Deichhausweg – Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 09 Jun 2017 11:28:21 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Von Harburg ins KZ Ravensbrück https://www.tiefgang.net/von-harburg-ins-kz-ravensbrueck/ Sat, 10 Jun 2017 06:56:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1282 [...]]]> Man weiß nicht viel über sie und von ihr. Nur eines ist gewiss: der Judenhass wurde ihr zum Verhängnis: Johanna Hinrichs.

Johanna Hesse kam am 8. Oktober 1887 als Tochter des jüdischen Kaufmanns David Hesse (27.4. 1844–13.4.1904) und seiner Frau Friederike Hesse, geb. Magnus, (11.2.1850–18.10.1911) in Harburg zur Welt. Der Deichhausweg, der auch damals schon die Harburger Rathausstraße (früher Rathausstraße) mit der Lüneburger Straße verband, hieß in jenen Tagen Deichstraße. David Hesse war zunächst als Fell- und Produktenhändler tätig und später als Agent bzw. Vertreter im Versicherungsgeschäft. Seit 1890 auch gemeinsam mit seinem Sohn Jacob.

Der Weg von der Deichstraße zur Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße war nicht weit. Dieses Gotteshaus war 1863 erbaut worden, nachdem die Jüdische Gemeinde vor Ort nach dem schrittweisen Abbau vieler gesetzlicher Beschränkungen langsam gewachsen war – allerdings bei weitem nicht so stark wie die Gesamtbevölkerung der Stadt. 1864 lebten 13.179 Menschen in der Stadt, darunter 175 Juden, 1900 waren es 49.163 Einwohnerinnen und Einwohner, unter ihnen 312 Juden. Doch sie trugen in beachtlicher Weise zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei.

Als Johanna Hesse 17 Jahre alt war, starb ihr Vater, und sieben Jahre später verlor sie auch ihre Mutter. Beide Eltern wurden auf dem Jüdischen Friedhof der Stadt auf dem Schwarzenberg beigesetzt, wo ihre Gräber noch heute zu sehen sind.

Wann Johanna Hesse heiratete und damit den Namen ihres Mannes annahm und wann und warum sie später als Häftling in das KZ Ravensbrück eingewiesen wurde, ließ sich bisher nicht klären. Das Frauenkonzentrationslager KZ Ravensbrück war 1939 bei Fürstenberg an der Havel erbaut worden. Schätzungsweise 132.000 Menschen wurden hier in den nächsten sechs Jahren bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im April 1945 registriert. Zehntausende der Inhaftierten starben an Hunger, dem kräftezehrenden Arbeitseinsatz und den hygienischen Missständen sowie durch gezielte Vernichtungsaktionen. Ca. 14% der Häftlinge waren Jüdinnen, deren Überlebenschancen am geringsten waren. Im Frühjahr 1942 wurden 700–800 jüdische Frauen in der Tötungsanlage Bernburg im Gas erstickt und im Herbst desselben Jahres noch einmal 522 Jüdinnen nach Auschwitz deportiert. Anna Hinrichs gehörte nicht zu den Häftlingen, die 1945 noch am Leben waren. Die näheren Umstände ihres Todes sind unbekannt.

Stand: November 2016
© Klaus Möller, www.gedenken-in-harburg.de

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

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„Vergiss mich, denn dein Leben gehört dir“ https://www.tiefgang.net/vergiss-mich-denn-dein-leben-gehoert-dir/ Sat, 13 May 2017 06:00:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1075 [...]]]> Er war Klempner und Kommunist und mischte in Harburg mächtig auf. Ein Verrat wurde ihm zum Verhängnis …

