Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 14 Jan 2026 16:49:16 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Weltpolizei oder Größenwahn? https://www.tiefgang.net/weltpolizei-oder-groessenwahn/ Sat, 17 Jan 2026 23:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13139 [...]]]> Hey ihr Lieben,

die Nachrichten überschlagen sich gerade mal wieder. Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, weht auf der Weltbühne ein anderer Wind. Mich erreichen viele Nachrichten zu den aktuellen Ereignissen in Venezuela, die zeigen, wie verwirrend Weltpolitik sein kann. Eine Frage bringt die aktuelle Verunsicherung auf den Punkt: „Hey Doc! Ich blicke nicht mehr durch. Überall steht, dass US-Präsident Trump den Staatschef von Venezuela quasi ‚entmachtet‘ hat. Wie kann das sein? Ich dachte immer, jedes Land ist für sich selbst verantwortlich. Kann der amerikanische Präsident jetzt einfach entscheiden, wer in anderen Ländern regiert, wenn ihm die Nase nicht passt? Ist er jetzt der Chef der Welt?“

Das ist eine verdammt gute Frage! Sie trifft den Kern dessen, was man „Völkerrecht“ nennt – und zeigt, wie dieses Recht gerade auf die Probe gestellt wird. Es fühlt sich an, als würden die Regeln, die wir im Kleinen lernen (man mischt sich nicht ungefragt in die Angelegenheiten anderer ein), im Großen plötzlich nicht mehr gelten.

Lass uns das mal sortieren, denn hier prallen Theorie und harte Realität aufeinander.

Die Theorie: Jedes Land ist sein eigener Chef (Souveränität)

Zum einen hast du im Prinzip völlig recht. Das Grundprinzip der internationalen Ordnung heißt staatliche Souveränität. Das ist ein bisschen wie in einem Wohnhaus mit vielen verschiedenen Wohnungen:

Stell dir vor, die Welt ist dieses Haus und jedes Land ist eine Wohnung. Deutschland hat eine, die USA eine, Venezuela eine. Die Regel lautet: In deiner Wohnung bist du der Chef. Du entscheidest, welche Möbel du kaufst und wer bei dir zu Besuch kommen darf. Dein Nachbar darf nicht einfach die Tür eintreten und sagen: „Dein Sofa ist hässlich, ich tausche das jetzt aus und übrigens, dein Mitbewohner fliegt raus.“

Das steht sogar in der Charta der Vereinten Nationen (UN): Das Nichteinmischungsprinzip. Kein Staat hat das Recht, direkt die Regierung eines anderen souveränen Staates abzusetzen. Das wäre ein Bruch des Völkerrechts.

Die Realität: Das Recht des Stärkeren

Zum anderen – und jetzt wird es kompliziert und im Jahr 2026 sehr aktuell – sieht die Realität oft anders aus, besonders wenn eine Supermacht wie die USA im Spiel ist.

Wenn es heißt, Trump habe den venezolanischen Chef „entmachtet“, bedeutet das meist nicht, dass er ein Kündigungsschreiben geschickt hat (das kann er rechtlich gar nicht). Es bedeutet, dass die USA ihre massive Macht nutzen, um Fakten zu schaffen:

  1. Härtester wirtschaftlicher Druck: Die USA können Sanktionen verhängen, die das Land quasi vom Welthandel abschneiden, sodass der Regierung das Geld ausgeht.
  2. Anerkennung von Gegnern: Der US-Präsident kann einfach erklären: „Wir erkennen den aktuellen Chef nicht mehr an, sondern unterstützen seinen politischen Gegner als rechtmäßigen Präsidenten.“ Wenn die mächtigste Nation der Welt das tut, ziehen oft andere Länder nach. Das isoliert den Machthaber extrem.
  3. Militärische Drohungen: Allein die Drohung, das US-Militär könnte eingreifen, kann Regierungen zum Aufgeben zwingen.

Das Dilemma ist oft: Der Staatschef, der „entmachtet“ wird (wie oft in Venezuela der Fall), ist selbst oft ein Diktator, der Menschenrechte verletzt und Wahlen fälscht. Viele würden sagen: „Ist doch gut, wenn der weg ist!“

Aber aus demokratischer Sicht ist das Vorgehen der USA hochproblematisch. Denn wenn eine Supermacht einfach entscheidet, Regierungen auszutauschen, gilt nicht mehr das Recht des Gesetzes (Völkerrecht), sondern das Recht des Stärkeren. Das ist „Wilder Westen“ auf globaler Ebene.

