FAZ – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 31 Oct 2020 10:47:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 The Art of Siri & Alexa https://www.tiefgang.net/the-art-of-siri-alexa/ Fri, 08 Jun 2018 22:04:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3730 [...]]]> Wenn die Maschine zum Schöpfer wird – was bedeutet das eigentlich? Eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum widmet sich dem Thema mal gänzlich anders.

Die Ausstellung „PENDORAN VINCI. Kunst und künstliche Intelligenz heute“, die an diesem Wochenende eröffnete, präsentiert internationale künstlerische Positionen, die die aktuellen Entwicklungen künstlicher Intelligenz untersuchen. Im Ankündigungstext heißt es:

„Künstliche Intelligenz (KI) bestimmt einen Großteil unseres täglichen Lebens. Wir sprechen mit Siri, Alexa oder Google, um uns nach dem Wetter zu erkundigen oder eine Nachricht zu versenden. Gesichtserkennungssysteme registrieren uns in sozialen Medien oder auf öffentlichen Plätzen. Humanoide Roboter begegnen uns in Hotel Lobbys oder in der Altenpflege. Wir sind längst umgeben von künstlicher Intelligenz. Sie generiert sogar Ausstellungstitel für uns.

Bisher dient künstliche Intelligenz vor allem dazu, unser Leben zu erleichtern. Sie assistiert und hilft uns, statt ein autonomes Individuum zu sein, wie die Science-Fiction-Androiden C-3PO in Star Wars oder Ava in dem Film Ex Machina (2015). Die Ausstellung „PENDORAN VINCI. Kunst und künstliche Intelligenz heute“ beleuchtet die aktuellen Entwicklungen von KI und fragt, wie sie unsere Gesellschaft mit formt und unser tägliches Leben beeinflusst. Die zeitgenössischen KünstlerInnen Nora Al-Badri & Jan Nikolai Nelles (DE), Jonas Blume (DE), Justine Emard (FR), Carla Gannis (US), Sofian Audry & Erin Gee (CAN), Liat Grayver (ISR/DE), Faith Holland (US), Tuomas A. Laitinen (FI) und William Latham (UK) untersuchen, wie Mensch und KI interagieren und welche Effekte KI auf unser Verhalten und unsere sozialen Strukturen hat. Sie hinterfragen, wie künstliche Intelligenz kreative Aufgaben wie das Erschaffen von Kunstwerken erfüllt, und sie entwickeln auch eigene künstlerische KI-Anwendungen.“

FAZ-Feuilleton-Redakteurin Ursula Scheer hatte die Ausstellung vorab besucht und resümiert: „Abgesehen davon, dass es der Ausstellung gutgetan hätte, wenn sie dem Besucher mehr Informationen darüber, was KI überhaupt ist und sein will, an die Hand gegeben hätte, ist der menschliche Blickwinkel der vielversprechendste Ansatz der vorgestellten Künstler: Es geht ihnen nicht um Systeme, die den Turing-Test bestehen könnten oder Kreativität im Autopilotmodus. Sie verwenden KI-Tools als Werkzeuge und arbeiten so an einem erweiterten Kunstbegriff, in dem Roboter beispielsweise als Berührungsvermittler agieren (wie in Tuomas A. Laitinens Videoarbeit „Receptor“) oder KI-Systeme an der Erschaffung eines digitalen Doppels des einst im Geniekult verherrlichten Ich arbeiten (wie in Jonas Blumes Arbeit „Predictive Biography“).“ (FAZ vom 6. Juni 2018)

Noch zu sehen bis zum 19. August im NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf; nrw-forum.de

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Der Rat der tausend Rätsel https://www.tiefgang.net/der-rat-der-tausend-raetsel/ Sat, 01 Jul 2017 07:05:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1510 [...]]]> Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ tut uns Leid. Er hat lange Zeit viel Acht gegeben, das wir mit unserer Sprache zu Recht kommen. Jetzt modernisiert er wieder „behutsam“ und irgendwie kommt uns all das bekannt vor …

Das wird die kleine Jakkeline vielleicht nicht gerade freuen: denn mit Majonäse und Ketschup ist erstmal Schluß. In einer Pressemitteilung vom 29. Juni 2017 teilt nämlich der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ staatstragend mit:

„Das „Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung“ liegt in einer aktualisierten Fassung vor. Es setzt die im „Bericht des Rats für deutsche Rechtschreibung für die Periode 2011 bis 2016“ enthaltenen Änderungen um. Die Änderungen im Regelwerk sind von den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Fürstentum Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens bestätigt und damit wirksam geworden.

Alles Gute im guten Neuen

Sie lassen die Verwendung des Großbuchstabens „ẞ“ neben „SS“ zu, was insbesondere für die korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen wichtig ist, und ermöglichen die Großschreibung des Adjektivs in Fällen wie „die Goldene Hochzeit“ und (alles Gute im) „Neuen Jahr“. Darüber hinaus sind einzelne Wortschreibungen an den beobachteten Schreibgebrauch angepasst worden.

Das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung wird seit seiner Inkraftsetzung im Jahre 2006 zum zweiten Mal aktualisiert und behutsam modernisiert.