Felix Plewa wurde 1906 geboren und war eines von 12 Kindern und wuchs in der Rudolfstraße 4 auf, der heutigen Gazertstraße. Spätere Adressen lauteten Adolf-vom-Elm-Hof 4 (1932) und Niemannstraße 30 (ab 1934). Er war Klempner und arbeitete unter anderem bei der Firma H.C.Meyer („Stockmeyer“) – dort wo heute der Handelshof steht – und anderen Stock- und Stuhlrohrfabriken. Auf der Suche nach Arbeit zog er auch nach Bremen und in die Niederlande. Verheiratet war er mit Johanna Keyser, geb. am 19.4.1904 in Harburg, sie wohnten in der damals selbstständigen Gemeinde Neuland und zuletzt ab 19. November 1937 wieder in Harburg am heutigen Deichhausweg (da­mals: Deichstraße 11). Sie bekamen eine Tochter namens Lisa, geb. am 26.3.1936, und später eine weitere namens Anke.
Felix Plewa trat 1930 trat der KPD bei und hatte als sogenannter „Literaturobmann“ für die KPD im Bezirk den Zeitungs-, Broschüren- und Bücherverkauf zu organisieren. Dafür schon saß er 1933 ein Jahr lang in „Schutzhaft“. Nach seiner Entlassung fand er Arbeit bei der Gießerei Johns (Schüttstraße), musste die Stelle aber bald wegen einer Bleivergiftung aufgeben. Er trat 1934 eine neue Stelle als Klempner bei der Klempnerei Breustedt in Heimfeld an (Postweg 13, heute: Alter Postweg).

„Kämpft gegen diese Mörder-, Hunger- und Bettelregierung“

Im Frühsommer 1935, nach einigen nationalsozialistischen Zerschlagungsversuchen der kommunistischen Organisationen wurde Plewa „Politischer Leiter“ des KPD-Unterbezirks zusammen mit August Kerbstadt aus Marmstorf, Heinrich Coors (dem früheren Harburger Leiter des Kommunistischen Jugendverbandes), Paul Reinke aus Heimfeld und Albert Karolczak, einem früheren Betriebsrat bei der Phoenix. Bald gab es wieder illegale Zellen der Kommunisten in Harburg-Stadtmitte, Heimfeld, Eißendorf, bei den Harburger Oelwerken Brinckmann & Mergell (Hobum), den Phoenix-Gummiwerken und den Harburger Eisen- und Bronzewerken (später Krupp, ThyssenKrupp, heute: Harburg-Freudenberger). Unterstützt wurde Plewa auch durch seine Ehefrau Johanna und seinen Bruder Karl.

Arbeiter & Agitator Foto:privat

Felix Plewa selbst unternahm spektakuläre Aktionen. Damals waren Knallkörper mit Zeitzünder im Handel. Plewa füllte sie mit sieben mal zwei Zentimeter großen Streuzetteln mit Parolen wie „Kämpft mit der KPD gegen diese Mörder-, Hunger- und Bettelregierung“ oder „Streik in Vegesack, Husum und Essen! Wehrt euch!“ Diese so präparierten Knallkörper befestigte er Anfang Juni 1935 an der Dachrinne des Arbeitsamtes am Großen Schippsee, den Zeitzünder stellte er auf den Öffnungsbeginn ein. Mitte Juli passierte das Gleiche zum Schichtwechsel bei F. Thörls Vereinigten Harburger Oelfabriken.

Nach dem 1. September 1939 wurde Felix Plewa eingezogen. Die KPD-Abschnittsleitungen wurden aufgelöst. Plewa war damals in Uetersen stationiert. Als seine Frau Johanna ihn dort besuchen wollte, erfuhr sie von seiner Verhaftung. Seine Enttarnung war Folge eines Verrats. Johanna fuhr sofort nach Hause, verständigte seinen Bruder Karl und schaffte illegales Material aus der Wohnung am Deichhausweg. Und kurz danach erschien wirklich die Gestapo, fand aber nun nichts Belastendes mehr vor.

Auch Bruder Karl Plewa war Kommunist und beteiligte sich an der illegalen Arbeit. Er arbeitete als Sanitäter auf der Phoenix. Als dort am 1. Mai eine „Führer-Rede“ übertragen wurde, schnitt er kurzerhand das Kabel durch. Im Herbst 1944 bekam er eine Vorladung zur Gestapo. Er tauchte daraufhin bis zum Kriegsende unter.

