Feature Kulturpolitik – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 19 Mar 2026 11:06:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Minister für alternative Fakten https://www.tiefgang.net/minister-fuer-alternative-fakten/ Thu, 19 Mar 2026 23:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13537 [...]]]> Die Bühne im Leipziger Gewandhaus hätte eigentlich der Ort für große Worte über die Kraft des geschriebenen Wortes sein sollen. Doch als Wolfram Weimer am Mittwochabend ans Mikrofon trat, lieferte das Publikum die passende Begleitmusik.

Ein gellendes Pfeifkonzert und Buhrufe empfingen den Mann, der sich so gerne als oberster Diplomat der deutschen Geisteswelt inszeniert. Es war der lautstarke Offenbarungseid einer Branche, die sich von ihrem Minister nicht mehr nur missverstanden, sondern schlichtweg hintergangen fühlt.

Was als feierliche Eröffnung der Buchmesse geplant war, geriet zur Abrechnung mit einem System Weimer, das Transparenz offenbar als optionales Extra betrachtet. Der Skandal um den Deutschen Buchhandlungspreis hat eine Qualität erreicht, die über bloßes politisches Ungeschick weit hinausgeht. Wir erinnern uns: Drei Buchhandlungen wurden aussortiert, obwohl die Jury sie ausdrücklich empfohlen hatte. In den Absageschreiben wurde dreist behauptet, die Jury habe sie nicht ausgewählt. Ein „Bürofehler“, wie Weimer im Kulturausschuss kleinlaut zu Protokoll gab, als die Lüge längst durch die Decke gegangen war. Dass zwei dieser Läden sogar für den Hauptpreis vorgesehen waren, macht die Sache nur noch pikanter. Hier wurde nicht nur korrigiert, hier wurde aktiv manipuliert.

Die Verteidigungslinie des Ministers wirkt dabei so stabil wie ein Kartenhaus im Leipziger Märzwind. Er beruft sich auf das Haber-Verfahren, jene geheimnisvolle Abfrage beim Verfassungsschutz, deren Ergebnisse er nach eigener Aussage selbst nicht im Detail kennt. „Die Fachbeamten wissen schon, was sie tun“, lautete das bemerkenswert dünne Argument im Ausschuss. Es ist eine gefährliche Logik: Der Geheimdienst als Schatten-Juror, dessen Veto ausreicht, um unliebsame Stimmen von der staatlichen Förderung abzuschneiden, ohne dass Ross und Reiter genannt werden müssen. Die betroffenen Buchhändler*innen in Berlin, Bremen und Göttingen ziehen nun vor Gericht – ein Armutszeugnis für eine Kulturpolitik, die eigentlich den Diskurs schützen sollte.

Zwischen Goldglanz und Kürzungsfrust

Während Weimer in Leipzig nun demonstrativ den traditionellen Rundgang absagt – angeblich wegen dringender Termine in Berlin, faktisch wohl eher, um weiteren Konfrontationen aus dem Weg zu gehen –, zeigt sich das ganze Ausmaß seiner Prioritätensetzung. Es ist das Paradoxon einer Ära, die sich „Kultur für alle“ auf die Fahnen schreibt, aber dort die Axt ansetzt, wo sie am tiefsten verwurzelt ist. Während der Bundesetat für Kultur um zehn Prozent wächst, muss der Fonds Soziokultur empfindliche Kürzungen hinnehmen. Das Programm zur Stabilisierung kleinerer Kulturinitiativen wird gestrichen, während man gleichzeitig Millionendeals mit dem Haus Hohenzollern als „gewaltigen Erfolg“ feiert.

Man muss die Ironie fast bewundern: Ein Minister, der monatlich vor der „Verengung des Meinungskorridors“ warnt, baut sich gerade seinen eigenen, sehr schmalen Korridor aus Intransparenz und autoritären Gesten. Auch das Vorhaben, den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig aus Spargründen zu stoppen, musste er nach massivem Widerstand aus der Region eilig wieder einkassieren. Es entsteht das Bild eines Ministers, der Kultur eher als ein Geschäft versteht, das man nach den Regeln seines „Ludwig-Erhard-Gipfels“ führen kann: Exklusiver Zugang für die, die ins Konzept passen, und der Rest muss sehen, wie er mit den Brotkrumen der U25-Förderung überlebt.

