Hans Leipelt https://www.tiefgang.net Tue, 21 Jan 2020 10:32:34 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.1 Tod durch das Fallbeil vor 75 Jahren https://www.tiefgang.net/tod-durch-das-fallbeil-vor-75-jahren/ Fri, 24 Jan 2020 23:51:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6251 [...]]]> Das Schicksal der Familie Leipelt wurde vor allem durch das Bündnis „Weiße Rose“ im Schatten des Hakenkreuzes bekannt. Nun führt ein Rundgang durch ihre Wilhelmsburger Heimat.

Von Klaus Möller

Die Familie Leipelt wohnte in der NS-Zeit in der damaligen Kirchenallee (heute: Mannesallee), in unmittelbarer Nähe der ev.-luth. Reiherstiegkirche. Hans Leipelt (*18.7.1921) und seine Schwester Maria (*13.12.1925) besuchten die Wilhelmsburger Oberschule (heute: Stadtteilschule Wilhelmsburg) in der Rotenhäuser Straße. Ihr Vater, Dipl.-Ing. Konrad Leipelt,

(*15.5.1886) war technischer Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke, in der Neuhöfer Straße. Er war verheiratet mit Dr. Katharina Leipelt, geb. Baron, (*28.5.1892), deren Eltern zu den österreichisch-ungarischen Jüdinnen und Juden gehörten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in großer Zahl zum Christentum übergetreten waren.

In der NS-Zeit wurden auch diese Juden christlichen Glaubens zu Reichsfeinden erklärt und als `Nichtdeutsche´ grausam verfolgt. Im März 1938 nahm sich Katharina Leipelts Bruder in Wien das Leben. Im August 1940 wurde Hans Leipelt als `Halbjude´ aus der Wehrmacht ausgeschlossen, und im Juli 1942 wurde seine Großmutter nach Theresienstadt deportiert.

Als Konrad Leipelt drei Monate später einem überraschenden Herzschlag erlag, verloren seine Frau und seine Kinder ihren letzten Schutz. Nach drei Trimestern musste Hans Leipelt sein Chemiestudium in Hamburg abbrechen. Mit viel Glück bekam er am Chemischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München einen neuen Studienplatz. Im Oktober 1943 wurde er dort von der Gestapo verhaftet. Er hatte Geld für die Familie des hingerichteten Professors Kurt Huber, eines Mitglieds der `Weißen Rose´, gesammelt und war denunziert worden war. Außerdem hatte er das letzte Flugblatt der `Weißen Rose´ vervielfältigt und in Hamburg und München unter Freunden verteilt. Bald darauf wurden auch seine Mutter und seine Schwester in Hamburg verhaftet. Katharina Leipelt wurde am 9. Dezember 1943, kurz nach ihrer Festnahme, tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden.

Hans Leipelt wurde am 13. Oktober 1944 vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofs wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt. Er starb – vor 75 Jahren – am 29. Januar 1945 unter demselben Fallbeil, mit dem der Scharfrichter vorher auch das kurze Leben der Geschwister Scholl gewaltsam beendet hatte. Am 14. April 1945 befreiten amerikanische Truppen seine Schwester aus der Haft in Bayreuth.

Rundgang: auf den Spuren Hans Leipelts und seiner Familie in HH-Wilhelmsburg

Sonntag, 2. Feb., 15.00 Uhr, kostenfrei

Treffpunkt: Ecke Georg-Wilhelm-Str./Rotenhäuserstr. (Bushaltestelle), 21107 Hamburg

]]>
15 Jahre des Stolperns https://www.tiefgang.net/15-jahre-des-stolperns/ Fri, 26 Jan 2018 23:32:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2890 [...]]]> Seit 15 Jahren und Stein um Stein hält ein Künstler auch in Hamburg auf eine ganz eigene Art das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wach. Ein Film würdigt diese Arbeit.

Am 3. Februar 2003 wurden die ersten Stolpersteine in Harburg und Wilhelmsburg verlegt. In den 15 Jahren sind viele weitere dazu gekommen. Unsere Serie hier in ´Tiefgang` dokumentiert einige wenige davon. Traurig genug. Aus Anlass des 15jährigen Jubiläums lädt nun die Initiative ´Gedenken in Harburg` der Ev.-Luth. Reiherstiegkirchengemeinde und der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen zu einem Filmabend am Mittwoch, d. 31.1.2018, 19.00 Uhr, im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, ein. Gezeigt wird der Dokumentarfilm ´Stolperstein` von Dörte Franke, der in 76 Minuten den Stolperstein-Künstler Gunter Demnig porträtiert, der Initiator dieses Erinnerungsprojekts. Damit skizziert der Film zugleich die Entwicklung dieses speziellen Beitrags zur europäischen Denkmalskultur.