Beerdigung Anlass zu Demonstrationen

 Felix Plewa hingegen kam nach seiner Verhaftung im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel in „Schutzhaft“ (vom 22. April bis zum 29. September 1942) und danach zum Holstenglacis in Untersuchungshaft. Am 24. Dezember wurde er nach Berlin-Moabit überstellt. In seiner Anklageschrift warf man ihm „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Wehrkraftzersetzung“ vor. Am 6. Januar 1943 wurde er zusammen mit Karl Nieter vom „Volksgerichtshof“ in Berlin zum Tode verurteilt und ins Hamburger Untersuchungsgefängnis zurückverlegt. Gnadengesuche von Familienangehörigen und Nachbarn aus dem Deichhausweg konnten nichts ausrichten. Am 9. März 1943 wurde Felix Plewa in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Gestapo warnte seinerzeit ausdrücklich davor, dass eine reguläre Bestattung Plewas in Harburg „Anlass zu Demonstrationen“ bilden könne. Der Leichnam wurde daraufhin an die medizinische Fakultät der Universität Berlin übergeben.

Kurz nach der Urteilsverkündung schreibt Felix Plewa einen letzten Brief an seine Frau Johanna, der beeindruckend zu lesen ist:

„Liebes Hannchen! Hamburg, dem 9.1.1943

Ich bin am 6.1.43, also an Opas Geburtstag, vom Volksgerichtshof Berlin zum Tode verurteilt. Das Wort „Tod“ hört sich grauenhaft an, aber es muss von dir abprallen und du selbst darfst darüber nicht nachdenken. So treu, wahrhaftig, mutig und tapfer du bis jetzt warst, so musst du auch bleiben. Du selbst, liebes Hannchen, gabst mir durch deine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit Kraft und Mut, und du hast mir das Leben an deiner Seite wirklich lebenswert gemacht.

„Das Leben gehört den Lebenden“

Wenn du diesen Brief gelesen hast, dann denke an die Kinder und an die Aufgaben, die du zu erfüllen hast. Das Leben gehört den Lebenden, und mein letzter Wunsch ist, dass du Lisa und Klein-Anke zu Menschen erziehst, die sich immer für das Wahre und Gute einsetzen werden und sich selbst treu bleiben.
Liebes Hannchen! Du bist noch jung, und das Leben steht noch vor dir. Weine nicht, denke daran, dass dein Leben den Kindern gehört und du selbst vom Leben das nehmen darfst, was zum Leben gehört: Glück und Zufriedenheit. Für das, was du mir als Kamerad und Frau gegeben hast, kann ich dir hiermit nur in Worten danken und werde, solange ich noch lebe, an dich und die Kinder denken und der bleiben, der ich war.
Ich muss jetzt schließen und bitte dich, alle guten und aufrechten Verwandten und Bekannten von mir zu grüßen. Vergiss nicht Kalli, Opa und Sophie.
Für dich, Lisa und Klein-Anke, viele, viele Küsse. Euer Vati
Wenn ich nicht mehr bin, dann vergiss mich, denn dein Leben gehört dir, Lisa, Klein-Anke und all den Guten, Ehrlichen und Aufrechten.“

© Hans-Joachim Meyer, www.gedenken-in-harburg.de

Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke

Direktlink zur Stolperstein-Initiative: www.stolpersteine-hamburg.de

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 149ff., 248ff.; Hochmuth/Meyer, Streiflichter, S. 177, 180, 185f.; StaH, 242-1-II Gefängnisverwaltung II, Abl. 1998/1; StaH, 331-1-II Polizeibehörde II; StaH, 332-8 Meldewesen, A44, A46; StaH, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; Sta Stade, K 425/2; Bundesarchiv Berlin, FFBS Nr. 2543, 2544; VVN, Komitee-Akten; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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