Gentrifizierung https://www.tiefgang.net Thu, 21 Feb 2019 18:04:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Harburg – Pampa oder gentrifizierbar? https://www.tiefgang.net/harburg-pampa-oder-gentrifizierbar/ Fri, 15 Feb 2019 23:27:45 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4891 [...]]]> Der Kunstverein Harburger Bahnhof ist nicht nur Ausstellungsfläche sondern greift auch Themen unserer Zeit auf. Die Reihe „Tracks“ steht da als Marke und nun kommt Christoph Twickel – wieder.

Bei der Reihe Tracks geht es am kommenden Sonntag (24.2.) mal wieder um Entwicklungen . Vor allem in Harburg. In der Ankündigung heißt es: „Wir betreiben eine Standpunktanalyse: Wo befinden wir uns? Was war vor uns hier? Was geschieht um uns herum? Welche Handlungen verknüpfen sich mit diesem Ort? Wir sprechen über gemeinsames Arbeiten, geteilte Zeit und gestalteten Raum, über Teilhabe und solidarische Bezugnahme. Wir sprechen über Infrastruktur und temporäre Gemeinschaften und erproben institutionelle wie individuelle Möglichkeiten, eben jene zu schaffen.“
Dabei beginnt es um 13Uhr mit einen Stadtspaziergang mit der Geschichtswerkstatt Harburg. Es geht zu Arbeitswelten und Wohnräumen im Harburger Bahnhofsviertel. (Treffpunkt Kunstverein.
Von 14 bis 18 Uhr gibt es dann eine „Teezeremonie“ mit Dungeon TT von Martin Kohout mit Paul Sochacki und um 15 Uhr ein Künstlerinnengespräch mit Chris Reinecke im Gespräch mit Lena Ziese.
Um 16h wird dann zur Diskussionsrunde geladen.
Das Thema „Zentralität, Peripherie, Gentrifizierung und Teilhabe in Harburg – Runder Tisch zum offenen Gespräch“. Dabei ist der Journalist Christoph Twickel, Anke Jobmann (Bezirksamt Harburg), Heiko Langanke (Initiative SuedKultur), Mathias Lintl (3falt / Stadtkultur Hafen) und Vertreter*innen des Kulturwohnzimmer und der Sauerkrautfabrik.

Die Runde ist insofern interessant, dass bereits vor acht Jahren Christoph Twickel als Autor des Buches „Gentrifidingsbums“ als Gast der Initiative SuedKultur war. Da war Hamburg gerade allerorten damit beschäftigt, dass abgewirtschaftete Leerstände und Brachflächen aufgehübscht, -gewertet und für teuer Geld verwertet wurden, was eine der zentralen Thesen Twickels war und ist. Damals fragte SuedKultur auch, ob Harburg gentrifizerbar ist bzw. geht eigentlich auch „ein bisschen Gentrifizierung“?

Dann kam die Lehman-Pleite und die zinsfreie Zeit, was seit 2010 ganz maßgeblich dafür sorgte, dass Geld in Grund und Boden und Betongold (sprich Haus- und Wohnungsbau) investiert wurde und wird, so für eine extreme Verknappung und Verteuerung von Raum gerade in Metropolen wie Hamburg führt(e).

Seinerzeit berichtete Thomas Sulzyc für das Abendblatt unter dem Titel „Harburg  – Diskussion: Was bringt die Gentrifizierung?“ zur Veranstaltung:
„Christoph Twickel bietet eine versöhnlichere Perspektive auf die Fußgängerzone an. Der Hamburger Journalist und Mitverfasser des Manifests „Not in our name – Marke Hamburg“ der Bewegung Recht auf Stadt identifiziert in Harburg noch das eigentliche Wesen von Stadt. Hier existiert noch die urbane Multitude, das Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen. Anders ausgedrückt: In Harburg können sich Kopftuchträger und Rentner noch Kaffee satt leisten.

