Verwaltung – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 13 Jan 2026 15:29:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl https://www.tiefgang.net/ein-club-ist-mehr-als-seine-dezibelzahl/ Fri, 16 Jan 2026 15:18:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13122 [...]]]> Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?

Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.

Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.

Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.

Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.

Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.

Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de

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Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

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Sommer im Park – mit Hape und dem Doktor https://www.tiefgang.net/sommer-im-park-mit-hape-und-dem-doktor/ Sun, 21 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13024 [...]]]> Das dritte Quartal 2025 fühlte sich in Harburg wie ein tiefes, befreiendes Durchatmen an – ein Sommer, der die politische Schwere und die bürokratische Starre des Frühjahrs mit einer Mischung aus bürgerschaftlicher Wärme, intellektuellem Anspruch und einer überraschenden Prise Glamour wegspülte.

Während die Hamburger City noch immer mit den Scherben der Ära Volpi und den Debatten um den Milliarden-Opernneubau beschäftigt war, bewies der Süden, dass wahre kulturelle Relevanz nicht in Marmor gemeißelt wird, sondern in der Begegnung auf Augenhöhe entsteht.

Ein leuchtendes Beispiel für diese Harburger Lebensfreude war das Fest „Sommer im Park“. Inmitten der grünen Lunge des Bezirks wurde spürbar, wie sehr die Menschen nach Orten lechzen, an denen Kultur ohne Barrieren und ohne Dresscode stattfindet. Es war ein Fest der Zwischentöne: Hier trafen lokale Musikgrößen auf Familienpicknicks, und die Stimmung war geprägt von jener unaufgeregten Nahbarkeit, die man nördlich der Elbe oft vergeblich sucht. Genau in diese entspannte Atmosphäre platzte eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durch den Bezirk ging: Hape Kerkeling wurde gesichtet! Der Entertainer, bekannt für sein feines Gespür für Milieus und seine Liebe zum Authentischen, schien sichtlich Gefallen an der unprätentiösen Harburger Art zu finden. Sein Auftauchen als „Horst Schlemmer“ wirkte fast wie ein inoffizieller Ritterschlag für die Szene – ein Signal, dass man hier nicht nur „Problemchen“ wälzt, sondern eine Lebensqualität pflegt, die selbst prominente Beobachter*innen anzieht, die das echte Hamburg jenseits der Elbphilharmonie-Postkarten suchen.

Doch Harburg beließ es nicht beim Feiern, sondern nutzte die Sommerhitze für eine gesellschaftliche Abkühlung der besonderen Art. Mit der neuen Tiefgang-Reihe „Dr. Sommer der Demokratie“ startete ein Projekt, das wie ein Erste-Hilfe-Kurs für das gesellschaftliche Miteinander wirkte. In einer Zeit, in der die politische Debatte oft zwischen Resignation und Eskalation schwankt, bietet dieses Format seither den nötigen Raum, um über demokratische Werte zu sprechen. Es war die konsequente Weiterführung jener Fragen, die die Gruppe Interurban bereits im Winter an die Karstadt-Fassade projiziert hatte: Wer ist die Stadt, und wie wollen wir in ihr leben? „Dr. Sommer“ nimmt diese Fäden auf und webt sie in einen Dialog ein, der neugierig und begeisterungsfähig statt belehrend ist. Es geht um die Heilung kleinerer und größerer demokratischer Blessuren – eine Therapieform, die Harburg mit seinem Mix aus unterschiedlichsten Biografien gut zu Gesicht steht.

Diese demokratische Praxis spiegelte sich auch in der unermüdlichen Arbeit der Kunstleihe Harburg wider. Die Reihe „Kunst vor Ort“ nutzte die Sommermonate, um die Schwellenängste vor der Kunst endgültig abzubauen. Im Juli bot die letzte Depot-Führung in der Sammlung Falckenberg einen faszinierenden Blick in die Schatzkammern der Malerei, bevor im August der Graffitikünstler Brozilla die Heimfeld Hall Graffiti-Wand zum Gegenstand eines visuellen Spektakels machte. Es ist diese Form der Vermittlung, die den Hamburger Süden auszeichnet: Kunst wird nicht nur gezeigt, sie wird erklärt, angefasst und buchstäblich von der Wand genommen, um sie in die Wohnzimmer der Bürger*innen zu tragen. Während man in der HafenCity noch über exklusive Stiftungsverträge ohne Bürgerbeteiligung brütete, wurde in Harburg die Teilhabe längst gelebt.

Parallel dazu hielt der Sommer auch Momente der kritischen Selbstreflexion bereit. In Buxtehude wurde die Geschichte lebendig gehalten, indem thematische Führungen die Strukturen des Nationalsozialismus beleuchteten. Diese historische Tiefenbohrung bildete das notwendige Fundament für die modernen Freiheitswerte, die gleichzeitig beim Nachwuchswettbewerb „Local Heroes“ gefeiert wurden. Junge Bands und Solokünstler*innen aus der Region erhielten hier die Bühne, die ihnen zusteht – ein nachhaltiger musikalischer Aufbruch, der weit über den Sommer hinauswirken wird.