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine erinnern an Hermine Baron, die am 23.1.1943 im Getto Theresienstadt umkam, an ihre Tochter Katharina Leipelt, die am 9.12.1943 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel tot aufgefunden wurde, und an ihren Enkel Hans Leipelt, dessen Leben am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim unter dem Fallbeil endete.

Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ gehören seit vielen Jahren zu den mehr als 300 ehrenamtlich tätigen Forscherinnen und Forschern der Hamburger Projektgruppe `Biografische Spurensuche´, die im Herbst 2006 von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Dr. Rita Bake) und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Dr. Beate Meyer) ins Leben gerufen wurde. Unter wissenschaftlicher Anleitung haben sie in den letzten zehn Jahren rd. 3.000 Biografien von Menschen erarbeitet, für die in Hamburg Stolpersteine gesetzt worden sind oder gesetzt werden sollen.

Die Ergebnisse dieser Recherchen wurden in den bisher erschienenen 17 Bänden der Buchreihe `Stolpersteine in Hamburg – Biografische Spurensuche´, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.) und auf der Website www . stolpersteine-hamburg.de veröffentlicht. Die Bücher sind zum Preis von 3,- € in der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Dammtorwall 1, 20354 Hamburg, erhältlich.

Über 61.000 Namen

Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass es den Mitgliedern der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ in den letzten Jahren gelungen ist, auf der Grundlage ihrer Recherchen Kontakte zu zahlreichen Angehörigen der Ermordeten zu knüpfen und mehrere denkwürdige Schülerprojekte zu initiieren.

Im Zentrum des Dokumentarfilms der Regisseurin Dörte Franke steht Gunter Demnig, Konzeptkünstler mit Cowboyhut, der mittlerweile über 61.000 Namen von NS-Opfern in die Bürgersteige Deutschlands und Europas einbetoniert hat. Dörte Franke begleitet ihn auf seiner Fahrt. Sie begegnet dabei Menschen, bei denen diese Minidenkmale auf ganz unterschiedliche Weise einen Nerv treffen.

In Hamburg polieren drei Frauen mühevoll Stolpersteine, um das schwierige Erbe ihrer SS-Väter zu verarbeiten. In Großbritannien kämpft ein Mann um Stolpersteine vor dem Haus seiner ermordeten Eltern in München und scheitert am Münchner Bürgermeister Christian Ude und Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. In Österreich sehen zwei Sinti in den Stolpersteinen in Hochburg-Ach einen Grabsteinersatz für ihren Großvater. In Ungarn will eine junge Frau durch das Kunstprojekt ihre Landsleute zum Reden über eine verdrängte Vergangenheit bringen. Der Film ist sowohl Künstlerporträt als auch Roadmovie und dokumentiert zugleich die Geschichte des größten, dezentralen Denkmals der Welt. Dörte Franke porträtiert einen rastlosen Künstler, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, ausgelöschte Biografien zurück in den Alltag zu bringen. Er legt dabei großen Wert darauf, dass jeder Stein in mühsamer Handarbeit gefertigt und verlegt wird, da er davon überzeugt ist, dass nur so ein individuelles Schicksal nach Hause gebracht werden kann.

Hinter jedem Stolperstein stehen engagierte Helfer und private Spenden. In den letzten Jahren hat sich vielerorts eine Bürgerbewegung formiert, die täglich weiter wächst. Und immer mehr Menschen werden durch diese kleinen Messingplatten zugleich zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit angestoßen, der sie lange ausgewichen sind.

Stolpersteine für Hans und Katharina Leipelt sowie für Hermine Baron

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine wurden am Montag, d. 3. Februar 2003, von Gunter Demnig, dem Initiator des Erinnerungsprojekts, in der Mannesallee 20 verlegt. Sie erinnern an Hans (18.7.1921 – 29.1.1945) und Katharina Leipelt, geb. Baron, (28.5.1892 – 9.12.1943) sowie an Hermine Baron, (15.9.1866 – 22.1.1943), die einst dort wohnten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Katharina Baron wuchs als evangelisch getauftes Mädchen in einem ursprünglich jüdischen Elternhaus in Wien auf. Nach ihrer Promotion heiratete sie den katholischen Dipl. Ing. Conrad Leipelt, den späteren Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke am Veringkanal.

Die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten von 1935, die alle Menschen, die jüdische Eltern bzw. zwei jüdische Großeltern hatten, zu Nichtariern erklärten, griffen tief in das Leben Katharina Leipelts und ihrer Familie ein. Ihr Sohn Hans wurde 1940 unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen und 1941 von der Hamburger Universität vom Studium ausgeschlossen. Ihre evangelisch getaufte Mutter wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als Katharinas Leipelts Ehemann 1942 starb und ihr Sohn 1943 verhaftet wurde, nachdem er Flugblätter der `Weißen Rose´, einer Münchner Widerstandsgruppe, verteilt und Geld für die Angehörigen der Familie eines ihrer ermordeten Mitglieder gesammelt hatte. Auch Katharina Leipelt wurde festgenommen und kurz danach tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden. 13 Monate später endete Hans Leipelts Lebensweg auf dem Schafott. Er war der letzte Todeskandidat, der vor dem Ende der NS-Herrschaft mit dem Fallbeil in der Haftanstalt München-Stadelheim hingerichtet wurde.