Eine demokratische Weltordnung bräuchte eigentlich gemeinsame Lösungen (z.B. über die UN), um Diktatoren zu stoppen, statt Alleingänge einer Supermacht. Was wir 2026 erleben, ist eine Rückkehr zur reinen Machtpolitik: Wer die größten Muskeln (Wirtschaft und Militär) hat, macht die Regeln.

Fazit: Nein, Trump ist nicht der offizielle „Chef der Welt“. Rein rechtlich darf er keinen anderen Staatschef feuern. Aber er hat die Macht, das Leben dieses Staatschefs so unmöglich zu machen, dass es auf das Gleiche hinausläuft. Und das ist eine Entwicklung, die uns alle angeht, die an Regeln statt an reine Macht glauben.

Bleibt kritisch und hinterfragt die Nachrichten!

Euer Dr. Sommer der Demokratie

Ob Aufklärung über populistische Parolen, Hintergrundwissen zu den Grundrechten oder Hilfe bei politischen Fragen: Dr. Sommer der Demokratie ist für dich da! Schreib ihm mit Betreff an „Dr. Sommer der Demokratie“ an tiefgang@sued-kultur.de

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Eine Hommage an den Mut https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-den-mut/ Sat, 17 Jan 2026 15:24:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13126 [...]]]> Es gibt Momente in der Geschichte einer Stadt, in denen ein Funke überspringt, der weit über die Jahrzehnte hinaus leuchtet. Für Hamburg war ein solcher Moment das Jahr 1926, als Ida Dehmel die GEDOK ins Leben rief.

Heute, 100 Jahre später, blicken wir auf ein Jahrhundert geballter weiblicher Kreativität und politischer Durchsetzungskraft zurück. Die „Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“, kurz Gedok, ist nicht weniger als das europaweit älteste und größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten. Und wo ließe sich dieses Jubiläum besser feiern als an seinem Geburtsort?

Ida Dehmel war eine Visionärin mit einem untrüglichen Gespür für Synergien. In einer Zeit, in der Frauen in der Kunstwelt oft noch als schmückendes Beiwerk oder bestenfalls als talentierte Dilettantinnen belächelt wurden, schuf sie eine Struktur, die Professionalität und Solidarität verband. Ihr Hamburger Wohnhaus wurde zum Epizentrum eines interdisziplinären Austauschs, der Musik, Literatur und Bildende Kunst zusammenführte. Es ging nie nur um Ästhetik, es ging um Existenzsicherung und Sichtbarkeit.

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) widmet diesem Jahrhundertprojekt nun die große Schau Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK. Wer durch die Räume geht, spürt sofort die Energie, die von diesem Aufbruch ausging. Die Ausstellung ist weit mehr als eine historische Rückschau; sie ist eine Analyse von Machtstrukturen und der Kraft der Gemeinschaft. Besonders faszinierend ist, wie hier die Gründungsjahre in Hamburg lebendig werden. Namen wie Anita Rée oder die Textilkünstlerin Maria Brinckmann tauchen auf – Frauen, die das Gesicht der Hamburger Moderne prägten und in der GEDOK eine Heimat fanden.

Was man sich bei diesem Jubiläumsprogramm unbedingt merken sollte, ist die Vielschichtigkeit der Exponate. Es sind nicht nur Gemälde oder Skulpturen zu sehen, sondern auch Dokumente, die den zähen Kampf um Anerkennung belegen. Ein absolutes Highlight im MKG ist die Aufarbeitung der spartenübergreifenden Zusammenarbeit. Die GEDOK verstand sich von Anfang an als Brücke: Komponistinnen trafen auf Schriftstellerinnen, Fotografinnen auf Kunstgewerblerinnen. Diese Offenheit ist bis heute der Kern der Organisation.

