Hamburg New Yorker Gummiwaarenfabrik https://www.tiefgang.net Tue, 10 Jun 2025 09:14:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.1 Spurensuche im Schatten der Vergangenheit https://www.tiefgang.net/spurensuche-im-schatten-der-vergangenheit/ Fri, 13 Jun 2025 22:13:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11970 [...]]]>

Harburg, ein Stadtteil Hamburgs, dessen industrieller Herzschlag und lebendige Gegenwart das Auge auf den ersten Blick fesseln. Doch hinter den geschäftigen Straßen und modernen Fassaden verbirgt sich eine Geschichte, die tief in der Vergangenheit verwurzelt ist.

Eine Geschichte, die nicht immer bequem ist, aber unerlässlich, um die Identität des Bezirks wirklich zu begreifen: die Verflechtungen mit dem Kolonialismus. Um diese oft unsichtbaren Fäden sichtbar zu machen und zur Diskussion anzuregen, lädt Heiko Langanke von der Linken Harburg zu einem spannenden Rundgang durch Harburgs Hafen ein.

Man spaziert entlang des Harburger Binnenhafens, vorbei an ehemaligen Werkshallen, die heute neue Zwecke erfüllen, und ahnt kaum, welche globalen Verbindungen hier einst geknüpft wurden. Im 19. Jahrhundert erlebte Harburg eine Blütezeit, maßgeblich angetrieben von der aufstrebenden Öl- und Gummiindustrie. Doch diese scheinbar rein lokale Erfolgsgeschichte hatte globale Wurzeln, die sich bis in die Kolonien erstreckten. „Von den Phoenix-Werken, der Hamburg-New Yorker Gummiwarenfabrik oder der Harburg-Freudenberger Maschinenfabrik und den Thörl-Werken – Harburgs Geschichte ist sehr aufschlussreich, wie Globalisierung, Industrie, Handel und Politik ineinandergreifen und unser alltägliches Leben bestimmen“, erklärt Heiko Langanke, der den Rundgang leiten wird.

Der Rundgang ist keine trockene Geschichtsstunde, sondern eine lebendige Spurensuche. An historischen Orten werden die komplexen Zusammenhänge von Industrie- und Sozialgeschichte sowie die kolonialen Verbindungen erläutert. Man erfährt, wie Rohstoffe aus fernen Ländern – Kautschuk aus Lateinamerika oder Palmöl aus Afrika – über den Hafen nach Harburg gelangten und hier zu Produkten verarbeitet wurden, die weltweit vertrieben wurden. Diese globalen Lieferketten, die wir heute als selbstverständlich erachten, hatten ihren Ursprung oft in kolonialen Ausbeutungsverhältnissen, die tiefgreifende Auswirkungen auf die betroffenen Regionen und Menschen hatten.

Doch es geht nicht nur um Vergangenes. Ein zentraler Aspekt des Rundgangs ist die Frage, welche Auswirkungen diese historischen Gegebenheiten bis in die Gegenwart haben. Fragen nach globaler Ungleichheit, nach den Lasten der Geschichte und nach der Verantwortung, die aus solchen Verflechtungen erwächst, werden dabei nicht ausgeklammert. „In Harburg können wir allein durch einen Spaziergang durch unsere eigene Geschichte lernen und begreifen, was uns auch in der Gegenwart beschäftigt“, resümiert Langanke. Es ist ein Aufruf zur kritischen Reflexion, zur Auseinandersetzung mit unbequemen Wahrheiten und zum Verständnis, dass Geschichte eben nicht nur in Büchern, sondern auch in den Mauern und Straßen unserer Städte weiterlebt.

Die Rundgänge dauern etwa 1,5 bis 2 Stunden und sind kostenfrei, Spenden sind jedoch willkommen. Eine Anmeldung ist nicht explizit erwähnt, aber bei solchen Führungen oft ratsam, um die Gruppe überschaubar zu halten. Website der Partei: linksfraktion-hamburg-harburg.de. Interessierte sind herzlich eingeladen, an diesem lehrreichen Spaziergang teilzunehmen und die verborgene Geschichte Harburgs zu entdecken – eine Geschichte, die uns alle angeht.