Weiteführende Links: www.gedenken-in-harburg.de, www.stolpersteine-hamburg.de

Termin: 31. Jan. 2018, Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, 19h

Siehe auch: sued-kultur.de

]]>
Von der Weltoffenheit in den Freitod https://www.tiefgang.net/von-der-weltoffenheit-in-den-freitod/ Sat, 03 Jun 2017 07:00:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1232 [...]]]> Sie stammte aus einer anerkannten, bürgerlichen Familie, die es zu etwas gebracht hatte. Ihr Glaube war protestantisch. Ihr Verhängnis der Hass auf Juden.
Katharina Leipelt war die Tochter von Hermine Baron. Diese war evangelischen Glaubens. Durch die 10. Verordnung zum Reichsbürgergesetz aber wurde sie im Juli 1939 ohne ihr Zutun Mitglied der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Und dies obwohl sie sich schon seit langem von der Glaubensgemeinschaft, der ihre jüdischen Eltern einst angehört hatten, abgewandt hatte. Nach nationalsozialistischer Rechtsauffassung aber war sie gleichwohl „Volljüdin“. Ihr Geburtsort ˇCerná Hora bei Brünn in Mähren lag im 19. Jahrhundert im Kaiserreich Österreich-Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte dies sich mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik. In diesem Teil der damaligen Donaumonarchie verbrachte Hermine Baron ihre Kindheit und Jugend. Dort blieb sie auch in den ersten Jahren ihrer Ehe mit Arnold Baron, der ebenfalls aus einem jüdischen Elternhaus stammte.

Geboren in Brünn bei Mähren

Ihre beiden Kinder Katharina (geb. 28.05.1892) und ihr älterer Bruder Otto (geb. 13.11.1888) kamen hier zur Welt und wurden ebenfalls evangelisch getauft. Später zog die Familie in die Kaiserstadt Wien. Dort studierten die Geschwister nach ihrem Abitur und wurden in ihren jeweiligen Fachbereichen promoviert. Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete Otto Baron die evangelisch-reformierte Wienerin Margarethe Nenutil, während seine Schwester Katharina dem katholischen Dipl. Ing. Konrad Leipelt (geb. 15.5.1886) aus Neiße a. d. Oder ihr Jawort gab. Am 28.7.1921 freute sich das Ehepaar über die Geburt seines Sohnes Hans in Wien und vier Jahre später, am 13.12.1925, über die der Tochter Maria in Hamburg-Eppendorf, denn die Familie war inzwischen an die Elbe gezogen.

Konrad Leipelt hatte hier zunächst bei der Norddeutschen Affinerie (heute: Aurubis) auf der Veddel eine interessante Aufgabe gefunden, bevor er später Technischer Direktor der Zinnwerke Wilhelmsburg wurde. Nachdem die Familie einige Male ihre Adresse gewechselt hatte, zogen die Leipelts 1932 in das Dorf Rönneburg am südöstlichen Stadtrand Harburgs. Hier bewohnten sie in der Vogteistraße 23 eine prachtvolle Villa mit einem parkähnlichen Garten. Die vornehme Inneneinrichtung dieses Hauses und der großbürgerliche Lebensstil der Familie entsprachen der Herkunft Katharina Leipelts. Freunde und Nachbarn waren fasziniert von ihrem weltoffenen Wesen und ihrer liebenswerten Art.

Groß geworden in Rönneburg

Beide Kinder besuchten die Rönneburger Dorfschule. Hans Leipelt setzte seine Schullaufbahn dann auf der Harburger Oberschule für Jungen (heute: Friedrich-Ebert-Gymnasium) und später auf der Wilhelmsburger Oberschule (heute: Stadtteilschule Wilhelmsburg) fort, wo er am 19. März 1938 sein Abitur bestand. Auch seine Schwester ging in diesem Gebäude einige Jahre zur Schule, denn die Familie hatte inzwischen ein eigenes Haus in der Kirchenallee 20 (heute: Mannesallee 20) in Wilhelmsburg bezogen.

Die Mutter erzog die Kinder protestantisch. Hans Leipelt wurde am 7. April 1935 von Superintendent Johann Feltrup in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Harburg konfirmiert, seine Schwester Maria am 3. März 1940 von Pastor Karl Tribian in der evangelischen Emmauskirche in Wilhelmsburg. In dieser Gemeinde war sie auch Mitglied des Kirchenchores.