Ein weiterer Programmpunkt, der aus der Masse heraussticht, ist die Veröffentlichung des Jubiläumsbuchs. Es ist kein klassischer Wälzer, der nur im Regal verstaubt, sondern ein lebendiges Zeugnis einer Bewegung, die sich auch durch die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht gänzlich unterkriegen ließ. Die Texte beleuchten kritisch die Rolle der GEDOK während der NS-Zeit, die Vertreibung jüdischer Mitglieder – darunter auch die Gründerin Ida Dehmel selbst – und den mühsamen Wiederaufbau nach 1945. Diese Ehrlichkeit in der Aufarbeitung macht das Jubiläum erst wirklich würdig.

Hamburg feiert in diesem Jahr also nicht nur einen Verein, sondern eine Idee, die heute so aktuell ist wie eh und je. In Zeiten, in denen über Gender-Pay-Gap in der Kultur und die Repräsentanz von Frauen in großen Museen gestritten wird, wirkt das Vermächtnis von Ida Dehmel wie ein Kompass. Die GEDOK ist kein museales Relikt, sondern ein pulsierendes Netzwerk, das heute über 20 Regionalgruppen umfasst.

Wer sich für die Kulturpolitik der Hansestadt und die Rolle der Frau in der Kunst interessiert, kommt an dieser Jubiläumsschau nicht vorbei. Sie fordert uns heraus, neugierig zu bleiben und den Blick für jene Strukturen zu schärfen, die Kunst erst möglich machen. Die Ausstellung im MKG läuft als zentraler Ankerpunkt und bietet neben den visuellen Genüssen auch Raum für Diskussionen und Konzerte, die den Geist der Gründerzeit in die Gegenwart holen.

Es ist eine Hommage an den Mut, sich zusammenzuschließen, und eine Einladung, die künstlerische Qualität zu entdecken, die oft erst durch ein starkes Netzwerk im Rücken zur vollen Entfaltung kommen kann. 100 Jahre GEDOK – das ist ein verdammt guter Grund, in die Hamburger Kunstgeschichte einzutauchen und gleichzeitig die Weichen für die nächsten 100 Jahre zu stellen.

Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK bis zum 30. August 2026 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) Steintorplatz, 20099 Hamburg Telefon: 040 428134880 www.mkg-hamburg.de

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Das Steak-Imperium und die Vaterlandsliebe https://www.tiefgang.net/das-steak-imperium-und-die-vaterlandsliebe/ Fri, 16 Jan 2026 23:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13136 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Normalerweise reden wir hier über die S-Bahn, den Parkplatz-Frust oder die neuesten Kultur-Tipps aus dem Binnenhafen. Aber es gibt Themen, an denen kommt man in Hamburg einfach nicht vorbei, weil sie so präsent sind wie der Michel oder der Wind an der Elbe. Ich spreche vom unendlichen Drama um die Familie Block, das uns zeigt, dass Geld allein eben doch kein ruhiges Gewissen kauft.

Man muss sich das mal vorstellen: Auf der einen Seite steht eines der bekanntesten Hamburger Unternehmen, das Steakhaus-Imperium von Eugen Block. Ein Name, der für Erfolg, Qualität und hanseatische Tradition steht. Auf der anderen Seite erleben wir einen Sorgerechtsstreit zwischen seiner Tochter Christina Block und ihrem Ex-Mann, der mittlerweile Züge eines internationalen Thrillers angenommen hat.

Was da in den Gerichtssälen und durch die Gazetten gepeitscht wird, lässt einen fassungslos zurück. Es geht um Entführungs-Vorwürfe, heimliche Nacht-und-Nebel-Aktionen zwischen Dänemark und Deutschland und Kinder, die zwischen den Fronten ihrer Eltern stehen. Während wir uns über die Heizkosten oder das Wetter Gedanken machen, spielt sich dort eine Tragödie ab, die zeigt: Geld und Erfolg schützen nicht vor dem ganz großen Gefühlschaos.

Aber wisst ihr, was mich an der ganzen Sache besonders stutzig macht? Es ist dieser Beigeschmack von Privileg, der über allem schwebt. Eugen Block selbst hat sich mit einem Brief an die dänische Justiz gewandt und dabei betont, dass er seinem Vaterland stets gedient habe. Er hat seine Verdienste als Unternehmer als Argument in einen privaten Familienkrieg geworfen.

