Jahresrückblick 2025 – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 19 Dec 2025 13:45:45 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Sommer im Park – mit Hape und dem Doktor https://www.tiefgang.net/sommer-im-park-mit-hape-und-dem-doktor/ Sun, 21 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13024 [...]]]> Das dritte Quartal 2025 fühlte sich in Harburg wie ein tiefes, befreiendes Durchatmen an – ein Sommer, der die politische Schwere und die bürokratische Starre des Frühjahrs mit einer Mischung aus bürgerschaftlicher Wärme, intellektuellem Anspruch und einer überraschenden Prise Glamour wegspülte.

Während die Hamburger City noch immer mit den Scherben der Ära Volpi und den Debatten um den Milliarden-Opernneubau beschäftigt war, bewies der Süden, dass wahre kulturelle Relevanz nicht in Marmor gemeißelt wird, sondern in der Begegnung auf Augenhöhe entsteht.

Ein leuchtendes Beispiel für diese Harburger Lebensfreude war das Fest „Sommer im Park“. Inmitten der grünen Lunge des Bezirks wurde spürbar, wie sehr die Menschen nach Orten lechzen, an denen Kultur ohne Barrieren und ohne Dresscode stattfindet. Es war ein Fest der Zwischentöne: Hier trafen lokale Musikgrößen auf Familienpicknicks, und die Stimmung war geprägt von jener unaufgeregten Nahbarkeit, die man nördlich der Elbe oft vergeblich sucht. Genau in diese entspannte Atmosphäre platzte eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durch den Bezirk ging: Hape Kerkeling wurde gesichtet! Der Entertainer, bekannt für sein feines Gespür für Milieus und seine Liebe zum Authentischen, schien sichtlich Gefallen an der unprätentiösen Harburger Art zu finden. Sein Auftauchen als „Horst Schlemmer“ wirkte fast wie ein inoffizieller Ritterschlag für die Szene – ein Signal, dass man hier nicht nur „Problemchen“ wälzt, sondern eine Lebensqualität pflegt, die selbst prominente Beobachter*innen anzieht, die das echte Hamburg jenseits der Elbphilharmonie-Postkarten suchen.

Doch Harburg beließ es nicht beim Feiern, sondern nutzte die Sommerhitze für eine gesellschaftliche Abkühlung der besonderen Art. Mit der neuen Tiefgang-Reihe „Dr. Sommer der Demokratie“ startete ein Projekt, das wie ein Erste-Hilfe-Kurs für das gesellschaftliche Miteinander wirkte. In einer Zeit, in der die politische Debatte oft zwischen Resignation und Eskalation schwankt, bietet dieses Format seither den nötigen Raum, um über demokratische Werte zu sprechen. Es war die konsequente Weiterführung jener Fragen, die die Gruppe Interurban bereits im Winter an die Karstadt-Fassade projiziert hatte: Wer ist die Stadt, und wie wollen wir in ihr leben? „Dr. Sommer“ nimmt diese Fäden auf und webt sie in einen Dialog ein, der neugierig und begeisterungsfähig statt belehrend ist. Es geht um die Heilung kleinerer und größerer demokratischer Blessuren – eine Therapieform, die Harburg mit seinem Mix aus unterschiedlichsten Biografien gut zu Gesicht steht.

Diese demokratische Praxis spiegelte sich auch in der unermüdlichen Arbeit der Kunstleihe Harburg wider. Die Reihe „Kunst vor Ort“ nutzte die Sommermonate, um die Schwellenängste vor der Kunst endgültig abzubauen. Im Juli bot die letzte Depot-Führung in der Sammlung Falckenberg einen faszinierenden Blick in die Schatzkammern der Malerei, bevor im August der Graffitikünstler Brozilla die Heimfeld Hall Graffiti-Wand zum Gegenstand eines visuellen Spektakels machte. Es ist diese Form der Vermittlung, die den Hamburger Süden auszeichnet: Kunst wird nicht nur gezeigt, sie wird erklärt, angefasst und buchstäblich von der Wand genommen, um sie in die Wohnzimmer der Bürger*innen zu tragen. Während man in der HafenCity noch über exklusive Stiftungsverträge ohne Bürgerbeteiligung brütete, wurde in Harburg die Teilhabe längst gelebt.

