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Ein Koloss im Fokus

Hamburgs Stadtbild beherbergt Zeugen der Geschichte einer reichen, aber auch unhinterfragten Vergangenheit. Einer dieser Zeugen, unübersehbar und dominant im Alten Elbpark platziert, ist Bismarck. Oder besser sein Denkmal.

Als weltweit größtes seiner Art, 1906 eingeweiht, reiht es sich ein in Hunderte von Denkmälern, die dem einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck gewidmet sind. Dieses monumentale Bauwerk symbolisiert nicht nur die Ära seines Namensgebers, sondern verweist auch auf eine tiefgreifende und oft verdrängte Verstrickung Hamburgs in die Kolonialgeschichte. Die glorifizierende Darstellung, initiiert von einflussreichen Hamburger Bürger*innen, deren Planungen bereits einen Tag nach Bismarcks Tod begannen und deren Finanzierung auch durch Kaufleute erfolgte, die direkt aus dem Kolonialhandel profitierten, steht in diametralem Widerspruch zu Bismarcks Rolle in der deutschen Kolonialpolitik. Die Notwendigkeit, diese historischen Fakten unmissverständlich und vollumfänglich offenzulegen, ist heute evidenter denn je.

Otto von Bismarck, erster Reichskanzler des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs, prägte durch seine machtpolitisch ausgerichtete Innen- und Außenpolitik die deutsche Geschichte maßgeblich. Seine Errungenschaften, von der Reichseinigung bis zur Einführung der Sozialgesetzgebung, sind unbestritten Teil des historischen Kanons. Doch die Forschung bewertet die Motive für die Errichtung des Denkmals in Hamburg, das Bismarck in der heroischen Symbolik eines Roland oder Siegfried darstellt, unterschiedlich. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass dieses Denkmal die koloniale Beteiligung Bismarcks und die Profite Hamburgs aus dieser Epoche verdeckt. Diesen Widerspruch nicht aktiv zu adressieren, wäre eine fortgesetzte Verharmlosung eines bedeutsamen Teils unserer Historie.

Die Kulturlandschaft Hamburgs steht daher vor der Aufgabe, dieses Denkmal und seine Geschichte transparent zu präsentieren. Eine kritische Aufarbeitung des Monuments, dessen Ikonografie eine einseitige Geschichtsbetrachtung perpetuiert, wird als zwingend erforderlich erachtet. Die Freie und Hansestadt Hamburg, vertreten durch die Behörde für Kultur und Medien, agiert hierbei konsequent auf der Grundlage der Hamburger Verfassung. Der dort festgeschriebene Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist explizit auch Teil aller Förderrichtlinien der Kulturbehörde. Dies bedeutet, dass alle durch die Behörde eingesetzten Jurys vor Auswahlprozessen verbindliche Standards zur Diskriminierungsbekämpfung vereinbaren. Es wird damit deutlich gemacht, dass eine unkommentierte Fortschreibung heroisierender Narrative mit diesen institutionellen Prinzipien inkompatibel ist.

Die essenzielle Vermittlung der komplexen historischen Zusammenhänge darf nicht unterbleiben. Die Geschichte muss in ihrer ganzen, oft schmerzhaften Komplexität erfasst und kommuniziert werden. Dies erfordert eine proaktive Gestaltung der Erzählweisen rund um das Denkmal. Es gilt, eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen und das Denkmal als einen Ort der Reflexion über unsere koloniale Vergangenheit zu etablieren.

Um diese anspruchsvolle Vermittlungsarbeit zu gewährleisten, schreibt die Behörde für Kultur und Medien nun Guide-Schulungen (die Ausschreibung hier [1]) aus. Die Guides werden darin geschult, eigenständig Führungen von ein- bis zweistündigen Touren in Gruppen durchzuführen. Thema sind die Entstehungs- und Kunstgeschichte des Bismarck-Denkmals. Die Guides sollen später eigenständig Führungen von ein- bis zweistündigen Touren in Gruppen durchführen. Thema sind die Entstehungs- und Kunstgeschichte des Bismarck-Denkmals. Die Befähigung zur kritischen Auseinandersetzung ist hierbei nicht nur wünschenswert, sondern fundamental. Eine solche Haltung wird für eine Stadt, die sich selbst als „Tor zur Welt“ sieht, unabdingbar werden.

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