Wissen – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 21 Feb 2026 11:49:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Museale Inspiration und praktisches Tun https://www.tiefgang.net/museale-inspiration-und-praktisches-tun/ Wed, 25 Feb 2026 23:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13371 [...]]]> Manchmal braucht die Muse keinen Kuss, sondern einfach nur den richtigen Ort und ein wenig Handwerkszeug. Wer schon einmal durch die verwunschenen Gartenanlagen der Kunststätte Bossard in Jesteburg gewandelt ist, weiß: Dieser Ort ist ein Kunstwerk an sich.

Ab diesem Jahr wird dieser Atem kanalisiert. In einer neuen, engen Kooperation bündeln das Museum Kunststätte Bossard und die Kreisvolkshochschule Landkreis Harburg (KVHS) ihre Kompetenzen, um das lebenslange Lernen in der Region künstlerisch aufzuladen.

Es ist eine klassische Win-Win-Situation. Die KVHS bringt ihre Erfahrung in der Erwachsenenbildung und ein modernes, digitales Buchungssystem mit, während die Kunststätte Bossard die wohl inspirierendste Kulisse bietet, die man sich für einen Workshop vorstellen kann. „Zusammen mit dem Museum können wir unser Bildungsangebot regional und vielfältig gestalten,“ freut sich Gabriele Dilger, Fachbereichsleiterin bei der KVHS.

Das Besondere: Die Teilnehmenden sitzen nicht in sterilen Kursräumen. Sie haben freien Zugang zum Gesamtkunstwerk des Künstlerehepaares Bossard. Ob Malerei oder die filigrane Kunst des Buchbindens – die historischen Anknüpfungspunkte sind überall zu finden. Sophie Wellner, Referentin für Bildung und Vermittlung bei Bossard, betont den Mehrwert: Die Verbindung von musealer Inspiration und praktischem Tun erreicht ganz neue Zielgruppen.

Ein schöner Nebeneffekt der Zusammenarbeit ist die soziale Komponente. Durch die Bündelung der Ressourcen können die Kurse deutlich preiswerter angeboten werden als bisher. Kunst wird damit zugänglicher, die Schwellenangst sinkt. Die Anmeldung erfolgt unkompliziert über die Website der KVHS – ein Klick, und der Weg zum eigenen kreativen Projekt ist frei.

Ob für Anfänger*innen, die zum ersten Mal den Pinsel schwingen, oder Fortgeschrittene, die ihre Technik im Schatten expressionistischer Architektur verfeinern wollen: Die Kooperation macht deutlich, dass Bildung und Kultur in Harburg keine getrennten Silos sind, sondern ein lebendiger Organismus.

Wer selbst kreativ werden möchte, findet alle Termine und Details auf den Portalen der Partner. Es ist Zeit, die eigenen Talente aus dem Winterschlaf zu wecken.

Service-Informationen: Die Anmeldung für die Kreativ-Workshops ist ab sofort möglich. Detaillierte Kursbeschreibungen und Termine finden Interessierte auf den Websites www.bossard.de und www.kvhs-harburg.de.

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Geschichte, koloniales Erbe und Debatten https://www.tiefgang.net/geschichte-koloniales-erbe-und-debatten/ Mon, 23 Feb 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13385 [...]]]> Freie Kulturvermittler*innen werden ab 1. März am Bismarck-Denkmal Rundgänge zur Kolonialgeschichte und Geschichte des Denkmals durchführen. Sie erweitern das Angebot zur Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe.

Dort oben steht er, unübersehbar und tonnenschwer, und blickt über den Hafen, als gehörte ihm die Welt noch immer. Der eiserne Kanzler im Alten Elbpark ist weit mehr als nur ein monumentales Relikt aus Stein und Eisen; er ist ein steingewordenes Spannungsfeld, an dem sich die Geister der Stadt seit Jahrzehnten reiben. Lange Zeit wirkte der Riese wie im Tiefschlaf versunken, ein architektonischer Anachronismus, den man im Vorbeigehen kaum noch wahrnahm. Doch nun regt sich etwas rund um den Sockel. Hamburg beginnt, die Schatten seiner eigenen Geschichte nicht mehr nur zu ignorieren, sondern sie aktiv auszuleuchten.

Ab dem 1. März 2026 wird das Bismarck-Denkmal zum Schauplatz einer neuen Form der Auseinandersetzung. Neun freie Kulturvermittler*innen treten an, um das Schweigen des Monuments zu brechen. Es ist ein Projekt, das tief in das stadtweite Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ eingebettet ist. Wer sich bisher fragte, ob wir die koloniale Dimension unserer Stadtgeschichte schlicht verschlafen haben, findet hier die Antwort in Form eines Erwachens. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so. Es geht um den Dialog, nicht um das Schlusswort.“

Zwei neue Rundgänge, buchbar über den Museumsdienst Hamburg, bieten unterschiedliche Einstiege in dieses komplexe Erbe. Der Rundgang „Geschichte und Perspektiven“ widmet sich in 90 Minuten der Genese des Denkmals seit seiner Einweihung im Jahr 1906. Hier fließen kunsthistorische Expertise, gedenkstättenpädagogische Erfahrung zur NS-Zeit und restauratorisches Fachwissen zusammen. Es ist eine Einladung an alle Hamburger*innen und Besucher*innen, gemeinsam zu diskutieren, welche Rolle eine solche Statue in einer modernen, diversen Demokratie überhaupt noch spielen kann.

