Besprechungen – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 30 Apr 2026 09:49:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Träume aus und in Beton https://www.tiefgang.net/traeume-aus-und-in-beton/ Thu, 30 Apr 2026 09:49:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13751 [...]]]> Endlich geht es los! Am 4. Mai verwandelt sich unsere Stadt wieder in ein riesiges Labor für Ideen, Träume und Beton. Auf Kampnagel fällt der Startschuss für den 11. Hamburger Architektur Sommer, und eines ist jetzt schon klar: Langweilig wird es nicht.

In den nächsten drei Monaten erwarten uns rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 Orten. Von der HafenCity bis nach Harburg, von Ausstellungen bis zu tanzenden Paraden – die ganze Stadt wird zur Bühne für Baukultur.

Was diesen Sommer so besonders macht? Er ist für alle da. Christoph Winkler vom Vorstand des Architektur Sommers betont, dass das Festival als bewusst nicht kuratierte Plattform eine demokratische Annäherung ermöglicht. Hier bestimmen die Akteur*innen selbst, was wichtig ist. Es ist ein offener Diskursraum, der die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Oder wie Senatorin Karen Pein es formuliert: Das Festival trägt dazu bei, Architektur und Stadtentwicklung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Heilen statt Abreißen

Ein zentraler Schwerpunkt des diesjährigen Programms liegt auf der „Transformation und dem Erhalt von Bestandsimmobilien“. Die beteiligten Planer*innen und Architekt*innen thematisieren dabei die Notwendigkeit, das Bauen im Bestand als ökologische und soziale Aufgabe zu begreifen. Die Ausstellung „Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand“ im Urbaneo illustriert diesen Ansatz durch die Präsentation von Methoden des zirkulären Bauens. Als konkrete Beispiele für eine gelungene Transformation führt das Programm Projekte wie das Gängeviertel oder den Gröninger Hof an. Ziel der Fachleute ist es aufzuzeigen, wie durch den Erhalt der baulichen Substanz auch die Identität städtischer Quartiere gesichert werden kann.

Die Stadt von morgen gehört den Jungen

Die Einbindung der nachfolgenden Generationen stellt einen weiteren Schwerpunkt dar. Unter dem Titel „Junger Hamburger Architektur Sommer“ werden etwa 30 Programmpunkte angeboten, die speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind. Zentraler Anlaufpunkt für dieses Segment ist das Mitmach-Architekturzentrum Urbaneo am Strandkai. Das Ziel besteht darin, jungen Planer*innen baukulturelle Zusammenhänge spielerisch zu vermitteln und sie zur Entwicklung eigener städtebaulicher Visionen anzuregen. Damit soll die Grundlage für eine aktive Teilhabe an künftigen Gestaltungsprozessen der Stadt gelegt werden.

Leben am und auf dem Wasser

Die Auseinandersetzung mit den Wasserflächen als Bestandteil der Hamburger Stadtentwicklung bildet ein weiteres zentrales Motiv. Die Planer*innen richten ihren Blick dabei auf die Wechselwirkungen zwischen der bebauten Stadt und den angrenzenden Gewässern. Ein programmatischer Höhepunkt ist die für September angekündigte internationale Konferenz „WATER_CITY“. Im Rahmen dieser Fachveranstaltung setzen sich Expertinnen mit städtebaulichen Visionen sowie der künftigen Nutzung der Hamburger Wasserlagen auseinander.

Bereits im Vorfeld bietet das Programm Formate an, um die Stadt gezielt vom Wasser aus zu erfahren. Unter dem Titel „Rauf aufs Wasser!“ werden verschiedene Aktionen und Exkursionen zusammengefasst, die neue Perspektiven auf die urbanen Wasserflächen eröffnen sollen. Im Fokus stehen dabei neben ästhetischen Fragestellungen auch ökologische Aspekte und die soziale Zugänglichkeit der städtischen Uferzonen.

Rahmenbedingungen und Umfang des Festivals

Der 11. Hamburger Architektur Sommer beginnt am 4. Mai mit einer Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel. Über einen Zeitraum von drei Monaten finden im gesamten Stadtgebiet rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 unterschiedlichen Orten statt. Die Geografie der Events erstreckt sich dabei von der HafenCity bis nach Harburg. Christoph Winkler, Vorstandsmitglied des Architektur Sommers, charakterisiert das Format als eine bewusst nicht kuratierte Plattform. Dieser Aufbau ermöglicht es den teilnehmenden Akteur*innen, ihre Themen eigenständig zu setzen und so die baukulturelle Vielfalt der Stadt abzubilden.

Senatorin Karen Pein unterstreicht die Funktion des Festivals als Brücke zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit. Das Programm soll dazu dienen, komplexe Themen der Stadtentwicklung für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich und diskutierbar zu machen.

Service und Information:

Zentraler Anlaufpunkt für Besucher*innen ist der Info Pavillon am Strandkai, der vom Kollektiv Studio Frugal Bauen entworfen wurde. Es handelt sich um eine nachhaltige Holzkonstruktion, deren Fassade mit Birkenrinde verkleidet ist. Der Pavillon ist während der dreimonatigen Laufzeit täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Dort ist auch das vollständige Programmheft erhältlich, das zudem online über die offizielle Webseite des Architektur Sommers eingesehen werden kann: https://www.architektursommer.de/.



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10 Stipendien für das Hamburger Ökosystem https://www.tiefgang.net/10-stipendien-fuer-das-hamburger-oekosystem/ Tue, 28 Apr 2026 22:27:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13706 [...]]]> Die Hamburger Kreativ Gesellschaft startet über ihre Initiative nextMedia.Hamburg das neue Förderprogramm „Creator Lift“, um zehn ambitionierte Creator*innen gezielt mit der regionalen Medien- und Digitalbranche zu vernetzen.

Das Programm zielt darauf ab, die Arbeit der Teilnehmenden zu professionalisieren und sie in die bestehenden Wertschöpfungsketten zu integrieren. Damit reagiert der Standort Hamburg auf eine zentrale Schwachstelle der aktuellen Creator Economy: die Diskrepanz zwischen immenser Reichweite und oft volatiler unternehmerischer sowie journalistischer Substanz. In einem Marktumfeld, das durch algorithmische Volatilität und sinkende Grenzerträge gekennzeichnet ist, stellt diese Maßnahme eine gezielte Investition in die Humankapital-Infrastruktur dar.

