Sprache https://www.tiefgang.net Fri, 10 Jul 2026 16:11:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Frisches Geld für das Wort https://www.tiefgang.net/frisches-geld-fuer-das-wort/ Mon, 04 May 2026 09:13:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13756 [...]]]> Hamburg geht neue Wege und führt als erstes Bundesland eine strukturelle Förderung für unabhängige Kulturverlage ein. Das ist ein echter Meilenstein.

Insgesamt fließen 700.000 Euro in diesen sogenannten Verlagspakt, um die kulturelle Diversität in den Programmen zu sichern. Das Besondere dabei ist der Fokus: Gefördert werden nicht einzelne Bücher, sondern ganze Programmbereiche der Verlage.

Wer dabei sein will, sollte den 15. Juni 2026 im Blick behalten – bis dahin müssen die digitalen Bewerbungen eingereicht sein. Für alle, die noch Fragen haben, bietet die Behörde am 7. Mai und am 11. Mai digitale Beratungstermine via Skype an.

Ab dem 14. Mai 2026 geht der Wettbewerb um die Hamburger Literaturpreise in die nächste Runde. Bis zum 30. Juni können sich Autor*innen und Übersetzer*innen bewerben, die ihren Erstwohnsitz in Hamburg oder im HVV-Gebiet ABCD (kein Witz!) haben.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • Insgesamt werden 12 Preise in acht Kategorien vergeben.
  • In den Sparten Roman, Erzählung, Lyrik/Drama, Kinder- und Jugendbuch sowie Comic winkt ein Preisgeld von jeweils 8.000 Euro.
  • Die drei Preise für literarische Übersetzungen sind mit je 4.000 Euro dotiert.
  • Besonders spannend für den Nachwuchs und die freie Szene: Die Jury entscheidet in den meisten Kategorien anonym über noch unveröffentlichte Texte.
  • Die feierliche Verleihung wird am 7. Dezember 2026 im Literaturhaus Hamburg stattfinden.

Comic-Kunst und neue Perspektiven im Exil

Wer lieber Bilder sprechen lässt, sollte sich bis zum 7. Mai die Graphic Novel Tage nicht entgehen lassen. Im Literaturhaus treffen internationale Größen auf deutsche Comicstars, moderiert von Andreas Platthaus. Ein Pflichttermin für alle, die grafische Literatur auf höchstem Niveau erleben wollen.

Gleichzeitig blickt Hamburg über den eigenen Tellerrand hinaus. Das Literaturzentrum sucht eine*n INTRO-Stipendiat*in. Dieses Programm richtet sich an Künstler*innen, die neu in Deutschland sind, weil sie in ihrer Heimat bedroht werden oder ihre Arbeit dort nicht fortsetzen können. Ziel ist es, diesen Kulturschaffenden den Zugang zur Hamburger Szene zu erleichtern und sie beim Netzwerken zu unterstützen.

Ein deutliches Zeichen für die Freiheit der Kunst setzte Kultursenator Carsten Brosda bei seinem Besuch in der Buchhandlung im Schanzenviertel am 29. April. Nachdem das Bundesinnenministerium der Buchhandlung aufgrund von Verfassungsschutz-Erkenntnissen Bundesmittel gestrichen hatte, betonte Brosda die Unabhängigkeit der Hamburger Förderentscheidungen. Sein Statement ist klar: In Hamburg entscheiden Fachjurys über die Kulturförderung, nicht der Geheimdienst. Unter dem Hashtag #brosdabookbro präsentierte er seine eigenen Neuerwerbungen und unterstrich, dass eine freie Gesellschaft auf eine freie Kultur angewiesen ist.

Ob als Autor*in, Verleger*in oder Lesende*r – die Hamburger Literaturszene zeigt sich in diesen Tagen beweglich, wachsam und voller Tatendrang: Nutzen Sie die Chancen, bewerben Sie sich und bleiben Sie neugierig!


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Ein Fest der vollen Häuser https://www.tiefgang.net/ein-fest-der-vollen-haeuser/ Thu, 09 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13602 [...]]]> Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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Jetzt seid ihr dran! https://www.tiefgang.net/jetzt-seid-ihr-dran/ Mon, 23 Mar 2026 09:54:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13542 [...]]]> Ein spitzer Stift im alten Gemäuer: Die Karikatur findet einmal im Jahr im Schloß Agathenburg, nahe Stade, ihr perfektes Zuhause. Dieses Jahr: „Jetzt seid ihr dran!“

Wenn der historische Glanz eines Barockschlosses auf den unbändigen Spott der Gegenwart trifft, dann ist wieder Zeit für den Deutschen Karikaturenpreis auf Schloss Agathenburg. Unweit von Harburg, mit eigener S-Bahn-Station, findet alljährlich ein Ereignis statt, das beweist, dass Satire nicht nur in verrauchten Kabaretts oder auf glänzenden Smartphone-Displays funktioniert, sondern gerade in der Ruhe eines Kulturdenkmals seine volle Wucht entfaltet. Die aktuelle Ausstellung unter dem Motto „Jetzt seid ihr dran!“ ist mehr als nur eine Werkschau – es ist ein seismographisches Protokoll unserer Gesellschaft, das uns mal zum Lachen bringt und uns im nächsten Moment das Grinsen im Halse stecken lässt.

Der Deutsche Karikaturenpreis, der bereits seit dem Jahr 2000 verliehen wird und heute zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Grafiker*innen und Satiriker*innen im deutschsprachigen Raum gehört, hat in Agathenburg eine feste norddeutsche Heimat gefunden. Was einst als Initiative der Sächsischen Zeitung und der Rheinischen Post begann, strahlt heute weit über die Grenzen der Zeitungsredaktionen hinaus. Der begehrte „Geflügelte Bleistift“ in Gold, Silber und Bronze ist der Ritterschlag für jene Künstler*innen, die es schaffen, die Komplexität der Welt in einem einzigen Bild, einer einzigen Sprechblase zu bündeln.

Das diesjährige Thema „Jetzt seid ihr dran!“ könnte aktueller kaum sein. Es ist ein Ausruf, der in viele Richtungen hallt. Ist es der Aufruf der Alten an die Jungen? Der Vorwurf der jungen Generation an die Politik? Ist es der verzweifelte Ruf der Natur im Zeichen der Klimakatastrophe? Oder ist es die direkte Aufforderung an uns Besucher*innen, endlich aus der passiven Rolle des Beobachtens auszubrechen?

Die Karikaturist*innen der diesjährigen Auswahl nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie bearbeiten den Klimawandel, die Digitalisierung und die absurden Auswüchse der Identitätspolitik mit einer Präzision, die manchmal wehtut, aber immer notwendig ist.

