Flauti vivi – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 06 Mar 2018 17:00:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 „Ich staune über meinen eigenen Mut“ https://www.tiefgang.net/ich-staune-ueber-meinen-eigenen-mut/ Fri, 09 Mar 2018 23:59:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3247 [...]]]> Es war eine der großen Überraschungen des neuen Jahres, mit der niemand gerechnet hatte: Kreiskantor Rainer Schmitz verlässt Harburg.

Mit seiner Kreativität und seinem großen Engagement hat er in den letzten 25 Jahren die Kirchenmusik im Hamburger Süden wie kein anderer geprägt. Zum Glück wechselt er „nur“ ins nicht allzu ferne Wilhelmsburg. Aber bei den Mitgliedern von Cantate, Concertino und Flauti vivi wächst die Ungewissheit, wie sich die bevorstehende monatelange Vakanz auf die Harburger Ensembles auswirkt. Kreiskantor Rainer Schmitz erläutert im Interview die durch den Wechsel entstehende Situation in Harburg.

Tiefgang (TG: ) Herr Schmitz, nach mehr als 25 Jahren verlassen sie Ende April Ihre Stelle in Harburg, wo sie zuletzt als Regional- und Kreiskantor tätig waren. Was ist der Grund für den überraschenden Wechsel?

Rainer Schmitz: Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder einmal an einen Wechsel gedacht, denn um seinen künstlerischen und kreativen Standard zu halten, sollte man sich als Musiker im Grunde regelmäßig Neuem aussetzen. Als Kreiskantor musste ich nun zweimal das Verfahren zur Besetzung einer Kirchenmusikstelle in Wilhelmsburg betreuen. Schon während der Verfahren fragte man mich, ob die Stelle nicht etwas für mich wäre. Nachdem beide Runden ergebnislos verlaufen waren und man die Stelle um einen regionalen Aspekt erweitert hatte, konnte ich auf das neugeschaffene Amt des Inselkantors für Wilhelmsburg berufen werden. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Ich dachte mir: „Wenn ich jetzt nicht wechsle und noch einmal einen Neustart wage, dann werde ich das wahrscheinlich nie mehr schaffen“. Also habe ich die Berufung angenommen.

TG: Was reizt sie an der neuen Position? Was bietet Wilhelmsburg, was Harburg nicht hat?

Schmitz: Ach, ich möchte Harburg und Wilhelmsburg nicht gegeneinander ausspielen. Ich habe hier in Harburg so ziemlich alles erlebt, was man an einer relativ exponierten Stelle als Kirchenmusiker erleben kann: Die Aufführung einiger der größten Werke der Kirchenmusik, die Fusion zweier Gemeinden, die Zusammenlegung von Chören, die Regionalisierung, die Anschaffung eines Konzertflügels und die Renovierung zweier Orgeln, die immerwährende Suche nach schöner und interessanter Musik für meine Ensembles und deren oft beglückende Aufführung in Gottesdiensten und Konzerten, die Arbeit auf „höherer Ebene“ als Kreiskantor, die Entwicklung von „Forum Klangkultur“ und, und, und…

TG:  Und in Wilhelmsburg fangen Sie dann als Inselkantor wieder ganz von vorne an?

Rainer Schmitz (Foto Hermann Straßberger)

Schmitz: Was mich in Wilhelmsburg erwartet, kann ich im Moment eigentlich nur erahnen. Die Aufgaben der neuen Stelle sind vielfältig, sie müssen sich erst entwickeln, und diese Entwicklung soll ich gestalten und als wesentlichen Teil in die sich neu formierende Gemeindearbeit einbringen. Zwar staune ich zuweilen über meinen eigenen Mut, aber diese große Freiheit reizt mich und fordert mich auf ganz neue Weise heraus.

TG:  Wird Ihre Stelle neu besetzt werden oder fällt sie den Sparzwängen der Kirche zum Opfer?

Schmitz: Die Stelle wird neu besetzt werden. Soweit ich weiß, ist eine Kürzung nicht im Gespräch. Als günstig erweist sich hier sicherlich das an diese Stelle gebundene Kreiskantorat.

