Feature Kultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 05 Jun 2026 13:47:59 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Der Unbekannte, den alle kennen https://www.tiefgang.net/der-unbekannte-den-alle-kennen/ Sat, 06 Jun 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13974 [...]]]> Wer in den 1950er bis 1970er Jahren aufgewachsen ist, hat sie vermutlich im Regal gehabt: Jugendbuch-Klassiker wie „Die Schatzinsel“, „Moby Dick“ oder die legendären Bände der „Fünf Freunde“. Doch hinter den dynamischen, oft mit kräftiger Rohrfeder gezeichneten Bildern steckte meist ein Name, der selbst den treuesten Leser*innen oft kein Begriff war: Kurt Schmischke.

Das Buxtehude Museum holt den Mann hinter den Klassikern nun aus der Anonymität. In Kooperation mit dem Kongress für Kinderbuchillustration „BUNTE HUNTE“ zeigt das Museum vom 13. Juni bis zum 12. Juli 2026 die Pop-up-Ausstellung „Kurt Schmischke – der unbekannte Illustrator, den alle kennen“.

Vom Entwurf zum Abenteuer

Die Ausstellung bietet einen seltenen Einblick in das Schaffen eines Mannes, der seine Karriere als Maler und Grafiker in Berlin begann und ab 1957 in Hamburg lebte. Schmischkes Stil – ein zügiger Strich, ein buntes Figurenrepertoire und eine ausgeprägte Liebe für alles Maritime – prägte das Erscheinungsbild der Jugendbuchkultur jener Jahrzehnte. In Buxtehude werden erstmals ausgewählte Werke aus dem wiederentdeckten Nachlass des Künstlers präsentiert, die den gesamten Prozess vom Erstentwurf bis zum fertigen Buchcover nachvollziehbar machen. Ein Muss für alle, die eine Reise in ihre eigene Kindheit antreten wollen.

Europäische Archäologietage als Bonus

Der Museumsbesuch in Buxtehude lohnt sich im Juni gleich doppelt. Passend zur Ausstellung begeht das Museum am Wochenende vom 13. und 14. Juni 2026 die Europäischen Archäologietage mit einem bunten Programm für die ganze Familie:

  • Samstag, 13. Juni, 15 bis 17 Uhr: „Perlenwerkstatt“ für die ganze Familie.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 Uhr: Familienführung durch das Museum.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 bis 15 Uhr: Vortrag der Stadtarchäologin Casha Ipach zum Gräberfeld von Immenbeck mit spannenden neuen Forschungsergebnissen.

Die Pop-up-Ausstellung ist bei freiem Eintritt im Veranstaltungsraum des Buxtehude Museums zu sehen: St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Kontakt: Telefon 04161 50797-0 oder online unter buxtehudemuseum.de

Ob man nun wegen der maritimen Illustrationen von Schmischke kommt oder sich für die archäologische Spurensuche in der Region interessiert: Buxtehude ist in den kommenden Wochen ein lohnendes Ziel für Entdecker*innen.


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Die Unendlichkeit der Liebe https://www.tiefgang.net/die-unendlichkeit-der-liebe/ Fri, 05 Jun 2026 12:20:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13969 [...]]]> Elf Ausstellungen in acht Museen bilden das Fundament der 9. Triennale der Photographie in Hamburg, die unter der künstlerischen Leitung des Londoner Kurators Mark Sealy eröffnet wurde.

Vom 4. bis 14. Juni 2026 versammeln die Opening Days im Festivalzentrum der Deichtorhallen sowie an zahlreichen weiteren Orten 279 künstlerische Positionen aus aller Welt. Das Großereignis, das seit 1999 maßgeblich von der Behörde für Kultur und Medien getragen wird, versucht unter dem Leitmotiv „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ eine Bestandsaufnahme globaler Krisenherde und gesellschaftlicher Bruchlinien. Damit stellt sich die Frage nach der ökonomischen und politischen Relevanz des Mediums in einer durch digitale Bildströme hypergesättigten Aufmerksamkeitsökonomie.

Die schiere Skalierung des Festivals verdeutlicht den institutionellen Willen, Hamburg als führenden Knotenpunkt im internationalen Kunstmarkt zu verankern. Fotografie fungiert hierbei nicht mehr nur als rein ästhetisches Exponat, sondern als Seismograph globaler Machtverschiebungen. Die Kuratierung bricht bewusst mit westlich zentrierten Narrativen und inkludiert gezielt bisher übersehene Stimmen, was dem Festival eine neue inhaltliche Tiefe verleiht. Dr. Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, verweist auf die historische Kontinuität und Dimension des Projekts: „Seit mittlerweile 27 Jahren zählt die Triennale zu den bedeutendsten Fotofestivals Deutschlands – initiiert 1999 von F.C. Gundlach, dem 2021 verstorbenen visionären Fotografen, Sammler und Gründungsdirektor des Hauses der Photographie.“ Diese Tradition schlägt sich heute in den 11 Ausstellungen nieder, die versuchen, den inhärenten Wert des physischen Bildes gegen die inflationäre Entwertung in den sozialen Netzwerken zu verteidigen.

Das Paradoxon des Jahres 1948

Im Zentrum der konzeptionellen Ausrichtung steht ein historisches Paradoxon, das die Ambivalenz des Mediums Fotografie seit jeher prägt: die Gleichzeitigkeit von humanistischem Aufbruch und geopolitischer Verhärtung. Kurator Mark Sealy nutzt diese historische Bruchlinie als intellektuellen Kompass für die gesamte Triennale und bettet sie in einen größeren gesellschaftlichen Kontext ein: „Es gibt eine einfache, wunderschöne Zeile aus einem Lied, das viele vermutlich kennen – ‚Nature Boy‘, 1948 von eden ahbez geschrieben und durch Nat King Cole berühmt geworden: ‚The greatest thing you’ll ever learn is just to love – and be loved – in return.‘ “ Und ergänzt: Wenn man einmal kurz das Jahr bedenkt, in dem dieses Lied entstand – 1948: Das Jahr, in dem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurde. Aber auch das Jahr, in dem die Apartheid in Südafrika gesetzlich verankert wurde. Das Jahr der Berlin-Blockade schenke uns das Jahr 1948 sowohl Hoffnung als auch Leid. Es schenke uns ein Liebeslied – und eine Welt, die Mauern errichtet. „Und diese Spannung, dieses Paradoxon, liegt im Kern der Fotografie.“

Die hier sichtbare Dialektik zwischen Dokumentation und Instrumentalisierung zieht sich durch die Hauptausstellungen. Die gezeigten Arbeiten untersuchen, wie visuelle Repräsentation Identitäten konstruiert, aber auch wie dieselben Bilder als Werkzeuge der Überwachung oder Ausgrenzung dienen können.

