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Neues Denkmal enthüllt, aber Fragen bleiben

Im Überseequartier der HafenCity wurde letzte Woche das denk.mal Fruchtschuppen C enthüllt, ein neuer Gedenkort, der an die Deportation von Sinti und Roma während der NS-Zeit erinnert.

Die Veranstaltung fand 85 Jahre nach den ersten großen Verhaftungen statt, bei denen etwa 1.000 Menschen in den Fruchtschuppen C im Hamburger Freihafen zusammengetrieben und später in das Zwangsarbeitslager Belzec deportiert wurden.

Vertreter des Landesvereins der Sinti in Hamburg e.V., des Rom und Cinti Union e.V., der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte sowie Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, nahmen an der feierlichen Enthüllung teil.

Senator Brosda betonte in seiner Rede die Bedeutung des Denkmals: „Das denk.mal Fruchtschuppen C erinnert an die aus Hamburg deportierten Sinti und Roma und macht einen langen unsichtbaren Ort der Verfolgung im Stadtbild kenntlich. Es ist eine wichtige und bleibende Mahnung und Ausdruck unserer Verpflichtung, das Gedenken an diese Verbrechen dauerhaft zu sichern.“ Auf Nachfrage, wie das Denkmal besonders junge Menschen erreichen soll, fügte er hinzu, dass es an einem zentralen Ort im neuentstehenden Überseequartier stehe, um zu verdeutlichen, „dass Rassismus und Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft keinen Platz haben“.

Prof. Dr. Oliver von Wrochem von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte ordnete das neue Denkmal in den Kontext weiterer Gedenkorte ein. „Das denk.mal Fruchtschuppen C markiert einen zentralen Tatort des Völkermords an den Sinti und Roma in Hamburg. Es ergänzt den Gedenkort und das geplante Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof, aber auch den nahe gelegenen Geschichtsort Stadthaus, die die Deportationen der Sinti und Roma in die Geschichte der NS-Verfolgung einbetten.“ Er erklärte, dass die Stiftung plane, das Denkmal in ihre pädagogischen Angebote zur Verfolgung der Sinti und Roma einzubeziehen.

Dr. Andreas Kleinau von der HafenCity Hamburg GmbH hob die städtebauliche Bedeutung des Denkmals hervor. „Das denk.mal Fruchtschuppen C wird ein kleiner Ort mit großer Wirkung. Im stark frequentierten Überseequartier markiert es ein langes vergessenes Kapitel der Verfolgung von Sinti und Roma aus Norddeutschland während der NS-Zeit. Die Besucherinnen und Besucher des Überseequartiers, von denen viele erstmals den Weg in die HafenCity finden, stoßen direkt darauf. Gerne haben wir zu dieser wirkungsvollen Ergänzung der Gedenkorte in der HafenCity unseren Beitrag geleistet.“

Vertreter der Sinti und Roma Organisationen äußerten sich bewegt über die Enthüllung. Arnold Weiß vom Landesverein der Sinti in Hamburg e.V. erinnerte an das Leid der Deportierten: „Am ‚Fruchtschuppen C‘ begannen unter dem NS-Regime die Deportationen von insgesamt über 1.300 Sinti und Roma aus Hamburg und dem übrigen Norddeutschland in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Nur wenige kehrten zurück. Ihre belastenden Erinnerungen prägten, ebenso wie die nach 1945 fortdauernde Diskriminierung, auch die nachfolgenden Generationen bis heute mit.“ Er begrüßte die Errichtung des Denkmals als sichtbares und dauerhaftes Zeichen des Gedenkens.

Rudko Kawczynski vom Rom und Cinti Union e.V. mahnte jedoch an, dass die Erinnerung auch eine Verpflichtung sei. „Jahrzehntelang war ihr Schicksal vergessen. Erst eine neue Generation stellte Fragen nach den Hunderten Hamburger Sinti und Roma, die im ‚Fruchtschuppen C‘ in der Nähe des damaligen Hannoverschen Bahnhofs zusammengepfercht und später deportiert wurden. Sie kämpfte dafür, dass dieser Ort nicht länger eine Leerstelle blieb. Das Denkmal erinnert an die Opfer und mahnt zugleich: Antiziganismus und Diskriminierung existieren bis heute. Erinnerung ist Verpflichtung – hinzusehen, nicht zu schweigen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.“ Auf Nachfrage, ob ein einzelnes Denkmal in der modernen HafenCity dieser Verpflichtung hinreichend nachkomme, räumte er ein, dass es ein Anfang sei, aber weitere Anstrengungen nötig seien, um das Bewusstsein für die Geschichte und die anhaltende Diskriminierung zu schärfen.

Dirk Hünerbein von Unibail-Rodamco-Westfield, dem Bauherrn des Westfield Hamburg-Überseequartiers, betonte die Bedeutung des Denkmals für die Entwicklung des Ortes. „Als Unibail-Rodamco-Westfield haben wir den Anspruch nachhaltige Orte zu erschaffen, die das Zusammensein der Menschen inspirieren und weiterentwickeln sollen. Dazu gehört neben dem Blick auf Gegenwart und Zukunft auch die Erinnerung an die Vergangenheit. Der Fruchtschuppen C und die schrecklichen Verbrechen, die mit diesem Ort verbunden sind, sind Teil der Geschichte, die das denk.mal mitten in diesem neuen lebendigen Quartier für die lokale Gemeinschaft und alle Besucher:innen bewusst markieren möchte.“

Das Denkmal selbst befindet sich an der Promenade der New-Orleans-Straße im Westfield Hamburg-Überseequartier. Es besteht aus sechs Betonstelen, auf deren Außenflächen schemenhaft die Silhouetten von Menschen zu erkennen sind. Der Schriftzug „Fruchtschuppen C“ erinnert an den historischen Ort. Im Inneren der Stelen informieren Tafeln über die Verfolgung und Deportationen.

Das denk.mal Fruchtschuppen C ergänzt den bereits bestehenden Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof, der an die Deportationen von 1940 bis 1945 erinnert.

Die heutige Veranstaltung war ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Hamburg. Sie wirft aber auch die Frage auf, wie Gedenken in einer sich schnell verändernden Stadtlandschaft lebendig gehalten werden kann und wie sichergestellt wird, dass die Erinnerung an die Opfer nicht verblasst. Ob da das Westfield Hamburg-Überseequartier der richtige Ort ist?

 

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