Heinke Ehlers https://www.tiefgang.net Fri, 01 Feb 2019 13:42:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Entdecke Dich durch Kunst https://www.tiefgang.net/entdecke-dich-durch-kunst/ Fri, 25 Jan 2019 23:05:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4805 [...]]]> Was ein Auflauf! Vergangenen Mittwoch lud die Initiative SuedKultur zur Einweihung der Kunstleihe für Harburg und ganz Hamburg und der Andrang war groß! Ab Sonntag darf dann jeder leihen.Im Obergeschoss des Kulturprojektes „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche Neue Str. 44 im Harburger Zentrum wurde es kurz nach 18 Uhr sichtlich eng. Das Team vom Irish Pub „The Old Dubliner“ aus der Nachbarschaft reichte Sekt und Häppchen, ein Quartett der Akademie für Musik und Kultur aus Harburgs Hafen spielte auf und knapp hundert Menschen tummelten sich inmitten von Kunst verschiedenster Machart. SuedKultur  im wahrsten Sinne.

v.l. Metin Hakverdi, Heiko Langanke, Dr. Jenny Svensson, Ansgar Wimmer (Foto: Muammer Kazanci)

Unter den Gästen fanden sich neben den sich für die Kunstleihe engagierten Institutionen Stiftungen Alfred Toepfer Stiftung, Ansgar Wimmer, Dr. Jenny Svensson von der Claussen Simon Stiftung , Joachim Bode vom Eisenbahner Bauverein wie auch Anke de Vries vom einstigen Kunstverein Kobalt Kunst international auch Prominenz wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Metin Hakverdi.

Aus der örtlichen Bezirkspolitik glänzten Heinke Ehlers und Jürgen Marek von den Grünen, aus der Bürgerschaft kam Norbert Hackbusch von der Linken. Für die Verwaltung kam stellvertretend für die Bezirksamtsleiterin Sonja Fredenhagen die auch für Kulturfragen zuständige Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann, vom Berufsverband der Bildenden Künste der Vorsitzende Alfred Stephan Mattes und auch das Präsidium samt Mitgliedern der dort aktiven Kunstinitiative der Technischen Universität Hamburg mit Dr. Ralf Grote oder auch Jens Brauer vom Stadtmuseum Harburg waren zugegen. Aus Buxtehude kam die Leiterin der Artothek Buxtehude, Susanne Wiegel und vom Landesverband der Artotheken Schleswig-Holstein kam Stephan Tresp. Und etliche Kunstinteressierte mehr kamen zusammen.

Jürgen Marek und Jürgen Havlik

Und am Sonntag (27. Januar) von 12 bis 17h ist nun die Kunstleihe erstmals der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich und wer will kann dann „Kunst auf Zeit“ für Zuhause, das Büro, die Kanzlei oder andere Orte entleihen.

Besonders wichtig ist den Initiator*innen der bildungsrelevante Ansatz. Mit Kunst seine persönlichen Erfahrungen zu machen, sie einfach mal in den eigenen vier Wänden, in KiTas, im Büro, der Arztpraxis oder Anwaltskanzlei über eine längere Zeit „wirken“ zu lassen, rufe bei den meisten ganz automatisch Veränderungen hervor. War es bei der spontanen Auswahl vielleicht noch die passende Farbe zum Sofa, ist es wenige Tage später doch vielleicht die Vieldeutigkeit des Motivs, die Technik oder Wirkung in unterschiedlichen Launen oder Lichtern.

Die Kunstleihe Harburg legt den Schwerpunkt dabei vor allem auf die zeitgenössische Kunst und auf die regionalen Künstler*innen. Denn so wie die Kunstvermittlung auf der einen Seite wirke, ist es zugleich eine Würdigung der lokalen Akteur*innen auf der anderen Seite. Im Bezirk Harburg, so ergab u.a. die einjährige Recherche der Initiator*innen, gibt es rund 100 Künstler*innen , die hier leben und / oder arbeiten und ausstellen. Ihnen mehr Wahrnehmung zu verschaffen und abseits der ohnehin statt findenden Einzelausstellungen Hilfestellung bei der Präsentation ihrer Kunst zu geben, ist eines der Ziele der Kunstleihe.

