Carsten Lünzmann – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 30 Dec 2020 17:19:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Kreativer Grünkohl! https://www.tiefgang.net/kreativer-gruenkohl/ Thu, 31 Dec 2020 08:06:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7499 [...]]]> War 2020 einfach nur für die Tonne? Wir haben bei Kulturschaffenden nachgefragt. Den Auftakt macht Carsten Lünzmann von der Dreifalt Genossenschaft.

Wie hat sich die Pandemie im Arbeitsalltag 2020 bemerkbar gemacht?

Unsere am 11. Februar 2020 gegründete Kultur-Genossenschaft Dreifalt eG baut sich gegenwärtig auf, füllt sich mit Inhalten und Zielen. Wir lernen, wie die Arbeit, Verwaltung und Organisation dieser Form von ur-demokratischer Kapitalgesellschaft mit Fokus auf Kulturarbeit funktioniert. Die Genossenschaft zu etablieren ist kein Selbstgänger, wie wir uns mit unserer Gründungseuphorie vielleicht etwas naiv erhofft haben. Tatsächlich müssen wir Netzwerke entwickeln, um unsere Arbeit und das „Große Ziel“, den Betrieb eines multipolaren, pluralistischen Kulturpalastes zu realisieren. Das läuft im persönlichen Kontakt einfach besser, als auf der zur Zeit von vielen bevorzugten digitalen Ebene. Unter dieser deutlichen Einschränkung fahren wir immer noch mit angezogener Handbremse, aber, wir fahren.

Wie weit werden die Nachwirkungen nachhallen?
Die Reaktionszeiten vieler Kontaktaufnahmen, auch zur Verwaltung, sind sehr lang, da die Arbeit im Homeoffice kurze Wege in Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen erschwert. Ob sich das ändert, wird sich zeigen.

Was waren 2020 die gravierendsten Entwicklungen?

Gravierend war für mich als Vorstand der Kulturgenossenschaft Dreifalt eG nach diversen Gesprächen mit den Leitungsebenen des Bezirksamtes und der Politik die Erkenntnis, dass aktive oder wenigstens konstruktive Unterstützung für unsere ehrenamtliche Arbeit wohl immer nur unter schnöden Aspekten des Eigennutzes gewährt wird. Diese Entwicklung, dass eine gute Idee zum Wohle des Stadtteils eben nicht spontan Unterstützung findet, sondern diese erst einmal beäugt wird, um bei einem möglichen Scheitern gar nicht erst mit an Bord gewesen zu sein, frustriert bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Hat man das überwunden, passt der Hartnäckige sein Handeln einfach entsprechend an. Diese Hartnäckigkeit und die Evolution der Strategie ist für mich eine der gravierendsten Entwicklungen.

Was hat 2020 an neuer Kreativität hervorgebracht?

Das Erfordernis einen Perspektivwechsel vorzunehmen und auch die Horizontlinie entsprechend zu verschieben: was macht eine Kulturgenossenschaft ohne Räumlichkeiten, die sich unter erschwerten Bedingungen entwickeln will, soll, muss und kann? Sie dezentralisiert  sich, entwickelt Veranstaltungsformate, die sie als Gast in Räumlichkeiten oder auf Flächen befreundeter Kulturinstitutionen und anderer kooperativer Partner umsetzt. Erste positive Gespräch hierzu wurden auch schon geführt.

Was war das persönlich einschneidendste Erlebnis in 2020?

Da bin ich entsetzlich anspruchslos, denn das war mein erster selbstgekochter Grünkohl mit lecker Röstkartoffeln und Kohlwurst; der schmeckte tatsächlich genauso empörend gut, wie ich ihn von meiner Oma aus Moorfleet kannte und meiner Mutter kenne. Das hat mich begeistert und – auf die Metaebene gehoben – den Beweis erbracht, dass scheinbar unlösbare Aufgaben häufig lösbar sind, wenn man sie einfach angeht. Da sehe ich dann durchaus die Parallele zu unserer kulturell- orientierten Genossenschaftsarbeit: nicht hadern, machen, mitmachen.

Was ist für 2021 absehbar?

Herausforderung bleibt Herausforderung, soll heißen, dass auch 2021 viel Arbeit vor uns liegt, die wir kreativ und hartnäckig, aber auch mit Ruhe und Gelassenheit angehen werden. Absehbar ist auch für 2021 dass das Harburger Gen das Handeln von Verwaltung und Politik bestimmen wird. Dieses Gen, nennen wir es gerne das „Verhinderungsgen“, scheint maßgeblich für eine grundsätzliche Haltung hier im Bezirk verantwortlich zu sein, die vorrangig nach dem Problem sucht, anstatt die vorgeschlagene Lösung einfach `mal anzunehmen.