Wer tiefer in die dunklen Kapitel eintauchen möchte, sollte sich dem Rundgang „Koloniale Schatten – Das Bismarck-Denkmal im postkolonialen Blick“ anschließen. Hier wird Bismarck nicht nur als Reichsgründer, sondern als zentraler Akteur der deutschen Kolonialpolitik beleuchtet. Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole, die Verflechtungen von Handel, Mission und nackter Gewalt werden hier ebenso thematisiert wie der antikoloniale Widerstand. Es ist ein Blick, der wehtut, weil er die Privilegien und Grausamkeiten der Vergangenheit direkt mit den Rassismusdebatten der Gegenwart verknüpft.

Interessanterweise bleibt das Innere des Denkmals – der im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzbunker umgebaute Sockel – vorerst verschlossen. Sicherheitsprüfungen und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit der dort sichtbaren nationalsozialistischen Symbolik verhindern den Zutritt. Doch gerade dieses Vorenthalten unterstreicht die Schwere der Aufgabe: Geschichte lässt sich nicht einfach konsumieren; sie verlangt nach einem tragfähigen Konzept, bevor man ihre tiefsten Kammern öffnet.

Schon jetzt geben mehrsprachige Informationstafeln am Denkmal erste Hinweise auf die verschiedenen Deutungsschichten. Doch erst das Gespräch, der geführte Diskurs im Alten Elbpark, macht aus dem toten Stein einen lebendigen Lernort. Es ist eine Chance für uns alle, die Augen aufzumachen und sich auf die Socken zu machen – hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was uns geprägt hat. Wer teilnehmen möchte, kann sich ab sofort unter den Links des Museumsdienstes für die 90- oder 120-minütigen Touren anmelden: museumsdienst-hamburg.de.

Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr im Schatten des Riesen verstecken, sondern lernen, sein Erbe kritisch zu lesen.

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Kultur unter Kontrolle https://www.tiefgang.net/kultur-unter-kontrolle/ Tue, 03 Feb 2026 23:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13214 [...]]]> Hamburg im Januar 1933: Die Stadt bebt vor kultureller Energie. In den Kinos flimmern die neuesten Streifen, das Museum für Kunst und Gewerbe feiert die Moderne, und in den Tanzlokalen wird der Geist der Freiheit gelebt. Doch nur wenige Monate später senkt sich ein bleierner Vorhang über die Hansestadt. Wo eben noch Diskurs herrschte, regiert plötzlich das „Führerprinzip“.

Mit der neuen Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ in der Diele des Hamburger Rathauses stellt sich die Stadt ab dem 5. Februar einer schmerzhaften Frage: Wie konnte das bunte Kulturleben der Weimarer Republik so rasant und systematisch gleichgeschaltet werden?

Was diese Schau so besonders macht, ist ihr Ursprung. Zwei Jahre lang haben zehn Hamburger Kultureinrichtungen – darunter Schwergewichte wie die Staatsoper und die Hochschule für Bildende Künste – ihre Archive nicht nur geöffnet, sondern regelrecht seziert. Es ging nicht um eine abstrakte Geschichtsstunde, sondern um die eigene Institutionen-DNA.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet deutliche Worte: Dass wir uns erst jetzt in dieser Tiefe mit der Verflechtung von Kultur, Politik und Verwaltung auseinandersetzen, zeigt, wie schwer der Weg der Aufarbeitung war. Die Ausstellung macht schmerzhaft sichtbar, dass Museen, Theater und Bücherhallen keine neutralen Inseln waren. Sie wurden zu Rädchen in der Propagandamaschinerie, wirkten bei Verfolgungsmaßnahmen mit und ersetzten künstlerische Freiheit durch plumpe Ideologie.

Biografien zwischen Anpassung und Auflehnung

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Menschen. Kuratorin Gisela Ewe rückt die Biografien derer in den Fokus, die das System gnadenlos aussortierte. Künstler*innen, die gestern noch gefeiert wurden, fanden sich plötzlich in der Isolation, im Exil oder in den Konzentrationslagern wieder.

Doch die Schau blickt auch auf die Grautöne: Wer passte sich an, um zu überleben? Wer wurde zum Täter am Schreibtisch der Kulturverwaltung? Und wo gab es ihn doch, den verdeckten Widerstand, das stille Dagegenhalten in einer Zeit, in der „Freiheit“ ein lebensgefährliches Wort war?

Die Wahl des Ortes ist im Grunde gut gewählt. In der Diele des Rathauses, dem demokratischen Zentrum der Stadt, wird die Pervertierung der Verwaltung durch die Nationalsozialisten dokumentiert. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit betont zu Recht: Wer die Freiheit der Kunst infrage stellt, richtet sich immer gegen das Volk.