Ein wichtiges Korrektiv zur musealen Institutionalisierung bildet die „Triennale Expanded“. Mit ihren 15 Projekten spiegelt sie die Dynamik der freien Foto- und Kunstszene Hamburgs wider. Während die großen Museen als Plattformen für etablierte Spitzenkunst agieren, zeigt sich in den dezentralen Projekten der Expanded-Schiene die unmittelbare Verhandlung urbaner Transformationen. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, betont den Netzwerkcharakter dieses Ansatzes: „Die 9. Triennale der Photographie wird erneut einen Sommer lang ein Netzwerk der Fotografie in Hamburg spannen. Sie soll unter der künstlerischen Leitung von Mark Sealy die Kraft der Vielfalt, das Potenzial unseres Zusammenhalts und die Wirksamkeit der Liebe als politischer Handlung erkunden.“

Dieser politische Anspruch muss sich jedoch an der Realität messen lassen: Inwieweit gelingt es den Bildern, über den Kreis eines ohnehin Bildungsbürger*innen-Milieus hinauszuwirken? Das dichte Begleitprogramm aus interdisziplinären Veranstaltungen mit der Stadtkuratorin Hamburg, der Tanztriennale und dem Kurzfilm Festival Hamburg unternimmt zumindest den strukturellen Versuch, die Grenzen der traditionellen Kunstvermittlung aufzubrechen.

Ob die Fotografie in einer Zeit der KI-generierten Hyperrealität ihre Funktion als verlässliches Dokument der Wirklichkeit behaupten kann oder ob sie sich endgültig in den Status einer nostalgischen Kunstform zurückzieht, bleibt die drängende Frage, die über diesen Hamburger Sommer hinausweist.

Termine, Orte und Programmdetails:

Die Opening Days mit intensivem Diskurs- und Performanceprogramm finden vom 4. bis 14. Juni 2026 statt. Die Hauptausstellungen sind in den kommenden Monaten für das Publikum geöffnet. Zentraler Ort: Festivalzentrum in den Deichtorhallen Hamburg sowie acht beteiligte Hamburger Museen und Kunstinstitutionen im Rahmen des Eröffnungsparcours. 15 Projekte der „Triennale Expanded“ öffnen parallel in verschiedenen Hamburger Stadtteilen.


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Die Stimme bleibt https://www.tiefgang.net/die-stimme-bleibt/ Tue, 02 Jun 2026 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13934 [...]]]> Man kann Esther Bejarano nicht in Aktenordnern fassen, doch man kann ihr Wirken dokumentieren. Genau das ist nun – fünf Jahr nach Ihrem Tod – in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) geschehen.

Der persönliche Nachlass der 2021 verstorbenen Überlebenden der Shoah, Aktivistin und unermüdlichen Mahnerin wurde erschlossen und öffnet nun – gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien – ein Fenster in ein bewegtes Leben.

Was da in den Regalen der FZH am Beim Schlump liegt, ist weit mehr als eine private Sammlung. Es ist ein Destillat deutscher Nachkriegsgeschichte. Neben den amtlichen Dokumenten und den Zeugnissen ihres politischen Engagements im Auschwitz-Komitee birgt der Nachlass einen Schatz, der vielen unbekannt sein dürfte: die Musik.

Es ist eine unterschätzte Facette ihrer Biografie. Esther Bejarano war nicht nur Zeitzeugin; sie war Musikerin durch und durch. Ihre Liedtexte, Noten und Aufnahmen zeugen von einer Frau, die begriff, dass Musik eine Sprache ist, die dort weiterhilft, wo Worte an ihre Grenzen stoßen. Sie nutzte die Melodie als Waffe gegen das Vergessen und als Brücke zum Dialog. Dass diese Noten und persönlichen Aufzeichnungen nun im Archiv liegen, sichert nicht nur ihre politische Hinterlassenschaft, sondern auch ihr künstlerisches Vermächtnis. Es zeigt eine Frau, die das Unfassbare überlebte und daraus eine Lebensaufgabe machte: zu verhindern, dass die Melodie der Menschlichkeit verstummt.

Die Aufarbeitung ist in Zeiten zunehmender geschichtsrevisionistischer Tendenzen ein essenzielles Projekt. Prof. Dr. Kirsten Heinsohn, kommissarische Direktorin der FZH, betont, dass der Nachlass die seit mehr als 20 Jahren bestehenden Interviews der „Werkstatt der Erinnerung“ perfekt ergänzt. Die materielle Ebene – der Kalender, das Plakat, der Liedtext – macht den Weg von der Überlebenden zur streitbaren Aktivistin greifbar.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der die Erschließung anlässlich einer Veranstaltung in dieser Woche würdigte, unterstrich: „Esther Bejaranos Stimme gegen Antisemitismus, Rassismus und das Vergessen wirkt bis heute weit über Hamburg hinaus.“

Was bleibt?

Dass der Nachlass nun für Forschung und Bildung zugänglich ist, bedeutet, dass das „Handwerkszeug“ ihres Kampfes erhalten bleibt. Esther Bejarano hat uns einen klaren Kompass hinterlassen. Dass ihre Dokumente – ihre Korrespondenzen ebenso wie ihre Partituren – nun der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, ist ein wichtiger Schritt, um diesen Kompass für künftige Generationen zu bewahren.

Wer sich für die Arbeit des Archivs interessiert oder die Materialien für Bildungszwecke sichten möchte, findet unter zeitgeschichte-hamburg.de alle Informationen zum Zugang. Es ist ein Archiv, das nicht nur bewahrt, sondern das uns aktiv daran erinnert, dass Erinnerungskultur kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein Auftrag, der jeden Tag neu mit Leben – und Musik – gefüllt werden muss.

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Fußball, Masse und Macht https://www.tiefgang.net/fussball-masse-und-macht/ Mon, 01 Jun 2026 22:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13883 [...]]]> Hamburg bekommt eine neue Adresse für die Kultur, Kunst und Bildung. Und zur WM geht´s mit Schattenseiten des Fußballs los.

Während andernorts Flächen für Kultur oft nur schwer zu finden oder temporäre Provisorien sind, wächst im Johann Kontor am Klosterwall ein Ort heran, der langfristig überzeugen will. Ab Juni 2026 öffnet das „Kultur Kontor Hamburg“ seine Pforten – eine 700 Quadratmeter große Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche, die sich mitten im Herzen der Stadt, unweit der Kunstmeile, als neuer kultureller Anlaufpunkt etablieren soll.