TG: Wie sieht der zeitliche Ablauf aus? Wann wird die Stelle ausgeschrieben?

Schmitz: Bei der Ausschreibung einer hauptamtlichen Stelle gibt es verschiedene Fristen zu beachten. Die wesentliche Frist ist der Redaktionsschluss der Fachzeitschrift „Forum Kirchenmusik“, in der die Ausschreibung auf jeden Fall erscheinen sollte. Wie ich weiß, ist der Text bereits unterwegs und wird mit der April-Ausgabe veröffentlicht. Weitere Medien der Veröffentlichung sind das Amtsblatt der Nordkirche und die einschlägigen Berufsportale im Internet. Bewerbungsschluss ist dann Mitte Mai, die Vorstellungen der Kandidatinnen und Kandidaten finden Anfang Juni statt.

TG:  Damit sitzt dann in einigen Monaten ein*e neue*r Organist*in an den Orgeln der vier Innenstadtgemeinden in Harburg. Was aber passiert mit den drei Ensembles Cantate Harburg, Concertino Harburg und Flauti vivi, die sie bisher geleitet haben?

Schmitz: Mit dieser Frage berühren Sie zwei verschiedene Zeitabschnitte – nämlich die Zeit der Stellenvakanz und die Zeit nach dem Dienstantritt meiner Nachfolgerin oder meines Nachfolgers. Wann dieser Dienstantritt und damit die Übernahme dieser Ensembles erfolgen kann, hängt ganz wesentlich von den Bedingungen ab, in denen sich meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger derzeit noch befindet. Darüber kann also höchstens spekuliert werden. Realistisch gesehen wird er aber nicht vor September oder Oktober liegen. Für die Zwischenzeit arbeite ich gerade an guten und für die Ensembles hoffentlich interessanten Lösungen.

TG:  Wie könnten die aussehen?

Schmitz: Für Cantate Harburg wird es ein Projekt mit Studentinnen und Studenten aus dem Master-Studiengang Kirchenmusik der Hamburger Musikhochschule geben, das von der sehr sympathischen, neuen Professorin für Chorleitung, Annedore Hacker, betreut wird und das mit einem Konzert Ende Oktober abgeschlossen werden soll. Die Verhandlungen dafür laufen gerade.

TG:  Wird es auch für das Streichorchester „eine Aushilfe“ von der Musikhochschule geben?

Schmitz: Nein, Concertino Harburg werde ich selbst im Rahmen meiner neuen Stelle auf die Aufführung des „Requiem“ von Wolfgang Amadé Mozart und meines „Wiener Totentanz“ vorbereiten. Die Proben sind bereits geplant, das Konzert findet am 24. November in der Kreuzkirche Kirchdorf statt.

TG:  Fehlt nur noch eine Lösung für Flauti vivi.

Schmitz: Da kann ich derzeit noch keine so konkrete Lösung anbieten. Ich stehe einerseits in Verhandlungen mit der Musikhochschule, andererseits mit Blockflötistinnen aus meinem musikalischen Umfeld. Ich hoffe aber, auch hier eine Person zu finden, die nicht nur die Proben abhält, sondern „meinen“ Flöten mit Verve und Herzlichkeit ein interessantes Programm und neue Erkenntnisse zu bieten in der Lage ist.

TG: Werden die Musiker und Musikerinnen der drei Ensembles auch ein Wort mitreden können bei der Neubesetzung Ihrer Stelle?

Schmitz: Das hoffe ich sehr. Ich habe jedenfalls bei der Vorbereitung der Stellenausschreibung darauf gedrungen, dass alle drei Ensembles bei der Vorstellung der Kandidatinnen und Kandidaten beteiligt werden und ihr Urteil abgeben können. Das ist meines Wissens in diesem Umfang einzigartig, und ich hoffe sehr, dass sich alle Sängerinnen und Sänger sowie Instrumentalistinnen und Instrumentalisten an diesem spannenden Prozess beteiligen und diese Chance wahrnehmen.