Was wäre in 2021 wünschenswert?

Wünschenswert? Natürlich an erster Stelle, dass DER Impfstoff wirkt und DAS Virus, nebst dessen Mutationen gezähmt wird.

Mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein, auch mehr offen-kritischen Diskurs innerhalb der Harburger Kulturschaffenden. Die Durchsetzung der Erkenntnis, dass die Harburger Kulturschaffenden mehr erreichen, wenn sie sich insgesamt solidarisieren, unabhängig davon, immer einer Meinung zu sein; die Fach- und Sachkompetenz ist in vielerlei Hinsicht einfach vorhanden, so dass voneinander profitiert werden kann.

Weniger negative Energie in Verbindung mit manipulativen Eingriffen in das Harburg Gen.

Was wird von 2020 bleiben?

Die Erinnerung insgesamt und die Erfahrung, dass Lecker-Grünkohl-Kochen schon der erste Schritt zur Lösung der Aufgabe sein kann – in dem Sinne, alles Gute für 2021 und seid dreifaltig, im weltlichen Sinne: kreativ, kulturell und künstlerisch!

Carsten Lünzmann
für die Dreifalt eG
29.12.2020

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Willkommen, Genosse 3falt! https://www.tiefgang.net/willkommen-genosse-3falt/ Fri, 13 Dec 2019 23:30:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6176 [...]]]> Das Projekt „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“  hat viele Kulturaffine begeistert. Auch ohne die wieder leerstehende Kirche wurde nun ein wirtschaftliches Standbein geschaffen, das der Raumnot für Kultur Abhilfe schaffen soll. Alle können mitmachen!

 Marita Schillerwein, Hein Diekmann und Carsten Lünzmann – das sind die Namen der drei Initiator*innen, die Harburgs Kulturlandschaft vielleicht neu aufstellen. Ihr Kind heißt Genossenschaft „3falt e.G.“. So schlicht der Titel, so spektakulär für Harburg.

Letzte Woche gab es Wochen des Studiums des Genossenschaftsrechts und an Diskussionen nun die Gründungsversammlung. Zu der trafen sich knapp 20 Personen und nun wird die Mitgliedschaft im Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e.V. beantragt und „nebenher“ am eigentlichen Ursprung und geistigen Kind – der leerstehenden Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße 44 – an einer Interessensbekundung gearbeitet. Das initiative Trio: Marita Schillerwein, langjährige Programmmacherin z.B. der Kulturwerkstatt, Hein Diekmann, in der Nähe der Kirche als Hausverwalter tätig und mit Herz für Kultur und Gebäude, sowie Carsten Lünzman, Architekt in Harburg, selbst als Musiker aktiv  und unter anderem für das vielfach gelobte Dach der Harburger Freilichtbühne verantwortlich.

Die „3falt“ lebt also weiter.  Und zwar mit oder ohne Kirchengebäude. Denn auch wenn die Genossenschaft sich an der Umnutzungsidee der Kirche „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ orientiert, ist sie generell auf Raumnutzungen für Kultur in Harburg ausgelegt.

Die Dreifaltigkeitskirche hatte allerdings viele Kulturschaffende und –interessierte im Süden der Stadt und darüber hinaus besonders in den Ideen-Bann gezogen. Für ein halbes Jahr wurde sie ab Mitte 2018 bis Ende Februar 2019 kulturell bespielt. Es fanden Kino, Theater, Tanz, Treffen und klassische wie alle anderen Konzerte statt, die erste nonkommerzielle Kunstleihe Hamburgs wurde geboren und mehrere tausend Menschen waren erstaunt und fasziniert von der Bauweise, der Geschichte und den Möglichkeiten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes im Herzen Harburgs (´Tiefgang` berichtete reichlich)

Dann lief das Projekt aus, die Kirchengemeinde entschied sich, doch lieber zu einer Ausschreibung zum kompletten Verkauf des Ensembles und dafür sollte sie schlichtweg ungenutzt leer stehen.

Harburgs Politik  schien überfordert und die Verwaltung ebenso. Alles zu spontan. Alles zu  wenig koordiniert. Als wenn Projekte wie das Gängeviertel oder die Viktoriakaserne nördlich der Elbe anders gelaufen wären.

Nun also der nächste Schritt in koordinierter Version. Wir haben mal nachgefragt.

Wie kam die Idee auf und von wem?

