archäologische Grabungen – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 01 Sep 2023 14:32:01 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Archäologische Untersuchung auf Joseph-Carlebach-Platz https://www.tiefgang.net/archaeologische-untersuchung-auf-joseph-carlebach-platz/ Fri, 01 Sep 2023 22:23:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10253 [...]]]> Vom 4. September 2023 bis zum 4. Januar 2024 führt das Archäologische Museum Hamburg unter Leitung von dessen Direktor Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss eine archäologische Untersuchung auf dem Joseph-Carlebach-Platz durch. Es soll Kenntnisse über die im Boden befindlichen Reste der Reichsprogromnacht von 1938  und 1939 abgerissenen Bornplatzsynagoge bringen.

Dies ist ein erforderlicher Schritt im Projekt des Wiederaufbaus der Bornplatzsynagoge, da die gewonnenen Erkenntnisse in das architektonische Wettbewerbsverfahren einfließen, der voraussichtlich in diesem Jahr beginnen wird.

Die ehemalige Synagoge am Bornplatz zählte zu den größten Synagogen in Deutschland. Sie wurde zwischen 1904 und 1906 errichtet und war über 30 Jahre das religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum der jüdischen Gemeinde in Hamburg. In der Zeit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft wurde die Synagoge zerstört und ein zentraler Ort des jüdischen Lebens in Hamburg ging verloren.

In der Jüdischen Gemeinde in Hamburg und in der Stadt ist der Wunsch entstanden, diese Synagoge wiederaufzubauen. Für dieses Vorhaben haben Senat und Bürgerschaft bereits 2020 ihre Unterstützung erklärt. Das Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach erarbeitete eine im September 2022 veröffentlichte Machbarkeitsstudie mit dem Ergebnis, dass der Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge möglich ist. Seitdem laufen die Vorbereitungen zwischen Stadt und der Jüdischen Gemeinde in Hamburg zu dem nun erforderlichen städtebaulichen-architektonischen Wettbewerb. Mit diesem Wettbewerb wird die konkrete bauliche Gestalt der neuen Synagoge ermittelt.

Ein wichtiger Schritt in der Vorbereitung ist die nun beginnende archäologische Voruntersuchung auf dem Joseph-Carlebach-Platz. Diese wird durch Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Landesarchäologe und Direktor des Archäologischen Museums Hamburg und sein wissenschaftliches Team durchgeführt. Die Grabungsergebnisse werden unmittelbar in die Aufgabenstellung des Wettbewerbsverfahrens einfließen. Ziel ist es, die noch im Boden befindlichen Überreste des Fundaments der Bornplatzsynagoge in den Entwürfen des Wettbewerbs zu berücksichtigen.

Bei der archäologischen Untersuchung werden vier Grabungsfelder untersucht, die sich an den bekannten Grundrissen der Bornplatzsynagoge orientieren. Das auf dem Joseph-Carlebach-Platz verlegte Bodenmosaik von Margrit Kahl, das an die Bornplatzsynagoge erinnert, wird im Bereich der Sondierungsschnitte vorübergehend entfernt, gelagert und am Ende der Voruntersuchung wieder vollständig hergestellt werden.

Angaben zu Bauzeiten und Kosten des Wiederaufbaus der Bornplatzsynagoge können erst nach der Durchführung des Architekturwettbewerbs gemacht werden.

Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher: „Der Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge ist ein wichtiges Projekt zur Stärkung des jüdischen Lebens in Hamburg. Der Wiederaufbau muss gut geplant und umgesetzt werden. Nach dem positiven Ergebnis der Machbarkeitsstudie geht es jetzt um die archäologische Untersuchung des Bodens. Damit sollen Erkenntnisse über Reste des Fundaments der früheren Synagoge und deren Zustand gewonnen werden. Diese sollen in das weitere städtebaulich-architektonische Verfahren einfließen, mit dem ein neuer zentraler Ort für das jüdische Leben und die jüdische Kultur in Hamburg geschaffen wird.“

Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Landesarchäologe und Direktor des Archäologischen Museums Hamburg: „Die im Boden erhaltenen Fundamentreste der Synagoge sind ein bedeutendes Bodendenkmal der jüngeren Zeitgeschichte. Das Archäologische Museum Hamburg wird durch eine Ausgrabung mit aller Umsicht dazu beitragen, Klarheit über den Umfang und den Zustand der baulichen Reste zu bekommen“.

Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, Körperschaft des Öffentlichen Rechts: „Wir begrüßen die Grabungsarbeiten. Wir stehen mit gemischten Gefühlen vor den Arbeiten. Es geht um die Erforschung des Lebens und Wirkens unserer Verwandten und Vorfahren. Es geht auch um die jüdische Identität Hamburgs.“

Daniel Sheffer, Sprecher der Stiftung Bornplatzsynagoge: „Der Beginn der Grabungsarbeit steht für den Beginn des Wiederaufbaus der Bornplatzsynagoge. Von den Grabungen erwarten wir auch wichtige Aufschlüsse für den Architekturwettbewerb, der noch in diesem Jahr starten soll.“

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Spuren des „Weissen Schwans“ https://www.tiefgang.net/spuren-des-weissen-schwans/ Fri, 18 Aug 2023 22:48:55 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10175 [...]]]> Das einstige Harburger Gasthaus „Zum weißen Schwan“ war noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts so eine Art Vorgänger eines Spa Ressorts. Grabungen gehen ihm nun auf den Grund …

Das Archäologische Museum Hamburg führt aktuell im Bereich der Harburger Schloßstraße eine Ausgrabung auf einem historisch besonders bedeutsamen Areal durch. Im 18. Jahrhundert stand an der Ecke Kanalplatz/Harburger Schloßstraße einst das stattliche Gasthaus „Zum Weißen Schwan“, das zu den renommiertesten Hotels in Harburg zählte. Die Archäologinnen und Archäologen werden dem Boden an diesem geschichtsträchtigen Ort nun 10 Monate lang seine letzten Geheimnisse entlocken.

Die Schlossinsel – Ein Stück Harburg im Wandel der Zeit

Die Harburger Schloßstraße stand in den letzten Jahren wiederholt im Mittelpunkt der Stadtplanung, denn hier vollzieht sich seit einiger Zeit ein tiefgreifender Strukturwandel, nachdem die Straße über viele Jahrzehnte ein Schattendasein fristete. Tatsächlich aber lag hier im Mittelalter die Keimzelle Harburgs, hier pulsierte einst das Herz der Stadt. Umfangreiche Ausgrabungen des Archäologischen Museums Hamburg haben schon in den vergangenen Jahren an dieser Stelle ein spannendes Geschichtsbuch geöffnet, das zuvor jahrhundertelang geschlossen war. Nun erhalten die Archäologinnen und Archäologen noch einmal für zehn Monate die Gelegenheit, auf einem 480 m² großen Areal zu neuen Erkenntnissen über die Ursprünge Harburgs zu kommen.

Das Grundstück an der Ecke Kanalplatz/Harburger Schloßstraße in unmittelbarer Nähe zum alten Rathaus, dem Hafen und der Festung liegt im ältesten Bereich der ehemals selbstständigen Stadt Harburg. Bekannt ist es für den Gasthof „Zum Weißen Schwan“, der an dieser Stelle von 1725 bis 1899 stand. Einige Harburgerinnen und Harburger haben das jüngste, wohl kurz nach der Franzosenzeit um 1814 errichtete Gebäude des Gasthofs, das bei Bombenangriffen 1943 beschädigt und 1965 abgebrochen wurde, sicherlich noch vor Augen. Der Gasthof hatte eine wechselhafte Geschichte und ist insbesondere für zwei bedeutsame Ereignisse bekannt: 1819 war dort die Leiche des Herzogs von Braunschweig aufgebahrt, und 1846 logierte König Ernst August von Hannover in diesem Haus. Der Gasthof bot einst aber noch eine weitere Besonderheit: Nach der Entdeckung einer Schwefelquelle im Jahr 1821 richtete man dort eine Badeanstalt ein, die mindestens bis 1851 existierte. Mit dem Bau der Elbbrücken (1872) verlor das Hotel- und Gaststättengewerbe in der Harburger Schloßstraße – und mit ihm auch der Weiße Schwan – allerdings an Bedeutung.

