Esther Shalev-Gerz – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 24 Jun 2019 15:01:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Das unsichtbare Mahnmal https://www.tiefgang.net/das-unsichtbare-mahnmal/ Fri, 21 Jun 2019 22:50:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5501 [...]]]> Sein Mahnmal ist in Harburg weithin bekannt wie auch das Leitmotiv „Nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben“. Doch sehen kann man es nicht … Nun war der Künstler wieder in Harburg.

Der deutsche Konzeptkünstler Jochen Gerz (79 Jahre) machte vor kurzem Halt in Harburg. Er war eigentlich auf dem Weg von Paris zu einer Geburtstagsfeier. In Harburg wollte er mal zwischendurch nach dem rechten sehen. Denn hier steht eines seiner meistbesprochenen Kunstwerke. Ein Mahnmal, das man nicht sieht.

Das Mahnmal gegen Faschismus entstand 1986 und es dauerte bis 1993, um quasi vollbracht zu werden. Es war eine Auftragsarbeit des Bezirks Harburg, die Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz als eine Art Anti-Monument schufen. Denn, so ließ Jochen Gerz auch bei seinem Besuch jüngst wieder verlauten, was bringen riesige Denkmäler, die man gar nicht wahrnimmt? Und was bringt ein Denkmal als „Hardware“? Viel wichtiger sei die „Software“, nämlich das das Gedenken selbst, stets aktuell zu halten.

Und so wurde seinerzeit das Denkmal als 12 Meter hohe Stahlsteele nahe des Marktplatzes installiert. Auf der bleiummantelten Säule konnten Harburger*innen damals mit ihrem Namen unterschreiben, dass sie das Gedenken wider dem Faschismus wach halten wollen. Die Einladung damals: „Wir laden die Bürger von Harburg und die Besucher der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen. Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben. Je mehr Unterschriften der zwölf Meter hohe Stab aus Blei trägt, um so mehr von ihm wird in den Boden eingelassen. Solange, bis er nach unbestimmter Zeit restlos versenkt und die Stelle des Harburger Mahnmals gegen den Faschismus leer sein wird. Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben.“

Diese aktive Partizipation und Aneignung des Gedenkens führte dann bildhaft aber real dazu, dass über die Jahre gut 70.000 Unterschriften zusammenkamen. Je mehr es wurden, je tiefer versank die Säule mit den Jahren im Boden.

Teile der Säule sind heute noch durch ein Gitter nahe des Fischhandels am Markt im Tunnel zum Rathaus hin zu sehen. Dort wo die Säule herausragte, am oberen Teil der Treppe vom Markt zum Harburger Ring hingegen ist nur die obere Seite der Säule als 1qm–Umríß zu sehen und daneben eine Tafel, die den Prozess damals dokumentierte.

Damals wurde Gerz in der Festschrift zum Mahnmal zitiert: „Entweder das Denk-Mal ‚funktioniert‘, d. h. es wird durch die Initiative der Bevölkerung überflüssig gemacht, oder es bleibt bestehen als Denk-Mal des Nichtfunktionierens, (als) Menetekel.“ Und so ließ er auch nun wieder verlauten: wenn die Harbruger*innen sich gewiss seien, dass Faschismus nie wieder auflebe, könne das Mahnmal weg. Die Anwesenden u.a. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann und Harburgs Museumsleiter Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, waren sich einig: es wird ewig bleiben.

Gruppenbild mit Künstler

Ein unsichtbares Mahnmal hat Gerz übrigens nicht nur in Harburg installiert. Auch wenn dies sicher das meist diskutierte Werk ist. In Saarbrücken entstand 1993 das Werk „2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus“. Dort hatte Gerz mit Studierenden alle 66 jüdischen Gemeinden in Deutschland und der vormaligen DDR kontaktiert: Er lud sie, die Namen der Friedhöfe, auf denen bis 1933 bestattet wurde, als einen Beitrag zu einem Mahnmal zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit einer Gruppe von acht Studenten der Hochschule für Bildende Künste Saar entfernte Gerz hier in nächtlichen Aktionen und über ein Jahr lang Pflastersteine aus der Allee des Saarbrücker Schlossplatzes. Die Allee führt zum Sitz des regionalen Parlaments. Vorher aber saß dort die NS-Gauleitung. Die entfernten Steine wurden dann quasi durch Attrappen ersetzt. Die Studenten gravierten in die Steine die Namen der jüdischen Friedhöfe ein, die zuvor von den Gemeinden kommuniziert wurden. und setzten sie dann wieder an ihren ursprünglichen Stellen ein. Allerdings mit der Schrift nach unten. So blieb auch das Mahnmal unsichtbar. Die Zahl der von den jüdischen Gemeinden in Deutschland genannten Friedhöfe wuchs bis Herbst 1992 auf 2146. Daher der Name.

