Dr. Hans Hein – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 18 Dec 2019 09:13:38 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Kunst, Natur und Gesundheit https://www.tiefgang.net/kunst-natur-und-gesundheit/ Fri, 20 Dec 2019 23:43:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6173 [...]]]> Faulenzen, Tagträumen und Nichtstun sind keine Tugenden. Dabei täten wir vermutlich gut daran. 

Ein Gastbeitrag von Ulrike Hinrichs

Was haben Kunst und Natur miteinander zu tun? Sie helfen uns gesund zu bleiben und unterstützen sogar Heilungsprozesse. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation bestätigte jüngst „Kunst macht gesünder“.

Einige Länder beschäftigen sich sogar schon damit, Kunst auf Rezept zu verschreiben, bestätigen die Autoren der Studie. Und der österreichische Biologe Clemens Arvay konstatiert in einem Beitrag des NDR zum Thema Wissenswertes rund um die Heilkraft des Waldes (10.08.2018): „Der Wald hilft uns gegen Depressionen, gegen psychische Stressbelastungen und Burnout. Aber er stärkt auch unser Immunsystem, kann uns vor ernsthaften chronischen Krankheiten schützen und sogar vor Herzinfarkt.“ Auch in anderen Kultur wird die Kraft des Waldes zur Prävention betont, in Japan etwa gibt es das so genannte „Shinrin-yoku“ (Waldbaden) als Teil der Gesundheitsvorsorge.

In der Natur fühlen wir uns verbunden, haben das Gefühl, dass alles am richtigen Platz ist und einen Sinn ergibt. In der Natur können wir einfach nur sein, ohne etwas leisten zu müssen. Wir lassen uns treiben, beobachten die Umgebung, genießen den Moment. Das entspricht unserem ursprünglichen Daseinszustand. Wir kommen nicht auf die Welt, um dafür mit irgendeiner persönlichen Leistung zu bezahlen. Dennoch lernen wir in unserer Gesellschaft von Kindesbeinen auf, dass Leistung, Anerkennung und Status zählt, nicht das bloße Dasein. Von innen mag dann ein Hamsterrad wie eine Karriereleiter aussehen. Faulenzen, Tagträumen und Nichtstun sind jedenfalls keine Tugenden. Alles was wir tun wird bewertet und kategorisiert. Nun gibt es gegen Leistung nicht per se etwas einzuwenden. Aber es fehlt uns oft die Balance.

Hier kann die Natur ein Vorbild für uns sein. Während sie im Frühjahr und Sommer hoch aktiv ist, ruht Flora und Fauna im Herbst und Winter. Es ist ein immer wiederkehrendes Werden und Vergehen mit unterschiedlichen Rhythmen und Zyklen im Kreislauf der Welt. Nur unsere Hochleistungsgesellschaft setzt auf permanentes individuelles wie kollektives Wachstum.

Phasen der Ruhe und des Nichtstuns helfen uns, zu unserem inneren Rhythmus zu finden. Wir können eine Art inneren Kompass entdecken, der uns zeigt, was gerade ansteht im Leben, was es zu tun oder eben auch gerade nicht zu tun gibt. Erst in den Phasen der Ruhe kann sich etwas entfalten und Neues entstehen.

Der künstlerische Ausdruck kann diese intuitiven Prozesse unterstützen. Ich verstehe die Kunst als eine Sprache der Intuition (siehe dazu auch „Mit der Kunst die Intuition einfangen“). Die Kunst dient der Intuition als eine Sehhilfe. Sie bringt Inneres nach außen und manifestiert es in einem Kunstwerk.