In den vergangenen Jahren hat die Ausstellung in Agathenburg bereits bewiesen, wie wandlungsfähig dieses Genre ist. Ob unter dem Motto „Lass mich in Frieden“, das die Sehnsucht nach Eskapismus in einer krisengeschüttelten Welt thematisierte, oder „Spass beiseite“, das den Ernst der Lage betonte – immer schaffte es die Kuratierung, den Zeitgeist einzufangen. Die Karikatur ist dabei weit mehr als nur ein „Witzbild“. Sie ist eine hochkonzentrierte Form der Kulturkritik. In Zeiten von Fake News und algorithmisch gefütterten Filterblasen wirkt die handgezeichnete, scharfsinnige Pointe wie ein reinigendes Gewitter. In Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit weltweit unter Druck gerät, ist die Karikatur ein Bollwerk der Demokratie. Sie erinnert uns daran, dass wir über die Dinge lachen dürfen – und müssen –, um sie zu verarbeiten.

Besonders reizvoll an der Schau in Agathenburg ist die Atmosphäre. Während man durch die herrschaftlichen Räume wandelt, begegnen einem die Werke von Größen wie Til Mette, Kittihawk oder Greser & Lenz. Dieser Kontrast zwischen der Beständigkeit des Schlosses und der Flüchtigkeit der Tagespolitik erzeugt eine ganz eigene Spannung. Man ertappt sich dabei, wie man vor einer Zeichnung verweilt, schmunzelt und dann ins Grübeln gerät. Die Qualität der Arbeiten liegt oft im Detail – in einem versteckten Gesichtsausdruck oder einer winzigen Referenz am Bildrand, die erst beim zweiten Hinsehen ihre volle Ironie entfaltet.

Damit die Ausstellung kein stilles Museumserlebnis bleibt, haben die Macher*innen ein Rahmenprogramm gestrickt, das zum Diskurs einlädt. Neben den regulären Öffnungszeiten (Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 6 Euro) gibt es Sonderveranstaltungen, die den Blick hinter die Kulissen erlauben. Ein Highlight sind die Kurator*innenführungen, bei denen man erfährt, nach welchen Kriterien die Jury aus den hunderten Einsendungen die Preisträger*innen ausgewählt hat. Wer selbst aktiv werden möchte, sollte nach den Workshop-Angeboten Ausschau halten, die oft parallel zu solchen Ausstellungen stattfinden und zeigen, wie man mit wenigen Strichen eine ganze Weltanschauung erschüttert.

Die Ausstellung „Jetzt seid ihr dran!“ läuft noch bis zum 3. Mai 2026. Wer also Lust auf eine ordentliche Portion Kopfkino und ein Pointengewitter hat, sollte den Weg nach Agathenburg antreten. Es ist eine Einladung, den Stachel der Satire zu spüren und gleichzeitig die Begeisterungsfähigkeit für die Kunst der Reduktion neu zu entdecken. Am Ende verlässt man das Schloss nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit geschärften Sinnen für die Absurditäten unseres Alltags. Und genau das ist es, was gute Kulturarbeit leisten muss: Sie muss uns bewegen, auch wenn wir dabei nur vor einem Bild stehen.

Sondertermine und Begleitprogramm zur Ausstellung Jetzt seid ihr dran!

Freitag, 27. März 2026, 20 Uhr: Cartoon-Live-Show mit Hauck & Bauer
Die Sieger des Deutschen Karikaturenpreises in Gold präsentieren ihr Programm „Dafür haben sie Geld!“. Eine Mischung aus Lesung, Bildershow und Anekdoten.
Ort: Pferdestall / Einlass: 19.15 Uhr; Eintritt: 22,50 € (ermäßigt 5,50 €) – der Preis beinhaltet bereits den Eintritt zur Ausstellung. Tipp: Das Schloss und das Café haben an diesem Abend zur Feier des Tages bis 20 Uhr geöffnet.

Samstag, 2. Mai 2026, 16 Uhr: Finissage und Last Call für den Publikumsfavoriten Die feierliche Verabschiedung der Ausstellung mit der Bekanntgabe des Agathenburger Publikumspreises. Hier wird aufgelöst, welche Karikatur die Herzen der Besucher*innen im Norden am stärksten bewegt hat.

Öffnungszeiten (Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 6 Euro) Die Ausstellung läuft bis zum 3. Mai 2026.

Stiftung Schloss Agathenburg | Hauptstraße 45 | 21684 Agathenburg | Telefon: 04141 64011 | E-Mail: info@schlossagathenburg.de | Webseite: www.schlossagathenburg.de

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Von Comic-Welten bis zur weiblichen Revolution https://www.tiefgang.net/von-comic-welten-bis-zur-weiblichen-revolution/ Tue, 17 Mar 2026 23:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13381 [...]]]> Der März im Hamburger Süden neigt sich dem Ende zu, aber wer denkt, dass die 11. SuedLese leise ausklingt, hat sich gewaltig getäuscht.

In der Finalwoche vom 23. bis 31. März dreht das Festival noch einmal richtig auf und biegt mit Wucht auf die Zielgerade ein, die von Comic-Welten bis zur politischen Revolution reicht. Es ist dieser Mix aus lokalem Herzblut und globaler Relevanz, der die SuedLese so unentbehrlich macht.

Ein Termin, der ins Auge springt, ist der Dienstagabend (24.3., 19 Uhr) im Harburger Integrationsrat. Die Journalist*innen Hussein Geesey und Sorosh Satari nehmen uns mit auf eine Reise, die unter die Haut geht. Sie berichten vom Ankommen in Harburg, aber auch von den lebensgefährlichen Schatten, die sie in Somalia und Afghanistan hinter sich gelassen haben. Dass die Lesung auf Somali und Deutsch stattfindet, ist ein starkes Zeichen für die Vielstimmigkeit unseres Stadtteils.

Am Mittwoch (25.3., 19 Uhr) wird es im Stellwerk am Harburger Bahnhof emotional. Kea von Garnier präsentiert ihr Romandebüt Restsommer. Es geht um diese eine große Entscheidung zwischen Sicherheit und Risiko, zwischen dem väterlichen Bestattungsinstitut und den eigenen Träumen. Eine feinfühlige Geschichte über den Mut zu springen – genau der richtige Stoff für einen Abend in der besonderen Atmosphäre des Bahnhofs.

Und auch das ist typisch für die SuedLese Literaturtage: Nach Drucklegung des Programmfestes wurde noch die Lesung mit Nina Faecke – Gut, dass du nicht mehr da bist am 27.03. um 19 Uhr in der Skylounge des PHNX Co-Living (Skylounge), Hannoversche Straße 88a (gegenüber des Harburger Bahnhofs) gebucht. Die Hamburger Journalistin und Ghostwriterin Nina Faecke gewährt unterhaltsame und tiefgründige Einblicke in die Welt des Ghostwritings. Sie erzählt von geheimen Treffen und der Kunst, die Lebensgeschichten anderer – wie die der Sängerin Peggy March – zum Leben zu erwecken. Im Zentrum des Abends steht ihr aktueller SPIEGEL-Bestseller Gut, dass du nicht mehr da bist (Co-Autorin von Franziska Hohmann). Ein bewegendes, tabubrechendes Werk über die Befreiung aus einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung.