Der Fokus liegt auf der Transformation von reiner Content-Produktion hin zu skalierbaren Geschäftsmodellen. Während die Einstiegshürden in soziale Netzwerke gegen Null tendieren, steigen die Kosten für die langfristige Etablierung einer Marke – die sogenannten Customer Acquisition Costs (CAC) – im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen rapide an. Das Programm setzt hier mit Modulen zu Entrepreneurship und Brandaufbau an. Die finanzielle Förderung von 1.500 Euro pro Teilnehmer*in ist dabei eher als symbolisches Startkapital denn als vollwertige Anschubfinanzierung zu werten; der wahre ökonomische Hebel liegt im Zugang zum Innovationsraum SPACE und den Netzwerkkontakten zu Branchengrößen wie Google, der Funke Mediengruppe oder OMR.

Bemerkenswert ist die strategische Verknüpfung von journalistischem Handwerk mit unternehmerischem Kalkül. In einer Zeit, in der herkömmliche Medienhäuser mit schwindenden Bindungsraten bei jüngeren Zielgruppen kämpfen, fungieren Creator*innen als effiziente Distributoren mit hoher Vertrauensrendite. Die Einbindung von Expert*innen wie Amelie Marie Weber von der „Tagesschau“ oder dem Top-Creator „Herr Anwalt“ in die Jury verdeutlicht die Absicht, regulatorische und ethische Standards des klassischen Journalismus auf die ökonomisch agilen Akteur*innen der neuen Medien zu übertragen. Es handelt sich um den Versuch, eine Qualitätssicherung zu etablieren, die in der unregulierten Plattformökonomie bisher Seltenheitswert besitzt.

Co-Creation als strategische Allianz

In der zweiten Phase des Programms, die von Juli bis Dezember 2026 läuft, wird die rein edukative Ebene verlassen und in die praktische Anwendung überführt. Die Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen wie Rocketbeans.TV oder der Pilot Agenturgruppe deutet auf ein Co-Creation-Modell hin, das beiden Seiten dient: Die Creator*innen erhalten Zugang zu professionellen Produktionsmitteln, während die etablierten Medienhäuser von der Innovationskraft und der Zielgruppennähe der Talente profitieren. Dieser Austausch minimiert das Risiko von Fehlinvestitionen in Formate, die am Markt vorbei produziert werden.

Letztlich bleibt abzuwarten, ob die Selektion von lediglich zehn Teilnehmenden ausreicht, um eine kritische Masse für den Standort Hamburg zu generieren. Die Initiative markiert jedoch den Punkt, an dem die Stadtverwaltung und die Privatwirtschaft anerkennen, dass die Creator Economy kein flüchtiges Phänomen der Aufmerksamkeitsökonomie mehr ist, sondern ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor, der nach institutioneller Rahmung verlangt. Die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit solcher Kleinst-Förderungen im globalen Wettbewerb der Plattformen bleibt die nächste große Unbekannte.


Bewerbung und Fristen:

Interessierte Creator*innen können ihre Bewerbung für den „Creator Lift“ bis zum 31. Mai 2026 über das offizielle Portal von nextMedia.Hamburg einreichen: www.nextmedia-hamburg.de/programme/creator-lift/



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Ein Date mit dem Nachtwächter https://www.tiefgang.net/ein-date-mit-dem-nachtwaechter/ Mon, 27 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13717 [...]]]> Wenn die Sonne langsam hinter den Giebeln der historischen Altstadt versinkt und die Schatten in den Gassen von Buxtehude länger werden, beginnt eine ganz besondere Zeit.

Während die meisten Menschen den Feierabend einläuten, rüstet sich im Buxtehude Museum eine Gruppe von Expert*innen für ihren Einsatz. Es ist die Zeit der Stadtführer*innen, die uns zeigen, dass die Hansestadt weit mehr zu bieten hat als die berühmte Sage von Hase und Igel.

Eines der absoluten Highlights im aktuellen Programm sind die Nachtwächter-Führungen. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie es sich anfühlte, als die Stadtmauern noch Schutz und Gefängnis zugleich waren? Wenn der Nachtwächter in seiner traditionellen Tracht, mit Hellebarde und Laterne bewaffnet, durch die Flethe zieht, erwacht das Mittelalter zum Leben.

Es sind diese Momente, in denen die Geschichte greifbar wird – weg von staubigen Jahreszahlen, hin zu echten Schicksalen, dunklen Legenden und den kleinen Anekdoten, die man in keinem Schulbuch findet. Die Teilnehmer*innen werden Teil einer Inszenierung, die Buxtehude in ein völlig neues Licht rückt.

Doch auch für die Tageslicht-Begeisterten gibt es reichlich Futter. Die klassischen Stadtführungen nehmen uns mit auf eine Reise durch die glanzvolle Hansezeit. Man flaniert entlang des Viver, entdeckt versteckte Hinterhöfe und erfährt, warum die Architektur der Stadt so eng mit dem Wasser verwoben ist. Das Schöne daran: Die Führung richtet sich nicht nur an Tourist*innen. Auch eingefleischte Buxtehuder*innen werden überrascht sein, welche Geheimnisse sich hinter Fassaden verbergen, an denen man täglich achtlos vorbeiläuft.

Damit man seinen Ausflug in die Geschichte planen kann, kommen hier die harten Fakten. Das Team des Buxtehude Museums hat die Organisation gewohnt professionell im Griff:

  • Termine & Start: Die Führungen finden regelmäßig statt (meist an den Wochenenden). Der zentrale Treffpunkt ist in der Regel direkt vor dem Buxtehude Museum (St.-Petri-Platz 9). Alle Themen und Temrine hier: www.buxtehude.de/stadtfuehrung
  • Kosten:
    • Klassische Stadtführung: 7,00 Euro pro Person.
    • Nachtwächter-Führung: 9,00 Euro pro Person.
    • Kinder bis 14 Jahre zahlen oft einen ermäßigten Preis oder sind in Begleitung sogar kostenfrei dabei (kurze Rückfrage lohnt sich!).
  • Anmeldung: Ganz wichtig – eine vorherige Anmeldung ist aufgrund der begrenzten Teilnehmer*innenzahl erforderlich. Das geht ganz unkompliziert per E-Mail an buchung@buxtehudemuseum.de oder telefonisch unter 04161 50797-0.

Wer also Lust auf einen Perspektivwechsel hat und Buxtehude einmal mit den Augen derer sehen will, die die Stadt seit Jahrhunderten „bewachen“, sollte sich diesen Frühling einen Platz sichern. Es lohnt sich!

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Stimmen der Gegenwart https://www.tiefgang.net/stimmen-der-gegenwart/ Sat, 25 Apr 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13690 [...]]]> Wenn in Buxtehude jährlich die Shortlist für den Buxtehuder Bullen präsentiert wird, ist es immer auch ein lokales Bekenntnis zur Leseförderung und zum Dialog zwischen den Generationen. Am 23. April wurde nun die Liste für den 55. Bullen offiziell vorgestellt.

