Gesellschaft https://www.tiefgang.net Tue, 21 Jul 2026 14:54:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Brise statt Föhn https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2-2/ https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2-2/#respond Fri, 17 Jul 2026 22:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14189 [...]]]> Meine Lieben, packt die Sonnenbrille ein und stellt den Sekt kalt – eure Clara verabschiedet sich diese Woche in den wohlverdienten Urlaub!

Ja, ihr habt richtig gehört: Die Trockenhaube im Salon bleibt für ein paar Tage aus, die Schere ruht, und ich lasse mir zur Abwechslung mal die echte Meeresbrise statt des heißen Föhns um die Nase wehen. Keine Sorge, ich sammle im Liegestuhl natürlich schon fleißig neuen Stoff für euch. Während der Sommer im Park brummt, gönne ich mir zur Abwechslung mal das echte, kühle Nass.

Genießt die warmen Tage, lasst euch nicht stressen und macht es euch gemütlich. Nächste Woche bin ich wieder mit frisch gewaschenen News und dem heißesten Tratsch für euch am Start!

Urlaubige Grüße und ganz viel Sonne im Herzen,

eure Clara!


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Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/#respond Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Stillstand: das neue Premium-Produkt https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2/ https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2/#respond Fri, 10 Jul 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14149 [...]]]> Meine Lieben, böse Zungen behaupten ja, in Harburg passiere nichts. Ich sage: Stimmt gar nicht! Bei uns wird das Nichts im ganz großen Stil zelebriert.

Während andere Städte mühsam versuchen, ihre Gebäude mit Leben, Kultur oder gar Menschen zu füllen, haben wir im Süden den architektonischen Minimalismus für uns entdeckt. Leerstand ist das neue Schick!

Beim Haarewaschen meinte meine Friseurin ganz trocken: „Mensch Clara, wenn wir für jeden ungenutzten Quadratmeter einen Euro bekommen würden, bräuchten wir uns um den Haushaltsplan der Stadt keine Sorgen mehr zu machen.“ Recht hat sie! Schauen wir uns die vier großen „Geister-Hotspots“ doch mal mit einer großen Portion Humor und den allerneuesten Updates an:

Unser geliebter, riesiger Ex-Karstadt am Ring führt die Hitliste natürlich an. 26.000 Quadratmeter geballte gähnende Leere. Nach der kurzen technischen Zwangspause wegen der Elektrotechnik hat die Museumsdependance im Erdgeschoss zwar wieder geöffnet und bietet sogar tolles Ferienkino für die Kleinen an, aber der Rest des grauen Riesen wartet und wartet.

Ein paar Meter weiter in der Neuen Straße grüßt die ehemalige Dreifaltigkeitskirche. Die Gemeinde ist längst ausgezogen, das barocke Inventar und die Orgel wurden ausgebaut. Eigentlich gab es ja den wunderbaren Plan, das denkmalgeschützte Gotteshaus in eine lebendige Kita umzubauen. Aber jetzt kam der absolute Schock: Das Projekt ist vorerst komplett gescheitert! Da flossen beim Friseur fast die Tränen. Während die einen noch auf die Baugenehmigung gewartet haben, ist der Traum von Kinderlachen unter dem Kirchendach erst mal geplatzt. Jetzt herrscht dort vor allem eines: heilige, zugige und wohl noch sehr lange anhaltende Stille.

Ach ja, und dann der legendäre Beachclub am Treidelweg! Das ist mein absoluter Lieblings-Schildbürgerstreich im Binnenhafen. Da freuen wir uns auf Strand-Feeling, Liegestühle und Cocktails bei Sonnenuntergang. Und was passiert? Die mühsam sanierte Kaimauer ist derart fugendicht geraten, dass das Regenwasser nicht mehr abfließen kann. Ergebnis: Bei jedem Schauer verwandelt sich die Beach-Fläche in ein riesiges Biotop. Weil man mit riesigen Schlammpfützen aber schlecht eine Strandbar betreiben kann, zog der angedachte Betreiber die Reißleine. Jetzt haben wir am Kanal zwar jede Menge gähnende Leere, aber immerhin ein fantastisches Enten-Paradies!