In seinem Buch „Gentrifidingsbums – oder eine Stadt für alle“ beschreibt Christoph Twickel die Wiedergeburt der abgewirtschafteten Altonaer Fußgängerzone. „Jetzt kommt Ikea, dann ist sie gerettet“, sagt er süffisant. Die Geschichte der Großen Bergstraße könnte auch die der Harburger Fußgängerzone sein.

Twickel beschreibt in seinem Buch Prozesse der Gentrifizierung, also den Umbau von Stadtquartieren und die Verdrängung von Mietern. Auf Einladung der Vereinigung Sued-Kultur, ein Zusammenschluss von Kulturschaffenden in Harburg, diskutierte der Autor vor 27 Besuchern im Jazzclub Stellwerk über die Rolle der Künstler und Kulturanbieter bei der Gentrifizierung.

Kulturell Aktive stecken nämlich in einem Dilemma: Nach der Devise „Wenn ein Ort langweilig wird, hauen die Reichen ab“ gilt heute selbst Subkultur als Standortfaktor im Monopolyspiel der milliardenschweren Investoren. Hamburg Marketing schmückt die Hansestadt in einem Werbespot mit Travestiten und Rockkonzerten.

Clubbetreiber und Galeristen bekommen leerstehende Gebäude in guten Lagen und machen sie interessant. Später fallen viele der selbstproduzierten Aufwertung zum Opfer, wenn gut verdienende Bevölkerungsgruppen in diese Quartiere mit hippem Image ziehen und die Mieten steigen.

„Müssen wir uns Sorgen machen?“, will Jazzclubchef Heiko Langanke wissen. Und einzelne bei Sued-Kultur meinen durchaus: Ja. Wenn die Initiative Kultur im Hamburger Süden schaffe, trage sie zur Gentrifizierung bei.

Eine Kulturwüste als Gegenstrategie zur Verdrängung au dem eigenen Viertel? Christoph Twickel erteilt einem so radikalem Weg eine klare Absage: „Es führt in die Irre, wenn wir sagen, ein Jazzclub schaffe Gentrifizierung.“ Der Kämpfer für ein „Recht auf Stadt“ unterscheidet zwischen Kulturschaffenden, die einfach nur ein Programm abspulen und dann wieder abhauen (…) und denen, die sich einmischen und dauerhaft im Stadtteil bleiben.

Eine Antwort darauf, wie man das bekämpft, was man selbst hervorruft, finden Twickel und sein Harburger Publikum, darunter die frühre Phönix-Center-Managerin Anette Eberhardt, an diesem Abend nicht. Einen Vorteil darin, dass Themen wie „Ekeltunnel“ oder Leerstand das Bild Harburgs in der Öffentlichkeit prägen, sieht Heiko Langanke jedenfalls nicht.

Wie aber solle Harburg damit umgehen, wenn es nur als „Idiotenstadt“ gesehen werde, fragt der Jazzclubchef und liefert in einer weiteren Frage eine Antwort, an die er selbst nicht so recht glaubt: „Geht auch ein bisschen Gentrifizierung?“ Ein wenig Aufwertung wäre ja nicht schlecht.

Leute, die vorher Turnschuhe oder Waschmittel vermarktet hätten, würden heute die Koordinaten der Politik bestimmen, beklagen Gentrifizierungsgegner. Stadt werde nur noch als Portfolio von Investitionsflächen gesehen, Politiker schauen willfährig zu. Menschen müssten diesen Leuten die Kulturpolitik wieder wegnehmen, sagt ein Besucher. Wie man aber Investmentgesellschaften und Konzernen die Macht über die Stadtentwicklung streitig macht – das bleibt an diesem Abend offen.“

Quelle: Hamburger Abendblatt

Kurzum: es dürfte mehr als interessant sein, welche Aspekte sich geändert und welche sich verstetigt haben.

Für S-Bahnreisende von Hamburg Hbf: 
Für den 24.2. ist Schienenersatzverkehr zwischen Hammerbrook und Wilhelmsburg angekündigt. Es empfiehlt sich den Metronom oder andere Regionalzüge zu nutzen.