Parallel dazu hielt der Sommer auch Momente der kritischen Selbstreflexion bereit. In Buxtehude wurde die Geschichte lebendig gehalten, indem thematische Führungen die Strukturen des Nationalsozialismus beleuchteten. Diese historische Tiefenbohrung bildete das notwendige Fundament für die modernen Freiheitswerte, die gleichzeitig beim Nachwuchswettbewerb „Local Heroes“ gefeiert wurden. Junge Bands und Solokünstler*innen aus der Region erhielten hier die Bühne, die ihnen zusteht – ein nachhaltiger musikalischer Aufbruch, der weit über den Sommer hinauswirken wird.

Zum Ende des Quartals im September verdichtete sich die Stimmung schließlich im Stadtmuseum Harburg. Die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge, die bereits seit Mai die Seele des Bezirks dokumentierte, erreichte ihren Höhepunkt. Schwinge, der als Chronist den Wandel zwischen Abriss und Neubau festhält, wurde in seinen Künstlergesprächen zum Moderator einer ganzen Stadtgesellschaft. Hier wurde deutlich, dass die Harburger*innen ihren Stadtteil nicht nur als Wohnort, sondern als Gestaltungsraum begreifen.

Rückblickend war das dritte Quartal 2025 der Beweis dafür, dass Harburg keine goldenen Opernhäuser braucht, um kulturell zu strahlen. Die Mischung aus dem „Sommer im Park“, der klugen Provokation von „Dr. Sommer der Demokratie“ und der unverhofften Prise Prominenz durch Hape Kerkeling hat gezeigt: Der Hamburger Süden ist ein Ort, an dem Kultur atmet, Fragen stellt und vor allem die Menschen zusammenbringt. Während Hamburg-Mitte noch über das monumentale Erbe der Vergangenheit rätselte, tanzte Harburg bereits in die Zukunft – locker, nahbar und mit einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Dialogs.

]]>
Ein Sommer der Kunst https://www.tiefgang.net/ein-sommer-der-kunst/ Sat, 20 Dec 2025 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13020 [...]]]> Der Übergang vom Frühling in den Sommer 2025 markierte in der Hamburger Kulturlandschaft eine Phase, in der die Fassaden der Hochglanzprojekte Risse bekamen, während im Süden der Elbe mit bemerkenswerter Resilienz gegen den drohenden Stillstand angearbeitet wurde.

Es war ein Quartal, das uns schmerzhaft vor Augen führte, dass kulturelle Teilhabe kein Selbstläufer ist. Vielmehr ist es ein permanentes Aushandeln zwischen politischem Willen und bürgerschaftlichem Engagement.

Es begann im April mit einer fast schon gespenstischen Stille im Harburger Zentrum, wo die sogenannten Karstadt-Geister umgingen. Während in der HafenCity die Verträge für einen prunkvollen Opern-Neubau ohne jede Bürgerbeteiligung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis zur Unterschriftsreife gebracht wurden, kämpfte man in Harburg mit einer Mauer aus Schweigen. Die Fraktion der Linken hatte versucht, Licht in das Dunkel der Betriebskosten für das ehemalige Karstadt-Gebäude zu bringen, doch die Antworten der Finanzbehörde blieben vage und nebelhaft. Es ist die bittere Ironie einer Stadtentwicklung, die im Norden Milliarden für neue „Leuchttürme“ mobilisiert, während im Süden eine bereits existierende Immobilie, die als „Planet Harburg“ ein pulsierendes Zentrum für Theater, Kino und Literatur werden könnte, durch bürokratische Intransparenz blockiert wird. Der kalte Wind, der den Harburger Visionär*innen hier entgegenschlug, war weit mehr als nur eine Verwaltungsglosse; er war ein Symptom für die Vernachlässigung der kulturellen Basisarbeit zugunsten von Prestigeprojekten.

