Dr. Oliver von Wrochem https://www.tiefgang.net Tue, 23 Aug 2022 15:03:21 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Deportiert ins Ungewisse https://www.tiefgang.net/deportiert-ins-ungewisse/ Fri, 26 Aug 2022 22:58:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9294 [...]]]> Eine Fotoinstallation am Gedenkort „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ im Lohsepark in der HafenCity macht aktuell auf die Zielorte der Deportationen vom Hannoverschen Bahnhof aufmerksam.

Vom Hannoverschen Bahnhof wurden in den Jahren 1940 bis 1945 über 8000 Jüdinnen und Juden, Sintizze und Sinti sowie Romnja und Roma in Ghettos und Lager ins deutsch besetzte östliche Europa deportiert. In der „Fuge“ – dem Verbindungsstück zwischen Lohseplatz und Gedenkort – werden nun sechs Großfotos mit Eindrücken von den heutigen Orten in Polen, Lettland, Belarus und Tschechien gezeigt.

Auf den Namenstafeln am denk.mal Hannoverscher Bahnhof werden die Namen der von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs errichteten Ghettos und Lager genannt: Auschwitz, Belzec, Litzmannstadt/Lodz, Minsk, Riga, Theresienstadt. Wie sehen diese Orte aus? An einigen dieser Orte gibt es heute Gedenkzeichen oder Gedenkstätten. So wie in Bełżec in Polen, 20 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. 1940 wurden dort für einige Wochen Sinti und Roma aus Hamburg und Norddeutschland in ein improvisiertes Zwangsarbeitslager gesperrt und mussten Panzergräben ausheben. Seit 2012 besteht dort ein Mahnmal mit Informationen zum Schicksal der Deportierten.

Ein Foto dieses Gedenkortes sowie von fünf weiteren Orten ehemaliger Zielorte der Deportationen aus Hamburg werden bis Ende Oktober am denk.mal Hannoverscher Bahnhof zu sehen sein. Seit Juli zeigt bereits eine weitere Installation „(Letzte) Lebenszeichen“ Postkarten, mit denen Deportierte aus Ghettos und Konzentrationslagern Kontakt zu Verwandten und Bekannten in Hamburg aufnahmen. Mit diesen und weiteren geplanten Interventionen im Lohsepark werden Erkenntnisse aus dem Projekt Dokumentationszentrum „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ an den Gedenkort gebracht. Die aktuellen Installationen wurden durch die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte in Kooperation mit der HafenCity Hamburg GmbH realisiert.

Das denk.mal Hannoverscher Bahnhof im Lohsepark besteht aus mehreren Elementen: es umfasst neben dem zentralen Gedenkort am historischen Bahnsteigrelikt des ehemaligen Bahnhofs eine begehbare sogenannte „Fuge“. Diese durchquert die Grünanlage und zeichnet den historischen Gleisverlauf nach: vom ehemaligen Bahnhofsvorplatz bis zum denkmalgeschützten Relikt des Bahnsteigs mit den Namenstafeln der Opfer.

Dr. Oliver von Wrochem (Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte): „Die Fotoinstallation ist Teil der Auseinandersetzung mit dem Gedenken an die Deportationen aus Hamburg in den ehemals deutsch besetzten Ländern im östlichen Europa. Diese Perspektive wird im Dokumentationszentrum vertieft werden. Einige der Fotos sind in transnationalen Projekten entstanden. Dort haben sich Jugendliche aus Deutschland und den Zielländern der Deportationen über die Gedenkkulturen in ihren Herkunftsländern ausgetauscht. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine erschwert zurzeit derartige Projekte. Wir können noch nicht ermessen, welche Auswirkungen er auf die Gedenkkultur in Europa haben wird.“

Dr. Kristina Vagt (Kuratorin im Projekt Dokumentationszentrum „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“): „Die aus Hamburg deportierte und mittlerweile verstorbene Holocaust-Überlebende Lucille Eichengreen sagte anlässlich der Einweihung des Gedenkorts vor fünf Jahren: ‚Wir wussten nicht wohin, warum, oder was uns erwartet‘. An den Zielorten waren die Menschen in eine katastrophale Situation geworfen. Mittels der Fotoinstallation wollen wir zeigen, dass die Deportationen konkrete Zielorte hatten. Das kommende Dokumentationszentrum wird vertiefend darstellen, was an den Zielorten mit den Deportierten passierte.“

Dipl.-Ing. Andreas Schneider (Landschaftsarchitekt, Senior Projektmanager HafenCity Hamburg GmbH): „Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist eine bleibende Verpflichtung und die auf Veranlassung der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte umgesetzte Installation trägt dazu bei, dass dieses ungeheuerliche Verbrechen nicht vergessen wird. Sie leistet darüber hinaus einen wichtigen Beitrag, weil sie den Gedenkort und die Fuge als Bestandteil des Lohseparks noch einmal stärker in die öffentliche Wahrnehmung rückt und damit die Erinnerung an die Lebens- und Leidenswege der vom Hannoverschen Bahnhof aus deportierten Menschen aufrechterhält.“

Mittwoch, 24. August bis Montag, 31. Oktober 2022
„Fuge“ am Lohseplatz, 20457 Hamburg (HafenCity)

Weiterführend: Zum Gedenkort und den aktuellen künstlerischen Interventionen siehe: hannoverscher-bahnhof.gedenkstaetten-hamburg.de/

 

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Aus Verbrechen lernen https://www.tiefgang.net/aus-verbrechen-lernen/ Fri, 06 Mar 2020 23:43:55 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6396 [...]]]> Mit einem feierlichen ersten Spatenstich haben am 17. Februar die Bauarbeiten für das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof in der HafenCity begonnen.