Aus rund 80 Titeln hat die Jury fünf Favoriten ausgewählt, die nun um die renommierte Stahltrophäe und das Preisgeld von 5.000 Euro konkurrieren.

Das Herzstück dieses Jugendliteraturpreises ist seit seiner Gründung durch Winfried Ziemann im Jahr 1971 die absolute Augenhöhe. Elf Jugendliche und elf Erwachsene bilden eine paritätische Jury. Diese Struktur sorgt dafür, dass die Auswahl nicht über die Köpfe der Zielgruppe hinweg getroffen wird, sondern mitten aus ihrer Lebensrealität heraus entsteht. Dass der Preis heute durch die Stadtbibliothek und Förderer wie die Else und Heinrich Klindworth-Stiftung getragen wird, unterstreicht die tiefe Verwurzelung in der Stadtgesellschaft.

Die diesjährige Shortlist ist ein Spiegelbild globaler und persönlicher Krisen, verpackt in mitreißende Narrative. Jedes der fünf Bücher fordert seine Leser*innen heraus, die Perspektive zu wechseln.

Basma Hallak greift in Please Unfollow (Arctis, 416 Seiten, 19 Euro) das Thema Sharenting auf. Die Geschichte der 17-jährigen Sherry, deren Leben ungefragt auf Social Media vermarktet wurde, ist ein hochaktuelles Plädoyer für das Recht auf die eigene Identität in einer digitalisierten Welt.

Mit Hilde Myklebusts Auch am Tag leuchten die Sterne (CARLSEN, 256 Seiten, 15 Euro; übersetzt von Meike Blatzheim) weht ein norwegischer Wind durch die Auswahl. Die Erzählung über Mia, die zwischen Musical-Träumen und einer schweren Krankheitsdiagnose im Freundeskreis ihren Weg finden muss, besticht durch eine feine Balance zwischen Melancholie und Hoffnung.

Nina Scheweling führt uns mit Academy of Lies – Anatomie einer Verschwörung (LOEWE, 400 Seiten, 16,95 Euro) in die Welt der Elite-Internate. Hier verbindet sich das Thema Organtransplantation mit einem packenden Thriller-Plot, der die moralischen Grenzen wissenschaftlichen Ehrgeizes auslotet.

Einen harten Blick in die Geschichte wirft Moritz Seibert in seinem Debüt Das letzte Aufgebot (Karibu, 320 Seiten, 16,99 Euro). Er erzählt vom Schicksal eines 15-Jährigen in der Hitler-Jugend am Ende des Zweiten Weltkriegs – eine mahnende Erinnerung daran, wie zerbrechlich Frieden und Unschuld sind.

Schließlich lenkt Tara Sullivan mit The Bitter Side of Sweet (Peter Hammer Verlag, 320 Seiten, 14 Euro; übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessica Komina) den Fokus auf die moderne Sklaverei auf Kakaoplantagen. Es ist eine Geschichte über Mut und Widerstand, die uns schmerzhaft bewusst macht, welchen Preis unser täglicher Konsum anderswo fordert.

„Es sind (Jugend-) Romane, die bewegen und Denkanstöße geben. Toll, wenn Bücher oder Geschichten das schaffen. Mit der Shortlist laden wir Jung und Alt dazu ein, mit den Protagonist*innen mitzudenken und mitzufühlen und vielleicht dabei auch die eigene Perspektive zu reflektieren“, so Melanie Hainke, Verantwortliche des Bullen-Projektteams. Für die Buxtehuder*innen und ihre Gäste wird die Literatur so in den kommenden Wochen im gesamten Stadtbild präsent sein. Von Mai bis Juli laden verschiedene Leseplätze in der Altstadt dazu ein, in die nominierten Werke hineinzuschnuppern. Ob in der Altstadtbuchhandlung, im Galerie Café Baham oder direkt am BULLEvard – die Stadt wird zur Leselounge.

Den krönenden Abschluss bildet der Preisentscheid am Dienstag, den 23. Juni 2026, um 19 Uhr im Stieglitzhaus. Dort wird sich zeigen, welches Werk die Jury am stärksten überzeugt hat. Ein Tag im 55. Jahr, in dem Buxtehude einmal mehr beweist, dass gute Geschichten keine Altersgrenzen kennen, sondern Menschen verbinden können. Wer neugierig auf die Stimmen von morgen ist, sollte sich diesen Termin rot im Kalender markieren.

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Was soll ich tun? https://www.tiefgang.net/was-soll-ich-tun/ Thu, 23 Apr 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13658 [...]]]> Wenn der Kleine Saal der Elbphilharmonie am 8. Juni zum Schauplatz des intellektuellen Kräftemessens wird, blickt die literarische Welt auf Hamburg. Der Deutsche Sachbuchpreis 2026 hat seine Nominierten verkündet, und die Liste liest sich wie ein Kompass für eine Welt, die sich zwischen Algorithmen und alten Geistern neu sortieren muss.

Aus 239 eingereichten Titeln hat die Jury acht Werke herausgefiltert, die weit mehr sind als reine Wissensvermittlung. Sie sind Antworten auf die drängende kantische Frage: Was soll ich tun?

Dass der Fokus in diesem Jahr so stark auf der sprachlichen Gestaltung liegt, ist kein Zufall. In einer Ära, in der künstliche Textfluten das Netz überschwemmen, wird die menschliche Durchdringung der Gegenwart zum eigentlichen Qualitätsmerkmal. Jurysprecher Pascal Mathéus, der in seiner Buchhandlung Wassermann in Blankenese täglich den Puls der Leserschaft fühlt, betont genau diesen Wert an sich: Eine verständliche, klare Sprache, die uns Orientierung ermöglicht.

Dabei wird es am Abend der Preisverleihung um weit mehr als nur um Ehre und Prestige gehen. Der Deutsche Sachbuchpreis ist mit insgesamt 42.500 Euro dotiert, was seine Bedeutung als eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum unterstreicht. Die Spannung wird bis zum Schluss gehalten: Erst während der feierlichen Zeremonie in der Hamburger Elbphilharmonie wird das Geheimnis gelüftet, wer den Titel Sachbuch des Jahres mit nach Hause nehmen darf. Der/die Preisträger*in erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro. Doch auch die sieben weiteren Nominierten der Shortlist gehen nicht leer aus – ihre herausragende Arbeit wird mit jeweils 2.500 Euro gewürdigt. Diese finanzielle Anerkennung ist ein klares Signal für die Relevanz tiefgründiger Recherche und kluger Analyse in unserer Gesellschaft.