Zum Ende des Quartals im September verdichtete sich die Stimmung schließlich im Stadtmuseum Harburg. Die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge, die bereits seit Mai die Seele des Bezirks dokumentierte, erreichte ihren Höhepunkt. Schwinge, der als Chronist den Wandel zwischen Abriss und Neubau festhält, wurde in seinen Künstlergesprächen zum Moderator einer ganzen Stadtgesellschaft. Hier wurde deutlich, dass die Harburger*innen ihren Stadtteil nicht nur als Wohnort, sondern als Gestaltungsraum begreifen.

Rückblickend war das dritte Quartal 2025 der Beweis dafür, dass Harburg keine goldenen Opernhäuser braucht, um kulturell zu strahlen. Die Mischung aus dem „Sommer im Park“, der klugen Provokation von „Dr. Sommer der Demokratie“ und der unverhofften Prise Prominenz durch Hape Kerkeling hat gezeigt: Der Hamburger Süden ist ein Ort, an dem Kultur atmet, Fragen stellt und vor allem die Menschen zusammenbringt. Während Hamburg-Mitte noch über das monumentale Erbe der Vergangenheit rätselte, tanzte Harburg bereits in die Zukunft – locker, nahbar und mit einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Dialogs.

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Ein Sommer der Kunst https://www.tiefgang.net/ein-sommer-der-kunst/ Sat, 20 Dec 2025 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13020 [...]]]> Der Übergang vom Frühling in den Sommer 2025 markierte in der Hamburger Kulturlandschaft eine Phase, in der die Fassaden der Hochglanzprojekte Risse bekamen, während im Süden der Elbe mit bemerkenswerter Resilienz gegen den drohenden Stillstand angearbeitet wurde.

Es war ein Quartal, das uns schmerzhaft vor Augen führte, dass kulturelle Teilhabe kein Selbstläufer ist. Vielmehr ist es ein permanentes Aushandeln zwischen politischem Willen und bürgerschaftlichem Engagement.

Es begann im April mit einer fast schon gespenstischen Stille im Harburger Zentrum, wo die sogenannten Karstadt-Geister umgingen. Während in der HafenCity die Verträge für einen prunkvollen Opern-Neubau ohne jede Bürgerbeteiligung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis zur Unterschriftsreife gebracht wurden, kämpfte man in Harburg mit einer Mauer aus Schweigen. Die Fraktion der Linken hatte versucht, Licht in das Dunkel der Betriebskosten für das ehemalige Karstadt-Gebäude zu bringen, doch die Antworten der Finanzbehörde blieben vage und nebelhaft. Es ist die bittere Ironie einer Stadtentwicklung, die im Norden Milliarden für neue „Leuchttürme“ mobilisiert, während im Süden eine bereits existierende Immobilie, die als „Planet Harburg“ ein pulsierendes Zentrum für Theater, Kino und Literatur werden könnte, durch bürokratische Intransparenz blockiert wird. Der kalte Wind, der den Harburger Visionär*innen hier entgegenschlug, war weit mehr als nur eine Verwaltungsglosse; er war ein Symptom für die Vernachlässigung der kulturellen Basisarbeit zugunsten von Prestigeprojekten.

Doch Harburg antwortete auf diese eiskalte Schulter der Verwaltung im Mai mit einer beeindruckenden Rückbesinnung auf seine eigene Identität. Im Stadtmuseum Harburg wurde die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge zum emotionalen Ankerpunkt. Schwinge, der als Chronist mit Skizzenblock und wachem Auge durch die Straßen zieht, dokumentiert nicht nur den Abriss und Neubau, sondern vor allem die Menschen, die diesen Bezirk prägen. In seinen rund 150 Werken wurde deutlich, dass die Seele eines Stadtteils nicht in gläsernen Opernhäusern wohnt, sondern auf dem geschäftigen Wochenmarkt und in den alltäglichen Momenten der Nachbarschaft. Diese Authentizität bildete den wohltuenden Gegenpol zum zeitgleichen Beben in der Hamburger Staatsoper. Dort war der Hoffnungsträger Demis Volpi nach nur einem halben Jahr als Ballettchef zurückgetreten. Sein jäher Abschied legte die Wunden offen, die das gigantische Erbe John Neumeiers hinterlassen hatte. Die Debatte um Volpis Abgang drehte sich um weit mehr als nur künstlerische Differenzen; sie stellte die Frage nach sozialer Kompetenz und moderner Menschenführung in erstarrten Institutionen – eine Diskussion, die in Harburg, wo man aufgrund mangelnder Mittel ohnehin auf engste Kooperation angewiesen ist, fast wie aus einer anderen Welt wirkte.