Aber auch das gehört zu einem Literaturfest, das nun immerhin vier Wochen geht: die von vielen mit Spannung erwartete Lesung am Montag (30.3., 18.30 Uhr) in der legendären Kneipe Zur stumpfen Ecke und mit Olivier David fällt krankheitsbedingt und ersatzlos aus.

Den krönenden Abschluss bildet dafür am Dienstag (31.3., 18.30 Uhr) die Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe. Sie analysiert die belarussische Demokratiebewegung und zeigt, wie Care-Arbeit zum politischen Akt gegen eine Diktatur werden kann. Ein Abend über Zivilcourage, der uns alle mit der Frage entlässt, was wir für unsere eigene Freiheit lernen können.

Ob Krimi-Spannung mit dem ehemaligen Rauschgiftfahnder Ben Westphal auf St. Pauli oder poetische Figurenstücke für die Kleinsten bei Theater Rosenfisch – diese letzte Woche bietet wirklich für jede*n etwas. Also, nutzen Sie die letzten Tage dieses Literaturmarathons und lassen Sie sich von der Begeisterung anstecken!

Die Termine im Überblick:

Di., 24. März, 19 Uhr: Hussein Geesey & Sorosh Satari – Ankommen in Harburg, Harburger Integrationsrat, Hermann-Maul-Str. 5, 21073 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

Mi., 25. März, 19 Uhr: Kea von Garnier – Restsommer, Stellwerk, Hannoversche Str. 85, 21079 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

Do., 26. März, 19 Uhr: Bärbel Wegner & Steven Haberland – Harburg. Das Buch, Bücherhalle Harburg, Eddelbüttelstraße 47a, 21073 Hamburg; Eintritt: 5 Euro

Fr., 27. März, 19 Uhr: Ulrich Lubda – In Übersee mit Zungen verschollen, Alles wird schön e.V., Friedrich-Naumann-Str. 27, 21075 Hamburg; Eintritt: frei – Hutspende erwünscht

Do., 27.03. | 19 Uhr: Nina Faecke – Gut, dass du nicht mehr da bist, Eintritt: 5 € | PHNX Co-Living (Skylounge), Hannoversche Straße 88a, 21079 Hamburg

Sa./So., 28./29. März, 10–14 Uhr: Laura Münker – Comics zeichnen (Ferienworkshop), VHS-Zentrum Harburg Carrée, Eddelbüttelstraße 47a, 21073 Hamburg; Kursgebühr: 28 Euro (Anmeldung erforderlich)

Sa., 28. März, 16 Uhr: Regina Denk – Der Fährmann, Buchhandlung am Sand, Hölertwiete 5, 21073 Hamburg; Eintritt: 15 Euro

Sa., 28. März, 18 Uhr: Ben Westphal – Der Bulle auf St. Pauli, Bücherhalle Kirchdorf, Wilhelm-Strauß-Weg 2, 21109 Hamburg; Eintritt: 8 Euro / erm. 5 Euro

Sa., 28. März, 19 Uhr: Maren Osten – Von Doppelgängern und Nachtgeflüster, Schlagzeugstudio Harburg, Heimfelder Str. 43a, 21075 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

Sa., 28. März, 10–14 Uhr: Bina Noss – Online-Schreibwerkstatt, Online via Zoom; Kursgebühr: 34 Euro (Anmeldung erforderlich)

So., 29. März, 11 & 12.45 Uhr: Theater Rosenfisch – Ich mach dich gesund, sagte der Bär (für Kinder), Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20, 21107 Hamburg; Eintritt: 3 Euro (K) / 6 Euro (E)

So., 29. März, 11–16 Uhr: Jutta Martens – Szenisch-kreatives Schreiben (Workshop), VHS-Zentrum Harburg Carrée, Eddelbüttelstraße 47a, 21073 Hamburg; Kursgebühr: 44 Euro (Anmeldung erforderlich)

So., 29. März, 17 Uhr: Ben Westphal – Der Bulle auf St. Pauli, Amtshaus Moisburg, Auf dem Damm 5, 21647 Moisburg; Eintritt: 10 Euro

Mo., 30. März, 18.30 Uhr: Olivier David – Von der namenlosen Menge, Zur stumpfen Ecke, Rieckhoffstraße 14, 21073 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

Mo., 30. März, 19 Uhr: Abschlusslesung der Schreibwerkstatt (Jörn Waßmund), Treffpunkt HH-Süd, Knoopstraße 1, 21073 Hamburg; Eintritt: frei

Di., 31. März, 18.30 Uhr: Olga Shparaga – Die Revolution hat ein weibliches Gesicht, Kulturhaus Süderelbe (JoLa), Am Johannisland 2, 21147 Hamburg; Eintritt: frei

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„Fühlen und Wollen kann Rebellion sein“ https://www.tiefgang.net/fuehlen-und-wollen-kann-rebellion-sein/ Tue, 10 Mar 2026 23:44:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13406 [...]]]> Kea von Ganier arbeitete in einem Job, den sie nicht liebte, versuchte sich als Grafikerin und spürte dann, das Worte ihr Ding sind. Sie begann in Hildesheim Literarisches Schreiben zu studieren und publizierte 2020 ihr erstes (Sach-)Buch „Die Vögel singen auch bei Regen“.

Jetzt bietet sie Schreibwerkstätten und -coachings an und debütiert bei den SuedLese Literaturtagen sie mit ihrem ersten Roman „Restsommer“. Wir haben mit ihr gesprochen.

Tiefgang (TG): Kea, nach deinem Sachbuch „Die Vögel singen auch bei Regen“ ist „Restsommer“ nun dein Romandebüt. War der Wechsel von der Sachbuchebene zur Fiktion ein lang gehegter Wunsch, oder hat Dominiks Geschichte diese Form einfach eingefordert?

Kea von Garnier: Fiktion war immer das Ziel. Das Sachbuch war quasi mein Vehikel, um mich dem literarischen Schreiben zuwenden zu können – der Vorschuss für mein erstes Buch hat das erste Semester meines Studiums am Literaturinstitut Hildesheim finanziert.

Fiktionale Prosa ist und bleibt mein Fokus, deshalb arbeite ich auch schon am nächsten Romanprojekt. Für mich hat Fiktion eine ganz eigene Magie: Der Moment, in dem die Figuren ein Eigenleben entwickeln, in dem sie sich meinen Ideen widersetzen und anfangen, mir ihre Version der Dinge zu erzählen. Das ist für mich, auch wenn es vielleicht etwas pathetisch klingt, einer der erfüllendsten Erfahrungen, die das Leben bietet.

TG: Dein Protagonist Dominik steht kurz vor dem Ende seiner Schulzeit und soll das Bestattungsinstitut seines Vaters übernehmen. Dieser Kontrast zwischen der Welt des Abschieds und dem Aufbruch der ersten großen Liebe ist der Rote Faden. Wie kam die Idee zustande, eine Geschichte ausgerechnet in diesem Umfeld anzusiedeln?

