ehemaliges Gestapo-Hauptquartier – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 07 Jul 2023 13:37:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Geschichtsort Stadthaus wiedereröffnet https://www.tiefgang.net/geschichtsort-stadthaus-wiedereroeffnet/ Fri, 07 Jul 2023 22:00:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10103 [...]]]>

Das Stadthaus war im Nationalsozialismus der Inbegriff repressiver Gewalt der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Das war klar und doch hatte man es im Zuge der Umwandlung in eine Shopping-Mall ignorieren wollen. Der Versuch nun Gedenken nachzuholen, ist um so mühevoller …

Der Geschichtsort Stadthaus ist im Herbst letzten Jahres in die Trägerschaft der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen übergegangen. Die Stiftung hat diesen Ort in Abstimmung mit verschiedenen Verfolgtenverbänden weiterentwickelt. Nach umfangreichen Umbauarbeiten wurde der Ort nun am 3. Juli 2023 mit einem erweiterten Raum- und Veranstaltungsangebot wiedereröffnet und ist seit dem 4. Juli 2023 wieder für das Publikum zugänglich.

Anlässlich der Wiedereröffnung bietet die Stiftung am 4. Juli 2023 einen Tag der offenen Tür an. Zwischen 12:00 und 16:00 Uhr finden stündlich Kurzführungen durch das ehemalige Stadthaus statt. Der Geschichtsort Stadthaus ist ab dem 4. Juli 2023 von Montag bis Samstag in der Zeit von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Geschichte

Das Stadthaus an der Stadthausbrücke/Neuer Wall war bis Juli 1943 Sitz der zentralen Dienststellen der Hamburger Polizei. Im Nationalsozialismus organisierten Gestapo und Kripo von hier die Verfolgung des Hamburger Widerstands, die Verfolgung von Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti, Romnja und Roma, Homosexuellen, von als „Berufsverbrecherin“ oder „Berufsverbrecher“ oder „asozial“ stigmatisierten Personen sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Auch der Kriegseinsatz norddeutscher Polizisten, die in Polen und in der Sowjetunion maßgeblich am Holocaust mitwirkten, wurde von hier aus organisiert. Im Stadthaus wurden Gefangene in den Arrestzellen und bei Verhören misshandelt, erniedrigt, gefoltert oder in den Tod getrieben. Für viele Verfolgte war das Stadthaus die erste Station ihres Leidenswegs, der in Gefängnissen und Konzentrationslagern fortgesetzt wurde und oft mit dem Tod endete.

Kontroversen um das ehemalige Stadthaus sind seit mehreren Jahren Teil der öffentlichen Diskussion um einen angemessenen Umgang Hamburgs mit seiner NS-Vergangenheit. In ihrer Arbeit im Geschichtsort Stadthaus wird die Stiftung künftig unterschiedlichen Positionen Raum geben.

Zentrale Themen

Zentrale Themen des Geschichtsorts Stadthaus sind Widerstand und Verfolgung, die Hamburger Polizei und ihre Verbrechen, die Nachgeschichte des Nationalsozialismus und aktuelle erinnerungspolitische Entwicklungen in Hamburg. Neben der Dauerausstellung „Das Stadthaus im Nationalsozialismus: Eine Zentrale des Terrors“, einer Ausstellung zur Bau- und Nutzungsgeschichte und dem „Seufzergang“ stehen künftig auch ein Seminar- und ein Veranstaltungsraum zur Verfügung. Das Rundgangs- und Seminarangebot für Einzelbesucher und -besucherinnen, Schulklassen und Gruppen wird nun weiter ausgebaut.

Zur thematischen Vertiefung steht eine kleine Fläche für Sonderausstellungen bereit. Anlässlich der Eröffnung werden Objekte gezeigt, mit denen Schülerinnen und Schüler an den Widerstand von Helmuth Hübener erinnern.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Jahrzehnte erinnerte kaum etwas an die Verbrechen, die im Stadthaus im Herzen der Stadt begangen wurden. Mit dem erweiterten Angebot des Geschichtsortes, dem ‚Seufzergang‘, der Ausstellung in den Brückenarkaden und der Bodenskulptur Stigma ist die Geschichte dieses Ortes nun deutlich sichtbar. Die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte lädt mit einem vielfältigen Programm dazu ein, sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen. Der Geschichtsort Stadthaus wird so zu einem wichtigen und zentralen Baustein in der Gedenkstättenlandschaft Hamburgs.“