Was bleibt nach dieser Woche in Leipzig? Ein beschädigtes Amt und eine zutiefst verunsicherte Szene. Wenn Künstler*innen und Buchhändler*innen künftig Post vom BKM bekommen, werden sie zuerst nach den „gelben Briefen“ des Verfassungsschutzes Ausschau halten müssen. Die begeisterungsfähige Neugier, die Weimer bei seinem Amtsantritt versprach, ist einem frostigen Misstrauen gewichen. Wer die Freiheit des Wortes predigt, aber die Unwahrheit als Standard-E-Mail verschickt, hat seinen Kredit verspielt. Leipzig hat das am Mittwochabend sehr deutlich artikuliert. Und dieses Mal konnte man es nicht einfach mit einem Klick löschen.

]]>
Ein Urgestein mit Ordensglanz https://www.tiefgang.net/ein-urgestein-mit-ordensglanz/ Mon, 16 Mar 2026 17:22:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13526 [...]]]> Es gibt Momente, da scheint die Zeit im Hamburger Rathaus für einen Wimpernschlag stillzustehen, während draußen die Elbe unermüdlich weiterfließt. Ein solcher Moment war der 16. März 2026, als Kultursenator Carsten Brosda im Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse an einen Mann überreichte, der wie kaum ein zweiter das rhythmische Gedächtnis dieser Stadt verkörpert: Achim Reichel.

Wer an Achim Reichel denkt, hat sofort das Rauschen der Wellen und das Knistern von Vinyl im Ohr. Seit über sechs Jahrzehnten prägt dieser Musiker, Texter und Produzent die deutsche Kulturlandschaft. Seine Reise begann dort, wo Hamburg am lautesten und ehrlichsten ist: auf St. Pauli. Als junger Gitarrist und Frontmann der Rattles stürmte er den legendären Star-Club und bewies, dass Rock ’n‘ Roll keine rein angelsächsische Angelegenheit bleiben musste. Doch Reichel war nie ein Künstler, der sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhte. Er ist ein Suchender geblieben, ein Neugieriger, der die Grenzen zwischen E- und U-Musik mit einer spielerischen Leichtigkeit eingerissen hat.

Besonders seine Verdienste um die deutsche Sprache stehen bei dieser Ehrung im Fokus. Mit seinem Projekt Regenballade gelang ihm Ende der 1970er Jahre ein kleines kulturelles Wunder. Er nahm die angestaubten Gedichte von Goethe, Fontane und Heine aus den muffigen Klassenzimmern und katapultierte sie mit Hilfe von Folk-Rock direkt in die Herzen und Ohren einer neuen Generation. Dass Schüler*innen heute den Erlkönig oder den Zauberlehrling nicht mehr nur als lästige Pflichtaufgabe, sondern als packende Songtexte begreifen, ist maßgeblich Reichels Vision zu verdanken. Er hat bewiesen, dass deutsche Lyrik eine ungeheure Kraft entfaltet, wenn man sie mit dem richtigen Beat unterlegt.

Diese Fähigkeit zur Vermittlung zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Lebenswerk. Ob mit den psychedelischen Experimenten von A.R. & Machines, seinen mitreißenden Shantys oder seinen einfühlsamen Vertonungen von Jörg Fauser – Reichel ist ein Brückenbauer. Er verbindet Generationen und Milieus. Seine Musik schallt durch die glitzernden Clubs der Reeperbahn genauso wie durch die traditionsreichen Säle in Harburg, wo er über die Jahre hinweg immer wieder das Publikum begeisterte und die lokale Kulturszene mit seiner Präsenz bereicherte. Er ist ein Hamburger Jung, der die ganze Stadt als seine Bühne begreift.

In seiner Laudatio betonte Senator Brosda völlig zu Recht, dass Kultur kein Luxusgut, sondern ein lebensnotwendiger Nerv unserer Gesellschaft ist: „Sein Schaffen ist geprägt von musikalischer Exzellenz und einer großen Liebe zur deutschen Sprache.“ Achim Reichel hat den Nerv immer wieder getroffen. Er hat uns gezeigt, dass man als Künstler*in radikal eigenwillig und gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelt sein kann. Seine Autobiografie Ich hab das Paradies gesehen ist nicht nur ein Bestseller, sondern ein Dokument hanseatischer Hartnäckigkeit und Leidenschaft.

Die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstorden ist daher mehr als eine formale Geste. Sie ist eine Verbeugung vor einer Karriere, die von der Lust getragen wurde, die Welt immer wieder mit neuen Augen – und neuen Klängen – zu betrachten. Wir gratulieren einem Musiker, der uns gelehrt hat, dass man auch mit 80 Jahren noch den Hunger eines Anfängers verspüren kann. Schön war es doch? Nein, Achim, schön ist es immer noch. Hamburg sagt Danke für sechs Jahrzehnte voller Taktgefühl und klarer Kante.