Kea von Garnier: Ich bin grundsätzlich davon fasziniert, dass wir Menschen uns unserer eigenen Vergänglichkeit so bewusst sind. Weil das allem, was wir tun, eine gewisse Dringlichkeit gibt. Und für mich lag genau da ein interessantes Spannungsfeld: Eine Figur wie Domi, mitten in dieser Sturm-und-Drang-Phase, in der emotional alles mit dreifacher Intensität auf einen einprasselt, der so eine große Lust aufs Leben hat – und in diesem Streben, in dieser Wachstumsphase, ist er mit etwas konfrontiert, das ihn massiv hemmt und ihm den glatten Weg in die Welt verwehrt.

Dieses „Ich will, aber ich kann nicht“ – das ist ein Gefühl, das in meiner eigenen Biografie aufgrund meiner chronischen Erkrankungen eine große Rolle gespielt hat und der Punkt, in dem ich Domi von Anfang an sehr nahe war.

Außerdem bin ich starke Hypochonderin – mich mit dem Bestattungswesen zu beschäftigen, war also auch eine persönliche Konfrontationstherapie. (lacht)

TG: Das Buch handelt ja aber auch vom Mut, den vertrauten Boden zu verlassen und für die eigenen Träume zu springen. Als Schreibmentorin hilfst du anderen dabei, ihre eigene Stimme zu finden. Wie viel von diesem Mentor*innen-Geist steckt in der Geschichte?

Kea von Garnier: Es steckt ganz sicher etwas von diesem Geist in Restsommer – ich mag es, Figuren zu schaffen, die viel fühlen, die wirklich etwas wollen. In der Gegenwartsliteratur haben wir es ja oft auch mit Figuren zu tun, die in einer depressiv angestrichenen Passivität auf die Welt reagieren und wenn man sich den Zustand der Welt anschaut, dann kann ich das komplett verstehen. Mein Schreiben ist aber immer der Versuch, dieser nachvollziehbaren Resignation oder Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Ich will nicht aufhören, zu träumen, zu wünschen, zu drängen. Außerdem glaube ich, dass in der Emotionalität, in der Verletzlichkeit, die immer mit in den Ring steigt, wenn wir etwas wagen (ob im realen Leben oder in der Fiktion) ein Gegengewicht liegt. Dass das Fühlen und Wollen eine Rebellion sein kann gegen die von Kapitalismus und Patriarchat geprägte Gesellschaft, in der wir geräuschlos funktionieren sollen. Ich will von Figuren lesen und schreiben, die etwas wollen – egal, ob sie damit scheitern oder nicht.

TG: Du studierst Literarisches Schreiben in Hildesheim. Inwiefern hat die akademische Auseinandersetzung mit Texten deine eigene Art des Erzählens geprägt? Wird man durch das Studium strenger oder gar kritischer mit den eigenen „Erstlingen“?

Kea von Garnier: Definitiv wird man kritischer! Aber gleichzeitig habe ich das Schreiben noch mal auf einem viel tieferen Level lieben gelernt. Und die Auseinandersetzung damit. In Werkstätten über Texte zu sprechen, sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen, hat mir viele Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen ich bewusstere Entscheidungen beim Schreiben treffen kann. Ich wehre mich auch entschieden gegen diesen „Genie“-Gedanken, der oft auch eine klassistische Komponente hat. Dieses „Wunderkind“-Narrativ verursacht in mir ein Störgefühl – Schreiben kann man lernen. Man muss es auch nicht gleich studieren, aber es ist eben auch ein Handwerk und wenn wir Zugang zu diesem Wissen schaffen, können uns mehr Menschen ihre Ideen und Lebensrealitäten erzählen. Das kann uns als Gesellschaft nur voranbringen, unsere Empathiefähigkeit schulen und gesellschaftliche Missstände ins Licht der Aufmerksamkeit rücken.

TG: Deine Lesung findet im Stellwerk statt – ein Club und Ort direkt im Harburger Bahnhof über den Fernzuggleisen, an dem buchstäblich Weichen aller Art gestellt werden. Das passt metaphorisch perfekt zu Dominiks Situation, oder? Passt dieser Ort des Transits für Ihre Geschichte?

Kea von Garnier: Ja, das ist wirklich ein perfect match! Und es gibt ja diese Transitzonen immer wieder im Leben, die Pubertät ist oft nur die erste. Wir werden im Leben immer wieder an Punkte kommen, in denen wir uns fragen: Weiter wie bisher oder ganz anders? Sowohl auf individueller Ebene als auch als Gesellschaft.

TG: Auf den Social Medias bist du sehr aktiv zu Themen wie Feminismus und mentaler Gesundheit. Schwingen diese Perspektiven auch zwischen den Zeilen von „Restsommer“ mit, etwa wenn es um männliche Rollenbilder oder den gesellschaftlichen Erwartungsdruck geht?

Kea von Garnier: Unbedingt. Das ist für mich eine große Motivation gewesen, diese Geschichte zu schreiben – zu zeigen, was passiert eigentlich, wenn zwei junge Männer in einem Umfeld aufwachsen, in dem die vom Patriarchat erwartete emotionale Fürsorge durch die Mütter ausbleibt? Domis Mutter ist physisch abwesend, Biffs Mutter ist durch ihre psychische Versehrtheit nicht in der Lage, Care-Arbeit zu übernehmen.

Auf ihre Väter angewiesen, wird klar, dass Männer dieser Generation wenig gute Strategien zur Emotionsregulation zur Verfügung hatten: Domis Vater, der in seiner Trauer nach Innen immigriert, statt sich Hilfe zu holen und Biffs Vater, der in destruktive Gewalt- und Suchtmuster abrutscht.

TG: Wenn die Besucher*innen nach der Lesung aus dem Stellwerk wieder auf den Bahnsteig treten: Welches Gefühl von diesem „Restsommer“ sollen sie unbedingt mit in ihren Alltag nehmen? 

Kea von Garnier: Dass es in Ordnung ist, die eigenen Gefühle zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen. Dass es das ist, was uns am Ende lebendig fühlen lässt. Natürlich wird deshalb nicht „alles gut“ und die Welt in ihrer Komplexität darf und wird uns weiterhin beschäftigen. Aber wenn ich versucht habe, wahrzunehmen, was in mir ist und das mit mir wichtigen Menschen geteilt habe, ist schon viel gewonnen.

Termin:

Mi., 25. Mrz., 19 Uhr: Kea von Garnier – Restsommer | Eintritt frei / Spende erwünscht

Stellwerk (im Harburger Bahnhof, über Fernzuggleis 3) | Hannoversche Str. 85 | 21079 Hamburg www.stellwerk-hamburg.de

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„Wir sind alle emotional berührbar!“ https://www.tiefgang.net/wir-sind-alle-emotional-beruehrbar/ Sat, 07 Mar 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13412 [...]]]> Jan Simowitsch hat sich in seinem Leben mehrfach neu erfunden. Nun legt er sein Debüt „Und der Wal spuckt mich aus“ vor und liest in Moisburg.

