Frankfurter Allgemeine Zeitung https://www.tiefgang.net Sat, 31 Oct 2020 10:47:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Ein Plädoyer für Schwarz https://www.tiefgang.net/ein-plaedoyer-fuer-schwarz/ Fri, 30 Oct 2020 23:30:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7313 [...]]]>  

Mit Schwarz ist es wie mit dem schlechten Wetter, beides wird zu Unrecht in die depressive Ecke gestellt. Schwarz hat mehr Optimismus verdient.

von Ulrike Hinrichs

Anlässlich eines interessanten Beitrags, der kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen über den Künstler Florian Heinke erschien und der überwiegend schwarz geprägte Bilder malt, fiel mir wieder einmal das schlechte Image der Farbe Schwarz auf. Auch in meiner täglichen Arbeit als Kunsttherapeutin erlebe ich regelmäßig die negative Bewertung von Schwarz. Die Farbe ist aber besser als ihr Ruf.

Licht beschreibt der Physiker Markolf H. Nimez als Gedächtnis der Welt. Licht „transportiert und sammelt Informationen im gesamten Kosmos und ist somit ein Speicher von allem, was im Kosmos geschieht.“ Schwarz bedeutet die Abwesenheit von Licht. Und Farbe ist ein Phänomen des Lichts. Daher sagen auch einige, dass Schwarz gar keine Farbe sei. Aber diese Spitzfindigkeiten wollen wir hier unkommentiert lassen.

Schwarz ist dort, wo das Licht abwesend ist. Wo kein Licht ist, geht es in die Tiefe, ins Unbekannte, in den Schattenbereich. Das Unkalkulierbare, das sich hinter dem Schwarz verbirgt, macht den Menschen Angst. Daher verbinden viele mit Schwarz eher Angst, Bedrohung, Tod und Verderben. Dort wo es hell ist, können wir genau hinschauen, die Umgebung kontrollieren und Gefahren erkennen. Im Dunkeln dagegen muss man auf die Instinkte und die Intuition vertrauen, die Kontrolle abgeben, sich führen lassen.

Schwarz erinnert an die Magie der Nacht. Im Schutze der Dunkelheit ist alles verborgen. Damit ist Schwarz auch ein Zeichen des Schutzes, eine Farbe, die verhüllt, verdeckt, ummantelt und umhüllt. Schwarz steht für Klarheit und Stabilität und kann ebenso geheimnisvoll wie edel wirken.

Auch kulturell sind wir stark von den Farbzuschreibungen geprägt. Während in unserer Kultur etwa Schwarz für Trauer steht, ist es in China dagegen Weiß.

Redewendungen prägen ebenso unsere Beurteilung.  „Sich schwarz ärgern“ oder „den schwarzen Peter ziehen“ sind negativ konnotierte Sprüche. Gleiches gilt für die „schwarze Magie“ als Schadenszauber oder die „schwarze Pädagogik“, die den Willen des Kindes brechen will.

Farben sind Symbole. Wie alle Symbole zeigen sie eine kollektive und eine individuelle Deutung. Schwarz dominierte Bilder können in uns die Schattenseite anspielen, aber auch die positive Seite der Farbe bedienen. Das kommt ganz auf den Betrachter an. Symbole beinhalten keine allgemeingültigen Zuschreibungen. Im Vordergrund steht die individuelle Bedeutung. Symbole, zu denen auch Farben gehören,  haben aber auch eine archetypische Essenz. Der Sinn des symbolischen Ausdrucks ist nach C.G. Jung darin zu suchen, „analogisch ein noch Unbekanntes und Werdendes zu präzisieren“. Symbole komprimieren Bedeutungen auf das Wesentliche. Ein Symbol gibt Orientierung. „Es verbindet Bedeutungsdefizit mit Sinnüberschuss“, wie es Röhl beschreibt. Symbole haben eine unmittelbare und überwältigende Wirkung auf das Bewusstsein. Denn sie schleichen sich an unserem Verstand vorbei und treffen sofort in unser Inneres. Darin liegt auch der Grund, warum der künstlerische Ausdruck persönliche und auch kollektive Themen ganz unmittelbar spiegeln kann. Das gilt eben auch für die Farbsymbolik, die besonders gut Gefühle transportiert.