Die Änderungen nehmen Entwicklungen aus dem beobachteten Sprachgebrauch auf. Sie schaffen mit der Zulassung des Großbuchstabens „ẞ“ eine Wahlmöglichkeit, neben der die Schreibung mit „SS“ für „ß“ bei der Schreibung in Großbuchstaben erhalten bleibt. Weiterhin fassen sie den beobachteten Gebrauch bei der Schreibung von festen Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv in Regeln.

der Freie Mitarbeiter ist jetzt frei

Die umformulierten Regeln machen deutlich, wann in diesen Fällen klein – bzw. großgeschrieben wird und wann beide Schreibungen zulässig sind. So ist bei  wörtlichem bzw. bildhaftem Gebrauch wie in „der freie Mitarbeiter“ und „die gläserne Decke“ die Kleinschreibung der Regelfall. Bei besonderen Anredeformen wie der Heilige Vater gilt die Großschreibung. Fälle mit schwankendem Gebrauchwie z.B. „die mittlere/Mittlere Reife“, „die goldene/Goldene Hochzeit“ oder auch „der technische/Technische Direktor“ werden neu grundsätzlich in beiden  Schreibungen angesetzt.

Des Weiteren hat der Rat das amtliche Wörterverzeichnis angepasst. Insbesondere hat er in die Vorbemerkungen den Hinweis auf die in Ländern mit mehreren Amtssprachen gängige Praxis aufgenommen, nach der die originäre Schreibung Kontakt bei Amtssprachen grundsätzlich zulässig ist. Darüber hinaus wurden einzelne Eintragungen geändert.

der Wandalismus entfällt

Dazu hat der Rat den Schreibgebrauch erhoben und die Ergebnisse daraufhin geprüft, ob sie den Regularitäten der deutschen Rechtschreibung entsprechen. Davon betroffen ist in erster Linie die Fremdwortschreibung. Variantenschreibungen wie „Anschovis“, „Frotté“, „Komplice“, „Majonäse“, „Wandalismus“ oder „Ketschup“, die zum Teil schon seit Jahrzehnten in den Wörterbüchern standen, werden nicht mehr fortgeschrieben, sondern entfallen.

Dafür greift das Wörterverzeichnis neu z.B. die Bindestrichschreibung in Fällen wie „Ex-Regierungschef“ und „Co-Trainer“ auf. In manchen Fällen wurden erkennbare Tendenzen nicht aufgenommen: Ein Beispiel hierfür ist die häufig zu beobachtende Schreibung „(sei) herzlich *Willkommen“. Denn „willkommen“ ist in dieser Verwendung adjektivisch. Die Großschreibung bleibt aber weiterhin auf die substantivische Verwendung wie in „ein herzliches Willkommen“ beschränkt.

Grafik: stupidedia.org

Eine vollständige Auflistung der geänderten Wortschreibungen ist im dritten  Bericht des Rats enthalten. Er ist ebenso wie das aktualisierte amtliche Regelwerk auf der Ratswebsite (http://www.rechtschreibrat.com) einzusehen.“

Hintergrund:

Schon 2004 entbrannte ein erbitterter Diskurs über die angedachten Rechtschreibreform, die 2006 in Kraft trat und mehr als nur die Änderung von Schreibweisen mit sich brachte. Hubert Spiegel schrieb 2006  in der ´Frankfurter Allgemeinen Zeitung`: „Daß es im Deutschen Schreibweisen gibt, deren Entstehung der Linguist nicht zu erklären vermag, ist ein Problem der Sprachwissenschaften und hätte es bleiben sollen. Es war ein Problem der Theorie. Durch die Reform wurde es jedoch zu einem Problem der Praxis: Plötzlich schien es jedermann zu betreffen.“

allein Stehende und Alleinstehende

Auch der Herausgeber des Düsseldorfer Fachverlages „markt intern“ insistierte und stellte 2004 fest:

„Wenn uns einer leid tat, haben wir nicht geschrieben, daß er uns Leid tat (weil das etwas ganz anderes als das Gemeinte ausdrückt). Und wir waren auch nicht bereit, uns über irgendjemanden (vielmehr über irgend jemanden), der allein stehend (wohl aber alleinstehend) ist und Bluejeans (allerdings Blue Jeans) trägt, überschwänglich statt überschwenglich zu freuen, wenn er 3-mal (wohl aber 3mal) Vater geworden war. Die Kultusministerkonferenz hat nun all diese logischen Schreibweisen wieder zugelassen.“ (´steuertip` 25/04)

eine allgemeine Nivellierung im Denken

Und auch 2015 noch kritisierte die ´Frankfurter Allgemeine` noch:

„Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes so ernüchternd wie eh und je. Sie hat ruinöse Folgen für Sprache und Denken.“

Und:

„Wer nun meint, das Land habe wahrlich wichtigere Probleme, sollte nicht übersehen, dass die Rechtschreibreform ein Indiz für eine allgemeine Nivellierung im Denken ist, deren Folgen nicht nur im Bildungssystem ruinös sind.“

(F.A.Z. 2015)

Das, was nun „behutsam“ an den „beobachteten Sprachgebrauch“ angepasst wurde, könnte man auch anders betrachten: trotz früherer Rechtschreibreform haben sich offenbar viele Menschen einfach nicht daran gehalten. Gut so.

Schade nur für alle Schulklassen. Denn Oma oder Opa helfen besser nicht bei den Schreib-Hausaufgaben. Und bitte Nachsicht mit den Neubürgern in unserem Land. Wie sollen sie eine Sprache können, die selbst vielen Deutschen  längst eine Fremdsprache ist?

(29. Jun. 2017, hl)

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