Dr. Ralf Grote (rechts) vom Präsidium der TUHH überreicht ein Werk für die Kunstleihe.

Denn Harburg kann auf eine große Kunsttradition pochen. Es sind nicht allein die bundes- oder landesweiten relevanten Kunstorte wie die Falckenberg-Sammlung, der Kunstverein Harburger Bahnhof oder die Reihe „Kunst verbindet“ des hit-Technologieparks in Harburg, die das Kunstleben von Hamburgs Süden bestimmen. Es gibt auch etliche Ausstellungen und recht regelmäßige Orte auf lokaler Ebene. Ob vom Kunst- und Kulturverein „Alles wird schön“, die seit 40 Jahren stattfindenden Ausstellungen in der Bücherhalle Harburg, seit 15 Jahren der Harburger Kulturtag, das Atelier Seils, Kunst im Kulturhaus Süderelbe, Kulturcafé komm Du, der Kulturwerkstatt Harburg, der Fischhalle, des Ateliers Malrausch, im AKH Krankenhaus Harburg, der Kunstinitiative der Technischen Universität TUHH, den Moorburger Vereinen eldbeich e.V. oder Moorburger Art e.V.  oder der Initiative wattenbergArt – sie alle präsentieren alltäglich Kunstwerke vornehmlich lokaler Künstler*innen und haben auch ein Publikum dafür. Die Recherche ergab, dass über 70.000 Menschen jährlich allein deren Ausstellungen aber auch Kunstkurse frequentieren. Und umso größer die Wahrnehmung dieser Kunst, um so eher ist natürlich auch gegeben, dass diese Kunst gekauft wird.

Kunstleihen – meist als Artothek bezeichnet – gibt es seit den 80er Jahren in der ganzen Bundesrepublik. Als Pendant zu Biblio-, Video- oder Mediatheken kann man bei ihnen Kunst leihen. In Hamburg gab es das bisher nicht, was die Initiative SuedKultur über die Kunstleihe HH-Harburg nun ändert.

Zu leihen sind vorwiegend Werke lokaler Künstler*innen und in Formaten, die eben leihbar sind. Ob Drucke, Fotos, Stiche, Acryl- oder Ölbilder oder auch kleinere Plastiken – die Vielzahl ist nicht nur in den Techniken als auch in den Motiven und Stilisten breit aufgestellt. Und die Kunstleihe startet mit rund 100 Werken.

Das ist auch bei der zu den Ausstellungen ergänzend startenden Kunstleihe ein wünschenswerter Effekt, damit Kunst eben nicht brotlos bleibt. Ihr vorrangiges Ziel ist es aber nicht. Es ist wirklich die Auseinandersetzung mit Kunst auf Zeit. Immer mal etwas anderes an der Wand hängen zu haben, ist immer eine neue Auseinandersetzung. Und wenn es mal nicht gefällt, tauscht man es einfach schnell gegen ein anderes.

Impuls & Vorgeschichte:

Der Impuls zur ersten Hamburger Kunstleihe kam im Januar 2017 in einer Sitzung des bezirklichen Kulturausschusses. Dort lag eine Anfrage eines Verwaltungsmitarbeiters vor. Dieser hatte in den Verwaltungsgebäuden ein ihn offenbar beeindruckendes Werk gesehen, das aber leicht beschädigt war. Da er nicht wusste, wem es überhaupt gehört, ließ er auf dem Amtsweg nach Eigentümer und der Möglichkeit der Reparatur fragen. Es stellte sich heraus, dass es dem Harburger Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ gehört, der jährlich Stipendiaten als „artists in residence“ nach arburgHarburg einlädt. Zum Ende ihrer Arbeitsphase erwirbt der Verein von ihnen zudem eines der zu der Zeit geschaffenen  Werke und überlässt sie dem Bezirk, um etwa Büroräume aufzuwerten. Eine Art interne Artothek. Aber warum nur für Behörden? Und schon war die Idee geboren.

Stephan Tresp übermittelt Glückwünsche.

Entwicklung:

Es bildete sich so im Frühjahr 2017 von der Initiative SuedKultur, in der sich rund 50 Kulturinstitutionen des Hamburger Südens vereinen, schnell eine mehrköpfige Arbeitsgruppe, die das Thema genauer ergründete. Recht bald stand auch fest: offenbar hatte seit den 80er Jahren in den wenigsten Fällen eine Artothek aus Kostengründen wohl aber aufgrund mangelnder Leidenschaft der Akteur*innen geschlossen. Andererseits gibt es viele Arten von Kunstleihen und –ansätzen. Wie würde es also am besten für Hamburg passen?

