Literatur https://www.tiefgang.net Mon, 07 Sep 2026 10:55:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Neugrabens Buchladen ist spitze! https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/ https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/#respond Tue, 08 Sep 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14488 [...]]]> Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps: diese Kriterien des Neugrabener Buchladens waren preiswürdig!

An einem Spätsommerabend galt alle Aufmerksamkeit den literarischen Stätten der Hansestadt. Hamburg blickte dorthin, wo Kultur nicht nur verwaltet, sondern mit Leib und Seele gelebt wird. Als Höhepunkt der 13. Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus Hamburg wurden am vergangenen Samstagabend wieder drei besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis geehrt. Die Auszeichnung, die von der Behörde für Kultur und Medien seit 2014 alle zwei Jahre vergeben wird, ist mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro dotiert.

Staatsrätin für Kultur und Medien Jana Schiedek hob bei der Preisübergabe die unverzichtbare Rolle des unabhängigen Buchhandels hervor: „Der unabhängige Buchhandel öffnet uns mit Kreativität und Leidenschaft die Welt der Literatur. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler unserer Stadt laden uns ein, in ferne Welten abzutauchen und helfen uns, unsere eigene Welt besser zu verstehen.“ Oft zeigten sie dabei auch Haltung und eckten an – genau das mache sie für eine freie und offene Gesellschaft so wichtig.

Aus sieben Nominierungen wählte die hochkarätig besetzte Jury – bestehend aus Dr. Thomas Andre, Dr. Antje Flemming, Volker Petri, Frauke Untiedt und Bede Lüdemann – in diesem Jahr drei Preisträger aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Geist atmen:

  • Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben): Mitten in der Neugrabener Einkaufsmeile führt Bettina Meyer mit ihrem Team seit vielen Jahren einen Ort, der aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken ist. Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps zeichnen das Geschäft aus.
  • Frau Büchert (Eimsbüttel): Jana Büchert hat die einstige Kinder- und Jugendbuchhandlung (PÄKI) seit ihrer Übernahme 2018 zu einem breit aufgestellten Anlaufpunkt im Grindelviertel weiterentwickelt und im vergangenen Jahr sogar um wertvollen Raum für ein feines Non-Book-Sortiment ergänzt.
  • Schanzenbuchhandlung (Schanzenviertel): Das traditionsreiche Kollektiv prägt das Schanzenviertel seit den frühen 1990er-Jahren an zwei Standorten mit den Schwerpunkten Literatur und Politik im Schulterblatt sowie Kinderbuch und Pädagogik in der Schanzenstraße. Eine Buchhandlung mit klarer Kante und dezidierter Meinung, die sich im wandelnden Viertel unerschrocken behauptet.

Diese drei Buchhandlungen zeigen einmal mehr, dass der echte, unabhängige Buchhandel weit mehr ist als ein Ort des Verkaufs: Er ist die literarische Herzkammer der Stadt.


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Mord und Musik über den Dächern Harburgs https://www.tiefgang.net/mord-und-musik-ueber-den-daechern-harburgs/ https://www.tiefgang.net/mord-und-musik-ueber-den-daechern-harburgs/#respond Thu, 27 Aug 2026 15:07:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14461 [...]]]> Manchmal führt der Weg ins Verbrechen direkt über die Schienen des Harburger Bahnhofs und ein paar Meter weiter in die Hannoversche Straße. Doch wer das PHNX Coliving betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um temporäre Bleiben für Fernreisende oder Auswärtige.

Das Haus ist längst ein lebendiger, urbaner Ankerpunkt im Süden der Hansestadt geworden. Und das im wahrsten Sinne des Wortes erhebenswert, denn ein nostalgischer Paternoster transportiert die Gäste geradewegs hinauf in die Sky Lounge.

Über den Dächern Harburgs, wo exzellente Drinks und feine Snacks gereicht werden, entfaltet sich regelmäßig ein Kulturprogramm, das seinesgleichen sucht. Häufig geschieht dies in bewährter Kooperation mit dem lokalen Netzwerk SuedKultur – man denke nur an die atmosphärisch dichten Lesungen im Rahmen der SuedLese Literaturtage. Nun lädt Hotelmanager Frank Wesselhoefft bereits zum wiederholten Male zu einem echten Highlight ein: den Crime Days im PHNX. Und weil der Gastgeber selbst ein ausgewiesener Kenner der Materie ist, wird er es sich nicht nehmen lassen, im Rahmen der Tage auch höchstpersönlich spannende, aktuelle Neuerscheinungen zu präsentieren.