]]>
Ein politischer Offenbarungseid https://www.tiefgang.net/ein-politischer-offenbarungseid/ Mon, 02 Mar 2026 09:59:44 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13459 [...]]]> Man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Am Freitagabend (20.2.) herrscht im Großen Saal des Harburger Rathauses noch feierliche Eintracht. Die Bezirksversammlung ehrt zum 13. Mal das Engagement für eine lebenswerte Zukunft.

Der erste Preis des Harburger Nachhaltigkeitspreises geht unter großem Applaus an die Kiezläufer*innen von IN VIA. Es sind Menschen, die seit Jahren das soziale Rückgrat in den Quartieren bilden, die deeskalieren, zuhören und vermitteln. Doch während die Urkunden noch in den Händen der Preisträger*innen zittern, liegt in deren Postfächern wohl bereits ein Schreiben, das all diese Bemühungen mit einem Federstrich entwertet. Die Ereignisse rund um die Harburger Kulturförderung haben sich in den letzten Tagen regelrecht überschlagen und tun es weiter.

Kurz zur Chronologie der Ereignisse: Noch im Januar – das Jahr 2026 hatte kaum begonnen – berichtete die NDR Hamburg-Welle 90,3: „Harburg will die Kultur im Bezirk stärken. Verschiedene Akteure aus Kultur, Politik und Verwaltung haben dafür einen Plan entwickelt. Das gab es in der Form noch in keinem der anderen Hamburger Bezirke.“ Am 20. Februar 2026 – gerade sechs Wochen später – platzte eine ganz andere Nachricht in die lokalen Gazetten und Magazine. Ein Brief der Bezirksversammlung Harburg war an zahlreiche Kultur- und wohl auch andere Institutionen wie IN VIA ergangen, der unmissverständlich darauf hinwies, dass künftigen Anträge auf Fördergelder eher nicht zugestimmt wird – erst recht nicht, wenn sie bereits mehr als drei Mal gestellt worden seien. Das Hamburger Abendblatt griff den Kultur-Sparkurs im Bezirk auf und thematisierte die Verunsicherung der Kulturschaffenden durch den Brief der Bezirksversammlung. Fast zeitgleich verbreitete die MOPO das Schlagwort der „Einschüchterung“, das Jan Schröder für das Netzwerk SuedKultur geprägt hatte. Auch das Online-Magazin „Besser-im-Blick.de“ stellte die rhetorische Frage nach einem beginnenden Kulturkampf südlich der Elbe. Und auch wir wiesen darauf hin (siehe Tiefgang „Böhmsche Briefe“, 20.02.2026). Die mediale Front war einhellig: Hier wurde ein mühsam aufgebautes Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Szene ohne Not torpediert.

Nur drei Tage später, am 24. Februar 2026, folgte der physische Protest. Wie das Abendblatt berichtete, empfingen Kulturschaffende die Abgeordneten vor der Bezirksversammlung mit bunten Plakaten und lautstarkem Unmut. Es war die unmittelbare Vorbotin für das, was Jan Schröder dann zwei Tage (26.2.) später im Harburger Kulturausschuss vortragen sollte. Seine Rede im Ausschuss war weniger eine bloße Stellungnahme als vielmehr ein eindringliches wie leidenschaftliches Plädoyer für die Vernunft. Schröder fragte: Warum gab es kaum Ansprechpartner zu dem Schreiben? Und: Ist das Schreiben ein gesamt-politischer Wille oder nur die Meinung eines kleinen Kreises? Besonders mit seinem Hinweis auf die pro-Kopf-Förderung, bei der Harburg ohnehin das Schlusslicht Hamburgs bildet, markierte er den logischen Tiefpunkt der politischen Entscheidung.

Denn man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Über Jahre hinweg saßen sie alle an einem Tisch, die Visionär*innen der Harburger Kultur und die Verwalter*innen der politischen Macht. Sie haben Pläne geschmiedet, den Kulturentwicklungsplan (KEP) wie eine Monstranz vor sich hergetragen und die Soziokultur als sozialen Kleber eines komplizierten Bezirks gefeiert. Und dann? Ein Brief. Unterzeichnet im Namen derer, die eigentlich die Ermöglicher*innen sein sollten.