Ein Antrag im bezirklichen Kulturausschuss, von dem man sich erhoffte, das Thema zumindest mit ein wenig Reisekosten unterstützt zu bekommen, lief ins Leere; Doch die Hamburger Alfred Toepfer Stiftung FVS zeigte sich dem Thema gegenüber offen und bewilligte einstweilen 2.000,- €. Und so wurde alsbald Norbert Weber vom Landesverband der Artotheken Schleswig-Holstein eingeladen, um weitere Möglichkeiten, Probleme aber auch Aspekte der Kooperation sowie inhaltliche Facetten zu beleuchten. Es folgten ein Besuch der Stadtgalerie und Stadtbilderei Kiel, die erfolgreich und enthusiastisch eine Kunstleihe auch für Firmen und ihre Büros betreibt. Ein Besuch in der nahegelegenen Artothek in Buxtehude schärfte die Perspektive für die lokalen Künstler*innen und die fundamentale Vermittlungsarbeit für die Kunst. Die Jahrestagung der Schleswig-Holsteinischen Artotheken im süddänischen Apenrade folgten wie auch der Besuch des Kunst- und Kulturzentrums sowie ihrer Artothek in Sonderburg. Am Ende standen nicht nur eine Vielzahl an Eindrücken sondern auch konkreter Austausch, Möglichkeiten der Ausrichtung sowie der Machbarkeit zur Verfügung.

Die Harburger Kunstgruppe wurde 2017 zudem auf die leerstehende Kantine des Rathauses Harburg aufmerksam gemacht, die aber dann 2018 auf einmal nicht mehr zur Verfügung stand, da dort auf Dauer Akten gelagert werden.

In dem Umwidmungsprojekt „3falt“ der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Harburg Neue Str. 44 kam dann im Sommer 2018 plötzlich ein Raum in Betracht, der hinsichtlich Lage, Größe und Möglichkeiten nahezu ideal scheint und auch schnell von weiteren Bildenden Künstler*innen für Kunst-Workshops und –Kurse adaptiert wurde.

Volles Haus zur Einweihung.

Alsbald ergab auch der Austausch mit der Kunstinitiative der TUHH, dass diese selbst auch Kunstwerke ihrer Ausstellungen erwirbt und ihren Studierenden und Mitarbeitenden für ihre Arbeitsräume zur Verfügung stellen will. Eines brachte Dr. Ralf Grote vom Präsidium der TUHH auch gleich mit. „Die Kunstleihe ist eine wunderbare Aktion, die wir liebend gerne unterstützen“, so Grote bei der Einweihung. „Auch wir haben ja jede Menge Kunstausstellungen in unseren Institutsräumen und meist behalten wir von den Künstlerinnen und Künstlern eines bei uns“. Und so übergab er eine Fotoarbeit von Monika Vollmer, die Ende letzten Jahres mit der Ausstellung „Wandel – Verwandlung“ sich mit dem aktuellen Thema Braunkohle und Klimawandel beschäftigte. Ebenso als Eröffnungsgabe hatte Jens Brauer, Leiter des Stadtmuseums Harburg einen Druck des Merians mit einer Harburger Stadtansicht des 17. Jahrhunderts mitgebracht. Darauf besonders schön zu sehne, die einstige Dreifaltigkeitskirche, in der die Kunstleihe nun eröffnet.

Ein persönlicher Kontakt von Toepfer-Stiftungs-Vorstand Ansgar Wimmer führte dazu, dass ein privater Sammler sich von der Idee angetan zeigte und bei der altersbedingten Verkleinerung seines Haushaltes einen beträchtlichen Teil seiner Sammlungen zeitgenössischer und teils bundesweit renommierten Kunst ebenso als Leihgabe an die Kunstleihe abtrat. „Es gibt sicher viele bürgerliche Haushalte, die kaum noch wissen, wohin mit all der Kunst! Vielleicht eine gute Anregung, Kunst allen zugänglich zu machen!“

Andreas Patommel v.d. Bücherhalle Harburg (links) und Prof. Michael Ganß im Diskurs.