Vier Tage lang verwandelt sich die Sky Lounge in einen Tatort der guten Unterhaltung:

Den Auftakt machen am 15. September die Crime Ladies Regine Seemann und Carola Christiansen. Während Regine Seemann mit ihrem neuen Gmeiner-Kriminalroman Endstation Elbe (in dem die Kommissarinnen Stella Brandes und Banu Kurtoğlu von der Mordbereitschaft 5 einen vermeintlichen Selbstmord in Moorwerder aufrollen) tief in Hamburgs Vergangenheit eintaucht, entführt Carola Christiansen das Publikum mit ihren packenden Krimis in den rauen, nordatlantischen Kosmos der Färöer-Inseln.

Am 16. September übernimmt der Hamburger Krimi-Erfolgsautor Ben Westphal das Kommando. Als ehemaliger Rauschgiftfahnder weiß der gebürtige Hamburger genau, wovon er schreibt. Seine temporeichen, absolut authentischen Romane wie Der Bulle auf St. Pauli oder Der Bulle in der Hafencity gewähren ungeschönte Einblicke in die Hamburger Unterwelt, den Kiez und die Drogenkriminalität – knallhart, nah an der Realität und mit echtem Lokalkolorit.

Musikalisch wird es am 17. September: Ronja Hilbigs Southside Co. bricht mit der literarischen Stille und serviert handgemachte, stimmungsvolle Live-Musik. Ein perfekter, jazzig-grooviger Kontrapunkt über den Lichtern der Stadt, bevor die Crime Days am 18. September mit einer geselligen Crime Watch Party ausklingen, bei der sich treue Genre-Fans und Neugierige noch einmal über die besten Fälle austauschen können.

Übrigens: Wer nach dem literarischen Herbst noch mehr Kultur sucht, darf gespannt sein. Für den Herbst ist bereits eine Kooperation mit der Kunstleihe Harburg in Planung, die spannende Künstler*innen aus ihrem Netzwerk im PHNX vorstellen wird. Man darf sich also freuen – es wird noch einiges folgen.

Die Termine im Überblick:

  • 15. September: Crime Ladies (Regine Seemann & Carola Christiansen) – Beginn: 18.30 Uhr
  • 16. September: Hamburger Krimi-Erfolgsautor Ben WestphalBeginn: 18.30 Uhr
  • 17. September: Ronja Hilbigs Southside Co.Konzertbeginn: 20 Uhr
  • 18. September: Crime Watch PartyBeginn: 18.30 Uhr

Sky Lounge im PHNX Coliving, Hannoversche Straße 88a, 21079 Hamburg


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Die literarische Herzkammer der Stadt https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/ https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/#respond Tue, 04 Aug 2026 09:16:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14346 [...]]]> Wenn die Kulturbehörde die Shortlist des Buchhandlungspreises verkündet, blickt man auch dorthin, wo das gedruckte Wort gegen die Vereinzelung kämpft. Ein Nachruf, eine Verbeugung und ein Blick aus dem Süden.

Es gibt Orte in einer Metropole, die sich dem hastenden Takt des Alltags entziehen. Sie duften noch nach Druckerschwärze, altem Papier und einer ganz besonderen Sorte Geduld. Wenn die Stadt Hamburg stets im Sommer die Shortlist für ihren Buchhandlungspreis bekannt gibt, ist das weit mehr als eine administrative Notiz aus dem Haus an den Hohe Bleichen. Es ist ein Befund über den Zustand unserer urbanen Kultur: Wer liest wo, wer hält die Stellung, während um die Ecken herum die Kettenläden und digitalen Algorithmen das Feld übernehmen?

Besonders für uns hier im Hamburger Süden schlägt dieses literarische Herz in einem ganz eigenen Takt. Es ist kein Zufall, dass die Wilhelmsburger Buchhandlung Lüdemann – im Vorjahr selbst preisgekrönt – diesmal als Teil der unabhängigen Jury mit am Tisch saß und mit wahrem Blick über die Elbe wog, welche Orte das geistige Gewebe dieser Stadt zusammenhalten. Und wenn man den Blick weiter nach Süden richtet, hin zum südwestlichen Neugraben, füllt sich diese Shortlist mit tiefem Leben: Der Buchladen von Bettina Meyer ist nominiert. Ein Ort, an dem Literatur nicht verkauft, sondern gelebt wird – getragen von einer Inhaberin, deren Schmerz über den erst kürzlich verstorbenen Ehemann noch schwer auf dem Laden lastet, und die dennoch den Mut hat, diesen Raum der Kultur offenzuhalten.