Und zu guter Letzt das historische Thörl-Gebäude an der Harburger Schloßstraße. Das imposante, alte Fabrikgebäude gehört ja zur TUHH. Eigentlich sollte der schicke Anbau samt Sanierung für Büros und Forschungswerkstätten schon Ende 2023 fix und fertig sein – stattdessen herrschte dort eine unendlich lange, frustrierende Baupause. Und statt 14 soll es nun 23 Millionen kosten. Bis die erste Vorlesung stattfindet, bleibt es zwar ein architektonisches Geduldsspiel, aber immerhin bewegt sich wieder eine Putzkelle!

Meine Lieben, warum machen wir aus dieser kollektiven Misere nicht einfach ein touristisches Gesamtkonzept? Wir nennen das Ganze „Die Harburger Geister-Tour“. Zuerst besichtigen wir die stillen Flure im Karstadt-Haus. Danach meditieren wir vor der gescheiterten Kirchen-Kita. Anschließend gehen wir im überfluteten Beachclub baden und zum Finale feuern wir die Bauarbeiter*innen an der Thörl-Fabrik an, damit der Baufortschritt diesmal hält!

Ich bleibe erst mal im Friseur-Salon – da herrscht zum Glück gähnende Leere nur in der Kaffeekanne, und der Tratsch ist garantiert absolut lückenlos!

Bussi, eure Clara!


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Künstlergruppe für Geflüchtete: Zusammen sind wir Meer https://www.tiefgang.net/kuenstlergruppe-fuer-gefluechtete-zusammen-sind-wir-meer/ https://www.tiefgang.net/kuenstlergruppe-fuer-gefluechtete-zusammen-sind-wir-meer/#respond Sat, 04 Jul 2026 15:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14127 [...]]]> Manchmal braucht es keine Worte. Es genügen ein Pinsel, ein Blatt Papier und die Erfahrung, gemeinsam etwas zu gestalten. So entsteht ein Raum, in dem Begegnung, Vertrauen und neue Zuversicht wachsen können.

von Ulrike Hinrichs

Seit Herbst 2024 trifft sich in der Unterkunft Quellmoor in Neuwiedenthal regelmäßig die Künstlergruppe für Geflüchtete. Das von mir geleitete Projekt wird vom Bezirksamt Harburg gefördert.

In der Unterkunft leben ca. 200 Menschen, vor allem Familien. Sie mussten ihre Heimat verlassen und stehen nun vor der Aufgabe, in einem fremden Land anzukommen. Zwischen Behördenterminen, Sprachkursen, Schule der Kinder und den vielen Unsicherheiten des Alltags fehlt oft ein Ort, an dem einfach Menschsein möglich ist. Genau diesen Ort möchte die Künstlergruppe schaffen.  

Die Kunst als Ausdruck kann in einer solchen Lebenssituation mehr sein als eine kreative Beschäftigung. Sie eröffnet einen geschützten Raum, in dem Menschen zur Ruhe kommen, neue Kraft schöpfen und sich jenseits von Sprache ausdrücken können. Gerade nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen kann das kreative Gestalten stabilisierend wirken. Es ermöglicht, Gefühle sichtbar zu machen, ohne sie erklären zu müssen. Im Mittelpunkt stehen die vorhandenen Stärken. Die Teilnehmenden entdecken eigene Ressourcen wieder, erleben Freude am Gestalten und erfahren Selbstwirksamkeit. Sie sehen, dass aus einer eigenen Idee etwas Neues entstehen kann. Diese Erfahrung stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und kann Zuversicht für den Alltag vermitteln. Gleichzeitig entstehen Begegnungen, die das Gefühl von Zugehörigkeit fördern und soziale Isolation verringern.

Der Raum der Kunst wird dabei auch zu einem Raum für Gespräche, in denen Sorgen und Ängste Platz haben dürfen. Ein Kind erzählte dabei konkret von der Angst vor einer möglichen Abschiebung und davon, dass es nicht weiß, ob wir uns beim nächsten Mal wiedersehen.

In diesem Jahr wird die Künstlergruppe vor allem von Kindern besucht. Gemeinsam haben wir ein großes Gemeinschaftsbild unter dem Titel „Zusammen sind wir Meer“ gestaltet. Jedes Kind malte einen eigenen Meeresbewohner. Fische in leuchtenden Farben, Quallen, Pflanzen, Seesterne und fantasievolle Wesen fanden ihren Platz auf dem großen Bild.