TG:  Wo sehen Sie die Zukunft des Förderkreises „Forum Klangkultur“?

Schmitz: Der schon seit Jahren erwartete Einbruch der Kirchensteuereinnahmen ist bisher zum Glück ausgeblieben. Alle Fachleute weisen aber immer wieder auf seine Unvermeidbarkeit hin, und zwar in absehbarer Zukunft. Die Vergangenheit lehrt, dass in ähnlichen Situationen zuerst an den Sachmitteln der Kirchenmusik gespart wird. Freundeskreisen der Kirchenmusik wie „Forum Klangkultur“ wird zukünftig also eine zentrale Rolle der Ermöglichung und dem Erhalt von Kirchenmusik zukommen. „Forum Klangkultur“ wird mit seiner finanziellen und ideellen Förderung der Kirchenmusik zu einem unverzichtbaren Player in der kulturellen Landschaft der Harburger Innenstadt werden.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Peter Kerbusk vom Forum Klangkultur)

Letzte Termine mit Kreiskantor Rainer Schmitz:

Sonntag, 11. März, 11:00 Uhr:  Musikalischer Gottesdienst, St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Mitwirkende: Concertino Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 18. März, 11:00 Uhr: Musikalischer Gottesdienst, St.Petrus-Kirche, Haakestraße 2, Mitwirkende: Flauti vivi Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Samstag, 24. März, 18:30 Uhr: Benefizkonzert für den Förderkreis „Forum Klangkultur“, St. Paulus-Kirche, Alter Postweg 46, Mitwirkende: Cantate, Concertino und Flauti vivi Harburg, Leitung; Rainer Schmitz; Heimfelder Posaunenchor, Leitung Hartmut Fischer Eintritt: frei (Spenden erbeten)

Freitag, 30. März (Karfreitag), 15:00 Uhr: „Musica Crucis“ – Musik zur Sterbestunde Jesu, St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Mitwirkende: Rainer Schmitz spielt Werke für Klavier von Carl Philipp Emanuel Bach, Frédéric Chopin, Edvard Grieg, Wolfgang Amadeus Mozart und Alexander Skriabin

Sonntag, 1. April (Ostern), 6:00 Uhr: Musikalischer Gottesdienst mit Osterfrühstück, St. Paulus-Kirche, Alter Postweg 46, Mitwirkende: Cantate Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 22. April, 9:30 Uhr: Lutherkirche, Kirchenhang 21, Musikalischer Gottesdienst mit Cantate Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 22. April, 15:00 Uhr: St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Gottesdienst zur Verabschiedung von Kreiskantor Rainer Schmitz, Orgel: Viktor Holpert

Sonntag, 29. April, 17:00 Uhr; Lutherkirche, Kirchenhang 21, Konzert mit dem Konzertchor Buchholz und Concertino Harburg; Rainer Schmitz

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Auch eine Mozart-Messe braucht Mäzeen https://www.tiefgang.net/auch-eine-mozart-messe-braucht-maezeen/ Sat, 04 Mar 2017 08:00:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=708 [...]]]> Oratorien, Kantaten oder Gospel – Kirchenmusik stirbt nicht aus, hat aber auch ein echtes Live-Problem. Rainer Schmitz will dies ändern und hat viel zu bieten. ´Tiefgang` sprach mit dem Harburger Kirchenmusiker der Gemeinden St. Trinitas, St. Paulus und St. Petrus und seinen Plänen …

Tiefgang (TG): Es wird einen „Förderkreis Forum Klangkultur Harburg“ geben, der es sich zur Aufgabe macht, die kirchenmusikalische Arbeit in Harburg zu unterstützen. Was findet denn bisher überhaupt statt?

Rainer Schmitz: Wie der Name schon sagt, ist die Kirchenmusik ein Bereich der musikalischen Landschaft, den man vorwiegend, aber nicht nur, in Kirchen erleben kann. Die Präambel unseres Kirchenmusikgesetzes – ja, das gibt es wirklich! – sagt es so: „Kirchenmusik ist Verkündigung mit den Mitteln der Musik“. Deshalb ist sie von jeher ein wesentlicher Bestandteil christlicher Gottesdienste und hat dort ihren eigentlichen Platz.