Sieben inhabergeführte Buchhandlungen stehen in diesem Jahr auf der engsten Auswahlliste, sie spannen den Bogen von der Neustadt bis in die Außenbezirke. Kultursenator Brosda betont wohl auch mit Seitenhieb auf den Bundeskulturbeauftragten Weimer: „Das Engagement für eine vielfältige Literaturlandschaft und einen freien und offenen Diskurs verdient besondere Anerkennung.“

Die nominierten Buchhandlungen:

Buchhandlung Blattgold (Neustadt)

Buchhandlung Lutz Heimhalt (Fuhlsbüttel)

Bücherfuchs (Wedel)

Bücherstube Stolterfoht (Eimsbüttel)

Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben)

Frau Büchert (Eimsbüttel)

Buchhandlung im Schanzenviertel (Schanzenviertel)

Und Literatur kennt neben der Feier des Augenblicks immer auch die Melancholie des Abschieds. Kaum war die Nominierungsliste fixiert, erreichte die Literaturszene zudem die Nachricht vom Tod Frank Bartlings, der die Bücherstube Stolterfoht in Eimsbüttel seit 1997 mit Leib und Seele prägte. Sein Name auf der Liste ist nun ebenso eine schmerzliche Zäsur und eine späte, tief empfundene Verbeugung vor einem Lebenswerk. Ein Buchhändler dieses Schlags ist ein Seelsorger des Geistes.

Wenn am 5. September beim Ausklang der Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus die drei Siegerinnen und Sieger gekürt werden, wird dieser Schatten spürbar sein. Und dennoch liegt in der Shortlist ein tröstliches Versprechen. Ob in Neugraben, in Wilhelmsburg oder in den anderen nominierten Refugien: Hier wird der öffentliche Raum verteidigt als ein Ort der Begegnung, der Kontemplation und des freien Wortes. Hamburg zeigt sich einmal mehr als eine Stadt, die weiß, dass das Buch der wertvollste Kompass für unsere gemeinsame Zukunft ist.


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Hanne Darbovens Erbe in neuem Gewand https://www.tiefgang.net/hanne-darbovens-erbe-in-neuem-gewand/ Wed, 24 Jun 2026 10:15:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14092 [...]]]> Ein Hauch von Exklusivität liegt über dem Burgberg in Harburg-Rönneburg. Dort, wo die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven bis zu ihrem Tod 2009 ihr monumentales Lebenswerk – ein Geflecht aus Zahlenreihen, Kalenderdaten und seriellen Strukturen – schuf, öffnet sich nun die historische Villa für eine neue Ära.

Ein neues internationales Residenzprogramm des Kunstvereins in Hamburg, unterstützt durch die Behörde für Kultur und Medien, JEF – Not a Foundation sowie weitere Partner, macht diesen Ort erstmals einer breiteren künstlerischen Auseinandersetzung zugänglich.

Die Resonanz in der „institutionellen Welt“ mag groß sein, doch in der breiten Öffentlichkeit bleibt das Vorhaben bislang erstaunlich unbemerkt. Die Kommunikation wirkt so diskret, dass sich die Frage stellt, ob hier ein exklusiver Zirkel den Dialog zwischen Erbe und Gegenwart pflegt, ohne den Bezirk oder Stadtteil, in dem das Werk gewachsen ist, einzubeziehen. Es ist das bekannte Paradoxon des Kunstbetriebs: Man schafft neue Räume für den Austausch, agiert dabei aber mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung, die eher an ein geschlossenes System als an einen lebendigen Diskurs erinnert.

Hanne Darboven in Rönneburg. (Foto Michael Danner)

Dabei ist die Bedeutung Darbovens für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts kaum zu überschätzen. Ihre Praxis, die Literatur, Bildhauerei und Musik zu einem zeitlichen Raster verdichtete, ist in Harburg physisch präsent – etwa durch die Installation im Gebäudekomplex der Technischen Universität Hamburg (TUHH), die architektonische Strenge in Zeitlichkeit übersetzt. Dass die Stiftung nun die historische Villa am Burgberg öffnet, markiert eine Zäsur: Der einstige Ort stiller Archivierung wandelt sich zum lebendigen Atelier. Prof. Dr. Christoph H. Seibt, Vorstand der Hanne Darboven Stiftung, betont: „Mit dem neuen Residency-Programm öffnen wir die historische Villa für zeitgenössische Kunst und fördern den Dialog zwischen Hanne Darboven und jüngeren künstlerischen Positionen.“

Mit der US-Amerikanerin Nandi Loaf als erster Artist-in-Residence vollzieht die Stiftung einen inhaltlichen Kurswechsel. Während Darboven das System archivierte, hinterfragt Loaf in ihrer neuen Werkreihe „Zirkus“ die heutige Aufmerksamkeitsökonomie und die Grenzen zwischen Kunst und Konsumprodukt. Für Milan Ther, Direktor des Kunstvereins in Hamburg, ist dies ein notwendiger Schritt: „Wir schaffen einen neuen Ort für künstlerische Produktion und internationalen Austausch in Hamburg.“

