Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg schickt uns im Jahr 2026 auf eine Reise zu den Pionier*innen der Sichtbarkeit. Mit zwei großen Ausstellungen werden Persönlichkeiten gewürdigt, die nicht nur Kunst gesammelt oder geschaffen, sondern ganze Sehgewohnheiten und gesellschaftliche Diskurse verändert haben.
Es ist ein Jahr der Jubiläen und der notwendigen Erinnerungsarbeit, das uns zeigt, wie eng die Ästhetik mit der Geschichte und dem Mut einzelner Individuen verwoben ist.
F.C. Gundlach neu entdecken
Den Auftakt macht im Mai ein Mann, dessen Name untrennbar mit dem Haus und der Fotokultur der Hansestadt verbunden ist: F.C. Gundlach. Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet ihm das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der 9. Triennale der Photographie die Schau You’ll Never Watch Alone. Wer hier eine klassische Retrospektive erwartet, wird angenehm überrascht, denn der Fokus liegt auf Gundlach als dem ultimativen Netzwerker.
Fotografie passiert nie isoliert, und genau das macht der Ausstellungstitel deutlich. Gundlach war weit mehr als der Schöpfer ikonischer Modeaufnahmen; er war Lehrer, Galerist, Sammler und ein unermüdlicher Förderer. Die Schau zeigt neben den berühmten Covermotiven auch bisher unveröffentlichte Schwarzweiß- und Farbaufnahmen sowie Werke seiner Vorbilder und Weggefährt*innen. Es geht um die Allianzen, die er von Paris bis Tokio knüpfte, und um seine radikale Offenheit für neue Talente und technische Experimente. Die Stiftung F.C. Gundlach fungiert dabei als Leihgeberin dieser besonderen Sicht auf ein Lebenswerk, das unser heutiges Bildverständnis maßgeblich geprägt hat.
Das Vermächtnis jüdischer Sammler*innen
Im September wechselt die Perspektive von der Kamera zum privaten Blick der Sammlerinnen. Die Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner rückt die entscheidende Rolle jüdischer Bürger*innen in den Mittelpunkt, die um die Jahrhundertwende gegen den konservativen Akademiekanon des Kaiserreichs aufbegehrten. Während die offizielle Kunstpolitik noch im Gestern verharrte, zeigten Sammler*innen wie Rosa Schapire oder Max Emden eine beeindruckende Bereitschaft, die Moderne zu verteidigen und zu fördern.
Fünfzehn bedeutende Sammlungen werden für dieses Projekt exemplarisch rekonstruiert. Rund 100 Meisterwerke von Paul Cézanne über Ernst Ludwig Kirchner bis zu Paula Modersohn-Becker werden dafür aus der ganzen Welt wieder in Hamburg zusammengeführt. Doch die Schau ist mehr als ein kunsthistorisches Fest; sie ist eine tiefgreifende kunstsoziologische Analyse und eine Verbeugung vor Menschen, deren Leben und Sammlungen durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurden.
Jedem der fünfzehn Sammler*innenpaare oder Einzelpersonen ist ein eigener Raum gewidmet, der nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die individuellen Schicksale von Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung dokumentiert. Es wird aufgezeigt, wie Netzwerke aus Museen und Händler*innen an der Enteignung beteiligt waren und wie die Werke nach 1945 oft unter Verschleierung ihrer Herkunft weltweit verstreut wurden. Diese Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, diese wegbereitenden Persönlichkeiten und ihre kulturelle Leistung wieder fest im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.
Das Ausstellungsjahr 2026 im Überblick
- F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone 8. Mai bis 16. August 2026 (i.R.d. 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026)
- Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler*innen der Moderne in Deutschland 11. September 2026 bis 28. März 2027 (Kuratierung: Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark)
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