Erst als alle Einzelbilder zusammengefügt wurden, entstand das Meer. So wurde das Kunstwerk zu einem Sinnbild für das, was wir in der Gruppe erleben. Jeder Mensch bringt etwas Eigenes mit. Jede Geschichte, jede Farbe und jede Idee ist einzigartig. Erst im Miteinander entsteht etwas Größeres.

Vielleicht ist das Meer gerade deshalb ein so schönes Bild. Kein Tropfen gleicht dem anderen. Und doch gehören alle zusammen. So erzählt das Gemeinschaftsbild auch von Hoffnung, Zusammenhalt und der Erfahrung, dass jeder Mensch mit seinen Fähigkeiten und seiner Geschichte einen wertvollen Platz in der Gemeinschaft hat.

Mehr künstlerische Anregungen zur Selbststärkung durch Kunst findest du in meinem Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2Buschmiede – Happy Balance

20,00 EUR,

Mit 50 Praxisübungen und 73 farbigen Abbildungen

Das Cover-Bild stammt von der Harburger Künstlerin Yvonne Lautenschläger

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com


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Kultur-Spots statt Sommerloch https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3/ https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3/#respond Fri, 03 Jul 2026 22:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14122 [...]]]> Meine Lieben, packt die Koffer gar nicht erst ein und vergesst den Stress am Flughafen – wir schalten diese Woche alle ganz offiziell in den Urlaubsmodus!

Ich komme gerade frisch vom Friseur am Sand, und ich sage euch, unter den geöffneten Fenstern wurde heute über die besten Pläne für die schulfreie Zeit philosophiert. Die Sommerferien in Hamburg haben begonnen, und passend dazu gibt es fantastische Neuigkeiten aus unserer eigenen kleinen Galaxie mitten in der City.

Und die beste Nachricht der Woche vorweg: Die kurze Zwangspause ist vorbei! Unser allseits beliebter Planet Harburg am Herbert-und-Greta-Wehner-Platz hat nach einer kurzen technischen Schließung pünktlich zum Sommer wieder seine Pforten geöffnet. Und das Beste daran ist, dass der Eintritt in die Museumsdependance im ehemaligen Karstadt-Gebäude für uns alle weiterhin komplett kostenlos bleibt. Wer also eine Pause von der Hitze sucht oder den Daheimgebliebenen etwas bieten möchte, steuert ab sofort einfach direkt den grauen Riesen an.

Und für die schulfreien Wochen haben sich die Macher*innen dort richtig was einfallen lassen. Wer nämlich dachte, im Sommer herrscht gähnende Leere, der hat die Rechnung ohne das Metropolis-Kino gemacht. Es gibt ein tolles Ferienkino im Planet Harburg! An den schulfreien Mittwochen flimmern dort wunderbare Streifen für die jüngeren Harburger*innen über die Leinwand – wie zum Beispiel die französische Abenteuergeschichte „Die Schatzsuche im Blaumeisental“. Da geht es um eine Ausgrabung und alte Familiengeheimnisse – das passt doch wie die Faust aufs Auge für eine Museumsdependance. So ist das Ferienprogramm für die kleinen Zeitdetektive im Stadtteil gerettet, ganz ohne lange Anreisen.

Wer lieber selbst auf Entdeckungstour gehen möchte, für den fliegt der Planet jetzt sogar richtig hoch hinaus. Mit der Wiedereröffnung ist dort nämlich eine brandneue Ausstellung gelandet, die den passenden Titel „Hamburg von oben – Ein historischer Rundflug“ trägt. Gezeigt werden faszinierende Aufnahmen des Fotografen Günther Krüger, der unsere Hansestadt und die Umgebung in den 50er- und 60er-Jahren aus der Vogelperspektive dokumentiert hat. Beim Haarewaschen meinte meine Friseurin ganz begeistert: „Mensch Clara, das ist wie eine Zeitmaschine im Erdgeschoss!“

Man kann wunderbar beobachten, wie sich die Stadt im Zeitraffer zur modernen Metropole entwickelt hat. Und wenn man dann wieder heraustritt, steht man direkt im Hier und Jetzt an der Fußgängerzone Lüneburger Straße. Ein perfekter, kostenloser Kultur-Ausflug für die ganze Familie direkt vor unserer Haustür.

