deutscher Schriftstellerverband PEN https://www.tiefgang.net Wed, 29 Jan 2020 08:39:47 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Die Stimme der Liebe https://www.tiefgang.net/die-stimme-der-liebe/ Fri, 31 Jan 2020 23:33:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6319 [...]]]> Der deutsche Schriftstellerverband PEN zeigt sich aktuell in einem offenen Brief entsetzt über die Verrohung der deutschen Sprache. Und seien Gründe sind zahlreich …

In dem Brief heißt es:

„Der deutsche PEN ist entsetzt über die Sprache der Verrohung, die seit einigen Jahren vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Die Grenze des öffentlich Sagbaren wird durch gezielte Tabubrüche verschoben, Rassismus oder Sexismus sollen wieder klingen wie zu respektierende Meinungen. Freie Meinungsäußerung bedeutet jedoch keinen Freibrief für Hass und Hetze. Das Recht auf Meinungsfreiheit findet seine Grenze im Straftatbestand der Volksverhetzung. Es findet seine Grenze dort, wo die Menschenwürde angetastet wird. Sprache ist wirkmächtig, Sprechakten folgen Taten. Seit den 1990er Jahren sind in Deutschland fast 200 Menschen Opfer rechtsextremer Mörder geworden. Dies ist unerträglich.

Wir wenden uns entschieden gegen alle Äußerungen des Antisemitismus. Zunehmend tritt der Hass erschreckend krude auf, wenn Neonazis wie Islamisten die altbekannten antisemitischen Verschwörungstheorien und Stereotypen verbreiten. Antisemitismus kommt aber auch scheinbar harmlos, wohlmeinend, gar im Gewand des Philosemitismus daher. Wer mit paternalistischem Gestus „die jüdischen Mitbürger unserer besonderen Solidarität!“ versichert, sollte sich fragen, warum er nicht einfach von Bürgern und Bürgerinnen spricht. Und wer Kritik am israelischen Regierungshandeln reflexhaft als Antisemitismus verteufelt, sollte sich fragen, warum er an Israel andere Maßstäbe anlegt als an jeden anderen Staat der Erde.

Einige Beispiele:

– Seit Jahren wird die Autorin und Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, durch antisemitische Hassreden bedroht; sie erhält Morddrohungen und steht auf den Listen rechter Terroristen. Wir fordern die Sicherheitsbehörden auf, ihr den notwendigen Polizeischutz zukommen zu lassen.

– Eine Veranstaltung der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron im August 2019 in Berlin musste abgebrochen werden, da 60 offenbar aus London angereiste Vertreter der zum Boykott Israels aufrufenden BDS-Bewegung ihren Vortrag mit Rufen wie „Deine Hände sind voller Blut“ unterbrachen. Lizzie Doron setzt sich für eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein; sie selbst hält Boykott für ein legitimes Konzept, da niemand dabei getötet werde.

Als Schriftstellerinnen und Schriftsteller lehnen wir im PEN kulturellen Boykott ab, da er den freien Meinungsaustausch unterbindet. Gleichwohl sollten Diskussionen darüber im Interesse eines freien Meinungsaustausches in Deutschland öffentlich Raum und dessen Verfechter Gehör finden können.

– Der Wissenschaftler und Publizist Reiner Bernstein, der sich als Vertreter der Zwei-Staaten-Lösung seit vielen Jahren darum bemüht, israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten und Menschenrechtsorganisationen im deutschen Diskurs Gehör zu verschaffen – gemeinsam mit seiner Frau Judith beteiligt er sich am Gedenkprojekt „Stolpersteine“ in München – wurde im Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ als „ein selbsthassender Jude“ bezeichnet, der tote Juden in Deutschland liebe, aber mit lebenden Juden in Israel ein Problem habe. Dessen Autor, Arye Sharuz Shalicar, ist Leiter der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten des israelischen Ministeriums für Nachrichtendienste; seine Lesereise in der Bundesrepublik Deutschland wurde vom Beauftragten der Bundesregierung gegen Antisemitismus gefördert. Eine Klage Bernsteins gegen Shalicar und dessen Verlag wegen Rufmords und Verleumdung wurde vom Landgericht Berlin abgewiesen.

Wir erklären unsere Solidarität mit Reiner und Judith Bernstein, die vom „Aktionsforum Israel“ gar des „Terrors gegen Juden“ bezichtigt wurden. Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Politik ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Eine solche Sichtweise verweigert anderen, z. B. kritischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, die Solidarität.

Unsere Charta verpflichtet jedes PEN-Mitglied nicht nur, „jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung“ entgegenzutreten, sondern auch, „mit äußerster Kraft für die Bekämpfung jedweder Form von Hass“ – wie Rassen-, Klassen- und Völkerhass sowie Hass aufgrund des Geschlechtes oder der sexuellen Orientierung – „und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.“ Diese Ziele, Meinungsfreiheit und Völkerverständigung, widersprechen einander nicht, sondern gehören zusammen. Ihre Dialektik auszuhalten und von Fall zu Fall immer wieder neu auszuloten erfordert Sorgfalt beim Hinhören und Mäßigung beim Sprechen. Freiheit, auch Meinungsfreiheit, ist ohne Verantwortung nicht zu haben. Finden wir uns nicht ab mit den Gräueln, erheben wir Einspruch mit Herz und Verstand und, wo immer möglich, „mit der Stimme der Liebe“!