Prof. Dr. Oliver von Wrochem, Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen: „Der Geschichtsort Stadthaus zeigt, dass der nationalsozialistische Terror im Zentrum Hamburgs organisiert wurde. An diesen Terror und seine Opfer erinnern seit 2020 die von unserer Stiftung erarbeiten Ausstellungen. Nun erhalten wir zusätzliche Möglichkeiten, die Auseinandersetzung mit dem jahrzehntelang verdrängten geschichtlichen Erbe in die Stadtgesellschaft zu tragen und Menschen zu erreichen, die sonst nicht in Gedenkstätten kommen.“

Alyn Beßmann, Leiterin des Geschichtsorts Stadthaus: „Uns ist es wichtig, den Geschichtsort Stadthaus zu einem offenen Ort zu machen, der vielfältige Besucherinnen und Besucher anspricht. Für Angehörigen von NS-Verfolgten gibt es die Möglichkeit, vor Ort mit Fotos und Dokumenten in einer ‚Memory Box‘ an ihr verfolgtes Familienmitglied zu erinnern. So können die Auswirkungen der NS-Vergangenheit in den Familien bis in die Gegenwart hinein sichtbar werden. Verfolgtenverbänden und erinnerungspolitisch engagierte Initiativen bieten wir an, in einem Schaufenster ihre Arbeit und ihre aktuellen Projekte vorzustellen.“

 

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„Kein Ende in Sicht“ https://www.tiefgang.net/kein-ende-in-sicht/ Fri, 10 Feb 2023 23:32:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9711 [...]]]> Jeden Freitag protestieren sie freitags und das seit 5 Jahren: die Initiative Gedenkort Stadthaus. Ist an diesem Ort ein würdiges Erinnern möglich?

Seit Februar 2018 protestiert die Initiative Gedenkort Stadthaus jeden Freitag um 17 Uhr vor dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier an der Stadthausbrücke. Mit ihrer Mahnwache fordert sie ein würdiges und umfassendes Erinnern an Täter, Opfer und Widerstand im Stadthaus. Die Initiative kritisiert die aktuellen Pläne von Stiftung und Senat für den Gedenkort als unzureichend, und will ihren Protest fortsetzen. Die nächste Mahnwache findet am 17.02.2023 um 17 Uhr statt (Ecke Stadthausbrücke / Neuer Wall).

Die Hoffnung auf ein besseres Gedenkkonzept sieht die Initiative nach dem Scheitern des viel kritisierten „Dreiklangs“ aus Buchhandlung, Café und Gedenkecke im Frühjahr 2022 nicht erfüllt. Der für den Geschichtsort vorgesehene Raum sei weiterhin viel zu klein (240 statt 750qm). Die notwendige Erweiterung der Ausstellung um den Hamburger Widerstand, die Geschichte der Polizei im NS und die politischen Auseinandersetzungen um das Stadthaus nach 1945 seien damit unmöglich. Die Initiative kritisiert, dass die Eigentümer:innen des Gebäudes entgegen ursprünglicher Verträge von ihren finanziellen Verpflichtungen entbunden worden seien. Die Mittel der Kulturbehörde für Ausgestaltung und Betrieb des Gedenkortes aber seien zu knapp bemessen. Auch der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte fehlten die personellen und finanziellen Kapazitäten für ihre neue Aufgabe.

„Der städtische Umgang mit den Eigentümern der Stadthöfe ist ein Sichanbiedern an Immobilienunternehmen“, kritisiert Cornelia Kerth (VVN-BdA). „Er spielt den Kräften in die Hände, die einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte ziehen oder sogar an sie anknüpfen wollen.“

„Das Stadthaus erinnert wie kein zweiter Ort daran, wie schnell die republikanische Polizei der Weimarer Republik zum Terrorinstrument der Nazis werden konnte“, mahnt Wolfgang Kopitzsch (AvS). „Warum lässt man diese Chance ungenutzt? Das Stadthaus kann nur dann ein Beitrag zur wehrhaften Demokratie sein, wenn die Erinnerung an Naziterror und Widerstand in all seinen Facetten darin Platz findet. Das ist mit den derzeitigen Plänen leider nicht möglich.“

In fünf Jahren hat die Initiative über 200 Mal ihre Mahnwache abgehalten, eine eigene Broschüre zum Stadthaus publiziert, über 30.000 Flyer verteilt sowie im Beirat des Gedenkortes Stadthaus die Auseinandersetzung mit der Politik gesucht. In ihr sind Verfolgtenverbände, wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) oder der Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten (AvS), Nachkommen von NS-Verfolgten sowie Personen des öffentlichen Lebens engagiert. Der aktuelle Flyer der Initiative findet sich hier: hamburg.vvn-bda.de

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