Protestantisch und weltoffen

Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 griffen tief in das Leben der Familie ein. Obwohl Katharina Leipelt wie ihre Eltern evangelisch getauft war, galt sie nach nationalsozialistischer Lesart als Jüdin, da ihre Eltern gebürtige Juden waren. Ihre Kinder Hans und Maria waren demnach „Halbjuden“ bzw. „jüdische Mischlinge 1. Grades“, und ihre Ehe mit dem „Arier“ Konrad Leipelt wurde als „Mischehe“ eingestuft: Sie bot ihr zunächst noch einen gewissen Schutz.

Wie groß die Bedrohung war, dürfte sie spätestens beim Suizid ihres Bruders Otto am 15. April 1938 – kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Wien – erkannt haben. Er hatte sich nach einem Gestapoverhör das Leben genommen und seine Frau und die 15-jährige Tochter Christine mittellos zurückgelassen. Katharina Leipelt nahm bald danach ihre Nichte bei sich auf und holte ein Jahr später auch ihre 73-jährige, inzwischen verwitwete, Mutter Hermine Baron nach Harburg. Sie hoffte, dass ihre Mutter hier weniger gefährdet sei als in der Tschechoslowakei, wohin sie nach dem Freitod ihres Sohnes aus Wien geflohen war, ohne zu ahnen, dass Hitler auch dieses Land im März 1939 seinem Herrschaftsbereich einverleiben würde.

Gleich nach dem Abitur absolvierte Hans Leipelt seinen Arbeitsdienst am Westwall, anschließend meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Als Infanterist nahm er zunächst am Polen- und ein halbes Jahr später am Frankreichfeldzug teil. Im Juni 1940 wurde er für seinen militärischen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Bald nach dem Abschluss des Waffenstillstands mit Frankreich wurde er im August 1940 als „Halbjude“ unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen. Dank seines einflussreichen Vaters konnte er im Winter 1940/41 in Hamburg ein Chemiestudium beginnen, das er ein Jahr später wieder hätte beenden müssen, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, seine Studien am Chemischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München unter der Leitung des bekannten Nobelpreisträgers Prof. Heinrich Wieland fortsetzen zu dürfen. Hier studierte auch Marie-Luise Jahn aus Sandlack bei Bartenstein in Ostpreußen (heute: Polen), der er sich bald eng verbunden fühlte.

Im Sommer 1942 kam es zu weiteren dramatischen Veränderungen im Leben der Familie Leipelt. Aufgrund eines neuen Erlasses des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 2. Juli 1942 musste Maria Leipelt als „jüdischer Mischling 1. Grades“ die Oberstufe der staatlichen Elise-Averdieck-Schule verlassen, die sie inzwischen besuchte, um dort ihr Abitur zu erwerben.

„Evakuierungsbefehl“ für die Mutter

Bald darauf erhielt Hermine Baron den „Evakuierungsbefehl“ für ihre „Umsiedlung“ ins „Altersgetto“ Theresienstadt am 19. Juli 1942. Am Vorabend des Abtransports sagte sie ihrer Wiener Schwiegertochter in einem Abschiedsbrief Lebewohl.
Es waren die letzten Zeilen Hermine Barons, die die Familie von ihr erhielt. Der Großtransport VI/2, der sie nach Theresienstadt brachte, zählte 771 Personen aus Hamburg und aus anderen Orten Norddeutschlands. Unter ihnen waren vorwiegend Juden mit ihren Familien, die über 65 Jahre alt waren und nicht in einer Mischehe lebten, sowie gebrechliche, hochdekorierte und prominente Juden mit ihren Ehefrauen und Kindern unter 14 Jahren.

Nur wenige überlebten das unbeschreibliche Leid, das nun folgte. Hermine Baron gehörte nicht zu ihnen. Sie verbrachte noch sechs Monate in diesem „Wartesaal des Todes“, bevor sie am 22. Januar 1943 für immer die Augen schloss, ohne dass die Familie je davon erfuhr.

Freunde der Familie berichteten später, dass Hans Leipelt und der Rest der Familie unsäglich unter dieser schmerzlichen Trennung und unter der anschließenden Ungewissheit gelitten hätten. Nicht zuletzt Hans Leipelt sei viel verschlossener und noch nachdenklicher geworden. Kaum hatte die Familie wieder etwas Tritt gefasst, da wurde sie erneut durch eine Hiobsbotschaft aus der Bahn geworfen. Am 23. September 1942 erlag Konrad Leipelt völlig unerwartet während einer Kur in Bad Kissingen einem tödlichen Herzschlag, der die Hinterbliebenen in tiefe Trauer und Verzweiflung stürzte. Dieser Tod bedeutete für seine Frau und ihre beiden Kinder nicht nur den Verlust des Ehemannes bzw. Vaters, sondern auch das drohende Ende vieler Ausnahmeregelungen, die für Juden, die in einer Mischehe lebten, und ihre Kinder galten. Katharina Leipelt erhielt wenig später die Aufforderung, sich zur Zwangsarbeit bei einer Futtermittelfirma in der Moorburger Straße in Harburg zu melden.