Ein Gedenkort im Lohsepark erinnert seit 2017 an die Deportation von über 8.000 Jüdinnen und Juden, Romnja und Roma sowie Sintezza und Sinti. Sie wurden zwischen 1940 und 1945 über den ehemaligen Hannoverschen Bahnhof in Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt und dort zum größten Teil ermordet. Im neu entstehenden Dokumentationszentrum wird eine Dauerausstellung über diese Verbrechen und über den Abtransport zumeist politischer Gegner in den Kriegseinsatz aufklären und diese in den Kontext nationalsozialistischer Verfolgungspolitik einbetten. Das Dokumentationszentrum soll als Lernort mit innovativen Formaten besonders auch junge Menschen ansprechen. Es entsteht im Erdgeschoss eines Büro- und Hotelgebäudes, das von der Müller-Spreer Gruppe errichtet wird, und soll nach jetzigem Stand der Planungen 2023 eröffnet werden.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Das Dokumentationszentrum hat eine große Bedeutung für die Erinnerungskultur in Deutschland und wird zugleich einen zentralen Baustein in dem neu entstehenden Erinnerungskonzept unserer Stadt bilden. Es wird den Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof vollenden, der den von hier aus deportierten Juden, Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland gewidmet ist. Wir sind dankbar, dass wir den Gedenkort und das Dokumentationszentrum zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der Verfolgtenverbände entwickeln konnten und diese bis heute die Entwicklung begleiten.“

Dr. Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: „Das Dokumentationszentrum soll als Ort lebendiger Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart Antworten geben auf die Frage: Was bedeutet das Wissen um die NS-Verbrechen für unser Denken und Handeln im Hier und Jetzt? Durch Bezugspunkte zu gegenwärtigen Herausforderungen in Zeiten eines zunehmenden Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus sollen Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken über die eigene Verantwortung in der gegenwärtigen Gesellschaft angeregt werden. Dafür ist es wichtig, neue Wege in der Darstellung und Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschreiten.“

Prof. Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH: „Das Dokumentationszentrum wird gemeinsam mit dem gesamten Ensemble ‚denk.mal Hannoverscher Bahnhof‘ im Lohsepark ein lebendiger Ort des Erinnerns inmitten des alltäglichen Lebens in der HafenCity sein. In einem langfristigen und intensiven Dialog, den wir zusammen mit der Kulturbehörde und den Verbänden der Hinterbliebenen und Überlebenden geführt haben, ist ein herausragendes Beispiel dafür gelungen, wie Erinnerungskultur in die Stadtentwicklung integriert werden kann. Außerdem freue ich mich, dass wir einen Bauherrn überzeugen können, ein anspruchsvolles Haus zu bauen, in dessen Erdgeschoss die Flächen für das Dokumentationszentrum über einen sehr langen Zeitraum in der Verfügbarkeit der Stadt sind.“ 

Das Dokumentationszentrum

Das Dokumentationszentrum wird über eine Gesamtfläche von rund 800 Quadratmetern verfügen. Schwerpunkt des neuen Lernorts in der Hamburger HafenCity bildet die Information über die rassistische Verfolgung von mehr als 8.000 Jüdinnen und Juden, Sintezza und Sinti sowie Romnja und Roma, die zwischen 1940 und 1945 aus Hamburg und Norddeutschland in 20 Transporten in Gettos, Konzentrationslager und Vernichtungslager deportiert wurden. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Informiert wird auch über die Verfolgung und den Abtransport von über 1.000 zumeist politischen Gegnern des NS-Regimes in das „Bewährungsbataillon 999“ der Wehrmacht, von denen Hunderte in gefährlichen Kriegseinsätzen starben. Vorgestellt wird zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Reichsbahn und Hamburger Behörden, das Handeln von Täterinnen und Tätern auf unterschiedlichen Ebenen sowie das Verhalten jener, die profitierten oder nichts taten, um die Verbrechen zu verhindern.

Die Dauerausstellung wird von einem wissenschaftlichen Team der KZ-Gedenkstätte Neuengamme konzipiert. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure sind in die Entwicklung eingebunden.

Das Dokumentationszentrum wird sich im Erdgeschoss eines Büro- und Hotelgebäudes befinden, das die Müller-Spreer Gruppe nach einem Entwurf des Architekturbüros Wandel Lorch errichtet. Die Müller-Spreer Gruppe wird das Hotel in Kooperation mit dem Grill Royal Berlin selbst betreiben.

Der Gedenk- und Lernort denk.mal Hannoverscher Bahnhof

Vom Hannoverschen Bahnhof wurden zwischen 1940 und 1945 mehr als 8.000 Jüdinnen und Juden, Romnja und Roma sowie Sintezza und Sinti in Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Das Gelände des ehemaligen Bahnhofs liegt heute inmitten des Lohseparks in der HafenCity. Der Gedenk- und Lernort besteht aus drei Elementen: Vom historischen Vorplatz des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs, dem Lohseplatz, führt eine so genannte Fuge quer durch den Park bis zum unter Denkmalschutz gestellten historischen Bahnsteig 2 und zeichnet den einstigen Gleisverlauf nach. Lohseplatz und Fuge sind das erste Element und wurden im Sommer 2016 zusammen mit dem gesamten Lohsepark eröffnet. 2017 folgte das zweite Element, nämlich die Eröffnung des zentralen Gedenkortes an den historischen Relikten der Kante des Bahnsteigs 2, von dem die Deportationen abgingen, sowie an erhaltenen Gleisverläufen des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs. 20 Namenstafeln erinnern hier an die mehr als 8.000 von hier aus deportierten Menschen. Mit dem Dokumentationszentrum entsteht als drittes Element ein Lernort in visueller Beziehung zum historischen Gedenkensemble.

Quelle:  stiftung.gedenkstaetten-hamburg.de

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