Bismarck-Denkmal Hamburg – Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 21 Jul 2025 16:25:56 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Ein Koloss im Fokus https://www.tiefgang.net/ein-koloss-im-fokus/ Fri, 18 Jul 2025 22:07:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12122 [...]]]> Hamburgs Stadtbild beherbergt Zeugen der Geschichte einer reichen, aber auch unhinterfragten Vergangenheit. Einer dieser Zeugen, unübersehbar und dominant im Alten Elbpark platziert, ist Bismarck. Oder besser sein Denkmal.

Als weltweit größtes seiner Art, 1906 eingeweiht, reiht es sich ein in Hunderte von Denkmälern, die dem einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck gewidmet sind. Dieses monumentale Bauwerk symbolisiert nicht nur die Ära seines Namensgebers, sondern verweist auch auf eine tiefgreifende und oft verdrängte Verstrickung Hamburgs in die Kolonialgeschichte. Die glorifizierende Darstellung, initiiert von einflussreichen Hamburger Bürger*innen, deren Planungen bereits einen Tag nach Bismarcks Tod begannen und deren Finanzierung auch durch Kaufleute erfolgte, die direkt aus dem Kolonialhandel profitierten, steht in diametralem Widerspruch zu Bismarcks Rolle in der deutschen Kolonialpolitik. Die Notwendigkeit, diese historischen Fakten unmissverständlich und vollumfänglich offenzulegen, ist heute evidenter denn je.

Otto von Bismarck, erster Reichskanzler des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs, prägte durch seine machtpolitisch ausgerichtete Innen- und Außenpolitik die deutsche Geschichte maßgeblich. Seine Errungenschaften, von der Reichseinigung bis zur Einführung der Sozialgesetzgebung, sind unbestritten Teil des historischen Kanons. Doch die Forschung bewertet die Motive für die Errichtung des Denkmals in Hamburg, das Bismarck in der heroischen Symbolik eines Roland oder Siegfried darstellt, unterschiedlich. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass dieses Denkmal die koloniale Beteiligung Bismarcks und die Profite Hamburgs aus dieser Epoche verdeckt. Diesen Widerspruch nicht aktiv zu adressieren, wäre eine fortgesetzte Verharmlosung eines bedeutsamen Teils unserer Historie.

Die Kulturlandschaft Hamburgs steht daher vor der Aufgabe, dieses Denkmal und seine Geschichte transparent zu präsentieren. Eine kritische Aufarbeitung des Monuments, dessen Ikonografie eine einseitige Geschichtsbetrachtung perpetuiert, wird als zwingend erforderlich erachtet. Die Freie und Hansestadt Hamburg, vertreten durch die Behörde für Kultur und Medien, agiert hierbei konsequent auf der Grundlage der Hamburger Verfassung. Der dort festgeschriebene Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist explizit auch Teil aller Förderrichtlinien der Kulturbehörde. Dies bedeutet, dass alle durch die Behörde eingesetzten Jurys vor Auswahlprozessen verbindliche Standards zur Diskriminierungsbekämpfung vereinbaren. Es wird damit deutlich gemacht, dass eine unkommentierte Fortschreibung heroisierender Narrative mit diesen institutionellen Prinzipien inkompatibel ist.

Die essenzielle Vermittlung der komplexen historischen Zusammenhänge darf nicht unterbleiben. Die Geschichte muss in ihrer ganzen, oft schmerzhaften Komplexität erfasst und kommuniziert werden. Dies erfordert eine proaktive Gestaltung der Erzählweisen rund um das Denkmal. Es gilt, eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen und das Denkmal als einen Ort der Reflexion über unsere koloniale Vergangenheit zu etablieren.

Um diese anspruchsvolle Vermittlungsarbeit zu gewährleisten, schreibt die Behörde für Kultur und Medien nun Guide-Schulungen (die Ausschreibung hier) aus. Die Guides werden darin geschult, eigenständig Führungen von ein- bis zweistündigen Touren in Gruppen durchzuführen. Thema sind die Entstehungs- und Kunstgeschichte des Bismarck-Denkmals. Die Guides sollen später eigenständig Führungen von ein- bis zweistündigen Touren in Gruppen durchführen. Thema sind die Entstehungs- und Kunstgeschichte des Bismarck-Denkmals. Die Befähigung zur kritischen Auseinandersetzung ist hierbei nicht nur wünschenswert, sondern fundamental. Eine solche Haltung wird für eine Stadt, die sich selbst als „Tor zur Welt“ sieht, unabdingbar werden.

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„Bismarck stoppen!“ https://www.tiefgang.net/bismarck-stoppen/ Fri, 26 Jun 2020 22:00:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7056 [...]]]> Die Initiativen „Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg“ und „Decolonize Bismarck“ fordern Einstellung der Restaurationsarbeiten und laden am Sonntag zur Demo.