Der Freiraum der Uni München

Innerlich aufgewühlt und zutiefst empört, kehrte Hans Leipelt nach den Semesterferien im Herbst 1942 an das Chemische Institut der Münchener Universität zurück. Immer mehr wusste er die aufgeschlossene Atmosphäre zu schätzen, die hier herrschte und den Studierenden bei entsprechender Vorsicht viel Freiraum für regimekritische Gespräche ließ. Das hatten die jungen Akademikerinnen und Akademiker vor allem der mutigen Haltung Prof. Heinrich Wielands zu verdanken. Er duldete keine ideologische Einflussnahme und riskierte viel, als er sich entschloss, die geltenden Vorschriften zu ignorieren, indem er Hans Leipelt und zahlreichen anderen so genannten Halbjuden, die als „wissenschaftliche Gäste“ des Instituts geführt wurden, die Fortführung ihres Studiums ermöglichte.

In diesem positiven Umfeld wuchs auch die Freundschaft Hans Leipelts mit Marie-Luise Jahn, die seine Vorliebe für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur teilte. Ihre Diskussionen beschränkten sich aber nicht nur auf kulturelle Themen. Immer wieder ging es dabei auch um politische Fragen. Sehr deutlich spürte Hans Leipelts Freundin in diesen Gesprächen „seine große Verletztheit aufgrund der Demütigungen und Diskriminierungen durch die nationalsozialistische Rassenpolitik. Diese Ausgrenzung traf ihn tief, und seine Stimmung schwankte ständig zwischen ohnmächtiger Wut und Aggressivität gegenüber der menschenverachtenden Ideologie und Politik des Nazi-Regimes.“

Das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“

Im Februar 1943 fand Hans Leipelt eines Morgens ein an die Münchener Studentenschaft gerichtetes Flug­blatt (6. Flugblatt der „Weißen Rose“) in seiner Post. Er nahm es mit ins Labor und zeigte es Marie-Luise Jahn. Sie erinnert sich nach 60 Jahren noch sehr gut an diesen Augenblick: „Gemeinsam lasen wir das Flugblatt und waren erstaunt darüber, dass da jemand den Mut gehabt hatte, auszusprechen, was wir auch dachten, aber nie zu schreiben gewagt hätten. Wir waren beeindruckt.“ Beide wussten nicht, wer für den Inhalt verantwortlich war. Erst nachdem die Geschwister Scholl und Christoph Probst am 18. Februar 1943 verhaftet und vier Tage später vom 1. Senat des Volksgerichtshofes unter dem Vorsitz Roland Freislers zum Tode verurteilt worden waren, erfuhren sie, wer diesen Aufruf zum Widerstand verbreitet hatte.

„Wir müssen weitermachen!“

Ihre Reaktion beschrieb Marie-Luise Jahn im Nachhinein: „Wir besaßen das Flugblatt, aber die, die es geschrieben hatten, waren von den Nazis hingerichtet worden. Wer sollte jetzt den Menschen die Augen öffnen? Wer sollte jetzt die Wahrheit sagen über das verbrecherische Regime? Die, die es gewagt hatten, waren nicht mehr am Leben. Aber wir hatten das Flugblatt. Was sollten wir tun? Wir wussten es. Ganz spontan entschlossen wir uns: Wir müssen weitermachen. An die Gefahr dachten wir nicht.“

Gesagt, getan. Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn schrieben das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“ mehrfach mit einer Reiseschreibmaschine ab und versahen alle Abschriften mit dem Zusatz „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“, bevor sie diesen Aufruf an gute Bekannte weiterreichten. Außerdem begannen sie unter ihren Freunden Geld für Clara Huber zu sammeln. Ihr Mann, Prof. Kurt Huber, hatte das letzte Flugblatt der Gruppe um Hans Scholl und Alexander Schmorell verfasst und war inzwischen ebenfalls festgenommen worden. Die Münchener Universität hatte ihn daraufhin sofort entlassen und ihm zugleich alle Pensionsansprüche aberkannt.

Als Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn in den Osterferien 1943 nach Hamburg fuhren, hatten sie u. a. das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“ in ihrem Gepäck. Auch unter Hans Leipelts Hamburger Freunden kam es zu lebhaften Diskussionen über den Appell und konkrete Möglichkeiten, ihn/sie durch eigene Initiativen aktiv zu unterstützen. Mehrere Hamburger Weggefährten schlossen sich der Hilfsaktion für die Familie Huber an.