Es ist ein ungewöhnliches Konstrukt: Die Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) agiert hier als Hauptnutzerin, unterstützt von der Kulturbehörde. Dass ein internationaler Logistik-Riese wie Maersk die Fläche als Mieter durch einen Mieterlass fördert, zeigt zudem, wie moderne Stadtentwicklung und Kulturförderung Hand in Hand gehen können.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet für diese neue Allianz klare Worte: „Mit dem Kultur Kontor bekommt Hamburg eine weitere Kulturfläche in zentraler Lage. Es bietet uns die großartige Möglichkeit, die Fläche flexibel zu bespielen.“ Flexibilität ist hier das Schlagwort. Das Kontor soll keine statische Galerie sein, sondern ein atmender Raum. Die SHMH wird die Fläche nutzen, um Einblicke in ihre Großprojekte zu geben – allen voran das mit Spannung erwartete Deutsche Hafenmuseum.

Was das Projekt besonders macht, ist seine Diversität. Einmal im Jahr gehört die Bühne der Behörde für Kultur und Medien, die hier Arbeiten der Edwin-Scharff-Preisträger*innen präsentiert. Damit schlägt man eine direkte Brücke zur Hamburger Kunstszene und gibt zeitgenössischen Positionen einen Raum, der weit über die Grenzen klassischer Museumswände hinausreicht.

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor der SHMH, unterstreicht den Anspruch: „Die SHMH möchte diese Fläche im Zentrum der Stadt für Präsentationen und Veranstaltungsformate zu verschiedenen ihrer aktuellen Großprojekte nutzen.“ Es geht um Transparenz, um den Arbeitsprozess hinter der Museumsarbeit und darum, die Stadtgesellschaft teilhaben zu lassen an dem, was hinter den Kulissen entsteht.

Die Eröffnung am 9. Juni markiert den Startschuss. Mit dem Johann Kontor gewinnt Hamburg eine Fläche, die architektonisch in die Moderne passt und inhaltlich genau das bieten will, was die Innenstadt so dringend braucht: einen Ort des Innehaltens, der Information und der ästhetischen Überraschung. Ein Kontor, in dem nicht mit Containern, sondern mit Ideen gehandelt wird.

Architektur trifft auf kulturellen Anspruch

Die architektonische Einbettung des Kultur Kontors ist dabei weit mehr als nur eine gefällige Unterbringung im Erdgeschoss. Von Beginn an war die kulturelle Nutzung als integraler Bestandteil des Johann Kontors fest im städtebaulichen Vertrag verankert. Frank Holst, Geschäftsführer von AUG. PRIEN Immobilien, betont: „Für uns war diese Entscheidung ein zentraler Aspekt unserer Planung und Durchführung.“

Das Ergebnis: eine bestens ausgestattete, barrierefreie Fläche, die durch ihre prominente Lage direkt am Klosterwall eine Brücke zwischen geschäftlichem Treiben und kultureller Reflexion schlägt. Es ist ein Raum, der durch seine moderne Transparenz einlädt – ein „atmender Raum“, wie es Kultursenator Dr. Carsten Brosda treffend formulierte. Dass ein internationaler Logistik-Riese wie Maersk als Hauptmieter den Standort durch einen Mieterlass fördert, unterstreicht die Rolle des Kontors als gesellschaftliches Engagement mitten in der Innenstadt.

Fußball, Masse und Macht

Passend zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft der Männer im Sommer 2026 schlägt das Kultur Kontor mit seiner Eröffnungsausstellung ein Kapitel auf, das weit über den Sport hinausgeht. Ab dem 9. Juni 2026 wird die Wanderausstellung „SPORT. MASSE. MACHT. Fußball im Nationalsozialismus“ präsentiert.

Dass der Startschuss gerade in einem so neuen, offen gestalteten Raum erfolgt, ist kein Zufall. Die von der what matters gGmbH und dem Sportmuseum Berlin kuratierte Schau stellt die Frage, wie der Sport – und speziell der Fußball – zur Stabilisierung und Propagierung nationalsozialistischer Ideologie instrumentalisiert wurde. In Hamburg wird diese Ausstellung gemeinsam von der SHMH sowie der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte realisiert. Sie ist ein dringliches Angebot an das Publikum, die populärste Sportart der Welt einmal nicht nur unter Aspekten von Sieg und Niederlage zu betrachten, sondern als ein gesellschaftliches Feld, in dem Machtansprüche und ideologische Massenmobilisierung eine verheerende Allianz eingingen.

Die Ausstellung ist ein Auftakt, der verdeutlicht, welchen hohen Anspruch das Kultur Kontor Hamburg an sich selbst stellt: Hier soll nicht nur geschaut werden, hier soll diskutiert werden.

Ausstellungsdetails & Führungen

Für Interessierte, die sich tiefergehend mit den Inhalten der Ausstellung „SPORT. MASSE. MACHT.“ auseinandersetzen möchten, werden begleitende Führungen angeboten.

  • Eröffnung: 9. Juni 2026, 14.00 Uhr
  • Öffnungszeiten: Montag sowie Mittwoch bis Freitag von 10.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr, Eintritt: Frei
  • Führungstermine: Informationen zu den aktuellen Terminen finden Interessierte auf der offiziellen Website: www.shmh.de/praesentationen/sport-masse-macht/
  • Vertiefende Infos zum Ausstellungsthema: sport-masse-macht.de

Ein Raum mit vielen Gesichtern

Die SHMH ist organisatorisch für das Programm verantwortlich. Man darf gespannt sein, welche weiteren Perspektiven sich hier in den kommenden Monaten eröffnen werden.

Das Programm des Kultur Kontors scheint klug konzipiert, um verschiedene Facetten der Hamburger Kulturlandschaft sichtbar zu machen. Denn die Stiftung Historische Museen Hamburg nutzt die Fläche künftig nicht nur als Galerie, sondern als aktive Plattform. Besonders spannend ist dabei der Fokus auf das Deutsche Hafenmuseum, das sich hier in einer intensiven Aufbauphase befindet. Besucher*innen erhalten die exklusive Möglichkeit, Einblicke in die Konzeption, die Objektauswahl und die komplexen Arbeitsverfahren dieses Großprojekts zu gewinnen – eine Art „Museum hinter den Kulissen“, das den Transformationsprozess unserer Stadtgeschichte erlebbar macht.