Weil aber viele der bedeutendsten Kirchenmusiker große Komponisten waren, werden ihre Werke auch in Konzerten gespielt, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Denken Sie zum Beispiel an Johann Sebastian Bach und sein „Weihnachtsoratorium“. In Harburg können Sie Kirchenmusik in ihrer ganzen Vielfalt erleben, in der Harburger Innenstadt aber eher die klassische Seite. Das geht vom großen Oratorium mit zuweilen über 200 Mitwirkenden bis hin zum Liederabend, vom Orgelkonzert bis zum Kantaten-gottesdienst.

TG: Der Förderkreis gilt für die Harburger Gemeinden St. Trinitatis, Luther, St. Paulus und St. Petrus. Ein Angebot vor allem für die Gemeindemitglieder dort oder für alle musikalisch Interessierten?

Schmitz: Selbstverständlich richten sich die Angebote an alle musikalisch Interessierten. Sie können unsere Konzerte besuchen oder aktiv in den musikalischen Gruppen mitwirken.

 TG: Kirchenmusik – da denken viele junge Leute an Chor, Orgel oder vielleicht auch Gospel. Aber was ist Kirchenmusik aktuell und welchen Ursprung hat sie?

 Mehrstimmigkeit ist eine Erfindung der Kirchenmusik

Schmitz: Auf unserem aktuellen Konzertplakat behaupten wir vielleicht ein bisschen steil: „2000 Jahre Kirchenmusik“, aber so ist es tatsächlich. Die Kirchenmusik entwickelt sich schon, bevor überhaupt Kirchengebäude gebaut werden. Vorchristliche griechische und jüdische Musiktraditionen bilden die Grundlage für den sogenannten Gregorianischen Gesang. Das sind Melodien, die Papst Gregor im 7. Jahrhundert hat sammeln lassen, weil er sie als würdig genug für den christlichen Gottesdienst erachtete. Diese Melodien wiederum sind der Ausgangspunkt für alle Kompositionen bis zur Trennung von geistlicher und weltlicher Musik, die im Grunde erst im frühen 16. Jahrhundert stattfindet.

Wussten Sie, dass die Erfindung der Mehrstimmigkeit, wie sie uns in der westlichen Kultur so selbstverständlich erscheint, eine Erfindung der Kirchenmusik ist?

TG: Nein. Ehrlich gesagt nicht …

Schmitz: Dafür mussten die Komponisten auch unsere Noten entwickeln, damit sie Musik überhaupt aufschreiben konnten. Kirchenmusik war immer Ausdruck ihrer Zeit und hat musikalische Stile oft entscheidend geprägt. Das gilt für die Renaissance und das Barock genauso wie für die Gesänge der afroamerikanischen Sklaven, ohne die unsere Gospelchöre, aber auch die heutige Popmusik nicht denkbar wären. Mittlerweile ist die kirchenmusikalische Landschaft so bunt und vielfältig wie die heutige Musik insgesamt, und für jeden Geschmack sollte etwas dabei sein: Es gibt Kinder-, Jugend-, Gospel- und Popchöre neben Chören mit klassischem Repertoire; es gibt Bands mit unter-schiedlichsten musikalischen Stilen; es gibt die Posaunenchöre mit ihrer umfassenden Bläserarbeit, die sich von jeher dem Crossover verschrieben hat; und dann gibt es die klassischen Formate wie Streichorchester oder Blockflötenkreise, die aber auch gern mal über den musikalischen Tellerrand hinausschauen.

TG: Was sind für Sie die zurzeit spannendsten kirchenmusikalischen Arbeiten? Wird Kirchenmusik überhaupt noch geschrieben?

Schmitz: Oh ja, natürlich wird Kirchenmusik geschrieben! Denken Sie doch nur an die ganzen Arrangements, die Gospel- oder Popchöre, aber auch die Posaunenchöre benötigen, um überhaupt musizieren zu können. Ihre Frage bezieht sich wohl aber eher auf das, was gemeinhin als klassische Kirchenmusik bezeichnet wird, richtig?