Meine Lieben, ich rate euch für die erste Ferienwoche: Schaut einfach mal am Planeten vorbei, schnappt euch einen Platz im kühlen Kinoraum oder hebt virtuell über dem Hamburg der Wirtschaftswunderzeit ab. Die Öffnungszeiten sind immer mittwochs, donnerstags und am Wochenende von 10 bis 17 Uhr. Ich bleibe jedenfalls erst mal im Salon – da fliegen zwar keine Flugzeuge, sondern nur die Haarbüschel, aber der Tratsch ist im Sommer ohnehin am erfrischendsten!

Bussi, eure Clara!


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Hitze-Hype und Panzerknacker https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-2-2-2-2-2/ https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-2-2-2-2-2/#respond Fri, 26 Jun 2026 22:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14106 [...]]]> Meine Lieben, schwitzt ihr auch so schön vor euch hin? Ich komme gerade frisch vom Friseur am Sand – und ich sage euch, die Trockenhaube blieb heute komplett aus, weil wir unter den Salon-Fenstern ohnehin schon kollektiv geschmolzen sind. Da kam beim exklusiven Kaltgetränk-Nippen natürlich sofort der passende Tratsch auf.

Was für eine Woche! Das Thermometer klettert in astronomische Höhen und ganz Harburg sucht verzweifelt nach Schatten. Es ist sogar so heiß, dass selbst unsere traditionsreiche Marktzeit kapituliert und wegen der extremen Temperaturen verkürzt werden muss. Wenn die Erdbeeren auf dem Sand schneller zu Marmelade werden, als die Händler*innen wiegen können, weißt du: Es ist Sommer im Süden!

Während die einen also schwitzen, dachten sich ein paar ganz findige Gestalten offenbar: „Nutzen wir doch die Gunst der lauen Nacht für einen kleinen Ausflug.“ Habt ihr das mitbekommen? Da gab es doch tatsächlich einen filmreifen, versuchten Einbruch im Marktkauf-Center!

Beim Spitzenschneiden hieß es vorhin nur kopfschüttelnd: „Mensch Clara, die wollten bestimmt gar nicht an den Tresor, die wollten einfach nur die Nacht vor der eiskalten Tiefkühltruhe im Supermarkt verbringen!“ Man kann es ihnen fast nicht verübeln. Während wir uns zu Hause schlaflos von links nach rechts wälzen, klingt so eine Nacht zwischen gut gekühltem Joghurt und Tiefkühl-Pizza doch gar nicht mal so unattraktiv. Schade nur, dass die Alarmanlage den kühlen Traum vom Einbruchsommer ganz schnell beendet hat.

Erinnert ihr euch noch an die Hochzeits-Flaute bei den Juni-Schnapszahlen, über die unser Bezirksamt Harburg federführend die Hamburger Statistiken herausgegeben hat? Ich sage euch, bei dieser Hitze wird mir einiges klar! Wer will sich denn bitteschön bei gefühlten 40 Grad im Schatten im feinen Zwirn das „Ja“-Wort geben? Da zerfließt das Make-up doch schneller als die bürokratischen Prozesse im Rathaus.

Vielleicht meldet das Standesamt demnächst den absoluten Nullpunkt bei den Eheschließungen, weil die Paare lieber gemeinsam im Freibad aneinanderkleben – beziehungsweise im Trockenschwimm-Modus vor dem noch immer unfertigen MidSommerland an der Außenmühle campieren.

Und wo wir gerade bei kühlen Räumen und verpassten Chancen sind: Warum nutzen wir die aktuelle Hitzewelle nicht für unseren geliebten „Planet Harburg“ am Ring? Im ehemaligen Karstadt-Gebäude zieht es doch durch die leeren Etagen wie Hechtsuppe. Wenn die Stadt schon Jahre braucht, um die Volkshochschule oder die Bücherhalle dort unterzubringen, könnten wir die 26.000 Quadratmeter jetzt als riesiges, öffentliches Abkühlzentrum deklarieren!

Meine Lieben, ich rate euch fürs Wochenende: Macht es wie die Marktleute, verkürzt eure Aktivitäten auf das Nötigste und lasst die Einbruchsversuche lieber bleiben – die Polizei schwitzt verständlicherweise ungern beim Hinterherlaufen. Schnappt euch ein großes Eis, sucht euch ein schattiges Plätzchen und bleibt cool.

Ich bleibe jedenfalls erst mal im Salon – da läuft die Klimaanlage zwar auf Sparflamme, aber der eisgekühlte Sekt ist absolut verlässlich!

Bussi, eure Clara!