Der Kontakt wiederum zur renommierten Claussen-Simon-Stiftung Hamburg, die in verschiedenen Kulturgenres jährlich Stipendien vergibt, ergab eine Schenkung der Stiftung von insgesamt acht Werken aktueller Stipendiat*innen. Von denen stammt der Photograf Philipp Meuser direkt aus dem Bezirk Harburg. Zwei weitere Künstlerinnen (Linda Hollkott und Simone Karl) wiesen zumindest durch ihre Kunst einen starken regionalen Bezug auf, da sie beispielsweise in den Phoenixhallen schon ausstellten.

Ein weiterer Austausch mit der benachbarten Dependance „arts & change“ der Medical School Hamburg will sich künftig zudem einem Kursangebot an. Unter Federführung von Prof. Michael Ganß soll elementare und erlebbare Kunstvermittlung für Kleinkinder über Schulen bis hin ins hohe Alter erarbeitet werden und anhand der Kunstleihe-Werke direkt vor Ort erfahrbar machen, welche Wirkung Kunst in vielen Belangen des Alltags hat.

Und das war den ganzen Abend über zu spüren: angeregte Gespräche vor allem über Kunst aber auch das Kulturprojekt 3falt, über Harburg und sein kulturelles Miteinander allerorten.

Ziele:

Aus all den recherchierten und erfahrenen Eindrücken kam die Arbeitsgruppe zu der Überzeugung, dass es in einer Millionenstadt Hamburg am Sinnvollsten ist, die Kunstleihe bezirklich zu organisieren. Damit wäre ein unmittelbarer Bezug in die Nachbarschaft gegeben, der Austausch über Kunst wäre konkret und nahbar und die Vermittlung demnach vermutlich individueller und vor allem leidenschaftlicher. Um aber die Kunstleihe zum keinen politischen Strömungen und Wechseln auszusetzen, zum anderen optional auf ganz Hamburg ausweiten zu können, soll der Kunstfundus sowie Ausleihebetrieb alsbald in eine kleine, unabhängige Stiftung eingebracht werden. Eine renommierte Hamburger Anwaltskanzlei (Rose & Partner) war von der Idee angetan und erarbeitete alsbald pro bono die rechtliche Konstruktion.

Die Stiftung wird die Kunst selbst als Kapitalstock vorhalten und kann aber auch durch öffentliche Zuwendungen gefördert werden. Abhängig sollte sie aber von eben diesen nicht werden. Unter dem Dach der Stiftung könnte dann aus jedem Bezirk eine weitere Kunstleihe entstehen, die sich unabhängig organisieren, aber die Struktur der Stiftung nutzen kann.

Unterstützer:

Bisher waren es also allen voran die Alfred Toepfer-Stiftung, die nicht nur durch die erste Unterstützung zur Recherche sondern auch dem Voranbringen bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht genug gedankt werden kann, aber auch die Eisenbahnbauverein Genossenschaft sowie der lokale und nun  leider aufgelöste Kunstverein „Kobalt Kunst international e.V.“ sowie die Claussen-Simon-Stiftung, ohne die das Projekt nicht zur Verwirklichung gekommen wäre. Aber es sind auch die zahlreichen Künstler*innen vor Ort gewesen, die die Idee immer weiter trieben, die unzähligen Gespräche, die die Leidenschaft und die unzähligen Aspekte von Kunst bereichernd einbrachten und bringen. Und letztlich alle Partner der Initiative SuedKultur, die seit nunmehr 12 Jahren besteht und nun neben einer jährlichen Music-Night für Musik und den Literaturtagen Suedlese nun auch einen weiteren Schwerpunkt für die Bildenden Kunst in Hamburgs Süden setzen konnte. 

Plakat zur Kunstleihe

Die Ausleihe

Erste offizielle Öffnungstage:

So., 27. Jan in der Zeit von 12-17 Uhr sowie Sonntag, der 3. Februar ebenso von 12-17h.

Wer Kunst dann direkt entleihen möchte, möge daran denken, seinen Personalausweis, 12 € einmalige Erfassungsgebühr sowie die Entleihgebühr in Höhe von 6,- €  je Werk und für ein ganzes Vierteljahr dabei zu haben.