Edwin-Scharff-Preisträger*innen im Fokus

Ein weiterer Höhepunkt im Jahreskalender ist die jährliche Präsentation der Preisträger*innen des Edwin-Scharff-Preises, eine renommierte Auszeichnung Hamburgs, die seit 1955 jährlich an herausragende Künstler*innen für ihr Schaffen vergeben wird. Die Behörde für Kultur und Medien nutzt das Kultur Kontor dann für einen Monat, um diese herausragenden Leistungen in der bildenden Kunst ins Scheinwerferlicht zu rücken. In unmittelbarer Nähe zur Hamburger Kunstmeile entsteht so eine spannende Wechselwirkung: Die unmittelbare Nachbarschaft zu etablierten Institutionen schafft einen Dialog zwischen der arrivierten Kunstwelt und den frischen, preisgekrönten Positionen.

Ausblick:

Das Kultur Kontor versteht sich als „atmender Raum“. Die Mischung aus wechselnden Präsentationen der SHMH zu ihren Großprojekten und Modernisierungsvorhaben, temporären Ausstellungen zeitgenössischer Kunst durch Preisträger*innen und Informationsangeboten zum Deutschen Hafenmuseum sorgt für eine stete Dynamik, die dazu einlädt, öfter am Klosterwall vorbeizuschauen. Es ist diese bewusste Öffnung zur Stadtgesellschaft hin, die den besonderen Reiz ausmacht. „Das Kultur Kontor bietet uns die großartige Möglichkeit, die Fläche flexibel zu bespielen“, betonte Kultursenator Dr. Carsten Brosda – und genau diese Flexibilität scheint der Schlüssel zu sein, um aus einem reinen Ausstellungsort einen Ort der Begegnung zu machen.

Wer sich über das aktuelle Programm auf dem Laufenden halten möchte, findet alle Informationen unter www.shmh.de/kultur-kontor-hamburg. Das Kultur Kontor beweist schon jetzt, dass es nicht nur ein Raum für Exponate ist, sondern ein Ort, an dem die kulturelle Zukunft Hamburgs aktiv mitgestaltet wird.


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Wenn der Backstein swingt https://www.tiefgang.net/wenn-der-backstein-swingt/ Fri, 29 May 2026 22:25:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13944 [...]]]> Es gibt Tage, an denen die Hamburger Speicherstadt mehr ist als nur eine beeindruckende Kulisse für Smartphone-Bilder. Wenn die Kontorhäuser ihre Geschichte nicht nur in Stein meißeln, sondern im Takt von Lindy Hop mitschwingen, dann ist wieder UNESCO-Welterbetag.

von Carsten Leufelt-Schulz

Am 7. Juni 2026 lädt Hamburg dazu ein, das, was wir täglich als selbstverständlich zwischen Fleet und Klinker wahrnehmen, neu zu entdecken – unter dem Motto „Gemeinsam für Frieden und Verständigung“.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist das Kesselhaus am Sandtorkai. Wo einst Dampfmaschinen das Herz der Speicherstadt antrieben, schlägt am 7. Juni das kulturelle Herz der Stadt. Von 11 bis 19 Uhr verwandelt sich der Industriebau in einen Resonanzraum für Geschichte, Musik und Dialog.

Musikalisch wird es dabei alles andere als museal. Güneş und Marcus von HappyFeet Swing bringen den Geist der 1920er und 30er Jahre zurück auf das Pflaster der Speicherstadt. Wer den Rhythmus spüren will, ist um 15 Uhr beim Einführungskurs für Einsteiger*innen bestens aufgehoben. Wenn ab 16 Uhr „The Savoy Stompers“ gemeinsam mit der kalifornischen Sängerin Tiffany die Tanzparty eröffnen, trifft die Schwere der historischen Speicher-Architektur auf die Leichtigkeit des Swing – ein Kontrast, der Hamburgs weltoffene Identität perfekt widerspiegelt.

Wer die architektonischen Schätze der Stadt tiefergehend verstehen möchte, findet im Führungsprogramm fundierte Einblicke. Experten beleuchten ab 11, 13 und 15 Uhr die Welterbe-Kriterien der Speicherstadt und führen durch die Kontorhaus-Giganten wie das Chilehaus oder den Sprinkenhof.

Auch für das jüngere Publikum ist gesorgt: Während Familien bei speziellen Führungen (11 und 15 Uhr) erfahren, warum Wände in der Speicherstadt so dick sind und was Architektur mit Gewürzen zu tun hat, präsentiert das Allee Theater um 14 Uhr einen Ausschnitt aus der „Kleinen Zauberflöte“. Eine spielerische Hommage an die Hochkultur, die zeigt, dass Oper keine elitäre Angelegenheit ist.

Ein besonderer Clou des Tages ist der Blick über den Hamburger Tellerrand hinaus. Das Weltnaturerbe Wattenmeer ist zwar gut 100 Kilometer entfernt, doch am Welterbetag rückt es in die Speicherstadt. Auf einer geführten Wanderung durch die Innenstadt ziehen Experten Parallelen zwischen den Hamburger Brutvogelarten und dem artenreichen Wattenmeer. Es ist ein kluger Kniff, der daran erinnert, dass unser städtisches Welterbe – Speicherstadt und Kontorhausviertel – untrennbar mit dem ökologischen Erbe der Nordsee verbunden ist.

Das UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen ergänzt das Programm im Kesselhaus um eine globale Perspektive. Mit spielerischen Einblicken in die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wird das Welterbe zum Lernort für eine Welt von morgen.

Der UNESCO-Welterbetag zeigt, dass Denkmalpflege weit mehr ist als nur der Erhalt von Fassaden. Es ist ein Forum für Begegnung. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es empfiehlt sich lediglich, rechtzeitig vor Ort zu sein, um die Führungen in Ruhe zu genießen. Ein Tag, der dazu einlädt, das „gemeinsame Erbe“ nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu erleben.

So., 7. Juni 2026, 11 – 19 Uhr, zentraler Ort: Kesselhaus, Am Sandtorkai 30

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei

Weitere Infos: www.welterbe.hamburg


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Das Universum hinter Tönen https://www.tiefgang.net/das-universum-hinter-toenen/ Sat, 23 May 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13891 [...]]]> Das Berufsfeld Musik im Jahr 2026 ist ein riesiges, oft unsichtbares Universum, das weit über die Rampe der klassischen Konzertbühne hinausreicht. Ein Portal leitet nun gekonnt hindurch …

Wer an ein Musikstudium denkt, sieht meist dasselbe Bild vor sich: Ein einsames Genie am Flügel, das stundenlang Tonleitern übt, oder die virtuose Geigerin, die auf den großen Solist*innenplatz im Orchester hinarbeitet. Doch wer die Augen und Ohren öffnet, merkt schnell: Das Berufsfeld Musik im Jahr 2026 ist ein riesiges, oft unsichtbares Universum, das weit über die Rampe der klassischen Konzertbühne hinausreicht.