Die Reihe Track wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.
Das Programm des Kunstvereins und die Reihe Track werden gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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Werbung mit Folgen https://www.tiefgang.net/werbung-mit-folgen/ Fri, 24 Aug 2018 22:43:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4083 [...]]]> Abgewertete Stadtteile haben ihren Reiz. Selbst für den Tourismus. Nun steht sogar Harburg im Visier. Aber ist das gut?

Einst sprach man gerne von „sozialen Brennpunkten“. Doch dann kamen auch in Hamburg kluge Marketingmenschen und mit ihnen eine neue Wortwahl. In Wilhelmsburg sprach man fortan von „vergessenem Stadtteil“ und schon war klar: da geht noch was. Denn was schön runtergewirtschaftet ist, kann günstig auf Rendite getrimmt werden. Denn für manchen „Entwickler“ heißt es: günstig aufwerten und dann teuer verwerten. Das alte Prinzip der Mehr-Wert-Wirtschaft.

Vor sieben Jahren hatte die Initiative Suedkultur den Gentrifizierungskritiker Christoph Twickel ins Stellwerk geladen. Unter anderem wurde die Frage gestellt, ob auch Harburg die Gentrifizierung drohe. Jetzt wird es wahr, denn auch „Hamburg Tourismus“ erkennt in Harburg noch Potentiale – so denn das Angebot stimme.

Schon 2016 gab es von der Hamburger Bürgerschaft eine Tourismus-Analyse auch zu Harburg.

Dort hieß es auf Seite 16:

„Welche Maßnahmen im Bereich des Tourismusmarketings werden für einzelne Bezirke oder Stadtteile durchgeführt? Grundsätzlich ist das Marketing der HHT auf Zielgruppen und deren Ansprüchen sowie Interessenschwerpunkten an der Destination Hamburg ausgerichtet. Die geografische Einordnung in Stadtteile oder Bezirke spielt dabei aus Sicht des Kunden keine relevante Rolle. Ausschlaggebend für die Wahrnehmung beim Kunden ist die Qualität des touristischen Angebots in den jeweiligen Stadtteilen und Bezirken. Es wird zwischen den Bereichen Übernachtungs- und Tagestourismus differenziert, da in diesen Zielgruppen deutliche Unterschiede vorhanden sind. Die vorhandenen Angebote in den Stadtteilen und Bezirken werden von der HHT themen- und zielgruppenadäquat berücksichtigt. Beispielhaft seien die Onlinekommunikation über den Internetauftritt www.hamburg-tourismus.de mit der Veranstaltungsdatenbank (www.hh-events.de) und die Hamburg Tourismus App (www.hh-app.de) genannt.“

Ende 2017 titulierte „die ZEIT“ dann bereits: „Hamburg wirbt um Millionen zusätzlicher Touristen. Aber wo sollen die alle hin? Da kommt Harburg ins Spiel.“

Im Mai diesen Jahres nun ein Vorstoß der Regierungskoalition von Rot-Grün. Dort war von einer „örtlichen Entzerrung der Touristenströme und die bessere Verteilung von Veranstaltungen auf alle Bezirke“ die Rede und man wolle „mit den betroffenen Bezirksämtern sowie touristischen Institutionen vor Ort quartiersbezogene Konzepte“ entwickeln.

Der NDR berichtete: „Die tourismuspolitische Sprecherin der SPD, Dorothee Martin, betonte, Hamburg sei ein hoch attraktives Reiseziel für Menschen aus aller Welt. Das sei wirtschaftlich gut, dennoch sei wichtig, dass Hamburg eine Marketing-Strategie entwickle, um die Touristenströme zu entzerren und dadurch die lebenswerten Quartiere nachhaltig weiter zu entwickeln, so Martin. „Wichtig ist uns insbesondere, dass auch die Akzeptanz der Hamburgerinnen und Hamburger für den Tourismus hoch bleibt.“