Doch Harburg antwortete auf diese eiskalte Schulter der Verwaltung im Mai mit einer beeindruckenden Rückbesinnung auf seine eigene Identität. Im Stadtmuseum Harburg wurde die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge zum emotionalen Ankerpunkt. Schwinge, der als Chronist mit Skizzenblock und wachem Auge durch die Straßen zieht, dokumentiert nicht nur den Abriss und Neubau, sondern vor allem die Menschen, die diesen Bezirk prägen. In seinen rund 150 Werken wurde deutlich, dass die Seele eines Stadtteils nicht in gläsernen Opernhäusern wohnt, sondern auf dem geschäftigen Wochenmarkt und in den alltäglichen Momenten der Nachbarschaft. Diese Authentizität bildete den wohltuenden Gegenpol zum zeitgleichen Beben in der Hamburger Staatsoper. Dort war der Hoffnungsträger Demis Volpi nach nur einem halben Jahr als Ballettchef zurückgetreten. Sein jäher Abschied legte die Wunden offen, die das gigantische Erbe John Neumeiers hinterlassen hatte. Die Debatte um Volpis Abgang drehte sich um weit mehr als nur künstlerische Differenzen; sie stellte die Frage nach sozialer Kompetenz und moderner Menschenführung in erstarrten Institutionen – eine Diskussion, die in Harburg, wo man aufgrund mangelnder Mittel ohnehin auf engste Kooperation angewiesen ist, fast wie aus einer anderen Welt wirkte.

Während die Staatsoper versuchte, ihre Scherben aufzusammeln, weitete der Süden seinen Blick und bewies im Juni eine beeindruckende intellektuelle Tiefe. In Stade forderte die Ausstellung AMANI im Schwedenspeicher die Besucher*innen dazu auf, die koloniale Vergangenheit radikal neu zu bewerten. Die Aufarbeitung der Sammlung des Botanikers Karl Braun, der hunderte Kulturgüter aus Tansania nach Stade gebracht hatte, wurde zum Lehrstück über kulturelle Aneignung und notwendige Restitution. Hier wurde Weltgeschichte im Lokalen verhandelt – ein Anspruch, den Harburg auch mit der Einbeziehung des Kurzfilm Festivals Hamburg im Planet Harburg unterstrich. Unter dem Motto „Provokation der Liebe“ wurde das ehemalige Kaufhaus für kurze Zeit zum Tempel des experimentellen Kinos, was einmal mehr das enorme Potenzial dieses Ortes bewies, wenn man ihn denn ließe.

Zum Abschluss des Quartals kehrte die Energie dorthin zurück, wo sie in Harburg am stärksten ist: in die Räume der freien Szene und der privaten Initiativen. In den Phoenix-Hallen feierte die Sammlung Falckenberg mit der Ausstellung How’s My Painting? das Erbe der Counter Culture. Von der Punk-Attitüde der 80er Jahre bis hin zu modernen Dekonstruktionen wurde Malerei hier als Akt der Freiheit zelebriert, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt. Dass Projekte wie Kunst vor Ort der Harburger Kunstleihe zeitgleich Führungen zu Graffiti-Wänden und in versteckte Depots anboten, schloss den Kreis. Es war die finale Bestätigung einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Quartal zog: Während die Hamburger City im Großen über Prestige und glanzvolle Namen debattierte und dabei oft über die eigenen Beine stolperte, pflegte Harburg im Kleinen die Nahbarkeit. Es ist eine Kultur der kurzen Wege und der klaren Worte, die sich ihren Raum nimmt – egal, ob dieser Raum ein ausgebranntes Theater, ein blockiertes Kaufhaus oder eine graue Betonwand in Heimfeld ist. Das zweite Quartal hat gezeigt, dass Harburgs wahre Stärke in der Hartnäckigkeit seiner Akteur*innen liegt, die sich vom Glanz der City nicht blenden und vom Nebel der Bürokratie nicht aufhalten lassen.

]]>
Planeten, Theater, Literatur https://www.tiefgang.net/planeten-theater-literatur/ Fri, 19 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13017 [...]]]> Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

]]>