Da fragt man sich doch glatt: Gilt für die Blocks eigentlich ein anderes Recht als für uns Normalsterbliche? Erweckt das nicht den Eindruck, als könne man sich mit jahrzehntelangem Dienst am Vaterland eine Art Jokerkarte für das Strafrecht verdienen? In Harburg wissen wir: Wenn beim Nachbarn der Haussegen schief hängt oder die Polizei vor der Tür steht, fragt keiner danach, wie viele Steaks man verkauft oder wie viele Arbeitsplätze man geschaffen hat. Da zählt das Gesetz für alle gleich.

Dieser Versuch, den eigenen Status als Hebel zu benutzen, hinterlässt eine bittere Note. Es ist ein Kampf um Recht, um Macht und am Ende hoffentlich um das Wohl der Kinder, auch wenn man das beim Lesen der Schlagzeilen fast vergessen könnte. Dass sich die Politik und die Justiz hier scheinbar so intensiv einschalten, während andere Eltern jahrelang um ein Besuchsrecht kämpfen müssen, gibt der Geschichte einen fahlen Beigeschmack.

Was wir daraus lernen können? Vielleicht, dass das wahre Glück nicht auf der Speisekarte steht und auch nicht mit Millionen auf dem Konto garantiert wird. Ein friedliches Zuhause und ein respektvoller Umgang sind Dinge, die man nicht kaufen kann – auch nicht durch Verdienste um das Vaterland.

Ich wünsche mir für dieses Jahr, dass in diese Geschichte endlich Ruhe einkehrt. Nicht für die Medien, nicht für die Anwälte, sondern für die kleinen Seelen, die in diesem Sturm stehen. Denn am Ende des Tages sollten wir vor dem Gesetz alle gleich sein, egal ob wir im Steakhaus-Palast sitzen oder in der Harburger Mietwohnung.

Passen wir auf unsere Liebsten auf und lassen wir das Drama lieber im Fernsehen.

Eure Clara

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Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl https://www.tiefgang.net/ein-club-ist-mehr-als-seine-dezibelzahl/ Fri, 16 Jan 2026 15:18:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13122 [...]]]> Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?

Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.

Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.

Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.

Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.

Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.

Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de

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Aufbruch aus dem Schatten https://www.tiefgang.net/aufbruch-aus-dem-schatten/ Thu, 15 Jan 2026 10:55:35 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13111 [...]]]> Lange Zeit blieb dieses Kapitel der Kunstgeschichte im Halbdunkel der Archive, doch nun rückt das Kunsthaus Stade es mit einer energischen Geste ins Rampenlicht. Die Ausstellung Frauen machen Schule.

Wegbereiterinnen der Moderne widmet sich der Pionierarbeit Hamburger Künstlerinnen, die sich um die Jahrhundertwende den Weg in die Professionalität erkämpften. Im Zentrum der Schau steht die private Malschule von Valesca Röver, eine Institution, die 1891 in Hamburg gegründet wurde, als staatliche Akademien Frauen noch konsequent die Türen versperrten. Es ist eine Erzählung über Netzwerke, Selbstbestimmung und den Mut, eine eigene ästhetische Sprache zu finden.

Harriet Wolf, Blick aus der Kunstschule Gerda Koppel auf Glockengießerwall und Ferdinandstor, 1919, Öl auf Pappe, Kunstsammlung Hamburger Sparkasse, Foto Museen Stade, Carsten Dammann

Die Ausstellung präsentiert Werke von über zwanzig Künstlerinnen, darunter namhafte Positionen wie Alma del Banco, Gretchen Wohlwill und Lore Feldberg-Eber. Es geht dabei um weit mehr als eine reine Werkschau; beleuchtet wird das komplexe Geflecht aus Lehrkräften und Schülerinnen, das es diesen Frauen ermöglichte, sich im männlich dominierten Kulturbetrieb zu behaupten. Besonders spannend ist die visuelle Brücke in die Gegenwart: Zeitgenössische Tape Art verbindet die historischen Exponate und schafft einen Dialog zwischen der Pionierarbeit von 1900 und heutigen künstlerischen Ausdrucksformen. Es entfaltet sich ein Panorama gesellschaftlicher und ästhetischer Umbrüche, das die Modernisierung der Kunst als einen aktiven Kampf um Sichtbarkeit begreifbar macht.

