denk.mal Hannoverscher Bahnhof – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 31 Mar 2023 12:49:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Architekturwettbewerb für denk.mal Hannoverscher Bahnhof entschieden https://www.tiefgang.net/architekturwettbewerb-fuer-denk-mal-hannoverscher-bahnhof-entschieden/ Fri, 31 Mar 2023 22:43:20 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9872 [...]]]> Der Architekturwettbewerb für das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof an der Ericusbrücke im nördlichen Lohsepark in der HafenCity ist entschieden.

Wie die Behörde für Kultur und Medien Hamburg meldet, wird das Schweizer Architekturbüro Boltshauser Architekten AG das alleinstehende Gebäude im Auftrag des Stifters des Gebäudes für das Dokumentationszentrum, Harm Müller-Spreer, und in enger Zusammenarbeit mit der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte als künftiger Nutzerin planen. Das Dokumentationszentrum soll ergänzend zu dem 2017 eingeweihten Gedenkort als zentraler Lernort das Deportationsgeschehen in die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung einbetten. Der Baubeginn kann nach Abschluss des B-Planverfahrens erfolgen, die Fertigstellung ist für 2026 geplant.

Der Entwurf sieht ein zweigeschossiges Gebäude mit rund 1.000 Quadratmetern Fläche vor. Das Dokumentationszentrum enthält eine Ausstellungsfläche sowie Seminar- und Arbeitsräume. Die öffentliche Hand wird den Innenausbau und den Einbau der von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte erarbeiteten Ausstellung übernehmen. Der Standort an der Ericusbrücke ermöglicht eine besondere Sichtbeziehung zum Lohseplatz und der Fuge entlang der historischen Gleisverläufe und dem 2017 eingeweihten Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof. Dort erinnern Namenstafeln an mehr als 8.000 Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma aus Hamburg und Norddeutschland, die zwischen 1940 und 1945 von hier aus deportiert wurden.

Eine Jury aus externen Fachpreisrichterinnen und Fachpreisrichtern, Vertreterinnen und Vertretern der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, der HafenCity Hamburg GmbH und der Hamburger Behörden war an dem von dem Stifter Harm Müller-Spreer ausgelobten Wettbewerb beteiligt. Darüber hinaus haben Vertreterinnen und Vertreter der Betroffenenverbände an dem Verfahren teilgenommen.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit diesem starken Entwurf für das Dokumentationszentrum an prominenter Stelle im Lohsepark wird der Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof endlich vollendet. Hier werden Besucherinnen und Besucher ausführliche Informationen über das Deportationsgeschehen und über die Schicksale der Menschen in den aus Hamburg angefahrenen Konzentrations- und Vernichtungslagern erfahren. Der Entwurf der Architekten sieht ein markantes und gleichzeitig zum Lohsepark geöffnetes Gebäude in zentraler Lage vor. Genau dort, wo unter den Augen der Hamburgerinnen und Hamburger unfassbares Unrecht geschehen ist. Das Dokumentationszentrum wird uns mit seiner klaren Handschrift dabei helfen, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten.“

Roger Boltshauser, Architekt Boltshauser Architekten AG, Zürich: „Für uns ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Ort des Unrechts von zentraler Bedeutung für die Architektur. Wir greifen die bereits angelegte Fuge im Lohsepark in ihrer erdigen Materialität auf und erstellen an ihrem nördlichen Ende eine würdevolle und gleichzeitig markante Erweiterung dieses Pfads. Das Bauwerk wird ein offenes Haus der Begegnung, der Dokumentation und des Erinnerns. Ein- und Ausblicke verknüpfen das Innere mit seiner Umgebung.“

Franz-Josef-Höing, Oberbaudirektor: „Wenn man den Entwurf von Roger Boltshauser für das Dokumentationszentrum mit drei Worten charakterisieren soll, dann sind das: selbstbewusst, einladend und offen. Das Gebäude markiert städtebaulich den Eingang zum Lohsepark und bietet im Inneren sehr schöne Räume, die sich immer wieder zum umgebenden Stadtraum öffnen.“

