Heike Duisberg-Schleier – Leiterin der Kunststätte Bossard – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 09 Sep 2023 09:20:47 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Denkmal, Kunst und Kontroverse vermitteln https://www.tiefgang.net/denkmal-kunst-und-kontroverse-vermitteln/ Fri, 08 Sep 2023 22:31:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10259 [...]]]> Die Jesteburger Kunststätte Bossard und vor allem das Verhältnis des Künstlerehepaars Bossard zum Nationalsozialismus sorgt immer wieder für Diskussionen. Jetzt wird ein Forschungsprojekt mehr Licht ins Dunkel bringen … Im Bereich der Forschung geht die Kunststätte Bossard in diesem Sommer neue Wege. Zusammen mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) hat sich das Museum im Förderprogramm „Pro*Niedersachsen – Kulturelles Erbe – Forschung und Vermittlung in ganz Niedersachsen“ um Forschungsgelder beworben und jetzt die Förderzusage über das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur erhalten.

„Die Kunststätte Bossard ist ein europaweit einzigartiges denkmalgeschütztes expressionistisches Gesamtkunstwerk. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Kunststätte umfassend mit all ihren künstlerischen, gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Bezügen für Besucherinnen und Besucher zugänglich zu machen und für unsere Geschichte zu sensibilisieren“, so Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur Falko Mohrs. „Mit der Förderung in Höhe von 100.000 Euro unterstützen wir das beispielhafte Vorhaben. Historische Zusammenhänge werden an einem authentischen Ort vermittelt und so wird ein Raum für aktuelle gesellschaftliche Debatten in Niedersachsen geschaffen.“

Die zweijährige Projektphase des Forschungsvorhabens startet im Oktober dieses Jahres. „Bisher überwiegt an der Kunststätte die kunsthistorische Ausrichtung“, so Heike Duisberg-Schleier, Leiterin der Kunststätte Bossard. „Wir wünschen uns über das Forschungsprojekt, die direkte Umsetzung einer digitalen und schriftlichen niedrigschwelligen Vermittlung des Gesamtkunstwerkes. Dabei geht es um die Kunst des Künstlerehepaars Bossard, aber auch um diesen im Original erhaltenen Ort, an dem wir das Leben der Künstler in mindestens fünf Zeitepochen darstellen können. Präziser formuliert: was ist notwendig, damit sich die Kunststätte in ihrer außergewöhnlichen Kombination aus Denkmal, Kunst und Kontroverse seinen Besucherinnen und Besuchern als Museum erschließt? “ Die Kunststätte könnte damit zu einem deutschlandweit einmaligen Beispiel für diese Form der Präsentation werden und repräsentativ für den Umgang mit Künstlern, die bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts gelebt und gewirkt haben.

Schwerpunkt der Forschung wird die Ausarbeitung der unterschiedlichen Beziehungen zwischen den Bauten auf dem Museumsgelände, der darin enthaltenen Kunst und Geschichte im Verhältnis zum Künstlerehepaar und den Besuchern, den Museumsmitarbeitenden, den Anwohnenden und den Medien sein. Historische und individuelle Bedeutungen, die dieser besondere Ort durch seine unterschiedlichen Akteure ansammelt, werden sichtbar gemacht und analysiert. „Diesen Forschungsansatz nennt man Atmosphären-Netzwerk-Modell“, erklärt Heike Duisberg-Schleier und erwartet über diesen Ansatz neue Impulse für die Vermittlung im Museum.

„Am Ende des Projektes erhoffen wir uns, mit Hilfe digitaler Medien so barrierearm wie möglich zu agieren. Wir stellen uns Medienstationen in den historischen Gebäuden vor, QR-Codes mit Text- und Tondokumenten zur Unterstützung beim Rundgang auf dem Museumsgelände und eine wissenschaftliche Publikation“, so die Leiterin der Kunststätte Bossard.

Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege wird die Ergebnisse des Projekts auf seiner Online-Plattform Denkmalatlas Niedersachsen präsentieren und damit in den denkmalfachlichen wie auch in den politischen und bürgerschaftlichen Diskurs über den Umgang mit einem „schwierigen Erbe“ einbinden. „Die Denkmalpflege hat zunächst die Aufgabe reale materielle Spuren, Bauten und Zusammenhänge zu erhalten und zu sichern“, sagt NLD-Präsidentin Dr. Christina Krafczyk. „Die Form der Auseinandersetzung, des Erinnerns und Gedenkens muss auf dieser Basis im gemeinsamen Dialog aller Beteiligter geführt werden.“

Zum Förderprogramm: Mit insgesamt rund 2,1 Millionen Euro fördert das Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) 22 forschungsgeleitete Projekte und Projektverbünde zur Erschließung, Präsentation oder Konservierung von Sammlungsteilen oder Sammlungsbeständen von nichtstaatlichen kulturgutbewahrenden Einrichtungen in kommunaler, gemeinnütziger oder privater Trägerschaft. Die Mittel werden aus dem Programm „zukunft.niedersachen“ der VolkswagenStiftung und des Landes generiert.