Im Oktober 1943 wurden Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn aufgrund einer Denunziation verhaftet. Es folgten weitere Festnahmen unter ihren Freunden in Hamburg und München, denen auch Katharina Leipelt und ihre Tochter nicht entgingen. Maria Leipelt wurde am 9. November 1943 von der Gestapo abgeholt, ihre Mutter vier Wochen später am 7. Dezember 1943. Beide Frauen wurden in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel überstellt.

keine Chance auf gerichtliches Verfahren

Als „Jüdin“ hatte Katharina Leipelt keine Chance auf ein gerichtliches Verfahren. Bereits im Herbst 1942 hatte Heinrich Himmler angeordnet, alle deutschen Gefängnisse und Zuchthäuser von Juden zu „reinigen“ und sie in das Vernichtungslager Auschwitz zu verlegen. Angesichts dieser aussichtslosen Lage nahm Katharina Leipelt sich am 9. Dezember 1943 in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel das Leben. Ihr Hausstand wurde danach öffentlich versteigert und erbrachte einen Erlös von 13214,70 RM zugunsten des Reiches.

Die Anklage gegen Hans Leipelt, Marie-Luise Jahn und sieben weitere Münchner Freunde lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen“. Der Prozess vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofs fand am 13. Oktober 1944 in Donauwörth statt. Hans Leipelt wurde zum Tode verurteilt und Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus, nachdem ihr Freund in der Verhandlung kurz zuvor alle Schuld auf sich genommen hatte, um sie auf diese Weise zu entlasten.

In den folgenden Monaten gelangte Hans Leipelt in langen Gesprächen mit dem evangelischen Gefängnisgeistlichen Karl Alt zu einem entschiedenen Christentum. In den Abschiedsbriefen an seine Schwester Maria und an seine Freundin Marie-Luise Jahn, die beide den Zweiten Weltkrieg überlebten, ist dieser innere Wandel deutlich zu erkennen:

„Hans K. Leipelt Gef. – B – Nr. 1947 München, den 29. Januar 1945, Stadelheimerstr. 12

Liebes Schwesterchen, gerade im Moment, sozusagen, habe ich eine Karte (bzw. einen Brief) an Dich losgelassen, die ersten an die Adresse in Cottbus, die ich erst in der letzten Woche erfuhr – und heute findet meine Hinrichtung statt. Ich weiß, was Dir diese Nachricht – wenn Du sie unter den jetzigen Verkehrsumständen und bei der gegenwärtigen Kriegslage überhaupt erhältst – für großen Schmerz bereiten wird. Sie lässt Dich die völlige Hilflosigkeit und Verlassenheit Deiner gegenwärtigen Lage umso stärker empfinden, da Dir nun der letzte Dir wirklich nahestehende Mensch genommen wird, der – wenn auch jetzt ebenso hilflos wie Du – Dir doch nach dem Kriege jede Hilfe hätte zuteil werden lassen, die in seiner Macht gestanden hätte, der versucht hätte, durch ein Leben voll unaufhörlicher Liebe und nach Möglichkeit einen Teil dessen wieder gut zu machen, was Du durch ihn und um seinetwillen hast er­dulden müssen. Und doch, Liebes, bleibst Du nicht allein zurück. Abgesehen davon, dass ich gute Menschen weiß, die nach dem Kriege ihr Möglichstes tun werden, Dich zu finden und Deine Existenz zu sichern, bleibst Du in der Hand Gottes zurück, in der ich Dich getrost lasse – hält er uns doch alle in seiner Hand, schützt und erhält uns, und wo er uns diesen Schutz, diese Erhaltung zu versagen scheint, muss uns doch auch das, und gerade das, zum Besten dienen. Dieses Zutrauen zu ihm dürfen, ja müssen wir haben, auch wenn wir seine Wege einmal nicht verstehen und vielleicht sogar hart finden. Ich bitte Dich, und werde in diesen letzten Stunden für Dich darum beten, dass Du Dir dieses Vertrauen zu Gott Dein ganzes Leben erhalten möchtest. Sei meinetwegen nicht traurig, wenn Du kannst, und jedenfalls unbesorgt. Ich fühle im wahrsten Sinne göttliche Ruhe in mir und sterbe ohne Angst in der Hoffnung auf Gottes Vergebung, die mir freilich bitter notwendig ist, bedenke ich, in wie schwerer Weise ich mich an ihm, unserer lieben Mutti, Dir und Eileen [Marie-Luise Jahn] – von anderen Nahen zu schweigen – versündigt habe. Der evangelische Anstaltspfarrer, Dr. Alt, wird mir das Abendmahl reichen. Auch Dich bitte ich nun zum Schluss, Du möchtest mir meine häufige Lieblosigkeit gegen Dich, meinen Egoismus, vor allem meinen maßlosen Man­gel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe. Lebe wohl, mein Liebes. Nochmals empfehle ich Dich in die Hände Gottes. Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden.
Dein Dich liebender Bruder Hans“

Hans Leipelt starb am 29. Januar 1945 auf demselben Schafott im Gefängnis München-Stadelheim, auf dem vor ihm die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der „Weißen Rose“ hingerichtet worden waren.