Doch bleibt die Kritik an der mangelnden Sichtbarkeit bestehen. Wenn eine Initiative, die mit insgesamt 40.000 Euro an Anschubfinanzierung öffentlicher und privater Partner ausgestattet ist, den Anspruch erhebt, die Kunstszene Hamburgs nachhaltig zu bereichern, sollte die Partizipation der lokalen Bevölkerung kein „notwendiges Übel“ sein. Ein Sommerfest, angekündigt als „immersive Veranstaltung“ und „inszenierte Verführung“, droht bei dieser Art der Bekanntmachung zur bloßen Selbstvergewisserung eines Zirkels zu verkommen, statt den Burgberg als Ort des Austauschs für Harburg zu etablieren. Der Bezirk wäre gut beraten, das Zusammenspiel mit Playern wie der Sammlung Falckenberg oder dem Kunstverein Harburger Bahnhof strategisch zu nutzen, um sich als Kunstbezirk breiter aufzustellen.

Die Chance auf einen Dialog zwischen internationaler Szene und lokaler Realität besteht – man muss sie jedoch auch für die Öffentlichkeit sichtbar machen.

Die Eröffnung am Sa., 27. Jun., ab 16 Uhr im Hanne Darboven Haus, Am Burgberg 26, wird von einer Performance sowie einem Sommerfest begleitet, das bis in den späten Abend andauern soll. Ob diese Veranstaltung eine Brücke in die Nachbarschaft schlägt oder lediglich ein geschlossenes Ereignis für das Fachpublikum bleibt, wird sich zeigen. Denn eine Anmeldung zur Besichtigung war nur bis Ende Mai möglich.

Weitere Informationen: www.kunstverein.de oder www.hanne-darboven.org


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Der Unbekannte, den alle kennen https://www.tiefgang.net/der-unbekannte-den-alle-kennen/ Sat, 06 Jun 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13974 [...]]]> Wer in den 1950er bis 1970er Jahren aufgewachsen ist, hat sie vermutlich im Regal gehabt: Jugendbuch-Klassiker wie „Die Schatzinsel“, „Moby Dick“ oder die legendären Bände der „Fünf Freunde“. Doch hinter den dynamischen, oft mit kräftiger Rohrfeder gezeichneten Bildern steckte meist ein Name, der selbst den treuesten Leser*innen oft kein Begriff war: Kurt Schmischke.

Das Buxtehude Museum holt den Mann hinter den Klassikern nun aus der Anonymität. In Kooperation mit dem Kongress für Kinderbuchillustration „BUNTE HUNTE“ zeigt das Museum vom 13. Juni bis zum 12. Juli 2026 die Pop-up-Ausstellung „Kurt Schmischke – der unbekannte Illustrator, den alle kennen“.

Vom Entwurf zum Abenteuer

Die Ausstellung bietet einen seltenen Einblick in das Schaffen eines Mannes, der seine Karriere als Maler und Grafiker in Berlin begann und ab 1957 in Hamburg lebte. Schmischkes Stil – ein zügiger Strich, ein buntes Figurenrepertoire und eine ausgeprägte Liebe für alles Maritime – prägte das Erscheinungsbild der Jugendbuchkultur jener Jahrzehnte. In Buxtehude werden erstmals ausgewählte Werke aus dem wiederentdeckten Nachlass des Künstlers präsentiert, die den gesamten Prozess vom Erstentwurf bis zum fertigen Buchcover nachvollziehbar machen. Ein Muss für alle, die eine Reise in ihre eigene Kindheit antreten wollen.

Europäische Archäologietage als Bonus

Der Museumsbesuch in Buxtehude lohnt sich im Juni gleich doppelt. Passend zur Ausstellung begeht das Museum am Wochenende vom 13. und 14. Juni 2026 die Europäischen Archäologietage mit einem bunten Programm für die ganze Familie:

  • Samstag, 13. Juni, 15 bis 17 Uhr: „Perlenwerkstatt“ für die ganze Familie.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 Uhr: Familienführung durch das Museum.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 bis 15 Uhr: Vortrag der Stadtarchäologin Casha Ipach zum Gräberfeld von Immenbeck mit spannenden neuen Forschungsergebnissen.

Die Pop-up-Ausstellung ist bei freiem Eintritt im Veranstaltungsraum des Buxtehude Museums zu sehen: St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Kontakt: Telefon 04161 50797-0 oder online unter buxtehudemuseum.de

Ob man nun wegen der maritimen Illustrationen von Schmischke kommt oder sich für die archäologische Spurensuche in der Region interessiert: Buxtehude ist in den kommenden Wochen ein lohnendes Ziel für Entdecker*innen.