Es ist eine bemerkenswerte Form der politischen Amnesie, die sich derzeit im Harburger Rathaus breitmacht. Die Bezirksabgeordneten scheinen sich nicht im Geringsten bewusst zu sein, dass sie mit dem Brief – namentlich des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Holger Böhm und so ja aber auch stellvertretend für alle (!) dort vertretenen Fraktionen – nicht nur über Paragraphen einer (offenbar zudem veralteten, also gar nicht mehr aktuellen) Förderrichtlinie informiert haben. Sie haben das Fundament des Runden Tisches Kultur kurzer Hand zertrümmert. Wer jahrelange Aufbauarbeit von Institutionen wie den „SuedLese Literaturtagen“, dem „Sommer im Park“- oder dem „Hafenfest“ kurzerhand zur Anschubfinanzierung umdeutet, zeigt ein erschreckendes Unverständnis für kulturelle Ökosysteme. Man pflanzt doch keinen Baum, nur um ihm nach dem ersten Austrieb das Wasser abzugraben, weil er nun ja gefälligst selbst für Regen sorgen solle.

Die Ironie der Geschichte liegt auch im Timing. Für das laufende Jahr 2026 stehen nämlich gar keine Kürzungen an. Es ist ein Gespenst namens 2027 und später, das hier an die Wand gemalt wird – ohne konkrete Zahlen, ohne Notwendigkeit zur jetzigen Panikmache. Doch der Schaden an der Seele der Kulturschaffenden ist bereits real. Jan Schröder, Sprecher des Netzwerkes SuedKultur, sollte recht behalten: Diese Politik der Vorab-Absage lähmt jede Ambition.

Dabei liegt – eine weitere Ironie der Harburger Chaostage – die eigentliche Entscheidungsebene ganz woanders. Während in Harburg Briefe nämlich verschickt werden, die wie Kündigungen wirken, beginnt die Hamburger Bürgerschaft just über den Gesamthaushalt der Stadt für 2027/28 zu „verhandeln“. Acht Abgeordnete aus dem Bezirk Harburg sitzen dort an den Hebeln der Macht. Es ist ihre vornehmste Aufgabe, im Hamburger Zentrum dafür zu sorgen, dass der außenliegende Süden nicht nur als Problembezirk mit dem kleinsten Budget wahrgenommen wird.

Wenn die Harburger Bezirks- und Bürgerschaftsabgeordneten sich jetzt nicht gemeinsam auf die Socken machen, um die Gelder für ihren Bezirk zu sichern, dann war der Kulturentwicklungsplan tatsächlich nur eine teure Beruhigungspille für die Basis. Schlimmer aber noch: bei allen Beteuerungen einer wehrhaften Demokratie, würden sie genau diese – und vermutlich aus Eitelkeiten – nachhaltig und wiederholt beschädigen.

Man kann Kultur nicht entwickeln, wenn man gleichzeitig das Grab für die Akteur*innen schaufelt. Die Brücken nach Harburg müssen gehalten werden – finanziell und menschlich. Alles andere wäre ein kultureller Offenbarungseid, den sich dieser Bezirk schlicht nicht leisten kann.

Es ist Zeit, die Grabesschaufeln beiseitezulegen. Kultur und soziales Engagement sind keine Projekte, die man anstößt und dann ihrem Schicksal überlässt. Sie sind der Atem einer Stadtgesellschaft. Wenn die Politik diesen Atem drosselt, darf sie sich nicht wundern, wenn es im Bezirk bald sehr still wird. Die acht Bürgerschaftsabgeordneten haben es nun in der Hand, in den Haushaltsverhandlungen die Weichen so zu stellen, dass Harburg nicht nur Preise verleiht, sondern auch die Mittel bereitstellt, damit die Preisträger*innen morgen noch existieren. Alles andere wäre ein politischer Offenbarungseid.

]]>
Geschichte, koloniales Erbe und Debatten https://www.tiefgang.net/geschichte-koloniales-erbe-und-debatten/ Mon, 23 Feb 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13385 [...]]]> Freie Kulturvermittler*innen werden ab 1. März am Bismarck-Denkmal Rundgänge zur Kolonialgeschichte und Geschichte des Denkmals durchführen. Sie erweitern das Angebot zur Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe.

Dort oben steht er, unübersehbar und tonnenschwer, und blickt über den Hafen, als gehörte ihm die Welt noch immer. Der eiserne Kanzler im Alten Elbpark ist weit mehr als nur ein monumentales Relikt aus Stein und Eisen; er ist ein steingewordenes Spannungsfeld, an dem sich die Geister der Stadt seit Jahrzehnten reiben. Lange Zeit wirkte der Riese wie im Tiefschlaf versunken, ein architektonischer Anachronismus, den man im Vorbeigehen kaum noch wahrnahm. Doch nun regt sich etwas rund um den Sockel. Hamburg beginnt, die Schatten seiner eigenen Geschichte nicht mehr nur zu ignorieren, sondern sie aktiv auszuleuchten.