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Biografiearbeit mit dem Nicht-Erzählten https://www.tiefgang.net/collage-biografiearbeit/ Wed, 24 Jun 2026 22:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14068 [...]]]> Manche Vorfahren hinterlassen Briefe, Fotografien und Erzählungen, die sich wie Spuren durch die Zeit ziehen. Andere verschwinden aus den Familienchroniken und sind kaum mehr als ein Name. In jeder Biografie begegnen uns Leerstellen, verbunden mit Unausgesprochenem, das unter der Oberfläche wirksam bleibt.

von Ulrike Hinrichs

Transgenerational wird auch das Schweigen weitergegeben. Familien entwickeln unausgesprochene Regeln darüber, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Besonders häufig finden sich Brüche in der Ahnenreihe rund um Themen wie uneheliche Geburt, psychische Krisen, Gewalt, Flucht, Armut oder Suizid.

Wo Wissen endet, beginnt die Imagination

In der künstlerischen Biografiearbeit eröffnen sich Möglichkeiten, die eigene Beziehung zu diesen Leerstellen zu erforschen. Wir können verborgenen Familiengeschichten besonders gut über die Arbeit mit Collage auf die Spur kommen. In einer Collage können Fotografien, Fragmente, Farben, Symbole und Fundstücke miteinander in Beziehung treten. Beim Durchblättern von Zeitschriften, Büchern oder Illustrierten lassen wir uns von Worten und Bildern intuitiv finden. Diese Prozesse aktivieren unsere Intuition. So entsteht ein Bild, das eine innere Beziehung zur Vergangenheit gestaltet. Diese Werke müssen nichts beweisen, sie dürfen Fragen stellen.

Kunst ist eine Brücke zwischen Erinnerung und Nichtwissen

In meiner Familienchronik ist es meine Ururgrußmutter Katharina Hinrichs, die Namensgeberin meiner Familie, deren Spuren ich folge. Sie „verschwand“ 1865 im Alter von 27 Jahren und hinterließ ein uneheliches Kind, meinen Urgroßvater. Zu dieser Zeit war eine uneheliche Geburt mit starker sozialer Stigmatisierung verbunden. Frauen und Kinder konnten dadurch rechtlich und wirtschaftlich an den Rand der Gemeinschaft gedrängt werden. Schande, Ausschluss und moralische Verurteilung prägten solche Lebensgeschichten. Niemand in meiner Familie weiß irgendetwas über meine Ururgroßmutter. Mein Urgroßvater wuchs bei Pflegeltern auf.

In meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe Heimat und Biografie – Begegnungen mit Pinsel und Farbe haben wir mit Collage gearbeitet. In meinem Werk erscheint meine Ururgroßmutter fast wie eine Madonna, die wie eine Hüterin über meinem Großvater wacht. Die künstlerische Arbeit kann keine historischen Wahrheiten herstellen, doch sie kann einen Raum öffnen, in dem Erinnerung, Sehnsucht, Verlust und Verbundenheit sichtbar werden. Vielleicht liegt genau darin eine ihrer größten Kräfte: dem Schweigen eine Form zu geben und denjenigen ein Gesicht, die großes Leid getragen und aus der Familiengeschichte verschwunden sind.

Mehr dazu auf Tiefgang:

Wenn es in deiner Familiengeschichte Menschen gibt, über die kaum etwas bekannt ist, können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Wer fehlt in den Familienerzählungen?
  • Über wen wird nicht gesprochen?
  • Welche Fragen begleiten mich seit Jahren?
  • Welche Gefühle entstehen, wenn ich an diese Person denke?
  • Welche Farben, Symbole oder Materialien verbinde ich mit ihr?
  • Wie könnte eine Collage aussehen, die Fragen stellt?

Mehr dazu in meinem Buch:

Das Atelier für Biografiearbeit lädt dich ein, deinen Lebensweg kreativ zu erforschen. Die 60 kreativen Impulse sind so gestaltet, dass sie einen behutsamen und zugleich tiefgehenden Zugang zu deiner eigenen Lebensgeschichte ermöglichen.