Die Nominierten

Werfen wir nun einen detaillierten Blick auf die acht Werke, die in diesem Jahr das Rennen um den begehrten Preis machen. Denn jedes dieser Bücher öffnet eine eigene Tür zu den brennenden Fragen unserer Zeit.

Den Anfang macht Heike Behrend mit einer faszinierenden Spurensuche. In Gespräche mit einem Toten taucht sie tief ein in das exzentrische Leben von Gustaf Nagel, dem Propheten vom Arendsee. Nagel war ein Lebensreformer, der barfuß und im Büßerhemd gegen die Konventionen seiner Zeit anrannte und schließlich für geisteskrank erklärt wurde. Behrend verwebt dieses Schicksal meisterhaft mit ihrer eigenen Familiengeschichte und ethnographischen Erkenntnissen. Es ist ein Buch über den schmalen Grat zwischen religiösem Eifer und gesellschaftlicher Ausgrenzung, das uns fragt, wie viel Abweichung eine Gemeinschaft aushält.

Heike Behrend – Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee, Matthes & Seitz Berlin

Ganz anders nähert sich Florence Gaub der Weltpolitik. Ihr Buch Szenario ist kein klassisches Sachbuch, sondern ein interaktives Experiment im Stil eines Choose-your-own-adventure-Romans. Sie versetzt die Leser*innen in die zweite Reihe der Macht – als Berater*innen, die ohne eigene Truppen, aber mit Daten und Intuition über Krieg oder Frieden entscheiden müssen. Es ist ein rasanter Ritt durch außenpolitische Sackgassen und Handlungskorridore, der zeigt, dass die Zukunft kein Schicksal ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die wir heute treffen.

Florence Gaub – Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel, dtv

Tilmann Lahme wiederum wagt sich an ein Denkmal der Weltliteratur: Thomas Mann. Doch statt staubiger Philologie liefert er eine Biografie, die sich wie ein psychologischer Thriller liest. Lahme konzentriert sich auf die prekäre Psyche und das allzumenschliche Innenleben des Autors, jenseits der repräsentativen Fassade. Er fördert Materialien zutage, die bisherige Biografien oft übersahen oder die von Herausgeber*innen diskret zensiert wurden. Das Ergebnis ist das Porträt eines Mannes voller Widersprüche und Sehnsüchte, der uns heute näher ist, als wir dachten.

Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben, dtv

In Dreihundert Männer nimmt uns Konstantin Richter mit in die Hinterzimmer der Macht. Inspiriert von Walther Rathenaus berühmtem Diktum über die 300 Männer, die die Wirtschaft des Kontinents lenken, zeichnet Richter die Geschichte der Deutschland AG nach. Von den Industriekapitänen der Kaiserzeit bis zu den heutigen Global Playern entfaltet er ein Panorama aus Bankiers, Lobbyisten und Managern. Es ist eine glänzend erzählte Chronik des deutschen Kapitalismus, die zeigt, wie engmaschig die Netze gestrickt sind, in denen unsere ökonomische Zukunft verhandelt wird.

Konstantin Richter – Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG, Suhrkamp

Irina Scherbakowa führt uns in ihrem sehr persönlichen Werk Der Schlüssel würde noch passen zurück in ein Moskau, das zwischen Aufbruchshoffnung und dem Abgleiten in die Diktatur schwankt. Als Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial blickt sie auf Jahrzehnte des Widerstands und der Erinnerungsarbeit zurück. Ihre Aufzeichnungen sind geprägt von einer berührenden Verletzlichkeit und der schmerzhaften Frage, warum der Versuch einer demokratischen Transformation Russlands scheitern musste. Ein Buch, das gerade in Hamburg, einer Stadt mit einer langen Tradition als Zufluchtsort, auf offene Ohren stoßen wird.

Irina Scherbakowa – Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen, Droemer

Die großen ethischen Fragen unserer Zeit verhandelt Bettina Schöne-Seifert in Leben, Körper, Tod. Anhand von zwölf aktuellen Kontroversen der Medizinethik – von der Fortpflanzungsmedizin bis zur Sterbehilfe – führt sie uns an die Grenzen unserer Autonomie. Schöne-Seifert schreibt analytisch scharf und doch tief empathisch über den Körper als Ort des Seins und der Verletzlichkeit. Sie zeigt auf, wie medizinischer Fortschritt uns ständig vor neue moralische Zerreißproben stellt, bei denen einfache Antworten oft zu kurz greifen.

Bettina Schöne-Seifert – Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik, Wallstein

Roberto Simanowski widmet sich in Sprachmaschinen der wohl drängendsten technologischen Revolution: der künstlichen Intelligenz. Er analysiert, was es für unsere Kommunikation und unser Selbstverständnis bedeutet, wenn wir Kompetenzen an Algorithmen delegieren. Simanowski fragt nach den Werten, die in diese Maschinen einfließen, und warnt vor einem schleichenden Souveränitätstransfer. Sein explorativer Denkansatz lädt dazu ein, den Hype beiseite zu lassen und stattdessen die philosophischen Tiefenschichten der Digitalisierung zu erkunden.

Roberto Simanowski – Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz, C.H.Beck

Den Abschluss bildet Ronen Steinke mit einer Untersuchung zur Meinungsfreiheit. Er legt den Finger in die Wunde und zeigt auf, wie Polizei und Justiz in Deutschland das Grundrecht auf freie Rede zunehmend einschränken. Steinke plädiert leidenschaftlich für einen offenen Meinungskorridor und warnt davor, unbequeme Kritik durch juristische Hürden im Keim zu ersticken. Sein Buch ist ein Plädoyer für eine lebendige Streitkultur, die gerade in einer polarisierten Gesellschaft wichtiger ist denn je, um die Demokratie wehrhaft zu halten.

Ronen Steinke – Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen, Berlin Verlag

Bevor im Juni die endgültige Entscheidung fällt, ziehen die nominierten Autor*innen noch durch die gesamte Republik. Von Berlin über Frankfurt bis nach München – Hamburg leider nicht – öffnen Buchhandlungen und Kulturzentren ihre Türen für die traditionelle Shortlist-Reise. Es ist die wertvolle Chance für Leser*innen, die Köpfe hinter den Thesen live zu erleben und die Argumente auf Herz und Nieren zu prüfen. Diese Veranstaltungen machen deutlich, dass Sachbücher keine trockene Materie sind, sondern lebendiger Zündstoff für Gespräche am Abendbrottisch oder im Büro. Wer wissen will, wann die Nominierten in der eigenen Nähe Station machen, findet auf der offiziellen Webseite des Preises alle Termine im Überblick: www.deutscher-sachbuchpreis.de

Am Ende ist dieser Preis weit mehr als eine feierliche Gala mit Blick auf die Elbe. Er ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Tiefe. In einer Zeit, in der Informationen oft nur noch in Sekundenbruchteilen konsumiert werden, feiern diese acht Werke die geistige Ausdauer. Sie beweisen, dass wir Menschen mit unserer Neugier und unserer spezifisch menschlichen Sprache Welten erklären können, an denen Algorithmen noch scheitern.