Ab dem 1. März 2026 wird das Bismarck-Denkmal zum Schauplatz einer neuen Form der Auseinandersetzung. Neun freie Kulturvermittler*innen treten an, um das Schweigen des Monuments zu brechen. Es ist ein Projekt, das tief in das stadtweite Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ eingebettet ist. Wer sich bisher fragte, ob wir die koloniale Dimension unserer Stadtgeschichte schlicht verschlafen haben, findet hier die Antwort in Form eines Erwachens. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so. Es geht um den Dialog, nicht um das Schlusswort.“

Zwei neue Rundgänge, buchbar über den Museumsdienst Hamburg, bieten unterschiedliche Einstiege in dieses komplexe Erbe. Der Rundgang „Geschichte und Perspektiven“ widmet sich in 90 Minuten der Genese des Denkmals seit seiner Einweihung im Jahr 1906. Hier fließen kunsthistorische Expertise, gedenkstättenpädagogische Erfahrung zur NS-Zeit und restauratorisches Fachwissen zusammen. Es ist eine Einladung an alle Hamburger*innen und Besucher*innen, gemeinsam zu diskutieren, welche Rolle eine solche Statue in einer modernen, diversen Demokratie überhaupt noch spielen kann.

Wer tiefer in die dunklen Kapitel eintauchen möchte, sollte sich dem Rundgang „Koloniale Schatten – Das Bismarck-Denkmal im postkolonialen Blick“ anschließen. Hier wird Bismarck nicht nur als Reichsgründer, sondern als zentraler Akteur der deutschen Kolonialpolitik beleuchtet. Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole, die Verflechtungen von Handel, Mission und nackter Gewalt werden hier ebenso thematisiert wie der antikoloniale Widerstand. Es ist ein Blick, der wehtut, weil er die Privilegien und Grausamkeiten der Vergangenheit direkt mit den Rassismusdebatten der Gegenwart verknüpft.

Interessanterweise bleibt das Innere des Denkmals – der im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzbunker umgebaute Sockel – vorerst verschlossen. Sicherheitsprüfungen und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit der dort sichtbaren nationalsozialistischen Symbolik verhindern den Zutritt. Doch gerade dieses Vorenthalten unterstreicht die Schwere der Aufgabe: Geschichte lässt sich nicht einfach konsumieren; sie verlangt nach einem tragfähigen Konzept, bevor man ihre tiefsten Kammern öffnet.

Schon jetzt geben mehrsprachige Informationstafeln am Denkmal erste Hinweise auf die verschiedenen Deutungsschichten. Doch erst das Gespräch, der geführte Diskurs im Alten Elbpark, macht aus dem toten Stein einen lebendigen Lernort. Es ist eine Chance für uns alle, die Augen aufzumachen und sich auf die Socken zu machen – hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was uns geprägt hat. Wer teilnehmen möchte, kann sich ab sofort unter den Links des Museumsdienstes für die 90- oder 120-minütigen Touren anmelden: museumsdienst-hamburg.de.

Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr im Schatten des Riesen verstecken, sondern lernen, sein Erbe kritisch zu lesen.

]]>
Böhmsche Briefe https://www.tiefgang.net/boehmsche-briefe/ Fri, 20 Feb 2026 15:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13376 [...]]]> Viele Institutionen erreichten die Tage Briefe der Bezirksversammlung, die im Grunde nur eines sagen: gefördert wird weniger und eher Neues. Die Wirkung ist fatal und völlig überflüssig!

Wer in diesen Tagen über die Elbe blickt, sieht nicht nur den Nebel über den Harburger Schloßbezirk ziehen, sondern auch das herannahende Ende einer mühsam kultivierten Hoffnung. Es geht um mehr als nur ein paar Euro für Stadtteilfeste; es geht um die Seele eines Bezirks, der sich gerade erst anschickte, sein kulturelles Selbstbewusstsein in einem Kulturentwicklungsplan (KEP) zu manifestieren. Doch während die Tinte unter den lobenden Worten zum Runden Tisch Kultur kaum getrocknet ist, erreicht die Kulturschaffenden und andere ein Schreiben, das wie ein Grabstein für bürgerschaftliches Engagement wirkt.

