst.

Es bleibt daher spannend, inwieweit die neue Hamburg Art Week die gewachsenen Strukturen des Südens in ihr Programm integriert und ob die „kreuzenden Strömungen“ tatsächlich auch die Elbe überqueren. Ein Festival, das Hamburgs Kunstszene ernsthaft kartieren will, sollte die kreative Energie von Harburg und Wilhelmsburg nicht ignorieren. „Ein solches gemeinsames Format fehlte Hamburg bisher, um die verschiedenen Akteur:innen der bildenden Kunst zusammenzubringen und die Stadt in einen Raum der Begegnung zu verwandeln“, so verlautet es in den ersten Ankündigungen.

Noch sind die konkreten Programmpunkte weitgehend geheim, was die Spannung in der Szene weiter anheizt. Um das Projekt mit einem klaren Gesicht zu versehen, stützt sich die Hamburg Art Week aber auf ein Team aus profilierten Köpfen, die tief in der Hamburger Kunstszene verwurzelt sind. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen von Jessica Nupen, die als Kuratorin und Choreografin eine interdisziplinäre Perspektive einbringt, unterstützt von der Kunst- und Kulturmanagerin Fanny Roy. Initiiert wurde das Vorhaben durch Luise Nagel, Managing Partnerin der renommierten Produzentengalerie Hamburg, und Anna Nowak, die als Geschäftsführerin und Künstlerische Leitung des Kunsthauses Hamburg fungiert. Gemeinsam mit einem in Hamburg ansässigen Team gestalten sie die Vision und die kuratorische Ausrichtung der Art Week. Ihre Rollen als Kuratorinnen und Vermittlerinnen im Hamburger Kunstbetrieb garantieren, dass die Art Week nicht nur als bloßes Marketinginstrument fungiert, sondern einen tatsächlichen inhaltlichen Mehrwert für die lokale Kunstwelt generiert. Durch ihre Arbeit an der Schnittstelle von kommerziellem Galeriebetrieb, institutioneller Präsentation und freier Kunstproduktion verfügen sie über das notwendige Gespür, um die unterschiedlichen Strömungen – vom Alsterufer bis weit hinein in den Süden – in ein kohärentes Gesamtprogramm zu übersetzen.

Man darf dennoch gespannt sein, ob die Kuratierung gelingt, ohne dabei die lokalen Identitäten zu verwässern. Der Erfolg dieses Vorhabens wird davon abhängen, ob es gelingt, die ganze Stadt – von den großen Häusern in der City bis zu den versteckten Juwelen im Süden – unter einem Dach zu vereinen. Es wäre ein starkes Signal für die kulturelle Einheit einer Stadt, die sich ihrer eigenen Vielfalt oft erst noch bewusst werden muss.

Hamburg Art Week – „Crossing Currents“ | 3. bis 6. September 2026 | hamburgartweek.com

18 Museen, 44 Galerien, 42 Off-Spaces; Partner: Behörde für Kultur und Medien, ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Michael Otto Stiftung, M.M.Warburg & CO


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Mosaike der Perspektiven https://www.tiefgang.net/mosaike-der-perspektiven/ https://www.tiefgang.net/mosaike-der-perspektiven/#respond Tue, 14 Jul 2026 15:25:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14172 [...]]]> Wenn Hamburgs Kulturszene auf internationale Impulse trifft, entsteht weit mehr als nur ein künstlerischer Dialog. Mit dem Start des Stipendiat*innen-Jahrgangs 2026/2027 des Programms INTRO beweist die Hansestadt einmal mehr, wie gesellschaftliche Transformation und künstlerischer Widerstand durch geflüchtete Künstler*innen neue Formen finden. Auch Harburg ist dabei.

Das Programm, das seit 2019 erfolgreich internationale Talente fördert, die in ihren Herkunftsländern nicht mehr arbeiten können, geht nun in eine neue, besonders vielfältige Runde. Die Bedeutung dieses Austausches betonte auch Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, anlässlich des Starts: „Das INTRO-Programm ist ein wichtiges Signal für die Freiheit der Kunst und den Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Es ermöglicht uns, von den Erfahrungen und Perspektiven der Stipendiatinnen und Stipendiaten zu lernen und unsere Stadt als einen Ort zu begreifen, der durch Vielfalt und Austausch stetig wächst.“

Die diesjährigen Tandems – bestehend aus den internationalen Künstler*innen und Hamburger Gastgebern – setzen kraftvolle Akzente. So arbeitet etwa Laila Mahmudi aus Afghanistan beim Harburger Verein „Alles wird schön“ in Heimfeld. Ihr Vorhaben ist ein berührendes Plädoyer für den nonverbalen Ausdruck: Sie nutzt Kunst als Form des Widerstands, der Heilung und sozialen Verbundenheit, um die persönlichen Geschichten afghanischer Frauen im Exil sichtbar zu machen. Der Abschluss ihrer Residenz wird eine Tanzperformance sein, die diese unsichtbaren Geschichten in den öffentlichen Raum trägt.

Neben der Zusammenarbeit in Heimfeld beleben weitere Tandems die Hamburger Quartiere:

  • Honigfabrik e. V. beherbergt den Syrer Khaldoun Shadoud, der in seinem Projekt „Pieces of Peace“ die sinnliche und kollektive Erfahrbarkeit von Frieden jenseits politischer Theorien erforscht.
  • Mut Theater / Interkulturell e. V. arbeitet mit Havin Funda Saç (Türkei/Kurdistan) zusammen, deren experimentelles Theater die Grenzen zwischen Deutsch, Türkisch und Kurdisch auflöst, um universelle menschliche Erfahrungen spürbar zu machen.
  • Verein Gängeviertel e. V. unterstützt Arsenii Kibenko aus Russland bei seinem „Memory-Mapping Lab“, in dem er persönliche Landkarten aus Erinnerungen und Erlebnissen erschafft.

Dass der Verein „Alles wird schön“ in Heimfeld in diesem Jahr als Gastgeber fungiert, ist ein Gewinn für den Bezirk Harburg. Der Verein, der sich durch sein Engagement für „ungewollte“ oder abseits akademischer Pfade agierende Künstler*innen einen Namen gemacht hat, bietet einen idealen Boden für Mahmudi. Hier, wo Kunst als gesellschaftlicher Kitt verstanden wird, wird der Stipendiat*innen-Aufenthalt zu einem lebendigen Gemeinschaftsprojekt.

Der Jahrgang 2026/2027 ist ein starkes Zeichen für ein Hamburg, das seine kulturelle Identität ständig durch den Dialog mit der Welt erweitert. Es sind diese Begegnungen in Stadtteilzentren wie in Heimfeld, die zeigen, dass Kultur nicht nur in zentralen Häusern stattfindet, sondern dort, wo sie den Menschen unmittelbar begegnet.


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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