Mein persönliches Resümee: Die Liste 2026 ist ein starkes Signal gegen die Vereinfachung. Sie mutet uns Komplexität zu und belohnt uns dafür mit Erkenntnis. Wenn also im Juni in der Elbphilharmonie das Geheimnis gelüftet wird, wer die Nachfolge der bisherigen Preisträger*innen antritt, gewinnt vor allem die intellektuelle Freiheit. Hamburg wird an diesem Abend zum einem Zentrum einer klugen, streitbaren und vor allem lebendigen Debattenkultur werden. Ein echter Preis für das Wort – und ein hervorragender Grund, sich jetzt schon durch die Shortlist zu lesen und die eigenen Favorit*innen zu entdecken.

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Das Auge der Epoche https://www.tiefgang.net/das-auge-der-epoche/ Wed, 22 Apr 2026 09:50:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13671 [...]]]> Es gibt Namen, die untrennbar mit dem visuellen Gedächtnis einer Stadt verwoben sind. In Hamburg ist dieser Name F.C. Gundlach.

Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag am 16. Juli 2026 beschenkt sich die Hansestadt Hamburg nun selbst mit einer Nachricht, die das Erbe dieses Visionärs für die nächste Generation zementiert: Die Sammlung F.C. Gundlach bleibt nicht nur in Hamburg, sie wächst und wird für mindestens zwanzig weitere Jahre das Herzstück des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen bilden.

Gundlach war weit mehr als ein Modefotograf. Er war Netzwerker, Sammler, Kurator und der Gründungsdirektor jenes Hauses, das heute international als eine der ersten Adressen für die Kunstform Fotografie gilt. Sein Credo war zeitlebens die Überzeugung, dass ein Sammler eine moralische Verpflichtung hat, Teile seiner Sammlung oder ihr Ganzes öffentlich zu machen. Er sah seine Schätze als lebendigen Organismus, der auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren muss. Dieser Geist weht nun durch einen neuen Kooperationsvertrag, der die bisherige Leihgabe von 9.000 auf stolze 14.000 Werke erweitert.

Wer war dieser Mann, der die Fotografie in Deutschland aus ihrem Nischendasein als bloßes Handwerk in den Olymp der bildenden Kunst hob? Gundlach kam in den 1950er Jahren nach Hamburg und machte die Stadt zur Zentrale seiner Arbeit. Er fotografierte für die großen Magazine – von Film und Frau bis hin zur Brigitte. Doch seine Bilder waren nie bloße Kleiderständer-Dramaturgien. Er verstand es, Mode als Spiegelbild gesellschaftlicher Identitäten zu inszenieren.

Betrachtet man seine ikonischen Werke, etwa die Aufnahme (Titelbild) der deutschen Models in Santiago de Chile aus dem Jahr 1963, erkennt man seine Meisterschaft: Es ist ein Massenauflauf der Neugier, eine Begegnung zwischen der Eleganz der alten Welt und der dynamischen Realität Südamerikas. Gundlach fing hier nicht nur Stoffe ein, sondern den Moment, in dem Mode zum öffentlichen Ereignis wird. Ebenso legendär ist sein Porträt von Uschi Obermaier in Hamburg 1970.

Uschi Obermaier, Hamburg 1970

In ihrem Blick und ihrer Haltung manifestiert sich der Umbruch einer ganzen Generation – weg von der steifen Etikette, hin zur Freiheit der 68er.

Gundlachs Blick war stets präzise, fast architektonisch. Er setzte den Menschen in Bezug zu seiner Umgebung, sei es vor den ägyptischen Pyramiden oder in den kühlen Betonfluchten der Moderne. Für ihn war Fotografie nie isoliert. Der Titel der kommenden großen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum, You’ll Never Watch Alone, bringt es auf den Punkt: Fotografie geschieht durch Austausch, durch Allianzen und das Wirken in Netzwerken.

Die Nachricht der Vertragsverlängerung ist ein Meilenstein für die Hamburger Kulturlandschaft. Dr. Carsten Brosda bezeichnet die Erweiterung als einen Gewinn für die Kulturstadt, um die Position des Hauses der Photographie als international führendes Zentrum zu stärken. Bis 2028 wird die südliche Deichtorhalle umfassend saniert. Wenn sie ihre Pforten wieder öffnet, wird die Sammlung F.C. Gundlach einen völlig neuen Raum erhalten.

Im ersten Obergeschoss entsteht ein Bereich, der die Grenzen zwischen Archiv, Forschung und Erlebnis auflöst. 200 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, ein Schaudepot und die über 10.000 Bände umfassende Sammlerbibliothek werden dort ein neues Zuhause finden. Es ist die Erfüllung eines visionären Traums: Die Sammlung wird zur lebendigen Ressource für die 200-jährige Geschichte der Fotografie und gleichzeitig zum Labor für die Zukunft des Mediums. Künftig werden neben dem zentralen Thema Das Bild des Menschen auch Schwerpunkte wie abstrakte, subjektive sowie Landschafts- und Objektfotografie dauerhaft präsent sein.

Die Triennale als Fest des Sehens

Während die Deichtorhallen aber aktuell noch saniert werden, feiert die Stadt das Medium Fotografie bereits jetzt im Rahmen der 9. Triennale der Photographie. Diese von Gundlach einst initiierte Großveranstaltung macht die Stadt im Sommer 2026 zum Schauplatz für elf Ausstellungen. Das Bucerius Kunst Forum widmet sich dabei Gundlachs Rolle als unermüdlicher Förderer und Sammler. In der Ausstellung werden neben seinen eigenen Ikonen auch Werke von Weggefährt*innen wie Ute Mahler gezeigt, deren Bild Zwei Models im Kreuzgang von 1989 die melancholische Strenge und grafische Kraft illustriert, die Gundlach in der Fotografie so schätzte.

