Joachim Lux https://www.tiefgang.net Tue, 08 Jul 2025 14:23:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Kontinuität und neue Impulse https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-neue-impulse/ Fri, 04 Jul 2025 22:33:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12080 [...]]]> Die Kulturszene Hamburgs erlebt in diesen Tagen einen bemerkenswerten Staffelwechsel an einigen entscheidenden Schaltstellen. Und nein, Kultursenator Brosda, der auf dem Bundesparteitag der SPD auch höhere Ämter anstrebte, ist damit nicht gemeint.

In der vergangenen Woche kulminierten mehrere Personalentscheidungen und Würdigungen, die nicht nur individuelle Biografien ehren, sondern auch tiefgreifende Implikationen für die zukünftige Ausrichtung und gesellschaftliche Wirkung der Kunst- und Musikinstitutionen der Hansestadt bergen. Die Stadt verabschiedet sich von prägenden Persönlichkeiten, während gleichzeitig neue Führungskräfte in Position gebracht werden, die das Erbe fortführen und zugleich innovative Akzente setzen sollen.

Im Zentrum des Interesses: die Verabschiedung von Kent Nagano und Georges Delnon von der Spitze der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters. Über ein Jahrzehnt hinweg, seit August 2015, prägten Generalmusikdirektor Nagano und Intendant Delnon maßgeblich das künstlerische Profil dieser Institutionen und damit auch die Musikstadt Hamburg als Ganzes. Ihr Wirken war gekennzeichnet von einer dezidierten spartenübergreifenden Denkweise und dem Bestreben, die Musik in die Stadtgesellschaft zu öffnen. Dies manifestierte sich in zahlreichen Premieren und Uraufführungen, die internationale Beachtung fanden und Oper stets als „politischen Spiegel unserer Zeit“ verstanden. Senator Dr. Carsten Brosda würdigte die „außergewöhnliche Kreativität“ dieses Leitungsteams, das selbst die erheblichen Hindernisse der pandemischen Phase mit künstlerischer Exzellenz meistern konnte und das Haus für Neues und Innovatives öffnete: „Trotz der erheblichen Hindernisse während der von Corona geprägten Phase hat sich die künstlerische Kreativität unter diesem Team vielseitig entwickelt.“ Die Wertschätzung der Stadt wurde durch Senatsfrühstücke für beide Persönlichkeiten unterstrichen. Kent Nagano selbst reflektierte seine Amtszeit humorvoll mit den Worten: „Die Amtszeit eines Generalmusikdirektors ist im Vergleich zur fast 350-jährigen Geschichte unserer Institution nur ein kurzer Augenblick, und es ist ein außergewöhnliches Privileg, in den Dienst dieser großen Tradition zu treten.“ Georges Delnon zeigte sich dankbar: „Zu allererst bin ich dankbar dafür, dass ich hier in Hamburg so vieles von dem realisieren konnte, was ich mir vorgenommen hatte.“ Sein Abschied erfolgte mit der letzten Opernvorstellung „Le Nozze di Figaro“ am 3. Juli 2025, während Nagano sich mit einer letzten Uraufführung am 30. Juni 2025 in der Elbphilharmonie verabschiedete. Ihr Abschied markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern eröffnet auch den Raum für die kommende Spielzeit unter Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber.

Parallel dazu vollzieht sich ein bedeutsamer Wechsel in der Intendanz des Thalia Theaters. Nach 16 Jahren einer prägenden Leitung durch Joachim Lux tritt mit Sonja Anders eine neue Intendantin ihr Amt an. Die Kontinuität in der Geschäftsführung wird jedoch durch die Vertragsverlängerung von Tom Till um weitere fünf Jahre gesichert. Till, seit August 2016 Geschäftsführer, hat das Thalia Theater erfolgreich durch die pandemiebedingten Herausforderungen geführt und die Modernisierung sowie Öffnung des Hauses maßgeblich vorangetrieben. Senator Brosda betont, dass diese Kontinuität eine „feste Basis“ für den Neustart unter der neuen Intendanz bildet: „Die Kontinuität in der Leitung des Hauses verleiht dem Neustart eine feste Basis und wir freuen uns, dass Tom Till die positive Entwicklung des Thalia Theaters weiter so verlässlich voranbringen wird.“ Sonja Anders selbst äußert sich erfreut über die weitere Zusammenarbeit mit Till: „Tom Till hat ein feines Gespür für Prozesse und die dahinterstehenden Menschen.“ Diese Kooperation verspricht eine spannende Transformation in Repertoire und Ensemble sowie die Adressierung von Zukunftsthemen wie Digitalität, Diversität und Nachhaltigkeit. Tom Till blickt gespannt voraus: „Nach neun aufregenden und ereignisreichen Jahren, in denen ich Joachim Lux und sein herausragendes Ensemble begleiten durfte, wird mit Sonja Anders nun alles anders am Thalia.“

