Antje Flemming – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 30 Apr 2025 14:14:36 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Eine Ära geht, eine Neue beginnt https://www.tiefgang.net/eine-aera-geht-eine-neue-beginnt/ Fri, 25 Apr 2025 22:13:12 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11698 [...]]]> Ein Abend des Abschieds und des Neubeginns lag in der Luft des altehrwürdigen Hamburger Literaturhauses. Gedämpftes Stimmengewirr erfüllte die Räume, während sich Weggefährtinnen und Weggefährten versammelten, um Professor Rainer Moritz zu ehren. Nach zwei Jahrzehnten an der Spitze dieser wichtigen Institution der Literaturvermittlung tritt er nun in den Ruhestand.

Draußen vor dem stuckverzierten Gebäude an der Schwanenwik wehte am vergangenen Freitag (25.4.)  eine milde Frühlingsbrise, drinnen blickte man zurück auf eine Ära, die das literarische Leben der Hansestadt maßgeblich prägte. „Ich schätze Rainer Moritz als einen ungemein kompetenten, phantasievollen und engagierten Literaturwissenschaftler, -kritiker und -vermittler“, würdigte Kultursenator Dr. Carsten Brosda in seiner Ansprache. Seine Worte fanden Widerhall in den vielen nickenden Köpfen im Publikum.

Wer Rainer Moritz in den vergangenen Jahren bei einer seiner zahlreichen Veranstaltungen im Literaturhaus erlebt hat, weiß um seine Leidenschaft. Ob es um Marcel Proust ging, dessen Gesellschaft er als Vizepräsident verbunden ist, oder um die überraschende Vielfalt des deutschen Schlagers – Moritz gelang es stets, Brücken zu bauen und ein breites Publikum für die Literatur zu begeistern. „Mit Leidenschaft für die Literatur und großer Freude an der grenzenlosen Bandbreite der Kultur, von Proust bis zum deutschen Schlager, hat er das Literaturhaus für die ganze Stadt geöffnet“, so Brosda treffend.

Der gebürtige Heilbronner kam 2005 nach Hamburg und übernahm die Leitung des Literaturhauses. Zuvor hatte er bereits in der Verlagslandschaft wichtige Akzente gesetzt, unter anderem als Programmchef bei Reclam Leipzig und als Programm-Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe in Hamburg. Seine Expertise und sein untrügliches Gespür für literarische Entwicklungen machten ihn schnell zu einer zentralen Figur.

„Er hat sehr viel für die Lesekultur und das literarische Leben in Hamburg und für das Literaturhaus getan“, betonte der Kultursenator. Und in der Tat: Unter Moritz‘ Ägide erlebte das Literaturhaus eine Blütezeit. Viel beachtete Veranstaltungsreihen wurden ins Leben gerufen, die nicht nur ein Fachpublikum anzogen. Auch der Kinder- und Jugendkultur sowie dem Comic schenkte er eine größere Bühne, ein Engagement, das in der oft traditionsverhafteten Literaturszene nicht selbstverständlich war.

Neben seiner Tätigkeit als Leiter des Literaturhauses wirkte Professor Moritz in zahlreichen Jurys überregionaler Literaturpreise mit und prägte mit seinen Buchempfehlungen auf NDR Kultur und bei öffentlichen Veranstaltungen die literarische Diskussion weit über die Stadtgrenzen hinaus. Nicht zu vergessen sein eigenes umfangreiches wissenschaftliches und belletristisches Werk sowie seine Rolle als Literaturkritiker.

Nun also der Abschied. „Nun geht eine Ära zu Ende, aber Rainer Moritz hinterlässt ein bestens bestelltes Haus“, resümierte Dr. Brosda. Und tatsächlich blickt das Literaturhaus mit Zuversicht in die Zukunft. Bereits zum 1. Mai übernimmt Dr. Antje Flemming die Leitung. Die langjährige Literaturreferentin der Behörde für Kultur und Medien gilt als bestens vernetzt im deutschsprachigen Literaturbetrieb. „Mit Antje Flemming folgt eine ausgewiesene Expertin des Literaturbetriebes, die mit ihrem großen Engagement und ihrer ansteckenden Begeisterung für die Literatur das Haus und die Literatur in Hamburg prägen wird“, zeigte sich der Senator optimistisch.

Die Hamburger Literaturszene wird Antje Flemming am 7. Mai mit einem öffentlichen Überraschungsabend im Literaturhaus willkommen heißen. Doch an diesem Abend galt die Aufmerksamkeit erst einmal Professor Rainer Moritz. Ein leiser Wehmut lag in der Luft, vermischt mit Dankbarkeit für sein unermüdliches Engagement. Eine Ära geht zu Ende, aber der Same, den Rainer Moritz in diesen 20 Jahren gesät hat, wird in der literarischen Landschaft Hamburgs weiter blühen.