TG: Ja, sie war aber auch bewusst leicht provokant gestellt …

Der Jugendchor als Flashmob in Wittenberg

Schmitz: Zunächst möchte ich unterscheiden zwischen der Musik, die die Gemeinde selbst zu einem Gottesdienst beiträgt, also den Liedern, und der Musik, die vorgetragen wird. Es entstehen immer wieder neue Lieder. Früher hätte man „Choräle“ gesagt, oft angeregt durch Wettbewerbe oder auch die Kirchentage. Manche davon entwickeln sich regelrecht zu Schlagern, die fast jeder kennt. Im Bereich der vorgetragenen Kirchenmusik entstehen ebenfalls immer neue Werke, vom schlichten Chorsatz bis hin zum großen Oratorium. In der Barclaycard-Arena konnte man im Februar das Luther-Oratorium von Dieter Falk erleben, die hannoversche Landeskirche hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von CDs mit neu komponierten Kantaten für Chor und Orchester herausgebracht. Die Kompositionen von Karl Jenkins oder Arvo Pärt – beide tief religiös – erfreuen sich großer Beliebtheit, ein Jugendchor unseres Kirchenkreises wird im Rahmen des Kirchentages in Wittenberg einen Flashmob veranstalten. Die Vielfalt ist so groß, dass man leicht den Überblick verliert. Für mich ist die zurzeit spannendste Arbeit die an meine eigenen Stücken…

TG: Muss Kirchenmusik ausschließlich in Kirchen stattfinden oder ist das nicht aus der Mode geraten?

Schmitz: Musik in Kirchen ist stilistisch völlig frei. Es kann bestimmt sehr interessant sein, Werke in einen neuen räumlichen Kontext zu stellen.

Mehrstimmigkeit – eine Erfindung der Kirchenmusik, die Rainer Schmitz in allen Varianten realisiert … (Foto: Trinitas)

 

TG: Es soll vier musikalische Schwerpunkte in der Förderung geben: Cantate Harburg, Concertino Harburg, Flauti vivi Harburg und Heimfelder Posaunenchor. Wo liegen die Unterschiede?

Schmitz: Wir sprechen hier von den musikalischen Gruppen, die in den Gemeinden der Region, also Luther, St Trinitatis, St. Paulus und St. Petrus, musizieren und in Gottesdiensten und Konzerten zu hören sind. Cantate Harburg ist ein großer Chor mit rund 70 Mitgliedern, Concertino Harburg ist ein Streichorchester mit 17 Mitspielerinnen und Mitspielern, und hinter dem Namen Flauti vivi verbirgt sich ein ambitioniertes Blockflötenensemble. Diese drei Gruppen darf ich leiten. Im Heimfelder Posaunenchor spielen alle Sorten von Blechbläsern unter der Leitung von Hartmut Fischer. Alle Sängerinnen und Spieler sind Amateure im Wortsinn, also Liebhaber der Musik, keine Profis.

TG: Ist es eigentlich ein Angebot an alle Musikinteressierten? Und wenn, wie kann ich die Angebote wahrnehmen?

Schmitz: Zu unseren Gottesdiensten und Konzerten ist grundsätzlich jeder eingeladen. Um die Schwelle möglichst niedrig zu halten, erheben wir für die Konzerte keinen Eintritt, sondern sammeln am Ende Spenden ein.

TG: Zum Förderkreis: Was genau unterstütze ich denn als Fördernder?

Schmitz: Der Förderkreis möchte in zwei Richtungen wirken: Einerseits möchte er finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, damit die musikalische Arbeit in der Region überhaupt geleistet und vielleicht sogar erweitert werden kann. Vor wenigen Jahren war die finanzielle Situation noch so gut, dass wir regelmäßig größere Werke mit Solisten und durch Profis erweitertem Orchester aufführen konnten, und zwar in einer Bandbreite von Heinrich Schütz bis zu Uraufführungen, also vom 17. bis ins 21. Jahrhundert. Dies kann nun nur noch durch regelmäßige oder einmalige Spenden von Förderern erreicht werden.