Hinter den glänzenden Fassaden der Kulturmetropolen wächst eine Generation von Musikschaffenden heran, deren Alltag ganz anders aussieht. Da ist der Musiktherapeut, der mit Klängen Brücken zu Demenzerkrankten baut; die Musikpädagogin, die in der Popkultur die digitale Zukunft des Unterrichts erprobt; oder der Musikjournalist, der komplexe Kulturpolitik verständlich macht. Musik ist heute interdisziplinär, digital und flexibel. Doch genau diese enorme Vielfalt machte es jungen Talenten bislang schwer, den richtigen Weg zu finden. Die Auswahl war schlicht zu unübersichtlich, die Profile der einzelnen Institutionen zu verstreut. Bis jetzt.

Hier kommt der neue „Kompass Musikstudium“ ins Spiel, den das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) – eine Einrichtung des Deutschen Musikrats – im Mai 2026 an den Start gebracht hat. Man darf sich dieses Tool nicht als verstaubtes Vorlesungsverzeichnis vorstellen, sondern als modernen digitalen Lotsen durch die deutsche Bildungslandschaft. In enger Kooperation mit der Hochschulrektorenkonferenz ist hier eine Plattform entstanden, die zum ersten Mal Ordnung in das Dickicht der Ausbildungsmöglichkeiten bringt.

Die nackten Zahlen des Portals (unter miz.org/de/kompass-musikstudium) sind beeindruckend: Mehr als 1.700 Studiengänge an Musikhochschulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen in ganz Deutschland sind hier zentral erfasst und zugänglich gemacht worden. Das Besondere daran ist die intuitive Handhabung. Nutzer*innen müssen sich nicht mühsam durch die Websites von Dutzenden Instituten klicken, sondern können die Datenbank ganz gezielt nach drei Kernkriterien filtern:

Fachrichtung: Von Instrumentalausbildung über Musiktherapie und Journalismus bis hin zu pädagogischen Studiengängen.

Abschluss: Egal ob Bachelor, Master, Staatsexamen oder künstlerische Promotion.

Studienort: Eine geografische Suche, die zeigt, wo in Deutschland welche Schwerpunkte gesetzt werden.

Der Kompass liefert zu jedem Treffer kompakte, verlässliche Informationen über die tatsächlichen Studieninhalte und verlinkt direkt zu den weiterführenden Bewerbungs- und Prüfungsordnungen der jeweiligen Häuser. Das erklärte Ziel des miz ist es, Orientierung zu schaffen und jungen Menschen den oft einschüchternden Weg in den Musikberuf zu ebnen.

Wo der Code die Karriere trifft

Als wir vor einiger Zeit unter dem Titel „Wo der Code die Kunst trifft“ (Tiefgang, 21.04.2026) über die Digitalisierung der Musiklandschaft berichteten, ging es vor allem um neue ästhetische Räume, um Algorithmen in der Produktion und die Frage, wie Bits und Bytes die Kreativität verändern. Doch die Digitalisierung macht nicht an den Studiotüren halt – sie hat längst die gesamte Ausbildungslandschaft erfasst und gründlich durchgeschüttelt. Wer heute Musik studiert, muss oft selbst den Spagat zwischen Code und Kunst beherrschen. Das Problem: Die Wege dorthin waren bisher so verzweigt, dass viele Talente kapitulierten, noch bevor sie die erste Bewerbung abgeschickt hatten.

Genau an dieser Schnittstelle setzt der neue digitale Lotse an. Ein Blick auf das Suchportal (unter miz.org/de/kompass-musikstudium/suche) offenbart die schiere Bandbreite der modernen Musikwelt. Hier wird sichtbar, wie flexibel und spezialisiert die Ausrichtungen im Jahr 2026 geworden sind. Ob Kirchenmusik, Film&Sounds oder Musik&Geisteswissenschaft – die Bandbreite ist riesig und dazu kommen weitere interdisziplinäre Studiengänge an den Schnittstellen von Medien und Technologie, hochspezifische pädagogische Konzepte oder Nischenfächer – das Portal schlüsselt das unsichtbare Universum präzise auf.

Und der Kompass löst noch ein ganz praktisches, oft unterschätztes Problem: die Geografie der Ausbildung. Nicht jede*r kann oder möchte für das Studium ans andere Ende der Republik ziehen. Für all jene, die nahe der Heimat bleiben und in ihrem gewohnten Umfeld Wurzeln schlagen wollen, bietet die regionale Filterfunktion einen unschätzbaren Mehrwert. Mit wenigen Klicks lässt sich herausfinden, welche ungeahnten akademischen Schätze direkt vor der eigenen Haustür liegen. So wird der Code im Netz zum ganz realen Wegweiser für die Karriere in der Region.

Die Nische als Orientierung und Schutzfaktor

In Zeiten, in denen heftig über GEMA-Reformen, Verteilungsschlüssel und den Erhalt von Kulturräumen gestritten wird, ist Transparenz der erste Schritt zur Selbstbehauptung für den Nachwuchs. Wenn die traditionelle Förderung wackelt, müssen angehende Künstler*innen umso genauer wissen, wo sie ihre Nische finden können. Orientierung wird so zu einem echten Schutzfaktor für die ästhetische Vielfalt. Der neue Kompass erweist sich hier als echte Schatzkarte, die zeigt, dass die Musiklandschaft viel bunter ist, als es die starren Kategorien der Vergangenheit vermuten lassen.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Selbstversuch auf der Plattform. Wer dort nach einem modernen Begriff wie „Computermusik“ sucht, wird nicht mit standardisierten Ergebnissen abgespeist, sondern stößt auf hochspezialisierte, innovative Studiengänge. Das Portal führt Interessierte beispielsweise direkt nach Essen an die Folkwang Universität der Künste. Dort verbirgt sich hinter der Suche weit mehr als nur technisches Handwerk: Studiengänge wie „Integrative Komposition“ oder „Professional Media Creation“ zeigen exemplarisch, wie die Ausbildung im Jahr 2026 auf die Anforderungen einer digitalisierten Kulturwelt reagiert.

Hier wird das visible Universum der Musik greifbar. Der Kompass bündelt diese oft versteckten Perlen und holt sie aus der Anonymität der akademischen Nische ins Rampenlicht. Er beweist, dass es sie gibt: die Orte, an denen Experiment, Technologie und Kunst fächerübergreifend verschmelzen. Für junge Menschen ist das die Chance, genau die Ausbildung zu finden, die zu ihrer Vision passt – abseits der ausgetretenen Pfade des Massenmarkts.