In der Mitteilung und zugleich Einladung zur Demonstration heißt es:

„DENKMÄLER STÜRZEN

Im Rahmen der Proteste der »Black Lives Matter«-Bewegung gegen Polizeigewalt und Rassismus haben Aktivist:innen in den letzten Wochen weltweit Denkmäler für Rassisten, Sklavenhändler und Kolonialakteure vom Sockel geholt – ob in den USA, Neuseeland, Belgien oder England. Als Reaktion darauf ließ etwa Antwerpen eine Statue des belgischen Königs und Kolonialverbrechers Leopold II. abbauen, der für die »Kongo-Gräuel« verantwortlich war, und will in den USA die Partei der Demokraten Denkmäler aus dem Kapitol entfernen lassen, die Kämpfer der Konföderierten Staaten im US-Bürgerkrieg würdigen und damit Versklavung verherrlichen.

UND HAMBURG?

Hamburg putzt sein monumentales Bismarck-Denkmal für 9 Millionen Euro heraus, um es aufzuwerten. Dabei war Reichskanzler Otto von Bismarck ein Antidemokrat, Antisemit, Kriegstreiber und Wegbereiter der deutschen Kolonialpolitik.

KEIN DENKMAL FÜR EINEN KOLONIALAKTEUR UND »POSTERBOY« DER RECHTEN

Im Verbund mit Hamburger Kolonialkaufleuten, allen voran Adolph Woermann, schickte Bismarck Kriegsschiffe nach Westafrika, um die Handelsinteressen der Koloniallobbyisten an der dortigen Küste zu schützen und gegen widerständige Afrikner:innen mit Waffengewalt durchzusetzen. 1884/85 richtete er die Berliner Afrika-Konferenz aus, bei der westliche Mächte den afrikanischen Kontinent eigenmächtig unter sich aufteilten. Afrikaner:innen waren nicht eingeladen. So ehrte das Hamburger Großbürgertum mit dem 1906 eingeweihten Denkmal nicht nur den »Reichseiniger« von 1871, sondern auch und vor allem den Förderer ihrer über Leichen gehenden Kolonialgeschäfte. Die Hamburger Arbeiterschaft dagegen lehnte das Standbild für den »Sozialistenfresser« Bismarck ab und blieb der Einweihung fern. In den 1920er-Jahren war das Denkmal Ziel national-revanchistischer Aufmärsche, was zu Straßenschlachten mit Gegendemonstrant:innen aus den benachbarten Arbeitervierteln führte. Die Nationalsozialisten machten aus dem Sockel einen Bunker und brachten dort völkische Ornamente und Parolen an, die noch heute vorhanden sind. Nach 1945 wurden hohe Bäume gepflanzt, um das Standbild den Blicken zu entziehen. 2003 sorgten bei der Einweihung der von Bismarck-Verehrer:innen bezahlten neuen Beleuchtung des Denkmals Mitglieder der extrem rechten Burschenschaft Germania für »Ordnung«, Gegendemonstrant:innen hielt die Polizei fern. Heute macht die AfD Bismarck zu ihrem »Posterboy« und druckt sein Porträt auf Tassen, T-Shirts und Transparente; der Thüringer AfD-Chef Bernd Höcke verlieh beim »Flügel«-Treffen 2020 erstmals eine Bismarck-Medaille.

Und in Hamburg? Ausgerechnet die SPD, die Bismarck 1878 als »gemeingefährlich« verbieten ließ, gibt heute Millionen an Steuergeldern aus, um das Denkmal im Stadtbild aufzuwerten. Dass wegen der baufälligen Statik dringender Handlungsbedarf für eine Sanierung bestand, ist mittlerweile wieder vom Tisch. Gleiches gilt für die Überlegung, außen Schautafeln zur historischen Einordnung des Denkmals zu errichten. Und das »Erinnerungskonzept«, das die Kritiker:innen besänftigen sollte? Steht in den Sternen.

UNSERE FORDERUNGEN

Die Unterzeichner:innen dieses Aufrufs fordern daher einen sofortigen Baustopp! Es bedarf einer breiten zivilgesellschaftlichen Debatte und Beteiligung beim Umgang mit dem Denkmal. Dabei müssen vor allem die Nachkommen der Kolonisierten maßgeblich beteiligt werden. Wir fordern einen öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb, bei dem Künstler:innen, auch aus afrikanischen Ländern, eine Kontextualisierung des Standbilds oder eine Umwandlung in ein entheroisierendes Gegendenkmal entwickeln und auch umsetzen.  Wird die Sanierung des Denkmals dagegen fortgesetzt, reproduzieren die Stadt Hamburg und der von SPD und Grünen geführte Senat Kolonialismus – und damit auch Rassismus.

#Blacklivesmatter“

Termin: Sonntag, 28. Juni 2020, 12–13 Uhr: Helgoländer Allee • 20459 Hamburg

Veranstalter: Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg, Initiative Decolonize Bismarck

Unterstützer: Hamburger Bündnis gegen Rechts, Flüchtlingsrat Hamburg, Interventionistische Linke, VVN-BdA Kontakt: bismarckdenkmalhh@gmail.com

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