Ein umfangreiches Begleitprogramm erweitert die museale Erfahrung um vielfältige Perspektiven. Neben den regelmäßigen Sonntagsführungen um 15 Uhr und den After-Work-Rundgängen an Mittwochabenden bietet das Kunsthaus vertiefende Formate an. So beleuchtet beispielsweise eine Kuratorinnenführung am 14. Februar die Hintergründe der Schau, während Workshops wie das Malen und Sticken auf Leinwand am 15. Februar dazu einladen, handwerkliche Techniken der Moderne selbst zu erproben. Auch literarische Streifzüge und spezielle Angebote für Familien wie die Tour Keine Angst vor großer Kunst sorgen dafür, dass die Themen der Ausstellung auf unterschiedlichen Ebenen erfahrbar bleiben. Online-Seminare zu nordischen Künstlerinnen und fachspezifische Rundgänge für Lehrer*innen ergänzen das Spektrum und machen das Kunsthaus in dieser Zeit zu einem Ort des lebendigen Austausches über weibliche Kunstgeschichte.

Die Ausstellung Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne ist vom 24. Januar bis zum 25. Mai 2026 im Kunsthaus Stade zu sehen. Das Museum befindet sich am Wasser West 7, 21682 Stade und ist für Rückfragen oder Buchungen telefonisch unter 04141 797730 erreichbar. Weiterführende Details zum Programm sowie Informationen zu den Öffnungszeiten finden sich auf der offiziellen Webseite unter www.museen-stade.de.

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Entschleunigung am Spinnrad https://www.tiefgang.net/13106-2/ Wed, 14 Jan 2026 10:40:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13106 [...]]]> Wer an ein Krankenhausfoyer denkt, hat meistens sterile Emsigkeit, das leise Quietschen von Gummirollen und eine gewisse Anspannung vor Augen. Doch am 25. Januar wird alles anders.

Das Museum im Marstall bricht aus seinen historischen Mauern aus und bringt eine ordentliche Portion norddeutsche Seele direkt dorthin, wo man sie am wenigsten erwartet: in das Krankenhaus Winsen.

Von 14 bis 16 Uhr wird das Warten zur Nebensache. Unter dem Titel „Kulturpause“ verwandelt sich das Foyer in eine lebendige Aktionsfläche für traditionelle Handwerkstechniken. Es ist die zweite von insgesamt sechs geplanten Begegnungen zwischen Kultur und Medizin, gefördert durch die GiRoWi-Stiftung und den Förderverein des Krankenhauses.

Ehrenamtliche der Spinngruppe und der Museumsweberei zeigen, was passiert, wenn Handwerk auf Leidenschaft trifft. Wo heute sterile Textilien den Alltag bestimmen, wurde früher aus Flachs mühsam Leinen gewonnen. Es ist eine Rückbesinnung auf eine Zeit, in der das Spinnen nicht nur Arbeit war, sondern das soziale Schmiermittel der Region – ein Ort für Austausch, Gespräche und Gemeinschaft.

Besucher*innen können den Weber*innen über die Schulter schauen oder beobachten, wie an den Spinnrädern aus loser Wolle ein fester Faden entsteht. Es geht dabei um mehr als nur Nostalgie. Es geht um Digital Literacy des Analogen: Wie entsteht eigentlich das, was wir auf der Haut tragen?

Die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich an alle – Patient*innen, Mitarbeiter*innen, Angehörige und neugierige Winsener*innen, die Lust auf einen Plausch jenseits des Krankenbett-Alltags haben. Informationstafeln ergänzen die Vorführungen, während die Ehrenamtlichen bereitstehen, um jede Fachfrage mit Herzblut zu beantworten.

Kultur als Brücke

Dass ein Museum seine Schätze in ein Krankenhaus trägt, ist ein starkes Zeichen für eine Stadtgesellschaft, die zusammenrückt. Es zeigt, dass Kultur überall dort hingehört, wo Menschen sind. Wer also Lust auf eine kleine Flucht aus dem Alltag hat oder einfach nur wissen will, wie ein historischer Webrahmen funktioniert, sollte diesen Sonntagnachmittag im Marstall-Stil im Kalender markieren.

