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Familiengeheimnisse im Moor

In der Wedeler Marsch verschwindet nicht nur eine Frau. Mit ihr versinkt auch ein jahrzehntealtes Geheimnis im Moor, das die Fundamente einer Familie zu erschüttern droht.

Katja Keweritsch nimmt die Leserinnen und Leser in ihrem neuen Werk auf eine Reise in eine Welt mit, die von unausgesprochenen Schmerzen und stillen Vereinbarungen geprägt ist. Ihr Roman entfaltet eine komplexe Geschichte um die Hamburgerin Mona, die in die Wedeler Marsch reist, um den 80. Geburtstag ihres Großvaters Karl zu feiern. Dort findet sie heraus, dass ihre Großmutter Annemie spurlos verschwunden ist. Es ist der Beginn einer Suche, die tiefer in die Vergangenheit reicht, als Mona je ahnen konnte. Statt eines Festes findet sie ein schmerzvolles Geheimnis, das das Leben der ganzen Familie bereits seit Langem beeinflusst hat.

Keweritschs Stil ist von einer eindringlichen sprachlichen Kraft geprägt. Sie nutzt eine bildhafte und metaphorische Sprache, die sich direkt in die Herzen und Köpfe der Leserinnen und Leser gräbt. Die Marsch selbst wird zur Protagonistin, ein lebendiger Organismus, der mitschwingt und die menschlichen Dramen reflektiert. Keweritschs Texte sind sinnlich und atmosphärisch, sie fangen die Gerüche der Erde und die Weite des Himmels ein. Die dichte, poetische Sprache schafft eine tief verwurzelte Erzählwelt, die trotz ihrer Schönheit auch das Unheilvolle greifbar macht. Etwa wenn es heißt:

„Die Stille der Marsch ist trügerisch. Sie ist kein Versprechen von Frieden, sondern ein Vorrat an unausgesprochenen Geschichten. Und im Moor, so lehrte es Annemie Mona als Kind, versinkt nichts wirklich. Es schlummert nur, bis der Wind es aufwirbelt und ans Licht zwingt.“

Uns erwartet ein Geflecht aus Lügen und unausgesprochenen Wahrheiten, das unter der Oberfläche der scheinbar idyllischen Marsch schlummert. Es geht um eine erste Tochter namens Iris, von der niemand wusste, um ein erzwungenes Versprechen, das zur Ehe führte, und um ein Schicksal, das das Fundament der ganzen Familie erschütterte. Man wird Zeugin oder Zeuge eines Puzzles, das Mona aus alten Andeutungen und der stillen Sprache der Marsch zusammensetzen muss, um das Geheimnis ihrer verschwundenen Großmutter zu lüften.

Katja Keweritsch, in einem friesischen Dorf aufgewachsen, ist Ethnologin und Journalistin. Ihre Studien führten sie von Hamburg und Köln bis nach Los Angeles, und sie lebte zeitweise in Mumbai und auf Sansibar. Heute wohnt sie mit ihrer Familie nahe Hamburg an der Elbe. Die Autorin ist bekannt für ihre sorgfältige Recherche und die Fähigkeit, komplexe menschliche Schicksale in atmosphärischen Erzählungen zu verarbeiten. Sie ist Mitglied der „Autorengruppe DELIA“, die sich der deutschsprachigen Liebesliteratur widmet. Zu ihren weiteren Büchern gehören »Die wundersame Reise der Bienen«, »Agnes geht« und »Alice und das Blau des Wassers«.

Was dieses Buch so besonders macht, ist das Zusammenspiel von Zeitgeist, Genre und stilistischer Umsetzung. Es reflektiert die universelle Frage nach der Bedeutung von Familiengeschichten und dem Umgang mit generationenübergreifenden Traumata. Der einzigartige, dichterische Stil und die atmosphärische Erzählweise der Autorin heben diesen Roman von anderen Familiensagas ab. Es ist eine packende Suche nach der Wahrheit und gleichzeitig eine Hommage an eine einzigartige Landschaft. Wer das Außergewöhnliche in der stillen Marsch sucht und sich für die Geheimnisse der menschlichen Seele begeistert, sollte diesen Roman in die Hand nehmen.

Katja Keweritsch: Das Flüstern der Marsch

Verlag Hoffmann und Campe, erschienen 5. September 2025, 384 Seiten

ISBN: 978-3-455-02015-1 | Preis: 26,00 EUR (D)

Lesung: Fr., 10. Okt. 19 Uhr: Lesung in der Stadtbücherei Wedel, Rosengarten 6, 22880 Wedel
Eintritt: 8,- €

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