„Geheimtipps südlich der Elbe“

Im Juli diesen Jahres vermeldete der NDR dann schon erste Entwicklungserfolge seitens der Hamburg Tourismus GmbH. „Hamburgs Tourismus-Chef Michael Otremba will die Gäste gezielt auch südlich der Elbe unterbringen. Dafür suchen fünf Mitarbeiter nach neuen Zielen. Es ist der Kampf gegen zu volle Straßen, Restaurants und Hotels in immer denselben Gebieten rund um die Alster und St. Pauli. Um Auswüchse wie in Barcelona oder Venedig zu vermeiden, will Tourimuschef Michael Otremba die Gäste gezielt auch südlich der Elbe unterbringen. Im Fachblatt fvw sagte er, allein in Harburg seien 20 freie Flächen für Hotelneubauten verfügbar. Auch Bergedorf sei für viele Touristen ein zukünftiger Hotspot, noch aber Geheimtipp.“

Was aber tut die Politik in Harburg? Immerhin gibt es ja einen eigenen Ausschuss für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus. Ein Blick auf die Sitzungsthemen und Protokolle spricht Bände: man interessiert sich fürs Tourismus-Konzept des Alten Landes, streift die Entwicklung der Technischen Uni und ihre Wirkung auf das Umfeld, thematisiert des Öfteren einen Parkplatz in der die Nöldekestraße als Stellplatz für Campingmobile oder träumt von einer HADAG-Fähre, die Touristen in Harburg absetzt. Ob sie sich als Opposition zur Senatspolitik versteht? Oder (ver-)schlummert sie das Thema lieber?

Schade für die Kaufleute und Inhaber der Geschäfte der Lüneburger Straße und des Umfeldes. Sie könnten ein paar ad hoc-Kaufende wohl gut vertragen. Gut aber vielleicht für die Stadtteilkultur. Denn sie hat so Zeit gewonnen – nicht mehr – um sich selbst besser aufzustellen. Denn sie versteht sich als Kultur für die Menschen, die hier wohnen, arbeiten und leben. Und nicht als Tourismus-Faktor für Heuschrecken, die einfallen, punktuelles wahr nehmen, denen aber die Konsequenzen fürs Umfeld recht egal sind. Air B´n`B-Schlafplätze (ja, die gibt es recht viel auch in Harburg), abgegrenzte Hotels am Wasserzugang des Hafens, Luxus-Shops ohne Publikum [nur Gucken, nicht kaufen!]: all das sind Themen, die Tourismus mit sich bringt.

Air B´n`B etwa verschafft Mietern Zusatzeinnahmen zu ihrem Wohnraum, den sie sich sonst meist nicht leisten könnten. Damit aber treiben sie unwillkürlich auch die Mietpreise nach oben – frei nach dem Motto: „was an Miete fehlt, hol ich durch Unter-Vermietung wieder rein“. Damit aber nicht genug: Tagestouristen kaufen meist nur Tagesbedarf ein: Getränke, Snacks, vielleicht mal Klopapier oder Kaffee. Einen Vollsortiment-Markt oder Gemüsehändler aber nutzt er nicht. Zu viele Tagestouristen schmälern so das Einkaufsangebot des Einwohners. In Amsterdam wurde schon die Notbremse gezogen und auch gleich das Stadtmarketing eingestampft.

´Ach was`, sagen Sie nun vermutlich: Harburg und Amsterdam – schön wär´s! Wohl wahr, wohl wahr: aber die Entwicklung auch Hamburgs ist rasant, wird zudem mit Steuergeldern gefördert und beschleunigt so in dieselbe Richtung. 2017 wurden schon 7 Touristen je Hamburger Einwohner gezählt. Und da sei noch „Luft nach oben“. Und Harburg zählt nicht nur zu Hamburg, sondern bekommt bereits Auswirkungen zu spüren. Volle Hotels, volle Bahnen auch im Süden bei den Hamburger Events wie Schlagermove, Christopher Street Day, Ironman oder Marathon. Und Ende des Jahres 2018 fahren am Wochenende dann auch noch die Bahnen von Stade und Buxtehude nachts durch. Ideal, um ein ruhiges und günstigeres Hotel im Landkreis zu beziehen und dann „mal“ in Hamburg und auch Harburg auf den Putz zu hauen.