Die Ausstellung ist Teil des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus rund um den 27. Januar. Sie ist ein Weckruf in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder weltweit unter Druck geraten. Sie zeigt uns: Vielfalt und Freiheit in der Kunst sind kein Naturgesetz – sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

Der Besuch im Rathaus

Die Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ ist vom 5. Februar bis zum 10. März 2026 in der Rathausdiele am Rathausmarkt 1 zu sehen. Die feierliche Eröffnung findet am 5. Februar um 19 Uhr im Festsaal statt, wofür eine Anmeldung erbeten wird. Wer die Schau auf eigene Faust erkunden möchte, hat dazu wochentags von 7 bis 19 Uhr sowie an den Wochenenden (Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–17 Uhr) bei freiem Eintritt Gelegenheit. Tiefergehende Informationen zum Begleitprogramm und zur Forschung finden sich online unter www.gedenkstaetten-hamburg.de.

Ein Besuch lohnt sich. Es ist eine Begegnung mit Hamburgs dunkelster Stunde, die uns viel über unser Heute zu sagen hat.

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Das war´s! Oder? https://www.tiefgang.net/das-wars-oder/ Sun, 01 Feb 2026 23:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13197 [...]]]> Das Bulletin of the Atomic Scientists mahnt in seiner aktuellen Pressemitteilung : „Es sind 85 Sekunden bis Mitternacht“. Das war`s also, oder geht doch noch was …?

Es ist diese fast schon gespenstische Beständigkeit, mit der das Bulletin of the Atomic Scientists seit 1947 den Takt unserer möglichen Vernichtung vorgibt. Gegründet von jenen Köpfen, die im Manhattan-Projekt das atomare Feuer entfachten und danach über ihr eigenes Werk erschraken – darunter Kaliber wie Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer –, ist das Bulletin weit mehr als ein bloßer Thinktank. Es ist das institutionalisierte schlechte Gewissen der Moderne. Die Wissenschaftler*innen rund um die heutige Präsidentin Alexandra Bell haben nun das getan, was sie seit Jahrzehnten als ihre Pflicht begreifen: Sie haben die Welt vermessen und festgestellt, dass wir so kurz vor dem Abgrund stehen wie nie zuvor. 85 Sekunden bis Mitternacht – eine Zeitspanne, in der man kaum einen Espresso trinkt, die aber nun über das Fortbestehen unserer Zivilisation entscheiden soll.

In ihrer aktuellen Pressemitteilung vom 27. Januar 2026 sprechen sie unumwunden von einem Führungsunfall. Es ist eine scharfe, fast schon verzweifelte Anklage gegen die globale politische Trägheit. Die Geschichte des Bulletins war immer eine der Mahnung, doch die aktuellen Bezüge, die in der Mitteilung angeführt werden, lesen sich wie ein Protokoll des multiplen Versagens. Da ist zum einen das nukleare Säbelrasseln, das an die dunkelsten Stunden des Kalten Krieges erinnert. Wenn am 5. Februar 2026 der New-START-Vertrag ausläuft, stehen die Großmächte ohne die letzten verbliebenen Leitplanken der Rüstungskontrolle da. Die Pressemitteilung zitiert hierzu besorgniserregende Entwicklungen: Die Arsenale in den USA, Russland und China werden modernisiert, statt abgebaut. Man befindet sich in einem rüstungspolitischen Blindflug, während Nordkorea und der Iran die Spannungen weiter verschärfen.

Doch das Bulletin blickt über die Raketensilos hinaus. Die Klimakrise wird als zweiter apokalyptischer Reiter benannt, dessen Hufeisen die Erde bereits tief zerfurchen. 38,1 Milliarden Tonnen CO2 – ein Rekordwert der Schande, der auch als Beleg für die mangelnde Umsetzung internationaler Abkommen dient. Dass die aktuelle US-Regierung der globalen Klimapolitik faktisch den Rücken gekehrt hat, markiert für die Forscher*innen einen fatalen Rückschritt, der die ohnehin knappe Zeit weiter verkürzt.

Besonders hellhörig macht eine neue Dimension der Bedrohung, die das Bulletin unter dem Begriff Informations-Armageddon zusammenfasst. Die Nobelpreisträgerin Maria Ressa wird in der Mitteilung eindringlich zitiert: Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz zersetze unsere gemeinsame Faktenbasis. Wenn Desinformation zur universellen Währung wird, verlieren wir die Fähigkeit, globale Probleme überhaupt noch gemeinsam zu adressieren. In einer Welt, in der die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge durch Algorithmen aufgelöst wird, erlahmt der Widerstand gegen existenzielle Gefahren. Sogar vor den Risiken der synthetischen Biologie wird gewarnt – die Rede ist von der Erschaffung von Spiegelleben, einer Technologie, die unsere biologische Sicherheit vor völlig neue, ungelöste Herausforderungen stellt.