Nach ihm wurden in München und Hamburg in den Nachkriegsjahren zwei Straßen benannt. Sein Name ist auch auf den Gedenktafeln im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität in München und im Foyer des Auditoriums Maximum der Hamburger Universität zu finden. 1995 erhielt die Staatliche Fachoberschule Donauwörth den Beinamen „Hans-Leipelt-Schule“, und seit Juli 2000 trägt ein Seminarraum im Neubau der Fakultät für Chemie und Pharmazie in München den Namen Hans Leipelts. Für Hans Leipelt wurden drei Stolpersteine verlegt, der dritte am 22.4.2010 vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg in der Edmund-Siemers-Allee 1.

Zudem halten zahlreiche Gedenktafeln die Erinnerung an Hans Leipelt wach: am Eingang der Stadtteilschule Wilhelmsburg in der Rotenhäuser Straße 67 in Wilhelmsburg, am ehemaligen Wohnhaus der Familie Leipelt in der Vogteistraße 23 in Rönneburg, im Harburger Rathaus, am „Weiße Rose“-Mahnmal in Ham­burg-Volksdorf und am Gebäude der einstigen Buchhandlung Anneliese Tuchel in der Hamburger Innenstadt am Jungfernstieg 50, einem damaligen Treff des Hamburger Zweiges der Weißen Rose. Sie erinnern auch an das Schicksal seiner Mutter.
Hermine Baron, geb. Löw, geb. am 15.9.1866 in ˇCerná Hora, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, gestorben am 22.1.1943
Hans Leipelt, geb. am 18.7.1921 in Wien, hingerichtet am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim

© Klaus Möller; www.gedenken-in-harburg.de

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

stolpersteine-hamburg.de

Quellen: 1; 2 (V 1/184); 4; 5; 8; Heyl (Hrsg.): Harburger Opfer; StaH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 131225 Bade-Leipelt, Maria; Heyl, Synagoge; Diercks, Gedenkbuch ,Kola-Fu‘; diverse Gespräche des Verfassers mit Marie-Luise Schultze-Jahn, Maria Bade-Leipelt und Christine Croy, geb. Baron.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

]]>
In der Nachbarschaft beliebt – und auf einmal weg https://www.tiefgang.net/in-der-nachbarschaft-beliebt-und-auf-einmal-weg/ Sat, 06 May 2017 06:00:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1041 [...]]]> Sie war angesehen, galt als attraktiv, hilfsbereit und stets gepflegt. Ihr zweiter Mann arbeitete für „Maggi“, sie hatten eine Neubauwohnung in der Hoppenstedtstraße und alles hätte so weitergehen können. Doch die Nazis störte eine Freundschaft …

Elisabeth Lange war eine gebürtige Detmolderin. Geboren am 7. Juli 1900 als Tochter der Handwerksfamilie Anton und Luise Höppner. 1921 heiratet sie den Obersteuersekretär Friedrich Wilhelm Obenhaus und noch im gleichen Jahr kommt ihr Sohn Karl-Friedrich am 1.11.1921 in Geestemünde (heute Bremerhaven) zur Welt.

Zehn Jahre später heiratete Elisabeth ein zweites Mal. Ihr etwas jüngerer Mann stammt aus Eisenach: Alexander Lange. Er  arbeitet als Handelsvertreter für die Firma „Maggi“. Sie ziehen ins wirtschaftlich aufstrebende „Harburg an der Elbe“ und beziehen eine modern eingerichtete 3½-Zimmer-Wohnung in einer Neubausiedlung: Hoppenstedtstraße 76.

Hilfsbereit, aber an Politik nicht sonderlich interessiert

Elisabeth Lange wird von früheren Freunden und Bekannten als eine attraktive, freundliche Frau mit gepflegtem Aussehen beschrieben, die viele Nachbarschaftskontakte unterhielt und immer Rat wusste. Sie haben sie als liebevolle und hilfsbereite Frau in Erinnerung, die am politischen Tagesgeschäft nicht sonderlich interessiert war, aber in menschlichen Grundsatzfragen durchaus klar Stellung bezog.

Unbeeindruckt von der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten hielt sie zu ihrer jüdischen Freundin Katharina Leipelt. Die beiden Frauen hatten sich über ihre Kinder kennengelernt, die zeitweilig gemeinsam eine Klasse der Harburger Oberschule für Jungen am Alten Postweg in Heimfeld (damals: Stresemann-Realgymnasium, heute: Friedrich-Ebert-Gymnasium) besuchten. Diese Freundschaft der beiden Mütter sollte für Elisabeth Lange tragische Folgen haben.