Für das Präsidium des PEN-Zentrums Deutschland

Regula Venske, Präsidentin“

Quelle: PEN-Zentrum Deutschland e.V.

 

 

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„Deutsche Meckerköppe“ https://www.tiefgang.net/deutsche-meckerkoeppe/ Fri, 23 Mar 2018 23:49:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3264 [...]]]> „Denken Sie Ihre Gedanken zu Ende!“, forderte der Schriftsteller und Dramatiker Günther Weisenborn 1958 in seiner „Göttinger Kantate“. Unter dieses Motto stellt der deutsche Schriftstellerverband PEN seine diesjährige Jahrestagung. Und das hat Gründe …

Die diesjährige Jahrestagung des deutschen PEN findet vom 26.4.-29.4. in Göttingen statt. Von Selbstjustiz in Bangladesch über das Recht auf freie Meinungsäußerung und den Umgang mit der Neuen Rechten bis hin zu Lichtenbergs Erben und Satire heute: Mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen bietet die PEN-Jahrestagung ein vielfältiges Rahmenprogramm. In seiner aktuellen Mitteilung heißt es:

„Der Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, die Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Dr. Sabine Johannsen, und die PEN-Präsidentin Dr. Regula Venske eröffnen die Jahrestagung am Donnerstag, den 26.4. um 18 Uhr im Alten Rathaus. Am Abend findet um 19.30 Uhr unter Gesprächsführung von hr2-Moderator Alf Mentzer die Diskussionsrunde „Auf der Flucht vor der Machete. Selbstjustiz in Bangladesch“ mit der Writers-in-Exile Beauftragten Franziska Sperr, den beiden Writers-in-Exile Stipendiaten Arpita Roychoudhury und Zobaen Sondhi sowie Dr. Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik statt. Der Autor und Sprecher Gert Heidenreich trägt die deutsche Übersetzung der bengalischen Texte vor. Im Anschluss verleiht der deutsche PEN den mit 4.000 € dotierten Kurt Sigel-Lyrikpreis an die Dichterin Dorothea Grünzweig. Die Laudatio hält der Literaturkritiker Herbert Wiesner. 

„Das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Neue Rechte“: Wo ist in den gegenwärtigen politischen Diskursen die freie Meinungsäußerung bedroht durch einen Anpassungsmechanismus, der gegensätzlichen Meinungen keinen Resonanzboden bietet? Welche Denkverbote und Denktabus gelten auch im PEN, und wo gilt es, aus der Geschichte lernend „Wehret den Anfängen!“ zu rufen und die Grenzen der Meinungsfreiheit zu markieren? Darüber diskutieren die PEN-Mitglieder Zoë Beck und Ulrich Greiner sowie der Historiker Ulrich Sieg und PEN-Präsidentin Regula Venske am Freitag, den 27.4., um 20 Uhr in der Göttinger Paulinerkirche.

Die Abschlussveranstaltung „Deutsche Meckerköppe – Lichtenbergs Erbe und Satire heute“, eine Matinee im Alten Rathaus, widmet sich am Sonntag, den 29.4., ab 11 Uhr Georg Christoph Lichtenberg, dem Göttinger Ahnherrn von Aphorismus und Satire, und dessen Erbe. Frank Schäfer, Publizist von taz bis titanic, Herausgeber des „Rock-Lexikons“, aber auch Lichtenberg-Experte, gibt eine Einführung, die beiden Autorinnen Angela Krauß und Susanne Fischer stimmen ein oder widersprechen. Die Moderation der Veranstaltung, die nicht nur zur Beruhigung beitragen soll, übernimmt der Schriftsteller Matthias Biskupek. 

 Die Mitgliederversammlung beschäftigt sich mit Berichten, Debatten, Resolutionen und Zuwahlen neuer Mitglieder. Außerdem feiert der deutsche PEN ein Jubiläum: Vor 70 Jahren wurde in Göttingen das „P.E.N.-Centrum Deutschland“ neu gegründet. Aus diesem Anlass präsentieren wir, begleitend zur Jahrestagung, die Ausstellung zur Geschichte und Bedeutung des PEN seit der Wiedergründung in Göttingen 1948 vom 24.4.-29.4. im Alten Rathaus. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Autoren aus Ost und West, auch Rückkehrer aus der Emigration, darunter Johannes R. Becher, Axel Eggebrecht, Hans Henny Jahnn, Erich Kästner, Hermann Kasack, Elisabeth Langgässer, Theodor Plievier, Anna Seghers, Dolf Sternberger und Günther Weisenborn.“

Quelle: PEN-Zentrum Deutschland

 

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