Ute Mahler – Zwei Models im Kreuzgang, 1989 (Fotorechte: Ute Mahler)

Es ist diese Kombination aus dem eigenen Schaffen und dem Blick für die Qualität anderer, die Gundlach so einzigartig machte. Er sammelte nicht für den Tresor, sondern für die Erkenntnis.

F.C. Gundlach hat uns gelehrt, dass ein Foto nie nur ein Abbild der Realität ist, sondern immer auch eine Konstruktion von Wahrheit, Sehnsucht und Zeitgeist. Sein Erbe in Hamburg ist kein staubiges Denkmal, sondern eine Aufforderung zum genauen Hinsehen. Mit der nun gesicherten Zukunft seiner Sammlung in den Deichtorhallen bleibt Hamburg ein Ort, an dem die Fotografie atmen, sich verwandeln und uns immer wieder neu befragen kann. Ein würdigeres Geschenk hätte man dem großen Visionär zu seinem 100. Geburtstag kaum machen können.

Die Ausstellung: F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone | Laufzeit 8. Mai bis 16. August 2026

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12, 20457 Hamburg | www.buceriuskunstforum.de

Die Sammlung F.C. Gundlach wird ab der Wiedereröffnung des sanierten Hauses der Photographie in den Deichtorhallen (voraussichtlich 2028) dauerhaft in neuen Räumlichkeiten präsentiert. Aktuelle Informationen zu den Baufortschritten und Interims-Projekten finden Sie unter www.deichtorhallen.de.

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Wo der Code die Kunst trifft https://www.tiefgang.net/wo-der-code-die-kunst-trifft/ Tue, 21 Apr 2026 14:02:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13666 [...]]]> Wer macht eigentlich die Musik? Hinter jedem Song, der uns durch den Tag begleitet, und jedem Festival, das uns zum Tanzen bringt, steht ein komplexes Räderwerk.

Das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) hat nun ein neues Online-Portal geschaffen, das Licht in das Dickicht aus Rechten, Verlagen und digitalen Transformationen bringt. Es ist eine Einladung an alle Musikfreund*innen, den Blick hinter die Bühne zu wagen.

Wenn wir heute von Musik sprechen, sprechen wir oft von Streaming-Zahlen oder Ticketpreisen. Doch wie diese Welten zusammenhängen, blieb für viele bisher ein gut gehütetes Geheimnis der Branche. Mit dem neuen Fokus-Portal zur Musikwirtschaft bricht das MIZ diese Mauern auf. Es ist kein trockenes Datenarchiv, sondern ein lebendiger Wegweiser durch ein Ökosystem, das sich im ständigen Wandel befindet.

Ein Kompass für die Ära der Digitalisierung

Das Portal gliedert das Wissen in mehrere zentrale Teilbereiche, die unser musikalisches Erleben prägen:

Kreative & Urheberrecht: Erfahren Sie, wie Komponist*innen und Textdichter*innen in einer Welt der Algorithmen überhaupt noch wirtschaftlich beteiligt werden.

Live Entertainment: Ein tiefer Einblick in den Konzertmarkt, der heute als wichtigster Motor der Branche gilt und enorme Strahlkraft auf Tourismus und Gastronomie ausstrahlt.

Recorded Music: Von der Vinyl-Renaissance bis zum alles beherrschenden Audio-Streaming – hier werden die technologischen Umbrüche greifbar.

Musikverlage & Verwertungsgesellschaften: Wer schützt die Rechte? Das Portal erklärt die oft unsichtbare Arbeit von Institutionen wie der GEMA oder der GVL.

Instrumentenbau & Fachhandel: Ein Blick auf das traditionelle Handwerk, das heute zwischen globalem Wettbewerb und digitalem Fortschritt steht.

Was das Portal so wertvoll macht, ist die Verbindung von harten Fakten und anschaulicher Aufbereitung. Ob es um die Frage geht, wie hoch die Frauenanteile in Berufsorchestern sind, oder wie viele Millionen Titel täglich auf Streaming-Plattformen hochgeladen werden – das MIZ liefert die Antworten. Es bietet Orientierung über Fördermöglichkeiten, Stipendien und Fachveranstaltungen. Damit wird es zur unverzichtbaren Ressource für alle, die nicht nur Musik hören, sondern das „System Musik“ verstehen wollen.

Um den eigentlichen Wert dieses Werkzeugs zu verstehen, lohnt sich ein vertiefter Blick in drei Bereiche, in denen die Musikwirtschaft gerade eine tektonische Verschiebung erlebt. Wo die Musik der Zukunft entsteht: Das Streaming-Dilemma. Denn wer profitiert vom Klick?

Die Musikwirtschaft meldet Rekordumsätze, doch bei den einzelnen Musiker*innen kommt davon oft nur ein Bruchteil an. Das MIZ-Portal bündelt hierzu das notwendige Faktenwissen, um die Debatte um „User-Centric Payment“ zu verstehen. Während das aktuelle „Pro-Rata-Modell“ die Einnahmen in einen großen Topf wirft und nach Marktanteilen verteilt, zeigt das Portal Alternativen auf, wie die monatliche Abo-Gebühr direkter bei den tatsächlich gehörten Künstler*innen landen könnte.

Oder das Thema der GEMA und ihre oft unverständlichen Strukturen: Hinter dem oft als trocken empfundenen Begriff der „Verwertungsgesellschaft“ verbirgt sich das Immunsystem der Kulturlandschaft. Das Portal macht transparent, wie Institutionen wie die GEMA oder die GVL sicherstellen, dass Urheber*innen auch in einer grenzenlosen digitalen Welt entlohnt werden. Es verfolgt den Weg eines Euros vom Ticketkauf bis zum Notenblatt und erklärt, warum diese kollektive Rechtewahrnehmung gerade für Nischengenres und den musikalischen Mittelstand die einzige Überlebensgarantie gegen die Übermacht globaler Tech-Giganten ist.

Ebenso findet sich einiges zum Thema Musik & KI, der nächsten industriellen Revolution: Wir stehen an der Schwelle, an der Künstliche Intelligenz nicht mehr nur Werkzeug, sondern Miturheberin wird. Das MIZ-Portal dient hier als Radar für die rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen von morgen. Wem gehört ein Song, der auf Knopfdruck im Stil eines verstorbenen Weltstars generiert wurde? Wie schützen wir die menschliche Kreativität vor der algorithmischen Flut? Das Portal bündelt aktuelle Stellungnahmen und Expertisen zu Urheberrechtsschutz und Kennzeichnungspflichten und wird so zur unverzichtbaren Orientierungshilfe in einer Ära, in der die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.