Durch Resonanz gehen wir in Kontakt mit Anliegen, Wünschen und Themen, die gesehen werden wollen. Durch das absichtslose und bewertungsfreie künstlerische Schaffen nehmen wir auch Kontakt zum „inneren Heiler“ auf, jener Instanz, die Selbstheilungskräfte mobilisiert. Wir können dieses Leitsystem auch Intuition oder intuitive Führung nennen. Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Hans Hein, der das Vorwort zu meinem Buch „Kunst als Sprache der Intuition“ geschrieben hat, konstatiert, dass der innere Heiler so etwas wie ein eingebauter Resonanzdetektor sei, der sensibel auf die Wahrnehmung von körperlichen, emotionalen und seelischen Unstimmigkeiten ausgerichtet sei.

Die Intuition „spricht“ in Bildern, Mythen, Geschichten und Symbolen. Der intuitive Ausdruck ist daher für die Ratio nicht immer leicht zu verstehen. Denn die heute immer noch vorherrschende rationale (wissenschaftliche) Herangehensweise nutzt das Analysieren, Auswerten und das Zerlegen der Bestandteile in ihre Einzelteile, um Lösungen zu finden. Das intuitive, fühlende Denken dagegen folgt dem bildhaften Ausdruck, nutzt das Zusammenfügen, Vernetzen und überblickt das größere Ganze. Bestenfalls wirken beide menschlichen Fähigkeiten, die sich auch in unserer rechten und linken Hirnhälfte widerspiegeln, zusammen.

Hein konstatiert zum inneren Heiler in meinem Buch „Kunst als Sprache der Intuition“ (S. 74): „Der physiologische Hintergrund dieser Fähigkeit speist sich aus all den Anteilen in unserem Nervensystem, die mit dem evolutionären und archaischen Urwissen unserer Körperinformation verbunden sind. Die Kunst ist es genau das wahrnehmbar und zugänglich zu machen. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition und die Übersetzung der inneren Wahrnehmungen in Bilder von Gestalten, die sehr oft mythischen Charakter haben, also eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten herstellen. Mittlerweile gibt es eine wissenschaftliche Betrachtung von zwei Grundformen des Denkens, das schnelle und das langsame. Das schnelle entspricht der intuitiven holografischen instantanen Wahrnehmung, das langsame eher der dem logisch sequenziellen. Der innere Heiler ist eine Funktion der instantanen Wahrnehmung der individuellen Realitäten mit der Chance die verzerrenden und krankmachenden Schwingungsmuster zu identifizieren und zu verändern.“

Wir können die oft etwas verkümmerte, intuitive Seite in uns schulen. Dabei dürfen wir uns auch künstlerisch von der Natur inspirieren lassen und sie als Vorbild nehmen. Immer wieder höre ich in meinen Kreativgruppen mit Kindern, Senioren, Frauen, Geflüchteten „ich kann das nicht, ich kann nicht malen“. Die Kreise wollen zirkelrund gezeichnet werden, die Striche mit dem Lineal.

Immer wieder verweise ich dann auf die Natur, auf das Lebendige, dass wunderschöne fraktale Muster zeichnet, Blätter, Blüten, Bäume. Die Muster ähneln sich, sind aber nie identisch. Nichts in der Natur ist mit dem Zirkel oder Lineal gezogen. Die Schönheit entsteht durch die Unvollkommenheit. Perfektionismus behindert Kreativität und die Intuition (siehe dazu auch meinen Beitrag „Perfektionismus ist der Todfeind der Intuition“).

Ab Februar 2020 wird es mit mir als Kursleiterin im Kulturhaus Süderelbe auch einen Kurs „Kunst als Sprache der Intuition“ geben.

Gern können wir über das Thema auch im Rahmen des Kunstsalon am 19.1.2020, 14.00 bis 16.00 Uhr in der Kunstleihe Harburg sprechen. Ich freue mich über meine Einladung als Künstlerin, die Moderation führt Petra Hagedorn.

 Weiterführende Literatur:

  • Hinrichs, Ulrike (2019). Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824
  • Sheldrake, Rupert (2010). Das schöpferische Universum. Die Theorie der morphogenetischen Felder und der morphischen Resonanz.