Ausgrabung an der Harburger Schloßstraße (Foto: AMH)

Die Archäologinnen und Archäologen blicken nun mit Spannung auf die laufende Grabung, denn die sogenannte Wirtshausarchäologie erlaubt in vielen Fällen einen Blick zurück in das Alltagsleben der Menschen vor dem Siegeszug von Fernsehen und Smartphones. Als Brennpunkte des sozialen Lebens finden sich dort oftmals wichtige und aussagekräftige archäologische Funde. Aus der Zeit des Gasthauses „Zum Weißen Schwan“ liegen nur wenige archivalische Quellen vor, so dass die aktuelle Ausgrabung für die Archäologen von besonderem Interesse ist. Ziel ist es darüber hinaus, Siedlungsreste zu erfassen, um die mittelalterliche und neuzeitliche Besiedlungsgeschichte des Areals zu klären. Wie bereits bei den früheren Grabungen in der Harburger Schloßstraße ist mit einem hohen Fundaufkommen in Form von Keramik, Pilgerzeichen, Waffen, Rüstungen und Schmuck zu rechnen.

Informationen zur Ausgrabung:

Interessierte können sich über das aktuelle Grabungsgeschehen auf den Social-Media-Kanälen des Archäologischen Museums Hamburg informieren. Hier werden regelmäßig aktuelle Informationen über die Fortschritte auf der Grabungsstelle geteilt.

Weitere Informationen auch unter: amh.de

 

 

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Auf den Spuren des alten Rathauses https://www.tiefgang.net/auf-den-spuren-des-alten-rathauses/ Fri, 23 Jun 2023 22:58:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10075 [...]]]> An der Herzkammer Winsens wird gegraben und man erwartet manche Überraschung …

Die Vorbereitungen laufen, die Baustelle ist bezogen: Von Mitte Juni bis November wird das Archäologische Museum Hamburg wieder eine archäologische Ausgrabung im Herzen der Altstadt von Winsen durchführen. Das Grabungsareal liegt auf historisch bedeutsamem Gelände, denn der nördliche Kirchvorplatz birgt ein einzigartiges Bodendenkmal-Ensemble. An dieser Stelle befanden sich seit dem Mittelalter das Rathaus der Stadt und ein städtischer Glockenturm. Darüber hinaus war die Fläche zwischen Kirche und ehemaligem Rathaus bis zum Jahr 1829 mindestens 600 Jahre lang ein Friedhof. Die Archäologen hoffen nun, dem Boden an einem der geschichtsträchtigsten Plätze Winsens seine Geheimnisse entlocken zu können, bevor die Neubebauung des Areals startet: Im Rahmen der Innenstadtsanierung „Winsen 2030“ soll hier zukünftig ein Wasserspiel errichtet werden.

 Eine Reise durch die Schichten: Was hoffen die Archäologen zu finden?