Sonntag, 25. Januar, 14 bis 16 Uhr: Vorführung traditioneller Handwerkstechniken (Spinnen & Weben)

Foyer des Krankenhauses Winsen, Friedrich-Lichtenauer-Straße 22, 21423 Winsen (Luhe) | www.museum-im-marstall.de

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Biografiearbeit: Manchmal sind es die kleinen Dinge https://www.tiefgang.net/biografiearbeit-manchmal-sind-es-die-kleinen-dinge/ Tue, 13 Jan 2026 10:32:31 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13101 [...]]]> Biografiearbeit beginnt oft dort, wo Erinnerung unerwartet präzise wird. Bei Zahlen, Bildern, Gerüchen. Bei scheinbar nebensächlichen Details, die sich tief eingeprägt haben und plötzlich wieder auftauchen.

von Ulrike Hinrichs

Ich habe wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Doch ich erinnere noch das Kennzeichen unseres ersten Familienautos. HH XD 22. Ein leuchtorangefarbener VW Käfer. Auch Telefonnummern sind geblieben. Die meiner Großmutter, die längst gestorben ist. Die meines Vaters, der getrennt von uns lebte. Die der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich konnte sie alle auswendig. Ich war ein Schlüsselkind. Telefonnummern gaben Sicherheit.

Erinnerungen sind nicht linear. Oft sind sie vernebelt oder ganz verschluckt von der Vergangenheit. Gerade dann ist es hilfreich, sich solche kleinen Details vorzunehmen und mit ihnen künstlerisch zu arbeiten. Künstlerische Biografiearbeit würdigt diese vordergründig unbedeutenden Erinnerungen und kitzelt etwas wach, was hinter dem Vorhang der Vergangenheit verborgen ist. Kunst erlaubt, diesen Spuren zu folgen, ohne sie sofort erklären zu müssen. Sie macht sichtbar, was lange still war. Das scheinbar Unbedeutende wird bedeutsam. Und oft öffnet gerade das Kleine den Zugang zum Wesentlichen. 

In meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe „Heimat und Biografie – Begegnung mit Pinsel und Farbe“ arbeiten wir mit der Kunst als Ausdrucksform, um die eigene Herkunft zu erforschen und besser zu verstehen.

In meinem Bild im Header taucht der Käfer meiner Kindheit wieder auf. Leuchtend. Rund. Fast schützend. Er steht auf der Straße und zugleich in einem inneren Raum. Umgeben von Farbe, Punkten, Bewegung. Das gemalte Auto wird zum Träger von Atmosphäre. Von Nähe auf engem Raum. Von Unterwegssein. Von Kindheit, die sich nicht in Szenen, sondern in Fragmenten erinnert. In der künstlerischen Biografiearbeit dürfen solche Bilder auftauchen, ohne bewertet zu werden. Sie müssen nichts beweisen. Sie dürfen einfach da sein.

Vielleicht ist es bei dir kein Auto. Vielleicht ist es etwas ganz anderes. Klein, unscheinbar und doch voller Geschichte. Greife danach und lass ein Bild entstehen. Anschließend kannst du einen kreativen Text daraus wachsen kann. Lass dich überraschen, welche Erinnerungen wach werden.

Mehr dazu auf Tiefgang

Bist du neugierig geworden, wie du eigene Erinnerungen künstlerisch erkunden kannst? Das Atelier für Biografiearbeit lädt dich ein, deinen Lebensweg kreativ zu erforschen. Die 60 kreativen Impulse sind so gestaltet, dass sie einen behutsamen und zugleich tiefgehenden Zugang zu deiner eigenen Lebensgeschichte ermöglichen.

überall im Buchhandel

Ulrike HinrichsAtelier für Biografiearbeit – Kreativ mir selbst begegnen

Mit 60 Praxisübungen und 75 farbigen Abbildungen

ISBN 978-3-99192-197-4

Buchschmiede – Happy Balance

22,00 EUR

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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Wenn Eisblumen Herzen schmelzen lassen https://www.tiefgang.net/tschuess-2025-hallo-zukunft-2/ Fri, 09 Jan 2026 23:06:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13092 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Oder besser gesagt: Zieht die dicken Socken über, wickelt den Schal dreimal um den Hals und sucht eure Spikes für die Schuhe.

Der Winter hat uns seit heute Morgen so richtig in der Mangel. Harburg sieht aus wie eine überdimensionierte Puderzuckerdose, und während die einen über das Chaos auf den Schienen fluchen, habe ich Geschichten entdeckt, die mich trotz Minusgraden innerlich zum Glühen bringen.