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Mehr über den Tod nachdenken … https://www.tiefgang.net/mehr-ueber-den-tod-nachdenken/ Fri, 20 Sep 2019 22:46:28 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5783 [...]]]> Dass wir Menschen sterben, wissen wir. Eigentlich. Aber ist es uns wirklich bewusst? Die Autorin Ulrike Hinrichs ging dem mal nach und kommt zu spannenden Erkenntnissen.

 Ein Beitrag von Ulrike Hinrichs

„The two most important days in your life are the day you are born and the day you find out why.“

Ein Zitat von Mark Twain, das mich zum Schmunzeln gebracht hat. Wer von euch hat den zweiten Tag schon erlebt? Ich jedenfalls noch nicht. Und auf der Suche nach der Antwort begegnet mir immer wieder in unterschiedlichen Facetten der Tod, ein Grund, mich auch künstlerisch mit dem Symbol des Totenkopfs zu beschäftigen. Zudem arbeite ich kunsttherapeutisch mit Menschen im letzten Lebensabschnitt, da sitzt der Tod stets mit am Tisch

(siehe ´Tiefgang`: Zusammen sind wir Wald). Auch in meiner Flüchtlingsarbeit zeigt sich in Themen wie Verlust, Abschied, Sterben und Folter der Tod von seiner angsteinflößenden Seite (siehe ´Tiefgang`: Kunst gibt mir Freiheit).

Es überrascht daher auch nicht, dass der Totenschädel allgemein auf Ablehnung stößt, steht er doch für die Endlichkeit unseres Seins. Oder er wird als Modeaccessoire degradiert, als könnte man ihn damit bezirzen, mundtot machen, bagatellisieren. Menschen versuchen, das totsichere Ende so lange und gut wie möglich zu ignorieren. Auch mir macht der Tod Angst. Man ist einfach nicht mehr da. Das kann ich mir nicht vorstellen, gleichzeitig spüre ich mit zunehmenden Alter diese Realität ganz konkret in mir. Das Gefühl der Unsterblichkeit, das man als Jugendliche hatte, ist mir verloren gegangen. Damals wusste ich zwar theoretisch, dass jeder stirbt, aber tatsächlich gestoben sind immer nur die anderen.

Werden und Vergehen

Schaut man tiefer in die Symbolik des Totenkopfs, so repräsentiert er neben dem unausweichlichen Ende auch und vor allem die universellen Zyklen von Werden und Vergehen. Ohne Sterben kann nichts Neues entstehen. Diese Logik spiegelt sich überall in unserer Alltagsrealität. In den Jahreszeiten, den Rhythmen von Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Einatmen und Ausatmen. Wenn wir loslassen müssen, einen Menschen, die Heimat, unsere Gesundheit, auch dann sind wir mit dem Tod konfrontiert, der Miniaturform vom endgültigen Ende. Loslassen ist daher auch für die meisten Menschen ein schwieriges Thema.

Der Tod wirft die Frage auf, die auch mich sehr beschäftigt: was ist der Sinn des Lebens und gibt es etwas, das über das materielle Leben, den leiblichen Körper, hinausgeht? Ich habe keine Antwort darauf, allenfalls Ideen dazu. Und meine Vermutung ist, dass man sich der Antwort weniger durchs Denken, sondern mehr durchs Fühlen, der Intuition nähert. Denn die Unendlichkeit des Universums und der Tod sind mit dem analytischen Denken nicht zu erfassen. Mit jedem Totenkopf, der künstlerisch aus meinen Händen fließt, versuche ich mich ein wenig anzufreunden mit dem Ende. Aber ist alles zu Ende, wenn wir sterben? Gewissheit haben wir erst, wenn wir es hinter uns haben.

Derzeit entstehen in allen Wissenschaftsdisziplinen paradigmatische Denkansätze, die neue Ideen zur Verortung und dem Sinn unseres Bewusstseins aufwerfen. Damit habe ich mich wissenschaftlich in meinem Fachbuch „Kunst als Sprache der Intuition“ auseinander gesetzt (siehe ´Tiefgang`: Mit der Kunst die Intuition einfangen).