Während die Staatsoper versuchte, ihre Scherben aufzusammeln, weitete der Süden seinen Blick und bewies im Juni eine beeindruckende intellektuelle Tiefe. In Stade forderte die Ausstellung AMANI im Schwedenspeicher die Besucher*innen dazu auf, die koloniale Vergangenheit radikal neu zu bewerten. Die Aufarbeitung der Sammlung des Botanikers Karl Braun, der hunderte Kulturgüter aus Tansania nach Stade gebracht hatte, wurde zum Lehrstück über kulturelle Aneignung und notwendige Restitution. Hier wurde Weltgeschichte im Lokalen verhandelt – ein Anspruch, den Harburg auch mit der Einbeziehung des Kurzfilm Festivals Hamburg im Planet Harburg unterstrich. Unter dem Motto „Provokation der Liebe“ wurde das ehemalige Kaufhaus für kurze Zeit zum Tempel des experimentellen Kinos, was einmal mehr das enorme Potenzial dieses Ortes bewies, wenn man ihn denn ließe.

Zum Abschluss des Quartals kehrte die Energie dorthin zurück, wo sie in Harburg am stärksten ist: in die Räume der freien Szene und der privaten Initiativen. In den Phoenix-Hallen feierte die Sammlung Falckenberg mit der Ausstellung How’s My Painting? das Erbe der Counter Culture. Von der Punk-Attitüde der 80er Jahre bis hin zu modernen Dekonstruktionen wurde Malerei hier als Akt der Freiheit zelebriert, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt. Dass Projekte wie Kunst vor Ort der Harburger Kunstleihe zeitgleich Führungen zu Graffiti-Wänden und in versteckte Depots anboten, schloss den Kreis. Es war die finale Bestätigung einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Quartal zog: Während die Hamburger City im Großen über Prestige und glanzvolle Namen debattierte und dabei oft über die eigenen Beine stolperte, pflegte Harburg im Kleinen die Nahbarkeit. Es ist eine Kultur der kurzen Wege und der klaren Worte, die sich ihren Raum nimmt – egal, ob dieser Raum ein ausgebranntes Theater, ein blockiertes Kaufhaus oder eine graue Betonwand in Heimfeld ist. Das zweite Quartal hat gezeigt, dass Harburgs wahre Stärke in der Hartnäckigkeit seiner Akteur*innen liegt, die sich vom Glanz der City nicht blenden und vom Nebel der Bürokratie nicht aufhalten lassen.

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Planeten, Theater, Literatur https://www.tiefgang.net/planeten-theater-literatur/ Fri, 19 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13017 [...]]]> Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

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Club-Hoffnung im Oberhafen-Dschungel https://www.tiefgang.net/club-hoffnung-im-oberhafen-dschungel/ Fri, 19 Dec 2025 23:15:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13011 [...]]]> Der Hamburger Oberhafen, einst ein raues Areal aus Gleisen und Güterhallen, pulsiert längst als Herzschlag der Kreativszene. Bald wird es um einen Club reicher.

Doch jede pulsierende Metropole braucht ihre Dunkelkammern, ihre Echokammern, in denen der gesellschaftliche Takt neu justiert wird: die Clubs. Und genau in diese Bresche springt nun ein neuer Player mit einem vielversprechenden Namen – das glimmer.

Wo früher der Club Moloch tobte, kehrt nun, nach einem transparenten Interessensbekundungsverfahren, die Nachtkultur zurück. Die Sanierung der Flächen im ehemaligen Lokschuppen läuft bereits, um für die Saison 2026/2027 ein neues Juwel der Clublandschaft zu enthüllen. Es ist ein entschlossenes Signal in einer Zeit, in der die Existenz vielerorts leider nicht sonderlich gut geht, aber in Hamburg das Potenzial der Szene sicherlich noch nicht erschöpft ist.

Die Entscheidung für das glimmer ist eine Bestätigung des Kurses, den die HafenCity und die Kulturbehörde seit Jahren im Oberhafen fahren. Senator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Entwicklung die Stärkung jener kulturellen Herzkammern, die für die Stadt so essenziell sind. „Der neue Club glimmer wird, gemeinsam mit den Clubs an den Deichtorkasematten, die Vielfalt der Musikstadt Hamburg bereichern“, sagt er. Die Vision ist klar: Die Gegend vom Klosterwall bis zum Oberhafenquartier entwickelt sich zur „kreativen Meile aus Musik, bildender Kunst, Fotografie und Kreativwirtschaft, die viel Platz für Kunst und Kultur bietet. Wir brauchen diese kreativen Herzkammern, in denen Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen können.“

Diese kulturelle Verankerung wird von der HafenCity Hamburg GmbH aktiv vorangetrieben. Geschäftsführerin Christina Geib freut sich besonders, dass nun ein „ganz neuer Player die Hamburger Club-Szene bereichern wird“, an einem Ort, der mit der Halle 424 schon lange Pionierarbeit für Jazz und Klassik geleistet hat.