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Frisches Geld für das Wort https://www.tiefgang.net/frisches-geld-fuer-das-wort/ Mon, 04 May 2026 09:13:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13756 [...]]]> Hamburg geht neue Wege und führt als erstes Bundesland eine strukturelle Förderung für unabhängige Kulturverlage ein. Das ist ein echter Meilenstein.

Insgesamt fließen 700.000 Euro in diesen sogenannten Verlagspakt, um die kulturelle Diversität in den Programmen zu sichern. Das Besondere dabei ist der Fokus: Gefördert werden nicht einzelne Bücher, sondern ganze Programmbereiche der Verlage.

Wer dabei sein will, sollte den 15. Juni 2026 im Blick behalten – bis dahin müssen die digitalen Bewerbungen eingereicht sein. Für alle, die noch Fragen haben, bietet die Behörde am 7. Mai und am 11. Mai digitale Beratungstermine via Skype an.

Ab dem 14. Mai 2026 geht der Wettbewerb um die Hamburger Literaturpreise in die nächste Runde. Bis zum 30. Juni können sich Autor*innen und Übersetzer*innen bewerben, die ihren Erstwohnsitz in Hamburg oder im HVV-Gebiet ABCD (kein Witz!) haben.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • Insgesamt werden 12 Preise in acht Kategorien vergeben.
  • In den Sparten Roman, Erzählung, Lyrik/Drama, Kinder- und Jugendbuch sowie Comic winkt ein Preisgeld von jeweils 8.000 Euro.
  • Die drei Preise für literarische Übersetzungen sind mit je 4.000 Euro dotiert.
  • Besonders spannend für den Nachwuchs und die freie Szene: Die Jury entscheidet in den meisten Kategorien anonym über noch unveröffentlichte Texte.
  • Die feierliche Verleihung wird am 7. Dezember 2026 im Literaturhaus Hamburg stattfinden.

Comic-Kunst und neue Perspektiven im Exil

Wer lieber Bilder sprechen lässt, sollte sich bis zum 7. Mai die Graphic Novel Tage nicht entgehen lassen. Im Literaturhaus treffen internationale Größen auf deutsche Comicstars, moderiert von Andreas Platthaus. Ein Pflichttermin für alle, die grafische Literatur auf höchstem Niveau erleben wollen.

Gleichzeitig blickt Hamburg über den eigenen Tellerrand hinaus. Das Literaturzentrum sucht eine*n INTRO-Stipendiat*in. Dieses Programm richtet sich an Künstler*innen, die neu in Deutschland sind, weil sie in ihrer Heimat bedroht werden oder ihre Arbeit dort nicht fortsetzen können. Ziel ist es, diesen Kulturschaffenden den Zugang zur Hamburger Szene zu erleichtern und sie beim Netzwerken zu unterstützen.

Ein deutliches Zeichen für die Freiheit der Kunst setzte Kultursenator Carsten Brosda bei seinem Besuch in der Buchhandlung im Schanzenviertel am 29. April. Nachdem das Bundesinnenministerium der Buchhandlung aufgrund von Verfassungsschutz-Erkenntnissen Bundesmittel gestrichen hatte, betonte Brosda die Unabhängigkeit der Hamburger Förderentscheidungen. Sein Statement ist klar: In Hamburg entscheiden Fachjurys über die Kulturförderung, nicht der Geheimdienst. Unter dem Hashtag #brosdabookbro präsentierte er seine eigenen Neuerwerbungen und unterstrich, dass eine freie Gesellschaft auf eine freie Kultur angewiesen ist.

Ob als Autor*in, Verleger*in oder Lesende*r – die Hamburger Literaturszene zeigt sich in diesen Tagen beweglich, wachsam und voller Tatendrang: Nutzen Sie die Chancen, bewerben Sie sich und bleiben Sie neugierig!


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Stimmen der Gegenwart https://www.tiefgang.net/stimmen-der-gegenwart/ Sat, 25 Apr 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13690 [...]]]> Wenn in Buxtehude jährlich die Shortlist für den Buxtehuder Bullen präsentiert wird, ist es immer auch ein lokales Bekenntnis zur Leseförderung und zum Dialog zwischen den Generationen. Am 23. April wurde nun die Liste für den 55. Bullen offiziell vorgestellt.

Aus rund 80 Titeln hat die Jury fünf Favoriten ausgewählt, die nun um die renommierte Stahltrophäe und das Preisgeld von 5.000 Euro konkurrieren.