Eine Idee, die mir besonders gefällt, ist die Annahme, dass unser individuelles Bewusstsein vielleicht Teil eines kollektiven Bewusstsein ist. Der Mediziner und Arzt Dr. Hans Hein, der das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat, formuliert es so: „Das Wissen ist nicht im Gehirn, sondern das Hirn im Wissen.“ Sind wir, unser aller Bewusstsein, sowas wie ein Weltengehirn? Entwickelt sich die Welt, das ganze Universum, durch dieses globale Bewusstsein weiter und ist das vielleicht auch der Sinn des Ganzen, unseres Daseins? Der Physiker und Heisenberg-Schüler Heim definiert in seiner einheitlichen zwölf-dimensionalen Quantenfeldtheorie Bewusstsein als eine Dimension des Universums. Er beschreibt einen universellen Hyperraum, mit dem der Mensch über seine DNS verbunden ist. Im Hyperraum sei das Langzeitgedächtnis abgespeichert. Auch das Gehirn sei mit dem universalen Umfeld verbunden. Und Max Planck konstatierte in seiner Rede zum Nobelpreis (1918): „Es gibt keine Materie an sich, alle Materie entsteht und besteht nur durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zu dem winzigen Sonnensystem des Atoms zusammenhält. Da es im ganzen Weltall weder eine intelligente noch ewige abstrakte Kraft gibt – es ist der Menschheit nie gelungen, das heiß ersehnte Perpetuum mobile zu finden – so müssen wir hinter dieser Kraft bewussten, intelligenten Geist annehmen.“ Max Plank

Energiefeld Gott

Totenkopf 461 – Ulrike Hinrichs, Aquarell

Diese wissenschaftliche Perspektive nähert sich spirituellen Ansätzen an. Die alten vedischen Lehren gingen davon aus, dass das Universum ein schwingendes Feld ist. Dieses Energiefeld nannten sie Akasha. Das mythologische Bild aus dem Mahayana Buddhismus – Indras Netz – ist eine weitere Metapher zur Beschreibung einer noch viel älteren vedischen Lehre, die ebenfalls verdeutlicht wie die Struktur des Universums in einem Netz verflochten ist. Dieses Energiefeld, das man auch Gott nennen kann, könnte die gemeinsame Wurzel aller Religionen sein.

Mit einer solchen Perspektive der Betrachtung von Bewusstsein gehe ich in Resonanz, es leuchtet mir ein. Damit wäre jedenfalls unser individuelles Bewusstsein „unsterblich“, Teil eines größeren Ganzen, wie die Welle im Meer. Vielleicht ist auch diese Annahme aber nur ein neues Narrativ in der großen Erzählung der Menschheit. Ich habe da so einen Ahnung: es gehört zum Menschsein dazu, dass wir dieses Rätsel nicht lösen können.

Und so ende ich mit einem persönlichen Erlebnis: Zu dieser Jahreszeit auf meinen Waldspaziergängen in den Harburger Bergen begegnen mir unzählige blau-schwarz glänzende Mistkäfer. Die schillernde Farbe ihres Panzers fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Einige sind totgetreten, andere flitzen über den Waldboden, wieder andere liegen auf dem Rücken und strampeln mit den Beinchen. Wenn mir ein solch hilfloser Käfer begegnet, drehe ich ihn auf die Beine. Und dann denke ich immer mal wieder, der weiß jetzt nicht, wer ihm das Leben gerettet hat. So beschränkt in meiner Wahrnehmung fühle ich mich auch, wenn ich über den Tod nachdenke.

