11.SuedLese Literaturtage https://www.tiefgang.net Thu, 12 Mar 2026 13:40:36 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Geschrieben, um gesund zu werden https://www.tiefgang.net/geschrieben-um-gesund-zu-werden/ Sun, 01 Mar 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13396 [...]]]> Pünktlich zu den SuedLese Literaturtagen erscheint der Debüt-Roman „Co“ von Rina Schmeller. Ein Werk, das es in sich hat. Denn es bricht mit dem Schweigen zu einem Thema, das präsenter ist als man ahnt: der Co-Abhängigkeit.

Co-abhängig in Sucht, Partnerschaften, Beziehungen generell. Druckfrisch wird es Rina Schmeller im Speicher am Kaufhauskanal im Harburger Hafen zu Gehör und ins Gemüt bringen. Wir haben schon mal im Vorfeld nachgefasst.

Tiefgang (TG): Frau Schmeller, „Co“ ist Ihr Debütroman und bricht radikal mit dem Schweigen über ein oft unsichtbares Thema: die Co-Abhängigkeit. Was war der entscheidende Funke, der Sie dazu gebracht hat, gegen dieses gesellschaftliche Tabu anzuschreiben und die Perspektive derer zu wählen, die im Schatten der Sucht eines anderen leben?

Rina Schmeller: Danke für Ihre Frage. Mir gefällt, wie Sie das formulieren. „Co“ erzählt als Autofiktion von meiner eigenen Erfahrung. Ich war lange co-abhängig. Dieses Buch ist das Ergebnis eines Prozesses, der vor allem darin bestand, eine Sprache zu finden, später dann auch eine Form. Ich habe mit diesem Stoff literarisch zu schreiben begonnen. Anfangs liefen die Prozesse im Schreiben und Leben parallel, griffen dann zunehmend ineinander, bis sie sich voneinander lösten. In der letzten Zeit meiner Arbeit an „Co“ hatte ich in meinem Leben bereits stabilen Abstand gewonnen. Co-Abhängigkeit ist als Thema wenig beleuchtet, aber allgegenwärtig. Es war mir wichtig, das sichtbar zu machen. Zu wissen, dass viele betroffen sind, war dabei immer wieder ein Antrieb.

TG: Ihre Sprache im Roman ist eine Mischung aus Klarheit, Rhythmus und irgendwie auch Stille. Wie haben Sie es geschafft, für die oft chaotische und von Gewalt geprägte Dynamik der Abhängigkeit eine so präzise Form zu finden, ohne dabei in Sentimentalitäten zu verfallen?

Rina Schmeller: Zunächst musste ich vom Stillstand erzählen, der durch jahrelange Wiederholung entsteht, das ist ziemlich anspruchsvoll. Ich musste möglichst klar benennen, gegen die eigene Scham anschreiben und den Reflex, zu schützen, ablegen. Es war elementar, das Tabu zu brechen und die Sprachlosigkeit im Text zu bewahren. Im Prozess habe ich mich Passage für Passage bis an die Schmerzpunkte vorgetastet und nach einer Form gesucht. Schließlich haben sich die einzelnen Teile wie ein Puzzle zusammengefügt. Selbstbestimmt zu arbeiten, war für „Co“ sehr wichtig. Was das Thema nicht brauchte, ist nicht im Text. Reduktion und Verdichtung sind die literarischen Verfahren. Dennoch habe ich bewusst nicht verschlüsselt und gehe offensiv mit meiner Erfahrung um. Gefühle sind im Text zurückgenommen, so entsteht Raum, im besten Fall, für die Gefühle der Lesenden.

TG: Sie haben in Leipzig Literarisches Schreiben studiert und waren Stipendiatin der Autor*innenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Hat dies das handwerkliche Fundament gelegt?

Rina Schmeller: Das sicher auch. In erster Linie haben diese Orte mir einen fachlichen Austausch ermöglicht. Man begegnet Autor*innen mit Erfahrung und hat Lesende, die selbst schreiben. So erfährt man erste Resonanzen, bewegt sich aber in einem geschützten Rahmen. In diesem Umfeld kann man eine Haltung zum eigenen Schreiben entwickeln, sich bewusst machen, wie und warum.

TG: Bei der SuedLese lesen Sie im Speicher am Kaufhauskanal, einem Ort mit Geschichte in Harburg. Freuen Sie sich auf den Kontrast, Ihre sehr intime und bewegende Geschichte in diesem weiten, geschichtsträchtigen Raum zu präsentieren?

Rina Schmeller: Ihre Frage macht mich neugierig auf den Raum, ich freue mich sehr auf die Lesung. Vielleicht zeigt sich am 15. März, dass der Kontrast gar nicht so stark ist. Für mich gehört die Arbeit an „Co“ in die Jahre 2018-2025, das Thema ist aber zeitlos, würde ich sagen, und die Erfahrung sehr menschlich und weit verbreitet.