  • Rundgang: Harburgs koloniales Erbe entdecken | Führung mit Heiko Langanke (Die Linke Harburg)
  • Termine: Freitag, 20. Juni, 18 Uhr & Sonntag, 29. Juni, 12 Uhr
  • Treffpunkt: Herbert- und Greta-Wehner-Platz (ehem. Karstadt), Endpunkt: Harburger Hafen am Dampfschifffahrtsweg
  • Dauer ca. 1,5 bis 2 Stunden, Kostenfrei (Spenden willkommen)

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Grenzenlos https://www.tiefgang.net/grenzenlos/ Fri, 02 Oct 2020 22:24:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7298 [...]]]> Wer denkt schon bei einem Hartgummi-Kamm an Plantagen in Kamerun? Sollte man aber. Eine Ausstellung sensibilisiert nun dafür.

Seit dem 30. September und noch bis April 2021 leistet das Museum der Arbeit in Barmbek nun mit einer Ausstellung zum Thema „Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ einen wichtigen Beitrag zum Umgang auch mit Hamburgs oder gar erst Harburgs jüngerer Geschichte.

Hamburg war eines der wirtschaftlichen Zentren des europäischen Kolonialismus. Viele der Waren und Rohstoffe aus Kolonien, die über den Hafen in die Stadt gelangten, wurden in der hiesigen Industrie verarbeitet – auch auf dem Gelände des Museums der Arbeit, einer ehemaligen Gummifabrik. Die übrigens eine weitere Fabrik der zuerst in Harburg entstandenen Hamburg New Yorker Gummiwaarenfabrik (Nartenstraße) war.

Einige Hamburger Unternehmen waren deutschland- oder auch europaweit führend in der industriellen Verarbeitung von Kautschuk, tropischen Ölen und Fetten, Kakao und Elfenbein. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert konsumierten zahlreiche Menschen in Europa die daraus hergestellten Produkte. Doch wer denkt bei einem Hartgummi-Kamm schon an Plantagen in Kamerun, wer sieht in der Margarine oder der Christbaumkerze eine Verbindung zu Nigeria, wer erkennt in der Seife einen Bezug zu Samoa? Unsichtbar sind auch das Wissen und die Arbeit der Menschen in den Kolonien sowie die koloniale Gewalt und das mit ihr verbundene Leid.

Die Menschen in den Kolonien gewannen Kautschuk, Öle, Kakao und Elfenbein für Hamburgs koloniale Industrie unter den Bedingungen einer rassistischen Gewaltherrschaft. Sie wurden versklavt, zur Arbeit auf Plantagen und in Karawanen gezwungen, ihrer Existenzgrundlage beraubt und vertrieben. Sie leisteten individuell und kollektiv Widerstand, sei es in Protesten oder Petitionen, durch Flucht, Sabotage oder mit der Waffe.

Mit seiner Sonderausstellung möchte das Museum der Arbeit einen Beitrag zur aktuellen Debatte über den Umgang Hamburgs mit seiner kolonialen Geschichte und zur Diskussion über die langfristigen Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen leisten.

Museum der Arbeit, Öffnungszeiten: Montag 10 – 21 Uhr; Dienstags geschlossen; Mittwoch bis Freitag 10 – 17 Uhr; Samstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr

shmh.de/de/grenzenlos-kolonialismus-industrie-und-widerstand

 

Das Bookazine zur Ausstellung

Das Bookazine „grenzenlos“, das eine Mischung aus Magazin und Buch ist, bringt unterschiedliche Stimmen und Perspektiven von BIPoC in Deutschland zusammen. In Essays, Interviews, Gedichten, Collagen und Fotografien, bildet die Publikation die vielfältigsten Lebensrealitäten ab. Die Autor*innen führen dabei den Diskurs um die Ausstellungsinhalte selbstständig und kritisch fort. Das Bookazine möchte insbesondere BIPoC erreichen und bietet zugleich durch seinen diversitätssensiblen, diskriminierungskritischen und inklusiven Ansatz allen Leser*innen produktive Lernräume.

Mit Beiträgen u. a. von: Lahya Aukongo, Olenka Bordo Benavides, Elliot Blue, Nikita Dhawan, Diana Ejaita, Natasha A. Kelly, Isaiah Lopaz, Sandrine Micossé-Aikins, Alok V. Menon, Movain, Candice Nembhard, Kofi Shakur, Moro Yapha.

Herausgeber*innen: Josephine Apraku, Rita Müller, Christopher Nixon

170 Seiten, zahlreiche Abbildungen, KOCMOC-Publishing Space, ca. 17 €, erhältlich im Museumsladen

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