Wusstet ihr, dass in den hügeligen Ecken von Eißendorf und Heimfeld heute Morgen kleine Wunder passiert sind? Da gab es nicht nur den üblichen Kampf gegen die Schneemassen vor der eigenen Haustür. Nein, in einer kleinen Sackgasse haben sich junge Nachbarn zusammengetan und eine spontane Schnee-Brigade gegründet. Bewaffnet mit Schaufeln und guter Laune haben sie systematisch die Gehwege der älteren Bewohner freigeschaufelt, die sich bei diesem Glatteis kaum vor die Tür getraut hätten. Ohne Bezahlung, ohne großes Aufheben – einfach nur, weil man in Harburg zusammenhält, wenn es brenzlig wird.

Aber mein absolutes Highlight der Woche kommt von einem kleinen Kioskbesitzer in der Nähe des Harburger Rathauses. Als die S-Bahn heute Morgen mal wieder ihre ganz eigene Interpretation von Pünktlichkeit pflegte und hunderte Pendler bibbernd am Bahnsteig und am ZOB standen, hat er kurzerhand eine Kanne heißen Tee und Pappbecher nach draußen gestellt. Kostenlos für alle, die eine Aufwärmpause brauchten. Er sagte nur: Wir frieren hier doch alle gemeinsam. Das ist genau der Geist, den ich an unserem Bezirk so liebe!

Auch die Stadt hat reagiert und das Winternotprogramm sowie die Warmen Orte hochgefahren. Es ist beruhigend zu sehen, dass in einer Metropole wie Hamburg niemand vergessen wird, wenn die Temperaturen in den Keller rauschen. Dass Gemeinden ihre Türen öffnen und Menschen einen Platz zum Aufwärmen bieten, ist gelebte Mitmenschlichkeit.

Was lernen wir daraus? Der Winter mag uns die Wege versperren und die S-Bahn-Anzeigen in den Wahnsinn treiben, aber er zwingt uns auch dazu, einen Gang runterzuschalten und mal wieder nach links und rechts zu schauen. Die Kälte da draußen ist nur halb so schlimm, wenn wir uns gegenseitig mit einer kleinen Geste oder einem heißen Tee ein bisschen Wärme schenken.

Also, meine Lieben: Seid heute auch ein bisschen Schnee-Held oder Winter-Engel für jemanden. Ein Lächeln im Schneegestöber kostet nichts und ist das beste Frostschutzmittel für die Seele. Passt auf euch auf, rutscht nicht aus und genießt das weiße Wunder, solange es da ist!

Eure Clara

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Die Rückkehr der Wehrpflicht https://www.tiefgang.net/rueckkehr-der-wehrpflicht/ Fri, 09 Jan 2026 16:01:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13088 [...]]]> Frohes neues Jahr 2026, ihr Lieben!

Wir schreiben das Jahr 2026, und während viele von euch Pläne für die Zeit nach der Schule machen – Studium, Ausbildung, Weltreise –, hängt plötzlich ein Thema wie eine dunkle Wolke über allem: Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht für Männer.

Mich hat eine Nachricht erreicht, die die aktuelle Stimmung bei vielen Jungs auf den Punkt bringt: „Hey Dr. Sommer, überall in den Nachrichten heißt es, dass 2026 die Wehrpflicht für Männer wiederkommen soll, weil die Weltlage so unsicher ist. Ich habe total Panik. Ich will nicht zum Militär, ich habe ganz andere Pläne für mein Leben! Kann der Staat mich einfach zwingen, Soldat zu werden? Ich dachte, wir haben Berufsfreiheit in Deutschland. Gilt das Grundgesetz jetzt nicht mehr?“

Hand aufs Herz: Diese Sorge ist total verständlich. Niemand lässt sich gerne in seine Lebensplanung pfuschen, schon gar nicht, wenn es um etwas so Einschneidendes wie den Dienst an der Waffe geht.

Die gute Nachricht vorweg: Das Grundgesetz gilt natürlich noch! Aber die Sache ist komplizierter, als man denkt. Wir müssen uns dafür einen ganz bestimmten Artikel anschauen, der wie ein juristisches „Ja, aber…“ funktioniert.