Eine weitere Schlüsselposition im Bildungsbereich der Hamburger Kultur wurde ebenfalls neu besetzt: Am Hamburger Konservatorium verabschiedete sich Markus Menke nach 24 erfolgreichen Jahren in den Ruhestand. Unter seiner Führung entwickelte sich ein vielfältiges Bildungsangebot, das soziokulturelle, inklusive und spitzenmusikalische Förderung umfasste. Ein herausragender Erfolg seiner Amtszeit war der Bau der Musik.Werk.Stadt, die seit November 2024 Musikschule, Akademie und eine Kita mit musikalischem Schwerpunkt unter einem barrierefreien Dach vereint. Senator Brosda würdigte Menkes „Weitsicht und leidenschaftliches Engagement“, das die innovative Kraft einer traditionsreichen Institution entfesselte. Markus Menke selbst sprach von einem „großen Privileg“, die Geschicke des Konservatoriums über einen so langen Zeitraum leiten zu können. Menkes Nachfolge tritt Anke Nickel an, die gemeinsam mit Michael Petermann die Leitung übernehmen wird. Nickel bringt Erfahrungen in Musikpädagogik und Kulturmanagement mit und plant, Bewährtes fortzuführen sowie neue Impulse zu setzen. Sie betont die bundesweit einzigartige Struktur des Konservatoriums: „Das Hamburger Konservatorium mit seinem Dreiklang Musik-Kita, Musikschule und Akademie ist bundesweit einzigartig.“ Sie sieht die zukünftige Aufgabe darin, die Attraktivität des Hauses für Musikbegeisterte und Lehrkräfte zu sichern und städtisches sowie bürgerschaftliches Engagement weiter zusammenzuführen. Michael Petermann, der langjährige Weggefährte, hob die Bedeutung der Teamarbeit hervor: „Direktion als Teamwork zu verstehen war und ist unser Leitgedanke.“

Diese Bündelung von Personalwechseln innerhalb weniger Tage in den Top-Ebenen der Hamburger Kulturinstitutionen ist mehr als eine reine Verwaltungsmaßnahme. Sie spiegelt eine bewusste Strategie der Kulturpolitik wider, die sowohl auf Kontinuität und Wertschätzung des Erreichten setzt als auch auf die Notwendigkeit, neue Narrative zu etablieren und die Institutionen zukunftsfähig zu gestalten. Das „Stakeholder-Engagement“ – sei es das Publikum, die Politik oder die Künstler*innen selbst – zieht sich durch fast alle Abschiedsworte und Antrittsbekundungen betont. Die Herausforderung für die neuen Führungspersönlichkeiten wird darin bestehen, die etablierten Stärken zu bewahren und gleichzeitig die kulturelle Infrastruktur Hamburgs mit frischen Impulsen zu versehen, um den sich wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Man darf gespannt bleiben.

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Kaum Zeit, aber Geld https://www.tiefgang.net/kaum-zeit-aber-geld/ Fri, 28 Jun 2019 22:39:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5536 [...]]]> Über 300.000 € gibt die Kulturstiftung des Bundes im ersten Halbjahr 2019 für drei neue Projekten in Hamburg dazu. Kampnagel, Thaila und die Literaturhäuser sind dabei.

Die interdisziplinäre Jury der antragsgebundenen „allgemeinen Projektförderung“ hat auf ihrer letzten Sitzung drei Förderprojekte in Hamburg ausgewählt Dazu gehört auch eine „installative Performance“ auf Kampnagel – „Ksana“, was die kürzest mögliche Zeiteinheit bezeichnet.

  • Kampnagel produziert mit „Ksana“ des chinesischen Regisseurs und Künstlers Tianzhuo Chen ein auf zwölf Stunden angelegtes, bildgewaltiges Theaterereignis, in dem der Künstler mit unterschiedlichen kulturellen Wahrnehmungen von Zeit arbeitet. Er verwebt Tanz, Performance, bildende Kunst und Musik zu einem künstlerischen Happening und nimmt dabei aktuelle Entwicklungen in China in den Blick. Kampnagel erhält für das Projekt 300 Euro.

