Katharina Leipelt https://www.tiefgang.net Tue, 21 Jan 2020 10:32:34 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Tod durch das Fallbeil vor 75 Jahren https://www.tiefgang.net/tod-durch-das-fallbeil-vor-75-jahren/ Fri, 24 Jan 2020 23:51:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6251 [...]]]> Das Schicksal der Familie Leipelt wurde vor allem durch das Bündnis „Weiße Rose“ im Schatten des Hakenkreuzes bekannt. Nun führt ein Rundgang durch ihre Wilhelmsburger Heimat.

Von Klaus Möller

Die Familie Leipelt wohnte in der NS-Zeit in der damaligen Kirchenallee (heute: Mannesallee), in unmittelbarer Nähe der ev.-luth. Reiherstiegkirche. Hans Leipelt (*18.7.1921) und seine Schwester Maria (*13.12.1925) besuchten die Wilhelmsburger Oberschule (heute: Stadtteilschule Wilhelmsburg) in der Rotenhäuser Straße. Ihr Vater, Dipl.-Ing. Konrad Leipelt,

(*15.5.1886) war technischer Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke, in der Neuhöfer Straße. Er war verheiratet mit Dr. Katharina Leipelt, geb. Baron, (*28.5.1892), deren Eltern zu den österreichisch-ungarischen Jüdinnen und Juden gehörten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in großer Zahl zum Christentum übergetreten waren.

In der NS-Zeit wurden auch diese Juden christlichen Glaubens zu Reichsfeinden erklärt und als `Nichtdeutsche´ grausam verfolgt. Im März 1938 nahm sich Katharina Leipelts Bruder in Wien das Leben. Im August 1940 wurde Hans Leipelt als `Halbjude´ aus der Wehrmacht ausgeschlossen, und im Juli 1942 wurde seine Großmutter nach Theresienstadt deportiert.

Als Konrad Leipelt drei Monate später einem überraschenden Herzschlag erlag, verloren seine Frau und seine Kinder ihren letzten Schutz. Nach drei Trimestern musste Hans Leipelt sein Chemiestudium in Hamburg abbrechen. Mit viel Glück bekam er am Chemischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München einen neuen Studienplatz. Im Oktober 1943 wurde er dort von der Gestapo verhaftet. Er hatte Geld für die Familie des hingerichteten Professors Kurt Huber, eines Mitglieds der `Weißen Rose´, gesammelt und war denunziert worden war. Außerdem hatte er das letzte Flugblatt der `Weißen Rose´ vervielfältigt und in Hamburg und München unter Freunden verteilt. Bald darauf wurden auch seine Mutter und seine Schwester in Hamburg verhaftet. Katharina Leipelt wurde am 9. Dezember 1943, kurz nach ihrer Festnahme, tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden.

Hans Leipelt wurde am 13. Oktober 1944 vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofs wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt. Er starb – vor 75 Jahren – am 29. Januar 1945 unter demselben Fallbeil, mit dem der Scharfrichter vorher auch das kurze Leben der Geschwister Scholl gewaltsam beendet hatte. Am 14. April 1945 befreiten amerikanische Truppen seine Schwester aus der Haft in Bayreuth.

Rundgang: auf den Spuren Hans Leipelts und seiner Familie in HH-Wilhelmsburg

Sonntag, 2. Feb., 15.00 Uhr, kostenfrei

Treffpunkt: Ecke Georg-Wilhelm-Str./Rotenhäuserstr. (Bushaltestelle), 21107 Hamburg

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In der Nachbarschaft beliebt – und auf einmal weg https://www.tiefgang.net/in-der-nachbarschaft-beliebt-und-auf-einmal-weg/ Sat, 06 May 2017 06:00:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1041 [...]]]> Sie war angesehen, galt als attraktiv, hilfsbereit und stets gepflegt. Ihr zweiter Mann arbeitete für „Maggi“, sie hatten eine Neubauwohnung in der Hoppenstedtstraße und alles hätte so weitergehen können. Doch die Nazis störte eine Freundschaft …

Elisabeth Lange war eine gebürtige Detmolderin. Geboren am 7. Juli 1900 als Tochter der Handwerksfamilie Anton und Luise Höppner. 1921 heiratet sie den Obersteuersekretär Friedrich Wilhelm Obenhaus und noch im gleichen Jahr kommt ihr Sohn Karl-Friedrich am 1.11.1921 in Geestemünde (heute Bremerhaven) zur Welt.

Zehn Jahre später heiratete Elisabeth ein zweites Mal. Ihr etwas jüngerer Mann stammt aus Eisenach: Alexander Lange. Er  arbeitet als Handelsvertreter für die Firma „Maggi“. Sie ziehen ins wirtschaftlich aufstrebende „Harburg an der Elbe“ und beziehen eine modern eingerichtete 3½-Zimmer-Wohnung in einer Neubausiedlung: Hoppenstedtstraße 76.

Hilfsbereit, aber an Politik nicht sonderlich interessiert

Elisabeth Lange wird von früheren Freunden und Bekannten als eine attraktive, freundliche Frau mit gepflegtem Aussehen beschrieben, die viele Nachbarschaftskontakte unterhielt und immer Rat wusste. Sie haben sie als liebevolle und hilfsbereite Frau in Erinnerung, die am politischen Tagesgeschäft nicht sonderlich interessiert war, aber in menschlichen Grundsatzfragen durchaus klar Stellung bezog.