Vieles davon kommt uns auch zugute. Keine Frage. Aber da solche Entwicklungen nicht aus dem Himmel fallen, ist man gut beraten, sie aktiv mit zu gestalten und nicht erst zu verschlafen, um dann mit viel Ärger und Aufwand im Nachhinein Lösungen „nachzubessern“.

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London Calling https://www.tiefgang.net/london-calling/ Fri, 29 Dec 2017 23:22:20 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2775 [...]]]> Die Metropolen ändern sich rasant. Wachstum, Platzmangel, Preissteigerungen. Darunter leiden auch die Live-Musikclubs. Hamburg startete eine Petition, London erklärt Live-Clubs zur Chefsache. Was ist da los?

In wenigen Jahren ist das passiert, was 2009 bei der Kampagne „not in our name“ in Hamburg prognostiziert wurde: „Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedelungsgebiet für diese „kreative Klasse“ zu werden. Für Hamburg hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer „Image City“ unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: Das Bild von der „pulsierenden Metropole“, die „ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur“ bietet.“ (siehe „Manifest“ der Initiative „not in our name“, 2009)

Dabei war das nicht mal neu. In seinem Buch Le droit à la ville von 1968 (!) entwarf der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre das Recht auf Stadt als ein Recht auf ein transformiertes, erneuertes urbanes Leben. Darin thematisierte er schon früh die sozialen Probleme, die durch die rasche Urbanisierung der Nachkriegszeit, insbesondere durch den Massenwohnungsbau entstanden. Lefebvre beklagte zahlreiche Qualitätseinbußen, die mit dem Urbanisierungsprozess einhergingen. Stadt als Ort der kreativen Schöpfung werde zunehmend dem Tauschwert und der industriellen Verwertungslogik unterworfen werde und für ihre Bewohnerinnen und Bewohner schließlich in den Zwang münde „sich in Schachteln, Käfigen oder ,Wohnmaschinen‘ einschließen zu lassen“.

Nun ganz so ist es nicht gekommen. Jedenfalls nicht so und auch noch nicht. Aber das sich da was zusammen braut, zeigen jüngste Initiativen wie in Amsterdam. Dort wurden ab Herbst 2017 reine Tourismusläden nicht mehr zugelassen und das Stadtmarketing gleich ganz eingestampft. Der Widerstand der Stadtbevölkerung gegen einen touristischen Ausverkauf wurde zu groß. Paris hat frühzeitig verschiedene Schwerpunkte im urbanen Gebiet geschaffen, um das direkte Zentrum nicht zum Pulverfass und touristischen Disneyland werden zu lassen. Ob es reicht, kann man bezweifeln.

Jetzt hat Londons Bürgermeister Sadiq Khan mit dem „London Plan 2018“ die sogenannten Grassroots Music Venues (dt. etwa wie Kleinstmusikbühnen) zur Chefsache erklärt. In einem Masterplan sollen die Themen Stadtentwicklung und Kulturräume künftig strukturell verbunden und behandelt werden.

Auszüge aus dem London Plan:

Das “Agent of Change”-Prinzip verlagert die Verantwortung für die Abschwächung der Auswirkungen von bestehenden lärmerzeugenden Aktivitäten oder Nutzungen auf die neu geplante lärmsensitive Nutzungen.
„Die Bezirke sollten sicherstellen, dass die Planungsentscheidungen das „Agent of Change“-Prinzip widerspiegeln und die bestehenden lärmerzeugenden Nutzungen sensibel berücksichtigen, wenn neue Projekte, insbesondere Wohngebiete, in der Nähe vorgeschlagen werden.
Neue Projektentwickler sollten Lärm und andere potenzielle Belästigungen durch Folgendes steuern:

1) Gewährleistung eines guten akustischen Designs zur Minderung und Minimierung vorhandener und potenzieller Lärmauswirkungen von bestehenden Nutzungen in diesem Gebiet.