Wozu also dieser martialische Akt des Zeigerrückens? Die Pressemitteilung ist kein Abgesang, sondern ein dringlicher Handlungsaufruf, der klare Adressaten hat: Die Staatschefs der drei großen Atommächte – die USA, China und Russland – werden direkt in die Pflicht genommen. Sie müssen an den Verhandlungstisch zurückkehren, um neue Rüstungsabkommen zu schmieden, bevor die letzte Sicherung durchbrennt. Die Handlungsempfehlungen sind so konkret wie radikal: Eine Renaissance der Diplomatie, eine Rückkehr zu wissenschaftsbasierten Entscheidungen in der Klimapolitik und die Schaffung globaler Leitplanken für die KI.

Die 85 Sekunden sind ein gellender Weckruf an uns alle, die Schläfrigkeit abzulegen. Die Wissenschaftler*innen des Bulletins erinnern uns daran, dass wir die Schöpfer*innen dieser Krisen sind und somit auch die Einzigen, die sie bändigen können. Es ist Zeit, die Bequemlichkeit der Ignoranz gegen eine neue Wachheit einzutauschen.

Wir haben vielleicht viel Zeit vertan, aber die letzte Minute gehört uns! Wenn wir uns endlich auf die Socken machen, statt im Angesicht der Katastrophe einfach weiterzuschlummern …

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„Die Gärten sind zu ordentlich“ https://www.tiefgang.net/die-gaerten-sind-zu-ordentlich/ Thu, 29 Jan 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13179 [...]]]> Der Igel ist der Gewinner – zumindest, wenn man dem alten Märchen vom Wettlauf auf der Buxtehuder Heide glaubt.

Doch in der Realität sieht die Bilanz des sympathischen Stachelritters düster aus. Während er in der Fabel den Hasen mit List besiegt, verliert er im 21. Jahrhundert den Kampf gegen Mähroboter, Asphalt und den schwindenden Lebensraum.

Am 5. Februar bittet das Buxtehude Museum zu einem Abend, der aufrüttelt: Merwel Otto-Link von der Igelpflege Rotenburg/Wümme e.V. berichtet über das bedrohte Nachtleben der charmanten Insektenfresser.

Der europäische Braunbrustigel ist ein Überlebenskünstler. Er gehört zu den ältesten Säugetierfamilien überhaupt und hat schon die Dinosaurier kommen und gehen sehen. In der Antike schätzte man ihn als nützlichen Mitbewohner, der Haus und Hof von Mäusen befreite. Im Mittelalter hingegen war sein Ruf zwiespältig: Mal galt er als Unglücksbote, mal landete er gar als Delikatesse im Topf.

Heute ist der Igel zwar ein absoluter Sympathieträger, doch seine runden Knopfaugen und die Stupsnase täuschen nicht darüber hinweg, dass es ihm dreckig geht. Er steht kurz vor dem Einzug in die Rote Liste. Warum? Weil unsere Gärten zu „ordentlich“ geworden sind. Wo früher Totholzstapel und Laubhaufen Schutz boten, herrscht heute oft sterile Leere oder die tödliche Gefahr von Mährobotern und Freischneidern.

Mit Merwel Otto-Link kommt eine echte Expertin nach Buxtehude. Die gelernte Krankenschwester und Heimtierpflegerin hat sich seit 2013 der Rettung der Tiere verschrieben. Als Vorsitzende der Igelpflege Rotenburg und Vorstandsmitglied von „Pro Igel e.V.“ kennt sie die Blessuren, die der moderne Alltag den Tieren zufügt.

Ihr Vortrag ist kein trockener Biologieunterricht, sondern ein Blick in den „Maschinenraum“ der Igelrettung. Mit ihrem 30-köpfigen Team versorgt sie verletzte Tiere, pflegt sie gesund und wildert sie wieder aus. Doch sie betont: „Die Rettung einzelner Tiere fruchtet nur, wenn sich die Lebensbedingungen insgesamt verbessern.“

Der Vortrag findet im perfekten Rahmen statt: Das Buxtehude Museum zeigt aktuell die Sonderausstellung „Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit“. Wer den Vortrag besucht, kann bereits ab 18 Uhr exklusiv die Ausstellung erkunden und in die Kulturgeschichte des wohl berühmtesten Wettlaufs der Welt eintauchen.

Es ist die Chance, den Igel nicht nur als Märchenfigur, sondern als schützenswertes Juwel unserer Natur neu zu entdecken. Buxtehude macht den Februar zum „Igel-Monat“ – und das ist auch bitter nötig.

Do., 5. Feb., 19 Uhr (Ausstellung ab 18 Uhr offen) „Der Igel – gestern, heute …und auch noch morgen?“

Buxtehude Museum, St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude; 7,- Euro (inkl. Ausstellungsbesuch)

Anmeldung: buchung@buxtehudemuseum.de oder 04161 507 970

Extra-Tipp: Fokus-Führungen am 1.2. und 15.2. jeweils um 14 Uhr!