Ksana – by Tianzhuo Chen

Der chinesische Künstler Tianzhuo Chen verbindet in seinen Arbeiten Tradition und Moderne, Bildende Kunst und Theater, Live Art, Musik und Videokunst. Seine neue Produktion „Ksana“ ist ein auf zwölf Stunden angelegtes, bildgewaltiges Theaterereignis, das der Regisseur und bildende Künstler für Kampnagel in Hamburg entwirft.
Der Begriff Ksana stammt aus der buddhistischen Mythologie und bezeichnet die kürzest mögliche Zeiteinheit. Tianzhuo Chen wird in seinem Happening mit unterschiedlichen kulturellen Wahrnehmungen und Konzepten von Zeit arbeiten. Tanz, Performance, bildende Kunst und Musik werden zu einer installativen Performance verwoben. Das Publikum kann sich in der Installation frei bewegen und erlebt eine Folge von Tableaus, Szenen und Settings unterschiedlichster Art, in denen Motive fernöstlicher Spiritualität auf ein Kaleidoskop digitaler Bilder treffen. Chens Choreografien sind von rituellen Tanzstilen ebenso inspiriert wie von zeitgenössischer globaler Clubkultur.
Inhaltlich nimmt der Regisseur aktuelle Entwicklungen in China in den Blick und verschränkt sie mit Science Fiction-Erzählungen des frühen 20. Jahrhunderts. Er kontrastiert die imaginierte Zukunft der frühen Science Fiction mit einer technofuturistisch anmutenden Gegenwart. Biotechnologische und neurowissenschaftliche Trends, das Thema des Klonens und die voranschreitende Totalüberwachung der Bevölkerung durch künstliche Intelligenz finden gleichermaßen ihren Ausdruck in der Performance.
Nach ihrer Uraufführung auf Kampnagel wird die Produktion auf weiteren Festivals in Europa zu sehen sein.

Künstlerische Leitung / Regie: Tianzhuo Chen; Dramaturgie: Petra Pölzl; Choreografie: Ylva Falk; Produktion: Johannes Maile; Komposition/Musik: Felix-Florian Tödtloff, Will Ballantyne; Künstlerinnen: Akihiko Tanada, KHNG KHAN, Ican Harem, Lavinia Vago, Ndoho Ange, Siko Setyanto, Yousuke Yukimatsu u.a.

Aufführungstermine: 6.-9. Mai 2020 auf Kampnagel

  • Das Thalia Theater wird für seine Inszenierung von „Neverland“, dem internationalen Projekt von Antú Romero Nunes, gefördert. Es bringt dreizehn junge Menschen auf eine Bühne, von denen die Mehrzahl weder Sprache noch Kulturkreis teilen. Was bedeuten für sie Heimat, Identität und Zugehörigkeit? Den erzählerischen Rahmen bildet die „Peter Pan“-Geschichte, deren Protagonisten die Erfahrung eint, entwurzelt zu sein. Dafür erhält das Thalia Theater 110.000 Euro.

Neverland – Ein internationales Projekt von Antú Romero Nunes nach J.M. Barries „Peter Pan“

Dreizehn junge Menschen auf einer Bühne, von denen die Mehrzahl weder Sprache noch Kulturkreis miteinander teilen: Was verbindet sie? Was ist für sie Heimat, Identität und Zugehörigkeit? Für seine Inszenierung „Neverland“ bringt der 1983 in Tübingen geborene und mehrsprachig aufgewachsene Regisseur Antú Romero Nunes Schauspielerinnen und Schauspieler verschiedener Nationalitäten zusammen. Auf der Bühne des Thalia Theaters Hamburg werden sie in ihrer eigenen Muttersprache sprechen und in Dialogen jeweils die Sprache wählen, mit der sie sich auch im realen Leben verständigen würden. Der erzählerische Rahmen für diese Versuchsanordnung ist die Geschichte von Peter Pan: In der fiktiven Hafenstadt Neverland treffen mit den Figuren der aus bürgerlichen Verhältnissen kommenden Wendy sowie des Peter Pan und des Captain Hock Menschen aus verschiedenen Lebenswelten aufeinander. Gemeinsam ist ihnen, entwurzelt zu sein.