Die Szenerie ist paradox: Über Jahre hinweg saßen Politiker*innen, Verwalter*innen und Kulturschaffende an jenem Runden Tisch zusammen. Man entwarf Visionen, priorisierte Handlungsfelder und feierte die Kooperation als neues Zeitalter der Ermöglichung. Doch nun, im Februar 2026, scheint das politische Gedächtnis eine fatale Lücke aufzuweisen. Holger Böhm, der Vorsitzende der Bezirksversammlung, verschickt Briefe, die die bisherige Förderung kurzerhand zur bloßen Anschubfinanzierung umdeuten. Eine dauerhafte Unterstützung? Nicht vorgesehen.

Für das Netzwerk SuedKultur, das seit 2007 die zerstreuten kreativen Energien südlich der Elbe bündelt, ist dies ein Schlag ins Gesicht. Jan Schröder und seine Mitstreiter*innen sehen die Kulturentwicklung beerdigt, bevor sie überhaupt richtig laufen lernte. Projekte wie die SuedLese, Sommer im Park oder das Hafenfest sind keine Eintagsfliegen, die nach einem Schubs von alleine fliegen. Sie sind gewachsene Institutionen, die auf Verlässlichkeit angewiesen sind. Wer Kultur nur als Startup-Modell begreift, das sich nach zwei Jahren selbst tragen muss, verkennt die ökonomische Realität soziokultureller Arbeit fundamental.

Der Verweis auf die Förderrichtlinie für Gestaltungsmittel wirkt dabei wie eine bürokratische Nebelkerze. Zwar wird dort von innovativen Ansätzen gesprochen, doch der Geist des Kulturentwicklungsplans zielte gerade auf die Stärkung vorhandener Strukturen ab. Wie sollen eine Kulturkoordination oder ein Raummanagement Früchte tragen, wenn der Boden, auf dem sie wachsen sollen, systematisch ausgetrocknet wird? Es entsteht der Eindruck einer Einschüchterungstaktik, die jene bestraft, die über Jahre hinweg ehrenamtlich das Rückgrat der Harburger Identität gebildet haben.

Harburg droht nun, das zu verlieren, was es sich mühsam erkämpft hat: eine Sichtbarkeit, die über die Grenzen des Bezirks hinausstrahlt. Wenn die Bezirksversammlung sich auf den Standpunkt zurückzieht, dass Bewährtes kein Geld mehr wert ist, wird Innovation zum Selbstzweck degradiert. Ein Hafenfest ohne Tradition ist nur eine leere Kaimauer, eine Lesereihe ohne Kontinuität nur ein flüchtiges Wort im Wind.

Die Frage, die über dem Rathausplatz schwebt, ist existenziell: Besteht wirklich ein Interesse an einer nachhaltigen Kulturentwicklung, oder war der Runde Tisch nur eine folkloristische Inszenierung, um die Akteur*innen ruhigzustellen? Wenn die Politik jetzt nicht einlenkt und die nötige Planungssicherheit garantiert, wird der Kulturentwicklungsplan als das teuerste Märchenbuch in die Harburger Geschichte eingehen. Es ist Zeit, die Schaufeln beiseitezulegen und stattdessen das Fundament zu stärken, auf dem die Vielfalt dieses Bezirks ruht. Kultur ist kein Projekt, das man anstößt und dann vergisst – sie ist ein Prozess, der Atem und Ausdauer verlangt. Alles andere wäre in der Tat ein Begräbnis erster Klasse.

Harburgs Politik wäre gut beraten, künftig eine andere Kommunikation an den Tag zu legen. Viel, bedeutender aber wäre wohl, ernsthaft darlegen zu können, dass man in der Hamburger Bürgerschaft und im Senat die Interessen Harburgs vertritt und sich für eine bessere Finanzierung einsetzt. Davon war bisher wenig zu lesen und zu hören. Und einfach nur zu Jammern, das Geld sei zu knapp, ist ja der Vorwurf, den eigentlich sonst Kulturschaffende zu hören bekommen.

]]>
Weimers Kahlschlag an der Basis https://www.tiefgang.net/weimers-kahlschlag-an-der-basis/ Tue, 27 Jan 2026 23:19:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13168 [...]]]> Man muss die Logik des Wolfram Weimer erst einmal verstehen: Während der Bundesetat für Kultur und Medien um satte zehn Prozent nach oben schraubt und die großen Flaggschiffe der Nation im Goldregen stehen, wird dort der Stecker gezogen, wo Kultur tatsächlich stattfindet – fernab der roten Teppiche.

Der Fonds Soziokultur, jenes mühsame Rückgrat der kulturellen Teilhabe in der Fläche, muss im Jahr 2026 mit rund einer Million Euro weniger auskommen als noch im Vorjahr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass ausgerechnet die Institutionen hungern müssen, die sich um die offene Gesellschaft in entlegenen Orten kümmern.

