Benin. Geraubte Geschichte – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 16 Dec 2022 13:55:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Der Retourenschein https://www.tiefgang.net/der-retourenschein/ Fri, 16 Dec 2022 23:46:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9584 [...]]]> Insgesamt 179 Objekte aus dem ehemaligen Königreich Benin, die im Zuge einer kolonialen Invasion von britischen Soldaten geraubt und im Anschluss verkauft wurden, befinden sich noch im Besitz Hamburgs. Aber nicht mehr lange …

Nachdem der Bund zusammen mit Nigeria den Rahmen für die Rückgabe der Benin-Bronzen geklärt hat und Senat und Bürgerschaft der vollständigen Eigentumsübertragung der Benin-Bronzen zugestimmt haben, haben jetzt der Botschafter der Bundesrepublik Nigeria, S.E. Yusuf Maitama Tuggar, der Generaldirektor der Nationalen Behörde für Museen und Denkmäler in Nigeria, Prof. Abba Isa Tijani, Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda und die Direktorin des Museums am Rothenbaum, Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, im Hamburger Rathaus den Vertrag zur vollständigen Eigentumsübertragung und Rückgabe der Bronzen unterzeichnet. Im Anschluss wurden die ersten Objekte zur Rückführung nach Nigeria überreicht.

Mit der Unterzeichnung und Übergabe geht ein jahrzehntelanger Prozess um die Rückforderung von Kulturgut zu Ende. Zunächst hatten sich insbesondere die Nachfahren des Königshauses Benin dafür stark gemacht und schließlich in Europa auch zivilgesellschaftliche Initiativen. Diese mündeten 2019 in den Beschluss der Kulturministerkonferenz unter Vorsitz Hamburgs zum künftigen Umgang mit kolonial belastetem Sammlungsgut. 2021 schuf schließlich der Bund zusammen mit der Bundesrepublik Nigeria mit dem „Memorandum of Understanding on Museum Cooperation“ die Voraussetzung für die vollständige Eigentumsübertragung, die Hamburg schließlich in diesem Jahr vollzogen hat. Maßgeblich vorangetrieben wurden die Verhandlungen auch von der Benin Dialogue Group unter der Co-Gründung von Prof. Dr. Barbara Plankensteiner. Die intensive Aufarbeitung und Forschung an den Beständen, die Vermittlung und Digitalisierung, die zuletzt in das Projekt Digital Benin mündete, und schließlich auch die Ausstellung im MARKK „Benin. Geraubte Geschichte“ zeigen, wie entscheidend Museen und insbesondere das MARKK in der Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Geschichte sind.

Mit der Bundesrepublik Nigeria ist vereinbart, dass zunächst drei Objekte übergeben werden. Zudem ist verabredet, dass rund zwei Drittel in nächster Zukunft zurückgehen werden und ein Drittel der Bronzen als Leihgaben in Hamburg verbleibt. Zukünftig sollen der internationale Austausch, Wissenstransfer und gemeinsame Wanderausstellungen die Zusammenarbeit zwischen Hamburg und Benin City begleiten, dies unter anderem auch beim Aufbau des Edo Museum of West African Art (EMOWAA) und eines Royal Museums.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die heutige Rückgabe der Benin-Bronzen ist ein besonderer Meilenstein der gemeinsamen Verhandlungen zwischen Hamburg und der Bundesrepublik Nigeria. Mit der feierlichen Unterzeichnung der Rückgabevereinbarung über 179 Benin-Objekte beginnt ein neuer Abschnitt der Zukunft des gemeinsamen Kulturaustausches, auf den Tag genau ein Jahr nach der festlichen Eröffnung der Ausstellung ‚Benin. Geraubte Geschichte’. Der heutige Tag darf aber kein Endpunkt sein, sondern soll den Auftakt zu einem vertieften kulturellen Austausch zwischen Europa und Afrika bilden.“

S.E. Yusuf Maitama Tuggar, Botschafter der Bundesrepublik Nigeria: „Hamburg is the Jewel of the Hansa League and Germany’s gateway to Africa and the rest of the World. It is therefore heart-warming to witness Hamburg being a beacon in the biggest event in Cultural diplomacy”.

Prof. Abba Isa Tijani, Generaldirektor der Nationalen Behörde für Museen und Denkmäler in Nigeria: „The National Commission for Museums and Monuments of Nigeria is highly elated at this event of signing the repatriation agreements of these highly valued Benin Bronzes from the Museum am Rothenbaum (MARKK) in Hamburg. The entire nation of Nigeria is delighted. We all look forward to a future of greater collaboration on equitable terms with this great museum and the city of Hamburg.”

Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum: „Nach langen Vorbereitungen ist es nun soweit! Mit diesem Schritt setzt die Freie und Hansestadt Hamburg ein wichtiges Zeichen in der Aufarbeitung ihres kolonialen Erbes. Für uns im MARKK bedeutet es den Beginn einer neuen und intensiven Zusammenarbeit mit Nigeria. Wir freuen uns auf zukünftige gemeinsame Projekte und ein besonderes Museum in Benin City.“

Die Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ wird noch bis auf Weiteres im Museum am Rothenbaum (MARKK) zu sehen sein.

 

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Benin. Geraubte Geschichte https://www.tiefgang.net/benin-geraubte-geschichte/ Fri, 17 Dec 2021 23:26:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8649 [...]]]> In der Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ würdigt das Museum am Rothenbaum (MARKK) seit dem 17. Dezember 2021 seine Benin-Sammlung bevor es ihre Rückgabe vorbereitet.

Damit macht es sie der Öffentlichkeit nochmal vollständig zugänglich. Die Präsentation lässt Besucher*innen an dem laufenden Prozess der Rückgabe der Artefakte nach Nigeria teilhaben und beleuchtet sowohl die Herkunftsgeschichte als auch die herausragende künstlerische Qualität der Werke und ihren Stellenwert in der afrikanischen Kunst- und Kulturgeschichte. Insbesondere wird die Verbindung der Sammlung mit den Hamburger Handelsnetzwerken nachvollzogen.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die Benin-Bronzen in Hamburg erzählen nicht nur von kolonialer Unterwerfung, Raub und jahrzehntelanger Ignoranz. Sie verkörpern auch den Stolz einer ganzen Kultur. Daher wollen wir endlich unserer Verantwortung gerecht werden und mit dieser Ausstellung das klare Versprechen verbinden, dass sich alle in Hamburg befindenden Benin-Objekte restituiert werden. Unser Ziel ist es, dies vollständig und bedingungslos im Jahr 2022 abzuschließen. Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung aber nicht nur die Rückgabe dieser einzigartigen Kunstschätze markiert, sondern zugleich ein neues Kapitel im kulturellen Austausch zwischen Europa und Afrika aufschlägt.“

Die gewaltsame koloniale Unterwerfung des Königreichs Benin (heute Edo State, Nigeria) durch britische Truppen im Februar 1897 markierte das Ende eines der mächtigsten westafrikanischen Königreiche. Eine der Folgen war die weltweite Distribution von 3.000 bis 5.000 Objekten, die aus dem königlichen Palast geraubt wurden. Rund 170 von ihnen befinden sich heute im MARKK. Die Kunstwerke aus Bronze, Elfenbein und Holz, die häufig unter dem Begriff „Benin-Bronzen“ zusammengefasst werden, sollen im kommenden Jahr zusammen mit Beständen anderer deutscher Museen nach Benin City restituiert werden. Die Rückgabe wird seit April dieses Jahres gemeinsam mit den nigerianischen Partner:innen und Vertreter:innen von Bund und Ländern vorbereitet. Parallel dazu schafft die von der Ernst von Siemens Kunststiftung geförderte digitale Wissensplattform Digital Benin des MARKK bis Ende 2022 einen weltweiten Überblick über die geraubten Kunstwerke.

Prof. Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Es ist großartig, dass wir diese Ausstellung so kurzfristig umsetzen konnten, bevor die Werke dorthin zurückkehren wo sie hingehören. Schon lange war es mir ein Anliegen, die Benin-Sammlung des MARKK vollständig zu zeigen, was seit Beginn des 20. Jahrhunderts nie mehr geschehen ist. Ich finde sie persönlich wegen ihrer Vielfältigkeit und einiger historisch einzigartiger Objekte besonders faszinierend. Ich möchte, dass wir uns von diesen Werken verabschieden, indem wir ihre Qualität und Bedeutung für eine globale Kunstgeschichte noch einmal würdigen und gleichzeitig ihrer Provenienz als koloniales Raubgut gerecht werden. Durch unser Digital Benin Projekt und die Zusammenarbeit mit den nigerianischen Partner:innen fließen dazu unterschiedlichste Perspektiven ein.“

