Bertini-Preis https://www.tiefgang.net Tue, 23 Apr 2019 07:06:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Bundesverdienstkreuz für Klaus Möller https://www.tiefgang.net/bundesverdienstkreuz-fuer-klaus-moeller/ Fri, 19 Apr 2019 22:45:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5166 [...]]]> Der Harburger Klaus Möller engagiert sich seit Jahren gegen das Vergessen des Nazi-Terrors. Nun wurde ihm zu Ehren Hamburger Rathaus gefeiert.

Die gute Nachricht kam per Post: In einem Schreiben teilte die Hamburger Senatskanzlei Klaus Möller (83) mit, dass ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen werde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterschrieb die entsprechende Urkunde bereits im Dezember. Bei einer Feierstunde im Hamburger Rathaus nahm Möller nun Urkunde und Verdienstkreuz aus der Hand von Schulsenator Ties Rabe entgegen: Außergewöhnliche Auszeichnung eines Mannes, der seit Jahrzehnten wie kaum ein anderer in Harburg unermüdlich im Einsatz ist wider das Vergessen der nationalsozialistischen Gräueltaten.

Dass sich Klaus Möller für Geschichte interessiert, kommt nicht von ungefähr: 38 Jahre hat er Englisch und eben Geschichte unterrichtet. Zuletzt, und bis zu seiner Pensionierung 1999, lange Zeit als stellvertretender Leiter des Heisenberg-Gymnasiums. Damals wie heute speiste er seine Motivation aus dieser Überzeugung: „Wer die Geschichte kennt, weiß, wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht wiederholt.“ Ein Ansatz, den auch der Senator in seiner Ansprache hervorhob: „Sie haben mit Beharrlichkeit und viel Fingerspitzengefühl dafür gesorgt, dass sich auch junge Menschen mit den Geschichten der Opfer, ihrem Leben und ihrem Leiden auseinandergesetzt haben.“

Bertini-Preis für neun Dokumentationen

Als Lehrer und später auch als treibende Kraft bei der „Initiative Gedenken in Harburg“, die im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feierte und der er fast von Anfang an angehört, hat er immer wieder Schüler bei ihren Projektarbeiten begleitet und unterstützt. Mit großem Erfolg: Zehn dieser Dokumentationen gingen ins Rennen um den Bertini-Preis, neun wurden tatsächlich mit dem Preis ausgezeichnet: „Das ist unter Hamburger Lehrkräften absoluter Rekord“, sagte Rabe.

Der Bertini-Preis wird jedes Jahr an Schüler vergeben, die sich in besonderer Weise für mehr Toleranz und gegen das Vergessen von Unrecht und Unmensch-lichkeit während der Nazi-Zeit einsetzen. Der Bertini-Preis e. V. war es auch, der Möller für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat. An sich hätte er es in Hannover entgegennehmen sollen. Denn Möller lebt mit seiner Frau Irmtraut (75) seit 50 Jahren in Rosengarten. Doch Hamburg konnte sich durchsetzen: Weil Möller mit seinem Engagement hier so sehr verwurzelt ist, kam es zur Feierstunde im Hamburger Rathaus.

An der nahmen auch ehemalige Schüler, Lehrer sowie Mitstreiter von „Gedenken in Harburg“, dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Landeszentrale für politische Bildung, der Hamburger Stolperstein-Initiative und des Bertini-Preis e. V. teil. Alles Menschen, „ohne die meine jahrelange Arbeit Stückwerk geblieben wäre“, sagt Möller. So aber ergibt sich ein komplexes Bild: Möller veröffentliche zahlreiche Kurzbiografien von Opfern des Nationalsozialismus. Er sorgte mit dafür, dass die Idee des Kölner Künstlers Gunter Demnig, mit Stolpersteinen an die Opfer des Nazi-Terrors zu erinnern, vor 15 Jahren auch in Harburg umgesetzt wurde. Aktuell bringt es der Bezirk auf 231 Steine.

Möller organisierte Putzaktionen und mehr als 100 Rundgänge. Zudem sorgte seine Harburger Initiative dafür, dass mehr als 100 Zeitzeugen Harburg einen Besuch abstatteten. Was Möller dabei stets besonders beeindruckt und nachhaltig bewegt, ist der direkte Austausch zwischen diesen Holocaust-Überlebenden und Schülern. Klaus Möller ist überzeugt: „Ein Gespräch mit einem Zeitzeugen bringt so viel wie fünf Stunden Geschichtsunterricht.“

Möller selbst merkt noch an: „Über die unerwartet vielen Glückwünsche zu meiner Ehrung durch den Bundespräsdidenten habe ich mich ungemein gefreut, ohne dabei zu vergessen, dass Unzählige von Euch zu dieser eindrucksvollen Bilanz einer lebendigen Erinnerungsarbeit im Bezirk Harburg in erheblichem Maße beigetragen haben. Für diese Mitwirkung bin ich überaus dankbar. Ich hoffe, dass das Engagement gegen das Vergessen auch in Zukunft viel Positives bewirkt, und wünsche allen ein frohes Osterfest.“

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„Da läuft etwas an der Hand“ https://www.tiefgang.net/da-laeuft-etwas-an-der-hand/ Fri, 15 Sep 2017 22:19:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2157 [...]]]> Eines von drei Geschwistern kommt in Finkenwerder behindert zur Welt. Der Weg in die Alsterdorfer Anstalten war seine Sackgasse: Hermann Quast.