Es ist ein starkes Signal der Ignoranz. Während sich der Staatsminister gerne als Retter des ukrainischen Kulturerbes oder als Bewahrer preußischer Pracht inszeniert, schrumpft das Budget für die Soziokultur von 4,7 auf 3,6 Millionen Euro. Und das bei einem Bewerberansturm, der zeigt, wie groß der Hunger nach Teilhabe eigentlich ist: 685 Anträge mit einem Volumen von 12 Millionen Euro fluteten den Fonds – ein Plus von über 150 Anträgen im Vergleich zum Vorjahr. Die Antwort aus dem Hause Weimer? Ein zynisches Schulterzucken in Form einer Kürzung.

Die Folgen sind so konkret wie deprimierend. Das Programm „Profil: Soziokultur“, das eigentlich für die dringend benötigte Stabilisierung und langfristige Verlässlichkeit kleinerer Organisationen sorgen sollte, entfällt 2026 ersatzlos. Wer braucht schon Stabilität, wenn er auch im luftleeren Raum der „verantwortungsvollen Mittelverwendung“ schweben kann? Es ist die Demontage der mühsam aufgebauten Infrastruktur in jenen Winkeln Deutschlands, die vom etablierten Kulturbetrieb ohnehin nur auf der Landkarte wahrgenommen werden.

Ein Gnadenbrot für den Nachwuchs

Um die bittere Pille zu versüßen, streut Weimer eine Prise Beruhigungspulver unter das Volk: Einmalige 300.000 Euro Sondermittel werden für das Nachwuchsprogramm U25 bereitgestellt. Ein klassisches Manöver aus dem PR-Handbuch für Fortgeschrittene: Man nimmt der Szene eine Million Euro weg, gibt ihr einen Bruchteil davon unter dem Label „Nachwuchsförderung“ zurück und lässt sich dafür als visionärer Förderer feiern. Dass die jungen Initiativen ohne die stabilen Strukturen der erfahrenen Akteur*innen vor Ort im luftleeren Raum hängen, scheint in die glattgebügelte Weltanschauung des Staatsministers nicht hineinzupassen.

Dass der Fonds Soziokultur in seiner Mitteilung den Bundespolitiker*innen noch artig für die „grundsätzliche Unterstützung“ dankt, liest sich fast wie der verzweifelte Versuch, das letzte bisschen Wohlwollen nicht auch noch zu verspielen. Doch die Wahrheit ist unmusikalisch: Die Fördermittel erreichen tausende von Menschen jeden Alters, die sich für Mitwirkung und Demokratie engagieren. Wenn Weimer von der Ukraine als „Bollwerk gegen autoritäre Ideologie“ spricht, sollte er vielleicht öfter mal in die entlegenen Orte im eigenen Land schauen. Denn dort, wo die Soziokultur stirbt, bröckelt das Fundament, auf dem seine prachtvollen Leuchttürme eigentlich stehen sollten. Ein Trauerspiel, das keine Applaus verdient.

]]>
Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl https://www.tiefgang.net/ein-club-ist-mehr-als-seine-dezibelzahl/ Fri, 16 Jan 2026 15:18:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13122 [...]]]> Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?

Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.

Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.

Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.

Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.

Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.

Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de

]]>
Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

]]>
Hamburgs Programm der Vielstimmigkeit https://www.tiefgang.net/hamburgs-programm-der-vielstimmigkeit/ Mon, 05 Jan 2026 10:42:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13084 [...]]]> Hamburg ist keine Monokultur, sondern vielmehr ein Remix, ein fortlaufendes Gespräch zwischen Kontinenten, Traditionen und mutigen Neuentwürfen. Dass dieses Gespräch nicht im privaten Raum verhallt, sondern auf die großen und kleinen Bühnen der Stadt drängt, ist auch eine Frage der politischen Prioritäten.

Für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien wieder ein deutliches Zeichen: Mit über 500.000 Euro wird der interkulturelle Austausch gefördert. Es geht um Sichtbarkeit, um das Aufbrechen von Stereotypen und um die Unterstützung von Teams, die mit unterschiedlichen Hintergründen das kulturelle Herz der Stadt zum Schlagen bringen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: In diesem Jahr werden künstlerisch Geschichten erzählt, die ansonsten im Verborgenen blieben. Dabei reicht das Spektrum von den Köch*innen in unseren Restaurants über queere Tänzer*innen aus dem Iran bis hin zu afghanischen Musiker*innen. Es ist ein Bekenntnis zu einer diversen Gesellschaft, die ihre Kraft aus der Vielfalt ihrer Perspektiven zieht.