Um ein Werk zu leihen, bedarf es nämlich nicht viel: einen gültigen Personalausweis und eine einmalige Gebühr für die Erstellung des Kunstleihe-Ausweises in Höhe von 12,-€. Die Leihgebühr für ein Werk und für ein Vierteljahr beträgt 6,- € und liegt damit unter dem Preis eines Tagestickets der Hamburger Verkehrsbetriebe.

Die Werke werden in eigens erstellten Kartons handlich und gut transportabel mitgegeben.

Gerne würde die Kunstleihe schon jetzt weitere Entleihtage – etwa auch in der Woche – anbieten. Da aber bisher all diese Arbeit noch unentgeltlich ehrenamtlich erfolgt (Entscheidungen über Anträge zur kommunalen Unterstützung sind noch nicht gefallen), bittet die Kunstleihe um die arg eingeschränkte Leihe um Verständnis. Ebenso ist der bisherige Internetauftritt bislang nur rudimentär unter www.sued-kultur.de/kunstleihe.

weiterführend siehe auch: Hamburger Abendblatt vom 25. Januar 2019

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„Harburg – Liebe es oder verlasse es“ https://www.tiefgang.net/harburg-liebe-es-oder-verlasse-es/ Fri, 24 Mar 2017 19:41:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=850 [...]]]> Harburg hat einen Ort der Kunst weniger. Die MyToro-Art-Galery schließt. Schuld ist natürlich wieder niemand. Aber gelogen wurde von Beginn an. Ein Nach- und Aufruf zu mehr Ehrlichkeit.

„Aus für Toro´s Galerie“ hieß es kurz und knapp  in „Harburg aktuell“ am 22. März 2017. Knapp fünf Jahre war der in Harburg lebende und arbeitende Künstler hier zugange und ist einem typischen Fehlversuch zum Opfer gefallen. Nämlich wenn Kunst und Kultur für andere Zwecke vereinnahmt werden. Ein teures Missverständnis, wie sich noch zeigen wird.

Toro, mit bürgerlichem Namen Mentor Ejupi, stammt aus Prishtina im Kosovo, konnte während der Kriegswirren dort sein Kunststudium nicht weiter führen und blieb irgendwann in Hamburg, genau genommen Harburg, hängen. Er schlug sich mit diversen Jobs durch. Viele kennen ihn noch als Kellner des Restaurants „Al Limone“. Aber er feilte auch immer schon an ungewöhnlichen Kunstprojekten. So im Harburger Hafen, in dem er bis zu zehn Meter lange und knapp über zwei Meter hohe Leinwände in einem Seitenarm der Elbe installierte. Dort wo die Strömung endet, halb unter Wasser. Dann hat er zwei Wochen lang „die Natur malen lassen“ und es kamen höchst interessante Strukturen heraus. (Hamburger Abendblatt, 07. Dez. 2006)

Es folgten andere Projekte in Hamburg wie ein Kinderhaus auf Entenwerder oder „Popart“ im alten Gloria-Kino, bevor es ein Seniorenheim wurde, aber auch viele internationale Ausstellungen. Ein Künstler eben – durch und durch.

Fing hier das Elend der Lügen an? Die Treppen des Gloria-Tunnels – bemalt von Toro (Foto: Toro)

Und das wurde ihm jetzt zum Fallstrick. Denn gerne werden Kunst und Kultur belächelt. Um etwas aufzuwerten aber auch gerne vereinnahmt. Aufwerten und Verwerten liegen nah beieinander. So auch im Gloria-Tunnel, der einstige Schmuddel-Tunnel Harburgs. Ein hässlicher und seinerzeit runtergekommener Betontunnel, der die Seevepassage von der Lüneburger Straße trennt und gerne als Ursprung allen Übels für den wirtschaftlichen Untergang Harburgs herangezogen wurde und wird. Klar, im Phoenixcenter tummelt sich das Volk mit Geld und durch den Gloria-Tunnel wird der Zahlungsstrom zur Lüneburger Einkaufsstraße jäh unterbrochen. Schöne, einfach Welt …

