Fachbuchhandlung „Lesesaal“ https://www.tiefgang.net Wed, 02 Feb 2022 12:00:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 „Ende des „Dreiklangs“!“ https://www.tiefgang.net/ende-des-dreiklangs/ Fri, 28 Jan 2022 23:25:01 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8732 [...]]]> Die Buchhandlung »Lesesaal« an der Stadthausbrückesteht vor der Insolvenz und wirft zugleich die Frage nach der Ernsthaftigkeit von Gedenkarbeit auf.

Es war von Beginn an umstritten, ob der Gedenkort zur früheren Gestapo-Hauptwache Hamburgs am neuen Flanierort Stadthausbrücke funktionieren kann und vieles musste nachgebessert und erstritten werden. Nun wirft die Insolvenz der Buchhandlung, die maßgeblich ein sicheres und zugleich wirtschaftlich günstiges Fundament der Gedenkarbeit darstellen sollte, neuerlich die Frage auf, ob nicht doch neu gedacht werden muss.

Die Initiative Stadthaus jedenfalls äußerte sich umgehend in einem offenen Brief:

„Die Buchhandlung »Lesesaal« an der Stadthausbrücke wird heute aller Voraussicht nach Insolvenz anmelden.“ So entnehmen wir es der Presse.

Damit ist ein Konzept gescheitert, mit dem sich der Investor der „Stadthöfe“ seiner im Kaufvertrag festgelegten Verpflichtung, im neuen Konsumtempel in der ehemaligen Zentrale des Nazi-Terrors im Norden auf wenigstens 750 qm einen Gedenk- und Lernort „auf seine Kosten zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicherzustellen“, billig entledigen wollte. Dieses Konzept – Gedenkort als „Dreiklang aus Buchhandlung, Café und Ausstellung“ – wurde bei Bekanntwerden 2018 auch von der Kulturbehörde als „innovativ“ verkauft.

Ob die Kulturbehörde über die aktuelle Entwicklung informiert war, ob es von Seiten der Investoren ein neues Konzept gibt, wissen wir nicht.

Wir meinen, das Ende des „Dreiklangs“ muss der Anfang für die Umsetzung der vertraglichen Verpflichtung sein!

Angehörige von Menschen, die zwischen 1933 und 1945 im Stadthaus schwer gefoltert oder gar ermordet worden waren, und Verfolgtenorganisationen haben von Anfang an gegen diese zynische Kombination von Erinnerung „light“, Kommerz und Plausch protestiert. Bis heute fordert die Initiative Stadthaus die Erfüllung des Vertrags mit wöchentlichen Mahnwachen am Ort sämtlicher Nazi-Verbrechen: Terror, Deportation, Vernichtungskrieg, Zwangsarbeit.

Kontakt: Cornelia Kerth, Tel.: 2004296″

 

]]>
Ort der Auseinandersetzung https://www.tiefgang.net/ort-der-auseinandersetzung/ Fri, 02 Feb 2018 23:10:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2983 [...]]]> Das einstige Stadthaus – früher zentrale Schaltstelle der Gestapo gewesen – wird zu einem neuen Luxustempel – mit einem „Ort der Erinnerung“ (Tiefgang vom 27. Jan.2018). Auf Kritik nun die Re-Aktion.

Auf die mediale Kritik reagierte nun die Behörde für Kultur und Medien. In einer Pressemitteilung vom 29. Januar 2018 heißt es:

„Neuer „Ort der Erinnerung“ entsteht in den Stadthöfen

 Eigentümer schafft zentralen Raum für Ausstellung und Veranstaltungen – Kulturbehörde und Koordinatorin laden Initiativen zur Beteiligung ein

In den neu entstehenden Stadthöfen wird künftig ein neuer „Ort der Erinnerung“ erstmals überhaupt umfänglich an die historische Nutzung des Gebäudekomplexes Neuer Wall 88 / Stadthausbrücke 4 erinnern. Hier befanden sich von 1933 bis zur Ausbombung 1943 das Polizeipräsidium sowie die Leitstellen von Kriminalpolizei und Gestapo. Die Stadt begleitet zusammen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme die von der Quantum Immobilien AG verantwortete Einrichtung des Gedenkorts und stellt Ausstellungsinhalte zur Verfügung. Der Ort soll eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den sich daraus für Gegenwart und Zukunft stellenden Fragen ermöglichen.

Das Konzept des „Ortes der Erinnerung“:

Zur Kennzeichnung des historischen Ortes wurden in den 1980er-Jahren zwei Tafeln angebracht, eine im Rahmen des Tafelprogramms der Kulturbehörde „Stätten der Verfolgung und des Widerstands 1933–1945“ und eine vom Personalrat der Baubehörde und der ÖTV initiierte Gedenktafel. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende soll darüber hinaus auf Initiative der Quantum Immobilien AG erstmals eine Dokumentation zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand im nationalsozialistischen Hamburg entstehen. Diese wird unter inhaltlicher Federführung der Stadt auf einer Hauptfläche zentral im westlichen Eingangsbereich mit großer Sichtbarkeit zur Stadthausbrücke sowie Transparenz zum Stadthof hin im Erdgeschoss liegen.

Die Dokumentation baut auf die Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zum Stadthaus auf, die 2012 in der Rathausdiele gezeigt wurde. Über einen mit der Fachbuchhandlung „Lesesaal“ geschlossenen Mietvertrag wird eine öffentliche Zugänglichkeit gewährleistet. Die Mieterin wird in der Kombination von Buchhandlung mit anspruchsvollem Sortiment sowie angrenzendem Begegnungs- und Literaturcafé die Ausstellung in einen lebendigen Erinnerungs-, Veranstaltungs- und Kommunikationsort einbetten.