Literatur

  • G. Jung in Menzen, Karl-Heinz (2017, S. 195). Heil-Kunst. Entwicklungsgeschichte der Kunsttherapie.
  • Hinrichs, Ulrike (2019). Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen
  • Markolf H. Nimez (2020, S. 47), Die Welt mit anderen Augen sehen.
  • Röhl, Klaus F. Die Macht der Symbole 

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Der Rat der tausend Rätsel https://www.tiefgang.net/der-rat-der-tausend-raetsel/ Sat, 01 Jul 2017 07:05:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1510 [...]]]> Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ tut uns Leid. Er hat lange Zeit viel Acht gegeben, das wir mit unserer Sprache zu Recht kommen. Jetzt modernisiert er wieder „behutsam“ und irgendwie kommt uns all das bekannt vor …

Das wird die kleine Jakkeline vielleicht nicht gerade freuen: denn mit Majonäse und Ketschup ist erstmal Schluß. In einer Pressemitteilung vom 29. Juni 2017 teilt nämlich der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ staatstragend mit:

„Das „Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung“ liegt in einer aktualisierten Fassung vor. Es setzt die im „Bericht des Rats für deutsche Rechtschreibung für die Periode 2011 bis 2016“ enthaltenen Änderungen um. Die Änderungen im Regelwerk sind von den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Fürstentum Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens bestätigt und damit wirksam geworden.

Alles Gute im guten Neuen

Sie lassen die Verwendung des Großbuchstabens „ẞ“ neben „SS“ zu, was insbesondere für die korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen wichtig ist, und ermöglichen die Großschreibung des Adjektivs in Fällen wie „die Goldene Hochzeit“ und (alles Gute im) „Neuen Jahr“. Darüber hinaus sind einzelne Wortschreibungen an den beobachteten Schreibgebrauch angepasst worden.

Das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung wird seit seiner Inkraftsetzung im Jahre 2006 zum zweiten Mal aktualisiert und behutsam modernisiert.

Die Änderungen nehmen Entwicklungen aus dem beobachteten Sprachgebrauch auf. Sie schaffen mit der Zulassung des Großbuchstabens „ẞ“ eine Wahlmöglichkeit, neben der die Schreibung mit „SS“ für „ß“ bei der Schreibung in Großbuchstaben erhalten bleibt. Weiterhin fassen sie den beobachteten Gebrauch bei der Schreibung von festen Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv in Regeln.

der Freie Mitarbeiter ist jetzt frei

Die umformulierten Regeln machen deutlich, wann in diesen Fällen klein – bzw. großgeschrieben wird und wann beide Schreibungen zulässig sind. So ist bei  wörtlichem bzw. bildhaftem Gebrauch wie in „der freie Mitarbeiter“ und „die gläserne Decke“ die Kleinschreibung der Regelfall. Bei besonderen Anredeformen wie der Heilige Vater gilt die Großschreibung. Fälle mit schwankendem Gebrauchwie z.B. „die mittlere/Mittlere Reife“, „die goldene/Goldene Hochzeit“ oder auch „der technische/Technische Direktor“ werden neu grundsätzlich in beiden  Schreibungen angesetzt.

Des Weiteren hat der Rat das amtliche Wörterverzeichnis angepasst. Insbesondere hat er in die Vorbemerkungen den Hinweis auf die in Ländern mit mehreren Amtssprachen gängige Praxis aufgenommen, nach der die originäre Schreibung Kontakt bei Amtssprachen grundsätzlich zulässig ist. Darüber hinaus wurden einzelne Eintragungen geändert.

der Wandalismus entfällt

Dazu hat der Rat den Schreibgebrauch erhoben und die Ergebnisse daraufhin geprüft, ob sie den Regularitäten der deutschen Rechtschreibung entsprechen. Davon betroffen ist in erster Linie die Fremdwortschreibung. Variantenschreibungen wie „Anschovis“, „Frotté“, „Komplice“, „Majonäse“, „Wandalismus“ oder „Ketschup“, die zum Teil schon seit Jahrzehnten in den Wörterbüchern standen, werden nicht mehr fortgeschrieben, sondern entfallen.