Carsten Lünzmann: Die Idee kam von mehr oder weniger von mir auf, auch nach diversen Gesprächen mit Hein. Hintergrund ist die einfache Überlegung, von vielen Genossen, auch mit kleinen Beträgen Kapital zu bilden, anstatt einen Investor zu finden, der in der Regel grundsätzlich andere Interessen verfolgt, als wir.

Ist die Genossenschaft an das Kirchengebäude gebunden?

Die Genossenschaft wurde gegründet mit dem Ziel, das Projekt Dreifalt weiterzuführen und am Interessenbekundungsverfahren als Firma teilzunehmen. Langfristig sollen aber durchaus weitere Projekte umgesetzt werden, insbesondere natürlich auch dann, wenn wir von der Kirche nicht als Pächter oder Erwerber in die engere Wahl gezogen werden. Dann wird eben ein anderes Gebäude gesucht.

Wieviele Genossen erwartet Ihr?

50, 100, 1000, keine Ahnung, ob Harburg(er) das Potential erkennt/ erkennen. Wir gehen jetzt nach der Gründung in die Akquise, treten ohne Schwellenängste an private wie juristische Personen, also Firmen, Vereine, Institutionen, Kirche, Bestandsgenossenschaften und so weiter, heran, um die Möglichkeit der Teilnahme zu bewerben.

Wieviel Kapital soll zusammen kommen und für genau was?

Es soll natürlich möglichst viel Kapital zusammengetragen werden, um entsprechendes Eigenkapital zu bilden. Der Rest soll dann mittels Finanzierungen, Förderungen usw. beigeschafft werden. Ziel ist die Förderung der Kultur in Harburg im weitesten Sinne, durch Anmietung, Pacht oder Erwerb von Räumlichkeiten, für Ateliers, Initiativen, Übungsräume.

In der Satzung liest es sich wie kulturelle Hilfe zur Selbsthilfe? Ist das so zu verstehen und gibt es sonst keinen Dialog zwischen Verwaltung, Politik und Kultur?

So ist es. Argumentiert die Politik mit der Direktive „aus dem Quark kommen“ zu sollen (der Satz fiel zum Ende der kulturellen Zwischennutzung seitens eines Harburger Kulturpolitikers und zum Erstaunen der Kulturaktivisten, woraufhin lange Zeit symbolisch ein geöffneter und verschimmelnder Quarktopf den Kirchenraum symbolisch schmückte; Anm. d.Red.), so kann man das gut oder weniger gut heißen, diesen bequemen Standpunkt des Beobachters einzunehmen. Aber, soll man in Harburg weiter auf Unterstützung warten oder versuchen, das Zepter selber in die Hand zu nehmen?

Die Raumnot für Kulturnutzungen ist seit Jahren Thema in Harburg. Ist das ein Versuch der Lösung dieses Problems?

Ja

Wer kann mitmachen und wie?

Jeder kann und sollte mitmachen, um an der Entwicklung Harburgs zum Kulturstadtteil seinen Beitrag zu leisten. Das geht nicht allein durch Postings via www.facebook.com/3falt, sondern viel besser im aktiven, analogen Diskurs unter Gleichgesinnten. Wünschenswert wäre es auch, wenn durchaus spürbare Animositäten innerhalb der Kulturszene Harburgs für die gute Sache überwunden werden.

Die Likörfabrik Hilke steht mal wieder zur Diskussion bzw. ein Antrag auf Abriss ist gestellt? Wie seht Ihr den Umgang Harburgs mit seinen Baudenkmälern?

Das sehen wir kritisch, da Baudenkmäler selbstverständlich Stadtbild prägend sind. Wenn jedoch ausschließlich Renditebestrebungen entscheidend sind, ohne Gespür für Atmosphäre, lokale Gestaltungskriterien und das charmante Potenzial von Altbausubstanz, dann entstehen diese Quartiere, die fast überall inzwischen identische Gesichter haben, eben langweilig.

Gibt es weitere Gebäude oder Räume, die schon in Sicht sind?

Ja, leerstehende, kleine, denkmalgeschützte Gebäude und Bunker, die regelrecht nach einer Nachnutzung schreien.

Interessenten können sich zur Genossenschaft per Mail dreifalt@luenzmann.de oder bald auf www.dreifalt.info melden. Das sogenannte „Eintrittsgeld“ in die  Genossenschaft wird einmalig auf 50,- € beziffert. Ein Genossenschaftsanteil kostet 50,- € und es können für jeden Genossen maximal 100 Anteile erworben werden. Einzelne Personen oder auch ganze Institutionen sind als Genossen möglich. Das Stimmrecht wie auch Vermögensverwaltung oder Ausschüttungen regelt die Satzung.

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