Strukturell wird dieses Engagement durch das Interkulturelle Forum untermauert, das seit Beginn 2026 unter der Koordination der erfahrenen Kulturproduzentin Elena Leskova steht. Sie wird für mindestens zwei Jahre die Vernetzung der interkulturellen Szene vorantreiben und ein Mentoring Programm für Künstler*innen mit Migrationshintergrund etablieren. Hier wird Professionalisierung großgeschrieben, damit Kreativität nicht an bürokratischen Hürden scheitert.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Projektförderung, für die eine Fachjury, bestehend aus Melisa Bel Adasme, Sam Schulz und Adnan Softić, insgesamt 100.000 Euro an 13 wegweisende Projekte vergeben hat. Eines dieser Vorhaben ist der Animationsfilm Küchenklänge von Zeynep Sıla Demircioğlu, der mit 10.000 Euro unterstützt wird und den oft überhörten Rhythmus und die Biografien in den Gastronomiebetrieben der Stadt einfängt. Ebenfalls mit 10.000 Euro gefördert wird das Musikfestival Hastam – Just because I am! der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg, ein kraftvolles Statement für Selbstbehauptung und musikalische Freiheit südlich der Elbe.

Für den Bezirk Harburg und die angrenzenden südlichen Stadtteile gibt es besonders spannende Nachrichten. Der Afrikanische Frühling 2026, organisiert von Terra Africa e.V., wird mit 6.000 Euro gefördert. Dieser Verein ist ein fester Anker in der Harburger Kulturlandschaft und schafft es immer wieder, globale Diskurse und afrikanische Kunst direkt in den Bezirk zu bringen, um dort neue Begegnungsräume zu öffnen. Auch der Black History Month Hamburg 2026, der mit der höchsten Einzelsumme von 15.000 Euro bedacht wird, weist traditionell starke Berührungen mit Harburg auf. Durch dezentrale Veranstaltungen und Kooperationen sorgt die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland dafür, dass afrodiasporische Geschichte und Gegenwart auch im Hamburger Süden eine Bühne finden, die weit über den Elbtunnel hinaus strahlt.

In der Hamburger Innenstadt und im Schanzenviertel setzt M.Bassy mit der Ausstellung A Brownie Hawkeye von Gwendolyn Phillips Akzente. Die mit 8.000 Euro geförderte Schau nutzt die Ästhetik alter Kameras, um neue Blicke auf die Community zu werfen. Yolanda Gutierrez wiederum erhält 9.000 Euro für ihren Soundwalk BISMARCK-DEKOLONIAL reloaded, eine performative Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren im Stadtbild. Weitere Förderungen fließen in Projekte wie die Tanzperformance Silence Movement von Parichehr Bijani (6.500 Euro), die Film-Workshops Archives of Identity von Razi Uddin (5.850 Euro) oder das Symposium Art meets Technik von fluxus2 (5.000 Euro). Auch das Theaterstück Le monde est fou! von Isabelle McEwen (6.000 Euro), das Kiosk Festival NOGOODS von Danja Burchard (7.000 Euro), das Nachbarschaftsprojekt Schutzmantel von Razan Al-Sabbagh in Kooperation mit dem Goldbekhaus (6.000 Euro) sowie das Tanzprojekt Sangam: India Beyond Stereotypes von Akshatha Ramesh (5.650 Euro) bereichern das Programm.

Ergänzt wird diese Projektvielfalt durch die Festivalförderung aus der Kultur- und Tourismustaxe, die insgesamt 455.000 Euro umfasst. Hier wurden die Mittel teilweise deutlich aufgestockt. Das Festival fluctoplasma – 96 Stunden Kunst. Diversität. Diskurs. erhält nun 100.000 Euro, was einer Steigerung um 40.000 Euro entspricht. Das MUT! Theater darf sich für sein deutsch-türkisches Theaterbrücken-Festival über eine Erhöhung auf 20.000 Euro freuen. Große Institutionen wie das KRASS Kultur Crash Festival (150.000 Euro), die Altonale/STAMP (115.000 Euro) und das Programm in:szene der W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik (70.000 Euro) bleiben unverzichtbare Säulen einer Stadt, die verstanden hat, dass Kulturpolitik immer auch Gesellschaftspolitik ist.

Hamburg zeigt sich also auch 2026 neugierig, beweglich und bereit, den Vorhang für all jene zu öffnen, die unsere Stadt so unverwechselbar machen.

]]>
Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

]]>