TG: Ihr Buch wird als Zeugnis der Selbstermächtigung und des Wiederfindens der eigenen Freiheit beschrieben. Ist es Ihnen ein Anliegen, den Leser*innen zu zeigen, dass es auch nach Jahren der Umklammerung einen mutigen Weg zurück zum eigenen Ich gibt?

Rina Schmeller: Ich habe dieses Buch geschrieben, weil es nötig war, um gesund zu werden, und um für das Thema zu sensibilisieren. „Co“ macht etwas sichtbar, das tagtäglich passiert – anhand einer individuellen Geschichte. Dahinter steht der Prozess meines Ausstiegs, einer realen Auseinandersetzung. Die Geschichte soll aber kein Beispiel sein, dem nun zu folgen wäre. So unterschiedlich die Krankheitsverläufe sind, so unterschiedlich sind auch die Auswege. Das Buch ist ein Zeugnis, das ermutigen kann und möchte. Es wird hier und da seine Wirkung tun, wo und wann und wie auch immer.

TG: Haben Sie bereits Rückmeldungen von Leser*innen erhalten, die sich in der Geschichte von „Co“ wiedererkannt haben, und wie beeinflusst dieser Austausch Ihre Sicht auf Ihr eigenes Debüt?

Rina Schmeller: Bislang gibt es keine Rückmeldungen, „Co“ erscheint ja erst, am 11. März. Ich habe aber bei Lesungen bereits schöne Resonanz erlebt, die mir viel bedeutet hat. Co-Abhängigkeit ist eine Krankheit mit ähnlichen, oft gleichen Symptomen und doch unterschiedlichen Verläufen. Die erzählte Geschichte ist dementsprechend keine Blaupause, andere erleben ganz anderes, was allerdings nicht heißt, dass nicht viele (gefühlt) das Gleiche erleben. Man müsste die Menschen fragen und ihnen zuhören, wenn sie erzählen. Es ist Aufgabe der Gesellschaft und der Menschen in ihr, eine Sensibilität zu entwickeln. 

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

So., 15. Mrz., 17 Uhr: Rina Schmeller – Co | Eintritt frei / Spende erwünscht; Moderation: Simone Lechner

Speicher am Kaufhauskanal, Blohmstraße 22, 21079 Hamburg, www.speicher-am-kaufhauskanal.com

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Ab und zu fällt ein Schuss! https://www.tiefgang.net/ab-und-zu-faellt-ein-schuss/ Tue, 24 Feb 2026 23:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13312 [...]]]> In der Buxtehuder Stadtbibliothek findet am 7. März zum ersten Mal eine Ladies Crime Night statt. Und es ist ein doppeltes Debüt – denn es lesen nur Debütantinnen – des Schreibens – nicht des Mordens.

Wir haben mit der Organisatorin Anke Küpper gesprochen …

Tiefgang (TG): Anke Küpper, die „Ladies Crime Night“ gilt als eines der spannendsten Formate der Krimiszene. Jetzt feiert es Premiere in Buxtehude. Warum ist die dortige Stadtbibliothek genau das richtige „Pflaster“ für diesen kriminellen Abend? 

Anke Küpper: Die Mörderischen Schwestern freuen sich immer sehr, wenn sie an neuen Orten auftreten dürfen. Eine gewisse Größe, technische Ausstattung und am besten auch ein Techniker vor Ort sind wichtig, das alles bietet die Stadtbibliothek Buxtehude uns. Denn die Ladies Crime Night, das spezielle Lesungsformat der Mörderischen Schwestern e. V., ist keine gewöhnliche Lesung. Es treten in der Regel fünf bis sieben Lesende auf, dazwischen gibt es Musik. Und es fällt auch ab und zu ein Schuss.

TG: Das Prinzip ist gnadenlos: Nach exakt zehn Minuten fällt der Schuss und die Lesezeit ist vorbei. Was macht diesen Zeitdruck mit der Atmosphäre im Saal, und wie bereitest Du die fünf Debütantinnen auf diesen literarischen Adrenalinkick vor? 

Anke Küpper: Im Publikum herrscht atemlose Spannung, das Adrenalin pulsiert in den Adern. Die Autorinnen wählen ihre Lesestellen so aus, dass sie mit einem Cliffhanger enden, wenn nach zehn Minuten der Schuss fällt. Direkt vor der Veranstaltung machen wir eine Tonprobe, damit sich jede schon mal auf den Schuss einstellen kann. Wobei nicht jede schussfest wird. Auch nach fast zehn Jahren und unzähligen Ladies Crime Nights erschrecke ich immer noch jedes Mal und zucke bis in die letzte Reihe sichtbar zusammen. Das sorgt dann auch mal für Lacher.

TG: In diesem Jahr liegt der Fokus der SuedLese auf „Debütant*innen“. Warum hast Du dich entschieden, beim Buxtehuder Ableger ausschließlich Stimmen zu präsentieren, die gerade erst ihre ersten Schritte im Genre des Verbrechens wagen?