Mehr als nur Bässe: Das Kulturzentrum glimmer

Was Anton Burmester, Johann Kipping und Luke Mehrhoff vom Team glimmer in den Lokschuppen bringen, ist bewusst mehr als ein reiner Nachtclub. Ihr Konzept ist ambitioniert und tief in der Community verwurzelt. Das glimmer soll ein „Ort der Begegnung“ sein, ein Kulturzentrum, das den Namen verdient.

Die Basis bilden kuratierte Clubnächte und Veranstaltungen externer Kollektive, aber die wahre Innovation liegt in der Erweiterung des Spektrums. Die 548 Quadratmeter große Mietfläche, von denen 296 Quadratmeter der Veranstaltungsraum sein werden, wird durch Konzerte, Lesungen, Flohmärkte und Theater ergänzt. Zudem entstehen durch die Angliederung eines Studios und einer Werkstatt Räume, die der Bildung und Förderung der Community zugutekommen sollen.

Die Gründer des Clubs fassen ihre Motivation energisch zusammen: „Unseren Teil dazu beizutragen, dass die Szene wächst, ist eine herausfordernde Aufgabe, die wir mit viel Freude angehen.“

Der Erfolg des Projekts basiert auch auf einer wichtigen Lektion aus der Vergangenheit: dem ehemaligen Club Moloch. Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft, betont, dass die „wertvollen Erfahrungen aus dieser Testnutzung die Sanierung der Fläche entscheidend geprägt“ haben.

Das Resultat ist eine Lösung, die das Feiern in der HafenCity zukunftsfähig macht: Die neue Veranstaltungsfläche wird alle baurechtlichen Vorgaben, inklusive der Lärmanforderungen, erfüllen. Dies gewährleistet optimale Rahmenbedingungen für einen Clubbetrieb für bis zu 600 Personen und macht die Fläche zu einem „echten Juwel für Betreiber*innen“, die nun eine Genehmigung für lärmintensive Nutzungen wie Live-Musik erhalten.

Das glimmer ist somit nicht nur ein neues Ziel für die Musikstadt Hamburg, sondern vor allem ein strategischer Sieg für die Clubkultur. Es zeigt, dass die Stadt bereit ist, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Szene auf einem tragfähigen Fundament wachsen kann. Der Name ist Programm: Im Oberhafen erscheint ein neuer, heller Schimmer, der die Nacht erobern wird. Nun liegt es an den Betreibern, das Schiff aus dem Hafen in die offene See zu leiten.

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„Richtungsweisend für die bildende Kunst“ https://www.tiefgang.net/richtungsweisend-fuer-die-bildende-kunst/ Fri, 12 Dec 2025 23:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12980 [...]]]> Am 9. Dezember ehrte Hamburg mit dem Lichtwark-Preis zwei Künstlerinnen, deren Werk uns das Gestern radikal befragen und dem Heute neue, kraftvolle Bilder schenken lässt. Von feministischer Malereireflexion bis hin zu intimer, globaler Filmarbeit – dieses Ereignis in der Kunsthalle war ein energiereiches Signal für die Gegenwartskunst, die uns den Kopf verdreht.

Hamburg hat eine neue, kraftvolle kulturelle Wegmarke gesetzt. Am vergangenen Dienstag schlug das kulturelle Herz der Hansestadt höher, als Senator Dr. Carsten Brosda in der Hamburger Kunsthalle zur feierlichen Verleihung des Lichtwark-Preises lud. Die Atmosphäre im Werner-Otto-Saal war geprägt von der tiefen Wertschätzung für zwei Künstlerinnen, deren Werk die internationale Kunstszene prägt.

Mit Jutta Koether erhielt eine der einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst die Hauptauszeichnung. Für ihr Lebenswerk, das die Szene seit den 1980ern in Aufruhr versetzt, ist der mit 10.000 Euro dotierte Preis eine längst überfällige nationale Anerkennung. Wie Anna Nowak, Künstlerische Leiterin des Kunsthauses Hamburg, in ihrer Laudatio betonte, hat Koether, die lange an der HFBK lehrte, das Verständnis von Malerei nicht nur erweitert, sondern quasi neu verhandelt.

Ihre Markenzeichen? Ein konzeptueller, oft symbolischer Einsatz der Farbe Rot, enorme Dynamik und eine schonungslose Befragung der Kunstgeschichte, um ihre „blinden Flecken“ aufzudecken. Wo Koether malt, wird Geschichte nicht nur erinnert, sondern im Lichte der Gegenwart neu interpretiert. Das ist radikal, das ist vielschichtig, und das war bei der Verleihung am Dienstagabend absolut spürbar und begeisternd!