Ikonische Kunst

Die Benin-Bronzen gehören zu den Höhepunkten der afrikanischen Kunst. Zugleich stehen die Kunstwerke in europäischen Sammlungen für die koloniale Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch die Europäer. Benin City ist heute ein lebhaftes Kunstzentrum in Nigeria und viele zeitgenössische Künstler:innen befassen sich in ihren Werken mit dem Verlust ihres wichtigen kulturellen Erbes. Die (kunst-)historische und identitätsstiftende Bedeutung der Werke wird in der Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Die Ausstellung soll die Notwendigkeit der Rückgabe nach Nigeria als Akt der Gerechtigkeit betonen und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie bedeutend afrikanische Kunst für ein Verständnis der Menschheitsgeschichte ist. Sie ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der höfischen Kunst Benins und widerlegt zugleich die rassistische Vorstellung von der Höherwertigkeit und Einzigartigkeit der europäischen Kunst.

Osaisonor Godfrey Ekhator-Obogie, Mitglied des kuratorischen Teams: „Als Benin-Historiker bietet mir diese Ausstellung die Möglichkeit, die kaum gewürdigte Geschichte des Volkes von Benin zu erzählen. In dieser Ausstellung des MARKK ist daher auch ein Bewusstsein für die Kulturgeschichte Benins enthalten. Nichts ist spannender, als die Geschichte zu erzählen, die ein Objekt aus Benin enthält, erzählt, vermittelt und hinterlässt. Es ist die Geschichte des Volkes von Benin und nicht die der Könige und Reiche. Eine Geschichte, die herausragt und lebendig ist, wann immer sie erzählt wird, eine Geschichte, die uns in die Jahre und an die Schauplätze der Ereignisse zurückführt.“

Hamburg

Der Hamburger Hafen war ein zentrales Eingangstor für den Transfer von Benin-Werken nach Deutschland sowie ihren Weitervertrieb in Kontinentaleuropa. Nach der Plünderung durch die britischen Kolonialtruppen 1897 wirkten Agenten Hamburger Handelshäuser und deutsche Schiffsleute maßgeblich an der Distribution der Artefakte mit. Das Interesse Hamburger Museen an den zuvor unbekannten Werken wiederum schürte den Sammelwahn in Deutschland. Diese Verflechtungen werden in der Ausstellung erläutert und veranschaulicht.

Prof. Abba Isa Tijani, Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments: „Ich fühle mich sehr geehrt, an der Bedeutung dieses Tages teilzuhaben. Für uns markieren diese Ereignisse den Beginn der Rückkehr der Benin-Bronzen nach Nigeria. Die Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Veranstaltung zur Vorbereitung der Rückgabe findet in Hamburg statt, der Stadt, von der aus sie ursprünglich nach Deutschland gelangten. Es ist lobenswert, dass Hamburg diese Altertümer auf so bedeutsame Weise ausstellt und sich gleichzeitig von ihnen verabschiedet.“

Die Ausstellung

Die Sammlung wird erstmals seit über 100 Jahren vollständig präsentiert, inklusive Fragmenten und Kleinobjekten sowie dreier bedeutender Werke, die in diesem Jahr aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in die Sammlung des MARKK überführt wurden. Darüber hinaus bringt sie historische Fotografien, zeitgenössische Werke und heutige Stimmen aus Benin-City zusammen. Die vollständige Präsentation der Sammlung möchte national und international für Transparenz sorgen, einen Einblick in den laufenden Restitutionsprozess geben und zusammen mit der im nächsten Jahr erscheinenden Begleitpublikation zur wissenschaftlichen Erschließung und abschließenden Würdigung der Bestände in Hamburg beitragen.

Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär Ernst von Siemens Kunststiftung: ‚„Benin. Geraubte Geschichte‘ eine Ausstellung und das Thema für zwei wichtige Förderprojekte der Ernst von Siemens Kunststiftung: Die Datenbank DIGITAL BENIN macht die weltweit verstreuten Kunstwerke des Königreichs Benin wieder in ihrer Gesamtheit sichtbar und zugänglich. Die aktuelle Ausstellung zeigt den herausragenden Hamburger Bestand der Kunst aus Benin. Beide Projekte dokumentieren die künstlerische Qualität der Werke, sichern deren zukünftige Zugänglichkeit und Bewahrung, begleiten den wissenschaftlichen Austausch mit Nigeria sowie die laufenden Restitutionsprozesse.“

 

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