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Archive der Zukunft https://www.tiefgang.net/archive-der-zukunft/ Tue, 27 Jan 2026 13:58:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13164 [...]]]> Das MARKK stellt sein Programm 2026 vor und es ist die Weiterführung einer Neuausrichtung …

Hamburgs Museum am Rothenbaum (MARKK) blickt auf ein kraftvolles Jahr 2025 mit rund 89.000 Gästen zurück und schaltet für 2026 noch einmal einen Gang höher. Während die Samtpfoten der Erfolgsschau KATZEN! noch bis Ende November durch das Haus schleichen, bereitet Direktorin Barbara Plankensteiner bereits die nächste große Transformation vor. Es geht um nichts Geringeres als die Neuerfindung eines Weltmuseums, vormals „Völkerkundemuseum“ hieß und das sich seiner eigenen Geschichte stellt und gleichzeitig digitale Grenzen sprengt.

Ab dem 5. Juni 2026 wird das MARKK zu einem zentralen Schauplatz der 9. Triennale der Photographie Hamburg. Unter dem Titel Bilderechos aus Peru begegnen uns die intimen Dokumentationen des Amateurforschers Hans Heinrich Brüning, der vor über einem Jahrhundert das Leben in der Region Lambayeque festhielt. Doch das Haus bleibt nicht in der Nostalgie stecken.

Die Ausstellung verwandelt diese kolonial geprägten Dokumente in lebendige Archive. Zeitgenössische Akteur*innen sowie Künstler*innen wie Enzo Miguel Matute und Marystela Camacho überschreiben die historischen Bilder mit queeren Perspektiven oder gestickten Interventionen. Es ist eine Einladung, die kulturelle Wiederaneignung als einen Prozess der Heilung zu begreifen.

Ein tieferer, schmerzhafterer Blick in die eigene Vergangenheit folgt ab dem 28. August 2026. Das Museum widmet sich der Geschichte jüdischer Objekte und nimmt dabei eine kritische Neubewertung der eigenen Rolle während des Nationalsozialismus vor. Ausgangspunkt ist die verschollene Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde.

Durch aktuelle Provenienzforschung, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste unterstützt wird, werden Biografien und Sammlungsgeschichten bis in die Gegenwart verfolgt. Es ist ein notwendiger Diskurs über Vertrauen und Verantwortung, der auch das Begleitprogramm im Zwischenraum das gesamte Jahr über prägen wird.

Von Märchenfesten bis zur digitalen Revolution

Das MARKK beweist 2026, dass wissenschaftlicher Anspruch und pure Lebensfreude keine Gegensätze sind. Der Veranstaltungskalender platzt fast aus allen Nähten: Der Frühling startet mit dem Märchenfest am 25. Januar und der Samurai-Welt von COOL JAPAN am 15. März. Im Juli lädt das Haus im Rahmen des Architektursommers die renommierte Architektin Lina Ghotmeh ein, um über die anstehende Modernisierung des Gebäudes zu sprechen. Für den intellektuellen Tiefgang sorgen Gäste wie Geschichtsprofessor Sven Beckert am 16. Juli oder die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout, die am 23. April das Phänomen der Niedlichkeit seziert.

Parallel dazu vollzieht das Museum den digitalen Quantensprung. Mit der Onlinestellung von rund 200.000 Objekten wird die Sammlung 2026 für Wissenschaftler*innen und Interessierte weltweit zugänglich – inklusive der Möglichkeit, eigene digitale Objektzusammenstellungen zu speichern.

Das MARKK positioniert sich 2026 somit als einen Ort, der die Welt nicht nur zeigt, sondern sie mutig und neugierig hinterfragt. Ob analog vor peruanischen Fotografien oder digital in der neuen Datenbank: Der Hamburger Kulturbetrieb darf sich auf ein Jahr voller Resonanz freuen.

Highlights im ersten Halbjahr 2026

  • 25. Januar: Märchenfest für Familien mit fantasievollen Geschichten und einer Kunstperformance von Salah Zater.
  • 29. Januar: 7. Geburtstag des Zwischenraums mit einem Set des DJ-Duos Cho Room zum Start des Jahresthemas Vertrauenssache.
  • 12. März: Erster Termin zur Vorstellung der Planungen für die neue Dauerausstellung durch die Kurator*innen des Hauses.
  • 15. März: COOL JAPAN lädt dazu ein, in die Welt der Samurai einzutauchen.
  • 31. März: Zweiter Termin für Einblicke in die Modernisierung und die neuen Konzepte des Museums.
  • 12. April: Spielefest mit Capoeira-Workshops und Kinder-Disko, das sich den Tänzen und Spielen der portugiesisch-sprachigen Welt widmet.
  • 16. April: Dritter Termin zur Präsentation der künftigen Dauerausstellung.
  • 23. April: Vortrag von Annekathrin Kohout zur kulturellen Bedeutung der Katze und dem Phänomen des Niedlichen.
  • 29. April: Vierter Termin, an dem das Team des MARKK die Planungen für die Zeit nach der Modernisierung vorstellt.
  • 05. Juni: Eröffnung der Ausstellung Bilderechos aus Peru im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg.
  • 19.–20. Juni: Kooperation mit der Tanztriennale Hamburg für tänzerische Impulse im Museum.
  • 28. Juni: Zusammenarbeit mit dem TONALI Festival für musikalische Akzente am Rothenbaum.