Zitierte Literatur: Illobrand von Ludwiger (2010), Burkhard Heim – Das Leben eines vergessenen Genies

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Mit der Kunst die Intuition einfangen https://www.tiefgang.net/mit-der-kunst-die-intuition-einfangen/ Fri, 14 Jun 2019 22:43:34 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5431 [...]]]> Warum erschafft der Mensch überhaupt Kunst? Was ist unter Kunst zu verstehen? Kann man Kunst definieren?

Darüber wurde seit der Aufklärung schon viel diskutiert. Auch der Begriff der Ästhetik zur Qualifizierung von Kunstwerken geht auf die Zeit der Aufklärung zurück. Die Kunst ist zwar mit Worten kaum zu greifen, wird aber im gesellschaftlichen Kontext doch immer wieder der Bewertung unterworfen. Das lernen Kinder schon in der Schule, indem sie für die bildende Kunst Schulnoten erhalten. Was aber wäre, wenn wir unseren Blick erweitern, wenn der künstlerische Ausdruck eine dem Mensch ureigene Form der Sprache ist, eine Sprache der mehr fühlenden intuitiven Seite im Menschen, wie Hinrichs es in ihrem neuen Buch beschreibt.

„Kunst als Sprache der Intuition“, unter dem gleichnamigen Titel veröffentlicht Ulrike Hinrichs, u.a. Kunsttherapeutin und bekannt für zahlreiche künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte in Harburg, jetzt ihr neues Fachbuch. Es richtet sich an Kunsttherapeuten und Fachleute, die mit kunstanalogen Prozessen arbeiten. Es eignet sich aber auch für Menschen, die an dem Thema interessiert sind.

In einem ausführlichen Theorieteil erläutert Hinrichs anhand einer umfangreichen Wissenschaftsrecherche die holografische Weltsicht, die sich hinter der Idee verbirgt. Im Praxisteil werden Impulse gegeben und Beispielsfälle erläutert.

Im Klappentext heißt es: „Die Welt als Maschine ist Geschichte, das Narrativ unserer Zeit beschreibt die Welt als lebenden holografischen Organismus. Das klingt erstmal interessant, aber auch klärungsbedürftig.“

Was ist damit gemeint?

„Dahinter steckt eine ganzheitliche Weltsicht. Jedes System, auch der Mensch, ist danach ein Holon. Das bedeutet, der Mensch ist Teil des gesamten Universums und repräsentiert gleichzeitig das Ganze. Auch die Psyche ist Bestandteil eines holografischen Bewusstseinsfeldes. Wissen und Erfahrungen sind in universellen Feldern gespeichert, mit denen der Mensch mittels seiner Intuition in Resonanz steht. Das habe übrigens nicht ich erfunden, sondern zu dieser Annahme gibt es mittlerweile viele wissenschaftliche Theorien, auf die ich mich in meinem Buch beziehe“, erklärt Hinrichs.

Der Mediziner und Gründer des Forum Synergie in Hannover, Dr. Hans Hein, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat, beschreibt es plakativ: „Das Wissen ist nicht im Gehirn, sondern das Hirn im Wissen.“ Das erfordert ein radikales Umdenken. Hinrichs ergänzt, dass der künstlerische Ausdruck, jenseits von Kunstmarkt und gesellschaftlich bewerteter Kunst, eine Art „Sehhilfe“ sei, mit der man Themen visuell nach außen bringt. Die Kunst könne den sprachlosen Raum sichtbar machen, Unaussprechliches artikulieren und Widersprüchliches mühelos vereinigen. Sie könne Neues gebären und Unbekanntes manifestieren. In der Kunst werde die diffuse Intuition im Werk sichtbar gemacht.

„Die tief sitzende leistungsorientierte Bewertung vom künstlerischen Schaffen muss man sich unter dieser Perspektive abtrainieren“, konstatiert Hinrichs. Denn es geht bei ihrem Verständnis vom künstlerischen Schaffen mehr um den schöpferischen Ausdruck und weniger um den ästhetischen Eindruck, den das Werk auf andere macht. „Wir wollen mit der Kunst die Intuition einfangen“, meint Hinrichs, wobei auch die Definition der Intuition schwierig sei, gibt sie zu. Die einen nennen es etwa Bauchgefühl, ein plötzliches inneres Wissen oder sie „fühlen“ oder „ahnen“ etwas, „sehen“ innere Bilder.