Andererseits kann die Förderung auch in Zeitgeschenken und verschiedenen Formen der Unterstützung bestehen, denn der Kontakt zu potenziellen Geldgebern muss erst einmal aufgebaut und dann auch gehalten werden, Konzerte müssen organisiert und durchgeführt werden, Ideen für neue Formate und Projektideen sollen entwickelt und umgesetzt werden.

Das linke Bein der hübschen Sopranistin

TG: Wie viel Geld wird überhaupt gebraucht?

Schmitz: Das ist eine schwierige Frage, nämlich im Grunde die nach der Henne und dem Ei: Um die Aufführung eines größeren Werkes zu planen, brauche ich eine finanzielle Sicherheit. Schließlich müssen professionelle Musiker, die ich dazu benötige, angemessen honoriert werden. Sie leben schließlich davon. Ich kann auch über weitreichende Werbung erst nachdenken, wenn ich dafür Gelder zur Verfügung habe. Dadurch steigt andererseits die Wahrscheinlichkeit höherer Einnahmen und auf deren Grundlage wiederum kann ich interessantere und qualitativ hochwertigere musikalische Angebote machen.

Wir haben vor, Interessierten die Möglichkeit zu geben, konkret einzelne Projekte zu fördern. Sagen wir, für eine Messe von Mozart benötigen wir vier Solisten, sechs Holz- und Blechbläser und einen Paukisten. Die Gesamtkosten mit Werbung und Notenmaterial belaufen sich auf rund 4000 €. Ein Förderer möchte 50 € investieren und kann wählen, ob damit die Plakatwerbung bezahlt werden soll oder das linke Bein der hübschen Sopranistin. Er kann für uns aber auch die ganze Sopranistin kaufen und bezahlt dann 300 €.

TG: Welche vortreffliches Bild … Immerhin ist Ihnen der Humor trotz Geldknappheit erhalten geblieben … Ist die Kulturarbeit auch im Kirchenbereich in den letzten Jahren schwerer geworden? Und wenn worin?

Schmitz: Ja, sehr deutlich. Einerseits hat das mit dem Abbau von hauptamtlichen Kirchenmusikstellen, andererseits mit der finanziellen Ausstattung dieser Stellen zu tun. Ohne sogenannte Drittmittel kann heute kaum noch jemand ausstrahlende Kirchenmusik auf die Bühne oder die Empore bringen. Es erfordert oft viel Phantasie und Arbeitseinsatz, um mit wenig finanziellen Mitteln interessante Programme zu entwickeln. Zudem hat die Kirchenmusik unter dem allgemeinen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Kirche zu leiden, obwohl gerade sie spirituell Suchende ansprechen und der Kirche kritisch Gegenüberstehende positive Erfahrungen vermitteln kann.

TG: Es wird ein Konzert zur Begründung des Förderkreises am Sonntag, den 19. März um 17 Uhr in der Kirche St. Johannis, Bremer Straße 9, geben. Was steht so alle auf dem Programm?

Schmitz: Wir möchten unser Publikum in die bunte Welt der Kirchenmusik mitnehmen. Cantate Harburg singt eine große Motette von Christian Wolff, einem Stettiner Komponisten der Mozart-Zeit, und Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy. Concertino Harburg begleitet die jungen Violin-Solisten Paula Ebeling (11 Jahre) und Thore Dreidax (13 Jahre) bei einem Konzert von Antonio Vivaldi und spielt Tschaikowsky und alte Schlager. Flauti vivi stellen die Blockflöten von der Sopranino- bis zur Subbassflöte vor und spielen Stücke aus dem 17. Jahrhundert und einen Tango. Der Heimfelder Posaunenchor lässt es mit alten und neuen Stücken richtig krachen. Alle Gruppen zusammen musizieren dann doppel- und dreichörig Werke von Hassler und Pachelbel. Das ganze dauert etwa eine Stunde. Ich selbst werde durch das Programm führen. Und für alle, denen die Kehle trocken geworden ist oder der Magen knurrt, laden wir hinterher zu einem kleinen Empfang mit Wein, Saft und Käse.