Das Herzstück dieses Jugendliteraturpreises ist seit seiner Gründung durch Winfried Ziemann im Jahr 1971 die absolute Augenhöhe. Elf Jugendliche und elf Erwachsene bilden eine paritätische Jury. Diese Struktur sorgt dafür, dass die Auswahl nicht über die Köpfe der Zielgruppe hinweg getroffen wird, sondern mitten aus ihrer Lebensrealität heraus entsteht. Dass der Preis heute durch die Stadtbibliothek und Förderer wie die Else und Heinrich Klindworth-Stiftung getragen wird, unterstreicht die tiefe Verwurzelung in der Stadtgesellschaft.

Die diesjährige Shortlist ist ein Spiegelbild globaler und persönlicher Krisen, verpackt in mitreißende Narrative. Jedes der fünf Bücher fordert seine Leser*innen heraus, die Perspektive zu wechseln.

Basma Hallak greift in Please Unfollow (Arctis, 416 Seiten, 19 Euro) das Thema Sharenting auf. Die Geschichte der 17-jährigen Sherry, deren Leben ungefragt auf Social Media vermarktet wurde, ist ein hochaktuelles Plädoyer für das Recht auf die eigene Identität in einer digitalisierten Welt.

Mit Hilde Myklebusts Auch am Tag leuchten die Sterne (CARLSEN, 256 Seiten, 15 Euro; übersetzt von Meike Blatzheim) weht ein norwegischer Wind durch die Auswahl. Die Erzählung über Mia, die zwischen Musical-Träumen und einer schweren Krankheitsdiagnose im Freundeskreis ihren Weg finden muss, besticht durch eine feine Balance zwischen Melancholie und Hoffnung.

Nina Scheweling führt uns mit Academy of Lies – Anatomie einer Verschwörung (LOEWE, 400 Seiten, 16,95 Euro) in die Welt der Elite-Internate. Hier verbindet sich das Thema Organtransplantation mit einem packenden Thriller-Plot, der die moralischen Grenzen wissenschaftlichen Ehrgeizes auslotet.

Einen harten Blick in die Geschichte wirft Moritz Seibert in seinem Debüt Das letzte Aufgebot (Karibu, 320 Seiten, 16,99 Euro). Er erzählt vom Schicksal eines 15-Jährigen in der Hitler-Jugend am Ende des Zweiten Weltkriegs – eine mahnende Erinnerung daran, wie zerbrechlich Frieden und Unschuld sind.

Schließlich lenkt Tara Sullivan mit The Bitter Side of Sweet (Peter Hammer Verlag, 320 Seiten, 14 Euro; übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessica Komina) den Fokus auf die moderne Sklaverei auf Kakaoplantagen. Es ist eine Geschichte über Mut und Widerstand, die uns schmerzhaft bewusst macht, welchen Preis unser täglicher Konsum anderswo fordert.

„Es sind (Jugend-) Romane, die bewegen und Denkanstöße geben. Toll, wenn Bücher oder Geschichten das schaffen. Mit der Shortlist laden wir Jung und Alt dazu ein, mit den Protagonist*innen mitzudenken und mitzufühlen und vielleicht dabei auch die eigene Perspektive zu reflektieren“, so Melanie Hainke, Verantwortliche des Bullen-Projektteams. Für die Buxtehuder*innen und ihre Gäste wird die Literatur so in den kommenden Wochen im gesamten Stadtbild präsent sein. Von Mai bis Juli laden verschiedene Leseplätze in der Altstadt dazu ein, in die nominierten Werke hineinzuschnuppern. Ob in der Altstadtbuchhandlung, im Galerie Café Baham oder direkt am BULLEvard – die Stadt wird zur Leselounge.

Den krönenden Abschluss bildet der Preisentscheid am Dienstag, den 23. Juni 2026, um 19 Uhr im Stieglitzhaus. Dort wird sich zeigen, welches Werk die Jury am stärksten überzeugt hat. Ein Tag im 55. Jahr, in dem Buxtehude einmal mehr beweist, dass gute Geschichten keine Altersgrenzen kennen, sondern Menschen verbinden können. Wer neugierig auf die Stimmen von morgen ist, sollte sich diesen Termin rot im Kalender markieren.

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Was soll ich tun? https://www.tiefgang.net/was-soll-ich-tun/ Thu, 23 Apr 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13658 [...]]]> Wenn der Kleine Saal der Elbphilharmonie am 8. Juni zum Schauplatz des intellektuellen Kräftemessens wird, blickt die literarische Welt auf Hamburg. Der Deutsche Sachbuchpreis 2026 hat seine Nominierten verkündet, und die Liste liest sich wie ein Kompass für eine Welt, die sich zwischen Algorithmen und alten Geistern neu sortieren muss.

Aus 239 eingereichten Titeln hat die Jury acht Werke herausgefiltert, die weit mehr sind als reine Wissensvermittlung. Sie sind Antworten auf die drängende kantische Frage: Was soll ich tun?