Die Musikwirtschaft ist einer der Treibstoffe unserer Kultur. Das neue Portal des MIZ zeigt uns, dass Innovation und Tradition keine Gegensätze sein müssen. Es lädt uns ein, die Musik nicht nur als flüchtiges Geräusch, sondern als wertvolles Kultur- und Wirtschaftsgut zu begreifen.

Wollten Sie schon immer wissen, wie das „Income Tracking“ bei einem Musikverlag funktioniert oder wie sich die Honorare von Berufsmusiker*innen zusammensetzen? Dieses Portal hat das Zeug dazu der neue digitale Lieblingsort zu werden.

Das Portal: miz.org/de/themen/musikwirtschaft

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Vögel auf dem Drahtseil https://www.tiefgang.net/voegel-auf-dem-drahtseil/ Tue, 14 Apr 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13630 [...]]]> Es gibt Traditionen, die eine Stadt nicht nur schmücken, sondern sie im Kern definieren. In Buxtehude ist das die Kunstinsel.

Seit 2009 verwandelt sich der kleine Ponton auf der Este alljährlich in eine Bühne für die regionale Kunstszene. Initiiert wurde das Ganze einst von Jürgen K.F. Rohde, und seitdem hat sich die schwimmende Plattform zu einem echten Leuchtturm im öffentlichen Raum entwickelt. In diesem Jahr, zur 18. Ausgabe, kehrt ein alter Bekannter zurück: Folkert Bockentien bespielt die Insel zum dritten Mal und bringt eine Installation mit, die so leichtfüßig daherkommt, wie ihr Titel es verspricht, und doch eine enorme Tiefe in den Wellen verbirgt.

Der Titel der Installation, balance 3, birds in balance, weckt sofort Assoziationen. Wer denkt bei Vögeln auf einer Stange nicht unweigerlich an Leonard Cohens unsterbliche Zeile like a bird on a wire? Bockentien fängt genau dieses Gefühl ein: den Moment zwischen Innehalten und Abflug, zwischen absoluter Ruhe und plötzlicher Bewegung.

Das Spannende an seiner Arbeit ist ihre Reaktivität. Diese drei stilisierten Vögel aus gelbem und blauem Sperrholz sind keine statischen Monumente. Sie reagieren auf den Wind, der durch das Estetal zieht, und auf die Wellen, die gegen den Ponton schlagen. Es ist ein lebendiger Dialog mit der Natur. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische Skulptur wirkt, ist eine technisch präzise ausbalancierte Konstruktion, bei der im Inneren Bleigewichte dafür sorgen, dass das fragile Gleichgewicht gewahrt bleibt – ein schönes Sinnbild für unsere eigene Suche nach Stabilität in bewegten Zeiten.

Die Farbwahl in Gelb und Blau ist ein kluger, vielschichtiger Schachzug. Natürlich sind es die Farben der Hansestadt Buxtehude, eine klare Liebeserklärung an die Heimat. Doch im Jahr 2026 schwingt in dieser Kombination unvermeidlich auch die Solidarität mit der Ukraine mit. Es ist bezeichnend für Bockentiens Prozess, dass er sich von der ursprünglichen Idee – dem Schwarz-Weiß-Blau der Elstern in seinem Garten – weg zum Leuchtenden, Signalhaften bewegt hat. Er möchte ein buntes Stückchen Buxtehude schaffen, das die Sinne anregt und den Blick weitet.

Doch hinter der ästhetischen Freude verbirgt sich eine ernste ökologische Reflexion. Der Titel spielt auf eine Balance an, die in der Realität längst verloren gegangen ist. Während die hölzernen Vögel auf der Este sanft im Wind schaukeln, schlägt der NABU Deutschland Alarm: Die Bestände der Feldvögel sind seit 1980 um bis zu 88 Prozent eingebrochen.

Bockentiens Werk wird so zu einem Mahnmal der Abwesenheit. Es macht auf das aufmerksam, was wir immer seltener hören und sehen. Die Kunstinsel wird zum Resonanzraum für ein Thema, das uns alle angeht. Es ist diese Mischung aus lokaler Verbundenheit, handwerklicher Präzision und globaler Relevanz, die die Kunstinsel Jahr für Jahr so unverzichtbar macht.

Bevor die Vögel ihre Balance auf dem Wasser finden, ist Muskelkraft gefragt. Wie in jedem Jahr wird die Insel mit tatkräftiger Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr zu Wasser gelassen – ein wunderbares Beispiel für das Ineinandergreifen von Kultur und bürgerschaftlichem Engagement in der Stadt. Wenn am 25. April die offizielle Eröffnung gefeiert wird, wird Buxtehude einmal mehr beweisen, dass Kunst nicht in geschlossene Räume gehört, sondern mitten ins Leben, dorthin, wo das Wasser fließt und der Wind weht.

Installation: Folkert Bockentien – balance 3, birds in balance

Eröffnung: Samstag, 25. April 2026, 13 Uhr

Auf der Este, Höhe Stadtpark / Zwischen den Brücken 8, 21614 Buxtehude

Die Installation wird für ein Jahr auf der Este und bei freiem Eintritt zu sehen sein.

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Eine Hommage an Heidi Meyer https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-heidi-meyer/ Mon, 13 Apr 2026 22:33:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13593 [...]]]> Die Buxtehuder Künstlerin Heidi Meyer verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Werkschau vom Kunstbetrieb.

Wenn sich am Die., 28. April 2026 die Türen des Buxtehuder Marschtorzwingers für die Ausstellung Geschriebene Farben öffnen, schließt sich ein beeindruckender Lebenskreis. Für die in Hamburg geborene und heute in Buxtehude lebende Künstlerin Heidi Meyer ist diese Schau die letzte ihrer öffentlichen Karriere. Es ist ein Abschied voller Dankbarkeit, ein bewusster Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb, der jedoch keineswegs ein Verstummen bedeutet. Vielmehr ist es die Krönung eines Werkes, das die Grenzen zwischen Kontinenten, Techniken und philosophischen Ansätzen über Jahrzehnte hinweg aufgelöst hat.

Wer die großformatigen Arbeiten Heidi Meyers betrachtet, stößt auf eine faszinierende Verbindung aus fernöstlicher Zurückhaltung und westlicher Abstraktion. Die Technik, mit der sie Papier eigenhändig auf Holzrahmen aufzieht und bearbeitet, hütet sie wie ein kostbares Geheimnis. Dahinter steckt kein bloßer Schutz vor Nachahmung, sondern eine tiefgehende Überzeugung: Jede*r Künstler*in muss den eigenen Weg, die eigene Haptik und den eigenen Widerstand des Materials selbst erproben und finden. Es geht um die Freiheit des Experiments.