Ein Werkzeug mit und für die Zukunft

Mit dem „Kompass Musikstudium“ haben das miz und der Deutsche Musikrat einen Meilenstein gesetzt. In Zeiten, in denen sich die Koordinaten der Kulturwelt rasant verschieben, ist diese Plattform genau das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit. Sie ist ein digitales Fundament, das Orientierung bietet, wo vorher oft nur Orientierungslosigkeit herrschte, und sie schützt die Vielfalt, indem sie die Nischen sichtbarer macht.

Doch so beeindruckend die jetzige Datenbank mit ihren über 1.700 Studiengängen bereits ist: Dieser Launch ist erst der Anfang. Das Portal ist als lebendiges System angelegt, und seine wahre Stärke wird sich in den kommenden Jahren entfalten. Wenn das Portal kontinuierlich mit neuen Fortentwicklungen, praxisnahen Inhalten und aktuellen Profilen gefüttert wird, wird seine Nützlichkeit für die Musiker*innen von morgen um ein Vielfaches steigen. Es ist ein erster, mutiger Schritt getan, um den digitalen Wandel in der Ausbildung nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten – damit das Musikland Deutschland auch in Zukunft so facettenreich bleibt, wie es dieser Kompass schon heute verspricht.

Hier zum Portal: https://miz.org/de/kompass-musikstudium


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Wenn die Gondeln Trauer tragen https://www.tiefgang.net/wenn-die-gondeln-trauer-tragen/ Fri, 08 May 2026 22:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13784 [...]]]> Venedig ist im Mai 2026 kein Ort für touristische Klischees. Zwar glitzert die Sonne über dem Canal Grande, aber der Deutsche Pavillon in den Giardini eröffnet und trauert zugleich: um Henrike Naumann. Sie verstarb vor einigen Wochen.

Es ist sowohl ein Moment der künstlerischen Selbstbehauptung, in dem die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) ihre Rolle als globale Denkfabrik unterstreicht.

Mit fünf zentralen Positionen, die eng mit der Elbmetropole verwoben sind, wird ab heute die 61. Biennale di Venezia zu einer Art norddeutschen Exklave der kritischen Reflexion. Im Zentrum dieses Kraftfeldes steht ein Begriff, der so schwer wie programmatisch ist: Ruin.

Ruin als Verb: Ein Prozess des Verfalls und des Widerstands

Die Kuratorin Kathleen Reinhardt hat für den Deutschen Pavillon ein Konzept entworfen, das den Ruin nicht als statischen Zustand des Verfalls begreift. In ihren Augen ist Ruin ein Verb – ein aktiver Prozess der Zerstörung, der finanzieller, politischer oder moralischer Natur sein kann. Es geht um das Überlagern von Ideologien und Biografien in einem Raum, der selbst eine belastete architektonische Geschichte atmet. Die Ausstellung will Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch begreifbar machen und dabei bewusst in einer Moll-Tonart agieren.

Henrike Naumann: Die Geister der Wohnstube

Besonders schmerzlich und zugleich kraftvoll ist die Präsenz von Henrike Naumann. Die Anfang 2026 viel zu früh verstorbene Künstlerin und designierte HFBK-Professorin hat ihr Werk für den Pavillon noch selbst vollendet. Unter dem Titel Die Innere Front verwandelt sie den Hauptraum in eine archäologische Grabungsstätte der deutschen Alltagsästhetik. Möbel und Readymade-Objekte werden zu Zeugen einer Radikalisierung, die nicht auf der Straße beginnt, sondern im Privaten.

Naumann arbeitete oft mit der Erkenntnis, dass Ideologie im Wohnzimmer beginnt. In Venedig sind ihre Installationen vor mintgrünen Wänden platziert, die an sowjetische Kasernen der DDR erinnern. Ein Relief aus Stühlen erzählt die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts neu. Für Naumann war die Kunst nie vom Weltgeschehen zu trennen; sie betonte stets: „Für mich als Künstlerin ist alles politisch.“ Ihr Beitrag ist ein Vermächtnis, das die Heimeligkeit als emotionalen Raum hinterfragt und dabei eine Remilitarisierung der Gesellschaft subtil offenlegt.

Sung Tieu: Die Eleganz der Überwachung

In einem faszinierenden Kontrast dazu steht die Arbeit von Sung Tieu, Absolventin der HFBK, deren Praxis sich an der Schnittstelle von Biografie und Geopolitik bewegt. Sie verleiht dem durch den Nationalsozialismus geprägten Pavillon eine neue, irritierende Fassade. Ein Trompe-l’œil-Mosaik aus über drei Millionen Marmorsteinen bildet die Überreste eines Plattenbaus aus der Ostberliner Gehrenseestraße nach – ein Ort, der einst Tieus Zuhause war und später zum Spielball spekulativer Verwertung wurde.

Ihr Werk trägt den provokanten Titel Human Dignity Shall Be Inviolable, ein direktes Zitat aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Hier prallen zwei Repräsentationssysteme aufeinander: die faschistische Monumentalität des Pavillons und die sozialistisch-egalitäre Idee des Wohnungsbaus. Tieu nutzt Skulpturen, Düfte und Klänge, um administrative Disziplinierung und die Marginalisierung migrantischer Gemeinschaften spürbar zu machen. Es ist eine sensible Untersuchung von Machtverhältnissen, die unterschiedliche politische Systeme überdauern.

Das Hamburger Netzwerk: Mehr als nur ein Pavillon

Der Erfolg in Venedig ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer konsequenten Förderung des Wissenschafts- und Kunststandorts Hamburg. Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal sieht die HFBK in einer wichtigen Doppelrolle als Impulsgeber und Spiegel unserer Gesellschaft. Neben dem Deutschen Pavillon sind drei weitere Künstler*innen präsent, die das Hamburger Profil schärfen: Kader Attia in der zentralen Ausstellung, Jenna Sutela im Finnischen Pavillon und Yalda Afsah mit einer Einzelschau im Palazzo Ca’ Buccari.

Diese künstlerischen Positionen decken ein breites Spektrum ab – von postkolonialen Reparationsfragen bis hin zum technologisch-biologischen Spannungsfeld. Es ist eine Demonstration der internationalen Strahlkraft, die durch eine Allianz aus öffentlichen und privaten Förderern wie der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Rudolf Augstein Stiftung ermöglicht wurde.