Hermann Quast kam am 24. März 1936 als drittes Kind der Hausfrau Hildegard Quast, geb. Fenske, (geb. 15. Jan. 1912) zur Welt. Bei seiner Geburt wog er drei Kilo. Seine Mutter war in zweiter Ehe mit Heinrich Quast (geb. 9. Mai 1908) verheiratet, nachdem ihr erster Mann Heinrich Hennings (geb. 30. Okt. 1907), ein gelernter Klempner, den sie 1932 geheiratet hatte, infolge eines Unfalls im Jahre 1934 in der Elbe ertrunken war.
Nach ihrer Schulzeit hatte Mutter Hildegard Quast ein Jahr die Berufsschule in Wilhelmsburg besucht und dann eine Stellung als Hausangestellte angenommen. Im Jahre 1935 hatte sie ein zweites Mal geheiratet und ihre beiden Kinder Hertha (geb. 14. Aug. 1933) und Heinrich (geb. 28. Nov. 1934) mit in die Ehe gebracht. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen zwei Halbgeschwistern lebte Hermann in der Benittstraße 26 III in Hamburg-Finkenwärder, wie es damals hieß.

Hermann Quast (sein Kopf wird für die Fotografie gestützt) © Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Hermann Quasts Vater Heinrich Hennings war zunächst in Finkenwerder aufgewachsen und hatte hier wie seine sechs Geschwister die Schule besucht. Nach Jahren der Seefahrt nahm er jedoch zur Zeit seiner Heirat eine Stelle als Bohrer bei der Deutschen Werft auf der Rüschhalbinsel in Finkenwerder an. Seine Familienangehörigen waren in Finkenwerder und in Neuenfelde ansässig.

Über das erste Lebensjahr von Hermann Quast ist uns nichts bekannt. Mit einem Jahr und fünf Monaten jedoch, vom 3.8. bis 14.8.1937, war Hermann im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort untergebracht. Warum, wissen wir (noch) nicht. Doch hier heißt es zum ersten Mal in der Akte: „Das Kind erscheint weder geistig noch körperlich seinem Alter entsprechend entwickelt zu sein.“ Geriet er damit in den Fokus der nationalsozialistischen Behörden?

„In der Entwicklung zurückgeblieben“

Am 17.11.38 wurde die „Fü-Akte“ (Fürsorgeakte) über den zweieinhalbjährigen Hermann erstellt. Hier ist zu lesen: „…vollkommen in der Entwicklung zurückgeblieben, läuft jetzt etwas an der Hand, spricht noch nicht und isst noch kaum mit dem Löffel. In der Untersuchungen der Wiegestunde wurde Mongoloide Idiotie festgestellt.“

Zwei Jahre später, am 27.10.1939, wurde vom Jugendamt Hamburg eine „psychiatrische Untersuchung“ durchgeführt einschließlich „erbbiologischer Erhebungen“, „Untersuchungsgrund?: Unterbringung“.

Auf wessen Initiative diese Maßnahme zurückging, ist unklar. Waren es die Eltern selbst, die nach der Geburt eines weiteren Kindes im Juni 1938 womöglich nicht mehr die Kraft hatten, allen vier Kindern in gleicher Weise gerecht zu werden? Waren es staatliche Stellen? War es jemand aus ihrem Umfeld, der glaubte, dass der kleine Junge in einer Einrichtung, die auf die Hilfe für Menschen mit Behinderungen spezialisiert war, besser als in seiner Familie in der Benittstraße 26 aufgehoben war? Oder gab es andere Gründe? Wir wissen es ebenso wenig wie uns die Reaktion seiner Eltern auf die Aufforderung zur Untersuchung bekannt ist.

„Mongoloide Idiotie“

Bei der Untersuchung am 27. Oktober 1939 kamen die Ärzte Hülsemann, Ltd. Oberarzt, und Gräfe, Assistenzarzt, beim Jugendamt Hamburg, Abt. II B, zur Beurteilung: „Es handelt sich um mongoloide Idiotie“. Hermann solle deshalb in die Alsterdorfer Anstalten überwiesen werden, zumal seine Mutter ein weiteres Kind erwarte und ihn nicht mehr versorgen könne. Ein „Überweisungsschein“ wurde dem Bericht beigelegt, d.h. die Sozialverwaltung würde die Kosten übernehmen.

