Bärbel Wegner – Harburg. Das Buch – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 19 Dec 2025 13:53:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

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Harburg zum Entdecken und Verschenken https://www.tiefgang.net/harburg-zum-entdecken-und-verschenken/ Fri, 24 Oct 2025 22:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12746 [...]]]> Autorin Bärbel Wegner präsentierte diese Woche in der Harburger Bücherhalle ihr neuestes Werk: „Harburg. Das Buch.“ Kein trockenes Geschichtsbuch sondern Leidenschaft zum Leben südlich der Elbe.

Das Buch ist ein Muss für alle, die das Gefühl lieben, durch die eigene Stadt zu streifen und hinter jeder Ecke eine neue Geschichte zu entdecken. Die Autorin Bärbel „Bascha“ Wegner, die selbst im Landkreis Harburg lebt und tief in der lokalen Materie verwurzelt ist, schreibt unter anderem für die Harburger Eisenbahnbaugenossenschaft und hat nun zusammen mit dem gebürtigen Harburger Fotografen Steven Haberland ein echtes Entdeckerbuch geschaffen. Der Tenor ist dabei klar: „Vielfalt und Kontraste liegen in der Stadt und dem Bezirk südlich der Elbe eng beieinander.“

Und das spürt man auf jeder Seite! Das Buch ist kein pflichtschuldiges Abbild mit dem typischerweise gezeigten Rathaus oder der Alten Elbbrücke. Ausgerechnet die findet man hier nicht. Wohl aber eine energische Einladung zum Schlendern und Entdecken. Und mit absolut ästethischen Fotos von Steven Haberland. Es führt zu den Anfängen im Binnenhafen, zeigt uns, wie Harburg wohnt und speist, und wirft einen intimen Blick auf die Menschen und ihre Netzwerke, die diesen Ort bunt und lebenswert machen. Hier geht es um Kultur und Natur, um Orte für Kinder und Orte des Wissens, um die vielfältigen Projekte und Initiativen in der Region Süderelbe.

Und die Gliederungen sind gelungen: Wir tauchen ein in das „Engagierte Harburg“, sehen das pulsierende „Junge Harburg“ und genießen das „Gastliche Harburg“. Die Reise führt weiter zum „Kulturellen Harburg“, dem „Klugen Harburg“, dem „Grünen Harburg“ und endet beim „Gebauten Harburg“.

Der Satz „Adressiert ist dieses Buch an alle, die ebenfalls neugierig sind auf die Vielfalt Harburgs“ fasst es im Grunde zusammen. Es ist ein erzählerisches Zeitdokument, das nicht vollständig sein will, sondern ehrlich, ästhetisch hochwertig und menschlich.

Ein ideales Geschenk

Gerade jetzt, mit Blick auf die kommenden Feiertage, ist „Harburg. Das Buch“ ein guter Griff. Es ist das ideale Geschenk zur Weihnachtszeit für alle Harburg-Liebhaber*innen und vor allem für Neuzugezogene, die sich schnell und emotional in ihrer neuen Heimat verwurzeln wollen.

Bärbel Wegner: Harburg. Das Buch. Stadt, Kultur und Natur, Junius Verlag, ISBN 978-3-96060-594-2, Preis 24,90 €

Erhältlich ist dieses Schmuckstück unter anderem in der Buchhandlung am Sand oder in Neugraben – unterstützen Sie den lokalen Buchhandel!

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