Der Deutsche Pavillon 2026 ist kein Ort der einfachen Antworten. Ruin zwingt die Besucher*innen zum Innehalten in einer Zeit, die oft von oberflächlicher Dynamik geprägt ist. Zwischen den Kettenhemdvorhängen von Henrike Naumann und den Marmormosaiken von Sung Tieu entsteht ein Raum des Widerstands gegen das Vergessen. Hamburg beweist in Venedig, dass zeitgenössische Kunst dann am stärksten ist, wenn sie dorthin geht, wo es wehtut: in die Leerstellen der Geschichte und in die Abgründe unserer eigenen Identität.


Ausstellung: Ruin

9. Mai bis 22. November 2026 | Deutscher Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig

Beteiligte Künstler*innen: Henrike Naumann und Sung Tieu | Kuratorin: Dr. Kathleen Reinhardt

www.deutscher-pavillon.org | www.labiennale.org

Begleitend zur Eröffnung erscheint im DISTANZ Verlag eine Publikation, die künstlerische Beiträge von Naumann und Tieu mit wissenschaftlichen Essays verbindet.


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Warum uns die „Reform“ alle angeht https://www.tiefgang.net/warum-uns-die-reform-alle-angeht/ Thu, 07 May 2026 22:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13780 [...]]]> In unserer dreiteiligen Serie „Der Preis der Töne“ beleuchten wir die fundamentale Krise der GEMA.

In den letzten zwei Jahren gab es heftige Debatten über die Verteilungsschlüssel innerhalb der GEMA-Sparten (U-Musik vs. E-Musik). Der Kern des Streits: Große Verlage und „Top-Verdiener“ profitieren systemisch stärker von Pauschalauszahlungen. Die Reform nun soll einiges ändern: Kleinere Urheber*innen fordern eine transparentere und „basisnähere“ Verteilung, die besonders Live-Auftritte in kleinen Clubs fairer entlohnt, statt nur die Radio-Charts zu bedienen. Was als solidarisches Schutzschild für Komponist*innen begann, droht im Jahr 2026 unter dem Druck von Algorithmen und Markteffizienz zu zerbrechen. Wir blicken auf die Wurzeln, die Fronten und die Zukunft unserer Musikkultur.

Heute: wem nützt die Reform?

Wenn wir über die GEMA-Reform sprechen, geht es um weit mehr als um nackte Zahlen auf den Konten der Urheber*innen. Es geht um die Zerstörung eines Ökosystems, das Deutschland weltweit einzigartig macht. Wenn das Solidarprinzip der reinen Marktlogik geopfert wird, trifft der drohende Kahlschlag die gesamte kulturelle Infrastruktur des Landes.

Die Folgen ziehen Kreise wie ein Stein, der in ein ruhiges Gewässer geworfen wird. Zuerst trifft es jene, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Wie die Interessengemeinschaft der Musikverleger (Mai 2026) in einer Stellungnahme zu bedenken gab: „Ohne die bisherigen Ausschüttungen bricht das Geschäftsmodell für jene weg, die das Wagnis eingehen, komplexe Partituren zu drucken und zu verbreiten, die sich erst in Jahrzehnten amortisieren.“

Wenn diese Verlage sterben, verschwindet das gedruckte Gedächtnis unserer musikalischen Gegenwart. Noch dramatischer zeigt sich dann das Bild bei den Festivals und Ensembles für Neue Musik. Sinkt die Unterstützung, stirbt die Nische – und mit ihr jene Experimentierräume, in denen die Sprache der Musik von morgen überhaupt erst entwickelt wird. Was bleibt, ist ein kultureller Einheitsbrei; ein Musikland Deutschland, das seine Museen pflegt, aber seinen lebendigen Geist aushungert.

Besonders bitter ist die Perspektive für den ländlichen Raum. Während die großen Metropolen ihre Leuchttürme vielleicht noch durch kommunale Mittel retten können, droht in der Fläche die kulturelle Verödung. Wenn nun die Markttauglichkeit zum alleinigen Gradmesser wird, werden jene Stimmen verstummen, die zu leise für die großen Algorithmen, aber zu wichtig für den gesellschaftlichen Diskurs sind.

Was am Ende dieser Debatte bleibt, ist die Frage nach dem sozialen Vertrag unserer Kultur. Wenn die GEMA-Hauptversammlung im Mai 2026 ihre Stimme abgibt, entscheidet sie über das Fortbestehen der Idee, dass Kunst Freiheit braucht, um auch dort zu existieren, wo sie sich nicht sofort rechnet. Wie der Journalist Axel Brüggemann in Backstage Classic (Mai 2026) mahnte, darf es nicht dazu kommen, dass ökonomische Selektionslogik die ästhetische Vielfalt besiegt.

Wahre Modernisierung hieße, die Instrumente der Förderung so zu schärfen, dass sie Nachwuchs und Innovation schützen, ohne die wirtschaftliche Basis zu gefährden. Es liegt nun an den Urheber*innen selbst zu beweisen, dass sie mehr sind als die Summe ihrer Klicks – und dass die Solidarität, die Richard Strauss einst begründete, auch im Zeitalter der Algorithmen noch einen unschätzbaren Wert besitzt.

Teil1: Richard Strauss und das Erbe von E und U

Teil2: Die Logik des Marktes


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Die Logik des Marktes https://www.tiefgang.net/die-logik-des-marktes/ Wed, 06 May 2026 22:28:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13775 [...]]]> In unserer dreiteiligen Serie „Der Preis der Töne“ beleuchten wir die fundamentale Krise der GEMA.

In den letzten zwei Jahren gab es heftige Debatten über die Verteilungsschlüssel innerhalb der GEMA-Sparten (U-Musik vs. E-Musik). Der Kern des Streits: Große Verlage und „Top-Verdiener“ profitieren systemisch stärker von Pauschalauszahlungen. Die Reform nun soll einiges ändern: Kleinere Urheber*innen fordern eine transparentere und „basisnähere“ Verteilung, die besonders Live-Auftritte in kleinen Clubs fairer entlohnt, statt nur die Radio-Charts zu bedienen. Was als solidarisches Schutzschild für Komponist*innen begann, droht im Jahr 2026 unter dem Druck von Algorithmen und Markteffizienz zu zerbrechen. Wir blicken auf die Wurzeln, die Fronten und die Zukunft unserer Musikkultur.

Heute: Wer zahlt und wer bekommt?