Museum am Rothenbaum | Rothenbaumchaussee 64 | 20148 Hamburg | Tel. 040 42 88 79 – 0 | www.markk-hamburg.de

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Entschleunigung am Spinnrad https://www.tiefgang.net/13106-2/ Wed, 14 Jan 2026 10:40:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13106 [...]]]> Wer an ein Krankenhausfoyer denkt, hat meistens sterile Emsigkeit, das leise Quietschen von Gummirollen und eine gewisse Anspannung vor Augen. Doch am 25. Januar wird alles anders.

Das Museum im Marstall bricht aus seinen historischen Mauern aus und bringt eine ordentliche Portion norddeutsche Seele direkt dorthin, wo man sie am wenigsten erwartet: in das Krankenhaus Winsen.

Von 14 bis 16 Uhr wird das Warten zur Nebensache. Unter dem Titel „Kulturpause“ verwandelt sich das Foyer in eine lebendige Aktionsfläche für traditionelle Handwerkstechniken. Es ist die zweite von insgesamt sechs geplanten Begegnungen zwischen Kultur und Medizin, gefördert durch die GiRoWi-Stiftung und den Förderverein des Krankenhauses.

Ehrenamtliche der Spinngruppe und der Museumsweberei zeigen, was passiert, wenn Handwerk auf Leidenschaft trifft. Wo heute sterile Textilien den Alltag bestimmen, wurde früher aus Flachs mühsam Leinen gewonnen. Es ist eine Rückbesinnung auf eine Zeit, in der das Spinnen nicht nur Arbeit war, sondern das soziale Schmiermittel der Region – ein Ort für Austausch, Gespräche und Gemeinschaft.

Besucher*innen können den Weber*innen über die Schulter schauen oder beobachten, wie an den Spinnrädern aus loser Wolle ein fester Faden entsteht. Es geht dabei um mehr als nur Nostalgie. Es geht um Digital Literacy des Analogen: Wie entsteht eigentlich das, was wir auf der Haut tragen?

Die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich an alle – Patient*innen, Mitarbeiter*innen, Angehörige und neugierige Winsener*innen, die Lust auf einen Plausch jenseits des Krankenbett-Alltags haben. Informationstafeln ergänzen die Vorführungen, während die Ehrenamtlichen bereitstehen, um jede Fachfrage mit Herzblut zu beantworten.

Kultur als Brücke

Dass ein Museum seine Schätze in ein Krankenhaus trägt, ist ein starkes Zeichen für eine Stadtgesellschaft, die zusammenrückt. Es zeigt, dass Kultur überall dort hingehört, wo Menschen sind. Wer also Lust auf eine kleine Flucht aus dem Alltag hat oder einfach nur wissen will, wie ein historischer Webrahmen funktioniert, sollte diesen Sonntagnachmittag im Marstall-Stil im Kalender markieren.

Sonntag, 25. Januar, 14 bis 16 Uhr: Vorführung traditioneller Handwerkstechniken (Spinnen & Weben)

Foyer des Krankenhauses Winsen, Friedrich-Lichtenauer-Straße 22, 21423 Winsen (Luhe) | www.museum-im-marstall.de

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Denkmal für den „Winsener Anzeiger“ https://www.tiefgang.net/denkmal-fuer-den-winsener-anzeiger/ Fri, 02 Jan 2026 12:09:28 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13055 [...]]]> Cognac am Schreibtisch, rauchende Köpfe in der Setzerei und ein Rollenbild, das heute mindestens für hochgezogene Augenbrauen sorgt: Willkommen in den 1970er Jahren. Willkommen in Störenbek. Doch wer genau hinsieht, erkennt hinter dem fiktiven Namen der Kultserie „Lokalseite unten links“ ein sehr reales Gesicht: Winsen (Luhe).

Das Museum im Marstall lädt am So., 11. Januar zur mittlerweile traditionellen Serienschau und beweist einmal mehr, dass Geschichte nicht immer staubig sein muss – manchmal flimmert sie auch charmant über die Leinwand.

Die Serie, die einst ein Millionenpublikum vor die Bildschirme lockte, ist für Winsen weit mehr als nur Unterhaltung. Sie ist ein konserviertes Stück Stadtgeschichte. Die Szenen, die in der Druckerei der Lokalzeitung spielen, wurden in den damaligen Räumen des Winsener Anzeigers gedreht. Wer die Folgen heute sieht, blickt direkt in das Maschinenraum-Herz der Stadt, wie es vor fast 50 Jahren schlug.

Es ist dieser hohe Grad an Erinnerungskultur, der den Filmnachmittag so wertvoll macht. Wenn die Protagonist*innen mit dem Auto durch die Marktstraße brausen, sieht man im Hintergrund Stadtansichten, die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind. Es ist eine visuelle Archäologie des Alltags.

Gezeigt werden diesmal zwei besondere Leckerbissen: Die allererste Folge mit dem vielsagenden Titel „Alarm“ und die Folge 37, „Besuch von Drüben“. Dabei geht es nicht nur um Nostalgie für jene, die damals schon dabei waren. Auch für Jüngere bietet die Vorführung einen faszinierenden, manchmal amüsierten Blick auf den Lebensstil einer Ära, die uns heute seltsam fremd und doch vertraut erscheint.

