Galerie FREELENS – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 18 Jan 2022 15:49:59 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Hure oder Heilige https://www.tiefgang.net/hure-oder-heilige/ Fri, 11 Feb 2022 23:28:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8723 [...]]]> Verehrung und Verachtung sind oft nur die zwei Seiten einer Medaille. Das erfahren insbesondere Frauen oft ungeschminkt und Italien ist zuweilen nochmal spezieller … Eine Ausstellung widemt sich dem.

In wenigen Ländern Europas sind derart festgefahrene weibliche Stereotype so verbreitet wie in Italien. Lasziv tanzen junge Frauen durchs Hauptabendprogramm, seit mittlerweile 65 Jahren. Sie tragen freizügige Kostüme und starkes Make-up, eine Ausnahme ist, wer keine schönheitsmedizinischen Eingriffe hat machen lassen. Die Mutter ist Ikone, gleichzeitig wird im Land der Kavaliere und Charmeure im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau, meist von ihrem Partner, ermordet.

Weil sich sowohl die Fotografin Franziska Gilli als auch die Reporterin Barbara Bachmann schon lange mit der Frau und ihrer Rolle in Italien auf unterschiedliche Art auseinandergesetzt hatten, entstand der Wunsch, ein gemeinsames Projekt zu initiieren. Daraus resultiert die vielgestaltige Foto-Text-Arbeit »Hure oder Heilige«, für die sie mehrere Jahre recherchiert und zahlreiche Frauen und Spielorte in Italien besucht haben.

Wie der Titel intendiert, ist das Duo auf Frauenrollen der katholischen Kirche gestoßen, die seit zwei Jahrtausenden Bestand zu haben scheinen. Einerseits die Frau, die zur Befriedigung sexueller Triebe bereitsteht und auf der anderen Seite die Frau, die als keusches Wesen mit Mutterpflichten auftritt. Während in den siebziger Jahren eine starke feministische Bewegung erfolgreich das Recht auf Abtreibung oder Scheidung in Italien erreichte, haben sich gleichzeitig bestimmte, oft weit zurückreichende klerikale Dogmen, die das Verhältnis der Geschlechter regeln, bis heute bewahrt und weiter verfestigt.

Gilli und Bachmann zeigen in ihrer Arbeit eine von Widersprüchen zerrissene italienische Gesellschaft. Die beiden Journalistinnen setzen sich mit vorherrschenden Schönheitsidealen, der Dominanz der Kirche, dem Einfluss des Unterhaltungsfernsehens und der Gewalt gegen Frauen auseinander, begleiten aber auch immer wieder Protagonistinnen, die für einen neuen starken Aufbruch und für eine Vielfalt des gelebten Frauseins stehen. Das Besondere ist, dass an jeder Stelle ihres Projekts neben der journalistischen Qualität auch die persönliche Solidarität und kämpferische Haltung des Duos spürbar wird. Die Arbeit, die als Buch erschienen ist, feiert in einer aufwendig gestalteten Ausstellung in der FREELENS Galerie ihre Deutschlandpremiere.

Franziska Gilli, 1987 in Bozen geboren, lebt als freie Fotografin in Hannover. Ihre Arbeit umspannt Themen aus dem gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, denen sie sich in freien journalistischen Projekten genauso wie in Auftragsarbeiten widmet. Ihr besonderes Interesse gilt der Fragestellung, in welcher Weise Menschen gesellschaftliche Systeme gestalten und umgekehrt von diesen geprägt werden. Ihre Fotos erscheinen in allen wichtigen deutschsprachigen Magazinen und Tageszeitungen. Ihre freien Arbeiten sind zudem in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt worden.

Barbara Bachmann, Jahrgang 1985, ist freie Reporterin und arbeitet für zahlreiche Printmedien. Die Südtirolerin sagt von sich, dass sie in ihrer Arbeit den Blick auf das vertraute Italien mit der Neugierde auf die unbekannte Ferne verbinde. Immer wieder recherchiert sie Geschichten zu relevanten Themen wie Cybermobbing, Bitcoin-Mining oder Neonazis, die sowohl in den großen Tageszeitungen als auch in Magazinen erscheinen.  

Ausstellung „Hure oder Heilige“, 17. Februar 2022 bis 13. April 2022

Ort: FREELENS e.V., Alter Steinweg 15, 20459 Hamburg, Telefon 040-300664-0
www.freelens.com

 

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It’s a Woman’s World https://www.tiefgang.net/its-a-womans-world/ Fri, 10 Sep 2021 22:57:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8346 [...]]]> Die Galerie Freelens zeigt ab Ende September Fotografien aus anderen Welten. Nicht allein, weil sie aus entlegenen Gegenden stammen, sondern weil sie frauenbestimmte Gesellschaften wiedergeben. 