Anke Küpper: Bei jeder Ladies Crime Night bemühen wir uns, Neulinge unter die etablierten Autorinnen zu mischen, das klappt nicht immer. Es ist einfach toll, dass die SuedLese uns nun die Möglichkeit bietet, einmal nur Debütantinnen auf die Bühne zu holen. Ich freue mich jetzt schon auf diese ganz besondere „Erstes Mal“-Stimmung. Denn für manche ist es nicht nur der erste Krimi, sondern auch die erste Ladies Crime Night. Also gleich ein doppeltes Debüt.

TG: Als Netzwerk der „Mörderischen Schwestern“ unterstützt Ihr Frauen in der Kriminalliteratur. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Krimi-Autorinnen heute, wenn sie ihr erstes Buch auf den Markt bringen?

Anke Küpper: Bei immer weniger Programmplätzen in den Verlagen haben es Debüts generell immer schwerer. Gerade die großen Verlage setzen zunehmend auf etablierte Autor*innen, die garantiert Geld bringen, und wagen wenig Neues. Viele Autor*innen entscheiden sich auch deshalb von vornherein fürs Selfpublishing. Wir haben am 7. März auch zwei tolle Selfpublisherinnen dabei. Hinzu kommt, dass zwar mehr Frauen als Männer Bücher veröffentlichen, aber die deutsche Studie #frauenzählen von 2018 hat gezeigt: 2/3 der rezensierten Bücher stammen immer noch von Männern. Diesem Ungleichgewicht in der Sichtbarkeit möchten wir entgegenwirken, indem wir Krimischreibenden Frauen zum Beispiel durch die Ladies Crime Nights eine Bühne bieten. Aber auch schon vorher beim Schreibprozess unterstützen die Mörderischen Schwestern durch ein Mentorinnenprogramm, und wir vergeben jedes Jahr ein Arbeitsstipendium.

TG: Bei der Auswahl der fünf Autorinnen – Hedda Anders, Ines Müller-Hansen, Naja A. Serpentes, Anja Sietz und Jana Stieler – deckt Ihr von humorvoll bis psychologisch tiefgründig alles ab. War es Dir wichtig, dem Publikum in Buxtehude die gesamte Bandbreite des weiblichen Mordens zu zeigen?

Anke Küpper: Zum einen ist es uns wichtig, die ganze Bandbreite weiblichen Mordens auf dem Papier zu zeigen. Zum anderen macht die Abwechslung beim Zuhören auch einfach mehr Spaß.

TG: Die SuedLese ist bekannt für ihre „Orte der Worte“. Eine Bibliothek assoziiert man oft mit Stille – bei Euch wird es laut und blutig. Wie viel „Gänsehaut-Faktor“ vertragen die Bücherregale in Buxtehude am 7. März?

Anke Küpper: Wir sind schon in einigen Bibliotheken aufgetreten, da ist alles noch heil! (lacht) Die Mörderischen Schwestern morden nur auf dem Papier und sind ansonsten ganz lieb. Bei den jeweils 10-minütgen Lesungen herrscht natürlich immer noch atemlose Stille. Nur dazwischen gibt es Musik und den ein oder anderen Schuss – vom Band. Wobei ja auch in anderen Zusammenhängen das Konzept der sogenannten Wasserglas-Lesung – Autor*in kommt auf die Bühne, sagt „Guten Abend“ und liest dann 1 Stunde am Stück – längst als überholt gilt. 

TG: Wenn der letzte Schuss gefallen ist und die Autorinnen die Bühne verlassen: Welches Gefühl (und natürlich auch Bücher) sollen die Besucher*innen der SuedLese nach dieser Premiere mit nach Hause nehmen?

Anke Küpper: Da fällt mir sofort „beschwingt“ und „leselustig“ ein. Nach jedem Schuss ist hoffentlich die Lust zum privaten Weiterlesen geweckt. Dafür gibt es immer einen gut gefüllten Büchertisch. Zwischen den einzelnen Lesungen ist jede Ladies Crime Night mit Musik untermalt – Krimi-Musik natürlich! So gruselig und auch mal blutig es zwischendrin sein darf: Die letzte Lesende präsentiert in der Regel einen nicht zu harten, eher humorvollen Text, Cosy Crime zum Beispiel. Viele Wiederholungstäterinnen und -täter im Publikum bestätigen den Erfolg unseres Leseformats.

TG: Besten Dank und volles Haus!

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Sa., 07. Mrz., 19 Uhr: Ladies Crime Night – Debüts (mit Hedda Anders, Ines Müller-Hansen, Naja A. Serpentes, Anja Sietz, Jana Stieler); Eintritt 12,- €

Stadtbibliothek Buxtehude, Fischerstraße 2, 21614 Buxtehude, www.buxtehude.de/stadtbibliothek

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