Ob die ehemalige Kaserne, die Winsener Geschäfte oder die weiten Szenen am Deich – „Lokalseite unten links“ fängt das Lebensgefühl der Elbmarsch ein, wie es kaum ein anderes Dokument vermag.

Da die Plätze im historischen Marstall begehrt sind und die Serienschau regelmäßig für ein volles Haus sorgt, ist der Vorverkauf an der Museumskasse mehr als nur eine Empfehlung – er ist fast schon Pflicht für alle, die sich diesen nostalgischen Trip nicht entgehen lassen wollen.

Sonntag, 11. Januar, 14.30 Uhr: Historischer Filmabend „Lokalseite unten links“ (Folgen: „Alarm“ & „Besuch von Drüben“), Museum im Marstall, Schlossplatz 11, 21423 Winsen (Luhe)

Eintritt: 6 Euro für Erwachsene (Kinder bis 18 Jahre und Vereinsmitglieder frei)

Info: www.museum-im-marstall.de

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Bau ist nicht gleich Bau https://www.tiefgang.net/bau-ist-nicht-gleich/ Fri, 19 Dec 2025 23:26:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13044 [...]]]> Es erscheint Jahr für Jahr und wird nicht langweilig. Eben deswegen nicht. Das Jahrbuch der Hamburger Architektur.

Da liegt es nun, ein echtes Schwergewicht für den Nachttisch und den Kopf. Am 8. Dezember 2025 ist es im Junius Verlag gelandet: Architektur in Hamburg, das Jahrbuch 2025/26. Für 48 Euro bekommt man 216 Seiten geballte Baukultur, brillant bebildert und scharfzüngig analysiert. Es ist die Art von Buch, die man aufschlägt, wenn man wissen will, wie Hamburg wirklich tickt – jenseits der Hochglanzprospekte der Projektentwickler*innen.

Die Herausgeber Claas Gefroi und Ullrich Schwarz haben mal wieder ganze Arbeit geleistet. Gefroi, der als Referent der Architektenkammer und Architekturkritiker genau weiß, wo der Putz bröckelt, und der erfahrene Dr. Ullrich Schwarz führen uns durch ein Panorama, das von der Elbe bis in die City Nord reicht. Das aktuelle Porträt widmet sich dem Büro LRW Architekten, während der historische Blick den Architekten und scharfzüngigen Kritiker Hermann Funke ehrt. Ein toller Kontrast, der zeigt, dass Hamburgs Baukultur schon immer von klugen Köpfen und kritischen Geistern begleitet wurde.

Besonders spannend für alle, die nach frischem Wind suchen: In der Rubrik Positionen junger Büros stellt das Team die Arbeiten von KOSMO vor. Das macht Hoffnung, denn neben den großen Mammutprojekten braucht die Stadt genau diese neugierige, unverbrauchte Perspektive.

Das Jahrbuch legt den Finger genau in die Wunde, die auch das Opernprojekt von Klaus-Michael Kühne aufreißt. Die Kritik am Westfield Hamburg Überseequartier im Buch liest sich wie ein prophetisches Echo auf die Bedenken gegenüber der neuen Oper am Baakenhöft. Wenn im Jahrbuch konstatiert wird, dass das Überseequartier eher dem Markt als den Menschen dient, stellt das für uns alle die Frage: Vergeben wir mit der neuen Oper eine historische Chance?

Das Hamburger Feuilleton im Buch geht genau hier in die Tiefe. Es verknüpft Hafenentwicklung mit Stadtplanung und fragt nach dem Stand der Wettbewerbskultur. Ist ein Geschenk wie das von Kühne, das mit einem fertigen Architekturentwurf von BIG daherkommt, überhaupt noch ein echter Wettbewerb? Oder opfern wir die städtebauliche Heterogenität, die das Jahrbuch so wortstark verteidigt, dem Prestige eines einzelnen Mäzens?

Auch ohnedies geht ein Beitrag von Matthias Gretzschel um das Thema, dass es immer seltener offene Wettbewerbe in Hamburgs Architekturbranche zu vermelden gibt. Auch wenn es teils aufwendiger sein mag, so ist doch auch spürbar, dass es aktuell an Ideen, ganz anderen Sicht- und folglich Bauweisen mangelt. Dass der Süden Hamburgs gar nicht erst im Buch vertreten ist, es aber auch schon Bauten außerhalb Hamburgs bedarf, um ungewöhnliche Architekturen zu besprechen, mag ein und dieselbe Medaille darstellen, die hoffnungsweise an Glanz nicht verlieren wird.

Aber das Buch feiert eben auch die kleinen Siege der Baukunst. Es führt uns zur Parabel, dem neuen Kunstzentrum in der ehemaligen Nikodemuskirche – ein genialer Schachzug von WRS Architekten. Wir entdecken das Fischerhaus in Blankenese und die Scheune am Jenischpark, die zeigen, wie behutsam und liebevoll Denkmalschutz sein kann. Und wer hätte gedacht, dass eine Erweiterung der Bibliothek an der HfbK oder der Eingangspavillon der Energiewerke so viel ästhetische Kraft entfalten können? Sogar der Gigant aus der City Nord, das Signal Iduna Haus Kap5 (wegen des Kapstadtrings, an dem der Bau liegt), bekommt seinen Platz.