Das Grundprinzip: Deine Freiheit (Artikel 12 GG)

Zum einen hast du völlig recht mit der Berufsfreiheit. Artikel 12 Absatz 1 des Grundgesetzes ist heilig. Da steht: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“

Das bedeutet: Der Staat darf dir normalerweise nicht vorschreiben, ob du Bäcker*in, Informatiker*in oder eben Soldat*in wirst. Das ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer freien Gesellschaft. Niemand soll zu einer Arbeit gezwungen werden, die er nicht will (das Verbot von Zwangsarbeit steht in Absatz 2).

Die große Ausnahme: Die Verteidigung (Artikel 12a GG)

Zum anderen – und jetzt kommt der Haken, der für die aktuelle Debatte 2026 so wichtig ist – gibt es eine Ausnahme, die das Grundgesetz selbst macht, wenn es um die Sicherheit des Landes geht.

Schau dir Artikel 12a GG an. Der wurde später ins Grundgesetz eingefügt, als die Bundeswehr gegründet wurde.

Darin steht in Absatz 1 ganz klar: „Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften […] verpflichtet werden.“

Das ist der Knackpunkt. Das Grundgesetz sagt also: Ja, du hast Berufsfreiheit. Aber wenn der Staat entscheidet, dass er Soldaten zur Verteidigung braucht, dann kann er diese Freiheit für Männer einschränken und sie einziehen.

Fakten-Check zur aktuellen Lage 2026:

  1. Die Wehrpflicht war nie weg: Viele denken, sie wurde abgeschafft. Das stimmt nicht. Sie wurde 2011 nur ausgesetzt. Man hat quasi die „Pause-Taste“ gedrückt, weil die Sicherheitslage damals entspannt schien. Die Gesetze existieren aber noch alle. Um die Wehrpflicht wieder zu aktivieren, muss das Grundgesetz nicht geändert werden – ein einfacher Parlamentsbeschluss reicht aus.
  2. Warum nur Männer? Das Grundgesetz spricht in Art. 12a explizit nur von Männern. Das wirkt heute total veraltet. Eine Wehrpflicht auch für Frauen einzuführen, wäre aber viel komplizierter, weil man dafür das Grundgesetz mit einer Zweidrittelmehrheit ändern müsste. Deshalb konzentriert sich die politische Debatte 2026 aktuell auf das, was rechtlich schnell machbar ist: die Männer.
  3. Der Notausgang: Kriegsdienstverweigerung: Das ist ganz wichtig! Selbst wenn die Wehrpflicht kommt, musst du nicht gegen dein Gewissen an der Waffe dienen. Artikel 4 Absatz 3 GG garantiert dir das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern. Wer das tut, muss dann aber einen Ersatzdienst leisten (früher „Zivildienst“ genannt, heute würde das vielleicht anders aussehen, z.B. im Katastrophenschutz oder in der Pflege). Auch das regelt Artikel 12a.

Was bedeutet das jetzt für dich?

Die Debatte, die 2026 geführt wird, ist eine der schwierigsten in unserer Demokratie. Es geht um die Abwägung zwischen:

  • Deiner individuellen Freiheit (Dein Leben so zu planen, wie du willst).
  • Der Sicherheit aller (Die Notwendigkeit, dass im Ernstfall genug Leute da sind, die unsere Demokratie verteidigen können).

Es ist keine leichte Entscheidung. Die Politik muss sich fragen: Ist die Bedrohung von außen so groß, dass dieser massive Eingriff in die Freiheit junger Männer gerechtfertigt ist?

Mein Rat: Informiere dich genau, was gerade im Bundestag diskutiert wird. Es geht um deine Zukunft. Wenn du die Wehrpflicht falsch findest, organisiere dich, geh auf Demos, schreib deinen Abgeordneten. Wenn du sie richtig findest, vertritt auch diese Meinung.

Das Grundgesetz erlaubt die Wehrpflicht, aber es schreibt sie nicht zwingend vor. Ob sie aktiviert wird, ist eine politische Entscheidung – und die können wir in einer Demokratie beeinflussen.

Bleib wachsam in diesem spannenden Jahr 2026!

Euer Dr. Sommer der Demokratie

Ob Aufklärung über populistische Parolen, Hintergrundwissen zu den Grundrechten oder Hilfe bei politischen Fragen: Dr. Sommer der Demokratie ist für dich da! Schreib ihm mit Betreff an „Dr. Sommer der Demokratie“ an tiefgang@sued-kultur.de

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