Dass der Fokus in diesem Jahr so stark auf der sprachlichen Gestaltung liegt, ist kein Zufall. In einer Ära, in der künstliche Textfluten das Netz überschwemmen, wird die menschliche Durchdringung der Gegenwart zum eigentlichen Qualitätsmerkmal. Jurysprecher Pascal Mathéus, der in seiner Buchhandlung Wassermann in Blankenese täglich den Puls der Leserschaft fühlt, betont genau diesen Wert an sich: Eine verständliche, klare Sprache, die uns Orientierung ermöglicht.

Dabei wird es am Abend der Preisverleihung um weit mehr als nur um Ehre und Prestige gehen. Der Deutsche Sachbuchpreis ist mit insgesamt 42.500 Euro dotiert, was seine Bedeutung als eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum unterstreicht. Die Spannung wird bis zum Schluss gehalten: Erst während der feierlichen Zeremonie in der Hamburger Elbphilharmonie wird das Geheimnis gelüftet, wer den Titel Sachbuch des Jahres mit nach Hause nehmen darf. Der/die Preisträger*in erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro. Doch auch die sieben weiteren Nominierten der Shortlist gehen nicht leer aus – ihre herausragende Arbeit wird mit jeweils 2.500 Euro gewürdigt. Diese finanzielle Anerkennung ist ein klares Signal für die Relevanz tiefgründiger Recherche und kluger Analyse in unserer Gesellschaft.

Die Nominierten

Werfen wir nun einen detaillierten Blick auf die acht Werke, die in diesem Jahr das Rennen um den begehrten Preis machen. Denn jedes dieser Bücher öffnet eine eigene Tür zu den brennenden Fragen unserer Zeit.

Den Anfang macht Heike Behrend mit einer faszinierenden Spurensuche. In Gespräche mit einem Toten taucht sie tief ein in das exzentrische Leben von Gustaf Nagel, dem Propheten vom Arendsee. Nagel war ein Lebensreformer, der barfuß und im Büßerhemd gegen die Konventionen seiner Zeit anrannte und schließlich für geisteskrank erklärt wurde. Behrend verwebt dieses Schicksal meisterhaft mit ihrer eigenen Familiengeschichte und ethnographischen Erkenntnissen. Es ist ein Buch über den schmalen Grat zwischen religiösem Eifer und gesellschaftlicher Ausgrenzung, das uns fragt, wie viel Abweichung eine Gemeinschaft aushält.

Heike Behrend – Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee, Matthes & Seitz Berlin

Ganz anders nähert sich Florence Gaub der Weltpolitik. Ihr Buch Szenario ist kein klassisches Sachbuch, sondern ein interaktives Experiment im Stil eines Choose-your-own-adventure-Romans. Sie versetzt die Leser*innen in die zweite Reihe der Macht – als Berater*innen, die ohne eigene Truppen, aber mit Daten und Intuition über Krieg oder Frieden entscheiden müssen. Es ist ein rasanter Ritt durch außenpolitische Sackgassen und Handlungskorridore, der zeigt, dass die Zukunft kein Schicksal ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die wir heute treffen.

Florence Gaub – Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel, dtv

Tilmann Lahme wiederum wagt sich an ein Denkmal der Weltliteratur: Thomas Mann. Doch statt staubiger Philologie liefert er eine Biografie, die sich wie ein psychologischer Thriller liest. Lahme konzentriert sich auf die prekäre Psyche und das allzumenschliche Innenleben des Autors, jenseits der repräsentativen Fassade. Er fördert Materialien zutage, die bisherige Biografien oft übersahen oder die von Herausgeber*innen diskret zensiert wurden. Das Ergebnis ist das Porträt eines Mannes voller Widersprüche und Sehnsüchte, der uns heute näher ist, als wir dachten.

Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben, dtv

In Dreihundert Männer nimmt uns Konstantin Richter mit in die Hinterzimmer der Macht. Inspiriert von Walther Rathenaus berühmtem Diktum über die 300 Männer, die die Wirtschaft des Kontinents lenken, zeichnet Richter die Geschichte der Deutschland AG nach. Von den Industriekapitänen der Kaiserzeit bis zu den heutigen Global Playern entfaltet er ein Panorama aus Bankiers, Lobbyisten und Managern. Es ist eine glänzend erzählte Chronik des deutschen Kapitalismus, die zeigt, wie engmaschig die Netze gestrickt sind, in denen unsere ökonomische Zukunft verhandelt wird.