Das Jahrbuch 2025/26 ist ein Weckruf an alle Hamburger*innen. Es erinnert uns daran, dass wir die Gestaltung unserer Stadt nicht allein dem Markt überlassen dürfen. Wir brauchen eine Architektur, die Geschichten erzählt und die Geschichte des Ortes respektiert – so wie es das Projekt in Kirchwerder vormacht. Wenn wir über die neue Oper diskutieren, sollten wir dieses Buch als Kompass nutzen. Es ist eine Einladung, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, auch von einem milliardenschweren Geschenk mehr zu verlangen als nur eine hübsch begrünte Fassade. Es geht um unsere Identität, und die ist unbezahlbar.

Architektur in HamburgJahrbuch 2025/26, 216 S., ISBN 978-3-96060-599-7; Preis: 48,00 €

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Die Pianistin, der Flügel und die Hölle https://www.tiefgang.net/die-pianistin-der-fluegel-und-die-hoelle/ Fri, 12 Dec 2025 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13002 [...]]]> Manchmal ist ein Theaterabend kein Genuss, sondern eine Notwendigkeit. Im Januar 2026 bringt das Harburger Theater ein Stück auf die Bühne, das nicht nur unterhält, sondern regelrecht in die Seele zwingt: „Alice – Spiel um dein Leben“.

Es ist die Geschichte von Alice Herz-Sommer (1903 – 2014), der ältesten Holocaust-Überlebenden der Welt, und es ist ein Abend, der die ungeheure Frage stellt: Wie bewahrt man die Liebe zur Schönheit, wenn man vom Schrecken umzingelt ist?

Die Antwort findet sich in den 80 Tasten eines Klaviers. Das musikalische Ein-Personen-Stück von Autorin Kim Langner ist ein wahres Feuerwerk an Emotion und Recherche. Es ist der Versuch, das Unfassbare greifbar zu machen: Alice Herz-Sommers Zeit im Ghetto Theresienstadt. Dort, wo Tausende auf engstem Raum starben, gab die jüdische Pianistin Konzerte – über 100 sollen es gewesen sein. Mit ihrem sechsjährigen Sohn an der Seite, kämpfte sie mit jeder gespielten Note gegen die Verzweiflung, gegen die Verbitterung.

Genau diese Diskrepanz ist das elektrisierende Zentrum des Stücks: die himmlische Schönheit von Bach oder Chopin im Angesicht der Hölle. Kann Musik tatsächlich vor dem seelischen Zusammenbruch schützen?

Die Darstellerin, Natalie O’Hara (Produktion zusammen mit Michael Hildebrandt), die von François Camus inszeniert wird und von Matthias Stötzel musikalisch geleitet wird, hat sich tief in diesen Stoff gegraben. Zwei Jahre Recherche, Reisen nach Prag, Theresienstadt und Tel Aviv, Gespräche mit Alices Familie und Schüler*innen – das ist keine oberflächliche Nacherzählung, sondern ein zutiefst persönliches Unterfangen.

Ein-Personen-Stück mit Sogwirkung

Das Format des Ein-Personen-Stücks ist dabei genial gewählt. Es bündelt die ganze Kraft der Biografie, des Klavierkonzerts und des Schauspiels in einer einzigen Darstellerin. Natalie O’Hara muss die ganze Bandbreite von Alices unerschütterlichem Optimismus bis hin zu den Grauen des Ghettos tragen. Eine schauspielerische Herausforderung, die die Wucht des Erlebten direkt ins Publikum transportiert.

Wie gut ihr das gelingt, zeigt eine hochkarätige Anerkennung: Natalie O’Hara war für ihre Leistung bereits für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2023 in der Kategorie Darsteller*in Schauspiel nominiert. Wer ausgezeichnet wird, weiß, wie man aus einer wahren Geschichte ein emotionales Theatererlebnis formt, das nachhaltig bewegt.

Das Stück feiert seine Premiere in Harburg im Januar und wird insgesamt fünfmal aufgeführt: Am Freitag, den 9. Januar, und Samstag, den 10. Januar, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am darauffolgenden Wochenende am Donnerstag, den 15. Januar, und Freitag, den 16. Januar, ebenfalls um 19.30 Uhr. Ein besonderer Termin ist der Sonntag, 11. Januar, um 15.00 Uhr, dem um 13.00 Uhr eine kostenlose Matinee vorausgeht.

Wer also im Januar in Harburg ins Theater geht, bekommt nicht nur ein Stück Zeitgeschichte präsentiert. Man begegnet der tief bewegenden Frage, was Menschlichkeit, Liebe und vor allem Musik in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts zu leisten vermögen. Ein intensiver und wichtiger Abend, der nicht nur die Ohren öffnet, sondern auch das Herz.

Harburger Theater | Museumsplatz 2 | 21073 Hamburg | www.harburger-theater.de

Kartenreservierung: 040 376 394 65

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