Wir haben mal hinter den Klappentext geschaut und nachgefragt …

Tiefgang (TG): Hallo Jan, Du hast Deinen Job gekündigt und bist auf die Färöer-Inseln gereist – als erster Tourist des Jahres. War dieser radikale Bruch ein bewusster Sturz in den Walfischbauch oder eher eine Flucht nach vorn?

Jan Simowitsch: Es war eine Flucht nach vorn und doch konnte ich nicht ahnen, dass mir ein Wal Asyl anbieten würde, mich für eine Weile bei sich aufnimmt und mich so vor dem Ärger und den Aufregungen der Welt beschützt.

TG: Dein Buch und Programm tragen den Titel „Und der Wal spuckt mich aus“. Die biblische Jona-Erzählung ist ein Klassiker über das Davonlaufen und das Unausweichliche. Was fasziniert Dich an dieser uralten Geschichte für unsere heutige, oft so durchgetaktete Zeit?

Jan Simowitsch: Ich glaube, wir alle haben immer wieder den Fluchtimpuls. Stehen wir zum Beispiel an einem Fernzug nach Basel oder Stockholm kostet es schon Energie, nicht einzusteigen. Und dieser Fluchtgedanke trägt immer ein Bild von einem „noch einmal neu“ in sich. Das Schwere hinter sich lassen und endlich der werden, der man schon immer sein wollte. Und wenn man dann die Flucht wagt, und sei es nur für zwei Wochen, wird man staunen, was sich alles verändert hat. Nicht in der Welt, sondern in einem selbst.

TG: Du wirst gerne als „Doppel-Dude“ bezeichnet, weil Du Texte und Musik verschmelzen lässt. Wie entscheidest Du, wann ein Gefühl eine Note braucht und wann ein klares Wort? Ergänzen sich Klavier und Vorlesen oder stehen sie manchmal auch im kühnen Widerspruch?

Jan Simowitsch: Musik ist für mich eher wie ein subjektives Foto, also alles, was mich umgibt, fließt ohne Wertung, ohne schön sein zu müssen, ein in die Musik. Musik hat somit keine Intension, entsteht im Augenblick und entfaltet beim öffentlichen Spielen trotzdem immer unmittelbar eine Wirkung und Emotion. Worte sind dagegen für mich auch immer mit Wünschen verbunden, mit Ironie und der Hoffnung, etwas Gutes zu bewirken. Und beides ergänzt sich perfekt.

TG: In Moisburg liest Du im historischen Amtshaus, einem Ort mit viel Tradition. Wie passt das eher raue, nordatlantische Flair Deiner Färöer-Reise in die Atmosphäre des Kulturpunkts?

Jan Simowitsch: Ich denke, wenn die Musik die klassischen Kronleuchter zum Schwingen bewegt, dann sind auch die Färöer nicht mehr weit. Und wenn es um Traditionen geht, ist diese zu Dänemark gehörende Inselgruppe mitten im Atlantik eh ganz vorne mit dabei.

TG: Ein schachspielender Steinbutt spielt in Deiner Geschichte eine Rolle. Das klingt herrlich absurd. Welche Art Humor braucht man eigentlich, um die großen, tiefgründigen Fragen des Lebens – wie den Verlust von Sicherheiten – zu ertragen?

Jan Simowitsch: Wenn die Sprache hinter ihren eigenen Bildern hinterher rennt, sie am Rockzipfel erwischt, umdreht und erkennt, das bin ich ja selbst. Wenn so Dinge, die ja für gewöhnlich nie reden, sich einmischen und die Wirklichkeit auf den Arm nehmen, dann wird plötzlich auch im Lesen und Zuhören die Welt fantastisch und Unmögliches denkbar.

TG: Auf Deinen Kanälen mischst Du Dich oft in politische Debatten ein und setzt Dich für Menschenrechte ein. Inwieweit ist Deine literarische Arbeit auch und gerade jetzt ein Statement für einen offeneren gesellschaftlichen Diskurs?

Jan Simowitsch: Eine Bühne zu bekommen ist ein Privileg und die Zeiten sind gerade angespannt, die Menschen mitunter hochsensibel. Da tut gemeinsames Lachen ebenso gut wie vor Rührung zu weinen. Und wenn dann das Publikum sieht, dass wir alle emotional berührbar sind und ähnliche Erfahrungen teilen, können wir auch über unsere Träume und Hoffnungen, über das, was uns Mut macht reden. 

TG: Wenn das Publikum am Sonntagabend das Amtshaus verlässt – welche Saite hoffst Du bei den Zuhörer*innen zum Schwingen gebracht zu haben?

Jan Simowitsch: Die tiefen Basssaiten, die so lange resonieren, dass die Wangen zu Hause noch vibrieren und die hohen Diskantsaiten, in denen sich manches Lachen wiedergefunden haben wird.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

Termin: So., 22. Mrz., 17 Uhr: Jan Simowitsch – Und der Wal spuckt mich aus | Vvk + Eintritt 10,- € 

Kulturpunkt Moisburg c/o Amtshaus Moisburg, Auf dem Damm 5, 21647 Moisburg, www.kulturpunkt-moisburg.de

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Die Überlebensstrategie von Gewaltopfern https://www.tiefgang.net/die-ueberlebensstrategie-von-gewaltopfern/ Fri, 06 Mar 2026 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13400 [...]]]> Trotz aller politischer Bekundungen, ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nicht so nachbarschaftlich wie man glauben mag. Besonders deutlich wird dies meist in Dingen, die eben nicht so offensichtlich sind. Mia Raben hat es literarisch aufgearbeitet und wir mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Frau Raben, Sie sind selbst ein Kind polnisch-deutscher Eltern und haben als Korrespondentin in Warschau gearbeitet. War „Unter Dojczen“ ein Buch, das schon lange in Ihnen gereift ist, um den oft „unsichtbaren“ Pendel-Migrant*innen in der Pflege eine Stimme und ein Gesicht zu geben?

Mia Raben: Der Roman, an den ich lange gedacht habe, hat mit den Jahren seine Form immer wieder verändert, bis am Ende dieser Text stand. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu wissen, welche von den vielen möglichen Geschichten ich als Roman aufschreiben will. Als Korrespondentin in Polen hatte ich das Gefühl, dass die Themen auf der Straße lagen. Ich fand einfach alles spannend. Natürlich auch aus dem Grund, weil ich meine Herkunft erforscht habe. Für den Roman musste ich mich aber für eine Figur und ihre Geschichte entscheiden, und da meine Mutter viele Freundinnen hatte, die so gearbeitet haben wie Jola, habe ich mich irgendwann für sie entschieden.

TG: Zu Beginn des Romans wird Jola fast wie ein Paket in Deutschland „abgeliefert“. Das ist ein hartes Bild für die Entmenschlichung im Pflegesystem. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Kampf um Würde und Geld zu beschreiben, ohne dabei den Humor und den spöttischen Blick auf die „Dojczen“ zu verlieren?