Dr. Andreas Kleinau, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH: „Mit diesem gelungenen Architekturentwurf erhält das Dokumentationszentrum ein alleinstehendes und öffentlich sehr gut wahrnehmbares Gebäude im Norden des Lohseparks. Zugleich bettet sich das Gebäude mit seiner hohen Transparenz hervorragend in das Gesamtkonzept des Erinnerungsortes denk.mal Hannoverscher Bahnhof ein. So kann das gesamte Ensemble für die Besucherinnen und Besucher zu einem lebendigen Ort des Gedenkens inmitten des öffentlichen Lebens in der HafenCity werden.“

Prof. Dr. Oliver von Wrochem, Vorstand Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen: „Unsere Stiftung freut sich sehr auf die Zusammenarbeit mit Boltshauser Architekten. Wir nehmen die Herausforderung an, die Ausstellungsinhalte und Raumkonzepte gemeinsam mit den bisher Beteiligten am neuen Standort weiterzuentwickeln. Das Dokumentationszentrum soll als innovativer Lernort unterschiedlichste Besucherinnen und Besucher ansprechen. Auf inhaltlicher Ebene wird vor allem auch die Nähe und Distanz der Hamburger Politik und Bevölkerung zu den nationalsozialistischen Verbrechen dargestellt und das Schicksal der Verfolgten an den Zielorten der Deportationen thematisiert.“

Die Neuplanung für das Dokumentationszentrum ist das Ergebnis eines Mediationsprozesses aus den Jahren 2021/2022. Ursprünglich sollte das Dokumentationszentrum im Erdgeschoss eines Gebäudes an der Steinschanze einziehen. Als bekannt wurde, dass die oberen sechs Etagen an das Unternehmen Wintershall Dea vermietet wurden, erhoben mehrere Verfolgtenverbände dagegen Einwände, da die Vorgängerunternehmen Wintershall und DEA von der nationalsozialistischen Machtübernahme und der Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg profitierten.

Harm Müller-Spreer stiftet das Gebäude an der Ericusbrücke und realisiert den „veredelten Rohbau“. Die Ausstellungs- und Seminarflächen werden von einem Projektteam der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte an das neue Gebäude angepasst und die Inhalte entsprechend der sich ergebenden neuen Möglichkeiten überarbeitet.

]]>
Deportiert ins Ungewisse https://www.tiefgang.net/deportiert-ins-ungewisse/ Fri, 26 Aug 2022 22:58:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9294 [...]]]> Eine Fotoinstallation am Gedenkort „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ im Lohsepark in der HafenCity macht aktuell auf die Zielorte der Deportationen vom Hannoverschen Bahnhof aufmerksam.

Vom Hannoverschen Bahnhof wurden in den Jahren 1940 bis 1945 über 8000 Jüdinnen und Juden, Sintizze und Sinti sowie Romnja und Roma in Ghettos und Lager ins deutsch besetzte östliche Europa deportiert. In der „Fuge“ – dem Verbindungsstück zwischen Lohseplatz und Gedenkort – werden nun sechs Großfotos mit Eindrücken von den heutigen Orten in Polen, Lettland, Belarus und Tschechien gezeigt.

Auf den Namenstafeln am denk.mal Hannoverscher Bahnhof werden die Namen der von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs errichteten Ghettos und Lager genannt: Auschwitz, Belzec, Litzmannstadt/Lodz, Minsk, Riga, Theresienstadt. Wie sehen diese Orte aus? An einigen dieser Orte gibt es heute Gedenkzeichen oder Gedenkstätten. So wie in Bełżec in Polen, 20 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. 1940 wurden dort für einige Wochen Sinti und Roma aus Hamburg und Norddeutschland in ein improvisiertes Zwangsarbeitslager gesperrt und mussten Panzergräben ausheben. Seit 2012 besteht dort ein Mahnmal mit Informationen zum Schicksal der Deportierten.