Wie auch immer: als Lösung bot sich 2013/14 auf einmal an, Toro zu vereinnahmen. Die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) stand in den Start-Löchern – auch in Harburg – und nutzte die Räume der späteren „MyToro-Art-Galery“ für eine Demonstration der Vermarktung. Und da kommen Ideen mit Kunst und Kultur immer wieder gerne aufs Tableau – weil sie sich bewährt haben: sie sind günstig, geben Flair und lassen uns von besseren Zeiten träumen. Aber eben nur träumen. „Einen Ort bespielen“ wird es gerne im Marketing-Jargon benannt und so durfte Toro als erstes die Treppenaufgänge mit Farbe „bespielen“. Zugleich sollte klassische Musik die Trinker-Szene verschrecken. (Hamburger Abendblatt, 07. Feb. 2013) Hat sich am Hauptbahnhof unter Innensenator Schill ja auch bewährt …

Das Missverständnis lag nicht bei der Kunst

In Worten klang es von Bezirksamtsleiter Thomas Völsch so: „Das planerische Ziel besteht darin, in dieser zentralen Innenstadtlage einen Ort zu schaffen, der sich (…) mit einem vielfältigen kulturellen und künstlerischen Angebot immer wieder neu präsentiert. Dabei spielen wechselnde Ausstellungen und Events in der neu geschaffenen Präsentationsfläche eine ebenso wichtige Rolle wie die künstlerische Gestaltung des Tunnels selbst.“

Mit der ´konsalt – Gesellschaft für Stadt- und Regionalanalysen und Projektentwicklung mbH` hatte man sich eine Firma ins Boot geholt, die diese Klaviatur beherrscht und so wurde Stimmung erzeugt. Das Hamburger Abendblatt titelte am 11.Feb. 2013 „Weitere Impulse für Harburgs Innenstadt“ und schrieb „die Verwaltung bemüht sich, Unterstützer für Kulturprojekte zu finden für langfristige Verbesserungen im Harburger Stadtzentrum“. Wie schön. Harburg nimmt sich der Kultur an.

Und es wurde mächtig getrommelt und Toro sollte es richten. „Viele Unterstützer für Kultur im Gloria-Tunnel“ (Hamburger Abendblatt, 13. Feb.2017)

 

 

Beeindruckende Kunst – aber um die ging es im Grunde nie.  (Foto: Joachim Roder)

 

Dumm nur: die Kunst oder Kultur interessierte im Grunde gar nicht. Mit der wurde Toro dann auch konsequent alleine gelassen. Letztlich sorgte er – ähnlich einem Hausmeister – für einen sauberen Tunnel. Und mietfrei hat er die Räume des späteren Kunstcafés eben auch nicht bekommen. Miete und Betriebskosten von etwa 20.000,- € waren jährlich zu stemmen. Zu glauben, dass er das alleine mit einem Café und so nebenbei erwirtschaftet, kann ebenso niemand ernsthaft geglaubt haben. Vor allem, wo so viel von Kunst gesprochen wurde.

Und die große Unterstützung? Sie blieb aus. Sparsam wie Harburgs Politik gegenüber Kultur ist, gab man 20.000,- € aus dem sogenannten Quartiersfond der Stadt Hamburg für das selbst initiierte Projekt. Also die Miete und Betriebskosten. Der offizielle Titel aber: „Bezirkssondermittel zur künstlerischen Aufwertung des Gloriatunnels“. Dauerhafte Kunst kam schon hier nicht vor. (Hamburger Abendblatt, 27. Feb. 2014)

Und die Lüge rächt sich schnell. Schon im Februar 2015 musste sich auf die Schnelle ein „Kunstverein Gloriatunnel Harburg e. V.“ gründen, um das Schlimmste zu verhindern. Die durchaus honorigen Mitglieder stellten sich und ihre Idee im Bezirksausschuss für Kultur vor: „Der neu gegründete Verein sehe seine Stärke insbesondere in der Organisation und werde daher alle organisatorischen Angelegenheiten selber in die Hand nehmen. Der Cafébetrieb werde in Zukunft vom Verein mit übernommen. Der Künstler „Toro“ solle sich ausschließlich auf sein künstlerisches Handwerk konzentrieren und übernehme die künstlerische Leitung“, hieß es. Das Angebot sah zu recht künstlerische Inhalte vor: klassische Konzerte, künstlerische Veranstaltungen und Ausstellungen, die Zusammenarbeit mit Kunstschulen, aber auch Vermietung der Räumlichkeiten als Tagungsort mit künstlerischem Ambiente. Der Verein finanziere sich durch Spenden von Mitgliedern, Mieteinnahmen, Catering und Veranstaltungen. Für 2015 wünschte der Verein aber eine Anschubfinanzierung mit dem Ziel, dass dieser sich in den kommenden drei Jahren soweit gefestigt habe, dass er sich selbstfinanzierend trage.