Die drei Bereiche werden ineinander übergehen und miteinander in Verbindung gebracht. So sollen Veranstaltungen mit thematischem Bezug zum Erinnerungsort sowohl durch die Mieterin und Koordinatorin der Ausstellung als auch mit Kooperationspartnern aus der Kultur und den Verbänden ermöglicht werden. Die Fläche wird je nach Bedarf zur Verfügung gestellt und flexibel gestaltet. 

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit dem ‚Ort der Erinnerung‘ soll in den Stadthöfen künftig erstmals umfänglich über die Vergangenheit des Gebäudes als Zentrale des Terrors informiert werden: Wir wollen, dass hier ein echter Ort des Gedenkens und des kritischen Austausches entsteht. Wir laden alle Kultur- und Forschungsinstitutionen, Geschichtswerkstätten, Verbände und Initiativen dazu ein, in enger Zusammenarbeit mit der Behörde für Kultur und Medien und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme daran mitzuwirken, dass die grausame Vergangenheit des Gebäudes angemessen dargestellt wird und zur Auseinandersetzung mit unserer heutigen Verantwortung anregen kann. Diese wichtige Beteiligung soll in Form eines dauerhaften Beirates verstetigt werden. Es ist gut, dass dieser Weg der Beteiligung auch von der künftigen Betreiberin und Koordinatorin des ‚Ortes der Erinnerung’ und dem Investor ausdrücklich unterstützt wird.“

Stephanie Krawehl, Inhaberin der Lesesaal Buchhandlung, des Literatur-Cafés und Koordinatorin des „Orts der Erinnerung“: „Hinter dem konzeptionellen Dreiklang Ausstellung – Buchhandlung – Literatur-Café steht die Idee eines zeitgemäßen Orts der Erinnerung und des Austauschs. Dank unterschiedlicher Impulse werden die Besucher der Stadthöfe erstmals Zugang zum dunkelsten Kapitel der Geschichte des Ensembles erhalten – und das an ganz zentraler Stelle. Das Beteiligungsverfahren zur inhaltlichen Ausgestaltung der Ausstellung ist richtig und wichtig.“ 

Kaufvertragliche Vereinbarung

Der „Ort der Erinnerung“ umfasst drei Elemente:

Nach Sanierung und Ausgestaltung des bis 2013 als Behördenquartier genutzten Gebäudes wird die Quantum Immobilien AG als Vertragspartnerin der Stadt hier im Zuge der schrittweisen Eröffnung der „Stadthöfe“, die Hotel und Gastronomie, Läden, Arbeitsflächen und Wohnungen beherbergen, auch für die Schaffung des „Orts der Erinnerung“ als Stätte von Dokumentation und Kommunikation Sorge tragen. Die Projektentwicklerin kommt damit einer 2009 mit der Stadt getroffenen kaufvertraglichen Vereinbarung nach.

 Der Seufzergang

Als historisches Relikt wird zudem der auf der Fleetseite gelegene Verbindungsgang einbezogen, der von den im Kellergeschoss gelegenen Arrestzellen zu den Verhörräumen der Gestapo führte. Dieser in Erinnerungen ehemaliger Gefangener als „Seufzergang“ bezeichnete Ort – vorgesehen für eine ergänzende Ausstellung mit biografischen Inhalten – ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Eine vor Baubeginn der „Stadthöfe“ 2012 vom Denkmalschutzamt vorgenommene Untersuchung insbesondere der Kellergeschossflächen ergab, dass andere Relikte, die unmittelbar von der Nutzung zu Haftzwecken zeugen, nicht erhalten geblieben sind. Quantum trägt hierfür keine Verantwortung. Entsprechende bauliche Veränderungen fanden bereits weit vor Veräußerung der Gebäude statt.

Darüber hinaus sind in der zentral gelegenen Brückenarkade, die künftig als erstmals der Öffentlichkeit zugängliche Fleetüberquerung hoch frequentiert sein wird, Informationen zur insgesamt mehr als 200-jährigen Baugeschichte des gesamten Stadthaus-Komplexes vorgesehen. Hier werden sowohl die durch die Polizei in der NS-Zeit vorgenommenen Umgestaltungen und die Luftkriegszerstörungen 1943 thematisiert wie auch die Nutzungen in der Nachkriegszeit bis hin zu den im Zuge der Neugestaltung in den letzten Jahren erfolgten Transformationen.

Ein Ort gesellschaftlicher Verantwortung

Die Behörde für Kultur und Medien und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme liefern die Ausstellungsinhalte koordinierend zu. Entsprechende Unterlagen sind Quantum auf der Grundlage der von der Gedenkstätte 2012 realisierten Rathausausstellung „Dokumentation Stadthaus: Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ zur Verfügung gestellt worden. Mit der Ausstellungsproduktion soll eine anerkannte Agentur beauftragt werden.

Die Verbände werden gebeten, bei der Ausstellungserarbeitung ihre Expertise und gegebenenfalls bei ihnen verfügbare Materialien und Berichte ergänzend zur Verfügung zu stellen. Nach dem ausführlichen Beteiligungsprozess soll dann die Ausstellung für jeden zugänglich sein. Die Buchhandlung wird im Mai öffnen. Um den Austausch und eine auf Dauer angelegte Beteiligung der Verbände und Interessengruppen zu organisieren, wird die Behörde in Abstimmung mit der Mieterin in Kürze zu einem gemeinsamen Beratungstermin einladen. Die Zusammenarbeit soll in Form eines Beirates verstetigt werden.“  

Quelle: www.hamburg.de/bkm

Unser Fazit: es bleibt auf jeden Fall ein kostendeckendes Erinnern.

]]>