Die Kinder der Mütter Lange und Leipelt gingen gemeinsam zur Harburger Oberschule (Foto: Archiv Fr.-Ebert-Gymnasium)

 

Als Katharinas Mann, Hans Leipelt, im April 1943 nach Harburg kam, um seine Familie zu Ostern zu besuchen, gelangte auch das sechste Flugblatt der Widerstandsorganisation „Weißen Rose“ nach Hamburg. Das Flugblatt löste auch hier bei Freunden und Verwandten lebhafte Diskussionen aus. Viele beteiligten sich an der Geldsammlung für die Familie Professor Kurt Hubers, der mit den Geschwistern Scholl zusammengearbeitet hatte und drei Monate später ebenfalls zum Tod verurteilt wurde. Auch Hans Leipelt wurde verhaftet und bald darauf auch viele seiner Ham­burger und Münchener Freunde festgenommen.

Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung

Elisabeth Lange wurde am 10. Dezember 1943, drei Tage nach der Festnahme ihrer Freundin Katharina Leipelt, verhaftet. Ob sie das Flugblatt der „Weißen Rose“ überhaupt kannte und sich an der Geldsammlung für Professor Hubers Familie in irgendeiner Form beteiligt hat, ist ungeklärt. Vorgeworfen wurden ihr dennoch die  „Vor­bereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und das Abhören und Verbreiten“ von Nachrichten ausländischer Rundfunksender. Nach Auffassung des Generalstaatsanwalts reichte der „zersetzende Einfluss“ der Verhafteten weit über ihren engeren Kreis hinaus.

Die polizeilichen Voruntersuchungen lagen in den Händen der Gestapo- und SS-Männer Hans Reinhardt und Kurt Stawizki. Beide waren wegen ihres Zynismus und ihrer Brutalität gefürchtet und galten als erfahrene Spezialisten im Umgang mit politischen Gegnern des NS-Regimes. Auch Willi Tessmann, der Kommandant des Polizeigefängnisses Fuhlsbüttel, schaltete sich aktiv in die Ermittlungen ein und beteiligte sich persönlich an zahlreichen Verhören und vielen Misshandlungen.

Elisabeth Lange  wurde nach ihrer Festnahme in das Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel überführt und dort in eine enge Einzelzelle in der Station B2 eingewiesen. Außer einem Holzhocker gab es dort nur noch das tagsüber hochgeklappte Metallbettgestell.

Wie eine Überlebende später berichtete, wurden die Frauen oft tief in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und dann  geschlagen und gefoltert, um weitere Aussagen zu erpressen. Viele wurden in den ersten Wochen Tag für Tag mit der „Grünen Minna“ (Polizeiauto) zur Gestapo-Zentrale im Stadthaus gebracht und dann dort weiter gefoltert und verhört. Unter diesen Haftbedingungen verlor Elisabeth Lange bald auch ihre letzten Hoffnungen. In der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1944 erhängte sie sich am Fensterkreuz ihrer Zelle – einen Monat, nachdem ihre Freundin Katharina Leipelt sich das Leben genommen hatte.

Folter – Tag für Tag

Unter den Privatsachen, die seine Mutter in der Zelle zurückgelassen hatte, entdeckte Fritz Obenhaus später einen Brief, den sie noch zwei Tage vor ihrem Selbstmord geschrieben hatte.

Elisabeth Lange Leiche wurde anschließend verbrannt, und die Asche später ihrem Sohn in einer Urne übergeben. Sie wurde auf der Grabstätte seiner Großeltern Anton und Luise Höppner auf dem Landfriedhof an der Blomberger Straße in Detmold beigesetzt.

An ihr Schicksal erinnern heute die Gedenktafeln für die Harburger und Wilhelmsburger Opfer des Nationalsozialismus im Harburger Rathaus und für die Detmolder Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an der Gedenkstätte „Alte Synagoge“ in Detmold sowie die beiden Gedenktafeln für die Toten des Hamburger Zweiges der „Weißen Rose“ vor der einstigen evangelischen Buchhandlung Anneliese Tuchel am Jungfernstieg 50, einem der damaligen Treffpunkte der oppositionellen Freundesgruppen, und am Weiße-Rose-Mahnmal in Hamburg-Volksdorf. Seit 1987 tragen zwei Straßen in Harburg und in ihrer Geburtsstadt Detmold Elisabeth Langes Namen.

© Klaus Möller,www.gedenken-in-harburg.de

Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke

Dirketlink zur Stolperstein-Initiative: www.stolpersteine-hamburg.de

Quellen: StaH, 331-5 Polizeibehörde, unnatürliche Todesfälle, 3 1944, 148; StaH, 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 070700; VVN-BdA Hamburg (Hrsg.), humanity; Brunckhorst u. a., Elisabeth Lange, Prüter-Müller, Elisabeth Lange, S. 849ff.

]]>