Wie das Mahnmal in Hamburg-Harburg ist das Saarbrücker Mahnmal nicht sichtbar, sondern muss in der eigenen Anschauung gedacht und realisiert werden. Anders als dieses ist es jedoch nicht als Auftragsarbeit entstanden, sondern als eine ursprünglich geheime Initiative und wurde erst nachträglich vom saarländischen Parlament legalisiert. Heute heißt der Saarbrücker Schlossplatz „Platz des Unsichtbaren Mahnmals“.

Weiterführend:

Harburger Mahnmal gegen Faschismus“ von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz, Taschenbuch, 122 Seiten, zahlreiche meist farbige Abbildungen, Hatje Cantz Verlag (März 1998) Sprache: Deutsch, Englisch; ISBN: 3-7757-0498-1;

 

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Hamburgs Kunst im öffentlichen Raum https://www.tiefgang.net/hamburgs-kunst-im-oeffentlichen-raum/ Sat, 13 May 2017 06:00:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1056 [...]]]> Bis in die 80er Jahre wurden Aufträge unter dem Titel „Kunst am Bau“ vergeben, was aber 1981 endgültig als unzeitgemäß verstanden und auf „Kunst im öffentlichen Raum“ inhaltlich erweitert wurde.  So kamen auch freie Kunstprojekte ohne Bau zum Zuge. Einige davon sind den Hamburgern durchaus geläufig und präsent.

Das erste Großprojekt von 1982 des Hamburger Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ hieß „Halle 6“ und kam in Form einer Skulpturenausstellung in einer riesigen, leerstehenden Fabrikhalle auf dem Gelände der ehemaligen Kampnagel-Kranfabrik daher. Richtig, der heutigen „Internationalen Kulturfabrik Kampnagel“.

Mimmo Paladinos „Halle 6“ von 1982 ( Foto: Ottmar v. Poschinger)

Oder auch das von Stephan Balkenhol 1993 umgesetzte Projekt „Vier Männer auf Bojen“. Das Kunstobjekt sind „vier männliche Figuren aus Eichenholz, farbig gefaßt, auf Flachwassertonnen montiert, Gesamtgröße je 2,40 Meter, an verschiedenen Orten im Wasser installiert“, so die formelle Beschreibung. Spaß hat man an ihnen auch wenn man sie schlicht „Bojen-Heini“ nennt.

Ein weiteres Harburger Objekt aus dem Bereich „Kunst im öffentlichen Raum“ sorgt auch heute noch für regelmäßige Diskussionen: das von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz entworfene „Harburger Mahnmal gegen Faschismus“ von 1986. Eine Bleisäule als Mahnmal und nur als ein Denkanstoß auf Zeit. Es hat sich im Erinnern abstrahiert, statt als hoheitlich verordnetes Alibi zu dienen und durch Gewöhnung langsam unkenntlich zu werden. Die Säule sank nämlich nach und nach in den Boden. Über geblieben ist eine Bleiplatte mit einem schmalen Fenster in einer Tür zum Blick aus der Fußgängerunterführung am Marktplatz (bei Mimi Kirchner) auf den im Schacht verborgenen Blei-Körper.

Im Jahr 1988: Jochen Gerz & Esther Shalev-Gerz,

Harburger Mahnmal gegen Faschismus

1993 ist das Harburger Mahnmal gegen Faschismus dann „versunken“ (Foto:Wolfgang Neeb)

 

Auch öfters im Blickfeld ist der für drei ausgewählte Orte entlang der Fern- und S-Bahn-Linie zwischen Altona und Harburg gelbleuchtend geschaffene Schriftzug „die eigene GESCHICHTE“. Er stammt von der Hamburger Künstlerin Barbara Schmidt Heins: am Busbahnhof von Hamburg-Harburg, an einem Telekom-Gebäude am Fernsehturm und an der Rückfront der Hamburger Kunsthalle. Alle drei Standorte sind so gewählt, dass primär die Bahnfahrer und Zugreisenden die Schrift lesen können. Von Altona kommend in Richtung Harburg befinden sich alle drei Werke rechter Hand.

Auch heute noch am Harburger Bahnhof zu sehen: Barbara Schmidt-Heins „die eigene GESCHICHTE“ (Foto: Wolfgang Neeb)

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09. Mai 2017, hl)

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