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Kultur unter Kontrolle

Hamburg im Januar 1933: Die Stadt bebt vor kultureller Energie. In den Kinos flimmern die neuesten Streifen, das Museum für Kunst und Gewerbe feiert die Moderne, und in den Tanzlokalen wird der Geist der Freiheit gelebt. Doch nur wenige Monate später senkt sich ein bleierner Vorhang über die Hansestadt. Wo eben noch Diskurs herrschte, regiert plötzlich das „Führerprinzip“.

Mit der neuen Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ in der Diele des Hamburger Rathauses stellt sich die Stadt ab dem 5. Februar einer schmerzhaften Frage: Wie konnte das bunte Kulturleben der Weimarer Republik so rasant und systematisch gleichgeschaltet werden?

Was diese Schau so besonders macht, ist ihr Ursprung. Zwei Jahre lang haben zehn Hamburger Kultureinrichtungen – darunter Schwergewichte wie die Staatsoper und die Hochschule für Bildende Künste – ihre Archive nicht nur geöffnet, sondern regelrecht seziert. Es ging nicht um eine abstrakte Geschichtsstunde, sondern um die eigene Institutionen-DNA.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet deutliche Worte: Dass wir uns erst jetzt in dieser Tiefe mit der Verflechtung von Kultur, Politik und Verwaltung auseinandersetzen, zeigt, wie schwer der Weg der Aufarbeitung war. Die Ausstellung macht schmerzhaft sichtbar, dass Museen, Theater und Bücherhallen keine neutralen Inseln waren. Sie wurden zu Rädchen in der Propagandamaschinerie, wirkten bei Verfolgungsmaßnahmen mit und ersetzten künstlerische Freiheit durch plumpe Ideologie.

Biografien zwischen Anpassung und Auflehnung

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Menschen. Kuratorin Gisela Ewe rückt die Biografien derer in den Fokus, die das System gnadenlos aussortierte. Künstler*innen, die gestern noch gefeiert wurden, fanden sich plötzlich in der Isolation, im Exil oder in den Konzentrationslagern wieder.

Doch die Schau blickt auch auf die Grautöne: Wer passte sich an, um zu überleben? Wer wurde zum Täter am Schreibtisch der Kulturverwaltung? Und wo gab es ihn doch, den verdeckten Widerstand, das stille Dagegenhalten in einer Zeit, in der „Freiheit“ ein lebensgefährliches Wort war?

Die Wahl des Ortes ist im Grunde gut gewählt. In der Diele des Rathauses, dem demokratischen Zentrum der Stadt, wird die Pervertierung der Verwaltung durch die Nationalsozialisten dokumentiert. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit betont zu Recht: Wer die Freiheit der Kunst infrage stellt, richtet sich immer gegen das Volk.

Die Ausstellung ist Teil des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus rund um den 27. Januar. Sie ist ein Weckruf in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder weltweit unter Druck geraten. Sie zeigt uns: Vielfalt und Freiheit in der Kunst sind kein Naturgesetz – sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

Der Besuch im Rathaus

Die Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ ist vom 5. Februar bis zum 10. März 2026 in der Rathausdiele am Rathausmarkt 1 zu sehen. Die feierliche Eröffnung findet am 5. Februar um 19 Uhr im Festsaal statt, wofür eine Anmeldung erbeten wird. Wer die Schau auf eigene Faust erkunden möchte, hat dazu wochentags von 7 bis 19 Uhr sowie an den Wochenenden (Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–17 Uhr) bei freiem Eintritt Gelegenheit. Tiefergehende Informationen zum Begleitprogramm und zur Forschung finden sich online unter www.gedenkstaetten-hamburg.de [1].

Ein Besuch lohnt sich. Es ist eine Begegnung mit Hamburgs dunkelster Stunde, die uns viel über unser Heute zu sagen hat.

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