Überall im Buchhandel

Ulrike Hinrichs – Atelier für Biografiearbeit – Kreativ mir selbst begegnen

Mit 60 Praxisübungen und 75 farbigen Abbildungen

ISBN 978-3-99192-197-4

Buchschmiede – Happy Balance | 22,00 EUR

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com


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Den Jet einfach mal stehen lassen https://www.tiefgang.net/den-jet-einfach-mal-stehen-lassen/ Tue, 23 Jun 2026 22:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14059 [...]]]> Eine neue Studie, publiziert im Juni 2026 in Communications Sustainability unter dem Titel „Umweltschäden durch das reichste zehn Prozent der Verbraucher“, legt uns nun eine Bilanz vor, die uns beim Frühstück den Kaffee im Halse stecken lässt.

Man stelle sich vor: Ein Leben, das so leichtfüßig daherkommt, dass man die Spuren, die man in der Welt hinterlässt, nicht mehr mit dem eigenen Fuß, sondern nur noch mit den Modellen der Umweltökonomie vermessen kann.

Die Wissenschaftler*innen Inge Schrijver, Rutger Hoekstra und Paul Behrens – ein Trio von der Universität Leiden und der Oxford Martin School – sind keine Moralapostel, sondern Buchhalter der ökologischen Apokalypse. Sie haben die Fußabdrücke der globalen einkommensstärksten zehn Prozent in den Bereichen CO2, Stickstoff, Phosphor, Süßwasser und Biodiversitätsverlust (gemessen an der Artenabundanz, kurz MSA) in klingende Münze – oder besser Scheine? – umgerechnet.

Die Methodik? Ein Balanceakt. Da der Wert der Natur nicht einfach an der Börse notiert, griffen sie zum „Environmental Prices Handbook 2024“. Für die flüchtige Biodiversität nutzen sie einen Ersatzwert, oder auch Proxy genannt: PDF-Preise (Potentially Disappeared Fraction of species), die sie mühsam in MSA-Verluste umrechneten. Das Ergebnis ist eine Zahl, die uns schwindelig macht: 1,7 bis 5,7 Billionen US-Dollar an jährlichen Umweltschäden gehen auf das Konto dieser Gruppe. Es ist, als würde man eine Rechnung für den Klimawandel präsentieren, die bisher niemand bezahlen wollte: Haushalte mit hohem Einkommen verursachen etwa doppelt so viele Emissionen wie einkommensschwache Haushalte, wobei insbesondere Flugreisen als Haupttreiber identifiziert werden.

Die Reaktion? Ein Raunen durch die Redaktionen. Die einen sehen darin das endgültige Aus für die „Trickle-Down“-Ideologie des Konsums: Wenn Reichtum nur in Zerstörung rinnt, wird er zur Bürde. Andere, eher ordnungspolitisch gesonnene Geister, wittern eine neue Form der Gängelung. Die Debatte ist altbekannt, doch sie hat durch diese Studie eine neue, mathematische Schärfe erhalten.

Der Impuls ist klar: Muss der Reiche der Zukunft derjenige sein, der den geringsten Schaden anrichtet? „Einfach mal den Jet stehen lassen“ wird so vom moralischen Gebot zur ökonomischen Vernunft. Doch Achtung: Die Studie ist kein Plädoyer für den Kahlschlag, sondern für ein Incentivierungssystem. Umweltsteuern sollen den Preis des „Weiter-so“ so hoch treiben, dass die Investition in das Überleben attraktiver wird als der nächste Flug in die Exotik.

So bleibt eine Art dialektische Zwischenbilanz: Die obersten zehn Prozent sind zum einen die Hauptverursacher der planetaren Grenzüberschreitung und müssen daher die Hauptlast der Mitigation (sinngemäß „Eingrenzung“, Amn.d.Red.) tragen. Zum anderen: Ist Reichtum per se das Problem oder die Art seiner Verwendung? Ein grüner Investor mit hohem Einkommen hinterlässt einen anderen Fußabdruck als ein Konsument von Luxusgütern. Die Studie erkennt diesen Unterschied sehr wohl, kann ihn aber in den aggregierten Daten kaum isolieren. So ist die Studie ein Weckruf an die systemische Architektur unserer Wirtschaft. Reichtum muss von seiner ökologischen „Hypothek“ befreit werden. Es geht nicht darum, den Reichtum zu verbieten, sondern die destruktive Freiheit, die mit ihm einhergeht, einzupreisen. Die Autoren fordern eine stärkere Regulierung, etwa durch Umweltsteuern, um die Verursacher in die Pflicht zu nehmen.