Auftakt für das auf Partizipation setzende Projekt ist ein gemeinsamer Workshop im Sommer 2019, bei dem sich die Beteiligten kennenlernen und Einblicke in ihre eigenen Biografien geben. Wie auch ihre jeweiligen Muttersprachen wird Antú Romero Nunes diese persönlichen Geschichten der Darsteller in das Stück einweben. Nunes wird zudem geschlechterspezifische Rollenbesetzungen aufbrechen, indem Wendy von einem Mann und Peter Pan von einer jungen Frau verkörpert werden sollen. Mit seinem Stück spannt der Regisseur ein Panorama einer jungen, international vernetzten Generation auf und macht kulturelle Vielfalt künstlerisch erlebbar. Ein Rahmenprogramm wird den internationalen Dialog und den Austausch zu verschiedenen Konzepten von Heimat weiter vertiefen.

Künstlerische Leitung: Joachim Lux
Regie: Antú Romero Nunes; Dramaturgie: Christina Bellingen; Projektleitung und künstlerische Mitarbeit: Franziska Autzen; Künstlerinnen/Schauspielerinnen: Aenne Schwarz, Alexandra Mamkaeva, Christiane von Poelnitz, Electra Hallman, Johannes Hofmann und Anna Bauer, Lena Schön und Helen Stein, Marko Mandić, Matthias Koch, Nir de Volff, Pascal Houdus; Internationale Kooperationspartner: Baltic House Theatre-Festival, Platform European Theatre Academies (PLETA), Slowenische Nationaltheater – Schauspiel Ljubljana, The Royal Dramatic Theatre in Schweden

Aufführungstermine: 12. Okt. 2019 im Thalia-Theater

  • Das Projekt „Mit Sprache handeln. Literatur im öffentlichen Raum“ untersucht, wie sich das Verhältnis von Autor und Öffentlichkeit gewandelt hat und wie die Präsentation und Vermittlung von Literatur zukünftig aussehen kann. Geplant sind ein Festival in Ljubljana und ein Symposium in Berlin. Zur Umsetzung des Projekts hat sich das Netzwerk der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit zahlreichen weiteren europäischen Literaturveranstaltern zusammengeschlossen. Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt das Vorhaben mit 81.600 Euro.

Mit Sprache handeln – Literatur im öffentlichen Raum – ein europäisches Festival

Während die Anzahl der gelesenen Bücher abnimmt, nimmt das Interesse an literarischen Veranstaltungen beständig zu. Was bedeutet es für die Literatur, für Autoren und Literaturveranstalter, wenn das Gemeinschaftserlebnis und die Persönlichkeit des Autors dadurch stärker im Fokus stehen?

Das Netzwerk der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat das Projekt gemeinsam mit anderen europäischen Literaturveranstaltern wie der Slowenischen Buchagentur JAK, der Nest Foundation Bulgarien, dem Writer’s House Georgia und dem Free Word London entwickelt. Im Rahmen eines Auftakttreffens in Ljubljana, einer Essaysammlung und eines Festivals in Berlin wollen sie das Thema ‚Literatur im öffentlichen Raum‘ aus europäischer Perspektive beleuchten. Die Frage, wie sich das Verhältnis von Autor und Öffentlichkeit gewandelt hat und welche Bedeutung dem Performativen in der Präsentation von Literatur zukommt, steht dabei im Zentrum. Das internationale Kuratorenteam will während des Festivals auch die eigenen Institutionen und Formate der Literaturvermittlung befragen: Wie kann die Präsentation von Literatur in Zukunft aussehen? Wie können Institutionen der Literaturvermittlung in die Stadtgesellschaft hineinwirken, wie erreichen sie auch ein neues, jüngeres Publikum?

Das Spannungsfeld von Internationalisierung und Nationalisierung bildet einen weiteren wichtigen Fokus des Projektes. Während manche Autoren den Sprachwechsel zum Englischen vollziehen, um ein globales Publikum zu erreichen, pflegen andere das Schreiben in der Muttersprache. Wie gehen Literaturveranstalter mit den sogenannten kleinen und großen Sprachen um? Beim Auftakttreffen in Ljubljana wird unter anderem diskutiert, was es für Autoren und Veranstalter bedeutet, mit einer kleinen Sprache in Konkurrenz zu großen Sprachen zu bestehen. Den Höhepunkt des Festivals in Berlin bildet ein Format-Parcours, auf dem die europäischen Veranstalter Literatur auf ganz unterschiedliche Weise präsentieren.

Künstlerische Leitung: Claudia Dathe, Tomas Friedmann, Florian Höllerer, Ursula Steffens, Renata Zamida

Autoren und Referentinnen: Priya Basil, Thomas Böhm, Zaza Burchuladze, Sharon Dodua Otoo, Heike Fiedler, Dagmara Kraus, Amalija Maček, Terézia Mora, Tina Popović, Schamma Schahadat, Aleš Šteger, Marlene Streeruwitz u.a.

 

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