Ein Foto dieses Gedenkortes sowie von fünf weiteren Orten ehemaliger Zielorte der Deportationen aus Hamburg werden bis Ende Oktober am denk.mal Hannoverscher Bahnhof zu sehen sein. Seit Juli zeigt bereits eine weitere Installation „(Letzte) Lebenszeichen“ Postkarten, mit denen Deportierte aus Ghettos und Konzentrationslagern Kontakt zu Verwandten und Bekannten in Hamburg aufnahmen. Mit diesen und weiteren geplanten Interventionen im Lohsepark werden Erkenntnisse aus dem Projekt Dokumentationszentrum „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ an den Gedenkort gebracht. Die aktuellen Installationen wurden durch die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte in Kooperation mit der HafenCity Hamburg GmbH realisiert.

Das denk.mal Hannoverscher Bahnhof im Lohsepark besteht aus mehreren Elementen: es umfasst neben dem zentralen Gedenkort am historischen Bahnsteigrelikt des ehemaligen Bahnhofs eine begehbare sogenannte „Fuge“. Diese durchquert die Grünanlage und zeichnet den historischen Gleisverlauf nach: vom ehemaligen Bahnhofsvorplatz bis zum denkmalgeschützten Relikt des Bahnsteigs mit den Namenstafeln der Opfer.

Dr. Oliver von Wrochem (Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte): „Die Fotoinstallation ist Teil der Auseinandersetzung mit dem Gedenken an die Deportationen aus Hamburg in den ehemals deutsch besetzten Ländern im östlichen Europa. Diese Perspektive wird im Dokumentationszentrum vertieft werden. Einige der Fotos sind in transnationalen Projekten entstanden. Dort haben sich Jugendliche aus Deutschland und den Zielländern der Deportationen über die Gedenkkulturen in ihren Herkunftsländern ausgetauscht. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine erschwert zurzeit derartige Projekte. Wir können noch nicht ermessen, welche Auswirkungen er auf die Gedenkkultur in Europa haben wird.“

Dr. Kristina Vagt (Kuratorin im Projekt Dokumentationszentrum „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“): „Die aus Hamburg deportierte und mittlerweile verstorbene Holocaust-Überlebende Lucille Eichengreen sagte anlässlich der Einweihung des Gedenkorts vor fünf Jahren: ‚Wir wussten nicht wohin, warum, oder was uns erwartet‘. An den Zielorten waren die Menschen in eine katastrophale Situation geworfen. Mittels der Fotoinstallation wollen wir zeigen, dass die Deportationen konkrete Zielorte hatten. Das kommende Dokumentationszentrum wird vertiefend darstellen, was an den Zielorten mit den Deportierten passierte.“

Dipl.-Ing. Andreas Schneider (Landschaftsarchitekt, Senior Projektmanager HafenCity Hamburg GmbH): „Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist eine bleibende Verpflichtung und die auf Veranlassung der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte umgesetzte Installation trägt dazu bei, dass dieses ungeheuerliche Verbrechen nicht vergessen wird. Sie leistet darüber hinaus einen wichtigen Beitrag, weil sie den Gedenkort und die Fuge als Bestandteil des Lohseparks noch einmal stärker in die öffentliche Wahrnehmung rückt und damit die Erinnerung an die Lebens- und Leidenswege der vom Hannoverschen Bahnhof aus deportierten Menschen aufrechterhält.“

Mittwoch, 24. August bis Montag, 31. Oktober 2022
„Fuge“ am Lohseplatz, 20457 Hamburg (HafenCity)

Weiterführend: Zum Gedenkort und den aktuellen künstlerischen Interventionen siehe: hannoverscher-bahnhof.gedenkstaetten-hamburg.de/

 

]]>