2) Ausarbeitung von Minderungsmaßnahmen in einem frühen Stadium der Entwurfsphase, mit notwendigen und angemessenen Vorkehrungen, die durch Planungsverpflichtungen gesichert sind.

3) Neue lärmsensitive Projekte sollten soweit wie möglich von bestehenden lärmerzeugenden Unternehmen durch Entfernung, Abschirmung, Innenausbau, Schalldämmung und Isolierung sowie andere akustische Gestaltungsmaßnahmen getrennt werden.

Neue Entwicklungen sollten so gestaltet sein, dass etablierte lärmerzeugende Veranstaltungsstätten rentabel bleiben und ohne unangemessene Einschränkungen weiter bestehen oder wachsen können.
Neue lärmerzeugende Projekte wie industrielle Nutzungen, Musiklokale, Kneipen, Eisenbahninfrastrukturen, Schulen und Sportstätten, die in der Nähe von Wohngebieten und anderen lärmsensiblen Gebäuden geplant werden, sollten Maßnahmen wie Schalldämmung zur Linderung und Bewältigung von Lärmbelastungen für Bewohner und Unternehmen in der Nachbarschaft ergreifen.
Die Bezirke sollten Entwicklungsvorschläge ablehnen, die nicht eindeutig aufzeigen, wie Lärmauswirkungen gemildert und gemanagt werden.“

Weitere Infos unter: musicvenuetrust.com

Die Petition des Brancheverbandes Clubkombinat Hamburg, das unter dem Namen #FutureMusicCityHH einen Schutz von Live-Musikclubs in Hamburg einfordert (´Tiefgang` berichtete), hat die Diskussion zumindest auch in Hamburg  neu befeuert. Und zumindest darf man gespannt sein, ob das Venedig des Nordens bereit ist, Konzepte und Strategien anderer Metropolen in den Diskurs aufzunehmen.

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Wenn der shabby look zum Luxus wird https://www.tiefgang.net/gentrifizierung-was-ist-ursache-was-wirkung/ https://www.tiefgang.net/gentrifizierung-was-ist-ursache-was-wirkung/#respond Mon, 28 Nov 2016 16:32:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=65 [...]]]> Die explodierenden Immobilienpreise der norddeutschen Metropole werfen in der Kreativbranche grundsätzliche Fragen auf: ist Raum für Kunst und Kultur künftig noch bezahlbar? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Hamburg ist eine der deutschen Metropolen, in denen die Miet- und Eigentumspreise in den letzten Jahren regelrecht explodiert sind: seit der Jahrtausendwende sind laut Mieterbund die Nettokaltmieten alle zwei Jahre um mehr als 5% gestiegen. Lag die Durchschnittsmiete 2001 noch bei rd. 6,- € / qm lag sie 2015 bei guten 8,15 €.

Nicht anders bei denen, die es sich eher leisten können – die Eigentümer: lag im Jahr 2002 der mittlere Bodenrichtwert in Hamburg – also der Preis allein für das Grundstück, noch ohne, dass ein Stein gesetzt wurde – bei Grundstücken für Einfamilienhäuser noch bei durchschnittlich 272 Euro pro Quadratmeter, so stieg er bis 2012 mal eben auf 472 Euro pro Quadratmeter.

Hamburg ist also wahrlich ein teures Pflaster. Und die Gentrifizierung – also quasi die „Veredelung“ von Stadtteilen oder im Grunde des ganzen Stadtstaates, der Hamburg ja nun mal ist – sorgt nicht nur die linken Sozialpolitiker und -romantiker. Es sorgt und trifft auch und vor allem viele Kulturschaffende in der Nordmetropole. Denn reibt sich der Immobilienmakler die Hände, so scheint es, nimmt er zugleich dem Künstler die Butter vom Brot. Die einst hip gewordenen Lofts – einst alte, ausgediente Gewerbe-Etagen – sind heute vielmehr zum Wert-Begriff der Makler geworden und stehen für individuelle aber eben auch luxuriöse Lebensform. Wer sich das leisten kann, wird wohl eher selten auf die Idee kommen, ein Atelier der herkömmlichen Art betreiben zu wollen. „Shabby Look“ ist nicht mehr Ausdruck des „Ich hab nix, aber mache was draus“ sondern des „Ich hab was und gönne mir trashiges Ambiente!“ Shabby Look als Luxus.