Die Besonderheit in der Antragstellung ist, sie erfolgt gemeinsam mit einer staatlichen Einrichtung im wissenschaftlichen oder kulturellen Bereich. Die Kunststätte Bossard hat mit dem NLD einen Partner mit denkmalfachlicher Expertise, die auch den Umgang mit den zahlreichen Denkmalen aus der (Vor-)Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Ideologie in Niedersachsen greift, gefunden. Seit 2018 beschäftigt sich die Kunststätte Bossard intensiv mit der Erforschung der Geisteshaltung des Künstlerehepaars Bossard. Mit diesem Forschungsprojekt werden Ergebnisse aus abgeschlossener und aktueller Forschung und Vermittlung vor Ort zusätzlich präzisiert.

 

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Wer kannte Jutta Bossard persönlich? https://www.tiefgang.net/wer-kannte-jutta-bossard-persoenlich/ Fri, 28 Jul 2023 22:56:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10142 [...]]]> Die Vergangenheit der Kunststätte Bossard ist komplex und manches wurde lange ignoriert. Nun startet der nächste Teil der Aufarbeitung …Die Kunststätte Bossard beauftragte 2021 das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) mit einem Vorgutachten zur Frage des Verhältnisses von Johann Michael und Jutta Bossard zum Nationalsozialismus. Das Gutachten wurde von PD Dr. Tobias Hof erstellt und im vergangenen Jahr an der Kunststätte vorgestellt. Der Wissenschaftler empfahl dabei einen zweiten Teil der Forschung. Zu den von ihm vorgeschlagenen thematischen Schwerpunkten gehören „Das Privatleben der Bossards (im Speziellen Jutta Bossard)“, sowie „Bossard als Repräsentant für Künstler seiner Zeit“.

Dr. Tobias Hof setzt nun seine Forschung an der Kunststätte Bossard mit ebendiesen Schwerpunkten fort und betrachtet im ersten Schritt die Forschungsperspektive um das Privatleben des Ehepaars Bossard und um Jutta Bossard. „Neuere Forschungen zum Privaten im Nationalsozialismus haben gezeigt, welche Erkenntnisse eine solche Perspektive auf unser Verständnis von der nationalsozialistischen Diktatur ermöglichen kann“, erklärt der Wissenschaftler. „Neben schriftlichem Archivmaterial, in dem Jutta Bossard teils ausführlich über private Erlebnisse berichtete und das Leben in der Nordheide beschrieb, möchten wir ergänzend auch Zeitzeugeninterviews durchführen.“

In Vorbereitung darauf hat Dr. Tobias Hof einen Fragebogen entwickelt, der ab sofort auf der Website der Kunststätte Bossard www.bossard.de veröffentlicht ist. „Wir freuen uns, dass der zweite Teil unserer externen Forschung nun gestartet ist und erneut durch Dr. Tobias Hof, der sich schon so intensiv mit dem Künstlerehepaar Bossard und seinem Nachlass beschäftigt hat, durchgeführt wird“, so Heike Duisberg-Schleier, Leiterin der Kunststätte Bossard. „Wir hoffen, dass viele Menschen aus der Umgebung ihre Erinnerungen an Jutta Bossard mit uns teilen.“

Der Schwerpunkt des Fragebogens liegt auf der Kunststätte Bossard und der Person Jutta Bossard. Enthalten sind aber auch persönliche Fragen zu Geschlecht, Alter, Wohnort und dem beruflichen Werdegang der Teilnehmenden, ihren Kontakten zu Jutta Bossard in der Vergangenheit, zur Wahrnehmung der Person im Privaten und als Künstlerin. Die Teilnahme an der Studie ist freiwillig. „Nach der Erhebung werden die Angaben und Daten mit geschichtswissenschaftlichen Methoden ausgewertet“, so Dr. Tobias Hof. Er verspricht: „Alle Daten werden streng vertraulich behandelt. Die personenbezogenen Daten werden geschützt aufbewahrt und nur berechtigte Forschende erhalten Zugriff auf diese Daten. Die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse erfolgt ausschließlich in anonymisierter Form. Das bedeutet: Niemand erkennt aus den Ergebnissen, von welcher Person die Angaben gemacht worden sind.“

Der Fragebogen kann digital ausgefüllt und im Anschluss per Mail an: fragebogen@bossard.de oder per Post an die Kunststätte gesendet werden. Der Fragebogen steht bis Mitte September 2023 online als Download zur Verfügung. Danach beginnt der Forscher mit der Auswertung dieser sogenannten quantitativen Befragung, bevor er mit qualitativen Interviews einzelner Personen beginnt.

Dr. Tobias Hof wird sich nicht nur intensiv mit der Person Jutta Bossard beschäftigen, sondern außerdem Bossard als Künstler seiner Zeit begutachten. Die Ergebnisse seiner insgesamt sechsmonatigen Forschung wird er im Frühjahr 2024 in der Reihe „Reden bei Bossard“ an der Kunststätte vorstellen. Die Forschung wird mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Niedersachsen und des Freundeskreis Kunststätte Bossard e. V. finanziert.

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