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30 Jahre Grundstein der Hamburger Literatur https://www.tiefgang.net/30-jahre-grundstein-der-hamburger-literatur/ Fri, 02 Dec 2022 23:58:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9534 [...]]]> Höchsten handwerklichen Ansprüchen sollte das Buch genügen, Leinenbindung und Fadenheftung seien »unabdingbar« – so hieß es zur ersten Ausgabe des „Ziegels“. Nun feiert das Jahrbuch der Hamburger Literatur den 30. Geburtstag.Der Anspruch war auch 1992 schon sportlich und ein bisschen verrückt für eine regionale Anthologie, die jährlich erscheinen und einen Umfang von 500 Seiten haben sollte. Doch auch 30 Jahre später ist das Hamburger Literaturjahrbuch ZIEGEL noch eine Erfolgsgeschichte: Die 17. Ausgabe war kurz nach ihrem Erscheinen sogar vergriffen und musste nachgedruckt werden.

Für Schatzjäger und Sammler literarischer Preziosen aller Art dürfte der ZIEGEL heute eine wahre Fundgrube sein: Da gibt es in »Uneinheitlichen Breviarien« (Band 2, 1993/1994) einen »Forschungsbericht« von Hubert Fichte neben kommentierten Auszügen der Niederschriften von Hans Henny Jahnns Jahrhundertroman »Fluß ohne Ufer« und Wolfgang Borcherts frühem Theaterstück »Käse«. Ebenfalls aus dem Fundus der Hamburger Literaturgeschichte schöpft auf 150 Seiten (Band 5, 1996/1997) ein Kompendium über »Hamburger Autorinnen durch die Jahrhunderte« von Dagmar von Hoff und Ulrike Vedder. Doch vor allem ist der ZIEGEL bis heute eine Sammlung hochkarätiger Gegenwartsliteratur. Ob große Namen wie Ulla Hahn und Peter Rühmkorf und unter den Jüngeren dann in Generationenschritten über Max Goldt, Matthias Politycki, Karen Duve, Yoko Tawada, Jan Wagner, Tina Uebel und Nils Mohl bis zu Karen Köhler, Simone Buchholz, Leona Stahlmann, Jens Eisel, Nora Gantenbrink oder Sebastian Stuertz, sie alle sind ZIEGEL-Autoren:innen. Ein Rezitativ der Texte aus den letzten 20 Jahre waren eher nicht die »Katastrophen mit Kick« (Band 11, 2008/2009), die uns in der Gegenwart den Schlaf rauben, sondern die Fragen »Wie man wird – was man ist« (Band 10, 2006/2007), »Wo wir uns finden« (Band 16, 2018/2019) und also eine »Kleine Heimatkunde« (Band 13, 2012/2013).
Nicht unerwähnt bleiben darf hier, dass die über Jahre stabile bauliche Konstruktion der bis heute opulent ausgestatteten Anthologie eine Ursache hat: Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien subventioniert den ZIEGEL von Beginn an mit einem hohen Betrag. Dafür gab und gibt es im Buchhandel ein sehr schönes Buch zu einem besonders günstigen Preis. Im kommenden Frühjahr ist es wieder soweit, dann erscheint die 18. Ausgabe des ZIEGEL. Gefeiert wird die Anthologie im 30. Jahr aber schon in der Vorweihnachtszeit – und das standesmäß mit mindestens der (fast) vollzähligen Hamburger Literatuszene.

Aktuell wird im Hamburger mairisch Verlag bereits an der 18. Ausgabe gebastelt, die mit Illustrationen von Kathrin Klingner im Frühjahr 2023 erscheint. Herausgegeben wird der Band von Jürgen Abel und Antje Flemming, finanziert von der Behörde für Kultur und Medien. Das war auch Grund genug, die Autor*innen die in den Jahrbüchern 16 und 17 ihr »ZIEGEL«-Debüt feierten, einmal auf die Bühne zu bitten – auf die vermeintlich schönste Literaturbühne Hamburgs am Schwanenwik. Es lasen die jungen Hamburger Autor*innen Claudia Schumacher, Paul Jennerjahn, Sean Keller, Nina Berndorfer, Nicolas Stille und Katharina Unteutsch trafen sich zur Lesung aus dem Hamburger Jahrbuch für Literatur ZIEGEL. Moderation: Jürgen Abel und Antje Flemming.

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