Die Freie und Hansestadt Hamburg ehrt eine der präzisesten und stilistisch innovativsten Stimmen der Gegenwartsliteratur: Judith Schalansky erhält den mit 20.000 Euro dotierten Lessing-Preis 2025.
Die Jury würdigt damit eine Autorin, die das literarische Schreiben mit einer unverwechselbaren ästhetischen Handschrift verbindet und ihre Bücher stets als Gesamtkunstwerke begreift. Die Auszeichnung geht an eine Autorin, die dem enzyklopädischen Verständnis der Aufklärung verpflichtet ist – ein direkter Bezug zum Namensgeber Gotthold Ephraim Lessing. Schalansky beherrscht die unterschiedlichsten literarischen Formen in Vollendung und wiederholt sich in ihrem Schaffen nie. Senator Dr. Carsten Brosda hob hervor, dass ihre Ehrung die große literarische Bedeutung einer der meistübersetzten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur widerspiegelt: „Mit großer poetischer Klarheit richtet sie ihren Blick auf gesellschaftliche Fragen und auf Menschen, die sonst oft unsichtbar bleiben.“
Judith Schalanskys Werk ist eine faszinierende Reise durch Epochen, Genres und Wissensgebiete. Es ist diese Weltoffenheit und die Neugier für die deutsch-deutsche Vergangenheit, die die Jury besonders hervorhob.
Ihre Palette ist breit und herausfordernd. Sie reicht vom typographieästhetischen Standardwerk wie Fraktur, mon amour bis zum fiktionalen Sachbuch Atlas der abgelegenen Inseln, das nicht nur literarisch, sondern auch gestalterisch Preise gewann und das Fernweh mit der Einsamkeit des Schreibens konfrontiert. Ihr Roman Der Hals der Giraffe ist ein Bildungsroman im besten Sinne, während Verzeichnis einiger Verluste die Kulturgeschichte vergessener Dinge, Orte und Menschen poetisch konserviert. Mit ihrem Großessay Schwankende Kanarien bewies sie 2023 erneut ihre Fähigkeit zur brillanten intellektuellen Reflexion.
Schalansky ist zudem nicht nur Autorin und Gestalterin ihrer Bücher, sondern auch versierte Förderin von Literaturpraxis, etwa als Herausgeberin der Reihe Naturkunden. Sie verkörpert damit Lessings Geist, Räume für Reflexion und streitbare Debatte zu eröffnen, ohne die ästhetische Form zu vernachlässigen.
Kampmann: Der poetische Blick auf Hamburgs Ränder
Parallel zum Hauptpreis wird das mit 10.000 Euro dotierte Lessing-Stipendium an die Autorin Anja Kampmann vergeben. Sie ist zwar in Leipzig ansässig, doch Hamburg ist ihre Geburts- und Universitätsstadt sowie ein zentraler Ort ihres künstlerischen Schaffens.
Kampmanns Werk besticht durch eine beeindruckende Verbindung von poetischer Sensibilität und gesellschaftlicher Wachheit. Die Jury betonte, dass sie souverän in verschiedenen literarischen Formen arbeitet und ihren Blick auf Menschen und Fragen richtet, die sonst oft unsichtbar bleiben.
Ihr Roman Die Wut ist ein heller Stern spielt auf St. Pauli und setzt sich eindringlich mit Emanzipation und dem Widerstand gegen ein faschistisches Regime auseinander. Kampmann spürt der Frage nach, was wir verlieren, wenn wir uns den Bedrohungen der Gegenwart nicht stellen. Dies zeigt sich auch in ihrem Einsatz für die Theater- und Opernlandschaft (Die schmutzige Wäsche des schmelzenden Schnees) und in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit ungezügeltem technologischem Fortschritt (Der Hund ist immer hungrig). Im Sinne Lessings holt Kampmann damit einen bislang kaum beachteten Teil der Hamburger Geschichte, insbesondere die Frauen aus der Arbeiterschicht, ins Licht.
Die Auszeichnungen werden am 25. Januar 2026 im Thalia Theater von Senator Dr. Carsten Brosda überreicht. Der Lessing-Preis, der seit 1929 verliehen wird, bestätigt damit seine Rolle als wichtiger Gradmesser für eine Literatur, die intellektuelle Tiefe mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet.
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