Die Förderung der Zukunft ist dem Lichtwark-Preis, benannt nach dem visionären Gründungsdirektor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, ebenso wichtig. Und hier glänzte Karimah Ashadu. Die Londoner Künstlerin, die zwischen Hamburg und Lagos arbeitet, nahm den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis entgegen – eine Wahl, die auf eine singuläre, international gefeierte Position verweist.

Wie Milan Ther, Direktor des Kunstvereins Hamburg, ausführte, ist Ashadu eine Entdeckerin neuer, erzählerischer und visueller Räume. Mit ihren multimedialen Arbeiten, oft basierend auf eigens entwickelten Kameratechniken, gelingt ihr das Kunststück, dokumentarische Präzision mit poetischer Bildsprache zu verschmelzen. Sie taucht ein in die sozialen Topografien von Orten – insbesondere in Nigeria – und kreiert aus intimen Porträts von Männern komplexe soziale Strukturen. Ob es um die Performativität von Männlichkeit, das post-koloniale Erbe oder den Begriff der Selbstbestimmung geht: Ashadus Blick ist analytisch, prägnant und stets poetisch.

Die Auszeichnung, nur kurz nach ihrem Silbernen Löwen auf der Venedig-Biennale, ist eine Bestätigung: Ashadu bereichert Hamburgs kulturelles Leben maßgeblich und positioniert sich als eine der prägnantesten Stimmen einer neuen Künstler*innengeneration.

Die Verleihung am vergangenen Dienstag war ein starkes Bekenntnis des Senats zu jener Kunst, deren Werke sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Wie Senator Dr. Carsten Brosda treffend zusammenfasste, würdigte Hamburg mit Koether und Ashadu zwei Künstlerinnen, die im besten Sinne des Preises „richtungsweisend für die bildende Kunst sind“.

Ob es nun Koethers radikale feministische Reflexion ist oder Ashadus tiefgründige Verbindung von individueller Lebensrealität und globalen gesellschaftlichen Strukturen: An diesem Abend wurde in Hamburg einmal mehr bewiesen, dass Kunst keine Dekoration, sondern ein dringender, notwendiger Dialog ist. Ein Dialog, der uns alle reicher macht und der in den Werken dieser beiden Preisträgerinnen seinen kraftvollen Ausdruck findet.

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Musikunterricht adieu! https://www.tiefgang.net/musikunterricht-adieu/ Fri, 28 Nov 2025 23:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12920 [...]]]> Die Zahl ist ein Schock: Mindestens 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland drohen in den kommenden Jahren ihren Platz in der Musikschule zu verlieren. Diese dramatische Prognose ist das greifbare Ergebnis der sogenannten „MiKADO-Musik“-Studie.

Das kommt einem stillen Erdbeben in den Fundamenten der Kultur gleich: „Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Österreich“, lautet die Prognose der Studie, die nun vom Deutschen Musikrat in Berlin vorgestellt wurde. Was sich hier auftut, ist keine Krise der Nachfrage, sondern eine des Angebots, eine existenzielle Bedrohung für die musikalische Breitenbildung.

Die MiKADO-Studie liefert erstmals eine breit empirisch abgesicherte Datenbasis, die das Problem unbarmherzig quantifiziert. Bis zum Jahr 2035 müssen in Deutschland Stellen bzw. Stellenanteile neu besetzt werden, die derzeit von rund 14.700 Musikschullehrer*innen ausgefüllt werden. Demgegenüber stehen lediglich rund 4.000 erwartete Absolvent*innen künstlerisch-pädagogischer Bachelor- und Masterstudiengänge.

Selbst unter günstigsten Annahmen können damit rund 73% der freien Stellen nicht mit entsprechend qualifizierten Nachwuchskräften besetzt werden. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind tief in den Strukturen des Kulturbetriebs verwurzelt und reichen weit über die bloße Demografie hinaus. Die Studienergebnisse zeigen exemplarisch den Abwärtstrend: Die Zahl der weiblichen Studienanfänger*innen im künstlerisch-pädagogischen Bereich etwa sank von über 600 im Jahr 2010 auf nur noch rund 350 im Jahr 2022.

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass es sich hier nicht nur um einen Mangel an Talent, sondern um ein massives Attraktivitätsproblem des Berufs handelt. Der Beruf der Musikschullehrer*in leidet unter einem doppelten Malus: schlechte strukturelle Bedingungen und ein tief verwurzeltes Imageproblem.

Einerseits beklagen die Befragten die häufig unzureichende Vergütung, unsichere Verträge und die hohe Arbeitsbelastung, die das widersprüchliche Berufsbild prägen. Viele lieben ihre Arbeit als Pädagog*innen – und ringen gleichzeitig mit den Bedingungen, unter denen sie stattfindet.