Am 10.1.1940 wurde Hermann in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Am Tag der Einweisung schrieb ein Arzt über den kleinen Patienten „[Das Kind] ist sehr unruhig, so daß es angegurtet werden muß“. Hermann konnte nicht allein essen und wusste nicht, wann er auf die Toilette gehen sollte. Er musste versorgt und gefüttert werden, sei aber freundlich und anhänglich, wie es am 10. Juli 1941 hieß.

Am 14. Juli 1941 bestätigte Gerhard Kreyenberg, Leitender Arzt der Alsterdorfer Anstalten, der „Sozialverwaltung Sonderstelle“, dass eine Verlängerung des Aufenthaltes von Hermann Quast in dieser Einrichtung erforderlich sei, was auch Prof. Schäfer, Vorsitzender des Alsterdorfer Vorstands, am 30. Oktober 1942 bekräftigte. Am 6. August 1943 schloss Kreyenberg die Krankenakte Hermann Quasts mit der Eintragung: „Verlegt, da die Alsterdorfer Anstalten zerstört sind.“ Hermann Quast kam in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Eltville in Hessen.

Damit gehörte er zu den insgesamt 26 Kindern und 44 Männern aus Alsterdorf, die am 8. August 1943 in Eichberg eintrafen. Einige der Neuankömmlinge trugen Zwangsjacken und wurden – so ein Bericht – „wie Vieh auf LKWs“ geladen und zum Eichberg gebracht.

Die „Landesheilanstalt Eichberg“ am Rhein (die heutige „Vitos Klinik Eichberg“) war 1849 auf dem Gelände des Klosters Ebersbach gegründet worden. Die Einrichtung fungierte bis zum August 1941 als Durchgangsstation der Euthanasie-Patienten in die Vernichtungsanstalt Hadamar. Im Winter 1940/41 richtete der leitende Arzt Mennecke eine „Kinderfachabteilung“ ein, in der geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche „euthanasiert“ wurden. Diese Abteilung wurde vom Arzt Walter Schmidt geleitet. Er verabreichte den Patienten Morphium/Skopolamin oder in Zuckerwasser aufgelöste Schlaf- und Betäubungsmittel, wie z. B. Luminal, die zum Tode führten.

„Nach zwei bis drei Minuten tot“

Ein ehemaliger Pfleger berichtete später: „Dr. Schmidt kam öfters, manchmal zwei- bis dreimal an einem Tag … durch meine Station. … Er deutete dann mit seinem Finger auf einzelne Patienten und sagte, der oder jener würde ihm nicht mehr gefallen. Dr. Schmidt trug meistens einen Zettel in der Tasche, auf welchem er die Namen verschiedener Kranker notiert hatte. Manchmal waren es mehrere, manchmal nur ein Kranker … Manchmal ließ er solche Kranken sofort ins Ärztezimmer bringen, manchmal gab er auch eine bestimmte Zeit an, wann er den Kranken im Ärztezimmer sehen wollte. Der Pfleger vom Dienst musste dann jeweils den Kranken zu Dr. Schmidt bringen. Wenn ich Dienst hatte, war ich mit Dr. Schmidt im Ärztezimmer zusammen und habe für ihn, wie es üblich ist, die Handreichungen gemacht. Wenn nun ein solcher Kranker im Ärztezimmer war, sagte Dr. Schmidt, dass ich eine Morphiumspritze zurechtmachen sollte. Er gab auch immer das Quantum Morphium an, welches ich in die Spritze einfüllen sollte. Manchmal waren es 10 ccm, manchmal auch 20 ccm, manchmal noch mehr. Es ist auch vorgekommen, dass ich die Spritzen mit Luminal füllen musste, je nachdem, was gerade an Giften vorhaben war. Nachdem ich nun jeweils die entsprechende Spritze vorbereitet hatte, spritzte er dieselbe intravenös ein. Nachdem Dr. Schmidt jeweils die Spritze verabfolgt hatte, verließ er meist ohne ein Wort zu sagen das Ärztezimmer. Nach zwei bis drei Minuten war der Patient tot. Die diensthabenden Krankenpfleger holten die Leiche dann im Ärztezimmer ab.“

Am 18. September 1943 – sechs Wochen nach seiner Einlieferung – starb auch Hermann Quast um 5 Uhr morgens in Eichberg, wie seine Sterbeurkunde besagt. Als Todesursache wurden Herzschwäche und Geisteskrankheit eingetragen.
Können wir den Angaben glauben? Keines der 26 Kinder, die am 8. August 1943, von den „Alsterdorfer Anstalten“ kommend, in Eichberg ankamen, überlebte.

© Julia Klindworth/Hannelore Fielitz

Quellen: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, V0 23, Hermann Quast; Stadtarchiv Eltville am Rhein; www.alsterdorf.de/ueber-uns/geschichte.html; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1988, Ernst Klee, `Euthanasie´ im NS-Staat. Die `Vernichtung lebensunwerten Lebens´, Frankfurt a. M. 1985.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

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Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, bertini-preis.hamburg.de, gedenken-in-harburg.de

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