„Wir blicken zurück auf ein materialistisch-mechanistisch geprägtes Zeitalter, in dem es so etwas wie Intuition gar nicht geben konnte. Die Wissenschaft hat alles Lebendige wie eine funktionierende Maschine zu erklären versucht. Die Rationalität, repräsentiert durch den Verstand, stand im Vordergrund“, sagt Hinrichs. „Die Intuition, die lange als irrationales Bauchgefühl abgetan wurde, erlebt nun aber einen Aufschwung.“. Für die Intuition gibt es verschiedene Definitionsversuche. Schon C.G Jung hat versucht, die Intuition zu beschreiben. Sie sei als Ahnung nicht ein Produkt eines willkürlichen Aktes, sondern ein unwillkürliches Geschehen, das von inneren und äußeren Umständen abhänge. Intuition sei eher wie eine Sinneswahrnehmung, meint Jung. Die Ethnologin Dr. Kessler unterscheidet in diesem Sinne das rationale, nach außen gerichtete Denken und das nach innen gerichtete „wilde Denken“, das eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervorbringe. Seine Struktur übertrage den universellen Prozess auf den Alltag.

„Ein Motor der Intuition sind künstlerische Prozesse, die als eine Form der universellen präkognitiven Sprache zu verstehen sind“, sagt Hinrichs. Hein ergänzt: „viele neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wie sehr viel schneller unsere automatische Soforterfassung unserer Welt ist. Denken und Rationalität sind eher Bummelbahnen, die auf den Schienen schon angebahnter Intuitionen fahren Die Automatik der körperintelligenten Intuition ist gigantisch. Bewusstheit darüber zu erlangen ist erweiterte Intuition und deren Umsetzung in Ausdruck und Gestaltung, ist Kunst.“

In ihrer unterstützenden Arbeit mit Menschen nutzt Hinrichs den künstlerischen Ausdruck als eine integrative und allverständliche Sprache der Intuition. Für dieses Jahr hat sie aktuell einige künstlerische Projekte in Harburg initiiert. Das Projekt Frauenbilder, für Frauen in schwierigen Lebenssituationen, findet bis zum Jahresende im Habibi Atelier statt (Termine und Infos: loesungskunst.frauenbilder).

Mit dem aktuellen Kunstprojekt zum sozialen Brennpunktthema „Wohnen“, bei dem man gern noch mitmachen kann, knüpft sie unter dem Titel „Wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße“ an die Idee des Projektes „Gemalte Freiheit“ an.

Denn auch für gesellschaftspolitische Diskussionen lassen sich, so die Autorin, mit der Kunst neue Sichtweisen aufzeigen und Perspektiven entwickeln. Das menschliche Miteinander ändert sich durch künstlerisch-dialogische Prozesse. Der gesellschaftliche Beziehungsraum wird durch eine künstlerisch vermittelte Kontaktebene achtsamer und respektvoller. Unsere individuelle Perspektive auf das Soziale, auf kritische Themen, erweitert sich durch die Brille der Kunst.

Infos zur Autorin www.lösungskunst.com

Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanlogen

Transformationsprozessen, von: Hinrichs, Ulrike

Synergia Verlag, 2019

ISBN: 9783906873824

Buch bestellen: synergia-auslieferung.de

 

 

Literatur:

  • Kessler, Christina (2019). Think wild!. TattvaViveka, Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur. Ausgabe 79, 2019, S. 8 ff.
  • Franz, Marie-Luise von; Henderson, Joseph L.; Jacobi, Jolande; Jaffé, Aniela (2012, S. 61).
  • C.G. Jung. Der Mensch und seine Symbole

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