Unbeeindruckt von der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten hielt sie zu ihrer jüdischen Freundin Katharina Leipelt. Die beiden Frauen hatten sich über ihre Kinder kennengelernt, die zeitweilig gemeinsam eine Klasse der Harburger Oberschule für Jungen am Alten Postweg in Heimfeld (damals: Stresemann-Realgymnasium, heute: Friedrich-Ebert-Gymnasium) besuchten. Diese Freundschaft der beiden Mütter sollte für Elisabeth Lange tragische Folgen haben.

Die Kinder der Mütter Lange und Leipelt gingen gemeinsam zur Harburger Oberschule (Foto: Archiv Fr.-Ebert-Gymnasium)

 

Als Katharinas Mann, Hans Leipelt, im April 1943 nach Harburg kam, um seine Familie zu Ostern zu besuchen, gelangte auch das sechste Flugblatt der Widerstandsorganisation „Weißen Rose“ nach Hamburg. Das Flugblatt löste auch hier bei Freunden und Verwandten lebhafte Diskussionen aus. Viele beteiligten sich an der Geldsammlung für die Familie Professor Kurt Hubers, der mit den Geschwistern Scholl zusammengearbeitet hatte und drei Monate später ebenfalls zum Tod verurteilt wurde. Auch Hans Leipelt wurde verhaftet und bald darauf auch viele seiner Ham­burger und Münchener Freunde festgenommen.

Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung

Elisabeth Lange wurde am 10. Dezember 1943, drei Tage nach der Festnahme ihrer Freundin Katharina Leipelt, verhaftet. Ob sie das Flugblatt der „Weißen Rose“ überhaupt kannte und sich an der Geldsammlung für Professor Hubers Familie in irgendeiner Form beteiligt hat, ist ungeklärt. Vorgeworfen wurden ihr dennoch die  „Vor­bereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und das Abhören und Verbreiten“ von Nachrichten ausländischer Rundfunksender. Nach Auffassung des Generalstaatsanwalts reichte der „zersetzende Einfluss“ der Verhafteten weit über ihren engeren Kreis hinaus.

Die polizeilichen Voruntersuchungen lagen in den Händen der Gestapo- und SS-Männer Hans Reinhardt und Kurt Stawizki. Beide waren wegen ihres Zynismus und ihrer Brutalität gefürchtet und galten als erfahrene Spezialisten im Umgang mit politischen Gegnern des NS-Regimes. Auch Willi Tessmann, der Kommandant des Polizeigefängnisses Fuhlsbüttel, schaltete sich aktiv in die Ermittlungen ein und beteiligte sich persönlich an zahlreichen Verhören und vielen Misshandlungen.

Elisabeth Lange  wurde nach ihrer Festnahme in das Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel überführt und dort in eine enge Einzelzelle in der Station B2 eingewiesen. Außer einem Holzhocker gab es dort nur noch das tagsüber hochgeklappte Metallbettgestell.

Wie eine Überlebende später berichtete, wurden die Frauen oft tief in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und dann  geschlagen und gefoltert, um weitere Aussagen zu erpressen. Viele wurden in den ersten Wochen Tag für Tag mit der „Grünen Minna“ (Polizeiauto) zur Gestapo-Zentrale im Stadthaus gebracht und dann dort weiter gefoltert und verhört. Unter diesen Haftbedingungen verlor Elisabeth Lange bald auch ihre letzten Hoffnungen. In der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1944 erhängte sie sich am Fensterkreuz ihrer Zelle – einen Monat, nachdem ihre Freundin Katharina Leipelt sich das Leben genommen hatte.

Folter – Tag für Tag

Unter den Privatsachen, die seine Mutter in der Zelle zurückgelassen hatte, entdeckte Fritz Obenhaus später einen Brief, den sie noch zwei Tage vor ihrem Selbstmord geschrieben hatte.

Elisabeth Lange Leiche wurde anschließend verbrannt, und die Asche später ihrem Sohn in einer Urne übergeben. Sie wurde auf der Grabstätte seiner Großeltern Anton und Luise Höppner auf dem Landfriedhof an der Blomberger Straße in Detmold beigesetzt.

An ihr Schicksal erinnern heute die Gedenktafeln für die Harburger und Wilhelmsburger Opfer des Nationalsozialismus im Harburger Rathaus und für die Detmolder Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an der Gedenkstätte „Alte Synagoge“ in Detmold sowie die beiden Gedenktafeln für die Toten des Hamburger Zweiges der „Weißen Rose“ vor der einstigen evangelischen Buchhandlung Anneliese Tuchel am Jungfernstieg 50, einem der damaligen Treffpunkte der oppositionellen Freundesgruppen, und am Weiße-Rose-Mahnmal in Hamburg-Volksdorf. Seit 1987 tragen zwei Straßen in Harburg und in ihrer Geburtsstadt Detmold Elisabeth Langes Namen.

© Klaus Möller,www.gedenken-in-harburg.de

Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke

Dirketlink zur Stolperstein-Initiative: www.stolpersteine-hamburg.de

Quellen: StaH, 331-5 Polizeibehörde, unnatürliche Todesfälle, 3 1944, 148; StaH, 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 070700; VVN-BdA Hamburg (Hrsg.), humanity; Brunckhorst u. a., Elisabeth Lange, Prüter-Müller, Elisabeth Lange, S. 849ff.

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