Andererseits enthüllt die Studie ein erschreckendes Hierarchieproblem in der Ausbildung: Der künstlerisch-pädagogische Studiengang (Instrumental-/Gesangspädagogik, IGP) wird oft als zweite Wahl wahrgenommen. Eine zitierte Teilstudie bringt das zynische Credo auf den Punkt: „Die Besten, die wirklich was können, studieren künstlerisch, die nicht so gut sind, studieren dann halt IP [Instrumentalpädagogik]“. Wenn die Musikpädagogik als „Plan B“ oder gar als „Verschwendung von Potenzial“ abgewertet wird, ist es kaum verwunderlich, dass junge, glühend motivierte Künstler*innen lieber ihr Glück in anderen, wenn auch unsicheren, aber prestigeträchtigeren Berufsfeldern suchen.

Die Studierenden, so ein weiteres Ergebnis, können ihre künstlerischen Fähigkeiten in anderen Berufen oft besser einbringen. Diese Abwanderung der kreativen Talente zugunsten von Selbstverwirklichung und besserer Bezahlung ist das stille Geständnis eines Scheiterns der aktuellen Förder- und Vergütungssysteme.

Die absehbare Katastrophe

Dabei kommt die MiKADO-Diagnose nicht aus heiterem Himmel. Die Ergebnisse bestätigen vielmehr „zahlreiche Erfahrungen der Musikschulen“ in den Landesverbänden, wie aus Nordrhein-Westfalen gemeldet wird. Die Probleme um prekäre Honorarverträge, das fehlende Image und die mangelnde Wertschätzung sind seit Jahren bekannt und in Fachkreisen diskutiert.

Die Studie liefert nun lediglich die harte empirische Währung für eine Entwicklung, die Musikpädagog*innen und Musikschulleitungen lange kommen sahen. Die Zeit des Zauderns ist damit vorbei. Die Präsidentin des Deutschen Musikrats, Prof. Lydia Grün, betonte bei der Vorstellung der Ergebnisse: „Die Ergebnisse der ‚MiKADO-Musik‘-Studie sind ein deutlicher Weckruf! […] Wir brauchen jetzt eine breite Allianz aus politischen Entscheidungsträger*innen und Ausbildungsinstitutionen. […] Die Zeit drängt.“

Die Forderung nach einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Sicherung der außerschulischen musikalischen Bildung ist die konsequente Antwort auf die Krise. Wenn das Musikland Deutschland nicht riskieren will, dass eine halbe Million Schüler*innen den Zugang zu einer prägenden kulturellen Erfahrung verliert, muss es die Strukturen jetzt neu denken – von der Wertschätzung des Studienfachs an der Hochschule bis hin zum fairen Gehalt für Musikschullehrer*innen in der Praxis. Andernfalls droht das schöne Spiel vom musikalischen Nachwuchs in Deutschland bald verstummt zu sein.

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Der Preis der „Inneren Größe“ https://www.tiefgang.net/der-preis-der-inneren-groesse/ Fri, 21 Nov 2025 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12870 [...]]]> Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat in den letzten Wochen ein vielschichtiges, wenn auch zynisch geschlossenes Weltbild der Kulturnation präsentiert. Er regiert mit der Wucht der Zahlen und der Perfektion der politischen Inszenierung.

Es waren gleich drei bemerkenswerte Meldungen, die zum Kulturstattsminister dieser Tage über den Ticker liefen. „Bund investiert 21,8 Millionen Euro in Dachau und Flossenbürg“ war die eine Pressemitteilung aus dem Amt der Bundesregierung, „Bundeskulturetat 2026 mit 2,57 Milliarden Euro beschlossen“, die andere. Und dann berichtete die Frankfurter Allgmeine (18.11.2025) noch über den jährlichen „von der Weimer Media Group ausgerichteten Ludwig-Erhard-Gipfel, bei dem Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Medien miteinander ins Gespräch kommen.“

Betrachtet man die Summe seiner Entscheidungen – von Rekord-Etats über symbolische Ein-Euro-Männer bis hin zu 80.000-Euro-Netzwerk-Partys (die Summe ist der Netto-Preis für die Teilnahme, nicht für die Ausrichtung des Treffens!) – wird klar: Weimer betreibt eine Zwei-Klassen-Kulturpolitik, die Prestige und politische Selbstversicherung über die unglamouröse Basis stellt.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Art von Gesellschaft will man uns hier vermitteln?

Der Moralschild aus Millionen

An der Spitze seiner Agenda steht die Verkündung des Bundeskulturetats für 2026: 2,57 Milliarden Euro – eine Summe, die die „innere Größe unserer Kulturnation“ zementieren soll. Diese Grandezza wird sofort mit einem rhetorischen Schutzschild untermauert: Parallel sichert Weimer 21,8 Millionen Euro für die Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg und liefert den Slogan: „Erinnerung ist unsere stärkste Antwort auf Extremismus.“

Das ist kein Zufall, sondern politisches Kalkül. Man investiert in Projekte, deren moralischer Wert unantastbar ist. Die Geschichte wird zur idealen politischen Waffe instrumentalisiert; die Investition in das historisch Notwendige macht jede Kritik am Rest des Budgets beinahe unmöglich. Wer so großzügig die Erinnerung pflegt, kann sich moralische Immunität erkaufen.