Mia Raben: Der Humor und der spöttische Blick, wie Sie es nennen, war mir immer sehr wichtig. Er ist schon immer eine Überlebensstrategie von Gewaltopfern gewesen. Ich habe diesen Humor und diesen Spott gegenüber den Deutschen in meiner polnischen Familie von klein auf erlebt. Mein Problem war damals: Ich war ja auch ein deutsches Kind. Also galt dieser Spott gewissermaßen auch mir. Das tat weh. Ich brauchte viel Zeit und viele Erfahrungen in beiden Ländern, um zu begreifen, dass das alles von außen kommt. Ich muss weder deutsch noch polnisch sein. Beide Länder haben mich geprägt. Es ist ja so, dass die Deutschen historisch betrachtet die Polen einfach sehr mies behandelt haben. Und heute sind die älteren Menschen in Deutschland von den Polinnen abhängig. Was für ein Spannungsfeld sich da auftut, habe ich erst durch Jola und Uschi erfahren. Die haben sich da verselbstständigt und für humorvolle Begegnungen gesorgt, aber eben auch für schmerzhafte. Denn zwischen Deutschen und Polen kann man dem Schmerz nur mit aufrichtigem Interesse und am besten mit Humor begegnen. Wenn man das nicht kann, herrscht Eiseskälte. Es ist einfach zu viel passiert.

TG: Das Herzstück Ihres Buches ist die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Jola und der Matriarchin Uschi. Ist diese Beziehung auf Augenhöhe ein bewusst gesetzter optimistischer Gegenentwurf zur meist einseitigen Abhängigkeit in der häuslichen Pflege?

Mia Raben: Dass Jola sich emanzipiert, hat sie sich ja hart erarbeitet. Sie kämpft sich heraus aus der Abhängigkeit und das gelingt heute immer mehr Polinnen, weil sie verstehen, dass auch sie in einer Machtposition sind, nicht nur die wohlhabenden Alten. Ich wollte, dass die oft schreckliche Situation der Pendlerinnen deutlich wird, dass die Ausbeutung gezeigt wird, aber ich wollte nicht, dass man den Roman zu Ende liest und denkt: Oh Gott, wie schrecklich das alles ist, das wird nie besser! Ich vertrage das Grauen besser, wenn ich weiß, es blitzt auch noch etwas Hoffnung auf. Und Jola verkörpert diese Hoffnung doch ganz gut.

TG: Sie haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert. Wie hat diese Ausbildung Ihren Blick auf das Handwerk verändert? Gab es Momente, in denen die journalistische Präzision mit der literarischen Freiheit Ihres Debüts in Konflikt geraten ist?

Mia Raben: Was ich am DLL vor allem gelernt habe, ist, wie viele Sichtweisen es auf einen Text gibt. Natürlich gibt es handwerkliche Mittel, die man einsetzen kann. Es war auch gut, das zu lernen und zu begreifen, sehr wichtig für mich. Aber am Ende ist ein handwerklich guter Text eben auch Geschmackssache. Grässlich fand ich einen Text und jemand anderes fand ihn großartig. So ist das. Auch bei der eigenen Master-Arbeit. Was die eine Bewerterin toll fand, hat die andere gerade gestört. Leider ist das alles top secret. Aber das Learning ist: Mach einfach dein Ding. Es werden nicht alle gut finden. Niemals. Die Beobachtungsgabe und das Notizenmachen in der Livesituation sind Sachen, die ich aus der Reportage ins Literarische übertrage. Wenn ich losziehe, mache ich ständig Notizen, besonders wenn ich an Orten recherchiere, die für meine literarische Arbeit wichtig sind. Notizen sind sehr wichtig. Sich dann aber bewusst auch von den Notizen zu lösen, war sehr befreiend. Die Phantasie ist ja im Journalismus nur begrenzt willkommen. Eine gute Überschrift, eine spezielle Frage an die Interviewpartnerin …

„Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort“

TG: Die SuedLese Literaturtage bringen Sie nach Moorburg in den Elbdeich e.V. – ein „pulsierender Kraftort“ zwischen A7-Rauschen und Dorfgarten. Passt diese Atmosphäre des Widerstands und der Eigenwilligkeit in Moorburg gut zu Jolas Geschichte der Selbstbehauptung?

Mia Raben: Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort – aber vielleicht spiegelt diese, wie Sie sagen, „Atmosphäre des Widerstands“ diesen Kampf besonders gut wider. Denn natürlich bedeutet Selbstbehauptung auch: Stress, Anstrengung, an die eigenen Grenzen gehen. Um in Ihrem Bild zu bleiben, kann man sagen, wenn der Kampf um die Selbstbehauptung gelingt, ist die Belohnung dafür vielleicht ein Gefühl, das dem Verweilen in einem idyllischen Dorfgarten nahekommt.

TG: Kristine Bilkau nennt Ihr Buch eine Geschichte über Fürsorge und Ausbeutung. Wenn die Besucher*innen am 21. März nach der Lesung den Moorburger Elbdeich entlanggehen: Welchen Gedanken über das Miteinander unserer Kulturen möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Mia Raben: Ich finde es wichtig, die interkulturelle Begegnung, etwa zwischen Deutschen und Pol*innen, zu hinterfragen. Es besteht immer die Gefahr, einerseits zu idealisieren, zu bagatellisieren, und andererseits wiegt das historische Erbe schwer. Für viele Menschen, gerade aus Deutschland, ist es nicht leicht, auf diesem schmalen Grat zu gehen. Polinnen und Polen arbeiten in Deutschland, oft gut bezahlt, aber zu oft eben in ausbeuterischen Verhältnissen. Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte, in der Polinnen und Polen von der deutschen Propaganda als „Sklavenvolk“ gebrandmarkt und benutzt wurden, schwer erträglich. Ich denke, für Polinnen und Polen in Deutschland ist es besonders wichtig, dass die schmerzhafte gemeinsame Geschichte anerkannt wird. Es gibt noch zu viele Themen, die nicht im allgemeinen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen sind: Etwa was deutsche Soldaten während der Okkupation der polnischen Zivilbevölkerung angetan haben.

Begegnen wir uns mit Offenheit und aufrichtigem Interesse, können wir als nachfolgende Generationen vieles überwinden. Ein übertriebener Schuldkomplex hilft da ebenso wenig wie Kitsch und Zuckerguss im Versöhnungstheater. Man darf nicht vergessen, dass es immer noch viel zu viele Familien in Deutschland gibt, wo es scheinheilig heißt: Opa war kein Nazi. Ich habe den Eindruck, dass sich das gerade verändert und dass immer mehr Menschen wirklich wissen wollen, was genau Opa oder Oma während des Krieges für eine Rolle gespielt haben. Nur durch diese tatsächliche individuelle Aufarbeitung wird es möglich, die Opfer gemeinsam zu betrauern und so die deutsch-polnische Freundschaft in tieferen Ebenen auszubauen.

