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Ein Exil für die Kunst

Was passiert, wenn ein Pinsel, eine Kamera oder ein Gedanke in einem Land nicht mehr frei sein darf? Er sucht sich eine neue Leinwand, eine neue Bühne, eine neue Heimat.

Genau das ermöglicht Hamburgs Kulturbehörde mit dem INTRO-Programm, das nun in die nächste Runde geht: Sie bietet Künstler*innen, die aus Krisengebieten fliehen mussten, nicht nur Zuflucht, sondern eine Chance, ihre Kunst und ihre Geschichte in der Hansestadt weiterleben zu lassen. Es ist ein Programm, das die Stadt bereichert und gleichzeitig eine wichtige humanitäre Geste ist.

Mit jedem neuen Stipendium-Team, das in seine einjährige Kooperation startet, wächst das kulturelle Netzwerk der Stadt. Das Besondere an INTRO ist die Idee des Tandems: Ein*e Künstler*in arbeitet eng mit einer Hamburger Institution zusammen. So wird nicht nur ein Projekt umgesetzt, sondern auch eine neue Verbindung geknüpft. „Das INTRO-Programm hat sich zu einer richtigen Erfolgsgeschichte entwickelt“, resümiert Kultursenator Dr. Carsten Brosda. „Das große Interesse an dem Programm zeigt, wie viele Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Krisengebieten in Hamburg Zuflucht suchen.“

Doch die Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße. Während die Künstler*innen in die Praxis des Hamburger Kulturbetriebs eintauchen und lernen, wie sie sich in der neuen Umgebung zurechtfinden – selbst zu Themen wie Steuern und Förderanträge –, profitieren die Einrichtungen von einem frischen Blickwinkel. Die Begegnung von Kulturen und Perspektiven führt zu einer kreativen Reibung, die neue Impulse setzt. Die Institutionen „hinterfragen eigene Arbeitsweisen und kulturelle Praktiken, wodurch das Programm ein Gewinn für uns alle ist“, so Brosda.

Neue Perspektiven für Hamburgs Kunst

Die Vielfalt der diesjährigen Projekte ist beeindruckend. Parisa Shams aus dem Iran wird mit Kindern ein Kinderbuch erstellen, eine zarte Geste der Hoffnung und Neuanfangs. Tamari Chikvaidze aus Georgien bringt ihre Bühnenbildner-Fähigkeiten ins Fundus Theater ein, ein Ort, der für Experiment und Innovation steht. In der GWA St. Pauli wird Ekatarina Pavlova aus Russland ein kollektives Dokumentarfilmprojekt mit Jugendlichen realisieren. Am Kampnagel wird der Textilkünstler Boye Diallo aus Guinea-Bissau den „diasporischen Blick auf Mode“ beleuchten. Seine Arbeit lässt uns nicht nur Kleidung sehen, sondern auch die Geschichten, die sie in sich trägt. Das Lichthof Theater widmet sich mit Sofia Makarova aus Kasachstan/Russland einer choreografischen Forschung zum Thema Nomaden. Rola Shmayssem aus dem Libanon wird als Puppenspielerin Workshops in der W3_ anbieten.

Besonders hervorzuheben ist auch die Kunstschaffende Mila Klintsova aus Russland, die in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Dokumentarfilm über den Hannoverschen Bahnhof drehen wird – ein Projekt, das die Erinnerung an die Gräueltaten der Vergangenheit wachhält.

Auch der Kunstverein Harburger Bahnhof erhält eine wichtige neue Stimme. Mit Termeh Yaghoubi aus dem Iran wird eine Malerin eine installative Ausstellung entwickeln. Diese künstlerischen Ansätze sind Spiegelbilder der persönlichen Geschichten der Teilnehmenden. Brosda ist überzeugt: „Dabei entstehen spannende Projekte, die uns auch wichtige Einblicke in die individuellen Geschichten der Teilnehmenden geben.“

Einblicke in individuelle Geschichten

Das Programm zeigt, dass Kunst keine Insel ist. Sie ist ein lebendiger Teil unserer Gesellschaft, der die Fähigkeit hat, Wunden zu heilen, Perspektiven zu öffnen und uns zu vereinen. Und es ist ein fortlaufender Prozess. Jedes Jahr können sich Kultureinrichtungen und Künstler*innen gemeinsam bewerben, um Teil dieses beeindruckenden Projekts zu werden.

Wie wichtig solche Programme in einer Zeit sind, in der die Welt unruhiger scheint denn je und welche neuen, unerwarteten Geschichten und Kunstwerke dadurch in den nächsten zwölf Monaten entstehen, sind Fragen, die uns zum Nachdenken anregen und uns zeigen, dass Kunst – gerade in oder aus der Fremde – ein kraftvolles Instrument der Verständigung sein kann.

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