Konstantin Richter – Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG, Suhrkamp

Irina Scherbakowa führt uns in ihrem sehr persönlichen Werk Der Schlüssel würde noch passen zurück in ein Moskau, das zwischen Aufbruchshoffnung und dem Abgleiten in die Diktatur schwankt. Als Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial blickt sie auf Jahrzehnte des Widerstands und der Erinnerungsarbeit zurück. Ihre Aufzeichnungen sind geprägt von einer berührenden Verletzlichkeit und der schmerzhaften Frage, warum der Versuch einer demokratischen Transformation Russlands scheitern musste. Ein Buch, das gerade in Hamburg, einer Stadt mit einer langen Tradition als Zufluchtsort, auf offene Ohren stoßen wird.

Irina Scherbakowa – Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen, Droemer

Die großen ethischen Fragen unserer Zeit verhandelt Bettina Schöne-Seifert in Leben, Körper, Tod. Anhand von zwölf aktuellen Kontroversen der Medizinethik – von der Fortpflanzungsmedizin bis zur Sterbehilfe – führt sie uns an die Grenzen unserer Autonomie. Schöne-Seifert schreibt analytisch scharf und doch tief empathisch über den Körper als Ort des Seins und der Verletzlichkeit. Sie zeigt auf, wie medizinischer Fortschritt uns ständig vor neue moralische Zerreißproben stellt, bei denen einfache Antworten oft zu kurz greifen.

Bettina Schöne-Seifert – Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik, Wallstein

Roberto Simanowski widmet sich in Sprachmaschinen der wohl drängendsten technologischen Revolution: der künstlichen Intelligenz. Er analysiert, was es für unsere Kommunikation und unser Selbstverständnis bedeutet, wenn wir Kompetenzen an Algorithmen delegieren. Simanowski fragt nach den Werten, die in diese Maschinen einfließen, und warnt vor einem schleichenden Souveränitätstransfer. Sein explorativer Denkansatz lädt dazu ein, den Hype beiseite zu lassen und stattdessen die philosophischen Tiefenschichten der Digitalisierung zu erkunden.

Roberto Simanowski – Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz, C.H.Beck

Den Abschluss bildet Ronen Steinke mit einer Untersuchung zur Meinungsfreiheit. Er legt den Finger in die Wunde und zeigt auf, wie Polizei und Justiz in Deutschland das Grundrecht auf freie Rede zunehmend einschränken. Steinke plädiert leidenschaftlich für einen offenen Meinungskorridor und warnt davor, unbequeme Kritik durch juristische Hürden im Keim zu ersticken. Sein Buch ist ein Plädoyer für eine lebendige Streitkultur, die gerade in einer polarisierten Gesellschaft wichtiger ist denn je, um die Demokratie wehrhaft zu halten.

Ronen Steinke – Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen, Berlin Verlag

Bevor im Juni die endgültige Entscheidung fällt, ziehen die nominierten Autor*innen noch durch die gesamte Republik. Von Berlin über Frankfurt bis nach München – Hamburg leider nicht – öffnen Buchhandlungen und Kulturzentren ihre Türen für die traditionelle Shortlist-Reise. Es ist die wertvolle Chance für Leser*innen, die Köpfe hinter den Thesen live zu erleben und die Argumente auf Herz und Nieren zu prüfen. Diese Veranstaltungen machen deutlich, dass Sachbücher keine trockene Materie sind, sondern lebendiger Zündstoff für Gespräche am Abendbrottisch oder im Büro. Wer wissen will, wann die Nominierten in der eigenen Nähe Station machen, findet auf der offiziellen Webseite des Preises alle Termine im Überblick: www.deutscher-sachbuchpreis.de

Am Ende ist dieser Preis weit mehr als eine feierliche Gala mit Blick auf die Elbe. Er ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Tiefe. In einer Zeit, in der Informationen oft nur noch in Sekundenbruchteilen konsumiert werden, feiern diese acht Werke die geistige Ausdauer. Sie beweisen, dass wir Menschen mit unserer Neugier und unserer spezifisch menschlichen Sprache Welten erklären können, an denen Algorithmen noch scheitern.

Mein persönliches Resümee: Die Liste 2026 ist ein starkes Signal gegen die Vereinfachung. Sie mutet uns Komplexität zu und belohnt uns dafür mit Erkenntnis. Wenn also im Juni in der Elbphilharmonie das Geheimnis gelüftet wird, wer die Nachfolge der bisherigen Preisträger*innen antritt, gewinnt vor allem die intellektuelle Freiheit. Hamburg wird an diesem Abend zum einem Zentrum einer klugen, streitbaren und vor allem lebendigen Debattenkultur werden. Ein echter Preis für das Wort – und ein hervorragender Grund, sich jetzt schon durch die Shortlist zu lesen und die eigenen Favorit*innen zu entdecken.

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Ein Fest der vollen Häuser https://www.tiefgang.net/ein-fest-der-vollen-haeuser/ Thu, 09 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13602 [...]]]> Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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