TG: Es ist und bleibt ein komplexes aber zum Reflektieren lohnenswertes Thema. Und gut, dass Sie diesem Thema auf ihre besondere literarische Art und Weise angenommen haben. Und so wünsche ich auch viel Resonanz zur Lesung!

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Sa., 21. Mrz., 20 Uhr: Mia Raben – Unter Dojczen | Eintritt frei – Spende erwünscht

elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg, www.elbdeich.org

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Spiegel unserer Zeit https://www.tiefgang.net/spiegel-unserer-zeit/ Thu, 05 Mar 2026 23:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13347 [...]]]> Die SuedLese Literaturtage in Hamburgs Süden gehen in die 3. Woche: vom 17. bis 22. März zeigt das Festival eindrucksvoll, wie es gesellschaftliche Relevanz mit künstlerischer Leichtigkeit verwebt. Ein Spiegel unserer Zeit.

Es geht um das Recht auf Rechte, um geheime WGs und um einen Wal, der uns am Ende alle wieder ausspuckt. Es ist diese Mischung aus Tiefgang und Spielfreude, die den Hamburger Süden gerade zum pulsierenden Herz der Literaturszene macht.

Den Auftakt macht am Die., 17.3., 18.30 Uhr Rukiye Cankiran im Kulturhaus Süderelbe. In ihrem Buch Das Recht auf gleiche Rechte legt sie den Finger in eine Wunde, die wir oft allzu gern mit formalen Fortschritten überkleben. Warum klaffen Gesetz und gelebte Realität bei der Gleichstellung noch immer so weit auseinander? Cankiran ist eine Expertin darin, komplexe Strukturen für uns alle zugänglich zu machen, ohne dabei den Mut zu verlieren. Ein erhellender Abend, der zeigt: Gleichberechtigung ist kein Nischenthema, sondern das Fundament unserer Demokratie.

Wer lieber selbst aktiv werden möchte, findet am Wochenende gleich zwei spannende Möglichkeiten. Claudia Schneider lädt am 20./21.3. im Tor zur Welt dazu ein, den Sprung vom Zuschauersessel zur eigenen Szene zu wagen. Erst Theater schauen, dann selbst schreiben – ein kreativer Zündstoff, der ungeahnte Talente weckt. Parallel dazu zeigt Volker Butenschön am Sa., 21.3., 10.15 Uhr in Harburg, wie man jenseits der digitalen Perfektion mit Handlettering ganz persönliche Buchstabenwerke schafft. Es ist die Rückkehr zum Handgemachten, zum Skizzierten, zum Unperfekten.

Der Sa., 21.3., bietet dann die Qual der Wahl. In Wilhelmsburg entführt uns der preisgekrönte Nils Mohl um 18 Uhr in die Buchhandlung Lüdemann. Sein Roman Pepper ist eine berührende Suche nach dem unbekannten Vater, verpackt in eine WG-Geschichte voller Sprachwitz und Musik. Fast zeitgleich (20 Uhr) erzählt Mia Raben im Moorburger Elbdeich e.V. von einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einer polnischen Pflegerin und einer Hamburger Matriarchin. Unter Dojczen ist ein Debüt, das feinfühlig und spöttisch zugleich die Grauzonen der häuslichen Pflege ausleuchtet. Wer es politischer und lauter mag, sollte ins Treffpunkthaus Heimfeld: Dort schlagen Anna Lisa Azur und Michael Klütgens um 20 Uhr mit Mann kann. Feminis Muss! – RELOADED zurück. Bissig, charmant und voller Wumms wird hier das Patriarchat zerpflückt.

Zum Abschluss der Woche wird es am So., 22.3., 17 Uhr in Moisburg fast schon mythisch. Jan Simowitsch präsentiert mit Und der Wal spuckt mich aus eine moderne Jona-Erzählung. Der Musiker und Autor verwebt seine Reiseerfahrungen von den Färöer-Inseln mit Klavierkompositionen zu einer Konzertlesung, die uns fragt: Wie bin ich hier eigentlich schon wieder reingeraten? Ein Abend über das Wagnis des Aufbruchs, der uns mit einer ganz besonderen Melancholie und Hoffnung in die neue Woche entlässt.

im Überblick:

Di., 17. März, 18.30 Uhr: Rukiye Cankiran – Das Recht auf gleiche Rechte, Kulturhaus Süderelbe, Am Johannisland 2, 21147 Hamburg; Eintritt: frei

Fr., 20. März, 18 Uhr & Sa., 21. März, 11 Uhr: Claudia Schneider – Theater trifft Text (Workshop), VHS Tor zur Welt, Krieterstraße 2D, 21109 Hamburg; Kursgebühr: 75 Euro

Sa., 21. März, 10.15 Uhr: Volker Butenschön – Handlettering (Workshop), VHS Harburg Carrée, Eddelbüttelstraße 47a, 21073 Hamburg; Kursgebühr: 51 Euro

Sa., 21. März, 18 Uhr: Nils Mohl – Pepper, Buchhandlung Lüdemann, Fährstraße 26, 21107 Hamburg; Eintritt: 12 Euro / erm. 6 Euro

Sa., 21. März, 20 Uhr: Mia Raben – Unter Dojczen, elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

Sa., 21. März, 20 Uhr: Mann kann. Feminis Muss! – RELOADED, Treffpunkthaus Heimfeld, Friedrich-Naumann-Straße 9, 21075 Hamburg; Eintritt: frei – Spende erwünscht

So., 22. März, 17 Uhr: Jan Simowitsch – Und der Wal spuckt mich aus, Kulturpunkt Moisburg, Auf dem Damm 5, 21647 Moisburg; Eintritt: 10 Euro

Das gesamte Programm unter www.suedlese.de

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„Jedes Mal erschütternd“ https://www.tiefgang.net/jedes-mal-erschuetternd/ Mon, 02 Mar 2026 23:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13389 [...]]]> Der Kampf um gleiche Rechte für Frauen ist alt und nie gewonnen. Für manche ist es nur ein nice-to-have, obschon der Epstein-Fall zeigt, wie groß die Abgründe sein können. Rukiye Cankiran widmet sich schon lange dem Thema und ist am 17. März zu Gast bei der SuedLese. Wir haben vorab mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Rukiye, willkommen zurück! Du warst ja schon 2025 bei der SuedLese dabei. Was hat dich dazu bewegt, 2026 wieder den Weg in den Hamburger Süden anzutreten? Hat dich die Energie des Festivals im letzten Jahr so gepackt?

Rukiye Cankiran: Ich fand die Lesung im Rahmen der Suedlese großartig und bin sehr gern wieder dabei. In diesem gefällt mir auch der Rahmen MADAME COURAGE – Diversität und Demokratie weiblicher Stimmen sehr. 

TG: Dein aktuelles Thema ist „Das Recht auf gleiche Rechte“. Auf dem Papier sieht in Sachen Gleichstellung vieles gut aus, aber du sagst selbst, die Realität hinkt gewaltig hinterher. Wo klafft die Lücke zwischen Gesetz und echtem Leben für dich momentan am schmerzhaftesten?