Wer die Details selbst durchdringen will: Die Studie steht hier zum Download


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Harburgs Liebes-Statistik im Keller https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-2-2-2-2/ Fri, 19 Jun 2026 22:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14024 [...]]]> Meine Lieben, wo ist sie nur hin, die große Romantik? Früher haben sich die Paare vor den Standesämtern die Klinke in die Hand gegeben, wenn der Kalender eine mathematische Symmetrie hergab. Da wurde im Minutentakt „Ja“ gesagt, nur damit der Gatte am Ende des Tages den Hochzeitstag nie wieder vergessen kann.

Und heute? Gähnende Leere auf den Fluren, wie die Zahlen aus unserem Harburger Rathaus schwarz auf weiß belegen. Das Bezirksamt Harburg gibt nämlich federführend für die Standesämter in Hamburg die Daten heraus.

Die Hamburger*innen sind offenbar viel zu pragmatisch geworden, um sich vom Kalender vorschreiben zu lassen, wann die Ringe getauscht werden.

Beim Haarewaschen meinte meine Friseurin ganz trocken: „Clara, die Leute haben heute einfach andere Sorgen, als sich am 26.6.26 den schönsten Tag des Lebens vorschreiben zu lassen.“ Recht hat sie! Aber wenn wir ehrlich sind: Wer braucht schon ein mathematisches Datum, wenn das wahre Drama des Zusammenlebens doch sowieso viel bessere Kulissen parat hält?

Wenn unser Bezirksamt schon die Hochzeitsdaten für die ganze Stadt verwaltet, dann sollten wir den Kolleg*innen dort mal ein paar echte, emotionale Harburger Meilensteine vorschlagen, die das Leben schreibt. Da bewährte sich Ehezusammenhalt schließlich ganz ohne Schnapszahl: Wie wäre es mit einer feierlichen Trauung genau an dem Tag, an dem die Buxtehuder Straße nach dem Rohrbruch endlich wieder trockengelegt wurde? Wer gemeinsam im Stau stand und sich die Gummistiefel geteilt hat, beweist doch viel mehr Liebe als ein Paar, das sich nur am 6.6.26 bei Sonnenschein anschmachtet. Oder wir erinnern uns alle noch mit feuchten Augen an das Tinder-Märchen vom Bahnhof, wo sich zwei Verliebte dank einer fetten Zugverspätung gefunden haben. Das ist wahre Romantik! Statt im edlen Saal im Hamburger Rathaus vor den Altar zu treten, schlage ich für solche Fälle eine feierliche Zeremonie direkt auf dem zugigen Bahnsteig vor – mit dem Metronom-Schaffner als Trauzeugen.

Und wo wir gerade bei ungenutzten Räumlichkeiten und Harburger Behörden sind: Warum macht das Bezirksamt aus der Schnapszahl-Not nicht eine Tugend? Im ehemaligen Karstadt-Gebäude am Ring suchen wir doch seit gefühlten Ewigkeiten nach einer sinnvollen Nutzung für die 26.000 Quadratmeter. Wenn die Verwaltung eh so lange braucht, um der Bücherhalle oder der Volkshochschule die Türen zu öffnen, warum richten wir dort nicht einfach ein riesiges Pop-up-Heiratszentrum ein?

Platz genug für eine ordentliche Hochzeitsgesellschaft wäre da allemal. Und das Beste: Die Reste der illegalen Goldschmelze, die die Polizei neulich im Hinterzimmer hochgenommen hat, könnten direkt upgecycelt werden! Da werden die Eheringe einfach vor Ort frisch gegossen, während die Hochzeitsgesellschaft im Erdgeschoss im improvisierten „Vortragsraum“ das Hochzeitsvideo anschaut. Das wäre doch mal echte, nachhaltige Kreislaufwirtschaft made in Harburg!

Meine Lieben, ob mit oder ohne Schnapszahl im Stammbuch: Am Ende zählt doch nur, dass man jemanden findet, mit dem man auch den ganz normalen Harburger Wahnsinn durchsteht. Ich rate euch fürs Wochenende: Genießt die Zeit zu zweit, geht eine Runde an der Außenmühle spazieren (auch wenn das MidSommerland immer noch auf sich warten lässt) und lasst den Kalender einfach mal Kalender sein.

Ich bleibe jedenfalls erst mal im Salon – da wird zwar viel über die Ehe gelästert, aber der Sekt zum Wochenende schmeckt auch ohne Hochzeit ganz hervorragend!

Bussi, eure Clara!


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