Wenn man die prunkvollen Foyers der Musikgeschichte verlässt und die kühlen Büros der GEMA-Zentrale in München betritt, ändert sich die Sprache. Hier regieren nicht mehr Partituren, sondern Bilanzen und Rechtsgutachten. Der Kern der aktuellen GEMA-Reform lässt sich auf ein Wort reduzieren: Äquivalenz.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine juristische Zäsur. Wie der Bundesgerichtshof (BGH) bereits in seinem richtungsweisenden Urteil von 2011 festschrieb, muss die Verteilung der Einnahmen streng dem wirtschaftlichen Wert der Nutzung folgen. Für den GEMA-Vorstand ist die Reform daher keine Herzensangelegenheit, sondern eine rechtliche Notwendigkeit. In internen Papieren und öffentlichen Stellungnahmen betont die GEMA-Führung (März 2026) immer wieder: „Wir müssen unsere Verteilungsschlüssel gerichtsfest und marktgerecht gestalten, um im internationalen Wettbewerb gegen profitorientierte Verwerter aus den USA bestehen zu können“.

Doch was die eine Seite als Modernisierung preist, nennt die andere Seite Verrat. Besonders laut hallt der Protest aus den Bildungsstätten des Landes. In einem beispiellosen Brandbrief der Rektor*innen deutscher Musikhochschulen (April 2026) warnten die Unterzeichner*innen eindringlich: „Die Pläne, den sogenannten Kulturfaktor massiv zu beschneiden, treffen das Herz der zeitgenössischen Komposition und drohen einen Kahlschlag in der Nachwuchsförderung auszulösen“.

Die Fronten sind verhärtet: Die Reformbefürworter*innen argumentieren, dass nur eine „verschlankte und effiziente GEMA“ das Überleben der Urheber*innen im digitalen Zeitalter sichern kann. Die Kritiker*innen halten dagegen, dass neue Fördermodelle wie „Contemporary Classic“ (CCL) lediglich „Nebelkerzen“ seien, die den massiven Rückzug aus der E-Musik-Förderung kaschieren sollen.

Besonders brisant ist dann noch die Frage der Mitbestimmung. Da die Reform die Ausschüttungen für viele Nischen-Genres kürzt, rückt die finanzielle Schwelle für eine „ordentliche Mitgliedschaft“ für junge Komponist*innen in weite Ferne. . Die „ordentliche Mitgliedschaft“ liegt aktuell und primär in einer starren Umsatzgrenze: Nur wer über mehrere Jahre hinweg signifikante Einnahmen durch GEMA-Vergütungen nachweist, erhält das volle Stimmrecht und Zugang zur Altersversorgung. In der Welt der Verteilungsschlüssel wird so also aus dem solidarischen „Wir“ von Richard Strauss ein exklusiver „Club der Etablierten“, in dem, wie es in einem Kommentar der FAZ (Mai 2026) hieß, faktisch das Prinzip „The winner takes it all“ Einzug hält.

Teil1: Richard Strauss und das Erbe von E und U


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Richard Strauss und das Erbe von E und U https://www.tiefgang.net/richard-strauss-und-das-erbe-von-e-und-u/ Tue, 05 May 2026 22:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13768 [...]]]> In unserer dreiteiligen Serie „Der Preis der Töne“ beleuchten wir die fundamentale Krise der GEMA.

In den letzten zwei Jahren gab es heftige Debatten über die Verteilungsschlüssel innerhalb der GEMA-Sparten (U-Musik vs. E-Musik). Der Kern des Streits: Große Verlage und „Top-Verdiener“ profitieren systemisch stärker von Pauschalauszahlungen. Die Reform nun soll einiges ändern: Kleinere Urheber*innen fordern eine transparentere und „basisnähere“ Verteilung, die besonders Live-Auftritte in kleinen Clubs fairer entlohnt, statt nur die Radio-Charts zu bedienen. Was als solidarisches Schutzschild für Komponist*innen begann, droht im Jahr 2026 unter dem Druck von Algorithmen und Markteffizienz zu zerbrechen. Wir blicken auf die Wurzeln, die Fronten und die Zukunft unserer Musikkultur.

Heute: zur Herkunft des Urheberrechts

Es ist ein nebliger Vormittag im Jahr 1903, als Richard Strauss in Berlin Geschichte schreibt. Gemeinsam mit Hans Sommer und Friedrich Rösch gründet er die AFMA – die Anstalt für musikalische Aufführungsrechte. Sein Antrieb war so simpel wie revolutionär. „Musikschaffende sollten nicht länger nur Almosenempfänger sein, sondern Teilhaber am wirtschaftlichen Erfolg ihrer eigenen Schöpfung“, so begründete Richard Strauss die Initiative im Rahmen der Gründungsversammlung der AFMA 1903.

Es war der Moment, in dem die Kunst ihre ökonomische Mündigkeit forderte. Strauss verstand, dass Komponist*innen gegenüber mächtigen Verlagen und Veranstalter*innen nur dann eine Chance hatten, wenn sie ihre Rechte bündelten. Damit legte er den Grundstein für das, was wir heute als kulturelles Solidaritätsprinzip kennen: Ein System, in dem die Urheber*innen gemeinsam für den Wert ihrer Arbeit einstehen.

Dieses System beruhte von Anfang an auf einer fast schon romantischen Übereinkunft: Die „starken“ Schultern der Unterhaltungsmusik stützen die „schwachen“ Glieder der ernsten Musik. Es war eine bewusste Entscheidung gegen die reine Marktlogik – eine Subventionierung des kulturell Wertvollen durch das kommerziell Erfolgreiche.

Heute, über 120 Jahre später, wirkt diese Trennung zwischen „E“ (Ernster Musik) und „U“ (Unterhaltungsmusik) so anachronistisch wie ein Grammofon im Apple Store. Und doch ist sie das emotionale Epizentrum der aktuellen Debatte. Kritiker*innen der GEMA-Reform sehen die Seele der Solidarität in Gefahr. So konstatierte der Journalist und Kulturkritiker Axel Brüggemann in der Ausgabe von Backstage Classic im Mai 2026, dass sich die Institution unaufhaltsam in eine „Gemeinschaft der Egoisten“ verwandle, wenn die solidarische Quersubventionierung unter dem Vorwand der Modernisierung abgeschafft werde. Der Riss geht tief: War die GEMA je ein reines Inkassounternehmen? Oder ist sie, wie Strauss es wohl sah, eine Kulturinstitution, deren wichtigstes Gut nicht der Euro, sondern die Vielfalt ist? Während die Algorithmen des Streaming-Zeitalters heute den Marktwert eines Liedes in Sekundenbruchteilen berechnen, stellt uns das Erbe von Strauss vor eine weit unbequemere Frage: Welchen Preis hat die Musik, die sich nicht sofort rechnet?


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