Rukiye Cankiran: Mein Schwerpunkt ist das Thema Gewalt gegen Frauen. Gewalt verfestigt Ungleichheit und durch Ungleichheit ist Gewalt möglich, die wiederum Ungerechtigkeit durchsetzen kann. Mit Gewalt meine ich nicht nur körperliche, sondern auch finanzielle und psychische Gewalt. Das BKA (Bundeskriminalamt, Anm. d. Red.) veröffentlicht jedes Jahr die Gewalt-Statistik. Das Ausmaß an Gewalt ist jedes Mal erschütternd. Vor einigen Tagen wurde eine Dunkelfeldstudie des Familien- und Innenministeriums und des BKA veröffentlicht. Diese bestätigt, dass das Dunkelfeld, also die nicht angezeigten Fälle noch wesentlich höher sind als vermutet. Das heißt, die statistischen Zahlen zum Thema Partnerschaftsgewalt bilden weniger als fünf Prozent der Realität ab. Das Wissen, dass der größte Teil der Partnerschaftsgewalt im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen stattfindet, ist schwer zu ertragen.

TG: Die Veranstaltung läuft, wie Du ja sagst, in der Kulturhaus-Reihe „Madame Courage“. Wer sind für dich heute die wahren Mutmacher*innen im Alltag, und wie viel „Courage“ braucht eine Frau eigentlich 2026 noch, um sich Gehör zu verschaffen?

Rukiye Cankiran: Trotz aller Kritik bin ich auch dankbar für all die rechtlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften, die mutige Frauen und Männer hierzulande in der Vergangenheit – häufig gegen massige Ablehnung – erkämpft haben. Frauen, die kritisch und öffentlich sichtbar sind, werden weiterhin angegriffen. Ich denke dabei an Politikerinnen und Journalistinnen, die von Cybermobbing betroffen sind. In Zeiten von Social Media werden diese zum Beispiel mit Hate Speech und Shitstorm mundtot gemacht. Es braucht viel Mut, um nicht zu schweigen und nicht von unbequemen politischen Ämtern zurückzutreten.

TG: Du arbeitest als Gleichstellungsbeauftragte und als Autorin. Ist das Schreiben für dich eine Art Ventil, um die strukturellen Hürden, gegen die du beruflich ankämpfst, literarisch sichtbar zu machen?

Rukiye Cankiran: Das Schreiben war schon immer meine Leidenschaft, da ich aus dem Journalismus komme. Oft habe ich meine Wut über Ungerechtigkeit in Form von Texten verarbeitet oder witzige Erlebnisse als Kurzgeschichten formuliert. Vieles habe ich auch wieder verworfen. Aber es war dann schon mal „von der Seele aufs Papier“ gebracht. Als Gleichstellungsbeauftragte habe ich Benachteiligungen von Frauen und Mädchen öffentlichkeitswirksam präsentiert, ob es die ungleiche Verteilung von Kindererziehung oder Care-Arbeit ist. Sowohl innerhalb der Verwaltung als auch auf politischer Ebene ging es darum, zu sensibilisieren, dass historisch gewachsene Ungleichheit bis heute nachwirkt. Mein Fachwissen zu Themen rund um Gleichstellung und Gleichberechtigung halte ich in Sachbüchern fest. In Geschichten verarbeite ich tatsächlich viele Erfahrungen und Erzählungen von Betroffenen und zeige damit, dass diese universell sind. Damit werden sie dann literarisch sichtbar. Genau so ist es. 

TG: Das Kulturhaus Süderelbe ist ein Ort, an dem viele verschiedene Kulturen und Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Wie wichtig ist es, die Debatte über Frauenrechte genau dorthin zu bringen, mitten in die Stadtteile, statt sie nur in akademischen Zirkeln zu führen?

Rukiye Cankiran: Das ist mir sehr wichtig. Ich war bereits mit meinem ersten Buch zum Thema Zwangsheirat bundesweit in Bildungs- und Hilfeeinrichtungen, lokalen Treffpunkten, sogenannten „Brennpunktvierteln“, in Flüchtlingsunterkünften aber auch an Universitäten und bei engagierten Gruppen. Wenn wir aufklären und sensibilisieren wollen, müssen wir dorthin gehen, wo die Menschen sind, und zwar überall hin. Es reicht nicht, dass wir unter uns kultivierte Debatten führen und einander applaudieren. Ich bin immer wieder erschüttert, wie sehr das Gendersternchen bzw. die geschlechtergerechte Sprache die Debatte um Gleichberechtigung und Gleichstellung dominiert, und zwar völlig aus dem Zusammenhang. Begegnung und Diskussion auf Augenhöhe, Zuhören und kritische Argumente zulassen, und zwar vor Ort in den Stadtteilen. Das ist sehr wichtig – wenn auch mühsam – wenn wir ehrlich und aufrichtig eine gesellschaftliche Veränderung und Entwicklung wollen.

TG: In deiner Ankündigung versprichst du praxisnahe Tipps. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Was ist die wichtigste Strategie, die wir alle – egal welchen Geschlechts – sofort anwenden können, um Vorurteile im eigenen Kopf zu knacken?

Rukiye Cankiran: Ich nenne an dieser Stelle nur das Stichwort Solidarität. Mehr dazu vor Ort. In meinem Buch gibt es ein Kapitel Strategien zur Gleichstellung von Frauen und Mädchen. Hier berichte ich über Initiativen, Projekte und auch die Strategie des Familienministeriums. Über besondere Herausforderungen und auch die Verantwortung eines jeden einzelnen Menschen werden wir dann vor Ort reden. Es soll sich ja lohnen, vorbeizukommen! 

TG: Wenn du an den Abend am 17. März denkst: Was ist das wichtigste Gefühl oder der wichtigste Gedanke, den die Besucher*innen mit in ihren Kiez nehmen sollen, wenn sie das Kulturhaus verlassen?

Rukiye Cankiran: Für mich ist ein Kulturhaus ein Ort der Begegnung und des Austausches. Einerseits bietet eine Lesung Informationen und damit einen Mehrwert. Gleichzeitig ist hier auch Raum für Fragen und eine kurzweilige Diskussion. Nach meinen Lesungen bekomme ich oft das Feedback, das einige Themen völlig neu oder bestimmte Perspektiven unsichtbar waren. Mir persönlich ist wichtig, dass ich Menschen auch motivieren kann, sich für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen. Denn nur so ist ein friedliches und wertschätzendes Zusammenleben möglich. Hierfür brauchen wir gute Argumente, die die Menschen stärker überzeugen als diskriminierende, rassistische, antifeministische oder autoritäre Narrative. 

TG: Besten Dank für das Gespräch und Dir und allen Besuchenden einen regen Austausch! 

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Di., 17. Mrz., 18.30 Uhr: Rukiye Cankiran – Das Recht auf gleiche Rechte | Eintritt frei

Kulturhaus Süderelbe, Am Johannisland 2, 21147 Hamburg-Neugraben, www.kulturhaus-suederelbe.de

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