Auch die vertiefte Kulturkooperation mit der Ukraine wird in diese geopolitische Geste eingebettet. Sie ist nicht nur militärischer oder politischer, sondern eben auch „kultureller Natur“ und erhebt das ganze Handeln auf eine Ebene, die keinen Zweifel zulässt: Weimer ist der Verteidiger der Freiheit und des „Bollwerks gegen autoritäre Ideologie“. Die Kultur wird so zur Folie für die Außenpolitik und zur glänzendsten PR-Fassade.

Der Ein-Euro-Mann und die Sparopfer

Die wahre politische Kultur zeigt sich jedoch in den Kontrasten. Auf der einen Seite steht Kanzler Merz, der den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zum Persönlichen Beauftragten für Investitionen ernennt. Sein Gehalt: symbolisch ein „one dollar man“ oder „Ein-Euro-Mann“, der dem Land „ein bisschen zurückgeben“ will. Der Investment-Profi wird zum Ehrenamtler erklärt, während Millionen von Bürger*innen für 12,82 Euro die Stunde – den Mindestlohn – arbeiten. Die Botschaft: Die Eliten arbeiten aus reiner Verbundenheit, die Wichtigen sind unbezahlbar, die Basis muss ihre Existenz mit harter Arbeit verteidigen. Blessing soll nebenbei die Germany Trade and Invest (GTAI), die „ein Schattendasein führt“, auf Kurs bringen.

Auf der anderen Seite, in der unglamourösen Basis der Kulturnation, wird das Ehrenamt aktiv bestraft: Der Allgemeine Cäcilienverband (ACV) verliert 50.000 Euro an jährlicher Förderung, was 40 Prozent seiner Einnahmen ausmacht. Die Folge: Der Verband, der 274.000 Musiker*innen und Sänger*innen organisiert, steht vor dem Ende seiner hauptamtlichen Strukturen. Man ist bereit, das Fundament der historisch gewachsenen Musikkultur verhungern zu lassen, weil 50.000 Euro angeblich das Haushaltsdefizit der Bischofskonferenz retten müssen.

Der zynische Kern: Die „Leistungsträger“ der Wirtschaft arbeiten für einen Euro und erhalten dafür Macht und Prestige; die Leistungsträger der Kultur an der Basis verlieren ihre einzige professionelle Koordinationsstelle wegen einer Summe, die – pro Kopf der Engagierten – bei 0,18 Euro liegt.

Die Kultivierung der Exklusivität am Tegernsee

Die tatsächliche Weltordnung des Ministers kulminiert im Ludwig-Erhard-Gipfel, den Weimer und seine Frau mitorganisier(t)en. Bei diesem „Gipfel“ trifft sich das „Who’s who der deutschen Topentscheider“. Man ist gerne „unter sich“. Es ist kein Forum der Vielfalt, sondern ein Club der Eingeweihten.

Und dieser Club ist nicht kostenlos. Die Verkaufsunterlagen der Weimer Media Group versprechen „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“. Der Preis dafür ist stolz: Das Paket „Mont Blanc“ kostet eben 80.000 Euro netto für die Teilnahme an der „exklusiven Executive Night“.

Man darf vermuten: 80.000 Euro für Einfluss sind dem Minister offenbar wichtiger als 50.000 Euro für die Sicherung von 274.000 Laienchören.

Hinzu kommt die Staatsknete, die diese private Party mitfinanziert. Die staatliche Agentur Bayern Innovativ unterstützte den Gipfel mit 165.000 Euro. Obwohl Weimer die Geschäftsführung vor Amtsantritt niedergelegt hat, ist er weiterhin zu 50 Prozent beteiligt. Es ist eine juristische Finesse, bei der der Minister im Kabinett sitzt, während seine Veranstaltung mit staatlicher Förderung das Netzwerk der Mächtigen für teures Geld verkauft.

Die Wahrnehmung, die Weimer damit in der Gesellschaft verfestigt, ist die einer Kultur als Statussymbol und politischem Manövrierraum. Die „innere Größe“ wird zur Hülle eines Systems, in dem der politische Zugang monetarisiert wird und die Basis aus eigener Kraft singen oder eben verstummen soll. Das ist die eigentliche Botschaft, die hinter den Milliarden und den 80.000 Euro steckt.

Und natürlich muss man den Kontext größer fassen: Merz` Kabinett, zu dem auch Weimer zählt, ist ein Kabinett, das ganz unverhohlen Lobbyist*innen in Minister*innenämtern kleidet. Das macht die Rolle Weimers aber nicht besser. Eher anders herum.

Die Wahrnehmung von Kultur in Deutschland wird gerade nachhaltig verändert. Der AfD wird´s gefallen. Alle anderen werden sich wehren müssen.