Die Berliner Fotografin Marlena Waldthausen führt uns nach Noiva do Codeiro, eine Dorfgemeinschaft im Südosten Brasiliens, die sich von anderen wesentlich unterscheidet, denn hier treffen die Frauen die Entscheidungen für die Gemeinschaft. Mitten in einem patriarchalischen Staat, der von einem frauenfeindlichen Autokraten namens Jair Bolsonaro geführt wird, verfolgt das Dorf einen erfolgreichen alternativen Ansatz: ein hierarchiefreier Umgang miteinander, keine Privilegien für niemanden und der Einfluss der Kirche ist begrenzt. Der Ursprung dieses modernen Matriarchats liegt in der Geschichte des Dorfes, das sich Anfang der 1990er Jahre erfolgreich gegen das strenge Regiment eines herrschsüchtigen evangelikalen Priesters auflehnte.

Die zentrale Rolle spielt die Matriarchin Delina, die frühere Frau dieses Priesters. In ihrem Dorf werden Streitigkeiten nicht vor Gericht ausgetragen, sondern in langen Diskussionen beigelegt. Alle verdienen das Gleiche und Investitionen werden zusammen beschlossen. Homosexuelle Liebe ist genauso akzeptiert wie heterosexuelle. Kinder werden reihum betreut, Ältere und Kranke umsorgt. Die etwa 300 Männer, die in dem Dorf leben, unterstützen offensiv die Abkehr von einem männlich dominierten Herrschaftssystem, weil sie die vielen Vorteile erkennen, die sich durch diese Lebensweise ergibt. „Wer nicht dort gewesen ist, kann sich das nicht vorstellen. Es ist die schönste Art, zu leben, die ich mir ausmalen kann“, sagt die Fotografin Marlena Waldthausen, die dieses ungewöhnliche Zusammenleben in außergewöhnlichen Fotos dokumentiert hat.

In einer zweiten Arbeit führt Karolin Klüppel uns zu einem anderen Schauplatz, in dem ebenfalls matriarchale Strukturen bestehen. Im Schatten des Himalaya-Gebirges, am Rande des üppigen, weitläufigen Luga-Sees, lebt das Volk der Mosuo, das erstaunlich moderne Werte verkörpert. Hier genießen die Frauen eine herausragende Stellung, die sie sich nicht erkämpft haben, sondern die aus der Tradition entstanden sind. So ist das Oberhaupt eines Mosuo-Haushalts immer eine Frau, die für alle finanziellen Entscheidungen und die Weitergabe des Familiennamens und des Eigentums verantwortlich ist. Kinder bleiben ihr Leben lang im Haushalt der Mutter, die Kontrolle über das Heim wird an die nächste Tochtergeneration weitergegeben.

Die Mosuo kennen keine Ehe zwischen Frau und Mann, bei der das verheiratete Paar zusammenlebt. Vielmehr wird eine Tradition der Wanderehe ausgeübt, das heißt, Frauen können ihre Partner frei wählen und wechseln. Allerdings werden die alten Traditionen der Gemeinschaft heute immer mehr von äußeren Einflüssen aufgelöst, viele heiraten außerhalb ihrer Gemeinschaft und ziehen in größere Städte, um Arbeit zu finden. Karolin Klüppel hat in gefühlvollen Porträts jene älteren Frauen festgehalten, die als Oberhäupter der Familien an ihren Traditionen festhalten, auch wenn diese vom Verschwinden bedroht sind.

Seit die Berliner Fotografin Karolin Klüppel (*1985) ihren Abschluss 2012 gemacht hat, konzentriert sie sich vor allem auf persönliche Langzeitprojekte, die sie weit weg nach Indien oder China führen. Dabei versucht sie, intensiv in verschiedene Lebensgemeinschaften einzutauchen und trotz aller Kommunikationsschwierigkeiten das Leben mit den Menschen für längere Zeit zu teilen. Ihr wiederkehrendes Interesse gilt matriarchalen und matrilinearen Gemeinschaften, die sie in beeindruckenden Bildern festhält. Die Ergebnisse sind in zahlreichen internationalen Magazinen publiziert und in renommierten Museen, Galerien und Festivals ausgestellt worden.
www.karolinklueppel.de

Marlena Waldthausen (*1987) studierte Lateinamerikastudien und Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Köln, Buenos Aires und Hannover. 2017 war sie für ein Jahr bei der renommierten „De Volkskrant“ in Amsterdam tätig und arbeitet seitdem für große deutsche und internationale Medien. In ihren freien Arbeiten, die mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden sind, beschäftigt sie sich mit den Bedingungen zwischenmenschlicher Beziehungen, mit Genderfragen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen
www.marlena-waldthausen.de

Ausstellungstermin: 30. September bis 19. November 2021

FREELENS e.V.; Alter Steinweg 15, 20459 Hamburg; Telefon 040-300664-0; post@freelens.comwww.freelens.com

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