Dafür greift das Wörterverzeichnis neu z.B. die Bindestrichschreibung in Fällen wie „Ex-Regierungschef“ und „Co-Trainer“ auf. In manchen Fällen wurden erkennbare Tendenzen nicht aufgenommen: Ein Beispiel hierfür ist die häufig zu beobachtende Schreibung „(sei) herzlich *Willkommen“. Denn „willkommen“ ist in dieser Verwendung adjektivisch. Die Großschreibung bleibt aber weiterhin auf die substantivische Verwendung wie in „ein herzliches Willkommen“ beschränkt.

Grafik: stupidedia.org

Eine vollständige Auflistung der geänderten Wortschreibungen ist im dritten  Bericht des Rats enthalten. Er ist ebenso wie das aktualisierte amtliche Regelwerk auf der Ratswebsite (http://www.rechtschreibrat.com) einzusehen.“

Hintergrund:

Schon 2004 entbrannte ein erbitterter Diskurs über die angedachten Rechtschreibreform, die 2006 in Kraft trat und mehr als nur die Änderung von Schreibweisen mit sich brachte. Hubert Spiegel schrieb 2006  in der ´Frankfurter Allgemeinen Zeitung`: „Daß es im Deutschen Schreibweisen gibt, deren Entstehung der Linguist nicht zu erklären vermag, ist ein Problem der Sprachwissenschaften und hätte es bleiben sollen. Es war ein Problem der Theorie. Durch die Reform wurde es jedoch zu einem Problem der Praxis: Plötzlich schien es jedermann zu betreffen.“

allein Stehende und Alleinstehende

Auch der Herausgeber des Düsseldorfer Fachverlages „markt intern“ insistierte und stellte 2004 fest:

„Wenn uns einer leid tat, haben wir nicht geschrieben, daß er uns Leid tat (weil das etwas ganz anderes als das Gemeinte ausdrückt). Und wir waren auch nicht bereit, uns über irgendjemanden (vielmehr über irgend jemanden), der allein stehend (wohl aber alleinstehend) ist und Bluejeans (allerdings Blue Jeans) trägt, überschwänglich statt überschwenglich zu freuen, wenn er 3-mal (wohl aber 3mal) Vater geworden war. Die Kultusministerkonferenz hat nun all diese logischen Schreibweisen wieder zugelassen.“ (´steuertip` 25/04)

eine allgemeine Nivellierung im Denken

Und auch 2015 noch kritisierte die ´Frankfurter Allgemeine` noch:

„Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes so ernüchternd wie eh und je. Sie hat ruinöse Folgen für Sprache und Denken.“

Und:

„Wer nun meint, das Land habe wahrlich wichtigere Probleme, sollte nicht übersehen, dass die Rechtschreibreform ein Indiz für eine allgemeine Nivellierung im Denken ist, deren Folgen nicht nur im Bildungssystem ruinös sind.“

(F.A.Z. 2015)

Das, was nun „behutsam“ an den „beobachteten Sprachgebrauch“ angepasst wurde, könnte man auch anders betrachten: trotz früherer Rechtschreibreform haben sich offenbar viele Menschen einfach nicht daran gehalten. Gut so.

Schade nur für alle Schulklassen. Denn Oma oder Opa helfen besser nicht bei den Schreib-Hausaufgaben. Und bitte Nachsicht mit den Neubürgern in unserem Land. Wie sollen sie eine Sprache können, die selbst vielen Deutschen  längst eine Fremdsprache ist?

(29. Jun. 2017, hl)

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