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Hamburgs tonales Kapital https://www.tiefgang.net/hamburgs-tonales-kapital/ Fri, 17 Oct 2025 22:37:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12665 [...]]]> Musik ist längst kein „Nice-to-have“ in der Freizeit mehr, sondern messbarer Reiseanlass. Für 62 Prozent der befragten Tourist*innen sind Konzerte, Musicals oder Festivals ein Grund für ihre Reise nach Hamburg.

Das gleißende Licht des Reeperbahn Festivals ist kaum erloschen, da rührt Hamburgs Musikwirtschaft bereits den nächsten Trommelwirbel: Eine neue, umfassende Image-Studie belegt, dass die Musikszene der Hansestadt nicht nur ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor ist, sondern das emotionalste und wirksamste Kapital der gesamten Metropole.

Nachdem erst im September, im Rahmen des Reeperbahn-Festivals, die prekäre und zugleich kulturell unverzichtbare Rolle der Musikfestivals durch eine tiefgreifende Branchenstudie herausgearbeitet wurde, liegt der Fokus nun auf der Gesamtattraktivität: Musik ist der Herzschlag dieser Stadt und ihr entscheidender Vorteil im globalen Wettbewerb um Köpfe und Gäste.

Die „Musikwirtschaft Hamburg Studie 2025“ – beauftragt von Hamburg Music und der Handelskammer – ergänzt die harten ökonomischen Fakten der Vorjahre (über eine Milliarde Euro Bruttowertschöpfung der Branche) um die entscheidende psychologische Komponente. Das Fazit ist bestechend: Musikangebote sind für 71 Prozent der Hamburger*innen ein direkter, positiver Einfluss auf ihre Lebensqualität.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, fasst diese identitätsstiftende Kraft daher prägnant zusammen: „Musik gehört untrennbar zur kulturellen Identität Hamburgs.“ Sie reicht eben von der Elbphilharmonie bis hin zur vielfältigen Clubkultur, die gerade wieder beim Reeperbahn Festival Besuch aus der ganzen Welt angezogen hat.

Tourismus-Magnet Musik

Musik ist längst kein „Nice-to-have“ der Freizeitgestaltung mehr, sondern ein messbarer Reiseanlass. Für 62 Prozent der befragten Tourist*innen aus dem In- und Ausland sind Konzerte, Musicals oder Festivals ein ausschlaggebender Grund für ihre Reise nach Hamburg. National wird Hamburg sogar als Stadt mit dem attraktivsten Musikangebot wahrgenommen – ein Spitzenplatz, der Berlin im Städtevergleich hinter sich lässt.

Besonders im Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte wirkt das Musikangebot als unsichtbare, aber mächtige Anziehungskraft. Prof. Norbert Aust, Präses der Handelskammer, betont, dass diese lebendige Szene „uns auch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil im Ringen um dringend benötigte Arbeitskräfte verschafft.“ Musik, so die Quintessenz, macht die Stadt nicht nur liebenswert, sondern wirtschaftlich relevant.

Ebenso interessant ist die Rolle der Clubs. Obwohl Kino, Musicals und Gastronomie als Freizeitmöglichkeit höher bewertet werden, prägen Musikclubs (wie die Große Freiheit 36) das Image der Hamburger Musikszene stark. Sie sind der Ort, wo die vielfältige Clubkultur lebt.

Die Studie zeigt jedoch auch eine klare Herausforderung auf, die einen Handlungsauftrag für die Politik und die Branche selbst formuliert: die demografische Kluft in der Wahrnehmung der Marke „Musikstadt Hamburg“.

Während die älteren Bevölkerungsgruppen (über 50 Jahre) die Musik als tief verwurzelten Teil der Hamburger Identität empfinden (bis zu 72 Prozent Zustimmung), ist diese Verknüpfung bei den unter 35-Jährigen (nur 45 Prozent Zustimmung) noch deutlich schwächer ausgeprägt. Paradoxerweise gilt gerade für diese junge Zielgruppe das Musikangebot aber als am attraktivsten und bindet sie emotional am stärksten an die Stadt.

Alexander Schulz, Vorstandsvorsitzender von Hamburg Music, formuliert daraus die Konsequenz: „Die Zahlen sind aber auch ein klarer Handlungsauftrag: Um unsere Spitzenposition zu halten und international aufzuholen, müssen wir gezielt in die Zukunft investieren.“ Die Musikwirtschaft fordert eine Stärkung des Musikstadt-Marketings, insbesondere bei jüngeren und internationalen Zielgruppen, um diesen unschätzbaren Standortvorteil auch zukünftig voll auszuschöpfen.

Der Blick auf die Zahlen ist nüchtern, die Botschaft aber emotional: Hamburg muss in seine musikalische Seele investieren. Denn diese Seele ist es, die Menschen anzieht, bindet und die Stadt zu dem macht, was sie ist – eine führende Metropole, deren Takt von ihrer einzigartigen Musikszene vorgegeben wird.

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