Diese Freiheit prägte auch ihre Zeit als Hochschuldozentin an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Das gemeinsame Erkunden, wie Wasser auf verschiedenen Papiersorten reagiert oder wie eine Linie im Raum atmet, war ihr wichtiger als starre Vorgaben. Ihr Werk fordert ein Nachspüren der Natur und das In-Verbindung-Setzen mit der Farbe, was ihr selbst, wie sie sagt, ein Gefühl des Seins gibt.

Zwischen Osaka, Paris und der Geest

Meyers Biografie liest sich wie eine Landkarte der Weltkunst. Lange Jahre lebte und arbeitete sie in Japan, einem Land, zu dem sie eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbundenheit entwickelte. Ihr Stil der geschriebenen Malerei ist ohne die Einflüsse der japanischen Kalligrafie und Formensprache kaum denkbar. Dass der japanische Kaiser gleich dreimal die Schirmherrschaft für ihre Ausstellungen unter dem Titel Japan in Deutschland übernahm, unterstreicht die außergewöhnliche Relevanz ihres Schaffens im interkulturellen Dialog.

Ihre Werke hängen heute an Orten von globaler Strahlkraft: vom Rathaus in Osaka über das Goethe-Institut in Hanoi bis hin zu bedeutenden Sammlungen in Paris, Singapur und den USA. Auch nationale Institutionen wie die Staatsgalerie Stuttgart oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg führen ihre Arbeiten. Doch trotz dieser Weltläufigkeit blieb der Bezug zur norddeutschen Heimat stets lebendig. Nach Jahren im Ausland kehrte sie nach Buxtehude zurück, betrieb dort ihre Galerie Am Geesttor und bereicherte die regionale Kunstlandschaft nachhaltig.

Ein besonderes Juwel dieser letzten Ausstellung wird die Vorführung ihres 16-mm-Kurzfilms Es könnte Frühling werden, oder es wird sowieso Frühling oder nicht aus dem Jahr 1976 sein. Aufgenommen mit einer Bolex-Kamera, ungeschnitten und im radikalen Selbstversuch, zeigt der Film eine Künstlerin, die schon früh keine Angst vor dem Unvollkommenen und dem Prozesshaften hatte. Es ist ein Dokument des Mutes zum Sehen – ein Appell, den sie bis heute an ihre Betrachter*innen richtet: Statt Kunst vorschnell zu bewerten, solle man ihr offen begegnen und eigene Eindrücke wachsen lassen.

Die Laudatio zur Eröffnung wird Dr. Manfred Osten halten – ein Weggefährte, der sie bereits in Tokio und Paris begleitete und somit den Bogen von der Welt zurück in den Marschtorzwinger schlagen wird. Auch wenn sich Heidi Meyer nun zurückzieht, bleiben ihre Farben geschrieben – in den Sammlungen der Welt und in den Herzen derer, die ihren Ruf zum Mut zum Sehen gehört haben.

Heidi Meyer – Geschriebene Farben | 28. April bis 7. Juni 2026

Filmvorführung: Sonntag, 31. Mai 2026, 14:00 Uhr (16-mm-Kurzfilm von 1976)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 –18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Eintritt: Frei

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Ein Künstlerdorf zum Hafenfest https://www.tiefgang.net/ein-kuenstlerdorf-zum-hafenfest/ Sun, 12 Apr 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13610 [...]]]> Wenn im Juni das 24. Harburger Binnenhafenfest die Segel setzt, geht es längst nicht mehr nur um Schiffe und Schanty-Chöre. Inmitten von Fischbrötchenduft und Takelagengeschnack entsteht 2026 etwas völlig Neues: Ein begehbares Künstlerdorf.

Hinter der Vision des „PORT ART FESTIVAL“ stecken zwei Köpfe, die man im Hamburger Süden kennt wie bunte Hunde: Resi und Bernd Muss.

Resi, die mit ihrer „Resis Art“ normalerweise den Kulturkiosk an der Blohmstraße beim „Art Cornern“ in eine Freiluftgalerie verwandelt, und Bernd Muss, der Meister des maritimen Treibguts und der Street-Art, bündeln ihre Kräfte. Ihr Plan: Eine 100 Quadratmeter große Fläche direkt am Wasser wird zum Epizentrum der lokalen Kreativszene.

„Wir wollen Kunst sichtbar machen – und zwar dort, wo das Leben tobt“, so der Tenor der Initiator*innen. Statt weißer Galeriewände gibt es weiß gestaltete Bauzaunwände, statt steriler Stille herrscht Hafenatmosphäre. Bis zu 15 Kunstschaffende aus Harburg und dem Umland sollen hier ihr Zuhause auf Zeit finden.

Das Besondere an diesem „Künstlerdorf“ ist die Unmittelbarkeit. Wer hier ausstellt, muss auch da sein. Keine anonymen Schilder, sondern echte Gespräche zwischen Pavillons und Kuchengabeln. Besucher*innen werden mit einer Postkarte begrüßt, die wie ein kleiner Kompass durch die Vielfalt der Stile führt – und ein Kuchengutschein sorgt dafür, dass die Verweildauer (und die Gesprächsbereitschaft) steigt.

Es ist dieser typische Harburger Spirit: Man macht es einfach. Man vernetzt sich. Unterstützt durch den Sponsor Schüthe Druck & Verlag, verwandelt sich eine kahle Fläche in einen Ort der Begegnung. Port Art ist dabei mehr als eine einmalige Show; es ist der Versuch, die Erfahrungen des „Art Cornerns“ in den großen, öffentlichen Raum des Hafens zu tragen.

Aufruf an die Szene: „Wir suchen dich!

Noch ist das Dorf nicht voll besetzt. Bernd Muss und Resi rufen die lokale Kunstszene dazu auf, Teil dieser Premiere zu werden. Ob Malerei, Skulptur oder Street-Art – gesucht werden Künstler*innen, die Lust haben, ihren Elfenbeinturm gegen eine Meeresbrise einzutauschen.

Wer dabei sein will, sollte nicht lange fackeln: Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 30. April 2026. Es ist die Chance, Teil eines Formats zu werden, das Kunst nicht nur zeigt, sondern sie mitten in das Herz des Harburger Sommers pflanzt.

Der Ruf des Hafens – So seid ihr dabei:

  • PORT ART FESTIVAL im Rahmen des 24. Harburger Binnenhafenfests
  • 5. bis 7. Juni 2026
  • Bewerbung mit Foto der Arbeiten und kurzer Info an info@resis-art.de oder info@berndmuss.de
  • Deadline: 30. April 2026

Gehen wir cornern – diesmal im großen Stil am Kai!

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