Toro wurde be- und nicht genutzt!

Und sie staunten nicht schlecht, als sie für dieses Engagement letztlich in die moralische Pflicht genommen wurden. Robert Timmann (CDU) hielt das Konzept für nicht schlüssig, Isabel Wiest (Neue Liberale) bezweifelte, dass der Verein bei eingeschränktem Cafébetrieb und gleicher Anzahl Veranstaltungen in Zukunft kostendeckend arbeiten könne. Und Heinke Ehlers (Grüne) stellte fest, dass sich das bisherige Konzept mit einer Anschubfinanzierung nicht selbst trage. Insofern müsse ein anderes Konzept überlegt werden, welches den Tunnel belebe und Vandalismus verhindere. Man war sich einig: das Konzept wurde abgelehnt. Typisch: Nix auf Tasche, aber Klappe aufmachen!

Und hier hätte allen klar sein müssen: Toro wurde be- und nicht genutzt. Schon im März 2015 bemerkten die Bezirksabgeordneten Jürgen Marek (Grüne), Barbara Lewy (Neue Liberale) und Jörn Lohmann (Die Linke) in einem Antrag: „Die Finanzierung eines solchen Konzeptes muss sichergestellt werden. Eine kurzfristige Finanzierung aus dem Quartierfonds ist hier sicherlich keine Lösung.“ (Drucksache 20-0536, vom 09. März 2015) Genauso so aber war es. Mal eben ein bisschen Geld rein schießen und dann wird das Kind schon laufen lernen. So funktioniert aber Kunst und Kultur nun mal nicht. Gentrifizierung aber schon: die Zeche zahlen die anderen.

                              „Refugjatet“ – Toro (Flüchtlinge)

Und jetzt? Schuld ist immer jemand anders! „Das Projekt wurde nicht so angenommen, wie wir es uns gewünscht haben“, sagt SPD-Fraktionschef von Harburg, Jürgen Heimath. „So wie es ist, macht es keinen Sinn. Wir setzen unsere Hoffnung auch auf den Neubau am Platz des Harburg-Centers. Daraus dürften sich neue Möglichkeiten ergeben“. Um Kunst, Kultur oder gar den Künstler Toro selbst ging und geht es also ohnehin nie. (Harburg aktuell am 22. Mrz. 2017)

Aber nicht genug der verkehrten Welt! Das ´Hamburger Abendblatt`: „Toro hatte noch versucht, Unterpächter für das Café zu finden und wollte sich auf die Galerie konzentrieren, aber das Bezirksamt lehnte seine Vorschläge ab. „Eine Mitarbeiterin sagte mir ins Gesicht, man wolle hier keinen Migrantentreff“, sagt er. „Aber ganz Harburg ist doch ein Migrantentreff. Ich bin Migrant!“

Fazit: es ist und wird teuer! Toro hat es Jahre seines nicht nur künstlerischen Lebens gekostet. Für Ambitionierte aus Kunst und Kultur ist es ein weiteres Warnzeichen, sich auf solche „Deals“ gar nicht erst einzulassen. Die Schließung zeigt auch, dass Raum für Kunst in Hamburg zu teuer ist – selbst in Harburg! Es ist also ein Dämpfer für die ganze Kultur-Szene Süd. Und der angedachte „Hausmeister- Job“, um den Tunnel sauber zu halten? Eine politische Frechheit, an der wieder niemand Verantwortung tragen will. Aber er wird mehr denn je nötig werden. Wartet´s ab! Da lohnt es sich AC/DC zu zitieren: Back in Black!

Einer noch: „Harburg – Liebe es oder verlasse es“ ist der Titel des Bild-Zyklus, an dem Toro gerade arbeitet. Humor oder Sarkasmus?

Toro auf Facebook: .facebook.com/mentor.t.ejupi

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