TG: Zum Schluss ein persönlicher Tipp an Konzertfreunde?

Schmitz: Schauen Sie regelmäßig in die „Suedkultur“ oder auf die Website von Concertino Harburg, dort werden Sie von uns jetzt öfter lesen können.

website des Kammerorchesters Harburg

Das neue Logo

TG: Noch einige Fragen zu Ihnen persönlich … Wie lange sind Sie in der Kirchenmusik aktiv?

Schmitz: Mit 10 Jahren nahm mich eine Freundin in einen kirchlichen Kinderchor mit, wo meine Liebe zum Singen geweckt wurde. Das Orgelspiel des Kantors faszinierte mich, und ich nahm Unterricht, zunächst privat und dann am Wiesbadener Konservatorium. Mit 16 übernahm ich meine erste Orgelstelle, in deren Rahmen mir dann auch die Leitung des Chores übertragen wurde. Da war ich gerade mal 18. Ein Studium der Kirchenmusik lag nahe, und nach dem Zivildienst, den es damals noch gab, habe ich in Freiburg im Breisgau evangelische Kirchenmusik studiert. 1992 trat ich dann meine erste hauptamtliche Stelle an der Dreifaltigkeitskirche in Harburg an. Durch die Fusion der Gemeinden wurde ich 2006 Kantor an St. Trinitatis, und durch die fortschreitende Regionalisierung bin ich nun auch für die anderen Gemeinden der Region Harburg Innenstadt zuständig. 2007 wurde ich zusätzlich zum Kreiskantor der Propstei Harburg berufen.

„Mir steht Musik aus 1400 Jahren zur Verfügung!“

TG: Was reizt Sie besonders an der Kirchenmusik?

Schmitz: Die Vielfältigkeit und die ungeheure Bandbreite sowohl der musikalischen Stile als auch der Arbeitsfelder! Mir liegt die Arbeit mit Menschen, deshalb dirigiere ich gern Chöre, Orchester oder sonstige Ensembles. Ich spiele Orgel, Klavier, Cembalo und singe. Und für alles steht mir Musik aus mindestens 1400 Jahren zur Verfügung. Ich komponiere. Und wenn ich mit Musik im Allgemeinen und meinen eigenen Stücken im Besonderen Menschen bewegen kann, dann ist das die größte Freude.

TG: Gehen Sie auch in andere Konzerte und wenn in welche?

Schmitz: Natürlich gehe ich auch in andere Konzerte. Abgesehen von denjenigen, die ich von Berufs wegen besuchen muss, gehe ich hauptsächlich in Konzerte mit sogenannter Neuer Musik, also klassischer Avantgarde, oder in die Oper. Und wenn es Freunde gut mit mir meinen, dann nehmen sie mich mal mit in einen Jazzclub.

TG: Welche Komponisten sind für Sie persönlich „der Hammer“?

Schmitz: Chronologisch: Guillaume Dufay, Pierre de la Rue, Georg Philipp Telemann (mit dem ich damals gerne Tee getrunken hätte), Joseph Haydn, Anton Bruckner, Alexander Scriabin, Alban Berg, Dimitri Schostakowitsch.

TG: Vielen Dank für das mehr als aufschlussreiche Gespräch und wir wünschen Ihnehn und alle den Kirchenmusizierenden viele, viele Fördere und Unterstützer!

Das Konzert zur Gründung des Förderkreises findet am 19. März um 17h in der Kirche St. Johannis, in der Bremer Straße 9 statt.

siehe auch sued-kultur.de

Wer schon jetzt Fördermitglied werden möchte, findet hier das Anmeldeformular zum Herunterladen.

Zur website von Rainer Schmitz selbst hier klicken: www.rainerschmitz.net

(03. März 2017, das Gespräch führte Heiko Langanke)

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