Die Altstadt von Winsen steht in den letzten Monaten wiederholt im Mittelpunkt der Stadtplanung. Aktuell soll der historische Ortskern der mehr als 850 Jahre alten Stadt im Rahmen einer Sanierung modernisiert werden. Dabei ergibt sich für die Archäologen die einmalige Gelegenheit, historisch bedeutsames Gelände zu erforschen. Schon die Voruntersuchungen des Archäologischen Museums Hamburg im März erwiesen sich als Volltreffer: Es wurden historische Mauer- und Fundamentreste sowie Bestattungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gefunden. „Das Rathaus, der Amtssitz des Stadtrates, stellte eines der zentralen Elemente einer mittelalterlichen Stadt dar. An dieser Stelle Winsens schlug über 700 Jahre lang das Herz der Stadt, und wir erwarten bei unseren Untersuchungen spannende neue Erkenntnisse zu deren Entstehung und Entwicklung“, sagt Dr. Jochen Brandt, Kreisarchäologe am Archäologischen Museum Hamburg. Mit modernster Grabungstechnik legen die Archäologen an dieser Stelle nun systematisch die Überreste des mittelalterlichen Stadtkerns frei. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich rund um den Kirchvorplatz viele Bauschichten übereinander aufgebaut, und der Boden unweit des früheren Rathauses hält für die Wissenschaftler immer wieder neue Überraschungen bereit.

Die Winsener Innenstadt – ein spannendes Geschichtsbuch unter der Erde

Die Grabung in der Altstadt lässt ein bisher unbekanntes Bild der mittelalterlichen Stadt Winsen entstehen, das aus archivalischen Quellen allein nicht zu rekonstruieren wäre. Historische Bausubstanz und schriftliche Überlieferungen vermögen nur einen kleinen Ausschnitt der Lebenswirklichkeit dieser Zeit zu vermitteln, zumal das Winsener Stadtarchiv im 16. Jahrhundert bei einem großen Stadtbrand vernichtet wurde und nur noch wenige Urkunden im Niedersächsischen Staatsarchiv existieren. Auch das erste in historischen Aufzeichnungen erwähnte Rathaus fiel 1585 einem Feuer zum Opfer, wurde anschließend aber wiederaufgebaut und 1627 im Dreißigjährigen Krieg erneut zerstört. 1629 ließ die Stadt ein weiteres Mal ein Fachwerkhaus errichten, das bis 1928 Bestand hatte. Es wurde allerdings schon im Jahr 1895 in seiner Funktion als Rathaus abgelöst und schließlich als Gaststätte und Finanzamt genutzt. Die Ergebnisse der aktuellen Ausgrabung haben für die Erforschung der Stadtgeschichte einen besonderen Wert und gewähren einen völlig neuen Einblick in die Entstehung der Stadtstrukturen.

Im Rahmen der Ausgrabung gibt es noch zwei weitere Areale, die für die Wissenschaftler von besonderem Interesse sind: Direkt neben dem Rathaus hatte ein 1578 erstmals erwähnter städtischer Turm seinen Platz, in dem die Kirchenglocken hingen und der nach Zerstörungen mehrfach erneuert wurde. Dieser Turm hatte eine stolze Höhe von 50 Metern und war damit schon von weitem sichtbar. 1822 fiel er einem Blitzschlag zum Opfer und wurde 1837 abgebrochen. Die Fläche zwischen Kirche und ehemaligem Rathaus wurde außerdem bis 1829, also mindestens 600 Jahre lang, als Friedhof genutzt. Auch hier erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse.

Informationen zur Ausgrabung

Das Archäologische Museum Hamburg führt die Grabung als diejenige wissenschaftliche Institution durch, die im Landkreis Harburg und in den als Denkmalbehörde eigenständigen Städten Winsen (Luhe) und Buchholz in der Nordheide die fachlichen Aufgaben der Bodendenkmalpflege wahrnimmt.

Interessierte können sich über das aktuelle Grabungsgeschehen auf den Social-Media-Kanälen des Archäologischen Museums Hamburg informieren. Hier werden regelmäßig aktuelle Informationen über die Fortschritte auf der Grabungsstelle geboten. Am 10.09.2023, dem Tag des offenen Denkmals, bietet das Archäologische Museum Hamburg mehrere Führungen über das Gelände an.

Weitere Informationen auch unter: www.amh.de

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