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Ein Schatz erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Ein Mysterium, ein Versprechen, ein Sehnsuchtsort für Kunstliebhaber: Das Haus von Hanne Darboven in Hamburg-Harburg, am beschaulichen Burgberg, birgt seit Jahren ein einzigartiges Erbe.

Nun, endlich, gibt es konkrete Schritte, diesen verborgenen Schatz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – auch wenn es vorerst nur für ausgewählte Anlässe ist.

Am Samstag, 28. Juni 2025 ab 11 Uhr öffnet die ehemalige Villa der Familie Darboven ihre Pforten für ein Symposium und ein anschließendes Sommerfest. Der Kunstverein in Hamburg [1] lädt in Kooperation mit der Hanne Darboven Stiftung zu einem Auftakt einer vielversprechenden Zusammenarbeit ein, die ab 2026 regelmäßige Ausstellungen im Dialog mit Darbovens Werk verspricht. Eine Nachricht, die in Harburg und der überregionalen Kunstszene für leises Aufatmen sorgen dürfte, denn seit Jahren warten viele auf eine dauerhafte Öffnung dieses besonderen Künstlerhauses.

Das Haus als „Archiv des Geistes“

Hanne Darboven (1941–2009) gilt als eine der bedeutendsten Konzeptkünstlerinnen ihrer Zeit, und ihr Werk, das sich oft durch systematische, kalendarische und zählende Notationen auszeichnet, ist von beeindruckender Dichte und Komplexität. Ihr Haus in Harburg war nicht nur Wohnort, sondern untrennbar mit ihrem Schaffen verbunden. Es war ihr Universum, in dem sich ihre einzigartige Denkweise materialisierte.

Das Symposium am 28. Juni beleuchtet diese untrennbare Verbindung. Referentinnen wie Kirsty Bell, die das Haus von Hanne Darboven als „Archiv des Geistes“ und „Schmelztiegel der Arbeit“ bezeichnet, werden die Grenzen zwischen Atelier, Wohnraum und Kunstwerk ausloten. Anders als ein reines Atelier, das auf Produktion ausgerichtet ist, ist ein Haus ein Ort der Unwägbarkeiten, ein lebendiger Organismus, der sich durch die Ansammlung von Objekten und Materialien zu einem erweiterten Zeitverständnis verdichtet. Ist es ein „Collagen-Gesamtkunstwerk“ oder ein „tagebuchartiges Gebilde“? Diese Fragen werden diskutiert und eröffnen neue Perspektiven auf Darbovens „kosmopolitisch globale“ Produktion, die das Häusliche auf ein Minimum reduzierte.

Die Ordnung der Dinge: Darbovens Schreibtisch und die Welt

Elke Bippus wird Darboven als „Schreiberin und Sammlerin“ beleuchten und ihr berühmtes Zitat „ich beschreibe nicht – ich schreibe“ in den Fokus rücken. Darbovens systematische Ordnung der Dinge, in der Biografisches und Persönliches mit Kulturgeschichtlichem und Politischem verschränkt wurden, boten in den 1960er Jahren ein verblüffendes Potenzial. Ihre materialisierten „System-Werk“ erzeugten eine affektive Kraft, die Körper und Welten berührte – eine Kunst, die nicht beschreibt, sondern erschreibt.

Esther Dörring gibt einen Einblick in das ambitionierte „digitale Catalogue Raisonné-Projekt“, das seit 2020 das Gesamtwerk der Künstlerin systematisch erfassen und weiterentwickeln soll. Dieses Projekt zielt darauf ab, eine digitale Plattform zu schaffen, die die Ergebnisse sichtbar macht und zukünftiges Wissen bündelt. Ein unverzichtbares Werkzeug, um Darbovens komplexes Werk für künftige Generationen zu erschließen.

Matilde Guidelli-Guidi widmet sich Hanne Darbovens „Six Books 1968“, einem Werk, in dem die Künstlerin die Jahreszahlen mittels mathematischer und informatischer Schemata in Formeln fasste. Die Vortragende wird die Beziehung zwischen der computergestützten Methodik und dem Management von Emotionen in Darbovens Werk untersuchen. Sam Lewitt schließlich, betrachtet Darbovens Haus als „Punkt an der Landkarte in Harburg“ und nimmt die administrativen, kalendarischen und Rastersysteme, die Darbovens Werk prägen, zum Ausgangspunkt, um ihre Formen als eine Art „DIN-normiertes Schreiben“ zu verstehen.

Ein Sommerfest als Zeichen der Öffnung

Der Symposiumstag mündet in ein Sommerfest ab 18 Uhr auf dem Gelände, mit Essen und Live-Musik. Eine schöne Geste, die die oft hermetische Welt der Konzeptkunst öffnet und einen informellen Rahmen für Begegnung und Austausch schafft. Dies ist ein wichtiger Schritt für ein Haus, dessen dauerhafte Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit seit Jahren diskutiert wird, aber bisher keine konkrete Umsetzung erfahren hat.

Die Initiative des Kunstvereins Hamburg und der Hanne Darboven Stiftung, die Villa ab 2026 für Ausstellungen im Dialog mit Darbovens Erbe zu nutzen, ist ein Versprechen, das hoffentlich bald eingelöst wird. Es wäre ein Gewinn für die Hamburger Kunstlandschaft und darüber hinaus, wenn Hanne Darbovens einzigartiges Universum, ihr „Archiv des Geistes“, endlich seine Türen für all jene öffnet, die sich von ihrer Kunst inspirieren und herausfordern lassen wollen. Bis dahin ist der 28. Juni eine seltene und wertvolle Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauern dieses besonderen Hauses zu werfen.

Hanne Darboven Stiftung / Dokumentationszentrum
Hamburg-Harburg, Rönneburg, Am Burgberg 26–28, 21079 Hamburg

Programm: kunstverein.de [1]

 

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