Und hier trifft es Kulturschaffende in ihrem existentiellen Dasein. Sie verfügen selten über das finanzielle Vermögen für großzügige Räume. Dafür aber haben sie aber oft den Spirit und eben jene Schaffenskraft, aus shabby etwas Eigentümliches und Individuelles zu erschaffen. Was aber, wenn selbst das nicht mehr möglich ist? Wenn selbst leer stehende Gebäude eben leer bleiben, weil sie sich so „besser rechnen“. Ausgerechgnet ein Gesetz hat hier viel Unheil angerihctet: es erlaubt Immobilienbesitzern seit einigen Jahren, Gewinne aus gut laufenden Immobiliengeschäften steuerlich mit „Verlusten“ aus z.B. leer stehenden Gebäude gegen zurechnen – also im Grunde real erzielte Gewinne geringer zu versteuern. Und so zwar nicht unmittelbar, aber ebenso real erzielte Grundstückspreissteigerungen als „Verluste“ darzustellen.

Wie auch immer: es gibt kaum noch Probe- und Arbeitsräume für Kulturschaffende und es sieht wahrlich nicht nach Besserung aus. Und das Dumme: auch die Kulturschaffenden sind es immer wieder, die durch ihre Anwesenheit und ihr Vermögen aus shabby noch einen look gestalten, das I-Pünktchen setzen oder eben der Veredelung noch das schmucke Kunst-Krönchen aufsetzen. Aufwertung zur späteren Verwertung.

Wo aber ist eine Lösung in Sicht? Der Wegzug etwa nach Berlin war lange Zeit ein gangbarer Weg vieler Künstler auch aus Hamburg. Auch natürlich wegen des noch mondäneren Geistes der Hauptstadt. Doch auch in Berlin ist Gentrifizierung ja keine Unbekannte. Ein Blick in den Prenzlberg – ein schwäbisches Biotop im preußischen Berlin – spricht da Bände.

Der Zug aufs Land? Nichts für jene Künstler, die sich aus Multikultur, menschlichem Dasein und auch dem Scheitern speisen.

Oder eine Förderung wie etwa durch die Kreativgesellschaft Hamburg gGmbH – einem städtischen Tochterunternehmen, dass quasi indirekt und unter anderem Miete subventioniert, um künstlerischen und kreativen Potenzialen Möglichkeiten zu erhalten? Schon absurd. Statt beispielsweise städtische Gebäude schlichtweg  der Kunst freizugeben, wird eine geordnete Übergabe und indirekte Subvention zwischengeschaltet. So schlägt bei vielen geförderten Kulturinstitutionen ein erheblicher Teil der Fördermittel für Mieten an städtische Immobilenfirmen zu Buche. Ein Mehr an Fördermitteln kann so schnell in höheren Mieten in Rauch aufgehen. Oder anders gesagt: rechte Tasche – linke Tasche.  Das Geld fehlt letztlich dort, wo man es eigentlich vermutet und auch braucht: in der Kunst und Kultur.

Nun wird ein Gänge-Viertel nicht stetig wiederholbar sein und auch bleibt die Frage, ob der Konflikt „Recht auf Stadt/Leben/Kunst“ versus „Vermarktung/Veredelung/Verwertung der Stadt“ wirklich damit gelöst oder nicht vielmehr umgangen oder verschoben wurde. Und diese Art von Diskussion stellt sich auch nicht in den meisten „Außenbezirken“ der Stadt gar nicht. So auch nicht in Harburg. Aber Probe-Räume, Ateliers oder Lofts aus früheren Zeiten – die sind hier ebenso wenig bezahlbar oder vorhanden wie im Zentrum. Wo also wird die Kunst bleiben?

(10. Okt. 2016, HL)

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